Skip to main content

Full text of "Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für Vaterländische Kultur"

See other formats


.4•■^ 


^.  ■   #     S.J.: 


1'  ;*.'P' 


f^f*^- 


T  ;*  ^^.  iT 


HARVARD     UNIVERSITY. 


LIBRARY 

OF   THK 
MUSEUM   OF   COMPARATIVE   ZOÖLOGY. 


)  rJA-AAJXAAM^. 


\  0^\Q  ob' 


I 


An 

Zweiundaehtzigster 

Jahres -Bericht 


^    Schlesischen  Gesellschaft 

für  vateiiänilische  Ciiltur. 


E  n  t  li  ii  1  t 


(leji  Gpruralberlcht  Aber  die  Arbeiten  und  Veränderungen 
der  Gesellschaft 

im  Jahre  1904. 


JJresliiu. 

i;.  r.  Ailrrliolz'   liiiclilüUHllung. 

lOOf), 


H 


Zv/eiund  achtzigster 

Jahres-Bericht 


Schlesischen  Gesellschaft 

für  vaterländische  Cultur. 


Enthält 

den  tteiieralbericht  über  die  Arbeiten  und  Veränderungen 
der  (jesellschaft 

im  Jahre  1904. 


Breslau. 

G.  P.  Aderholz'  Buchhandlung. 
1905. 


fr'C^ 


Inhalt  des  83.  Jahres -Berichtes. 

Seite 

Allgemeiner  Bericht 

über  die  Verhältnisse   und    die  Wirlssamkeit  der   Gesellschaft  im  Jahre  1904, 

abgestattet  vom  General-Sekretär,  Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ponfick  1 

Bericht  über  die  Bibliothek 9 

Bericht  über  das  Herbarimn  der  Gesellschaft 10 

KassenverwallungsbericUt  pro  190t 10 

Baufonds H 

I.  Abteilung:  Medizin. 

a.     Sitzungen  der  medizinischen  Sektion. 

Alexander,  C:  Zum  Vortrage  (S.  6)  von  Gottstein 11 

Anschütz:  Demonstration  zweier  Fälle  von  Gastroduodenostomie 98 

Asch:  Zum  Vortrage  (S.  26)  von  Kausch 27 

Brieger,  0.:  Zum  Vortrage  (S.  IM)  von  Gürich 146 

Buchwald:  Zum  Vortrage  (S.  1)  von  v.  Mikulicz * 

—  =  =  (S.  22)  von  Stern  u.  Körte 23.  25 

—  -            .          (S.  60)  von  Ponfick 66 

—  =             .          (S.  130)  von  Cohn 132 

—  =             =          (S.  134)  von  Rosenfeld 135 

Cohn,  H.:  Zum  Vortrage  (S.  70)  von  Uhthoff 72 

—  Erneute  Demonstration    eines  Falles    von   Cysticercus  subretinalis,    der 

vor  26  Jahren  aus  der  Macula  lutea  extrahiert  wurde 130 

Czerny;  Zum  Vortrage  (S.  60)  von  Ponfick 61 

Determeyer:    Über    einen   Fall    doppelseitiger    isolierter    Lähmung    des    M. 

extens.  quadriceps  cruris 1*8 

Pilehne:  Zum  Vortrage  (S.  31)  von  Jensen, 33 

Pittig;    Vorzeigung  von  Abbildungen   eines  mit  Röntgenstrahlen  erfolgreich 
behandelten  Falles  von    symmetrischer  Erkrankung  der  Parotis  (Miku- 

licz'scher  Krankheit) ^* 

Fraenkel,  L:  Zum  Vortrage  (S.  28)  von  Licbtwitz  jr 28 

Freund,  W.:  Kind  mit  Pylorusstenose  und  Magenperistaltik 66 

Freymuth:  Zufälhg  entdeckte  beginnende  Syringomyelie  bei  leichter  Lungen- 
tuberkulose    76 

Gerhardt:    Auszug    aus    den    in    „Pflügers    Archiv"    veröffentlichten    Unter- 
suchungen    ^'^ 

Gottstein,  G.:  Über  die  Verwendbarkeit  des  Luysschen  Separateurs  anstelle 

des  Uretorenkatheters  6.14 

—  Prostatecto  mie 85 

—  Vorstellung  eines  Falles  von  Pneumaturie 86.  88 

Gürich;    Über    die    Beziehungen    zwischen   Erkrankungen    der  Mandeln    vind 

Gelenkrheumatismus 53.  55 

—  Die  tonsillare  Therapie  des  GelenkrheumaJismus 141-.  148 


Inhalts  -  Verzeichnis. 


Seite 
Halbers  laedter:    Mitteilungen  über  die  Lichtbehandlung   nach  Finsen   und 

Dreyer ]  6 

—  Zur  Röntgen-  und  Lichtbehandlung. 

L  Demonstration  zur  Röntgentherapie 66 

n.  Bemerkungen  zur  Lichtbehandlung 69 

Harttun g:    Demonstration   einiger  Fälle   einer  Hauterkrankung  von  höchster 

Eigenart 140 

Heine:  Vorstellung  von  Patienten  mit  PseudoneuriLis  optica  congenita   77 

—  Demonstration  einer  Nachbildung  des  von  Pulprich  konstruierten  Modells  78 

—  Demonstration  Stereoskopischer  Photogramme 78 

—  Demonstration  einer  nach   Koster  angefertigten   Dose  zur   Mentholein- 
almung 84 

Heintze:  Vorstellung  zweier  Patienten  die  durch  Messerstiche  schwerverletzt 

wurden 11,3 

Henke,  F.:  Demonstration  von  doppelseitigen  Cystennieren  mit  gleichzeitiger 

Cystenbildung  in  Leber  und  Pankreas 17 

H en  1  e :  Zur  Casuistik  des  Ileus 35.  44 

—  Ein  Fall  von  Aörocele  colli 99.  101 

—  Zum  Vortrage  (S.  124)  von  Tietze 1 28 

Hinsb erg:  Zum  Vortrage  (S.  92—96)  von  Kausch 98 

Hirt,  W.:  Zum  Vortrage  (S.  6)  von  Gottstein 7 

Hürthle:    Auszug    aus    den    in    „Pflügers    Archiv"    veröffentlichten    Unter- 
suchungen    30 

—  Zum  Vortrage  (S.  31)  von  Jensen 33 

Jacoby,  E.:    Über  einige   seltenere  Geschwulstformen    in    der  Nachbarschaft 

des  Auges  mit  Krankendemonstration 78 

—  Demonstration    eine.s  Falles   von   Morbus  Basedowii   mit   hochgradigem 
Exophthalmus  und  Hornhautaffektion 133 

Jensen,  P.:  Über  die  Innervation  der  Gehirngefäße 31 

J  ochmann:  Über  Bakteriämie  (L  Teil) 58 

—  Über  Bakteriämie   und   die  Bedeutung  der  bakteriologischen  Blutunter- 
suchung für  die  Klinik  (Fortsetzung) 58 

Karpel:  Zum  Vortrage  (S.  99)  von  Henle 100 

Kausch:  Demonstration  einer  Handschelle  zur  Befestigung  der  Hand  l)ei  der 

Operation  resp.  Narkose 26.  28 

—  Zur  Demonstration  (S.  33)  von  Wernicke 34 

—  Zur  Krankendemonstration  (S.  55)  von  Tietze 57.  58 

— ■     1.  Kohle  —  imprägnierte  Supraclaviculardrüse 95! 

2.  Implanation  eines  Silberdrahtnetzes  in  einem  Bauchbruch 93 

3.  Spina  bifida  komphziert  mit  Naevus  pilosus  und  Hydrocephalus 94 

4.  Hysterisches  Ödem  der  Hand .■ 95 

5.  Lokale  Asphyxie  kompliziert  mit  Dupuytrenscher  Kontraktion 96 

—  Zum  Vortrage  (S.  124)  von  Tietze 126 

Kay ser,  R,:  Zum  Vortrage  (S.  118)  von  Partsch 124 

K  ohrak:  Zur  Demonstration  (H.  33)  von  Wernicke 34 

—  Otogene  Pyämie 142 

Körte,  W.:  Über  den  Nachweis  der  bakteriziden  Reaktion  im  Blutserum  der 

Typhuskranken  22 


Inhalts  -  Verzeichnis. 


Seite 
Krause,  P. :    Über    die    zurzeit   üblichen    bakteriologischen    Untersuclmngs- 

methoden  zur  Sicherung  der  klinischen  Typhusdiagnose 44.  47 

—  Zum  VorLrage  (S.  53)  von  Gürioh 54 

—  1.  Über   therapeutische    Versuche    bei    Kranken    mit    Leukämie    und 

Pseudoleukämie  durch  Bestrahlung  mit  Röntgenstrahlen 101 

II.  Demonstration  von  Röntgenbildern lOSi 

III.  Demonstration  eines  vor  kurzem  abgetriebenen  Bothriooephalus  latus  103 

IV.  Demonstration  von  einer  Kurve  mehrmonatlichen  Fiebers  ohne  be- 
kannte Ursache 103 

—  Demonstration  eines  Muskelgymnasten 128 

Küstner:  Zur  Demonstration  (S.  33)  von  Wernicke 34 

Lichtviritz  jr.:  Zum  Vortrage  (S.  22)  von  Stern  u.  Körte 24 

—  Über  Immunisierung  mit  Corpus  luteum 28 

Lilienfeld:  Vorstellung  eines  Patienten  mit  multipler  Atherombildung 51 

—  Vorstellung  eines  Jungen  mit  kompliziertem  Bruch  des  Hinterliauplbeins  142 
Loe wenhardt:  Zum  Vortrage  (S.  6)  von  Gottstein 10 

—  Vorstellung   eines   Kranken,    der    nach   ALropininjektion  Purpura    be- 
kommen hat 26 

Ludloff:  Vorstellung  eines  Patienten  mit  Fraktur  der  Halswirbelsäule 90 

Mann,  Ludvfig:  Demonstration  über  sogen.  Tabes  superior 74 

—  Zum  Vortrage  (S.  137)  von  v.  Strümpell 137 

V.  Mikulicz:    Zur  Pathologie   und  Therapie    des  Gardiospasmus    mit    konse- 
kutiver Oesophagusdilatation.     (Ist  anderweitig  erschienen.) 1.  4 

—  Demonstration   eines  mittels  Oesophagotomie  entfernten  Fremdkörpers  18 

—  Zum  Vortrage  (S.  31)  von  Jensen 33 

—  Über  den  heutigen  Stand   der  chirurgischen  Behandlung  der  Proslata- 
hypertrophie 35 

—  Zum  Vortrage  (S.  80)  von  Wernicke 83 

—  Zur  Vorzeigung  der  Ablnldungen  (S.  84)  von  Fittig 85 

—  Demonstrierung  eines  durcli  Sektion  gewonnenen  Präparates 90 

—  Zum  Vortrage  (S.  137)  von  Röhmann I3i> 

Müller:  Fall  von  Tabes  dorsalis  mit  chronischem  Morphinismus 105 

Neisser:  Demonstration  eines  Falles  mit  über  den  ganzen  Körper  verbreitetem 

papulösen  Syphilid  mit  gleichzeitiger  Abducenslähmung  rechterseils . . .  1 

—  Mitteilungen  über  die  Lichtbehandlung  nach  Finsen  und  Dreyor 15 

—  Zum  Vortrage  (S.  22)  von  Stern  u.  Körte 25 

Oppler,  B.:  Zum  Vortrage  (S.  1)  von  v.  Mikulicz 3 

—  .             .         {S.  18)  von  Rosenfeld 20 

~                   .            .        (S.  36)  von  Henle 43 

Ossig:  Ein  Fall  von  operativ  geheiltem  LungenabszeU 47 

Bartsch:  Zum  Vortrage  (S.  60)  von  Ponfick 62 

Vorstellung    eines   Falles    von    osteoplastischer  Gaumenresektion   (nach 

Partsch) 1 18.  124 

1  aul:  SchuUverletzung  der  linken  Orbitalgegend  und  des  linken  Auges 79 

—  Demonstration    zweier    Geschwister    mit    Nystagmus    bei    monocularem 
Sehen,  Fehlen  des  Nystagmus  bei  binocularer  Fixation 79 

—  Vorstellung  einiger  Patienten  mit  exzessiver  Myopie. , 99 

Ponfick:  Zum  Vortrage  (S.  31)  von  Jensen - 33 

—  -            =        (S.  35)  von  Henle 43 

—  Zur  Vorstellung  des  Patienten  (S.  51)  von  Lilienl'eld 51.  52 


Inhalts  -  Verzeichnis. 


Seite 

P 0 n fi c Ic:  Zur  Krankendeinonstration  (S.  55)  von  Tielze 58 

—  Über  Pylorospasmus 60.  65 

—  Zum  Vortrage  (S.  89)  von  Stern 8!) 

^     Worte  der  Erinnerung  an  Carl  Weigert 107 

—  Zürn  Vortrage  (S.  124)  von  Tietze 127 

Richter:  Zur  Vorstellung  des  Patienten  (S.  51)  von  Lilienfeld .5;{ 

Riegner:  Zum  Vortrage  (S.  (i)  von  Gottstein 13 

—  '             =         (S.  80)  von  Wernicke 83 

—  Zur  Vorstellung  von  Pneumaturie  (S.  86)  von  Gottstein    87 

—  Zum  Vortrage  (S.  118)  von  Partsch 123 

—  Vorstellung  dreier  Fälle  von  Blasentumor 142 

Riesenfeld,  E.:  Zum  Vortrage  (S,  134)  von  Rosenfeld 135 

Rohm ann:  Zum  Vortrage  (S.  134)  von  Rosenfeld 135 

—  Über    das    p-Jodoanisol    (Isoform)    und    sein    Verhalten    im    tierischen 
Organismus i37 

Rosenfeld:  Zum  Vortrage  (S.  1)  von  v.  Mikulicz 2 

—  Praxis  der  Entfettungskur 18.  21 

—  Demonstration  der  Entfettungskur  einer  Patientin 33 

—  Zum  Vortrage  (S.  60)  von  Ponfick 64 

—  =            =         (S.  73)  von  Ulithoff 76 

—  Zur  Vorstellung  von  Pneumaturie  (S.  86)  von  Gottstein S8 

—  Über  die  Bildung  von  Fett  aus  Kohlenhydraten 134.  136 

Rothe:  Zum  Vortrage  (S.  26)  von  Rausch 27 

Sachs,  A.:  Zum  Vortrage  (S.   18)  von  Rosenfeld 20 

Sackur:  Zum  Vortrage  (S.  1)  von  v.  Mikulicz 4 

Sandberg  jr.:  Demonstration  von  zwei  pathologisch-anatomischen  Präparaten  106 

Schmidt:  Vorstellung  von  drei  Nierenfällen 98 

Seidelmann:  1.  Fall  von  Dystrophia  muscularis 104 

—  2.  Fall  von  Chorea  hereditaria  (Huntington'sche  Chorea) 105 

Stern,  R.:  Zum  Vortrage  (S.  18)  von  Rosenfeld 20 

—  Über  den  Nachweis  der  bakteriziden  Reaktion  im  Hlutserum  der  Typhus- 
ki'^fiken 22.  23.  25 

—  Zum  Vortrage  (S.  44)  von  Krause 47 

—  Zur  Vorstellung  von  Pneumaturie  (S.  86)  von  Gottstein 88 

—  Über  Lungensteine 89 

—  Zum  Vortrage  (S.  124)  von  Tietze 125 

—  -            -         (S.  137)  von  Röhmann 139 

Storch:  Zur  Demonstration  (S.  33)  von  Wernicke 3B 

—  Demonstration  eines  Falles  von  multipler  Sklerose  mit  hemiplegischem 
Charakter 70 

V.  Strümpell:  Zur  Demonstration  (S.  33)  von  Wernicke 33 

—  Zum  Vortrage  (S.  60)  von  Ponflck 62 

—  Vorstellung  eines  Knaben  mit  abgelaufener  Poliomyelitis  acuta  anterior  77 

—  Vorstellung  eines  Kranken  mit  rechtsseitiger  Hemiplegie 105 

—  Worte  der  Erinnerung  an  Carl  Weigert 111 

—  Vorstellung  eines  jungen  Mannes  mit  Friedrcich'scher  Krankheil 137 

—  Über  primäre  Degeneration  der  Seitenstränge 140 

Ti  etze:  Zur  Vorstellung  des  Patienlen  (S.  51)  von  Lilienfeld 51 

—  Krankendemonstrationen  (Beiträge  zur  Osteoplastik) 55.  58 

—  Über  Pankreatitis  indurativa 124 


Inhalts- Verzeichnis. 


Seite 

Uht.lioff:  1.  Über  Keratomahcie  mit  Xerose  der  Conjunctiva  und  Hemeralogie 

bei  Erwachsenen 70 

—  2.    Über    einen    forensisch    beinerlcens werten    Fall   von    sympathischer 
Ophthalmie 73 

—  Vorstellung  zweier  Patienten  mit  Xeroplitlialmus  luid  Hemeralopie  ....  83 

—  Zum  Vortrage  (S.  130)  von  Cohn 132 

—  '            .         (S.  134)  von  Rosenfeld 135 

W alter:  Zum  Vortrage  (S.  22)  von  Stern  und  Körte 24 

Weigert:   Über  einen  Fall  von  angeborener  Stenose   der  Aorta  an  der  Ein- 
mündung des  Ductus  arteriosus  Botalli 149 

Wernicke:    Demonstration   eines  Patienten   mit  Muslcelkrämpfen    (Crampus- 

neurose) 33.  34 

—  Vorstellungeines  Falles  vonlinksseitiger  PanOphthalmie  nacliPyelonephritis  80 

Winkler:  Zur  Vorstellung  des  Patienten  (S.  51)  von  Lilienfeld .52 

Wolffberg:  L.:  Zum  Vortrage  (S.  130)  von  Cohn 132 

Ziegler,  K.:  Vorstellung  eines  Falles  V(m  typischer  alkoholischer  Polyneuritis  106 

b.     Sitzungen  der  hygienischen  Sektion. 

Asch :  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 67 

Buchwald:  Zum  Vortrage  (S.  16)  von  Freymutb 22 

—  =            =         (S.  23)  von  H.  Cohn 47 

—  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 66 

Colin,  H.:  Rede  zu  dem  Bericht  der  Kommission  (S.  1) 2 

—  Über  sexuelle  Belehrung  der  Schulkinder 23.  50 

—  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 51 

CljDlzen:  Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 38 

—  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 58 

Diskussion  über  den  Bericht  der  Kommission   für  Anstellung  von  Schulärzten 

an  höheren  Lehranstalten  1 

Praenkel,  E.:  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 62 

Preymuth:  Die  Dispensaires  antituberculeux   in  Belgien  und  Frankreich  und 

ihre  Bedeutung  für  die  Tuberkulosebekämpfung  in  Deutschland 16 

Günther:  Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 45 

H'ppau f :  Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 46 

Jacobi:  Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 48 

Ky nast:  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 70 

Leitsätze 51 

Magen:  Zum  Vortrage  (S.  16)  von  Freyrauth 18 

Martins:  Zum  Vortrage  (S.  16)  von  Freymutb 20 

Michaelis:  Zur  Spezialdebatte  (S.  51) ö4 

Neisser,  Clemens:   Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 69 

Rosenfeld:  Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 48 

Saniosch:  Zum  Vortrage  (S.  16)  von  Freymutb  19 

—  .            -.         (S.  23)  von  H.  Cohn 44 

^  -     Zur  Spezialdebatte  (S.  51) 70 

Spezialdebatte  über  sexuelle  Belehrung  der  Kimler 51 

Stern,  R.:  Über  Armenpflege  und  Tuberknlosekämpfung  14 

Ti etze:   Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 4"^ 

Tschirn:  Zum  Vortrage    S.  23)  von  H.  Cohn *9 

Wiedemann:   Zum  Vortrage  (S.  23)  von  H.  Cohn 41 


VIII  Inhalts -Verzeichnis. 


Seite 

II.  Abteilung:  Naturwissenschaften. 

a.     Sitzungen  der  naturwissenschaftliehen  Sektion. 

Fisclier,  W.:   Physikalisch-chemische  Studien  an  MeLallhydroxyden 146 

Flegel,  K.:  Heuscheuer  und  Ädersbach-Weckelsdoif 114 

Herbing,    J.:    Über    Steinkohlenformation    und  Rotliegendes    bei  Landesliut, 

Schatzlar  und  Schwadowitz 38 

Herz,  W.:   Über  die  Oxyhaloide  des  Wismuthes 2 

—  Über  die  Natur  der  alkalischen  Lösung  von  Chromhydroxyd 144 

Hintze,  C:   Demonstration  krystalloplischer  Erscheinungen  mit  einem  neucu 

Projektionsapparat 145 

Milch,  L.:  Über  Deformation  von  Quarzkörnern  durch  Gebiigsdruck 1 

Rechenberg,  G.:  Allgemeine  Übersicht  der  meteorologischen  Beobachtungen 

auf  der  Königl.  Universitäts-Sternwarte  zu  Breslau  im  Jahre  1904 150 

Sachs,  A.:  Über  Zinkoxydkrystalle  von  der  Falvahiitte  in  Oberschlesien....  155 

Scliäfer,  C:   Neuere  Arbeiten  über  Elastizität "2 

Schmidt,  A.;  Obercarbon  und  Rotliegendes  ini  Braunauer  Ländchen  und  in 

der  nördhchen  Grafschaft  Qlatz 4 

b.  Sitzungen  der  zoologisch-botanischen  Sektion. 

Dittrich,  R.:   Über  die  psychischen  Fähigkeiten  der  Ameisen  und  Bienen  ..  1 

Grosser,  W.:  Über  einige  Schädlinge  unserer  Kulturpflanzen 3 

Holdefleiß,     F.:     Über    vorgeschichtliche    Funde    von    Rinderschädeln    in 

Schlesien 2 

Knuth,  R.:   Die  geographische  Verbreitung  der  Primulaceen 0 

Fax,  F.:  Über  Bastardbildung  in  der  Gattung  Acer I 

—  Über  succulente  Euphorbien  aus  Afrika 1 

—  G'ber  den  Blütenbau  der  Primulaceen 21 

—  Über  eine  neue  Euphorbia  aus  Afrika 23 

Promnitz:   Die  Orchideenflora  von  Pyrmont 6 

Remer,  W.:    Über    den  retardierenden  Einfluß   des  Lichtes  auf  die  Keimung 

von  Phaoelia  tanacelifolia 13 

—  Die  Früchte  der  Pomoideen 13 

-     Über  Versuche  mit  Fanglaternen 21 

—  Mitteilungen  über  Pflanzenschädlinge  in  Schlesien  im  Sommer  1904 . . .  64 

Richters:  Triticum  cylindricum 1 

Schuhe,  Th.:    Ergebnisse    der   phänologischen  Heobachlungen    in  Schlesien 

im  Jahre  1904 24 

—  Arbeiten  zum  Waldbuche  von  Schlesien 29 

—  Ergebnisse   der  Durchforschung   der   schlesiachen  Gefäßpflanzenvvelt  im 
Jahre  1904 41 

Zoltän  von  Szabo;   Mykologische  Beobachtungeu 16 

0.     Sitzungen  der  Sektion  für  Obst-  und  Gartenbau. 

Dannenberg:  Betrachtungen  über  die  Verwendung  von  Pflanzen  und  Rluraon 

in  unseren  Wohnräumen 10 

Grabo wsky:  Erinnerungen  aus  meinem  Pflanzerleben 15 

Haupt,  C.  E.:  Über  landwirtschaftlichen  Obstbau .  .  12 

Kölscher,  J.:    Bericht  über  die  Tätigkeit  der  Sektion  lür  Obst-  und  Garten- 
bau im  Jahre  1904 1 


Inhalts -Verzeichnis.  IX 

Seite 

ivirchner,  H.:  Regelmäßiger  o(ier  Landschaflsgarten S 

Pax:  Bodenstote  Pflanzen Ü 

Remer:    Über    einige  Nützlinge    des    Land-    und    Gartenbaues    in  Tier-    und 

Pflanzenwelt , 17 

Schütze,  J.:   Erzielung  und  Erhaltung  des  Rasens  in  den  Stadtgärten C, 

in.    Abteilung:     Grescliiclite   und  Staatswissenscliaften. 

a.     Sitzungen  der  historischen  Sektion. 

ßeyerle:    Über    ein    neu    entdecktes   Rechtsdenkmal    zur    älteren    deutschen 

Stadtverfassung \ 

Krebs:  Über  den  Feldzug  des  Kurfürsten  Johann  Geoi-g  gegen  Bauer  bis  zum 
Eintreffen     des    kaiserlichen    Feldmarschalls    Melchior    von    Hatzfeldt 

(1635^1636) 1 

Langenbeck:  Über  den  Reichstag  von  Regensburg  (1640—1641) 1 

Meyer,  H.:  Über  die  Handelsprivilegien  der  Juden  und  Lombarden  ira  Mittelalter  1 

Simon son;  Zur  Geschichte  der  Gerichtsorganisation  der  Provinz  Posen J 

b.     Sitzungen  der  Staats-  und  rechtswissenschaftlichen  Sektion. 
Beyerle:    Ein    neuentdecktes    Rechtsdenkinal    zur    älteren    deutschen    Sladt- 

verfassung j 

Engelmann:    Die  Grundzüge   des   neuen  österreichischen  ZivilprozeJJrechtes  '2 

Hedemann:  Neuere  Papyrusforschung 1 

KlingmtiUer:   Zinsgesetzgebung Ü 

Leonhard:  Urteile  des  Reichsgerichts  über  die  Eigentümerhypothek 1 

—  Eine   französische  Stimme  über  das  deutsche  bürgerhclie  Gesetzbuch..  3 
Meyer,  H.:  Handelsprivilegien  der  Juden  und  Lombarden  im  Mittelalter  ....  SJ 

Riemann:  Das  Schlesische  Auenrecht 1 

Simonson:  Zur  Geschichte  der  Gerichtsorganisation  der  Provinz  Posen  ....  2 

Warnauth :  Die  Reform  des  Strafprozesses 2 

Wolf,  J.:  Zur  Taler-  und  Fünfraarkstückfrage 2 

IV.  Abteilung. 

a.     Sitzungen  der  philologisch-archäologischen  Sektion. 

B auch;  Zu  den  Anfängen  des  Humanismus  in  Erfurt 2 

Foers  ter:  Über  eine  cyprische  Doppellierme  mit  Hermes 2 

Leonhard,  R.:  Die  antiken  Völkerschaften  des  nördlichen  Kleinasiens 1 

Volkmann:   Die  Komposition  des  vierten  Buches  der  Aeneide  Vergils 1 

—  Lessings  Vergilkritik  (Laokoon  XVIll) 3 

Zacher:  Die  Ursprünge  und  der  Name  des  lambus  3 

b.     Sitzungen  der  orientalisch-sprachwissenschaftlichen  Sektion. 

^'raenkel:  Über  Nachrichten  der  Mischnah 1 

Hillebrandt:  Über  die  Götter  und  ihre  Opfertiere  im  indischen  Ritual 1 

Meißner:  Neuarabische  Volkspoesie  im  Irak 1 

c.     Sektion  für  neuere  Philologie. 

^Ppel,  C:  Zur  Geographie  der  italienischen  Gedichte  Petrarcas,  Reiseerinne- 
rungen aus  der  Provence I 

"Jantzen,  H. :  Eine  bisher  unbeachtete  Schrift  Gottscheds,  seine  Vorrede  zur 

Philosophie  Terra.ssons 1 


Inhalts-Verzeichnis. 


Seite 

V.  Abteilung. 

a.     Sitzungen  der  mathematischen  Sektion. 

Franz:  Über  einfach  erscheinende  Doppelsterne 1 

S  türm;  Nekrolog  auf  Luigi  Cremona i 

b.     Sitzungen  der  philosophisch-psychologischen  Sektion. 

Allgemeiner  Bericht  der  Sektion  1 

Freudenthal:   Über  die  Philosophie  Lorenzo  Vallas 9 

Hamburger,  G.:  Einiges  über  den  Begriff  der  Gesamtpersönlichkeit 2 

Stern,  W.:  Die  Sprachentwicklung  eines  Kindes,  insbesondere  in  grammatischer 

und  logischer  Hinsicht 2 

c.     Sitzungen  der  katholisch-theologischen  Sektion. 

Allgemeiner  Bericht  der  Sektion i 

Nürnberger:    Der  Einfluß    des    nationalen  Faktors    auf   die  Entstehung   des 

Kirchenstaates ^ 

—  Der  Bericht    eines    schlesisohen  Zeitgenossen   über  die  Ertränkung  des 
heil.  Johannes  von  Nepomuk 17 

Rohr:  Über  den  Mithraskult 35 

d.    Sitzungen  der  evangelisch-theologischen  Sektion. 

Cornill:  Über  Probleme  des  Buches  Hiob 3 

Kawerau:  Allgemeiner  Bericht  der  Sektion 1 

—  Über  Jesus  als  Davids  Sohn 2 

—  Über  Denifles  Luther 9 

Löhr:  Über  die  Weltanschauung  in  dem  Buche  „Prediger  Salomo" 2 

—  Zum  Verständnis  des  Buches  Hiob 3 

Wrede:  Über  Jesus  als  Davids  Sohn '_  g 

Nekrologe  auf  die  im  Jahre  1904  verstorbenen  Mitglieder i_24 


ScWesJsclie  Gesellschaft  für  vaterländische  Cultur. 


Jahresbericht. , 
1904. 


Allgemeiner  Bericht. 


Allgemeiner  Bericht  über  die  Verhältnisse  und  die 
Wirksamkeit  der  Gesellschaft  im  Jahre  1904, 

abgestattet 

von  dem  General -Sekretär 

Herrn  Geh.  Medizinal  rat  Professor  Dr.  Ponflck. 


Die  am  17.  Dezember  1904  unter  dem  Vorsitze  des  Präses,  Herrn 
Geh.  Reg.  Prof.  Dr.  Förster,  gehaltene  ordentliche  Hauptversammlung, 
welche  auf  Grund  des  §  17  der  Satzungen  durch  einmalige  Anzeige  in  der 
nSchlesischen  Zeitung",  und  in  der  „Breslauer  Zeitung"  bekannt  gemacht 
Worden  war,  erteilte  zunächst  dem  Schatzmeister  Herrn  Dr.  phil.  Max 
Wiskott  sen.  Entlastung  für  die  vom  Präsidium  geprüfte  Rechnung  des 
Jahres  1903.  Der  Präses  sprach  ihm  und  seinem  Stellvertreter,  Herrn 
Reichsbankdireklor  Mannowsky  für  ihre  Sorgfalt  und  Umsicht  den  Dank 
der  Gesellschaft  aus.  Darauf  gab  der  General-Sekretär  eine  Übersicht  der 
Verluste,  welche  die  Gesellschaft  während  des  verflossenen  Jahres  1904 
durch  Tod   oder  Ausscheiden  erlitten  hat. 

Aus  der  Reihe  der  Ehrenmitglieder  ist  verstorben: 
Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Weigert  in  Frankfurt  a.  M. 

Von  wirklichen  einheimischen  Mitgliedern  sind  acht  verstorben,  nämlich 
die  Herren: 

1.  Redakteur  und  Rittergutsbesitzer  H.  Baum, 

2.  Apotheker  W.  Bluhm, 

3.  Domherr  August  Knoff, 

4.  Rentier  Max  Pringsheim, 

5.  Dr.  med.  Hans  Wagner, 

6.  Stadtkämmerer  Franz  Weller, 

7.  Medizinalrat  Dr.  Wendt, 

8.  Universitäts-Professor  Dr.  J.  Caro; 

von  wirklichen  auswärtigen  Mitgliedern  die  Herren: 

1.  Dr.  med,  Otto  Basset  in  Glogau, 

2.  Realgymnasial-Professor  H.  Rose  in  Neisse. 

1904.  1 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultii: 


Infolge  des  Wechsels  ihres  Wohnortes  sind  12  Mitglieder  ausgeschieden. 
Dagegen  sind  im  Jahre  1904  aufgenommen  worden  als  wirkliche  ein- 
heimische Mitglieder  die  Herren: 

1.  Ober-   und  Religionslehrer  Freiherr  von  Kleist, 

2.  Vorsteher  der  Fürstbischof!.  Geheimkanzlei  Käsehagen, 

3.  Domvikar  Richard  Kretschmer, 

4.  Pastor  Karl  Schultz  e, 

5.  Professor  Dr.  theol.  W.  Wrede, 

6.  Kaplan  Paul  Berndt, 

7.  Pfarrer  Dr.  Anton  Her  gel, 

8.  Domherr  Joseph  Klose, 

9.  Domherr  August  Knoff, 

10.  Ober-  und  Religionslehrer  R.  Kober. 

11.  Kuratus  Georg  Müller, 

12.  Kaplan  Joseph  Reimann, 

13.  Ober-  und  Religionslehrer  Karl  Bohn, 

14.  Kaplan  Alfred  Schubert, 

15.  Direktor  Monsignore  Dr.  Steinmann, 

16.  Subregens  Robert  Stosiek, 

17.  Pastor  Fritz  Bederke, 

18.  Pastor  Paul  Wackernagel, 

19.  Propst  und  Pastor  prim.  J.   Decke, 

20.  Kaplan  Dr.  Alfons  Wolf, 

21.  Dr.  med.  Walter  Freymuth, 

22.  Lic.  theol.  Professor  Dr.  E.  Bratke, 
23-   Oberstleutnant  a.  D.  von  Riclithofen, 

24.  Domvikar  Pius  Gayde, 

25.  Kuratus  Michael, 

26.  Kuratus  Viktor  Bohn, 

27.  Dr.  med.  Alfred  Sommer, 

28.  Lic.  theol.  Professor  Dr.  Kropatscheck, 

29.  Lic.  theol.  Professor  Juncker, 

30.  Kaufmann  Gustav  Pätzold, 

31.  Ingenieur  Erich  Mestel, 

32.  Privatdozent  Dr.  J.   Ziekursch, 

33.  Pastor  prim.  Emil   Zickermann, 

34.  Oberlehrer  Dr.  Karl  Wenzig, 

35.  Generalsuperintendent  Nottebohm, 

36.  Professor  Dr.  Bruno  Meissner, 

37.  Dr.  med.  Kurt  Ossig, 

38.  Landwirt  Albert  Disch, 

39.  Rentier  Otto  Salin g, 

40.  Professor  Dr.  med.   C.  Bonhoeffcr, 


Allgemeiner  Bericlit. 


41.  Oberregierungsrat  Alfred  Falkenhahn, 

42.  Oberregierungsrat  Dr.  Schauenburg,    Direktor  des  Provinzial- 
Schulkollegiums, 

43.  Landgerichts-Präsident  Dr.  Adolf  von  Staff, 

44.  Dr.  med.  Franz  Heilborn, 

45.  Prof.  Dr.  med.  H.  Reichenbach, 

46.  Stadt.  Gartenbau-Inspektor  P.  Dannenberg, 

47.  Bankdirektor  Emil  Berve, 

48.  Präfekt  Lic.   theol.  Dr.   Carl  Lux, 

49.  Verwaltungs-Gerichts-Direktor  Georg  von  Glasow, 

50.  Privatdozent  Dr.  med.  Georg  Gottstein, 

51.  Oberarzt  Professor  Dr.  med.   Walter  Kausch, 

52.  Professor  Dr.  theol.  F.  J.  von  Tessen-Wesierski, 

53.  Rektor  Friedrich  Kern, 

54.  Apothekenbesitzer  Fritz  Seiffert; 

als  wirkliche  auswärtige  Mitglieder  die  Herren: 

1.  Pastor  Otto  Schnitze  in  Königszelt, 

2.  Pastor  prim.  Foerster  in  Landeshut  i.  Schi. 

3.  Stadtpfarrer  Robert  Huck  in  Reichenbach  i.   Schi. 

4.  Handelskammer-Syndikus  Dr.  Wildner  in  Schweidnitz, 

5.  Dr.  med.  Determeyer  in  Salzbrunn. 

In  der  Präsidialsitzung  vom  1.  Dezember  wurde  Herr  Archivar 
Df.  Heinrich  Nentwig  in  Warmbrunn  zum  korrespondierenden  Mitgliede 
ernannt. 

Die  Gesellschaft  zählt  mithin: 

596  Wirkliche  einheimische  Mitglieder, 

154  Wirkliche  auswärtige  Mitglieder, 
54  Ehrenmitglieder, 

127  Koi-respondierende  Mitglieder. 
Die  Sektion    für  Obst-    und  Gartenbau    zählt    außer   60  Gesellschafts- 
Mitgliedern  noch   119  zahlende  Mitglieder. 

In  den  Verwaltungs-Ausschuß  für  1905/06  wurden  gewählt  die  Herren: 

Geh.  Regierungsrat  Prof.  Dr.  Förster  als  Präses, 

Oberbürgermeister  Dr.  Bender  als  Stellvertreter, 

Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ponfick  als  General-Sekretär, 

Prof.   Dr.   Pax  als   Stellvertreter, 

Dr.  Max  Wiskott  sen.  als  Schatzmeister  und 

Reichsbank-Direktor  Mannowsky  als  Stellvertreter. 
Dem  Präsidium  gehören  außerdem  an: 

Herr  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  von  Mikulicz-Radecki, 

Herr  Stadtrat  Direktor  H.  Milch, 

Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Josef  Partsch, 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


Fabrikbesitzer  Dr.  F.  Promnitz  und 

Oberregierungs-  und  Kuratorialrat  Schimmelpfennig; 

ferner   als  Delegierte  der  Sektionen    und   zwar  der  Medizinischen: 

Geh.  Med.-Rat    Prof.    Dr.  Uhthoff,    Geh.    Med. -Rat    Prof.    Dr.    Neisser 

Prof.  Dr.  Carl  Partsch,  Dr.  G.  Rosenfeld  und  Prof.  Dr.  Tietze, 
der  Hygienischen:  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Cohn, 
Naturwissenschaftlichen:  Prof.  Dr.  Hintze  und  Prof.  Dr.  Franz 
Zoologisch-Botanischen:  Prof.  Dr.  Schübe, 
Für  Obst-  und  Gartenbau:  Kaufmann  Paul  Riemann, 
Historischen:  Archiv-Direktor  Archivrat  Dr.  Meinardus, 
Rechts-    und    Staatswissenschaftlichen:    Geh.    Justizrat    Prof. 

Dr.  Leonhard  und  Prof.  Dr.  J.  Wolf, 

I'hilologisch-Archaeologischen:  Prof.  Dr.  Norden, 
Orientalisch-Philologischen:  Prof.  Dr.  Hillebrandt, 
Für  Neuere  Philologie:  Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Nehring, 
Mathematischen:  Geh.  Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Sturm, 
Philosophisch-Psychologischen:  Prof.  Dr.  Freudenthal, 
Katholisch-Theologischen:  Domherr  Prof.  Dr.  Sdralek, 
Evangelisch-Theologischen:    Konsistorialrat  Prof.  Dr.  Kawerau 

Magnifizenz. 

Über    die    Tätigkeit    der    einzelnen    Sektionen    berichten    die    Herren 

Sekretäre  das  Folgende: 

Die  medizinisolie  Sektion 

hielt  im  Jahre   1904   21  Sitzungen  ab,  einschließlich  drei  klinische  Abende. 
Für  die  Periode   1904/05    wurden  gewählt:    als   1.  Sekretär,    zugleich 

als  Vorsitzender    der  Sektion:    Herr  Geh.  Medizinalrat    Prof.  Dr.  Ponfick 

und  als  dessen  Stellvertreter  Herr  Prof.  Dr.  Buchwald. 
Die  hygienisclie  Sektion 

hielt  4  Sitzungen. 

Die  naturwissensckaftliclLe  Sektion 

hielt  3  Sitzungen. 

Die  zoologisck-botaniscke  Sektion 
hielt  7  Sitzungen. 

Die  Sektion  fiir  Obst-  und  Gartenbau 
hielt  8  Sitzungen  ab. 

Die  bistorisclie  Sektion 
hielt  5  Sitzungen,  davon  2  in  Gemeinschaft  mit  der  für  Rechts-  und  Staats 
Wissenschaften. 

Die  Sektion  für  Eechts-  und  Staats-Wissenscliafteii 
hielt  12  Sitzungen. 

Die  pMlologisch-archäologiscie  Sektion 
hielt  6  Sitzungen. 


Allgemeiner  Bericht. 


Die  orientaliscli-spracliwisseiiscliaftliclie  Sektion 

hielt,  2  Sitzungen. 

Die  Sektion  für  Neuere  Philologie 

lüelt  2  Sitzungen. 

Die  mathematisclie  Sektion 
hielt  2   Sitzungen  ab.     Zu  Sekretären    wurden    gewälilt    die    Herren    Geh. 
Reg.-Rat  Prof.  Dr.  Sturm  und  Prof.  Dr.  Tö plitz. 

Die  pMlosophiscli-psycliologisclie  Sektion 
hielt  5  Sitzungen  ab.     Zu  Sekretären  wurden    gewählt    die    Herren    Prof. 
Dr.  Ebbinghajis,    Prof.  Dr.  Baumgartner,    Prof.    Dr.    Freudenthal, 
Privatdozent  Dr.  William   Stern. 

Die  katholisck-tlieologisclie  Sektion 
hielt  3  Sitzungen  ab.     Zu  Sekretären  wurden    gewählt    die   Herren    Prof. 
Dr.  Nürnberger  und  Herr  Kuratus  Schade. 

Die  evangelisch-tlieologisclie  Sektion 

hielt  5  Sitzungen  ab.  Zu  Sekretären  wurden  gewählt  die  Herren 
Konsistorialrat  Prof.  Dr.  Kawerau  und  Pastor  primarius  und  des.  städt, 
Kircheninspektor  Matz. 

Pr äsidial-Si tzungen   haben   im  Laufe    des   Jahres    6  stattgefunden. 
In  der  allgemeinen  Versammlung  am  17.  Dezember   1904  sprach 
Herr  Prof.  Dr.  Ebbinghaus  „Über  den  klugen  Hans". 

Wenden  wir  uns  den  sonstigen  Ereignissen  im  Leben  der  Gesellschaft 
zu,  so  ist  vor  Allem  die  erfreuliche  Tatsache  hervorzuheben,  daß  2  neue 
Sektionen,  eine  für  katholische  und  eine  für  evangelische  Theologie 
gegründet  worden  sind.  Beide  haben  bereits  eine  lebhafte  Tätigkeit  entfaltet. 
Außerdem  hat  die  philosophisch- psychologische  Sektion  dadurch 
einen  willkommenen  Zuwachs  erhalten,  daß  sich  die  bisher  hier  bestehende 
Psychologische  Gesellschaft,  nachdem  sie  sich  als  solche  aufgelöst,  mit 
ihr  verbunden  hat. 

Über  die  Aufbewahrung  und  Benutzung  der  Gesellschafts-Bibliothek 
sind  längere  Verhandlungen  mit  der  Direktion  der  Kgl.  und  Universitäts- 
Bibliothek  geführt  worden.  Aus  ihnen  ist  ein  für  beide  Teile  vorteilhafter 
Vertrag  hervorgegangen,  welcher  zurzeit  dem  Herrn  Kultusminister  zur 
Genehmigung  vorliegt. 

In  Schriftenaustausch    ist    die  Gesellschaft    neuerdings    mit    folgenden 
Vereinen  bezw.   Corporationen  getreten: 
der  Universität  Sassari, 
der  Asiatic  Society  of  Bengal  zu  Calcutta, 
dem  Beskiden-Vereine  zu  Bielitz-Biala, 
den  Heraldisch-genealogischen  Blättern  zu  Bamberg. 


6  Jahresbericht  der  Scliles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cullur. 


Die  verstorbene  schlesische  Schriftstellerin  Friederike  Kempner 
hat  ihre  Bibliothek  und  wertvolle  an  sie  gerichtete  Briefe  namentlich  von 
Nees  von  Esenbeck  der  Gesellschaft  vermacht. 

Ganz  besonderes  Interesse  hat  das  Präsidium  während  des  abgelaufenen 
Jahres  dem  Baue  eines  Gesellschafts-Hauses  zugewendet,  nachdem,  die 
reichen  Schenkungen,  welche  der  Gesellschaft  bei  ihrer  Hundertjahrfeier 
zuteil  geworden  sind,  die  Errichtung  eines  solchen  der  Verwirklichung 
nahe  gebracht  haben. 

Allen  hochherzigen  Gebern  sei  auch  an  dieser  Stelle  unser  ehrerbietiger 
und  herzlicher  Dank  ausgesprochen.     Doch  bleibt  noch  viel  zu  tun  übrig. 

Eine  dankenswerte  Bereicherung  des  Baufonds  stellt  ^ucli  ein  Schritt 
dar,  welcher  hoffentlich  vielfache  Nachahmung  finden  wird.  Eine  schon 
jetzt  ansehnliche  Zahl  von  Mitgliedern  hat  seine  Anteilscheine  an  dem 
,,Vercinshaus-Unternehmen"  der  Gesellschaft  überwiesen. 

Gestützt  auf  diese  dem  angesammelten  Vermögensbestande  zu- 
gewachsenen Verstärkungeu  hat  jüngst  die  für  den  Bau  des  Gesellschafts- 
hauses eingesetzte  Kommission  vorgeschlagen,  demnächst  eine  Konkurrenz 
auszuschreiben  für  Pläne  zur  Herstellung  eines  auf  der  Matthias-Insel  mit 
Erbbaurecht  zu  errichtenden  Gesellschaftshauses.  Das  Präsidium  hat 
dementsprechend  beschlossen. 

Die  Sektion  für  Obst-  und  Gartenbau  bat  ein  etwa  7  Morgen 
großes,  an  ihr  bisheriges  Grundstück  in  Klettendorf  anstoßendes  Gelände 
angekauft  und  in  Aussicht  genommen  einen  auf  15  000  Mk.  lautenden 
Grundschuldbrief  auf  dem  schon  in  ihrem  Eigentume  befindlichen  Grund- 
besitz  eintragen  zu  lassen. 

In  das  Kuratorium  des  Museums  der  bildenden  Künste  wurde  Herr 
Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Ponfick  und  als  dessen  Stellvertreter  Herr 
Geh.  Medizinalrat  Prof.  Dr.  Neißer  wiedergewählt. 

Von  festlichen  Anlässen,  bei  denen  die  Gesellschaft  hervortrat,  seien 
folgende  namhaft  gemacht: 

Bei  dem  50jährigen  Jubiläum  des  Kopernikus-Vereins  zu  Thorn  über- 
brachte der  Vizepräses  Herr  Oberbürgermeister  Dr.  Bender  die  Glück- 
wünsche der  Gesellschaft. 

Zu  der  125jährigen  Gedenkfeier  der  „Oberlausitzischen  Gesellschaft 
der  Wissenschaften"  überreichte  der  Präses  in  Gemeinschaft  mit  Herrn 
Prof.  Dr.  G.  Kaufmann  ein  Glückwunschschreiben.  Die  feiernde  Gesell- 
schaft ernannte  den  Präses  zum  Ehrenmitgliede.  Das  von  Herrn  Professor 
Dr.  Garo  verfaßte  Schreiben  hatte  folgenden  Wortlaut: 

Mit  freudigem  Anteil  begrüßt  und  beglückwünscht  die  Schlesische  Gesell- 
schaft für  vaterländische  Cultur  ihre  ältere  Schwesteranstalt  in  der  Lausitz  zu 
ihrem  Ehren-  und  Jubeltage.  Mehr  noch  als  die  räumliche  Nähe  gibt  uns  die  Ver- 
wandtschaft der  Wurzeln  und  Zwecke  beider  Vereine  Anrecht  und  Antrieb  dazu, 
eine  Verwandtschaft,  die  auch  auf  den  Wegen  unseres  geistigen  Betriebs  nicht 
selten  in  der  Gemeinsamkeit  der  behandelten    Gegenstände    ihren  Ausdruck    fand. 


Allgemeiner  Bericht. 


Anders  jedoch  war  Ihre  Entwickelung.  Dem  ruhmreichen  und  für  die  Pflege  der 
Ideale  unermüdlichen  und  opferbereiten  Gründer  und  Stifter  Ihrer  Gesellschalt 
schwebte  ein  wissenschaMiches  Arbeitsfeld  vor,  auf  dem,Geistes-  und  Naturwissen- 
schaften in  gleicher  Weise  tietriebcu  und  zur  Blüte  geliraeht  werdeu  sollton.  So- 
Weit  die  verfügbaren  Kräfte  es  enn<3gUcbleii,  hiilien  Sie  dem  hndigcspanuten  Ziele 
zu  entspreclien  gesucht.  Allein  die  Scliwierigkeil  war  groß.  Entbehrten  Sie  doch 
des  belebenden  Zuflusses  geistiger  Nubn|uelleii,  den  die  Nähe  einer  blühenden 
Hochschule  gewährt;  standen  Sie  doch  in  wechselnden  historisch-politischen  Ver- 
hältnissen, die  Ihnen  den  andauernden  Schutz  und  die  Hilfe  emes  eingesessenen 
fürstlichen  Mäcenntentums  fast  ganz  versagten.  Wie  einst  auf  Ihrem  Territorium 
anderthalb  Jahrhunderte  lang  der  Verband  des  Bürgertums  in  den  Sechsstädten 
die  Wacht  und  Wehr  des  Landes  bilden  mußte,  so  war  auch  jetzt  das  Bürgertum 
und  der  beimische  Adel  der  Grund,  auf  den  Sie  einen  Tempel  für  die  edelsten 
Güter  der  Menschheit  aufzurichten  strebten. 

Wie  mühsam  das  Werk  auch  war,  so  zeigte  sich  doch  durch  lel^cnslcräftige  Aus- 
zweigungen  seine  Fruchlharkeil,  und  Sprießkraft.  Die  Bildung  der  „Naturforschen- 
den Gesellschaft",  eines  Sprosses  aus  Ihrem  Stamm,  ermöglichte  Ihnen  fortan 
alle  Ihre  Kräfte  .auf  die  Erforschung  Ihrer  Landesgeschichte  in  politischer,  sozialer, 
wirtschaftlicher  und  literarischer  Hinsicht  zu  richten.  Auch  hier  bot  sich  llnien 
eine  Aufgabe  von  besonderer  Eigenart.  Es  galt  zu  erweisen  und  zu  erklären,  wie 
sich  hier  ein  von  höherer  Kultur  getragener  Teil  des  deutschen  Volkes  über  einem 
fremden  Volkstum  als  veredelnder  Überbau  auftürmte,  ohne  dasselbe  zu  ver- 
gewaltigen, zu  unterdrücken  und  zu  zerstören,  und  wie  Sie  vielmehr  die  Heim- 
genossen fremder  Zunge  mit  der  ganzen  Fülle  llu'er  sittliclieu  Beziehungen  durch- 
zogen und  ihre  Liebe  dem  deutschen  Vaterlande  zu  gewinnen  und  zu  befestigen 
vermochten.  Sie  mußten  und  konnten  es  ertragen,  diilj  mnii  Sie  bei  der  Kreis- 
Einteilung  Deutschlands  außerhalb  desselben  stehen  ließ.  Deutsch  war  darum 
doch  Ihr  Fühlen,  Ihr  Lieben,  Ihr  Handeln  —  deutsch  bis  in  die  Tiefe  des 
nationalen  Grundes. 

Aber  nicht  blos  um  der  Erhellung  dieses  Problems  willen  ist  der  reiche  Nieder- 
schlag Ihrer  wissenschaftlichen  Leistungen,  der  in  Ihrem  „IVIagazin",  in  Ihren  vorzüg- 
lichen „Codices  diplomatici"  und  in  Ihren  „Scriptores  rerum  Lusaticarum"  aufge- 
speichert ist,  von  der  wissenschafthohen  WeU  aufgesucht  worden.  Wie  hätte  es  auch 
anders  sein  können  bei  literarischen  Hervorbringungeu,  an  die  ein  J.  G.  Worbs, 
ein  Ernst  Priedr.  Haupt,  ein  Hermann  Knothe,  ein  Richard  Jecht  und  viele  Andere 
ihre  besten  Kräfte  gewandt  haben.  Und  als  in  einem  zeitlich  begrenzten  Stadium 
Ihres  Fortwirkens  die  Neigung  hervortrat,  die  Gegenstände  Ihrer  Bearbeitung  der 
Universalgeschichte  zu  entnehmen,  da  beschenkten  Sie  die  Literatur  mit  jenen 
schönen  und  wertvollen  Dante-Forschungen,  die  den  Namen  Ihres  IWitglieds  und 
langjährigen  Vizepräsidenten  Theodor  Paur  mit  weithin  schallendem  Ruhme  be- 
deckten. Und  aucli  das  ist  unvergessen,  daß  in  Ilirem  Kreise  der  süße  Sänger 
des  „Laienbreviers"  seine  geistige  Heimat  hatte,  aus  der  seine  sanften  Weisen  der 
beifällig  lauschenden  Nation  entgegentönten. 

Wer  lieute  in  Ihrer  Provinz  um  sich  schaut,  begegnet  gemeinnützigen  Anstalten, 
die  entweder  Iln-er  Anregung  entsprungen,  oder  durch  Ihre  Beiliilfe  emporgekommen 
sind.  Sie  sclmfen  fast  ganz  aus  eigenen  Kräften  und  Mitteln  Sammlungen  von 
einem  Umfang  und  einer  Bedeutung,  die  selbst  mit  vielen  altberühmten  den  Ver- 
gleich auszuhalten  vermögen.  Sie  streuten  vielfachen  veredelnden  Samen  aus, 
der  in  dem  Glück,  in  dem  hohen  Bildungsstande  der  Bevölkerung,  in  der  Blüte 
Ihrer  Provinz  und  in  der  dankbaren  Anerkennung  der  gesamten  Nation  auf- 
gegangen ist.     Mit  stolzer  Genugtuung    dürfen  Sie    auf   Ihr   Wirken  und    Schaffen 


.Jahresbericht  der  Scliles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


in  den  25  Lustren  Uires  l_^es(ancles  zurückbhcken.  Und  wir  —  wir  freuen  uns 
leilnahnisvoll  li.res  HochpietiiliLs;  wir  legen  im  Geiste  Kränze  auf  die  Gräber  Ihrer 
Heimgegangeneu  und  vercwife-tea  Mitarbeiter,  den  Lebenden  aber  reichen  wir 
brüderlich  die  Hand  mit  dem  innigen  Wunsche:  „Mögen  Ihr  Verband  und  sein 
Werk  fortbestehen,  gedeihen  und  wachsen  Jahrhunderte  hindurch!" 
Breslau,  den  1.  Juni  1904. 

Zum  150  jährigen  Jubiläum  der  „Akaderaio  der  Gemeinnützigen  Wissen- 
schaften zu  Erfurt"  hat  die  Gesellschaft  ein  von  Herrn  Konsistorlalrat 
Prof.  Dr.  Kawerau  verfaßtes  Glückwunschschreiben  abgeschickt.  Dasselbe 
lautete: 

An  die  Königliche  Aicatlemie  gemeinnütziger  Wissenschaften  zu  Erfurt. 

Als  die  unterzeichnete  Schlesische  Gesellschaft  für  vaterländische  Cultur  vor 
wenigen  Monaten  die  Feier  ihres  lOOjährisen  Bestehens  festlich  beging,  da  erwies 
die  Kömghche  Akademie  zu  Erfurt  uns  die  Elire,  daß  sie  ilire  lierzlichen  Glück- 
wünsche zu  unserem  Jubiläuum  uns  durch  eines  ihrer  hochgeschätzten  Mitglieder 
aussprechen  heß.  Es  gereicht  uns  zu  hoher  Freude,  daß  das  bevorstehende 
Jubiläum    des  ISOJälirigen    ßesteh..i,s    ,;..    U., ..liehen  Akademie    uns  Gelegenheit 

bietet,  diese  Glückwünsche    aufs   Im  ,  ,:  ,        .    .rwidern.     Wir   verehren    in    der 

Jubilarin  eine  der  ältesten  Gesellscl,;,!!..- hui  sehen  Vaterlande,  die  den  Zweck 

verfolgen,  die  wissenschaftlichen  Arbeiten  ihrer  Mitglieder  zu  fördersamem  Aus- 
tausch zu  bringen,  die  Ergebnisse  der  strengen  Arbeit  der  Wissenschaft  weiteren 
Kreisen  zuzuführen  und  zugleich  die  Wissenschaft  mit  den  praktischen  Aufgaben 
der  Nation  in  Fühlung  und  Zusammenhang  zu  bringen.  Ein  Rückblick  auf  die 
150  Jahre,  während  deren  die  Königliche  Akademie  ihr  Werk  getrieben,  gil,t  ilir 
das  Recht,  auf  den  Weg,  den  sie  dabei  zurückgelegt  hat,  mit  Freude  und  Gemi- 
tuung  zurückzuschauen.  Siml  es  .loch  mannigfache  Hindernisse  gewesen  die  sk' 
in  treuem  Festhalten  an  ilirer  scliönen  Aufga.be  glücklich  überwunden  'hat.  Sie 
war  gegründet  in  einer  altberühmten  Universitätsstadt  und  auf  die  geistigen  Krafle 
welche  die  Hochschule  bieten  konnte,  in  erster  Linie  angewiesen  ^Aber'die 
Universität  war  in  sichtlichen  Niedergang  geraten  und  trieb  bereits  ihrem  Unter- 
gange entgegen.  Um  so  höher  ist  es  /,u  sebiilzen,  daß  es  der  Königlichen  Akademie 
gelungen  isl,  trotz  dieser  Ungunst  der  Verhältnisse  sich  zu  behaupten  und  nun 
gerade  nach  dem  Absterben  der  Universität  der  Mittelpunkt  wissenschaftlicher 
Arbeit  und  geistigen  Lebens  für  Erfurt  und  die  umliegenden  Städte  zu  bleiben 
Und  weiter  mußte  sich  du  Königlieh.  Akademu  dun  h  den  Wandel  dei  politischen 
Geschicke  Erfurts  hindui  Chi  nifeen  aus  kuiminui  <hei  HeiTs.hift  iluich  die  dunklen 
Zeiten  der  französisclun  Besit/eigicifung  hmduich  und  hinein  in  die  neuen  Vu 
haltnisse  unter  pieußischcm  /<plu  Fs  ist  keni  ^enn^.r  Ruhmesütel  d.  i  Konig 
hohen  Akademie  d  iß  ticue  und  ulnge  Mitghedei  diien  oft  gefährdeten  Fmtbestind 
durch  diesen  Wechsel  de,  Zeiten  Inndmeh  ihi  cistiitlen  und  schheßhch  sichei 
gestellt  haben  Abei  imh  dirm  möchten  wu  eimnern  daß  es  m  dei  Gesclm  ht( 
der  Jubdarin  Zeiten  gegeben  hat  in  welchen  die  ihr  von  Anfang  an  milbig.  b(m 
Bestimmung,  die     nulzhchen     oder     wie   mm         l   i  h      die     gcmeiimut/i  tu 

Wissenschaften  zu  pflegen    die    Gefahi  Iki  i  .on    ih.ei    H,uptuir,bt 

der  Pflege  und  Fördeiung  dei  vnssenschallh  ,  ,  n  „  uu,  ihm  sehist  willen 
abgelenkt  zu  Wird,  n  und  si.  h  iuf  Populansuiuu,  d.  i  W  isscnsdi  ift  und  öfiintluhi 
Wohhahrtsbesliehuiigen  zu  beschranken  Es.nuihl  du  Ivoni^hchm  Ak  id,  mie 
zu  besonderem  i  uhu,^  ]  .jj  sie  der  Versuüiuu,,  m  diesei  Weise  ihn  Aufgab, 
zu  veraußcriichcn    lapfti   und  <  ntschlossen  sich  eiwelrrt  und  ohne  jemals  die  Wuk 


Allgemeiner  Bericht. 


samkeit  auf  weitere  Kreise  und  die  Förderung  der  Volkswohlfahrt  aus  den  Augen 
zu  verlieren,  doch  den  Charakter  eines  wissenschaftlichen  Instituts  sich  zu  wahren 
gewußt  hat. 

IVIöge  es  der  Königlichen  Akademie  vergönnt  sein,  in  diesem  Geiste  noch  auf 
lange  Zeit  hinaus  ein  lebenskräftiger  Mittelpunkt  wissenschaftlicher  Arbeit  und 
regen  geistigen  Lebens  für  Erfurt  und  das  Thüringer  Land  zu  sein  und  in  ihren 
Jahrbüchern  kräftig  und  erfolgreich  mitzuarbeiten  an  der  Pflege  der  Wissenschaften 
und  einer  gesunden  vaterUindischen  Kultur. 

Aus  Anlaß  des  am  10.  Dezember  d.  J.  stattgehabten  öOjährigen  philo- 
sophischen Doktor-Jubiläums  wurde  dem  Herrn  Prälaten  Geh.  Regierungs- 
rat  Prof.  Dr.  Lämmer  ein  Glückwunschschreiben  übersandt. 

Die  deutsche  Geologen-Versammlung,  welche  im  September  d.  J. 
in  Breslau  tagte,  begrüßte  der  Präses  mit  den  Herren  Professoren  Geheimrat 
Dr.  Joseph  Partsch,  Hintze,  Fax  in  der  Aula  Leopoldina,  indem  er  gleich- 
zeitig eine  unter  Leitung  von  Herrn  Prof.  Dr.  Frech  verfaßte  Festschrift 
»Zur  Geologie  des  böhmisch-schlesischen  Grenzgebirges"  nebst  einer  Ex- 
kursionskarte  überreichte. 

Ebenso  sprach  er,  begleitet  von  denselben  Herren  im  Stadttheater  der 
vom  19. — 25.  September  hier  tagenden  Versammlung  Deutscher 
Naturforscher  und  Ärzte  die  Glückwünsche  der  Gesellschaft  aus,  indem 
er  gleichzeitig  die  kurz  vorher  vollendete  ,, Geschichte  der  Schlesischen 
Gesellschaft  für  vaterländische  Cultur"  in  200  Exemplaren  überreichte. 

Herr  Professor  Dr.  Th.  Schübe  hat  den  zweiten  (Schluß)-Teil  seines 
Werkes,  ,,Die  Verbreitung  der  Gefäßpflanzen  in  Schlesien,  preußischen  und 
österreichischen  Anteils",  welches  er  der  Gesellschaft  als  Festgabe  zur 
Hundertjahrfeier  gewidmet  hat,  überreicht.  Es  sind  noch  jetzt  Exemplare 
für  Mitgheder  der  Gesellschaft  erhälthch. 

Herr  Archivar  Professor  Dr.  Nentwig  hat  die  ,, Literatur  der  Landes- 
und  Volkskunde  Schlesiens  1900—1903"  als  Ergänzungsheft  zum  81.  Jalires- 
bericht  herausgegeben.  Beiden  Herren  sei  auch  an  dieser  Stelle  herzlich 
gedankt. 


Bericht  über  die  Bibliothelt. 

Die  im  Laufe  des  Jahres  1904  der  Gesellschaft  durch  Schriften- 
austausch und  Geschenke  zugegangenen  Schriften  wurden  in  4  Sendungen 
•ler  hiesigen  Königlichen  und  Universitäts-Bibliothek  übergeben: 

1.  am  13.  April  1904  No.      54—171, 

2.  ,,      30.  Juni  „        „      172—320, 

3.  ,,      10.  August         „        „      321. 

4.  „     18.  Oktober      „       „     322—477. 

Als  Geschenkgeber  seien  mit  Dank  genannt:  Se.  Exzellenz  der  Herr 
Mmister  der  geistlichen,  Unterrichts-  usw.  Angelegenheiten  Dr.  Studt, 
das  Kuratorium    der   Komraerzienrat   Fraenckelschen    Stiftungen,    Prof. 


10  Jaliresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur, 


L.  V.  Graff  in  Graz,  Gymnasialdirektor  Guhrauer  in  Wittenberg,  Fabrik- 
direktor Krieg  in  Eichberg  bei  Schildau  am  Bober,  Hofrat  Prof.  Prokop 
in  Wien,  Rittergutsbesitzer  v.  Salisch  auf  Postel,  Prof.  Spribille  in 
Inowrazlaw,  Prof.  G.  Stenzel,  Kgl.  schwedisch-norwegischer  Konsul 
V.  Wallenberg-Pachaly,  Baurat  Wingen  in  Bonn. 

In  den  Schriftenaustausch  sind  im  Jahre   1904  eingetreten: 

1.  Die  Schriftleitung  derHeraldisch-GenealogischenBlätter  inBamberg, 

2.  der  Beskidenverein  in  Bielitz-Biala. 

Die  Bibliothekarsgeschäfte  versah    während   des     1,  Vierteljahres    Herr 
Dr.  G.  Marquardt,  vom  1.  April   1904  ab  der  Unterzeichnete. 

Dr.   G.  Türk. 


Bericht  über  das  Herbarium  der  Gesellschaft. 

Im  Laufe  dieses  Jahres  wurde  der  Rest  der  Metachlamydeen  des  Herbars 
kritisch  durchgearbeitet,  sodaß  jetzt  der  ganze  Bestand  an  Gefäßpflanzen  ge- 
sichtet ist.  Neue  Beiträge  spendeten  außer  dem  Unterzeichneten  die  Herren 
Alt-Bunzlau,  Buchs-Zülz,  Gzmok-Gleiwitz,  Ei  tn  er -Breslau,  Hellwig- 
Grünberg,  Liersch-Haynau,  Limpricht-Breslau,  Pfeiffer-Steinau, 
Rieht  er -Ober-Glogau,  Schikora-Haynau,  Schmidt- Grünberg,  Schöpke- 
Schweidnitz,  Tischbierek-Beuthen,  Weeber- Friedeck  und  Ziesche- 
Breslau.  Herr  Richter  lieferte  auch  Beiträge  für  die  Sammlung  von 
Standortskarten  und  schenkte  das  mit  den  Eintragungen  versehene  Blatt 
Ober-Glogau. 

Für  alle  Gaben  sei  auch  an  dieser  Stelle  herzlich  gedankt! 

Breslau,  den  8.  Dezember  1904. 

Theodor  Schübe. 


Kassen-Verwaitungsbericht  pro  1904. 

Zu  dem  Bestände  des  Gesellschaftsvermögens  Ende  1903  von 

in  bar  in  Effekten 

2  960,55  Mk.       96  200,00  Mk. 
traten  an  Einnahmen  im  Jahre  1904  hinzu 
einschließlich  der  gezahlten  Beiträge  zum 

Baufonds  (51  055,00  Mark)         ....     6(5002,23    ,.  — 

ferner  in  Effekten  die  dem  Baufonds  der 
Gesellschaft  als  einmalige  Beiträge  über- 
wiesenen acht  verschiedenen  Breslauer 
Vereinshaus- Anteilscheine  mit    ...      .  5  100,00 


Sa.     68  962,78  Mk.     101  300,00  Mk. 


Allgemeiner  Bericht. 


11 


in  bar  in  Effekten 

Übertrag     68  962,78  MIj.     101  300,00  Mk. 
wogegen  verausgabt  wurden      ...      12  309,40     ,,  — 

verbleiben     56  653,38  Mk.      101  300,00  Mk. 
Von  diesem  Überschuß  konnten  angeschafft 
werden : 

Nom.     54  000    4  %      Schles.     Boden- 

Credit-Pfandbriefe,   Serie  V— IX       .      .      55  263,75     „         54  000,00      ,. 
so  daß  sich  Ende  1904  ergibt  ein  Bestand 

von 1  389,63  Mk.      155  300,00  Mk. 

in  bar  in  Effelcten. 

Das    Vermögen     der    Gesellscliaft     hat     sich     sonacli    verringert    um 
1570,92  Mark  in  bar,  dagegen  vermehrt  um    59  100,00    Mark  in  Effekten. 
Breslau,  den   31.  Dezember   1904. 

Mannowsky 

Stellv.  Schatzmeister  der  Schles. 

Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

Geprüft,    mit    den  Belägen  und  Depotscheinen    verglichen    und  richtig 
hefunden. 

Breslau,   den   6.  März   1905. 

Paul  Riemann 
Rechnungsrevisor. 


Baufonds. 

An  einmaligen  Beiträgen  sind  dem  Baufond  zur  Erbauung  eines 
eigenen  Geschäftshauses  im  Jahre   1904  zugeflossen: 

Von  Sr.  Majestät  Kaiser  Wilhelm  II.  30  000  Mk.;  zweite  Rate  des 
Provinzialbeitrages  10  000  Mk.;  von  der  Schles.  Generallandschaft  3000  Mk.; 
von  Frau  Auguste  Agath,  Georg  v.  Giesches  Erben,  Frau  Geheimrat 
Heinaann,  Frau  Fabrikbesitzer  Kemna,  Se.  Durchlaucht  Fürst  Pless,  Frau 
Kommerzienrat  Rosenbaum  je  1000  Mk.;  Herrn  Regierungsrat  Udo  Schulz 
500  Mk.;  Graf  Viktor  Matuschka  300  Mk.;  Bankdirektor  0.  Degenkolb, 
Fräulein  Marie  von  Kramsta-Muhrau,  Bankdirektor  Moritz  Lyon  je  200  Mlc; 
Kaufmann  Adolf  Friedenthal,  Rosenthal  150  Mk.;  Geheimrat  Professor  von 
Strümpell,  Professor  Dr.  A.  Tietze  je  100  Mk,;  Professor  Dr.  Gadamer 
"0  Mk. ;  durch  denselben  von  Ungenannt  40  Mk. ;  von  Sanitätsrat 
Dr.  Burchard  50  Mk.;  Dr.  Jungnitz,  Geistlicher  Rat,  Prof.  Dr.  F.  Pax  je 
3ü  Mk.;  Prof.  Dr.  0.  E.  Meyer,  Prof.  Dr.  W.  Volkmann,  Prof.  Dr.  Julius 
Wolf  je  20  Mk.;  Prof.  Dr.  Freudenthal  15  Mk.;  Redakteur  H.  Baum,  Prof. 
J-  Nickel  je   10  Mk. 


12  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

Ferner  wurden  der  Gesellschaft  überwiesen  an  Brcslauer  Vereinshaus- 
Anteilscheinen  : 

Von  Herrn  Kommerzienrat  Karl  Skene,  Fabrikbesitzer  Georg  Schöller, 
Fabrikbesitzer  Dr.  Max  Wiskott  sen.  je  1000  Mk.;  Kaufmann  Alfred  Moser, 
Prof.  Dr.  Carl  Partsch,  Geheimen  Medizinalrat  Prof.  Dr.  E.  Richter  je  500  Mk. ; 
Stadtrat  Fedor  Pringsheim,  Prof.  Dr.  Piöhmann  je   300  Mk. 

An  Jahresbeiträgen  von  den  Herren : 

Oberbürgermeister  Dr.  Bender,  Medizinalrat  Dr.  Wolffberg,  Oberlandes- 
gerichtsrat A.  Simonson,  Fabrikbesitzer  Georg  Schöller -Rosenthal  je  10  Mk.; 
Dr.  med.  V.  Winkler   5  Mk. 

Für  diese  Spenden  sei  auch  an  dieser  Stelle  im  Namen  der  Gesell- 
schaft bestens  gedankt.  Zugleich  aber  sei  der  Baufond  allen  Freunden 
und  Gönnern  der  Gesellschaft  zu  weiterer  freundlicher  Berücksichtigung 
warm  empfohlen. 

Dr.  Max  Wiskott  sen., 
Schatzmeister. 


ä 


Kassen -Abscliluss  für  das  Jahr  10O4-. 


Allgemeine  Kasse. 

Einnahme. 

Zinsen  von  Wertpapieren: 

pro    I.  Semester 

„II.  „  

Zinsen  aus  dem  Depot  bei  der  städtischen  Bank 

Zinsen  aus  dem  vorübergehenden  Guthaben    bei 

Eichborn  &,  Co.  hierselbst 


1779  M    38 


2381 
107 


87 
65 


a.  von  einheimischen  Mitgliedern: 

pro    I.  Semester  von  530  Mitgliedern  ä 


M 


11 

5 

1 

5.57 

5 


ä  10  ^  . 
ä  4,50  Ji 
k  9  J(  . 
a  5  M  . 
a  4,50   M 


2G50  Ji  — 

110  „    — 

22  „     50 

•'  „    — 

2785  „    — 


50 


888 


1).  von  auswärtigen  Mitgliedern : 
von   1 48  Mitgliedern  h  Q   Ji 

Jahresbeitrag  des  Provinzialausschusses 

Jahresbeitrag  des  Magistrats  zu  Breslau 

Beiträge  zum  Staats-   und  rechtswissenschaftl.  Losezirkel  für   1904: 

von  17  Mitgliedern  ä  2   Ji ?A   J(  —   /\ 

„8  „  k  l    Ji 8    „    —    , 

,,        2  ,,  zusammen       .      ,      .      .     ■      . 5    ,,    —    , 

Jährliche  Beiträge  zum  Baufonds: 

von  1   Mitglied  h  h  Ji 

„     4  Mitgliedern  h  10  Ji      ....... 

Außergewöhnliche  Einnahmen : 

A.  in  Bar:  Einmalige  Beiträge  zum  Daufonds    . 

II.  Rate  des  Provinzialbeitrages  (v. ^^30000)  p.  1  904 

durch  Verkauf  von  Schriften 

von    Herrn    Kommerzienrat    Rosenbaum    s.    Z. 
übernommenes  Kassenplus 


Wert- 
papiere 

■M 


Ji     - 


41055 

10000 

152 


B.  in  Wertpapieren:  Als  einmalige  Beiträge  zum  Baufonds  der  Ge- 
sellschaft überwiesene  Breslauer  Vereinshaus-Anteilscheine     . 


Neu  erworbene  Wertpapiere: 
4  "/o  Schlesische  Bodenkredit-Pfandbriefe   . 
Hierzu:  Bestand  aus  dem  Jahre  1903.     . 


6487 

3000 

300 


54000 
96200 


51245     51 


66002     23 


68962     78 


Allgemeine  Kasse. 

Ausgabe. 


Wert- 
papiere I 

M      I 


Miete  für  Versammlungsräume,  für  das  Geschäftszimmer  und  Wohnung 

des  Kastellans .     . 

Honorare  und  Renumerationen    ....  

Gehalt  dem  Kastellan 

Für  Heizung 

Beleuchtung 

Schreib-Bedürfnisse 

Zeitungs-Inserate 

Druckkosten 

Buchbinder-Arbeiten,  bei  Pos.  8  inbegriffen 

Porto-Ausgaben 

Kleine  Ausgaben 

verschiedene  Sektionen 

die  Bibliothek 

unvorhergesehene  Ausgaben : 

a.  für   1500  Festschriften  zur  Hundertjahrfeier 
der  Gesellschaft 1603   JI.  —   aI, 

b.  für  Herstellung  von  200  geolog.  Karten  des 
Heuscheuergebirges 500    ,,    —    ,, 

c.  für  200  Festschriften  zum  Geologcn-Kongress    1202    ,,    05    ,, 

d.  diverse  Ausgaben 270    „    —    ,, 

gekaufte  Wertpapiere: 

54000  Ji  4  7(,  Schles.  Bodenkredit-Pfandbriefe 


Bestand   am  Schlüsse  des  Jahres   1904    .      .     . 
Wertpapiere: 

^Vä  %  Pi'euss.  konsol.  Staatsanleihe     .     . 

4  7o  Schlesischer  Rentenbrief 

31/2  7o   Schlesische  Bodenkredit-Pfandbriefe 

4«/o 
3%7o 

31/2  %  Posener  Pfandbriefe 

3  %  Schlesische  Pfandbriefe 

3%  %       »  „  .... 

Schlesischer  Bankvereins-Anteil  .     .     • 

Breslauer  Vereinshaus-Anteilscheine. 


B  ar 


1050 

330 

1200 

115 

57 

8« 

369 

4039 

550 
5  74 
359 


27900 

300 

10500 

81200 

10000 

4000 

5000 

1000 

300 

15100 


67573 
1389 


155300  68962 


Breslau,  den   31.  Dezember    1904. 

Mannowsky,   st(;llvertr.  Schatzmeister  der  Gesellschaft. 


Geprüft, 


mit  den  Belägen  und  Depotscheinen  verglichen  und  richtig  befunden. 
Breslau,   den  6.  März   1905. 
Paul  Riemann,  z.  Z.  Revisor  der  Gesellschaft. 


Kassen -Abschluss  der  Sektion  für  Obst-  und  Gartenbau  für  das  Jahr  1904 


Einnahmen. 

An  Vortrag  aus  Rechnung   1903 

,,     Mitglieder-Beiträgen: 

119  Beiträge  für   1904 

„    Garten -Erzeugnissen: 

Verkaufte  Baumschul-Artiliei ;2791  Ji  15 

Verkauftes  Gemüse,  Obst  etc 1144  „  10 

Verkaufte  Schnittblumen 143  „  15 

,,    Subventionen: 

Subvention  des  Schlesischen  Provinzial-Landtages 

Zinsen: 

31,2  7„  vom  I./IO.  1903  bis  30./9.  1904  von 
2000  Ji  Schles.  Bodenkredit  -  Pfandbriefe 
Ser.    IV 70  M  — 

4  0/^  vom  l./l.    bis    31./J2.    1904    von    1000    M 

Schles.  Bodenkredit-Pfandbriefe  Ser.  VII  .    .    .        40    ,,    — 

Zinsen  auf  Rechnungsbuch  der  Schles.  landschaft- 
lichen Bank  vom  1./12.   1903  bis30./ll.  1904       11     „45 


Effekten 


598     43 


6991  I   28 


Ausgaben. 

Für  den  Garten: 

Gärtner-Gehall. 1440  Jl 

Arbeitslöhne     .    .    .    .    • .    .  1772 

Dungstoffe 138 

Wildlinge,  Sämereien  etc 1  3 1  (; 

Baulichkeiten,  Utensilien  etc.     . 292 

Versicherungen,  Steuern  etc 211 

Zinsen  für  Restkaufgeld 720 


8« 
25 
17 


Insgemein: 

Gratis-Sämereien-Verteilung 

Vereinsbeiträge,  Honorare,  Inserate,  Porti  etc. 


97   Jl    15 

245    „    76 


Cassa-Bestand  im  Vortrage 


Effekten-Bestand  im  Vortrage: 

Anteilschein  Breslauer  Vereinshaus  ....      2000  M  —  xi^ 

37;^  7o   Schles.  Bodenkredit-Pfandbriefe  Ser.  IV.      2000  „  --  „ 

4  7o            v                   "                   "  "       ^^^_^^^"  "  —  " 


Effekten 

M 


B  ar 


342  :    91 

75(i  !   84 


Breslau,  den   31.  Dezember   1904. 


5000 

Max  Müller,  z.  Z.  Kassenvorsteher  der  Sektion  für  Obst-  und  Gartenbau. 
Geprüft  und  richtig  befunden:  Dannenberg,  Beckmann, 


üclilesiscle  Gessllsclsll  fir  faterläfiicle  Cültiir. 


S2. 
Jahresbericht. 


I.  Abteilung. 

[VIcdicin. 
a.  Medieiniselie  Seotion. 


Si('/iiiis;((n  (Ici-  nuMHcinisclien  Sodion  hu  Jalire  1904. 


Sitzung  vom  15.  Januar  1904. 
ViiiHilzeixlor:  Hoit  Poufiok.     Solirirtfrihror:   Hiut  NeissHr. 
ITcii  V.  Mikulicz:  Zur  Pathohjgici  usidThwflpäe  dfl.s  Cartüo- 
siuiHmus  mit  conseeutiver  OesophüKiisdiiatation.     (Ist  anddr= 
\voi(,in-  oraehioiUMi.) 

iSitzuno-  vom  22,  .Tanuar  1904. 

Vorsitzender:   Herr  B  u  oh  w,i,l  d.     S  oh  ri  f  tfü  hrer :   Korr  Noi  a  s  «  r. 

Vor   der  Tagesordnung: 

Herr  Neisser:  Demonstration  eines  Falles  mit  ültor  doii 
finnzeii  Körper  verbreitetem  papulöson  Sypliilii!  mit  sl«''i<'l>- 
zeitiger  Abducenslähmuiig  rechteracits. 

Der  Fall  wird  wesentlich  deshalb  vorgestellt,  um  darauf  hin- 
zuweisen, daß  derartige  Lähmungsersoheinuugen  ebenso  wie  sonstigo 
f'i'ivbrale,  spinale,  intestinale  Syphilisprocesso  nicht  ohne  Weiteres, 
wie  OS  gewöhnlich  geschieht,  als  tertiäre  Formen  aufgofaüt 
Worden  dürfen,  sondern  jedes  Mal  auch  der  Möglichkeit,  es  köniitet\ 
Sficundilro  Erscheinungen  der  Früliperiode  sein,  Eechnung  ge 
ti'agen  werden  müsse.  Practisch-therapoutisoh  ergielit  sioli  daraus. 
•I'iü  OS  falsch  wäre,  einen  solchen  Kranken  nur  mit  Jodkulium 
^■"  behandeln.  Voraussichtlich  würde  der  die  Abducensliilimung 
hertingende,  vermutlich  wohl  periostale  Proceß  ebenso  wonig  oder 
jedenfalls  ebenso  langsam  einer  reinen  Jodkaliumbeliandlung 
Weichen,  wie  es  ein  papulöses  Hautsyphilid  thut.  Es  ist  (hilior 
"1  diesem  Falle,  der  sicherlich  der  Frühsyphilis  angehöri,  unt-or 
allen  Uinstäiulen  eine  Queoksilberbehandlung  indicirt.  Tat  man 
Wegen  Mangels  au  genügender  Anamnese  zweifelhaft,  ob  man  oe 
"ei  einer  Abducenslähmung  oder  einer  ähnlichen  der  directeii 
örtlichen  Untersuchung  unzagängliohen  Affection  mit  einer  Früh- 
°'1er  Späterscheinung  zu  thun  hat,  so  wird  man  \in  tor  allen  Um 
^t-änden  sicherer  vorgehen,  eine  co  mbinirtc  Qiiookailbor 
^^i>d  .Todbohandlung  einzuleiten. 

1 


Jabresbericht  der  Scliles.  Gesellscbaft  für  vatorl 


T  a.  g  e  s  0  r  (1  n  u  n  g : 
Disoussion  zu  dorn  Vortrag  dos  Herrn  v.  Mikulic/.;  Zur 
Pathologie  und  Therapie  dos  Oardiospasmu  s  in  it  co  n  h  o- 
cutiver  Oesophagusdilafcation. 
Herr  Rosenfeld:    Zu  den  interessanten  und  wichtigen  Aus- 
führungen des  Herrn  v.  Mikulicz,    die    eine   Fülle    von    Beob- 
achtungen   bieten,    möchte    ich  einige  Bemerkungen  liinzufugen. 
Was  die  Diagnose  anbetrifft,  so  hat  Herr  v.  M  i  k  u  1  i  o z  die  Röntgen- 
durchleuchtung für  sehr  wichtig  erklärt;  ich  kann  dem  nur  bei- 
pflichten, besonders  wenn  man  sie  in  der  Art  ausführt,  daLi  man 
die  von  mir    angegebene   mit  Luft  zu  füllende  CondomBonde  an- 
wendet.    Die    helle    Luftblase    ist    im    Röntgensohirmbilde    sehr 
deutlich   zu  sehen   und  der  lufterfüllte  Ball  gestattet  durch  Ver- 
schiebung nach  auf-  und  abwärts  die  Ausdehnung  der  Dilatation 
zu  beurteilen.    Das  Verfahren  dieser  Sondirung  mit  der  Coudom- 
sonde   ist   auch   ohne  Durchleuchtung   schon  im  Stande,    einiger- 
maCen    über    die  vorliegenden   Verhältnisse    der   Speiseröhre    zu 
Orientiren.    Damit  kommt  man  über  die  complioirten  diagnostischen 
Methoden  hinweg.    Die  Oesophagoskopie  wird  durch  Aufklärung 
von    Details   immer   einen   großen   Wert  behalten.     Zu    beachten 
ist     für      die     Sondirung,      daß      die     Sonde      von     einer     sonst 
normalen     Cardia    Widerstände     erfahren     kann.      Das     koirimt 
wohl  auf  die   Art   der   Sonde   an.     Sehr   dicke  Sonden  und  sehr 
weiche  Sonden  lassen  vielleicht  die  zu  schildernden  Fälle  über- 
sehen.    Es  giebt  nicht  allzu  selten  Patienten,   bei    welchen   eine 
halbweiche    Sonde    mittlerer    Dicke,    die    ich  wegen    der  großen 
Erleichterung  des  Sondirens   für   den  Patienten  vorziehe,  an  der 
Oardia  hacken  bleibt  und  erst  durch  einen  Druck  in  den  Magen 
eintritt.    Gewöhnlich  ist  das  bei  nüchternem  Magen  zu  sehen,  und 
verschwindet  mit  der  Nahrungsaufnahme. 

Die  Bedeutung  der  Oesophagusdilatationen  für  die  Ernährung 
ist  nicht  von  ihrer  Größe  abhängig.  Faustgroße  Erweiterungen 
können  sehr  verderblich  und  größere  ohne  viel  Bedeutung  sein. 
Die  Therapie  der  Sondirung,  der  Auswaschung  etc.  führt  oft  zu 
wesentlichen  Besserungen.  Einen  Fall  habe  ich  gesehen,  in  dem 
längere  Zeit  die  Flüssigkeitsaufnahme  durch  eine  die  Cardia 
nicht  passirende,  ihr  nur  möglichst  genähorte  Sonde  gelang, 
während  durch  den  normalen  Schluokact  fast  nichts  in  den  Magen 
befördert  werden  konnte. 

Aus  den  Erfolgen  der  Mikulicz'schen  operativen  Dilatation 
müssen  wir  uns  wohl   die  Malmung  entnehmen,  die  Dilatations- 


i.  Abteilung.    Medioiiiische  Sectioii. 


verfahren  vom  Munde  aus  eveut.  unter  Leitung  des  Oesophago- 
sliops  bei  allen  milderen  Fällen  moglichat  stark  7,u  betonen,  um 
ihnen  so  hifige  wie  angängig  die  Cardia,  deren  JBehandlvmg 
das  wesentliche  Moment  darzustellen  scheint,  ganz  im  Sinne  der 
operativen  Dehnung  vom  Magen  aus  offen  zu  erhalten. 

Herr  B.  Oppler:  Auf  die  physiologischen  und  pathologisch- 
anatomischen  Thatsachen,  die  uns  Herr  v.  Mikulicz  mitgeteilt 
hat,  will  ich  hier  nicht  weiter  eingehen,  da  eine  Kritik  derselben 
nur  auf  dem  Wege  der  Nachprüfung  möglich  ist,  sondern  mir 
nur  vom  klinischen  Standpunkte  aus  einige  ergänzende  Bemerkun- 
gen gestatten. 

Da  muß  ich  zunächst  betonen,  dnß  das  Leiden  durchaus 
nicht  so  selten  ist,  wie  es  den  Anschein  hat;  ich  habe  beispiels- 
weise in  den  letzten  Jahren  6  oder  7  Fälle  davon  gesehen.  Frei- 
lich sind  dabei  einige  wesentlich  leichtere  dabei,  bei  denen  ent- 
weder die  Erkrankung  noch  in  den  Anfangsstadien  sich  befand, 
oder  zum  mindestens  nicht  so  schwere  Symptome  machte.  Ueber- 
haupt  sieht  man  niclit  gar  so  selten  Fälle,  bei  denen  wohl  gewisse 
dyspliagische  Beschwerden  bestehen,  jedoch  die  Untersuchung 
keine  Dilatation  des  Oesophagus,  sondern  lediglich  einen  gewissen 
mit  mäßiger  Gewalt  überwindbareu  Widerstand  an  der  Cardia 
(nicht  nur  bei  nüchternem  Magen)  und  eine  Oesophagitis  ergiobt. 
Diese  lassen  sich  durch  entsprechende  Behandlung  sehr  leicht 
bessern  oder  zum  mindesten  in  dem  betreffenden  Stadium  er- 
halten. Aber  auch  die  weiter  vorgeschrittenen  Fälle  mit  aus- 
gesprochener Erweiterung  des  Oesophagus  werden  durch  Behand- 
lung der  Oesophagitis,  regelmäßige  Spülungen  der  Speiseröhre  und 
teilweise  Sondenfütterung,  falls  sie  noch  nicht  gar  zu  weit  vor- 
geschritten sind,  oft  so  weit  gebessert,  daß  man  auf  eine  chirur- 
Kificho  Behandlung  verzichten  kann  und  diese  für  so  schwere 
■  Fälle  reserviren  mag,  wie  sie  uns  der  Herr  Vortragende  gezeigt  hat. 

Herr  v.  Mikulicz  glaubt  nun,  daß  den  als  spindel-  oder  saok- 
torniige  oder  idiopathische  Dilatation  des  Oesophagus  bezeichneten 
Päileu  wahrscheinlich  ausnahmslos  ein  Cardiospasmus  zu  Grunde 
Ju-'ge,  und  hat  das  für  seine  letzten  Beobachtungen  durch  exacte 
Versuclio  gestützt.  Ich  kann  nicht  sagen,  daß  ich  bei  allen  meinen 
""d  den  litterarisch  bekannten  Fällen  diesen  Eindruck  gehabt 
l'abe,  sondern  bin  der  Ansicht,  daß  es  sich  dabei  doch  wohl  nur 
"m  eine,  allerdings  wohl  eine  Hauptgruppe  von  Fallen  handelt. 
'"^0  reclamirt  auchKelling  neuerdings  in  einer  Arbeit  einen  Teil 
'ißr  Fälle  für  eine  andere,  Aetiologie,  nachdem  er  in  einem  solchen 
Pinen  Schwund  der  Längsmusculatur  des  Oesophagus  (der  natür- 

1* 


4  Jalirosberiolit  dor  Scliles.'Gosollscliaft  für  vatovi.  Ciiltnr.^ 

lieh  ebenfalls  eine  gestörte  Fortbewegung  und  Liegenbleiben  der 
Speisen,  somit  auch  Erweiterung  verursacliou  muü)  hat  feststelleii 
können.  Es  leuchtet  ein,  daß  für  derartige  Fälle  eine  Delniung 
der  Cardia  keinen  Nutzen  bringen  könnte  und  dalier  jodei-  rin/ylii« 
Fall  auf  seine  Aetiologie  vorher  genau  ku  prüfen  ist. 

Herr  Buchwald  fragt  den  Vortragenden ,  «ob  ihm  eine  Mor- 
liiditrtts-Statiistik  zur  Verfügung  stehe?  Wie  varhiUt  es  sich  mit 
dem  Alter,  Geschlecht  der  Patienten?  Im  Allgemeinen  müsse 
das  Leiden  doch  ein  sehr  seltenes  sein.  Woim  man  auch  jet/.t 
infolge  der  neueren  Arbeiten  mehr  auf  solol\e  Fälle  achte  als 
früher,  so  würde  doch  bei  dem  großen  Kraiikonmaterial,  welches 
im  Allerheiligen-Hospital  zur  Beobachtung  stehe,  ein  derartiger 
Kranker  öfter  zur  Beobachtung  gekommen  sein,  als  dies  that- 
slichlich  der  Fall  sei.  Event,  hätte  bei  nicht  gestellter  Diagnose 
die  Section  Aufschluß  gegeben.  Tu  den  30  Jahr(!n  hosiii(aliu-/,t- 
Ücher  Thätigkeit  habe  Buchwald  jodocli  mir  nein-  wniig  dor- 
artigo  Kranke  gesehen. 

Herr  Sackur:  Herr  v.  IVIikulio?,  hat  die  Aottologic  des 
Cardiospasmus  als  unsiolior  bezeichnet;  man  müSBSo  an  eine 
Reflex-Neurose  oder  dergleichen  denken.  Bei  dor  großen  Aohnlicli- 
keit,  die  das  geschilderte  Krankheitsbild  mit  dem  Spliiiicter- 
krampf  bei  Fissura  ani  hat,  möchte  ich  mir  die  Frage  erlauben, 
ob  Herr  v.  Mikulicz  bei  seinen  Operationen,  die  ihm  ja  er- 
laubten, durch  die  Mageuwunde  hindurch  die  Schleimhaut  der 
Cardia-Gcgend  mit  dem  Finger,  vielleicht  auch  mit  dem  Auge, 
'/u  controliron,  in  dor  Lage  war,  das  Vorhandensein  von  Rhagaden 
oder  Fissuren  dieser  Schleimhaut  als  Ursache  des  Cardiospasmus 
sicher  auszuschließen.  Wem;  man  nämlich  eine  solche  Fissur  als 
Krankheitsursache  annehmen  dürfte,  so  würde  das  ganze  Kvank- 
hoitsbild  unserem  Verständnis  viel  näher  gerückt  werden  uml 
uns  anch  der  heilende  Effect  der  Cardiadohnung  ~  analog  dem 
therapoutiBchen  Verfahren  bei  Fissura  ani  —  viel  plausiblar  sein. 
Herr  V.  Mikulicz  erwidert  Herrn  Buchwald,  daß  die  bisher 
sicher  beobachteten  Fälle  von  Cardiospasmus  doch  noch  zu  spärlich 
sind,  um  statistisch  vorwertet  werden  zu  können.  Nach  seiner 
Erfahrung  kann  Redner  nur  sagen,  daß  das  mittlere  Lebensalter 
vorwiegend  von  der  Krankheit  befallen  ist,  und  daß  Männer  und 
Pnauen  gloichmilLÜg  daran  partioipiren. 

Eine  Verijinderung  analog  der  Fissura  ani  konnte  Redner  bei 
den  Operationen  an  der  Cardia  nicht  wahrnehmen.  Auch  spriolit 
der  ösophagoskopische  Befund  n icht  dafür.  Der  von  Herrn  0  p  p  1  e  r 
angeführte  Kelling'sche  Fall,  in  welchem  dieser  Cardiospasmus 


I.  Abteilung.    Medicinisclie  Soction. 


mit  yicberheit  aussohließeu  zu  können  glaubt  und  eine  priraiVro 
Atrophie  der  Liiiigsmusoulatur  annimmt,  erscheint  Vortr.  uictit 
beweiskräftig.  Wenn  der  Fall  mit  Stagnation  von  Flüssigkoiten 
im  Oesophagus  vcrljunden  war,  was  Herr  Oppler  bestätigt,  so 
kann  dies  unmöglich  auf  Atonio  der  Musoulatur  zurüokgefiVhrt 
worden,  da  eine  solche,  wie  Redner  nachgewiesen  hat,  allein  nicht 
VAX  Rückständen  im  Oesophagus  führen  kann.  Auch  wäre  es 
nicht  verständlich,  wie  eine  Atrophie  der  Längsmusoulatur  zur 
Dilatation  führen  süUte.  Es  müßte  vorwiegend  die  Ringmuscvdatur 
atrophisch  sein.  Vortr.  hält  die  Entscheidung,  ob  ein  Cardio- 
spasmus  vorliegt  oder  nicht,  in  erster  Linie  von  dorn  Ausfallen 
der  in  seinem  Vortrage  angegebenon  Druckversuche  abhängig. 
Diese  sind  in  dem  Kelling'schen  Falle  sicher  nicht  vorgenommen 
worden,  da  Redner  dieses  wichtige  diagnostische  Hilfsmittel  oV)eii 
erst  veröffentlicht  hat. 

Was  das  Vorkommen  leichter  Fälle  von  Cardiospasmus  ohne  er- 
hebliche Dilatation  betrifft,  so  hat  auch  der  Vortragende  eine  Reihe 
von  solchen  beobachtet.  Daß  diese,  sowie  die  leichteren  Fälle  von 
Cardiospasmus  mit  Dilatation  ohne  chirurgisches  Eingreifen  geheilt 
oder  wenigstens  erheblich  gebessert  werden  können,  hat  Redner 
schon  in  seinem  Vortrage  ausführlich  hervorgehoben.  Die  chirur- 
gischo  Therapie  bleibt  nur  für  die  schwersten  Fälle  rosorvirt,  in 
welchen  nicht  nur  die  subjeotiven  Beschwerden  bei  der  Nahrungs- 
aufnahme, sondern  auch  ein  constautes  Heruntergehen  des  Körper- 
gewichtes zu  energischem  Eingreifen  auffordert.  Ob  eine  rationelle 
interne  Therapie  in  jedem  Falle  vor  der  Entwicklung  dieser 
schworen  Erscheinungen  schützt,  wie  Herr  Opplor  meint,  möchte 
Redner  doch  bezwoifoln.  Der  letzte  vom  Vortragenden  oporirte 
und  domonstrirte  Fall  war  vor  der  Ausführung  der  Gastrotomio 
ein  Jahr  lang  von  Boas,  also  gewiß  mit  allen  modernen  Hilfs- 
mitteln der  internen  Therapie,  behandelt  worden.  Nochmals  hervor- 
hoben möchte  Redner  daß  die  Sondenbohandluug  ein  zwei- 
schneidiges Schwert  ist,  da  sie  in  manchen  Fällen  des  Cardiu- 
'  Spasmus  geradezu  steigern  kann. 

Der  Vortragende  hat  selbstverständlich  längst  daran  gedacht,  die 
forcirto  Dilatation  der  Cardia  anstatt  vom  eröffneten  Magen  vom 
Munde  aus  vorzunehmen;  er  hat  auchschon  vor  mehreren  Jahren  und 
niiuerdings  wieder  lustrumonto  construiron  lassen^  die  das  sicher 
bewerkstelligen  können.  Er  hat  es  aber  bisher  nicht  gewagt, 
ein  solches  Instrument  ohne  jede  Controle  in  der  Tiefe  des 
Körpers  wirken  zu  lassen,  da  eine  Zerreißung  der  Cardia  fast 
sicher  einen   letalen  Ausgang  herbeiführen   wurde.     Die   forcirto 


Jahresboriclit  der  Sohles.  Gesellscliatt  füf  vuterl.  Cultur. 


Dilatation    vom   Magen    aus    gestattet,    den    Grad    der   Dehnung 
wenigstens  mit  den   Fingern   zu  controiiren. 

Herr  (i.  (Jottstein:  lieber  die  Verwendbarkeit  des  Lujs- 
schoü  Separateurs  an  Stelle  des  üreterenkathefers. 

Redner  geht  zunächst  auf  die  verschiedenen  Untersuchungs- 
inethoden  ein,  erwähnt  die  Comxwessiou  des  Ureters,  die  Sondirung 
der  Ureteren  und  bespricht  die  Scheidung  der  Blase  sowohl  von 
außen  als  von  innen  her.  Er  beschreibt  genau  die  Technik  der 
Untersuchungen  mit  dem  Cathelin'sohen  Diviseur  sowie  mit 
dem  Luys'scheu  Separatem-.  Während  das  Oatheliu'sche  In- 
strument wegen  seiner  Coustruotion  nicht  ungefährlich  erscheine, 
ist  der  Luys'sche  Separateur  als  ein  technisch  vorzügliches 
Instrument  zu  bezeichnen. 

Im  Weiteren  beschreibt  Redner  die  bisherigen  tlieoretischeu 
Versuche  und  weist  diese  als  unmaßgeblich  zurück.  Er  maclit 
darauf  aufmerksam,  daß  vor  jeder  Untersuchung  mit  dem  Harn- 
soheider  die  Cystoskopie  notwendig  ist  behufs  Feststellung  der 
Lage  der  Ureterenöffnungen  und  von  eventuellen  Veränderungen 
in  der  Blase  selbst. 

Redner  geht  ausführlich  auf  die  großen  Vorteile  des  In- 
struments ein,  verkennt  aber  keineswegs  die  Nachteile  desselben. 

Mit  dem  Instrument  wurden  39  Untersuchungen  in  24  Fällen 
vorgenommen. 

Vortr.  schließt  daran  eine  Kritik  des  Ureteronkathetorisinua 
und  vergleicht  diesen  mit  dem  Harnscheider.  Er  kommt  zu  dem 
Resultat,  daß  beide  Methoden,  wie  sie  bisher  gebraucht  werden, 
unvollkommen  sind.  Sowohl  der  Ureterenkatheterismus  wie  die 
Untersuchung  mit  dem  Separateur  haben  ihre  Berechtigung,  es 
sind  zwei  Methoden,  die  sich  gegenseitig  ergänzen.  Ergiebt  der 
Separateur  einen  characteristischen  Unterschied  der  beiden  ge- 
trennt aufgefangenen  Urine,  so  ist  seine  Wirksamkeit  erwiesen. 
Mit  dem  Ureterenkatheterismus  köiuieu  wir  nur  die  anatomischen 
Veränderungen  der  Niere  nachweisen,  erhalten  aber  kein  sichoruH 
funotionelles  Resultat. 

Der  große  Vorteil  des  Harnseheiders  vor  dem  Urctei-on- 
katheterismus  ist  insbesondere  der,  daß  die  Handhabung  deH 
Harnseheiders  eine  außerordentlich  einfache  ist,  während  der 
Ureterenkatheterismus  specialistische  Technik,  große  Uebung  \nid 
Erfahrung  voraussetzt. 

Andererseits  ist  der  Harnscheider  absolut  sterilisirl)ar  inid 
kann    keinerlei   Gefahren    einer    lufection    eines    noch    gesunden 


I.  Abteilung.    Mediciuische  Seotion. 


Organs  horbeiführen,  wie  dies  tlem  üretereiikathetorismua  viel- 
fach luioligesagt  wird.  (Der  Vortrag  erscheint  im  Original  in 
den  „Mittoilungeu  zu  dou  CTreuzgobieteu".) 

Sitzung  vom  29.  Januar  1904. 
T  a  g  e  s  o  r  d  n  u  u  g  : 
Dis<-,\i8siou  /.um  Vortrage  des  Herrn  Gottstciii: 
Uobcr  die  Verwendbarkeit  des  Luys'schon  Separatours 
au  Stelle  des  Ureterenkatheters. 
Herr  Willi   Hirt:    Ich  möchte   mir   erlauben,  in   Ergiinzvuig 
der  Ausführungen  des  Herrn  Crottsfcein  auf  die  großen  Schwierig- 
keiten   hinzuweisen,    die    der   Anwendung   der  Luys'schen   und 
alier    ähnlichen    Instrumente    erwachsen    aus    der    großen   Ver- 
Bohiodenheit   der   anatomischen   Beschaffenheit   des  Blasenbodens 
auoli  bei  normalen  Blasen.     loh  habe  hier  eine  Anzahl  normaler 
uionsohlichcr  Blasen  aufgestellt,  die  diese  Verschiedenheiten  demon- 
striren. 

Zunäclist  springt  das  Ligamoutum  interureterioum  häufig  als 
ein  starker  musculösor  Strang  so  stark  in  das  Blasencavum 
liervor,  daß  es  eine  wasserdichte  Teilung  des  Blasonbodens  durch 
den  Divisour  absolut  unmöglich  macht.  Ferner  finden  sich  häufig 
auf  dem  Trigonum  sowohl,  wie  am  übrigen  Blasenboden  starke 
Faltcubildungen,  die  denselben  Effect  haben.  Nicht  anders  steht 
ÜB  mit  dou  nicht  selten  auftretenden  Trabckelbildungen.  In  dem 
Netzwerk  dos  trabeculäron  Blasenbodens  ist  eine  Trennung  der 
beiderseitigen  ürino  ausgeschlossen.  Auch  finden  sich  hin  und 
wieder  Vorlagerungen  dos  Ureterendreiecks  derart,  daß  beide 
Uroteren  in  einer  Blasenhälfte  sich  befinden  (Demonstration).  Ich 
habe  absichtlich  alle  erheblich  pathologischen  Veränderungen, 
wie  sie  sich  namentlich  bei  Prostatahyportrophie  einstellen,  un- 
beriicksiolitigt  gelassen;  die  Unmögliclikeit,  bei  diesen  Vor- 
änderungen den  Diviseur  erfolgreich  zu  benutzen,  liegt  klar  auf 
der  Hand. 

Nun  fijidet  sich  wiederholt  in  der  Litteratur  die  Angabo,  daß 
liesundera  in  der  weiblichen  Blase  das  Luys'sche  Instrument 
erfolgreich  verwendet  worden  kann.  Meine  Herren,  wer  viele 
weibliche  Blasen  cystoskopirt  hat,  wird  dieser  Angabe  recht 
skeptisch  gegenüberstehen.  Gerade  der  Boden  der  weiblichen 
Blase  ist  durch  die  zwischen  Mastdarm  und  Blase  dazwischen 
gelagerten  G enitalorgaue  häufig  überaus  unregelmäßig  gestaltet. 
Das  Trigonum    springt    als    mächtig    hervorragender  Wulst, 


Jahresbericht  der  Bchles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


häufig  erheblich  von  der  Meiliaiilinie  abweichend,  stark  hervor, 
zu  seinen  beiden  Seiten  finden  sich  tiefe,  nacli  hinten  zu  oft 
commuuicirende  Recesse.  Ich  habe  mich  selbst  bei  gegen  100 
In  den  letzten  Jahren  in  der  hiesigen  Frauenklinik  vorgenommenen 
Cystoskopien  bei  häufig  sonst  ganz  normalen  Blasen  von  diesen 
Verhältnissen  überzeugt  und  erblicke  in  ihnen  große  Schwierig- 
keiten für  die  Anwendung  des  Diviseurs  bei  der  Frau. 

Man  hat  nun  empfohlen,  um  sich  vorher  über  Abnoi'mitäteu 
des  Blasenbodens  zu  informireu,  vor  der  Anwendung  des  Harn- 
scheiders  zu  oystoskopiren.  Man  kann  diesen  Zweck  aber  dadurch 
nicht  mit  Sicherheit  erreichen,  da  die  Cystoskopie  bei  gefüllter, 
die  Anwendung  des  Harnscheiders  bei  absolut  leerer  Blase  vor- 
genommen werden  muß,  und  die  Configuration  des  Blaseninneru 
bekanntlich  vom  PüUungsgrade  wesentlich  abhängig  ist. 

Trotzdem  ist  die  vorherige  Cystoskopie  absolut  notwendig 
um  andere  Irrtümer  zu  vermeiden.  Bei  Hämaturie  z.  B.  würde 
auch  der  wiederholte  Nachweis  mit  dem  Harnsoheider,  daß  das 
Blut  nur  von  einer  Seite  herrührt,  die  Diagnose  nicht  wesentlich 
fordern,  da  die  Blutung  dann  sowohl  aus  einer  Niere  wie  aus 
einer  einseitigen  Blaseuaifection ,  z.  B.  einem  am  Ureterostium 
sitzenden  Papillom  herrühren  könnte.  Bei  Pyurie  könnten  ein- 
seitige Blasendarmfisteln  oder  einseitige,  mit  eitrigem  Urin  gelullte 
Divertikel  dieselben  Irrtümer  hervorrufen,  falls  die  Cystoskojiiu 
unterlassen  wird. 

Wenn  nun  also  ilio  Forderung  der  vorherigen  Cystoskopie 
kategorisch  gestellt  werden  muß,  dann  liegt  doch  .auf  der  Hand, 
daß  die  Anwendung  des  Luys'sohen  Instrumentes  eine  erhol)- 
licho,  unnötige  Belästigung  des  Patienten  mit  sich  bringt.  Will 
ich  die  Uroteren  katheterisiren ,  so  führe  ich  nach  Füllung  der 
Blase  das  Ureterencystoskop  einmal  ein,  kathetcrisiro  die  Uro- 
teren, ziehe  das  Instrument  heraus  und  lasse  beide  Uroteren- 
katheter,  die  absolut  keine  Belästigung  bei  ihrem  dünnen  Kaliber 
lier vorrufen,  liegen.  Der  Patient  kann  sich  dabei  ganz  ungenirt 
bewegen.  Will  ich  dagegen  den  Harnsoheider  anwenden,  so  muß 
ich  erst  die  Blase  anfüllen,  dann  das  Cystoskop  einführen  luid 
mich  über  den  Blasenbefnnd  informiren,  dann  die  Blase  wieder 
sorgfältig  mit  dem  Katheter  entleeren  und  nun  als  vierten  Ein- 
griff das  dicke  Luys'sohe  Instrument  einführen  und  bei  un- 
tieweglichor  Haltung  dos  Patienten  längere  Zeit,  ev.  eino  halbe 
Stunde  lang  und  länger,  in  der  Blase  liegen  lassen.  Daß  diese 
Art  der  Untersuchung  gerade  Jiicht  einfach  und  xait  genannt 
werden  kann,  liegt  auf  der  Hand. 


I.  Abteiluiiff.     Mediciiiische  Section. 


Man  wird  nun  einwenden,  es  giebt  .aber  doch  Fälle,  in  denen 
auch  der  goübteste  Speoiaüst  den  Ureterenkatheterismus  Jiioht 
zu  Stande  bringt. 

Gewiß,  das  sind  dann  aber  immer  Fälle  mit  abnorm  ver- 
ändertem Blasenboden  oder  mit  abnorm  reizbarer  Blase:  und 
diese  Fälle  sind  auch  für  deu  Harnscheider  durchaus  ungeeignet. 

Was  nun  noch  zum  Schlüsse  die  dem  Ureterenkatheterismus 
innnor  wieder  vorgeworfene  Infectionsgefahr  betrifft,  so  leugnen 
die  competentesten  und  erfahrensten  Untersucher,  z.  B.  Kümmoll 
in  Hamburg,  diese  Gefahr  vollkommen.  Kilmmell  bezeichnete 
auf  dem  letzten  Chirurgencongresse  seine  Erfolge  hinsichtlich 
der  aseptischen  Durchführung  des  Ureterenkatheterismus  bei 
vielen  Hunderten  von  Fällen  als  geradezu  glänzend.  Hin  und 
wieder  kommen  Infectionen  vor;  diese  aber  dem  Ureteren- 
katheterismus zur  Last  zu  legen,  ist  meiner  Ansicht  nach  durch- 
aus mibereehtigt;  denn  jeder  Urologe  wird  bei  schwer  infioirten 
unteren  Harnwegen  nach  Eingriffen,  die  den  Ureter  überhaupt 
nicht  betreffen,  z.  B.  nach  Sondirungen  der  Urethra,  schwere, 
acute  Infectionen  der  Niere  und  des  Nierenbeckens  erlebt  haben. 

Es  kommt  eben  hier  vor  allem  die  hämatogene  secundäre  lu- 
Ittction  der  oberen  Harnwege  in  Betracht. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  aber  ist  das  Luys'solie  In- 
strument als  ein  äußerst  gefährliches  zu  bezeichnen,  da  es  V>oi 
seinem  langen  Aufenthalt  in  der  Blase,  bei  seiner  Große  und 
Schwere  leicht  zu  kleinen  Verletzungen  der  Blasenschleimhaut 
füiiren  kann,  die  schwöre  hämatogene  Infectionen  der  oberen 
Harnwego  zur  Folge  haben  können. 

Derjenige  Krankheitserreger,  dessen  Verschleppung  in  die 
ol)oren  Haruwege  wir  am  meisten  zu  fürchten  haben,  der  Tuliorkcl- 
'liicillus,  hat  viel  von  seiner  Gefährlichkeit  in  dieser  Beziehung 
verloren,  seit  wir  durch  die  Untersuchungen  Baumgartens  und 
V.  Bruns  wissen,  daß  er  sich  nicht  dem  Flüssigkeitsstromo  ent- 
gegen vorbreitet.  Wenn  man  also  die  Vorsicht  gebraucht,  den 
Urotoronkathotor  nur  ein  kurzes  Stück  in  den  Ureter  vor- 
ausohieben,  so  würdo  naoli  diesen  Anschauungen  selbst  der 
etwaige  Import  von  TvLberkolbacillen  aus  der  Blase  in  den  Ureter 
keine  üblen  Folgen  nach  sich  ziehen. 

M.  H. !  Herr  Gottstein  hat  den  Luy.s'.schon  ilarnsegregalor 
inir  in  sehr  bedingter  und  roservirter  Weise  empfohlen  und  ich 
glaube,  wir  müssen  ihm  für  seine  Versuche  und  Mitteilungon 
dankbar  sein;    eine   weitere,    allgemoinero   Vorwendung   des  In- 


10  Jahreslierk'ht  der  SeUes.  CosoUscliaft  für  vaterl.  Cultur. 


Btnrmeuts  aber  in  der  urologisohen  Chirurgie  würde  meines  Er- 
aclitous  einen  Rückschritt  bedeuten. 

Herr  Loowenharrtf:  Die  Bestrebungen  den  Ureteron-Ksitho- 
torisiaus  durch  andere  Methoden  einzusühriiukeu  oder  zu  ergänzen 
sind  gewiß  berechtigte. 

Es  ist  dankend  anzuerkennen,  daß  Herr  Gottstein  wiederum 
die  Brauchbarkeit  des  Luys'schen  Haruscheiders  untersucht  hat. 
Er  hat  auch  gezeigt,  daß  es  möglich  ist,  aus  jeder  Seite  vor-- 
schiodenen  Urin  zu  erhalten. 

In  jedem  einzelnen  Falle  muß  sich  aber  ein  Zweifel  erhoben, 
ob  diese  Verschiedenlieit  auch  den  wirklichen  Verhältnissen  ent- 
spricht und  nicht  doch  eine  teilweise  Vermischung  eintritt.  Un- 
zweifelhaft muß  dieses  unangenehme  Ereignis  aus  anatomischen 
Gründen  öfters  eintreten,  also  nur  die  ganz  eindeutigen  Fälle, 
d.  li.  wo  auf  einer  Seite  normaler  und  auf  der  anderen  patholo- 
gischer Urin  zu  Tage  tritt,  wären  brauchbar. 

Aber  auch  in  diesen  Eällen  kann  ein  Irrtum  vorliegen,  indem 
z.  B.  bei  einer  einseitigen,  nur  wenige  Eiterpfropfe  abgcboiulon 
Erkrankung  zwar  auf  die  gesunde  Seite  wegen  der  dicken  Gon- 
sistenz  nichts  übertritt,  wohl  aber  von  der  gesunden  auf  die 
kranke  Seite  klarer  Urin  herüberläuft,  sich  mit  den  dicken  Eiter- 
pfropfen vermischt  und  nun  falsche  functionelle  Bestimmungen 
ergiebt,  wie  mir  ein  eolcher  Fall  bekannt  ist. 

Wir  sind  also  nioiiials  sicher,  ein  richtiges  Resultat  zu  er- 
halten. 

Herr  Gottstoin  hat  selbst  mit  Rocht  erwäiint,  daß  die  vor- 
herige Cystoskopie  notwendig  sei,  um  zu  bostimraon,  oli  der 
Diviscur  augelegt  werden  könne.  Mau  möchte  sagen,  daß  auch 
noch  nachher  stets  der  Ureteren-Kathetorismus  notwendig  ist, 
um.  zu  bestimmen,  ob  der  Diviscur  auidi  ein  richtigoy 
Resultat  ergeben  hat. 

Für  Frauen  halte  icih  den  Apjiarat  nooii  für  einen  Notbehelf, 
wenn  die  Blase  nicht  dio  für  den  Ureteren-Kathetorismus  notigo 
Capacität  besitzt. 

Beim  Manne  ist  von  allem  anderen  abgesehen  in  solchen 
Fällen  die  Einführung  viel  zu  schwierig  und  verletzend. 

Die  sogen.  Benirpo  Krümmung,  welche  als  orleichtonul  lür 
den  Gebrauch  des  Instrumentes  erwähnt  wurde,  liegt  nämlicli 
gar  nicht  in  dem  Teil,  dem  sie  sich  sonst  aocommodirt,  uändich 
der  liinteren  Harnröhre,  sondern  muß  in  die  Blase  gebracht 
werden,  was  bei  Männern  nicht  ohne  Schwierigkeiten  ist  und 
mindestens  eine  stärkere  Füllung  wünschenswert  macht,  um  mit 


[.  Abtolliiiig.     Moiliciiiischo  Section.  11 

der  Ivrüraraung  nicht  die  Blasenwand  beim  Einführen  zu  stark 
zu,  drücken. 

Der  in  meinem  Besitz  befindliche  Luys'sche  Harnscheidcr 
zei<;hnet  sich  zwar  durch  geringes  Caliber  aus  (Charriero  21),  ist 
aber  docli  unter  anderem  für  den  Mann  eine  große  Belästigung. 

Das  Caliber  der  üreteren- Cystoskope  ist  neuerdings  auch 
sehr  reducirt  worden. 

Ich  habe  ein  üreteren- C^'stoskop  mit  einem  Umfang  von  nur 
18  mm  und  30  .cm  verwendbarer  Sohaftläuge  anfertigen  lassen, 
welches  besonders   sich  für  Prostatiker  vorteilhaft  erwiesen  hat. 

Für  die  Infectionsfrage  halte  ich  das  Trauma  des  Harn- 
scheiders  für  viel  schwerwiegender  als  alle  gegen  den  Uretoren- 
Katheterismus  geäußerten  Bedenken,  Auch  in  der  Litteratur  ist 
von  den  verscliiedensten  Seiten  aus  der  Harnsclioider  ungünstig 
beurteilt  worden. 

Immerhin  ist  es  nicht  unwichtig,  wie  Herr  Gottstein  beab- 
sichtigte, nach  Ergänzungsmittelu  für  den  Ureterenkatheterisraus 
zu  suchen. 

Ich  möchte  auf  die  von  Voelcker  und  Joseph  iu  der 
Heidelberger  chirurgischen  Klinik  angewandten  Indigokarmin-In- 
jcctionen  hinweisen,  wodurch,  wie  ich  mich  überzeugte,  man 
KwoifelloB  unter  Umständen  die  Localisation  sonst  schwer  erkenn- 
barer Ureterenmünduugen  an  dem  Blau-Urinstrahl  feststellen  kann. 

In  wie  weitem  Umfange  aber  der  Ausscheidungstypus  Rück- 
Kclilüsse  auf  die  Nierenfunctionen  erlaubt,  wie  diese  Autoren 
angeben,  darüber  möchte  ich  mich  noch  zurückhaltend  äußern. 

Herr  Carl  Alexander:  Am  Schlüsse  seines  eingelienden 
Vortrages  hat  Herr  Gottstein  die  Vorteile  und  Nachteile 
des  Luys'schou  Harnseparators  abgewogen  und  ist  dabei  zu 
einer  Bewertung  dieses  Instruments  —  im  Gegensatz  zum  Ure- 
toren-Katheter  —  gelangt,  welcher  ich  nicht  beipflieliten  kann. 
Auch  ich  möchte,  im  Einklänge  mit  den  Collegen,  welche  soeben 
ihre  Bedenken  geäußert  haben,  feststollen,  daß  das  Luys'sche 
Instrument  die  wesentliche  Forderung,  nämlich  die  sichere 
Trennung  der  Harnportionen  der  beiden  Nieren,  iu  vielen  Fällen 
durchaus  nicht  erfüllen  kann.  Es  genügt  ein  Blick  in  Nitzos 
«'ystophotographischen  Atlas  (den  ich  zum  besseren  Verständnis 
herumgebe),  insbesondere  auf  die  Bilder  des  ITlaseuinneru  bei 
Prostatahypertrophie,  um  das  zu  erweisen.  Die  Unebenheiten 
des  Niveaus,  die  Buclitungen  und  Falten  der  „A'cßsie  ä  colouncs", 
die  tlivortikelartigen  Vertiefungen,  wclclio  durcdi  stark  vor- 
springende Muskelbalken  überljrückt    werden,    bedingen,    sobald 


Jaliresbericlit  der  Scbles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Oultiir. 


dcas  Instrument  auf  einen  oder  mehrere  solcher  Balken  zu  liegen 
kommt,  die  Unmöglichkeit,  sich  der  Form  der  Blase  derartig  an- 
zufügen, daß  eine  Communication  zwischen  rechter  inid  linker 
Blasenhälfte  ausgesohlosson  werden  kaini;  vor  allem  ist  dei' 
„RocesBus  prostatae"  in  der  Blase  in  Form  und,  Größe  so  viol- 
ycstaltig,  daß  das  starre,  in  seiner  Krümmung  festgelogto 
Luys'sche  Instrument  sicher  nicht  in  jedem  Falle  zur  Trennung 
in  zwei  Hälften  genügen  würde.  Hierzu  kommt  die  knotenförmige 
Verdickung  unil  Wulstung  des  Orilicium  internum  in  ihren  bi- 
zarren, in  den  einzelnen  Fällen  so  ungleichen  Bildern,  (s.  Nitzo- 
schcr  Atlas),  durch  welche  die  Richtung  des  eingeführten  In- 
struments von  der  Medianlinie  leicht  abgelenkt  werden  kann. 
Der  von  Luys  empfohlene  und  von  Herr  Gottstein  angenouunonc 
Hilfsgriff:  vom  ßectum  aus  die  Blase  gegen  das  Instrument  an- 
zudrücken, erscheint  mir  sehr  bedenklich;  nach  Vorschrift  soll 
ja  der  Separateur  etwa  eine  halbe  Stunde  in  der  Blase  liegen 
bleiben,  und  es  dürfte  dann  diese  Manipulation  für  den  Arzt 
nicht  angenehm  und  für  den  Patienten  nicht  sehr  dienlicii 
sein.  Man  unterschätze  hierbei  die  Gefahr  des  Traumas  nicht! 
Aber  noch  mehr;  bekanntlich  führen  starke  Reizungen  der 
Urethra  posterior  und  der  Blase  reflectorisch  zu  Aenderungou 
der  Niereufunotion  und  unter  Umständen  zur  Eiweißabsondorung 
aus  einer  sonst  gesunden  Niere;  und  so  kann  mau  dann  leicht 
zu  falschen  Schlüssen  kommen,  die  unser  therapeutisches  Handeln 
in  falsche  Bahnen  lenken. 

Auf  dioAnomalion  des  Ureters  (boideUretercn  auf  einer  Seite  etc.) , 
wch.'.ho  weitcrliin  die  Kichoriioit  dos  öoparateurs  beeinträchtigen, 
wdl  ich,  da  Herr  L  ö  w  eu  hard  t  uiul  Herr  H  irt  darüber  gesprochen 
JKiben,  nicht  mehr  eingehen.  Nun  hat  Herr  Gottstoin  zugegeben, 
daß  joder  Benutzung  des  „Separateurs"  die  Cystoskopio  voran- 
gehen müsse.  Ja,  wozu  daim  noch  die  für  den  Patienten  schmerz- 
hafte und  des  Traumas  wegen  riskante  Umwochselung  der  Instru- 
mente':' Dann  führe  man  doch  lieber  gleich  das  Uretorencystoskop 
ein,  welches  zudem  handlicher  und  dünner  als  der  Luys'schö 
Segtogator  ist,  und  katheterisire  dieUretercn  oder  den  einen  Ureter! 
Die  Behauptung,  daß  auch  dieser  Methode  noch  gewisse  Mängel  an- 
haften, trifft  in  gewissem  Sinne  zwar  zu;  aber  sie  liefert  wenigstens 
sicherere  Resultate.  Denn  wenn  auch,  wie  es  öfters  vorkommt, 
Harn  aus  dem  Harnleiter  neben  dem  Katheter  vorbeilließt,  ist 
man  wenigstens  sicher,  in  domjenigou  Teil  des  Harns,  der  durch 
den  Ureterkatheter  abfließt,  wirklich  nur  den  Harn  der  einen 
Niere  au  haben.  Don  Vorwurf,  den  Herr  Gottstoin  erhobt,  daß  der 


t.  Ablöiluiig      Medicinisclui  Scclidii. 


la 


TTrotci'kiit.hoter  sich  so  häufig  veratopfe,  kann  ich  nicht  anorkeniioii. 
Moiatüiis  handelt  es  sich  dal^ei  nicht  um  Verstopfung,  soiuloni 
uin  ein  Plineingelangeu  des  Katheterendes  in  eine  Tasche  oder 
um  eine  Aspiration  der  erschlafften  Wandung  an  der  StoUö 
des  Katheterauges,  Verlmltnisse,  die  ja  z.  ß.  auch  beim  einfachen 
Katheteriamus  der  Blase  gelegentlich  eintreten  und  eine  Ver- 
stopfung oder  eine  leero  Blase  vortäuschen.  In  solchen  fallen 
genügt  eine  geringe  Drehung  oder  Zurüokjiiehung  oder  andere 
Lageanderung  dös  Katheters,  um  die  Schwierigkeit  zu  iil)orwindon. 
Freilich,  eine  gewisse  Technik  gehört  hierzu,  und  das  iiat  Herr 
Gottstein,  Luys  folgeud,  auch  als  einen  Grund  angoflihrt,  mn  dorn 
Luys'achon  Instrumente  den  Vorzug  zu  geben.  Es  geht  aber, 
meines  Eraclitens,  nicht  an,  ein  derartiges  Moment  zum  Kriterium 
der  Brauchbarkeit  einer  Methode  zu  machen. 

Die  von  rair  erhobenen  Einwiinde  richten  sich  n.'itürlich 
durclMuia  nicht  gegen  Herrn  Gottstoin  persönlich;  im  Gegen- 
teil, ich  meine,  wir  können  ihm  nur  dankbar  sein,  (lall  er 
das  Luys'sche  Instrument  aus  Paris  mitgebracht  und  uns  die 
Gelegenheit  gegeben  hat,  uns  darüber  auszusprechen.  Er  wird 
OS  uns  aber  nicht  verargen  dürfen,  wenn  wir  auf  Grund  eigener 
Erwägung  diesem  Harnseparator  nicht  denjenigen  Wort  beinu^Haen, 
welclien  er  in  den  Augen  seines  Erfinders  besitzt. 

Herr  Riegner:  Den  Harnsegregator  vonCatholin  kann  iih 
nach  den  Erfahrungen  auf  meiner  Abteilung  leider  gar  niclit 
empfohlen.  Es  hat  sich  niol\t  nur  unbrauchbar  erwiesen  zur 
Bicheren  Trennung  des  Harnes  aus  beiden  Nieren,  sondern  ist 
aiu'.h  nicht  einmal  als  ein  ungefährliches  Instrument  zu  bezeichnen. 
In  einem  Falle  ist  der  die  Kautschuckmeinbran  anSB]>annendö 
Draht  in  der  Blase  gebrochen  und  ich  hatte  die  größte  Mülie, 
duM  Instrumont  ohne  größere  Schädigung  der  Harnröhre  wieder 
herauszubekommen.  Glücklicher  Weise  iat  dem  Patienten  ein 
dauernder  Nachteil  daraas  nicht  erwachsen. 

Ich  freue  mich,  aus  den  Mitteilungen  dos  Herrn  HotiHtein 
zu  ersehen,  daß  ihm  mit  dem  Luys 'seilen  Segregator  docii  in 
mehreren  Fällen  eine  sicliere  Hari\acheidung  gelungen  ist.  Daß 
es  wünschenswert  wäre,  durch  weitere  Verbesserungen  des  In- 
struments einen  guten  Ersatz  für  den  Harnleiterkatheterismus 
zu  bekommen,  erscheint  mir  schon  deshalb  gerechtfertigt,  weil  es 
immer  Fälle  geben  wird  (und  icli  selbst  habe  deren  mehrere  ge- 
sehen), in  denen  es  auch  einem  sehr  geübten  Specialisten  nicht 
gelingt,  die  Ureteren  zu  sondiren. 


Jahresbericht  der  Schles.  GeselLscliaft  für  vatorl.  Cultur. 


Ilerr  Güttstein:  Es  war  vorauszusehen,  daß  der  Luys'sohe 
Harnscheider,  der,  wie  ich  ausführlich  auseinandergesetzt  habe, 
eine  Anzahl  von  Nachteilen  besitzt,  starke  Anfeindungen  von 
Seiten  der  Speoialisten  finden  würde. 

Der  Hauptzweck,  dem  Harnscheider  als  Untersuchungsmethode 
seine  Berechtigung  zu  verschaffen,  liegt  darin,  die  Untersuchung 
des  gRtrennt  aufgefangenen  Urins  auch  dem  Niohtspecialisten  zu 
ermöglichen,  insbesondere  dem  Chirurgen  und  Internen. 

Icli  habe  ausdrücklich  in  meinem  Vortrage  betont,  daß  nur 
dann  das  Resultat  de.s  Ltiys 'sehen  Harnscheiders  als  maßgebend 
angesehen  werden  darf,  wenn  sich  ein  characteristischer  Unter- 
schied zwischen  den  Urinen  der  beiden  Seiten  ergiebt,  sei  es  in 
der  Farbe,  der  Reaction,  dem  Albumengehalt,  der  kryoskopischen 
Untersuchung,  der  electrischen  Leitfähigkeit,  der  Methylenblau- 
Untersuchung,  dem  Zuckergehalt  naüh  Phloridzininjectionen  eic, 
anderenfalls  müßten  wir  zum  Uretereidtatheterismus  zurück- 
greifen. 

Allein  die  neuesten  Untersuchungen,  inabesondere  die  von 
Kapsammer  haben  das  Resultat  ergeben,  daß  auch  durch  den 
Ureterenkatheterismus  selbst  bei  Einführung  von  zwei  Ureteren- 
knthetern  —  die  Berechtigung  der  Einführung  auch  in  den  gesunden 
Ureter  ist  bekanntlich  eine  umstrittene  —  für  die  funotionello 
Untersuchung  nur  in  einem  gewissen  Prooentsatz  der  Fälle  sich 
ein  einwandsfreies  Resultat  ergiebt.  Nur  der  Nachweis  der 
anatomischen  Erkrankung  ist  mit  Sicherheit  möglich. 

Was  die  Bemerkungen  des  Herrn  Geheimrat  Riegner  über 
den  Cathelin'schen  Diviseur  betrifft,  so  bin  ich  ausführlich 
darauf  eingegangen,  daß  nach  meiner  Ansicht  dieses  Inatrumont 
aus  verschiedenen  Gründen  keine  Verwendung  finden  sollte. 

Wenn  weiterhin  Herr  Dr.  Hirt  darauf  aufmerksam  gemacht 
hat,  daß  Anomalien  des  Blasenbodcns  vorkommen  können,  daß 
ferner  Blutungen  der  Blase  sich  von  Blutungen  der  Niere  duich 
den  Harnscheider  nicht  unterscheiden  lassen,  so  bin  ich  in  meiiKMU 
Vortrage  gerade  auf  diese  Punkte  so  ausführlich  eingcgang(>,n, 
daß  ich  nur  nochmals  darauf  verweisen  kann. 

Daß  Blutungen  durch  den  Separateur,  wie  Herr  Dr.  Hirt 
behauptet  hat,  und  wie  auch  Herr  Dr.  Loewenhardt  meinte, 
viel  schwerwiegender  sind,  als  die  durch  den  Ureterenkathetor, 
kann  ich  nicht  zugeben;  ein  richtig  und  vorsichtig  eingelegter 
L\iys'scher  Diviseur  sollte  noch  viel  weniger  Blutungen  hervor- 
rufeii  !ils  ein  Ureterenkathetor. 

Weini   Herr  Dr.  Loewenhardt   an    einem    bestimmten   Fall 


1.  Abteilung.     Modicinisclio  Seotion.  15 


exempliticiron  will,  «laß  bei  einem  auf  der  einen  Seite  normalen, 
auf  der  anderen  Seite  pathologischen  Urin,  dieses  scheinbar 
hranohbare  Resultat  docli  ein  irrtümliches  ist,  so  mnl.i  ich  ihm 
darin  entgegentreten.  In  jenem  Falle  lagen  die  Verhältnisse  so, 
dat'i  auf  der  einen  Seite  ein  völlig  normaler  klarer,  intensiv  gelb 
gefärbter  Urin  entleert  wurde,  während  auf  der  anderen  Seite 
nvir  wenige  Tropfen  einer  stark  getrübten,  Eiter  enthaltenden, 
aber  ganz  weißen  Flüssigkeit  ohne  jedem  Farbstoff  entleert  wurde. 
Es  erscheint  mir"  nicht  recht  angängig  anzunehmen,  dali  in  einem 
solchen  Falle  Urin  von  der  gesunden  Seite  auf  die  kranke 
liorübergelioasen  ist,  denn  dann  müßte  sich  auch  auf  der  kranken 
Seite  eine  gewisse  Gelbfärbung  des  Urins  zeigen. 

Ich  glaube,  es  hat  nicht  viel  Zweck,  auf  die  einzelnen  Punkte 
nochmals  näher  einzugehen,  da  ich  fast  an  allen  Punkten,  die 
von  den  Herren  Vorrednern  bemerkt  worden  sind,  bereits  in 
meinem  Vortrag  Kritik  geübt  habe. 

Den  besten  Beweis  dafür,  wie  ausgezeichnet  das  Instrument 
wirkt,  mögen  Ihnen  hier  diese  Nieren  geben,  die  ich  mir  erlaube 
Ihnen  herumzugeben.  In  dem  einen  Fall  handelt  es  sich  um 
eii\en  Nierentumor,  ein  Hypernephrom,  in  dem  anderen  um  einen 
Fall  von  Nephrolithiasis  mit  enormen  Steinen,  bei  dem  auf  Grund 
der  Untersuchung  mit  dem  Harnscheider  die  Nephrectomie  aus- 
geführt worden  ist.  Beide  Fälle  sind  ohne  jede  Störung  ver- 
laufen. 

Betonen  möchte  ich  nochmals,  daß  der  große  Vorzug  des 
Luys'sohen  HarnBchciders  vor  dem  Urelerenkatheterismus  der 
ist,' daß  das  Instrument  seihst  völlig  sterilisirbar  ist,  daß  dasselbe 
niemals  eine  Infeotion  eines  höher  gelegenen,  noch  gesunden 
Organs  hervorrufen  kann,  und  daß,  worauf  es  hauptsächlich  an- 
kommt, das  Instrument  ohne  jede  Schwierigkeit  und  ohne  große 
techni.sche  Erfalirung  und  Hebung  zu  gebrauchen  ist,  so  daß  es 
eine  Emancipation  dos  Chirurgen  und  Internen  Von  dem  S|iei'ia- 
liatcn  bedeutet. 

Das  ist  der  Hauptgrund  für  mich  gewesen,  den  Versuch  tm 
machen,  den  Harnscheider  als  eine  neben  dem  Urctercnkathrtev 
wohl  herechtigto  Methode  zu   empfehlen. 

Herr  Neisser  und  Herr  Halberstaedtftr :  Mitteihmgeii  über 
die  Lichtbehandlung  nach  Finsen  und  Dreyer. 

Herr  Neisser:  Die  Ltchttherapie,  wie  sie  von  Finsen  aus- 
gebildet ist,  beruht  auf  drei  Eigenschaften  des  Lichtes,  der 
bacteriontötenden,  der  entzündungserregenden  und  der  Fähigkeit 
in   das   Gewebe    einzudringen.     Was    die    beiden    ersten   Eigen- 


16  JiihreHhericJil,  (]ei-  ßcliles.  Öes(!l^cliaft  f(ii-  vaterl.  Culliir. 

sohiil'teii  bütrifft,  so  sind  dieselben  schon  lange  liokiiinit  iiiul 
koinmon,  wie  durch  eiucg  roße  Aiiüahl  von  Experimenten  evwii'Sfii 
iMl,,  allen  Strahlen  des  Spectrums  iüu,  den  Strahlen  des  lolen 
Endes:  rot,  orange,  gelb,  grün  jedoch  in  nur  sehr  geringem  MaÜt^, 
den  Strahlen  des  blauen  Endes:  blau,  violett  dagegen  in  aohi' 
hohem  Grade,  weitaus  am  intensivsten  jedoch  den  idtraviolelton 
Strahlen.  Auf  Grund  dieser  Tiiatsaohen  wählt  Finson  ein  au 
ultravioletten  Strahlen  reiches  Licht,  das  ist  das  electrisclie 
Bogenlicht,  und  ooncentrirt  die  Strahlen  durch  QuarsiconcentratioiiM- 
apparate,  um  die  ultravioletten  Strahlen  zu  erhalten.  Ebenso  wie 
Finsen  haben  sich  aucli  andere  Lichttherapeuten  stets  bemüht, 
möglichst  ultraviolette  Strahlen  zur  Behandlung  zu  verwendon.' 
Was  die  dritte  oben  erwähnte  Eigeuscliaft  dos  Liciites  bctrift't, 
so  ^koramt  dieselbe  auch  nicht  allen  Strahlen  des  SpcclrumM  in 
gleichem  MaUe  zu;  hier  verhalten  sich  dieselben  aber  gerade  inii- 
gekehrt,  wie  bezüglich  der  entzündungserregenden  und  bacteri- 
ciden  Eigenschaften,  d.  h.  gerade  die  am  meisten  wirksamen 
ultravioletten  Strahlen  haben  so  gut  wie  gar  keine  Penetratioiu- 
kraft,  wcährend  die  fast  unwirksamen  roten,  gelben,  grtinen 
Str.ahlen  eine  sehr  große  Penetrationskraft  besitzen.  Nun  hat 
Dreyer  in  Kopenhagen  gefuuden,  daß  man  ßacterien  und  In- 
fusorien durch  Behandlung  mit  Erythrosiu  für  gelbe  und  grüne 
Lichtstrahlen,  die  sonst  beinahe  völlig  ohne  Einfluß  auf  dieselben 
sind,  sehr  empfindlich  machen  kann,  ebenso  wie  man  eine  photo- 
gi'aphische  Platte  durch  dieselbe  Lösung  für  die  sonst  nnwirk 
samen  roten,  gelben,  grünen  Strahlen  sensibilisircn  kann.  D  reyer 
liat  weiterhin  gezeigt,  daß  sich  auch  tierisclie  Gewebe  dundiLi- 
jection  einer  Erytlirosinlösung  (1  :  1.000)  für  gelbe  uiul  grtinj 
Strahlen  sensibilisircn  ließen,  so  daß  sie  auf  diese  Str.ahlen  dann 
ebenso  reagirten,  als  normale  Gewebe  auf  ultraviolette  Straldcn. 
Auf  diese  Weise  wird  das  Mißverhältnis  zwisolien  WirksamkoÜ 
und  Penetrationskraft,  das  bisher  bestand,  ausgügliohcn,  d(Mni  >-u 
mt  ilnrch  die  Sonsibilisirung  möglich,  stark  penetrirende  und 
wirksame  Strahlen  ku  benutzen.  Es  ist  also  durcli  diont^  Knt 
dcckung  ein  ungeheurer  Fortschritt  auf  dem  (^el)ictc  der  Licht- 
iJierapie  gemacht  wordou. 

Herr  Halberstaedter:  Durch  eine  Anzahl  von  UntcrHuclumgen 
lionnl.Mi  die  Dreyer'achen  Angaben  bestätigt  werden.  Was 
l)esonder8  die  Einwirkung  des  Lichtes  auf  tierische  und  mensch 
lieh.;  Haut  betrifft,  so  zeigt  die  histologisclie  Untersuciinng,  daß 
man  an  sensibilisirtor  Haut  eine  Liohtwirkung  noch  in  'l'iefen 
oriialten    kann,    in  denen  sie  bei  normalen  Geweben  nie  zu  con- 


I.  Abteilung.    Medicitiischo  Soction.  l7 


sl.alirtMi  ist,  iiinl  (i:iü  diese.  Einwirkung;  beruitjS  iincli  beclovitend 
kürzerer  Zeit.  iMiitrilL.  Forner  ist.  es  iiiöglioh,  durch  Sensihili- 
airiing  mir  der  tieferen  Schichten  eine  Wirkung  auf  diese  zu  ho- 
kommen,  ohne  die  darüber  gelegene  Haut  stärker  zu  schädigen, 
was  man  bei  keiner  anderen  Behandlung  mit  Strahlungen  (Röntgen, 
Radium,  gewöhnliche  Pinsenbehandlung)  erreichen  kann.  Dia 
Resultate  der  therapeutischen  Versuche  mit  dieser  Methode,  die 
nicht  nur  an  Lvtpus,  sondern  auch  au  den  früher  einer  Licht- 
therapie völlig  unzugänglichen  tiefer  gelegenen  tuberoulösen  Pro- 
cessen: Sorophuloderma,  tuberculösen  Lymphdrüsen  und  bei 
Carcinom  der  Haut  versucht  wurde,  lassen  sich  zur  Zeit  noch 
nicht  absehen,  doch  läßt  sich  aus  der  Stärke  der  Reaction  und 
ihrem  Verlauf  schließen,  daß  dieselbe  wirksamer  und  energischer 
zu  sein  scheint  als  bei  der  gewöhnlichen  Finsenbehandlung.  Die 
zu  behandelnde  Stelle  wird  mit  einer  Iprom.  Lösung  von  Ery- 
throsin  in  0,85  pOt.  Kochsalzlösung  mittels  Schleich'scher  Spritze 
infiltrirt  und  2 — 5  Stunden  später  mit  der  Finsonlampe  10  bis 
20  Blinuten  belichtet. 

Herr  F.  Henke:  Demonstration  von  doppBlseitigen  Cysten- 
nieren  mit  gleichzeitiger  Cystenbildung  in  Leber  und  Pankreas. 

Der  Vortragende  erinnert  an  einen  von  ihm  vor  drei  Jahren 
demonstrirten  Fall  von  Cystennieren  und  sehr  fortgeschrittener 
Cystenleber  bei  einem  Neugeborenen  (Allg.  Itfed.  C.-Ztg.,  1902, 
No.  5).  Der  damalige  Fall  wurde,  auch  nach  dem  Ergebnis  der 
mikroskopischen  Bearbeitung,  als  eine  Entwioklungsstörung  auf- 
gefaßt, unter  eventueller  Mitwirkung  einer  intrauterinen  Ent- 
zünilung.  Die  Benennung  GrCfeohwulst  für  den  ganzen  Vorgang 
(Hufschmidt-Nauvperok,  v.  Kahlden,  Borst,  Borrmann) 
möchte  Vortr.  nicht  für  ganz  zutreffend  halten,  da  die  Wucherungs- 
erscheinungen doch  zum  Teil  zurücktreten.  Es  wäre  viel- 
leicht richtiger,  den  ganzen  Proceü  mehr  den  Mißbildungen  an- 
zugliedern. 

Indes  soll  nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  daß  die  in  Rede 
stehenden  Cystenbilduiigen  vielleicht  das  Produot  sehr  verschieden- 
artiger Vorgänge  sein  können  und  die  Aetiologie  keine  einheit- 
liche ist, 

Es  hat  aber  Manches  für  sich,  anzunehmen,  daß  die  ätio- 
logischen Momente  alle  in  eine  frühe  Entwicklungsperiode  zu 
verlegen  sind. 

Die  vorliegenden  Präparate  stammen  von  einem  48jährigen 
Mann,  der  zwei  Tage  vor  seinem  Tode  mit  den  Erscheinungen 
'■-hies    apoplectiachen   Insultes    in    das   Allerheiligenhospital    auf- 


18  Jahresbericht  clor  Soiilfis.  Gosellaohaf't  für  vaterl.  Gultnr. 

genommen  worden  war.  Die  Obduction  bestätigte  diese  Annahme. 
Als  unerwarteter  Befund  —  der  Mann  hatte  nur  ganz  geringe 
Mengen  EiweiLi  im  Drin  und  sollte  bis  daliin  immer  gesund  ge- 
wesen sein  —  ergab  sieh  I)eiderseit8  eine  sehr  fortgeschrittene 
Cystenniere.  Nur  eine  mäßige  Hypertrophie  und  Dilatation  des 
linken  Ventrikels  wifs  darauf  hin,  daß  die  Nioreuaffeotion  doch 
nicht  ganz  ohne  Folgen  für  den  Gesamtkörper  geblieben  war. 
Man  könnte  auch  entfernt  daran  denken,  ob  nicht  eine  gewisse 
Gefäßschädigung  durch  das  urämische  Gift  mit  zu  der  verhältnis- 
mäßig frühzeitigen  Apoplexie  beigetragen  haben  möchte. 

Die  in  mächtige  Cystenconglomerate  verwandelten  Nieren 
enthalten,  wie  das  herumgereichte  mikroskopische  Präparat  zeigt, 
doch  noch  mehr  erhaltenes  Nierengewebe,  als  der  makroskopische 
Eindruck  es  erwarten  ließ.  Die  Nierenbecken  sind  nur  gering- 
fügig erweitert,  die  Ureteren  von  normaler  Weite.  In  der  Leber 
eine  größere  Zalil  meist  an  der  Oberfläche  gelegener  kleinerer 
und  größerer  Cysten  mit  einem  serösen  Inhalt.  Das  Besondere 
unseres  Falles  ist,  daß  gleichzeitig  auch  im  Pankreas  eine  An- 
zahl glattwandiger  Cysten  von  durclisohnittlioh  Kirschgroße  sich 
fanden,  auch  mit  einem  serösen  Inhalt  erfüllt.  Besondere  mecha- 
nische Momente  für  die  CystenVjildung,  Narben  oder  Steinbildung 
im  Ductus  pancreaticus  ließen  sich  auch  hier  nicht  nacliweisen. 
—  Das  mu](ij)lo  Auftreten  der  GystenbiJilung  in  diesem  Falle, 
außer  in  den  Nieren  und  der  Leber  auch  noch  im  Pankreas, 
scheint  mir  doch  sehr  für  die  Annahme  einer  Entwicklungsstörung 
mit  einer  gemeinsamen  ürsaelie  (fölalo  Entzündung?)  zu  sprechen, 
und  dagegen,  den  ganzen  Proceß  als  eine  echte  Geschwulstbildung 
aufzufassen.  —  Die  nähere  liistologische  Untersuchung  des  Falles 
soll   folgen. 

Heir  V.  Mikulicz:  Deinoiisiration  eines  mii<e!s  Oesophago» 
toinis  eiill'vnileii  Fr(Miidkör|»iM'S. 


Sitzung  vom    ti.    Februar   190.3, 
Vorsitz.:     FTerr  Ponfiok.    —   Schi'iftf. ;   Herr  Partsch. 

Herr  Roseiil'cld:    Praxis  der  EiUMtungskiir. 

Der  Vortragende  definirt  die  Fettleibigkeit,  olnie  Fälle  von 
vermindeiter  protoplasmatischer  Oxydationsenergie  ganz  aus- 
zuschließen ,  als  durch  Uebermaß  der  Zufuhr  erworbenen  Fett- 
ansatz. Diese]'  Fettansatz  kann  nicht  auf  das  Eiweiß  der  Nahrung, 
muß  vielmehr  auf  deinen  Ft-tlo  und  Kohlenhydrate  zurückgeführt 


Alil.fiiliiiig.     Mpdioiiiisohe  Seolinn. 


werden.  Die  beiden  Nahruiigsstoffo  sind  für  die  Fettbildung 
nicht,  allein  nach  ihren  calorischen  Energien  zu  werten:  denn 
Fett  sei  diejenige.  Substanz,  welche  am  leichtesten  Fettansatz  be- 
wirke. Hierfür  führt  Rodnor  die  stärkere  Fettbildung  in  Hof- 
m  a  n  n  s  Speckversuch  gegenüber  dem  W  e  i  s  k  e  'sehen  Kohlenhy  drat- 
mastverauehe  als  Beweis  an;  die  Sparwirkung  auf  Eiweiß,  welche 
andererseits  die  Kohlenhydrate  kennzeichnet,  illustrirt  ein  eigener 
Versuch  an  kartoffelgenährteii  Eiiteu,  die  in  der  Hauptsache  Eiweil,! 
angesetzt  hatten".  Der  Grund  dieses  Unterschiedes  in  der  Wirkung 
wird  in  der  leichteren  Oxydation  der  Kohlenhydrate  gegenüber 
^^en  Fetten  gesehen.  —  Die  Mittel  zur  Verminderung  übertriebenen 
Fettgehaltes  bestehen  in  Nahrungsbeschränkung,  Dabei  wird 
erstrebt,  den  Eiweißbestnnd  möglichst  zu  wahren.  Eiweißverluet 
ist  entweder  zu  vermeiden  oder.nur  unbedeiitend,  wenn  das  Ent- 
fettungstempo nicht  zu  rapid  ist,  etwa  150  g  Körperwichts- 
abnahme pro  die.  Ein©  wirkliche  Einsicht  in  die  N-Bilanz  geben 
nur  vollständige  Stoff'wechselversuohe,  die  Dapper'sohen  Stich- 
prob(!n  reichen  bei  den  großen  Schwankungen  der  N-Bilanz  nicht 
aus.  Die  Eiwoißmengeu  für  Entfettungskureii  sind  für  Muekel- 
schwaoho  90—100  g  pro  die,  für  Musoulösero  120—130  g.  Mehr 
Eiweiß  in  der  Nahrung  führt  zwar  vielleicht  zum  Ansatz  von 
Eiweiß,  der  aber  zu  seinem  späteren  Foi'tbestehen  wieder  große 
Mengen  von  Eiweiß  verlangt  und  so  zur  Polyphagie  führt.  Als 
Nebetdcost  haben  die  schwerer  fettbildenden  und  voluminösen 
Kohlenhydrate  den  Vorzug  vor  den  Bchleoht  zu  dosirondon  Fetten, 
liesonders  sind  Kartoffeln  sehr  zu  empfehlen.  Die  Ent/.ichnng 
von  Wasser  ist  für  den  Zweck  der  Entfettung  ganz  wirkuuga- 
lo8 :  in  keinem  Versuche  von  Wasserentziehung  ohne  Nahrungs- 
beschränkung ist  etwas  anderes  als  nur  geringer  Eiweiß- 
verlust ohne  joden  Fettschwund  und  starke  Wasserehibuße  zu 
beobachten  gewesen.  Die  Wasser  -  Beschränkung  ist  also  nur 
eine  Entwässerung  des  Körpers ,  die  liei  mangelnder  Herzkraft, 
leichter  H3'dropsie  oft  gute  Dienste  leistet.  Bei  rein  fettleibigen 
Personen  ohne  Hydropsie  ist  gerade  durch  die  reichliche  Zufuhr 
kalten  Wassers  eine  Fettschmelzung  zu  erzielen:  da  zur  Er- 
wärmung und  Austreibung  des  kalten  Wassers  pro  Liter  ca.  3  g 
Fett  verbrarnit  werden  müssen.  Das  Wasser  muß  vor  der 
Mahlzeit  genommen  werden,  damit  durch  die  Erfüllung  des 
Magens  mit  dem  kalten  Wasser  der  Magenraum  für  die  Auf- 
nahme consistenterer  Speisen  beschränkt  werde.  Aus  demselben 
Zwecke  werden  möglichst  dünne  Suppen  in  reichlicher  Menge 
empfohlen. 

2* 


20  Jahi'esiioi'iclit  der  ScLles.  Gesollsdiaa  Cdr  vateii.  Oiiltur. 

Das  Eegitne  kann  die  verscliiedensten  Formen  haben;  eine 
sehr  zweckmaüige  ist  die  folgende:  außer  Kaffee,  Thee  werden 
2  Liter  kalten  Wassers  pro  die  vor  den  Mahlzeiten  zu  nehmen, 
ordinirt,  dazu  250  g  (roh  gewogen)  gekochten  Fleisches,  etwas 
Kcäse  und  800—1200  g  Kartoffeln,  Salate,  gekochte  grüne  Gemüse. 

Muskelbewpgung  ist  mit  Auswahl  zu  ordiniren:  bei  denjenigen 
Patienten,  welche  nach  einem  Spaziergang  von  einer  Stunde,  der 
13  g  Fett  consumirt,  mit  erhöhtem  Appetit  heimkehren,  diesem 
Appetitnicht  wi<ler8tehen  können  und  viel  mehr  als  die  abgearbeiteten 
13  g  Fett  eonBumirt,  ist  sie  zunächst  nicht  augezeigt.  Auch  ist 
Bettruhe  keine  Ersohweiung  der  Entfettung,  Gymnastik  bei  Ueber- 
wachung  der  ELUeistung  ist  vorteilhaft  für  die  Schulung  der  Mus- 
en latur. 

Es  wird  Wert  darauf  gelegt,  daß  häufig  kleine  Zwischen- 
roahlzeiten  ohne  wesentliolien  calorischen  Inhalt  und  immer  mit 
reichlichen   Mengen  kalten   Wassers  genossen   werden. 

Disoussion: 
Herr  R.  Stern  betont,  daß  hei  Fettleibigen  häufig  außer  der 
Indication  der  Entfettung  auch  eine  solche  der  Entwässerung 
besteht.  Dies  gilt  namentlich  von  solchen  Patienten,  die  jahre- 
lang gi'oße  Mengen  alkohnlischei'  Flüssigkeiten  zu  sich  genommen 
halieii.  Hier  wirkt  eine  voi'.sich  ti  «i'  und  milde  l{nn<' h  riui  k  u  ng 
dei'  Flüssigkeitsaufnahme  selir  güiitilig.  Füi'  coiil,iaindi(,-irt 
hält  Redner  reichliche  Wasserzufuhr  bei  denjenigen  Patienten,  die 
bereits  Erschei:njngen  von  Herzinsuffioionz  bieten.  Lleberhaupt 
empfiehlt  es  sich  nicht,  ein  bestimmtes  Schema  für  Entfettungs- 
kuren aufzustellen,  da  man  auf  die  verschiedenste  Weise  unter 
Berücksichtigung  der  besonderen  Indioationen  des  Einzelfalles 
zum  Ziele  gelangen  kaun. 

Herr  Albert  Sachs  äußert  ebenfalls  Bedenken  gegen  die 
starke  Waeserzufuhr.  Er  fragt  den  Vortragenden  an,  ob  er  auch 
bei  Compensationsatürung  seitens  des  Herzens  reichliches  Trinken 
verordnen  würde. 

Herr  B.  Oppler:  Betreffs  der  Frage  der  Wasserentziehung 
möchte  ich  mich  dem  vollkommen  anschließen,  was  Herr  Stern 
gegenüber  dem  Vortragenden  ausgeführt  hat,  und  nur  noch  darauf 
Hinweisen,  daß  bei  jeder  Entfettungskur  auch  die  geringsten  Mengen 
Bier  aufs  Strengste  zu  verbieten  sind,  weil  der  hohe  Nährwert 
dieses  Getränks  die  Bilanz  sehr  au  verschieben  geeignet  ist. 

Im  Uebrigen  kann  ich  mich  mit  den  Principien  des  Voi- 
trageuden  durchaus  ein^trstandon  cjkluiMi,  wenn  ich  mir  auch  die 


I.  Abteilung.     Modieiiiisohe  Section. 


Bemerkung  erlauben  möchte,  dali  man  schließlich  auf  alle  Weise 
entfetten  kann,  wenn  man  dafür  sorgt,  daß  weniger  zugeführt  wie 
verbraucht  wird,  und  daß  eine  gewisse  Individualisirung  statt  des 
vom  Vortragenden  empfohlenen  Schemas  mitunter  wohl  am  Platze 
ist.  Auch  ich  pflege  unter  Aussoliluß  der  Fette  —  wobei  natür- 
lich statt  des  gebraten«!  gekochtes  oder  am  Rost  gesottenes  Fleisch 
vorzuschreiben  ist  -  die  voluminösen  Kohlenhydrate  als  Beikost 
zu  bevorzugen,  wende  dabei  aber  statt  der  vom  Vortragenden 
empfohlenen  Kartoffeln  mit  Vorliebe  die  voluminösen  und  wasser- 
reichen Gemüse  (Kohl,  Kraut,  Rüben  etc.),  Gurken,  Blattsaiat  etc. 
an.  Neben  dem  Vorteil,  große  Blengeu  kalten  Wassers  (nach 
Vorschlag  des  Vortragenden)  auf  diese  Weise  entbehren  zu 
können  und  dem  ebenfalls  erreichten  Sättigungsgefuhl,  werden 
so  eine  Reihe  für  den  Körperhaushalt  durchaus  nicht  gieiohgiltiger 
Salze  in  angenehmster  Weise  zugeführt.  Ich  habe  so  fast  aus- 
nahmslos ausgezeichnete  Resultate  erzielt,  ohne  eigentlich  je 
unangenehme  Nebenerscheinungen  beobachtet  zu  haben.  Ich  darf 
schließlich  darauf  hinweisen,  daß  die  heute  hier  vorgetragenen 
Prinoipien  jetzt  schon  vielfach,  z.  ß.  auch  bei  Hirschfeld  und 
von  Noorden,  in  Geltung  stehen,  so  daß  sich  also  der  Vortr. 
mit  den  Autoren  in  größerer  Uebereinstimmung  befindet,  als  er 
selbst  anzunehmen  scheint. 

Herr  RosenMd:  Der  Anfrage  von  Herrn  Kuznitzki  sei  er- 
widert, daß  bei  einer  mehrwöchentlichen  Bettruhe  eine  Muskel- 
atrophie nicht  zu  fürchten  sei.  Im  Gegenteil  zeigten  Dapper'sche 
Patienten,  die  sich  auch  im  Bett  hielten,  einen  N  -  Ansatz. 
Herrn  Stern  gegenüber  möchte  ich  betonen,  daß  ich  in  der  Em- 
pfehlung eines  reep.  mehrerer  Schemata  für  die  Entfettungskur 
doch  einen  Vorteil  für  den  Praktiker  sehe,  da  auf  solche  Weise 
noch  am  ehesten  großen  Eiweißverlusten,  wie  sie  frei  gewählte 
und  oh\ie  jede  Controle  durchgeführte  Methoden  verursachen 
können,  vorgebeugt  wird.  Wenn  Herr  Stern  die  Wasserentaiehung 
bei  Fettleibigen  mit  Hydrämie  angezeigt  findet,  so  stimme  ich  ihm 
völlig  bei,  wie  ich  auch  in  meinem  Vortrage  auseinandergesetat 
habe;  nur  solle  man  sich  eben  klar  werden,  daß  die  Wasserent- 
ziehung eine  Entwässerungskur,  nicht  aber  das,  wofür  sie 
irrigerweise  gehalten  wird,  nämlich  eine  Entfettungskur  dar- 
stelle, wie  ich  oben  dargelegt  habe. 


.liihroyljoriclit  der  üvMim<.  CiBsollscliafi  lür  vatorl.  C'ultur. 


iSitKung    vom    l'J.    Februar    1904. 

Vorsitz.:    Herr  Ponfiok.  —  üchriftf,:    Herr  Partsch. 

Herr  R,  Stern  und  Herr  W.  Körte:  lieber  den  Nachweis 
der  bactericiden  Reaction  im  Blutserum  der  Typhuskranken. 

Durch  bactericiüe  Reitg-ennglasverauche  gol;ing  es,  im  Blut- 
Berum  von  32  Typhusknmkeii  eleu  „Zwischimkörpei "  stets  noch 
in  über  tausendfacher,  mehrfach  noch  in  milliouenfaoher  Verdünnung 
nachzuweisen.  Die  Versuclie  wurden  so  angestellt,  daü  zu  einer 
an  sich  unwirksamen  Combinatlon  von  frischem  Kaninchensorum 
und  Typhusbacillen  fallende  Mengen  des  zu  untorsuchonilon 
(durch  Erwärmung  Rxii  56"  inactivirteu)  menschliolieu  Serums 
augesetzt  wurden.  Das  Resultat  des  Versuches  läßt  sieh  nach 
ctwaHstundigem  Stellen  der  Serum-Cultur-BIischuugen  im  Brütofen 
(37"J  durch  directe  Besichtigung  feststellen  (Trübung  oder  Klar- 
bleiben der  Mischungen);  oder  man  gießt  nach  drei  Stunden 
(event.  schon  eher)  Agarplatten  und  besichtigt  diese  am  nächsten 
Tage.     (Demonstration  eines  Versuches.) 

Im  Blutserum  von  fünf  Menschen,  die  vor  mehreren  Jahren 
Typhus  gehabt  hatten,  war  die  Reaction  nicht  in  stärkerer  Ver- 
duiniung  nachweisbar  alfs  im  Blutserum  mancher  „Nicht- Typhösen". 

Im  Blutserum  von  21  Menschen,  die,  soweit  festzustulleu, 
niemals  Typhus  gehabt  liattou,  war  die  Reaction  oft  selbst  in 
relativ  hoher  Serumooncentration  (1  :  20)  nicht  nachweisbar.  Doch 
giebt  es  manche  derartige  Sera,  die  auch  noch  in  200fachor, 
1000  fiicher  Verdünnung  und  darüber  — •  wenn  auch  nur  schwach  — 
wirksam  sind.  Ob  sich  eine  bestimmte  Verduunuugsgrenze  des 
menschlichen  Serums  wird  nachweisen  lassen,  über  welche  hinaus 
die  Wirkung  als  sicher  für  Typhus  beweisend  angesehen  werden 
darf,  erscheint  zweifelhaft.  Vielmehr  dürfte  es  sich  nach  den 
bisherigen  Erfahrungen  hier  ähnlich  verhalten  wie  bei  der  Agglu- 
tination;  d.h.  eine  derartige  Grenze  besteht  nur  in  dem  Sinne,  daC 
die  diagnostische  Bedeutung  um  so  wahrscheinlicher  ist,  je  mehr 
der  „baotericide  Titro"  darüber  hinausgeht. 

Tür  die  Idinischs  Diagnostik  wird  sich  die  bacturioide  Reaction 
hauptsächlich  in  den  Fällen  verwerten  lassen,  in  denen  die  Agglu- 
tinationsreaction  versagt  oder  nur  in  relativ  hohen  Serum  Con- 
centrationon  nachweisbar  ist  und  deshalb  zu  Zweifeln  Anlat!  giebt. 

Zum  Schluß  werden  einige  Ergebnisse  der  angestellten  Unter- 
suchungen,   welche    Bezug    auf    die    Prägen    der   Imznuuität    und 


I.  Abteiiuug.    Mudiciniscjlio  Bection. 


Sorumtberapie  haben,  besprooluMi.  Besonders  bemerkenswert  ist 
ein  Fall  in  dem  am  ersten  fieberfreien  Tage  der  höchste  bisher 
beobachtete  baotericide  Titre  (1  :  4000000)  gefunden  wurde  nnd 
einige  Tage  später  ein  schweres  Reoidiv  eintrat.  Wiederholt 
wurde  eil)  Absinken  des  bacterioiden  Titres  gegen  Ende  der 
Fioberperiode  oder  in  der  ersten  Zeit  der  Reconvalesoenz  beob- 
achtet. 

Diacussion: 

Herr  Buchwald  fragt  den  Vortragenden,  ob  er  die  Conradi- 
Drigalaki'sohe  Reaction  vorgleiobsweiae  bei  seinen  erneuten 
Untersuchungen -berncksichtigt  iiabe,  und  ob  dabei  ein  brauchbares 
Resultat  für  die  Praxis  herausgekommen  sei.  ^ 

Er  hebt  hervor,  wie  die  G-ruber-Widal'sohe  Reaotioii  oe- 
züglich  ihrer  Verdünnung  immer  weniger  sicher  wurde  und  aucii 
bei  Pyelo-Nephritis  ihm  selbst  in  zwei  fällen  positive  Resultate 
gegeben  habe. 

Für    den    practischen  Arzt    werde    die  Deutung    hier   immer 

schwerer. 

Herr  R.  Stern  erwidert,  dal.5  er  bei  den  von  ihm  benolitoten 
Blutuntersuohungen  gleichzeitige  Versuche  mit  Züchtung  der 
Typhusbaoillen  aus  dem  Stuhlgang  auf  dem  Conrad. -Drigalski- 
schen  Nährboden  nicht  vorgenommen  habe.  Der  Wert  dieser 
letzteren  Methode  darf  nach  neueren  Nachprüfungen  nicht  zu  hoch 
eingeschätzt  werden. 

Was  den  Wert  der  sogenannten  Gruber- Widal'schen  Reac- 
tion anlangt,  so  habe  er  sich  darüber  ausführlich  im  vorigen  Jahre 
(Berl.  klin.  Woohenschr.,  1903,  No.  30  u.  31.  )au8ge8proohen.  Der 
weitere  Ausbau  unserer  Kenntnisse  hat  gezeigt,  daß  es  unrichtig 
ist,  von  positiver  oder  negativer  Wi  dal 'scher  Reaction  zu  reden. 
Mau  muß  vielmehr  die  Agglutinatiousreactiou  als  ein  klinisches 
Symptom  ansehen,  das  ebenso  zu  verwerten  ist,  wie  andere 
Symptome.  Lubowski  und  öteluborg  haben  im  Laboratorium 
der  Breslauer  Poliklinik  gezeigt,  daß  os  in  oinzehieu  Fällen  von 
Proteusinfectiou  beim  Menschen  zu  einer  erhöhten  Agglutinations- 
wirkung des  Blutserums  kommen  kann,  und  haben  das  Gleiche 
im  Tierexperiment  gefunden.  Derartige  Beobachtungen  zeigen, 
daß  zwischen  dem  Protoplasma  verschiedenartiger  Bacterien  eine 
Verwandtschaft  besteht,  die  sich  gerade  durch  derartige  biologische 
Reactiouen  kund  giebt  (Analogie  mit  den  Präoipitmeu).  Freilich 
werden  die  biologischen  Reactionen  durch  die  weitere  Forschung 
immer   complioirter  und  können  nicht  vom   practischen  Arzt  aus- 


24  Jalirnglioriclit  der  Sohles.  GosollFchaft  fllr  yatov).  Oulttir. 

geführt  werden;  aber  ihr  Nutzeu  für  die  DiagnoHe  und  für  den 
weiteren  Fortschritt  unserer  Kenntnis  der  Infeotionskrankheiton 
ist  so  bedeuto/ul,  daß  ihr  Wert  bei  Benutzung  geeigneter  Labo- 
latorien  auoli  für  die  Praxis  heute  schon  ein  sehr  hoher  ist.  Der 
Arzt  braucht  nur  eine  kleine  Menge  Blut  am  Kraukenbett  ent- 
Jiehmen;  er  muß  aber  über  den  Stand  unserer  Kenntnisse  so  weit 
unterrichtet  sein,  daß  er  weiß,  welche  Schlüsse  er  aus  dem  ihm 
zugehenden  Bescheide  über  das  Ergebnis  der  Untersuchung 
ziehen  darf, 

Herr  Lichtwilz  jr.  (Ohlau):  loh  möchte  mir  erlauben,  auf 
den  scheinbaren  Widerspruch  hinzuweisen,  iu  dem  von  Herrn 
Stern  erwähnten  Falle,  wo  trotz  des  außerordentlich  holieii 
Immunkörpertitres  der  Exitus  letalis  eintrat.  Es  ist  nicht  das 
Bacterium,  welches  die  Krankheit  hervorruft,  sondern  das  von 
den  Bacterien  abgegebene  Gift.  Kommen  nun  in  einen  Organis- 
mus, der  eine  hohe  baotericide  Kraft  besitzt,  die  betreffenden 
Keime  hinein,  so  wird  gerade  der  hohe  Immunkörpertitre  den 
fatalen  Ausgang  herbeifuhren,  wenn  die  Antitoxinbildung  keine 
ausreichende  ist.  Es  werden  uämlioh  durch  die  bactericiden 
Kräfte  die  Bacillen  gelöst;  damit  werden  die  Toxine  frei,  so  daß 
der  Körper  mit  Giftstoffen  überschwemmt  wird.  Es  kommt  also 
für  den  Ausgang  der  Krankheit  weniger  auf  die  Bactericidine  als 
auf  die  Antitoxine  an. 

Nachträglicher  Zusatz:  Trotz  eines  hohen  Immunkörper- 
titres und  gerade  wegen  desselben  können  sich  die  eingedrungenen 
Bacterien  vermehren  (Neisser- Wachs berg'sohes  Phänomen 
der  Complementablenkung).  Mit  der  wachsenden  Zahl  der  Bac- 
terien ändern-  sich  aber  die  Verhältnisse  der  Complement- 
verankerung  dadurch,  daß  die  Zahl  der  an  die  Bacterien  ge- 
bundenen Ambooeptoren  scIilieOlich  größer  ist  als  die  der  freien. 
Dann  geht  das  Complement  an  die  verankerten  Immunkörper;  es 
kommt  zu  einer  rapiden  Baoteriolyse  und  Befreiung  massenhafter 
Toxine. 

Herr  Walter:  Der  klinisch  diagnostische  Wort  der  Conradi- 
Drigalski 'sehen  Methode  des  Typhusnachweises  reicht  nicht  an 
den  der  serodiagnostisohen  Methoden  heran.  Aber  für  den  Hy- 
gieniker  ist  jene  wertvoller  als  diese,  und  zwar  deswogeii,  weil 
sie  den  Nachweis  von  Typhusbacillen  bei  „Nicht- Typhuskranken" 
gestattet.  Gerade,  weil  solche  Leute  nicht  „krank"  sind,  ver- 
streuen sie  leicht  die  für  sie  unschädlichen,  aber  anderen  leicht 
gefährlich  werdenden  Keime  aus  und  verbreiten  die  Seuche. 
Serodiagnostisch  sind  solche  Fälle  nicht  erkennbar.    Ihre  baldige 


I.  AtiteiUuig.     Medicinische  Seotion. 


Erkennung  bildet  ein  Hauptmomeut  der  Koch'solien  Versuche 
der  Typhusbekämpfung. 

Herr  Neisser  spricht  sich  auch  dafür  aus,  daß  die  Fest- 
steJluDg  der  Anwesenheit  von  Typhusbaoillen  iu  deu  Dejectioiieu 
als  eine  eminent  wichtige  hygienische  Maßregel  bei  der 
Typhusbekämpfung  angesehen  werden  müßte;  ja,  man  könnte 
vielleicht  sogar  die  Behauptung  aufstellen,  daß  in  all  den  Orten, 
in  denen  durch  geeignete  Aufsicht  und  Desinfectionsmaßregeln 
jetzt  schon  die  wirklich  Typhuskrankeu  in  sorgsamer  Beob- 
achtung stehen,  die  Weiterverbreitung  des  Typhus  wesentlich 
durch  solche  Nicht-Typhuskrauke  aber  mit  Typhusbaoillen 
Behaftete  vor  sich  gehe.  Damit  sei  allerdings  noch  nicht  aus- 
gesprochen, daß  die  Typhusbekämpfung  in  der  Isoliruug  aller 
mit  Typhusbaoillen  beliafteten  Menschen  bestehen  müsse.  Man 
könnte  sehr  wohl  an  andere  Maßregeln ,  welche  nur  die  Uji- 
Bohädlichmaohung  der  Dejeotionen  erreichen,  denken.  Ebenso 
wenig  brauche  man  ja  jeden  Mensclien ,  der  Diphtheriebacilleti 
im  Halse  habe,  isoliren,  während  doch  sehr  wohl  an  eine  Sterili- 
sation der  Mundhöhlen  solcher  Menschen  gedacht  werden  könne. 
Daß  die  Aufdeckung  all  dieser  Infectionsherde  nur  auf  bacterio- 
logischem  und  nicht  auf  klinischem  Wege  erfolge,  erschwere 
zwar  die  Thätigkeit  des  praktischen  Arztes,  aber  darin  werde 
doch  wohl  niemand  einen  Rückschritt  für  die  Seuchenbekämpfung 
und  für  das  Wohl  der  Menschheit  erblicken.  Ganz  dasselbe 
Spielt  sich  ja  bei  der  chronischen  Gonorrhoe  a-b,  wo  auch  die 
klinische   Untersuchung  vollkommen  im   Stiche  lasse. 

Herr  Buchwald  hebt  im  Anschluß  an  die  Desinfeotion  und 
isolirung  hervor,  daß  ein  Zwang  zur  Isolirung  Typhuskranker 
nicht  bestehe  und  diese  ja  auch  in  der  hiesigen  Klinik  selbst, 
wie  in  anderen  Kliniken,  nicht  durchgeführt  werde.  Im  AUer- 
•leiligen  Hospital  trennt  er  jetet  Typhuskranke  von  anderen.  Man 
solle  auch  bei  der  Isolirung  nicht  zu  streng  vorgehen,  etwa  auf 
Grund  von  Laboratoriumadiaguoseu,  sonst  komme  man  event.  zw 
ilerqelbeu  Grausamkeit  wie  jetzt  bei  den  Tuberculosen. 

Herr  R.  Stern  hält  auch  eine  Isolirung  der  Typhuskranken 
'ür  wünschenswert.  Wenn  eine  solche  bisher  iu  der  medicinischen 
■•^huik  nicht  vorgenommen  worden  sei,  so  liegt  dies  —  so  weit 
seine  Kenntnis  der  Verhältnisse  reicht  —  daran,  daß  geeignete 
■Räume  dafür  dort  nicht  vorhanden  sind. 

Herr  Lichtwitz  habe  ihn  mißverstanden,  wenn  er  glaube, 
daß   er  (Vortragender)  den    tätlichen  Ausgang  in  einem  Typhus- 


26  Jaliresberichl  der  Schles.  Gowellscliafl-  für  vaterl.  Cultur. 

falle  mit  hohem  bacterioiden  Titro  als  Beweis  gegen  die  Bedeutuug 
des  sogeiianiiten  Iminunkorpers  für  die  Immunität  augesehen  habe, 

Sitzung  vom  19.   Februar  1904. 
Vor    der    Tagesordnung; 
Herr  Löweiihardt  stellt  einen  Krankon  vor,  dor  uach  Itropin» 
injection  Purpura  bekommen  liat. 

Tagesordnung: 

Herr  Kausch  demonstrirt  eine  von  ihm  construirte.  llantl- 
sclielle  zur  Befestigung  der  Hand  bei  der  Operation  resp.  Narcose. 

Daa  Prinoip  derselben  ist  folgendes:  Liegt  der  Arm  aus- 
gestreckt neben  dem  Rumpfe,  so  steht  das  Handgelenk  etwas 
unterhalb  der  Leistenbeuge.  Eine  Schlinge,  welche  einerseits 
den  Oberschenkel  in  der  Leistenbeuge  umfaßt,  andererseits  das 
Handgelenk,  fixirt  so  in  einfacher  Weise  die  Hand.  Der  Apparat, 
den  Redner  construirt  hat,  besteht  aus  zwei  aneinander  befestigten 
Bügeln,  die  entgegengesetzt  zueinander  gerichtet  sind,  der  eine 
für  den  Oberschenkel,  der  andere  für  das  Handgelenk.  Nachdem 
die  Extremität  in  tlen  Bügel  hineingelegt  ist,  wird  derselbe  ver- 
schlossen mittels  je  eines  durchlöcherten  Riemens,  welcher  auf 
einen  Knopf  des  Bügels  gehakt  wird.  Handschellen  sind  für  den 
Operateur  ein  sehr  zweckmäüiges  Hilfsmittel,  sie  ersparen  ein  bis 
zwei  die  Hände  haltende  Personen.  Eine  gute  Handschelle  macht 
das  Zustandekommen  einer  Narooseulahmurig  unmöglich.  Bei  der 
Chloroformnaroose  kann  jedenfalls  eine  Hand,  bei  der  Aother- 
narcose,  ohne  bestehendes  Herzleiden,  können  beide  Hände  an- 
geschnallt werden;  es  genügt  dabei  die  gelegentliche  Putscontrole 
an  dar  Carotis  oder  Temporaiis. 

Die  bisher  in  Gebrauch  behndlichen  Handschellen,  wie  die 
auf  der  Breelauer  chirurgischen  Klinik,  auf  der  Kocher'sohen 
Klinik,  befestigen  die  Hand  am  Operationstische;  dies  ist  un- 
zweckmäßig, indem  jede  Verschiebung  des  Körpers  auf  dem 
Tisclie  den  an  demselben  befestigten  Arm  beeinträchtigt,  ferner 
schnellen  Lagerangswechsel,  Aufrichten,  Entfernen  vom  Tische 
erschwert  oder  verzögert.  Außerdem  functioniren  alle  Redner 
bekannten  Handschellen  auch  sonst  solileoht. 

Viele  helfen  sich,  indem  sie  die  Hände  mittels  Bindeuzügoln 
fixireu,  zusammenbinden  oder  auf  ähnliche  Weise.  Diese  Ver- 
fahren sind  sämtlich  schlecht,  indem  sie  die  Hände  einschnüren 
oder  abknicken,  ungenügend  fixiren,  die  Hände  meist  auch  am 
Tisch  befestigen. 


I.  Ahteiluug.     MediciiiLsche  Secüoii.  27 

Die  Voizügo  von  lieduers  Hauclsohelle  beruhen  iu  Folgendem: 

Die  Hand  resp.  Häudo  werden  absolut  fest  fixirt. 

Ein  Schaden  kann  niemals  entstehen,  weder  eine  Einschnürung 
noch  eine  Narcosenlähmung. 

Die  Hand  folgt  jeder  Bewegung  des  Körpers;  Patient  kann 
jeder  Zeit  aufgerichtet  werden,  ein  Gelenk  an  der  Verbindungs- 
stelle der  beiden  Bügel  erleichtert  dies. 

Für  den  Patienten  hat  diese  Art  der  Fesselung  das  Angenehme, 
dati  die  Hand  nicht  an  eujem  leblosen  Gegenstaude,  wie  dem 
Tisch,  befestigt  wird,  sondern  am  eigenen  Körper. 

Die  Handschelle  wird  seit  einiger  Zeit  regelmäßig  auf  der 
chirurgiselien  Klinik  angewandt  zu  allgunieiuer  Zufriedenheit. 

Anmerkung:  Der  Instrumeuteinuailier  Georg  Haertel 
(BreHhui)  liefert  die  Handschelle. 

Disouasion: 

Herr  RüÜie:  Mir  scheint  der  Hauptwert  von  Arn)haltern  bei 
der  Narcose  iu  der  Vermeidung  von  Narcosenlähmungen  zu  liegen. 
Dann  muß  man  natürlich  beide  Arme  dem  Körper  anlagern  und 
auf  tlie  Controle  des  Pulses  au  der  Radialis  verzichten.  Herr 
Kausoh  meint,  dies  höchstens  bei  der  Aetheriiarooso  vorsuohea 
zu  wollen.  Ich  habe  schon  vor  zwei  Jahren  Armhalter  angegeben, 
üiit  denen  beide  Arme  dem  Körper  angelagert  werden.  Wir 
ohloroformiren  schon  über  zwei  Jahre,  ohne  jede  Controle  des 
Pulses,  da  wir  die  natürlich  um  so  genauere  Beobachtung  der 
Piipilhin  für  viel  wichtiger  halten.  Ich  möchte  also  die  von 
^.  Holst  kürzlich  in  der  „Münch.  med.  Wochenschrift"  veröffent- 
uchten  Armhalter  ablehnen,  halte  dagegen  die  von  Herrn  Kausch 
f>i'gege))eno  Befestigung  für  einen  glücklichen  Gedanken ,  wenn 
siü  sich  auch  gerade  bei  gynäkologisolien  Operationen  nicht  immer 
■wird  anbringen  lassen. 

Herr  Asch:  Die  Verschiedenheit  der  Construction  solcher 
■'Apparate  hängt  wohl  im  Wesentlichen  von  der  verschiedenen 
'Lage  des  Operationsgebietes  ab.  Bei  gynäkologischen  Operationc  n, 
"  Steißrüokenlage,  in  der  Leistengegend,  auch  bei  Laparotomien, 
■Würde  die  von  Herrn  Kausoh  empfohlene  Handschelle  oft  stören. 
■[ifl  Uebrigen  kommen  wir  bei  diesen  Operationen  stets  damit  aus, 
daß  man  die  Arme  des  Nareotisirteu  in  das  nach  oben  umgeschlagene 
üemd  verwickelt  luul  letzteres  nach  oben  mit  Sicherheitsnadeln 
ansteckt.  Dabei  kann  man  sich  auch  die  Radialis  freilassen,  ohne 
daß  Jig  Patientin  nach  unten  greifen  kann.  Die  Arme  liegen 
lüoad  Lähmung  unbedeuklich. 


28  Jahresbericht  der  Sdiles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

Herr  Kauscli:  Auf  die  Aufrage  des  Collegen  Rothe  bemerke 
ich,  daß  auf  der  Breslauer  chirurgischen  Klinik  bei  der  Chloroform- 
narcose,  die  nur  ausnahmsweise  angewandt  wird,  stets  der  Eadial- 
puls  gefühlt  wird,  bei  der  Aetheruarcose  in  der  Regel  auch.  Bei 
der  Chloroformnaroose  den  Puls  nicht  ständig  zu  oontroliron,  hält 
Redner  für  gefährlich  und  unerlaubt. 

Herr  Lichtwitz  jr.  (Oiilau).  lieber  Immunisiruiig  mit  Corpus 
luteum.  (Die  ausführliche  Veröffentlichung  wird  an  anderer 
Stelle  stattfinden.) 

Nach  einer  kurzen  Besprechung  der  Seitenkettentheoi'ie  und 
einigen  Bemerkungen  über  die  Cytotoxine,  entwickelt  Vortragender 
die  thcuretiöclicn  Ueberlegungeu,  die  zu  den  Versuchen  führten. 
L.  Fräukel  hatte  das  Corpus  luteum  als  eine  periodische  Drüse 
erkannt,  der  die  Function  zukommt,  die  Insertion  des  Eies  im 
Uterus  zu  ormügiiohcn.  Ein  Serum  gegen  Corpus  luteum  müßte 
also  im  IStande  sein,,  die  Einbettung  des  Eies  zu  verhindern. 
Außerdem  schien  der  gelbe  Körper  ein  sehr  geeignetes  IMaterial, 
die  Frage  der  Cytolyse  zu  studireu,  da  der  freiwerdende  Farb- 
stoff, ähnlich  wie  das  Hämoglobhi,  einen  guten  Index  für  die 
Zerstörung  der  Zellen  abgeben  konnte.  Es  gelang  dem  Vor- 
tragenden, durch  zum  großen  Teil  mit  L.  Franke  1  gemeinschaft- 
lich geführte  Untersuchungen,  ein  Immunserum  gegen  Corpus 
luteum  herzustellen,  das  im  Staude  ist,  die  Zellen  des  gelben 
Körpers  in  exquisiter  Weise  zu  zerstören  und  die  freiwerdenden 
oder  gelösten  Eiweißkörper  zu  präoipitiren.  (Demonstration  von 
Heagensglasversuchen  undmikroskopisohen  Präparaten.)  Das  Serum 
ist  nicht  für  das  Corpus  luteum  der  Kuh,  das  zur  Immunisirung 
diente,  apecifisoh,  sondern  wirkt  auch,  auf  die  gelben  Körper 
von  Schwein,  Schaf  und  JVIensch.  Außerdem  hat  es  eine  präci- 
pitirende  Wirkung  auf  Eigelb.  Bezüglich  seiner  hämolytischei) 
Eigenschaften  zeigte  sich,  daß  in  der  überwiegenden  Anzahl  von 
Fällen  das  Blut  gravider  Kühe  stärker  gelöst  wird  als  das  Blut 
nicht  gravider  Viezw.  männlicher  Tiere.  Vortragender  führt  diese 
Erscheinung  auf  eine  Aeuderung  des  Receptoreriapparates  der 
roten  Blutkörperchen  in  der  Gravidität  zurück.  Der  Frage  der 
Conceptionsverhinderung  soll  jetzt  im  Frühjahr  nähergetreten 
werden. 

Disoussion: 
Herr    L.    Fraenkeh    Die    hämolytischen   Eigenschaften    des 
Corpus  luteum- Immun serum  müssen   genau   studirt  werden,  ehe 
wir    berechtigt    sind,    praktische    Schlußfolgerungen    zu    ziehen. 


I.  Abteilung-.     Medieinischfl  Section.  29 

Demgegenüber  steht  der  Vorgang,  den  wir  als  „Luttiolyse"  be- 
zeichneten, einwandsfrei  fest  und  führt  zu  der  Erkenntnis,  daß 
die  Einverleibung  von  artfremder  Eierstockasubstanz  die  Er- 
zeugung eines  Gegenkürpera  im  Blutserum  zur  Folge  hat.  Daraus 
ergiebt  sich  eine  therapeutische  Nutzanwendung,  um  sie  zu 
erläutern,  ziehe  ich  den  Vergleich  mit  der  Schilddrüse,  bei  welcher 
gleichfalls  eine  innere  Secretion  angenommen   wird. 

Eine  Allgemtoinerkrankung,  bedingt  durch  mehr  oder  minder 
Tollständiges  Fehlen  der  Schilddrüse,  ist  das  Myxödem. 

Diese  Krankheit  wird  durch  den  Gebrauch  von  Thyreoidin 
wesentlich   gebessert. 

Eine  zweite  Erkrankung,  meist  einh6rgehen<]  mit  anatomischer 
Vergrößerung  der  Drüse,  ist  der  Basedow. 

Diese  Krankheit  wird  durch  den  Gebrauch  von  Thyreoidin 
verschlechtert,  durch  ßesection  der  Struma  häufig  gebessert. 

In  letzter  Zeit  hat  man  an  Stelle  der  Strumectomie  ein  Anti- 
thyreoidin-Serum  empfohlen,  welches  nach  Möbius  aus  der 
Milch  entkropfter  Ziegen  bereitet  wird  und  laut  Angabe  vieler 
Kliniker  eine  ausgesprochen  günstige  Wirkung  besitzt. 

Niui  bitte  ich,  das  Gesagte  mutatis  mutandis  auf  den  Eier- 
stock zu  übertragen; 

Eine  Allgemeinerkrankung,  bedingt  durcli  den  Verlust  dei- 
Eierstocksfuiiction,  sind  die  sog.  Ausfallserscheinungen,  besserungs- 
fähig durch  den  Gebrauch  von  Oophorin,  noch  zuverlässiger 
Lutein  (s.  meine  Arbeit  im  „Aroh.  f,  Gyn.",  Bd.  68). 

Eine  zweite  Erkrankung  wird  durch  die  Function  der  Ovarien 
verschlimmert,  denn  Castration  heilt  dieselbe  mit  Sicherheit,  das 
ist  die  Osteomalaoie. 

Es  liegt  nahe,  von  einem  „Anti  oo  phorin-Serum"  eine 
Besserung  der  Krankheit  zu  erhoffen.  Wir  müssen  hierzu  die 
Milch  oder  das  Blutserum  castrirter  Tiere  verwenden;  nach 
unseren  Versuchen  werden  sich  auch  durch  überreichliche  Ein- 
verleibung von  Oophorin  die  Gegenkörper  in  besonderer  Menge 
erzielen  lassen. 

Die  organo-therapeutische  Fabrik  in  Berlin  ist  mit  Her- 
stellung von  „Antioophorin''  zu  Versuchszwecken  beschäftigt. 
Die  Aussichten  dieses  Präparats  halte  ich  darum  für  besonders 
günstige,  weil  die  Heilwirkung  des  Luteia  und  der  Castration 
nach  Ausfallaersoheinungen  bezw.  Osteomalaoie  noch  viel  deut- 
licher ist,  als  die  der  analogen  Mittel  bei  den  Sohilddrüsen- 
erkrankungen. 


30  Jahresbericht  der  Sohlos.  Oesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


Sitzung  vorn   4.   Mari^   1904. 

Vorsitzender:  Herr  Poiifiok.  —  Sohriftführer:  Herr  Roaoii fehl. 

Herr    Hürthle:    Dio    ünaersuchungen     1 — 4    sind    Bf.hoii    in 

„Pflügers  Archiv",  Bd.  97  vi.  100,  verüffentliolit,  im  Folgenden 

wird  daher  nur  ein  kurzer  Auszug  aus  den  Abhandlungen  gegeben. 

1.  Bei  Versuchen,  isolirte  Muskelfasern  unter  dem  Mikro- 
skop zur  Contraction  zu  veranlassen,  setzte  Redner  Muskelfasern 
Animoniakdämpfen  aus  und  beobachtete  nun  unter  dem  Mikro- 
skop, daß  im  Verlauf  einer  Minute  gefiederte  Krystalle  an  den 
Fasern  entstehen.  Dio  chemische  Untersuchung  derselben  ergab, 
dal.!  sie  aus  phosphorsaurera  Ammoniak- Magnesium  bestehen. 
Solche  Krystalle  findet  man  mm  nicht  blos  au  Muskel- 
fasern, sondern  in  fast  allen  tierischen  Geweben,  wenn  sie 
Ammoniakdämpfen  ausgesetzt  werden.  Es  scheint  daher  die 
Giftwirkung  des  Ammoniaks  darauf  zu  beruhen,  daß  es  die 
Phosphoraäure  und  das  Magnesium  aus  der  lebend.en  Substanz 
herausreißt  und  mit  ihnen  eine  unlösliche  Verbindung  bildet. 

2.  Beim  Hunde  wird  die  Temperatur  des  aus  der  Glandula 
Bubmaxillaris  abfließenden  Speichels  gemessen  und  dio  Drüse 
abwechselnd  durch  Reizung  der  Chorda  tympani  und  des  Hals- 
sympathicus  zur  Thätigkeit  veranlaßt  in  der  Weise,  dal'  in  beiden 
Fällen  gleiche  Secretmengen  producirt  worden;  es  zeigt  sich  nun, 
daß  die  Temperatur  des  Speichels  nach  Ohordareizung  wesent- 
lich höher  steigt,  als  nach  Sympatiiicusreizung,  auch  wenn  <lcr 
EinHuß  der  veränderten  Blutzufuhr  durch  Abldemitunig  der 
Speicheldrüsenarterio  aufgehoben  ist. 

3.  Herr  (Jerhardt:  Durchschneidung  der  Chorda  tympani 
beim  Kaninchen  hat  eine  starke  Gewiclitsabnahme  der  Glandula 
submaxillaris  zur  Folge;  Durchschneidung  des  Halssympathicus 
eine  geringere,  Bei  der  mikroskopischen  Untersuchinig  zeigt 
sich,  daß  nach  Chordadurohsohneidung  im  Wesentlichen  das 
Protoplasma  der  Drüsenzellen  verändert  ist,  nach  Syinpathicus- 
durchschneidung  dagegen  der  Zellkern. 

4.  Herr  Hiirthl»;  Die  Blutversorgung  verschiedener  Organe 
wird  untersucht  mit  Hilfe  der  registrirenden  Stroimihr  von 
Htlrthle  und  für  die  Gewichtseinheit  des  Organs  (IQO  g)  und 
einen  Druck  von  100  mm  Hg  berechnet.  Dabei  zeigt  sich,  daß 
die  relative  Blutversorgung  bei  den  verschiedenen  Organen  um 
mehr  als  das  100 fache  schwankt,  die  bisher  untersuchten  Organe 
ordnen  sich  in  folgende  Reihe: 


I.  Abteilung.    MediciniRcho  Section 


Organ 


Zustand 


Stromroliimen  in  Oc. 
I  proJüniitouncI  100p 
Oi'f>aii.  bei  finein 


ünu'k  V.  100 nun  Htr. 

Hintere  Extremität 
do. 

Kein   Eingriff 
Nerv,   diirohsclmitten 

4,7 
12,0 

Kopf 

Kein   Eingriff 

20,0 

Mnsl^^el  graoilis 
do. 

Kein  Eingriff 
ISferv    durchaohnitten 

12,1 
26,5 

Niere 
(nach  E.  Tigerstedt) 

" 

100 

Gehirn  (Dr.  Jensen) 

- 

130 

Rcliilddrüee 
do. 

Kein  Eingriff 
Nerv    duroheohnitten 

565 
870 

Im  Muskel  nimmt  der  Blntstrom  während  einer  gleichmäßig- 
andauernden  Zusammenziehung  ab  und  hescldeunigt  aich  nacli 
derselben;  bei  rliythmiscli  wechselnder  ZuRammenziehimg  und 
Erschlaffung  ist  er  beBchleiniigt. 

5.  Uirr  P.  Jensen:  Heber  die  Innervation  der  JJehun- 
gefässe. 

Hyperämie  und  Anämie  des  Q-ehirns,  Erweitei'ungen  und 
Verengerungen  seiner  Gefäße  spielen  in  der  Phj'siologie  und 
Pathologie  dieses  Organs  eine  wichtige  Rolle.  Solche  Aenderungen 
"Br  Gefäßweite  werden  bei  anderen  Orgauen  urd  Körperteilen 
durch  Nerven  bedingt,  und  es  liegt  daher  die  Vermutung  nahe, 
daß  dies  auch  für  das  Gehirn  gelte.  Das  ist  aber  durch  eine 
■Anzahl  von  Untersuchungen  nicht  bestätigt  worden ;  besonders 
schwerwiegend  schien  der  Umstand,  daß  sich  bei  Anwendung  der 
besten  histologischen  Methoden  keine  Nervenelemente  an  den 
Öehirngofäßen  nachweisen  ließen.  Demgegenüber  haben  freilich 
Untersuchungen  nach  anderen  Methoden  Ergebnisse  geliefert,  die 
■Gr  die  Existenz  von  Gehirnvasomotoren  sprechen.  Eine  endgiltige 
Entscheidung  steht  aber  noch  aus.  Es  schienen  daher  weitere 
Untersuchungen  nach  neuen  Methoden  erwünscht. 


3Ü  Jahresbericlit  der  Sohles.  Öesellsohaf't  ffif  vaterl.  C'idtur. 

Für  solche  Untersuchungen  bot  sich  die  registrlrende  Strnin- 
iihr  von  Hi'u'thlp  drir.  Zu  diesom  Zweck  wurde  von  dorn  Vorir. 
eine  experimentello  Untersucluing  der  Frnge  uiiternoiiiuieii,  ob 
der  Halssympathicus  des  Kaiiinoheus,  welcher  GefUßnerven  für 
die  CarotxB  communis  im  Allgemeinen  führt,  auch  solche  für  die 
Carotis  iiitorna  und  ihre  Verzweigungen  im  Gehirn  besitze. 
Diese  Frage  war  zu  entscheiden  auf  Grund  folgender  Ueberlegung : 
Weini  der  Sympathicus  Gehirnvasomotoren  enthält,  so  muß  seine 
Durchschueidung  eine  Erweiterung  der  Strombahn  der  Carotis 
interna  und  damit  eine  Vergrößerung  ihres  Strom volumeas 
liedingen,  ohne  gleichzeitiges  Steigen  des  Blutdruckes,  während 
die  Reizung  eine  Verengerung  der  Strombahn  und  Verminde- 
rung des  Stromvolumens  erzeugen  muü,  ohne  daß  der  Blutdruck 
sinkt. 

Das  Ergebnis  der  Untersuchung  war  insofern  auffüllend,  als 
die  Durchschueidung  des  Sympathicus  niemals  eine  Wirkung 
hatte.  Dagegen  folgte  auf  die  Reizung  stets  eine  Abnahme 
des  StromvoluxBena  um  durchschnittlich  etwa  60  pCt.  Hieraus  er- 
giebt  sich  also  eine  Verengerung  der  Strombahn  der  Carotis 
interna  infolge  der  Nervenreizuug,  d.  h.:  der  Halssy mpathi  cus 
fühi't  Vasoconatrictoreu  für  die  G  ehirngefäOe.  Diese 
Folgerung  ist  nicht  zu  erschüttern  (hirch  das  Ausbleiben  der 
D  uro  hs  ohnoi  du  ngs  Wirkung, 

Wie  ist  diese  letztere,  bei  Vasoconstrictoren  sonst  nicht  vor- 
kommende Thatsache  zu  erklären:'  Der  Untersuchungsmethode 
dürfte  sie  schwerlich  zur  Last  fallen,  da  auch  bei  Anwendung 
einer  wesentlich  anderen  Methode,  nach  der  die  Blntdruok- 
änderungen  im  Circulus  arteriosus  Willisii  bei  Durchsolmeidung 
und  Reizung  untersucht  werden,  eine  analoge  Erscheinung  ein- 
tritt, wie  Hürthle  feststellte.  Es  handelt  sich  hier  daher  offenbar 
um  eine  Eigentümlichkeit  der  Gehiruvasomotoren. 

Unerhört  ist  diese  Thatsache  insofern  nicht,  als  wir  wissen, 
daß  überhaupt  nicht  alle  Gefäßnerven  in  ihrem  Verhalten  völlig 
übereinstimmen.  Für  den  vorliegenden  Fall  giebt  es  verschiedene 
Erklärungsmögliohkeiten:  Zunächst  könnte  man  daran  denken, 
daß  die  Nerven  der  Gehirngefäße  keinen  Tonus  besitzen.  Ferner 
wäre  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  daß  schon  durch  die  Prä- 
paration und  Isolirung  des  zarten  Nervenfadens  eine  dauernde 
mäßige  Erregung  zu  Stande  käme,  welche  die  Durchschneidungs- 
wlrkuiig  verdeckte;  Beobachtungen  in  dieser  Richtung  hat  schon 
Tschuewsky  gemacht.  Diese  und  andere  Erklärungsmöglioh- 
keiten  wären   in   weiteren   Untersuchungen   zu  prüfen. 


1 

4 


t.  Abteilung-.    Medicinische  Section.  33 


Discussion: 

Herr  Filehne :  Lassen  sich  die  am  künstlich  gereizten  Muskel 
gewonnenen  Ergebnisse  auch  auf  den  willkürlich  innervirten 
übertragen? 

Herr  Hürthle:  Wahrscheinlich  qualitativ,  aber  nicht  quanti- 
tativ; deini  die  Versuche,  die  wir  über  den  Blutstrom  des  will- 
kürlich bewegten  Muskels  besitzen,  ergeben  eine  weit  stärkere 
Vermehrung  des  Blutstroms  bei  rhythmischer  Thätigkeit,  als  die 
Versuche  am  künstlich  gereizten  Muskel.  Vielleicht  treten  bei 
<1er  willkürlichen  Thätigkeit  Vasodilatatoren  in  Action ,  welche 
bei  der  künstlichen  nicht  mitgereizt  werden. 

Herr  von  Mikulicz:  Sind  bei  den  auffallend  hohen  Werten 
des  Blutstromes  der  Schilddrüse  Fehlerquellen  durch  Gefäß- 
anastomosen  ausgeschlossen? 

Herr  Hürthle  versichert,  daß  sie  ausgeschlossen  sind. 

Herr  Ponfick  vermutet,  daß  die  verschiedene  Stärke  des 
Blutstromes  der  einzelnen  Organe  eine  Rolle  bei  der  Erscheinung 
spiele,  daß  die  Häufigkeit  der  Erkrankung  durch  Embolie  bei 
den  einzelneu  Organen  sehr  verschieden  ist. 


Sitzung  vom   IS.  Mäiz  1904. 

Vorsitzender:    Herr  Ponfick. 
Schriftführer:    Herr  Rosenfeld. 
Vor   der  Tagesordnung: 
Heir   Roseiifeld    demonstrirt    eine   Patientin,    welche    durch 
eine    Entfettungskur    nach    der    von    ihm    am    5.   Februar    vor- 
getragenen Methode  23  Pfund  (176  auf  153  Pfund)  in  drei  Monaten 
»bgenomraen   hat.     Dabei   shid   auch  Atemnot,    Herzbeklemmung 
und  Magensohmerzen  verschwunden.     Die  Diät  der  Pat.  bestand 
»1   mehr    als    2  Liter   kalten    Wassers,   800  g   Kartoffeln,    250  g 
fleisch,  20  g  Käse,  40  g  Brot,  welches  Menü  Pat.  ohne  jede  Be^ 
sohwerdo  durchzuführen  vermochte. 

Herr  Wernicke:  Demonstration  eines  Patienten  mit  Muskel- 
Krämpfen  (Crampusneurose). 

Discussion: 

Herr  Strümpell:  Ein  Fall  mit  so  ausgedehnten  und  heftigen 

schmerzhaften   Muskelkrämpfen,  wie    der  von  Herrn  Wernicke 

vorgestellte,  ist  mir  noch  nicht  vorgekommen.     Geringere  Grade 

des   Leidens   sind   aber   nicht   sehr   selten   und   ich    habe   sie    oft 

3 


ä4  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vatei'l.  öulttir. 

gerade  bei  Alkoholistoii  gesehen.  Außerdem  habe  ich  das  Auf- 
treten tonischer  Muskelkrämpfe  bei  willkürlichen  Bewegungen 
beobachtet,  bei  Kranken  mit  Schrumpfniere  und  chronisch-urämi- 
schen  Symptomen.  Doch  mag  freilich  auch  in  diesen  Fällen  der 
Alkoholismus  eine  Rolle  gespielt  haben.  In  gewisser  Hinsicht 
erinnert  das  in  Rede  stehende  Symptom  auch  an  die  Mj^otonie. 
Manche  vielleicht  hierher  gehörige  Fälle  sind  als  Myotonia  acquisita 
(im  Gegensatz  zur  Myotonia  congenita)  beschrieben  worden.  Ein 
Unterschied  liegt  aber  in  der  großen  Sohmersihaftigkei t  der 
tonischen  Krämpfe  bei  den  eigentlichen  Crampis.  Worauf  diese 
Schmerzen  beruhen,  ist  nicht  ganz  klar.  Wahrscheinlich  handelt 
es  sich  um  eine  Reizung  der  sensiblen  Muskelnerven  und  diese 
löst  vielleicht  den  Krampf  erst  reflectorisch  aus.  Vielleicht  handelt 
es  sich  aber  auch  um  rein  musculäre  Reizzustände. 

Herr  Wernicke:  Der  Myotoniker  hat  nur  ganz  kurze  Krämpfe, 
analog  sind  eher  die  Geburtskrämpfe  durch  Druck  des  Schädels 
auf  die  Nervenstämme. 

Herr  Kausch  fragt  den  "Vortragenden,  ob  bei  dem  Patienten 
keinerlei  hysterische  Symptome  vorhanden  sind.  Redner  hatte 
den  Eindruck,  als  wenn  der  Pat,  sich  mit  gewissem  Wohlbehagen 
vorstellen  ließe,  obwohl  doch  die  Auslösung  der  Krämpfe  ihm 
lebhafte  Schmerzen  verursachte.  Wenn  Redner  auch  weit  entfernt 
ist  das  Krankheitsbild  für  hysterisch  zu  halten,  so  läßt  sich  viel- 
leicht doch  bei  dem  vielgestaltigen  Bilde,  unter  dem  die  Hysterie 
auftreten  kann,  eine  solche  Annahme  nicht  ohne  Weiteres  von 
der  Hand  weisen. 

Herr  Kobrak  berichtet  über  eine  größere  Anzahl  von  Fällen, 
bei  denen  Grampi  im  Anschluß  an  einen  sehr  anstrengenden 
Marsch  bei  heißem  Wetter  eintraten.  Die  Erscheinungen  setzten 
unmittelbar  nach  der  Rückkehr  der  Soldaten  in  die  Kaserne  ein. 
Herr  Wernickii  findet  für  seinen  Fall  keine  Analogie  in  dem 
sogen.  Muskelkater. 

Herr  Rüstner  spricht  sich  dahin  aus,  daß  er  in  dem  Ent- 
stehungsmodus der  Crampi  bei  dem  Vorgestellten  und  dem  meist 
bei  dem  Eintritt  des  Kopfes  in  das  Becken  während  der  Geburt 
auftretenden  Waden- (seltener  Adductoren-)Krampf  Unterschiede 
zu  bemerken  glaube.  Bei  den  letztgedachten  Krampfformen  drückt 
der  Khidsteil  auf  den  Stamm  des  Plexus  ischiadicus,  wo  dieser 
das  Becken  durch  die  Incisura  ischiadioa  major  verläßt.  Je  größer 
der  Kindsteil,  um  so  intensiver  der  Druck,  um  so  lebhafter  die 
Krampferapfindung.  Bei  der  gewöhnlichen  Hinterhauptslage  wird 
folgerichtig  der  Krampf   lebhafter    oder    aiissohließlioh    auf    der 


1.  Abteilung.    Medicinische  Sectioü.  35 

Seite,  wo    das    breitere,    dickere   Hinterhaupt  des   Kindes    liegt, 
empfunden, 

Herr  Storch   berichtet  von  einem  ähnlichen  Fall  bei  einem 
öiohtiker. 

T  agesordnuug: 

Herr  v.  Mikulicz:  lieber  den  heutigen  Stand  der  chirurgi* 
sehen  Behandlung  der  Prostatahypertrophie. 


Sitzung    vom    6.    Mai    1904, 
Vorsitzender:  Herr  Ponfick.  —  Schriftführer:  Herr  Uhthoff. 

Tagesordnung: 
Herr  Uenle:   Zur  Casuistik  des  Ileus. 

M.  H.!  Der  erste  Fall,  von  dem  ich  Ihnen  heute  sprechen 
möchte,  ist  dadurch  bemerkenswert,  daß  sich  an  eine  soheinbur 
ganz  harmlose  und  gelungene  Operation  ein  schwerer  Ileus  an- 
schloß, der  durch  eine  Kette  unglücklicher  Verliältnisse  den  Tod 
herbeiführte. 

Die  Krankengeschichte  ist  kurz  folgende :  Anfangs  April  d.  J. 
kam  ein  44jähriger,  sehr  kräftiggebauter  Mann  mit  starkem 
Panniciüus  adiposus  zu  mir  mit  einer  taubeneigroßen,  nicht  ganz 
J-eponiblen  Nabelhernie.  Wir  machten  zunächst  einen  Versuch 
mit  Heftpflastercompression;  ich  betonte  aber  gleich,  daß  außer 
tlieaer  nur  eine  Operation  in  Frage  kommen  könne,  da  ein  brauch- 
bares Nabelbruchband  nicht  existirt.  Am  10.  IV.  kam  der  Pat 
wieder  mit  der  Bitte,  die  Radicaloperation  möglichst  bald  aus- 
zuführen; das  Heftpflaster  hatte  ihm  Ekzem  gemacht  und  er  hatte 
trotz  des  Verbandes  Beschwerden. 

Am  11.  IV.  Radicaloperation,  die  ohne  Besonderheiten  ver- 
lief. Ein  adhärenter  Netzstrang  wurde  mit  zwei  Ligaturen  unter- 
bunden und  versenkt,  Darm  kam  nicht  zu  Gesicht.  Die  Operation 
war  unter  Schlei ch'scher  Anästhesie  ausgeführt  worden,  da  mir 
«ine  Narcose  contraindicirt  schien.  Ich  fürchtete  ein  Fettherz 
und  wußte  außerdem,  daß  der  Patient  erst  nach  sehr  langem 
Studententum  ein  tüchtiger  Beamter  geworden  war.  Sein  Gesicht 
war  leicht  cyanotisch  gefärbt. 

Am  Tage  der  Operation  und  am  nächsten  ging  es  dem  Pat. 
gut;  daß  er  katheresirt  werden  mußte  und  daß  Winde  nicht  ab- 
gingen, beunruhigte  mich  nicht,  da  wir  derartige  Erscheinungen 
ja  nach  Bauchoperationen  leicht  eintreten  sehen  und  sonst  nichts 

8* 


Jahresberiolit  der  Sclilos.  Gesellschaft  filr  vaterl.  Ciiltur. 


Bedrohliches  vorlag,  kein  Erbrechen  oder  Aufstoßen,  keine 
Temperatursteigerung,  keine  erhöhte  Pulsfrequenz. 

Im  Laufe  der  folgenden  Nacht  aber  entwickelte  sich  das  Bild 
eines  Ileus.  Anstatt  der  leichten  Auftreibung,  die  am  Tage  vorher 
dagewesen  war,  sehr  starker  Meteorismus;  durch  Stäbchen- Pless- 
meter-Percussion  ließ  sich  eine  gewaltige  Sohlinge  feststellen,  die 
oben  quer  und  rechts  senkrecht  durchs  Abdomen  zog.  Peristaltik 
war  überall  zu  hören;  im  Bereich  der  geblähten  Schlinge  waren 
die  Geräusche  ausgesprochen  metallische.  Druokempfindlichkeit, 
bestand  nur  an  der  Operationsstelle,  dagegen  hatte  der  Pat.  alle 
10 — 20  Minuten  das  Gefühl  vergeblicher  Darmcontractionen,  ohne 
angeben  zu  können,  wo  diese  ihr  Ende  fanden.  Zu  sehen  war 
durch  das  Fettpolster  weder  der  Contur  der  geblähten  Schlinge, 
noch  Peristaltik.  In  der  rechten  Flanke  war,  so  weit  man 
percutiren  konnte,  laut  tympauitisoher  Schall,  auch  sonst  nirgends 
Dämpfung;  Leber  etwas  nacli  oben  verschoben.  Zu  palpiren  war 
nichts  Pathologisches. 

Ich  machte  zunächst  noch  Versuche  mit  Eingießungen,  con- 
atatirte  dabei,  daß  reichlich  1  Liter  einfloß,  aber  irgend  welchen 
Erfolg  hatte  der  Einguß  ebenso  wenig  wie  eine  subcutane  In- 
jeotion  von  0,001  Atropin.  sulfur. ;  es  entleerten  sich  weder  Stuhl 
noch  Winde.  Im  Laufe  des  Vormittags  einmal  Erbrechen  von 
iia.  200  com  nicht  fäculenter  Massen. 

Ich  mußte  mich  zur  Relaparotoniie  entschließen  und  fiihrfe 
diese  48  Stunden  nach  dem  ersten  Eingriff  aus.  Vorher  war  zu 
entscheiden,  welcher  Art  der  vorhandene  Ileus  wäre. 

Es  konnte  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  es  sich  um  einen  Dick- 
darmverschluß handelte,  und  zwar  mußte  ich  als  Sitz  der 
Occkision  die  Flexura  lienalis  annehmen.  Die  geblähte  Schlinge 
entsprach  offenbar  dem  aufsteigenden  und  Queroolon.  Daß  der 
Vei'Bchluß  nicht  tiefer  unten  gelegen  war,  lehrte  einmal  das; 
Fehlen  einer  nachweisbaren  Blähimg  der  tieferen  Darmabschnitte, 
andererseits  auch  die  Größe  der  per  rectum  einzugießenden 
Wassermengen.  Wodurch  freilich  der  Verschluß  herbeigeführt 
wurde,  war  nicht  zu  eruiren.  Denken  mußte  man  an  einen  la- 
tenten Tumor,  oder  noch  mehr  an  eine  innere  Incarceration.  Daß 
diese  mit  der  Operation  in  direotem  Zusammenhang  stände, 
war  mir  höchst  unwahrscheinlich.  Da  dies  immerhin  möglich 
war,  machte  ich  die  Inoision  in  der  Mittellinie  unter  Exciaion 
der  Operationswunde.  Hier  fand  sich  nichts  Besonderes;  das 
Netz  mit  seinen  reactionslosen  Ligaturen  bedeckte  die  Darm- 
Böhlingen.    AU  ich  dann  aVjer  versuchte,  das  Netz  nach  oben  zu 


T.  Abteilung.     Modicinisohe  Section. 


schlagen,  zeigte  sich,  daß  dieses  durch  strangförmige,  zur  Baucl\- 
wand  hiuziehoude  Adhäsionen  verhindert  wurde.  Somit  wuchs 
mein  Verdacht,  daß  derartige  Adhäsionen  auch  weiter  oben  ge- 
legen wären  und  den  Darmverschluß  bedingten.  Nachdem  iclx 
das  Netz  unten  befreit  und  nacli  oben  geklappt  hatte,  lagen 
mäßig  geblähte,  spiegelnde  und  nicht  gerötete  Dünudarmsclilingen 
vor.  Leider  sah  ich  mich  jetzt  genötigt,  die  Operation  so  schnell 
wie  möglich  zu  beendigen.  Der  Pat.  hatte  nur  unter  der  Be- 
dingung einer  Narcoso  seine  Einwilligung  zum  Eingriff  gegeben. 
Ich  verwandte  Morphium-ßromäthylAether.  Trotz  aller  Vorsiclit 
der  Dosirung  nahm  die  Cyanose  alsbald  bedenklichste  Formen 
an,  der  Puls  wurde  schlecht,  die  Wunde  blutete  fast  gar  nicht. 
Ich  entschloß  mich  daher,  die  Aufsuchung  des  Hindernisses  auf- 
zugeben und  einen  Anus  coeoalis  anzulegen,  auf  den  ich  auch 
"ach  Herstellung  der  Passage  nicht  hätte  verzichten  mögen.  Um 
Platz  zu  gewinnen,  wurde  das  colossale  Netz  entfernt,  die 
mediane  Wunde  verschlossen  und  von  einem  in  der  recliten  lu- 
guinalgegend  gelegenen  Schnitt  aus  der  Bhnddarm  aufgesucht. 
Auch  die  Anlogung  des  Anus  begegnete  besonderen  Schwierig- 
keiten infolge  dos  enormen  Fettpolsters,  dann  auch  besonders, 
weil  alle  an  dem  vorgezogenen  Darm  angelegte  Nähte  durcli  die 
infolge  der  Blähung  papierdünne  Wand  durchstachen  und  sich 
aus  den  Stichkanäleu  Darminhalt  entleerte.  Es  blieb  mir  nichts 
übrig,  wie  einen  Zipfel  des  Coecums  zwischen  zwei  Klemmen  zu 
fassen  und  mittels  dieser  nach  außen  zu  ziehen.  Nach  aus- 
giebiger Umstopfung  mit  Jodoformgazebeuteln  wurde  der  Darm 
zwischen  den  Klemmen  eröffnet  und  in  das  Loch  sofort  ein 
fingerdickes  Glasrohr  mittels  vorher  gelegter  Schnürnaht  ein- 
gebunden. Sofortige  Entleerung  von  reichlichen  Gas-  und  Kot- 
mengeu.  Nach  der  Operation  besserte  sich  der  Puls  nur  kurze 
Zeit,  um  dann  trotz  Kampher  immer  schlechter  zu  werden.  Um 
4  Uhr  Nachts  ist  er  nicht  mehr  zu  fühlen,  gegen  Morgen  Be- 
nommenheit und  dann  Exitus.  Stuhl  hatte  sich  aus  dem  Anus 
nur  noch  wenig  entleert. 

Die  im  Königl.  pathologischen  Institut  ausgeführte  Section 
ergab  Folgendes:  Frische  Peritonitis,  offenbar  herrührend  von 
tler  Anlegung  des  Anua.  Starke  Blähung  von  Coecum  und  Quer- 
colou,  gerhige  des  übrigen  Darms.  Processus  vermiformis  normal 
und  frei.  Das  Ende  des  Quercolon  ist  durch  einen  dicken,  vom 
Ligamentum  gastrocolicum  zum  Anfang  des  Colon  descendens 
hinüberziehenden  Strang  diesem  stark  genähert.  Dadurch  ist  die 
i'lexura   lienalis    in    einen    scharfen    Knick    verwandelt.      Dieser 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


wird  vermehrt  durch  ein  vom  Scheitelpunkt  des  Kniokes  aufwärts 
zur  Bauohwand  ziehendes  Band.  Sie  sehen  die  Verhältnisse  hier 
wiedergegeben  in  einer  Zeichnung,  die  ich  habe  anfertigen  lassen 
(Demonstration). 


Der  Verschluß  des  Darmes  ist  nicht  etwa  durch  eine  Um- 
sohnürung  zu  Stande  gekommen;  es  zeigen  sich  keine  Ver- 
änderungen an  der  Darmwand,  welche  auf  einen  Druck  schließen 
ließen.  Vielmehr  ist  die  Obturation  lediglich  Folge  der  Knickung 
von  deren  Wirkung  man  sich  ja  an  jedem  Gummischlauoh  leicht 
überzeugen  kann.  Aehnliche  Verhältnisse  aber  in  geringerem 
Grade  und  nur  wenig  stenosirend  finden  sich  auch  an  der  flexura 
hepatica.  Außerdem  wird  constatirt  eine  hochgradige  Fett- 
durohwachsung,  besonders  des  rechten  Herzens,  eine  colossale 
Ectasia  ventriouli  nebst  chronischem  Katarrh.  In  der  Gallenblase 
zwei  Steine  und  eine  circuläre  Einschnürung  der  Wand,  die  zu 
einer  Sanduhrform  geführt  hat.  Weder  die  Magenerweiterung 
noch  die  Gallensteine  waren  überraschende  Befunde,  erstere  war 
bei  der  der  Narcose  vorangegangenen  Magenspülung  constatirt 
worden,  bei  der  sich  sehr  große  Mengen  von  Luft  und  flüssigem, 
vielleicht  ein  klein  wenig  fäculent  riechendem  Inhalt  entleert 
hatten.  Gallensteinkoliken  waren  anamnestisch  angegeben  worden 
80  daß  ich  auch  an  pericholecystitische  Adhäsionen  als  Ursache 
des  Ileus  gedacht  hatte,  allerdings  ohne  größere  Bestimmtheit, 
da  ja  die  Ooclusion  links  gelegen  war.  In  der  Umgebung  der 
Gallenblase  waren  keine  Adhäsionen. 

Nach  diesem  Befund  waren  einige  Fragen  zu  stellen:    Die 


I.  Abteilung.    Medicinisohe  Seotion. 


erste  nach  der  Ursache  der  Straugbildungen  mußte  unbeantwortet 
bleiben.  Die  zweite  nach  der  Möglichkeit  eines  Zusammen- 
hanges zwischen  Bruchoperation  und  Darmversohluß  ist  un- 
bedingt zu  bejahen. 

Hochenegg  hat  vor  einer  Reihe  von  Jahren  (Wiener  khii. 
Wochenschr.,  1897,  No.  51)  eine  Art  des  Ileus  beschrieben,  die 
or  als  Combinationsileus  bezeichnet.  Die  Genese  eines  solchen 
ist  kurz  folgende:  Irgendwo  im  Verlauf  des  Dickdarms  besteht 
eine  allmählich  zunehmende  Stenose,  die  zu  einer  Blähung  der 
darüber  gelegenen  Darmpartien  führt.  Höher  oben  im  Darm  be- 
findet sich  ein  Hindernis  (ein  Strang,  ein  Bruchring),  das  bei 
normalem  Darm  die  Fortschaffung  des  Inhalts  kaum  stört.  Für 
den  geblähten  Darm  aber  ist  die  Passage  zu  eng  und  es  kommt 
durch  Einschnürung,  Abkniokung  etc.  zum  völligen  Darmversohluß 
an  dieser  Stelle.  Wird  jetzt  laparotomirt,  so  impomrt  die  obere 
Abschnürung  als  einziges  Hindernis,  da  die  darunter,  d.  h. 
zwischen  den  beiden  Stenosen  gelegene  Schlinge  ihren  Inhalt 
inzwischen  entleert  hat,  und  zwar  wie  Gersuny  wohl  mit  Recht 
annimmt  (Discussion  zu  H ochenegg's  Vortrag)  durch  das  nicht 
vollständig  verschließende  untere  Hindernis  hindurch. 

Was  hat  nun  dieser  Gegenstand  mit  unserem  Fall  zu  thun? 
Ich  muß  aus  der  Sectionsgesohichte  noch  Folgendes  nachtragen: 
Der  Dickdarm  wurde  im  Zusammenhang  mit  dem  Peritoneum 
parietale  und  unter  Schonung  der  Stränge  liorausgenommen. 
Ließ  man  nun  in  das  entleerte  Quercolon  Wasser  einfließen,  so 
passirte  dieses  zunächst  die  Stenose  ungehindert.  Sobald  aber 
bei  stärkerem  Wasserstrom  das  Queroolou  sich  blähte,  bildete 
sich  der  oben  beschriebene  Knick  und  es  trat  ein  ventilartig 
wirkender,  absoluter  Verschluß  ein. 

Die  eine  Voraussetzung  des  Combinationsileus  ist  also  ge- 
geben, der  infolge  der  Darmblähung  eintretende  Verschluß.  Auch 
die  andere  Componente  ist  vorhanden,  aber  nicht  in  Gestalt  einer 
v-weiten  Ocolusion.  Das  tiefer  gelegene  Hindernis  ist  in  diesem 
IJ'alle  vielmehr  gegeben  durch  die  Darmparese,  die  der  Hernieu- 
operation  gefolgt  ist.  Wollen  wir  das  Bild  eines  Combinations- 
ileus in  diesem  Falle  aufrecht  erhalten,  so  müssen  wir  sagen,  es 
besteht  eine  Combination  eines  freilich  nur  angedeuteten  para- 
lytischen Ileus  mit  einer  Ocolusion  durch  Abkniokung. 

Wenn  man  das  Präparat  resp.  die  nach  ihm  hergestellte 
Zeichnung  betrachtet,  kann  man  es  nur  bedauern,  daß  die  Re- 
laparotomie  nicht  zum  gewünschten  Ende  geführt  werden  konnte. 


40 Jahresbericht  der  Schles.  G-esellschaft  für  vaterl.  (Jnltiii-. 

Ein  Scheerensohlag  hätte  genügt,  das  an  der  richtigen  Stolle 
diagnostioirte  Hindernis  zu  beseitigen. 

Sollen  wir  nun  aus  diesem  traurigen  fall  etwa  den  Schluß 
ziehen,  daß  die  Radicaloperation  der  Nabelbrüche  wegen  der  mit 
ihr  verknüpfton  Gefahren  vermieden  werden  muß?  Wir  können 
diese  Frage  getrost  mit  „Nein"  beantworten.  Glücklicher  Weise 
ist  ein  Fall  wie  der  besprochene  eminent  selten.  Wir  dürfen  sagen, 
daß  die  Gefahr  der  Operation  heutzutage  geringfügig  ist  und 
nicht  im  Vergleich  steht  zu  der  Gefahr,  welche  mit  dem  Besitz 
enies  Nabelbruches  verbunden  ist.  Einen  solchen  dauernd  reponirt 
■Ml  halten  ist  schwierig,  oft  unmöglich.  Ist  es  aber  enimal  m 
Incarceration  oder  was  bei  großen  meist  violkämmerigeu  Nabel- 
brüchen häufig  ist,  durch  Abknickung  von  oft  adhäronten  Darm- 
schlmgen  zum  Ileus  gekommen,  dann  ist  die  Prognose  immer 
recht  dubiös,  auch  wenn  bald  chirurgisch  eingegriffen  wird. 
Endlich  müssen  wir  von  unserem  Fall  noch  sagen,  daß  auch  ohne 
Eadicaloperation  wohl  über  kurz  oder  laug  einmal  die  Abknickung 
erfolgt  wäre  und  der  Fall  hätte  auch  dann  vermutlich  ein  un- 
glückliches Eude  genommen. 

Zweifellos  hätte  ich  besser  gethan,  die  fielaparotomie  früher 
vorzunehmen.  Andererseits  schien  mir  bei  dem  wenig  stürmischen 
Verlauf  des  Ileus  der  Vorsuch  eines  nicht  operativen  Vorgehens 
wohl  gerechtfertigt.  Endlich  kann  der  Verschluß  im  höchsten 
Falle  48  Stunden  bestanden  haben.  Der  Hauptnaohteil,  den  das 
Abwarten  gebracht  hat,  war  die  inzwischen  immer  stärker  ge- 
wordene Darmblähung.  Aus  ihr  entsprangen  die  Schwierigkeiten 
bei  der  Anlegung  des  Anus  praeternaturalis  und  damit  indirect 
die  Peritonitis.  Ob  aber  nicht  auch  ohne  die  letztere  die  Herz- 
schwäche zum  Tode  geführt  hätte,  steht  dahin. 

Ich  halte  es  für  unzweifelhaft,  daß  Combinationen  der  be- 
sprochenen Art  vonparetischerDarinbläliung  und  relativem  Hindernis 
öfter  zum  Ausbruch  eines  Ileus  führen.  Wie  oft  finden  wir  bei 
einer  Laparotomie  Stränge  als  Ursache  einer  Knickung  oder  Ein- 
schnürung, deren  Aussehen  dafür  spricht,  daß  es  sich  um  Dinge 
handelt,  die  schon  längst  vorhanden  waren.  Irgend  eine  Ver- 
anlassung muß  also  in  einem  derartigen  Fall  den  gelegentlichen 
Verschluß  herbeigeführt  haben.  Daß  man  diese  Veranlassung 
in  Gestalt  der  postoperativeu  Darmparese  so  eolatant  nachweisen 
konnte,  halte  ich  für  das  Besondere  des  hier  besprochenen  Krank- 
heitsbildes. 

Viel  erfreulicher  ist  der  zweite  Fall,  von  dem  ich  Ihnen 
berichten     möchte.      Die     22jährige     Patientin     erkrankte 


am 


I.  Abteilniig.     Medioinische  Seclion. 


'"27.  X.  1903  plötzlich  beim  Versuch  der  Defäoatioii.  Patientin 
wurde  sehr  blalJ,  bekam  Ohumachtsgefühl ,  furchtbare  Leib- 
schmerzen und  Eibrechen.  Letzteres  wurde  alsbald  übelriechend  ; 
kein  Stuhl,  keine  Winde.  Am  3.  Tage  auf  Xlystier  reichliehe, 
sehr  stinkende  Entleerung  von  schwarzer  Farbe  (Blut?).  Am 
5.  Tage  Nachlassen  des  Erbrechens,  Nahrungsaufnahme.  Am 
18.  Tage  (14.  XI.)  Singultus,  wieder  Erbrechen.  Am  22.  Tage  wird 
ein  wurstförmiger  Körper  entdeckt,  der  aus  dem  Anus  hervorragt : 
das  freie,  reichlich  15  om  lange  Stück  wird  abgetragen.  Bei  der 
Besichtigung  erweist  es  sich  als  ein  Stück  Darm.  Trotz  hoch- 
gradiger Eäulnis  ist  zu  constatiren,  daß  es  sicli  um  Dünndarm 
handelt.  Am  30.  Tage  entleert  sich  mit  etwas  Stuhl  die  Fort- 
setzung dos  Darmstüokes,  die  noch  etwa  13  cm  lang  ist,  so  daL5 
stlso  die  Gesamtlänge  des  abgegangenen  Darmstückes  reichlicli 
28  cm  beträgt.  Das  Erbrechen  läßt  nach,  Pat.  nimmt  Hüssige 
Nahrung  zu  sich.  Aber  schon  am  folgenden  Tage  erneutes  Er- 
brechen wenig  veränderter  Ingesta  mit  Gallenbeimischung.  Winde 
gehen  ab;  Nährklystiere. 

Als  ich  die  Kranke  am  1.  XIL,  am  37.  Tage  der  Krankheit, 
2uai  ersten  Male  sah,  fand  ich  (>ine  hochgradige  Abmagerung, 
mätiige  Anhydrämie,  kleinen  Puls  von  110—120;  Temperatur 
normal.  Der  Leib  war  eingesunken,  im  Ganzen  nicht  ilruck- 
empiindlich;  Peristaltik  überall  zu  hören,  Darmsteifungen  nicht 
sicher  zu  sehen.  Links  oberhalb  des  Nabels  leichte  Resistenz  und 
uiäüige  Druckempfindlichkeit. 

Ueber  die  Diagnose  konnte  man  nach  dieser  Anamnese  niclit 
'm  Zweifel  sein;  sie  war  bereits  von  Herrn  Dr.  Oppler  zwei 
Tage  vorher  gestellt  worden,  der  trotz  dos  schlechten  Allgemein- 
befindens zur  Operation  geraten  hatte.  Es  handelte  sich  offenbar 
um  Eolgen  einer  luvaginatiou.  Das  gangränöse  luvaginatura  war 
angegangen,  aber  es  hatte  sich  im  Anschluß  daran  eine  sehr 
hochgradige  Stenose  entwickelt.  Diese  mußte  hoch  sitzen;  dafür 
sprach  vor  allem  das  Eehlen  tles  Metoorismus,  dann  auch  die 
Beschaffenheit  dos  Erbrochenen. 

In  Bromäthyl-Aether-Narcose  machte  ich  vom  Nabel  aufwärts 
in  der  Mittellinie  eine  Incision  und  fand  in  der  druckempfindlichen 
Resistenz  das  Hindernis.  Die  Stelle,  wo  nach  Abgang  des  gangrä- 
nösen Invaginatums  die  beiden  Darmenden  miteinander  verwachsen 
waren,  machte  sich  als  tiefe,  circuläre  Einschnürung  kenntlich. 
«■Is  ich  den  stenosirten  Darmabschnitt  vorziehen  wollte,  löste  sich 
plötzlich  die  "Verwachsung.  Das  eine  Ende  ließ  sich  nun  unschwer 
herauslagern,  das  andere,  glücklicher  Weise  das  abführende  und 


.lahroshericht  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vatcrl.  Oultiir. 


ganz  leere  war  in  der  Tiefe  Jixirt.  Da  sich  aus  seinem  minimalen 
Lumen  Inhalt  nicht  entleerte,  ließ  ich  es  an  Ort  und  Stelle, 
nachdem  ich  es  durch  mehrfache  Schnürnaht  verschlossen  hatte. 
Nachdem  von  dem  vorgeKOgenen  Schenkel  etwa  10  cm  abgetragen 
waren,  wurde  dieser  nach  Doyen  verschlossen.  Dann  Herstellung 
der  Communication  zwischen  den  beiden  Darmpartien  in  Gestalt 
einer  breiten  Naht-Anastomose.  Verschluß  der  Bauchdeckon. 
Vorher  war  noch  constatirt  worden,  daß  die  Operationsstello  sich 
etwa  90  cm  unterhalb  der  Plioa  duodeno-jejunalis  befand. 

Der  Verlauf  war  günstig,  Pat.  erholte  sich.  Im  oberen  Teil 
der  Wunde  hatte  sich  eine  oberflächliche  Fistel  gebildet,  die  sich 
schloß,  nachdem  eine  der  versenkten  Seidennähte  entfernt  worden 
war.  Sie  können  sich  jetzt  persönlich  von  dem  Wohlbelinden  der 
jungen  Dame  überzeugen. 

Das  abgetragene  Darmende,  welches  ich  Ihnen  hier  herum- 
gebe, zeigt  an  seinem  Ende,  aber  nicht  genau  in  der  Darmaohse, 
die  Oeffnung,  durch  welche  die  Communication  mit  dem  tiefer- 
gelegenen Darm  stattgefunden  hat.  Sie  sehen  ohne  Weiteres, 
welch  colossale  Stenose  hier  vorhanden  war.     (Demonstration.) 

Es  wird,  m.  IL,  niemandem  zweifelhaft  sein,  daB  in  einem 
Falle  wie  der  vorliegende  nur  von  einer  Operation  Rettung  zu 
erwarten  ist.  Es  sind  derartige  Eingriffe  bisher  nur  wenige  aus- 
geführt; ich  finde  nur  zwei  analoge  Fälle,  einen  vonKofmann') 
und  einen  von  v.  ßramann'-)  (bei  Haasler).  Der  Grund  für 
diese  Seltenheit  ist  gegeben  einmal  darin,  daß  Invaginationeu  bei 
uns  wenigstens  überhaupt  selten  sind,  des  Weiteren  darin,  daß 
Stenosen  der  beschriebenen  Art  nach  Invaginationeu  sich  nicht 
häufig  ausbilden.  Das  heißt  nun  nicht  etwa,  daß  eine  Spontau- 
lieilung  der  Invagination  ohne  Stenose  das  Gewöhnliche  wäre. 
Auch  solche  Fälle  sind  freilich  beschrieben  in  etwas  größerer 
Zahl  als  die  mit  Verengerung  geheilten,  aber  immerhin  spärlich 
genug.  Die  bei  weitem  meisten  Invaginationeu  erliegen,  wenn 
nicht  rechtzeitig  eingegriffen  wird,  zweifelsohne  der  Perforations- 
peritonitis. 

Aus  diesem  Grunde  kann  man  Naunyn  nur  recht  geben, 
wenn  er  der  Ansicht  ist,  daß  jode  Invagination  dem  Chirurgen 
gehört,  wenn  nicht  in  den  allerersten  Stunden  durch  Eingüsse 
und  sonstige  innere  Mittel  die  Desinvaginatiou  herbeigeführt  ist. 
In  frischen  Fällen    ist  die    operative  Therapie    einfach    und   die 


»)  Centralbl.  f.  Chirurgie,  1895,  pag.  941. 

»)  V.  Langenbecks  Archiv,  Bd.  68,  pag.  817. 


I.  Abteilung.    Medicinische  Secüon.  43 

Prognose  als  günstig  zu  bezeichnen.  Ich  erinnere  mich  eines 
Falles,  den  ich  in  der  chirurgischen  Klinik  operirt  habe.  Ein 
Kind  war  wenige  Stunden  nach  Entstehung  der  Invagi- 
nation  von  Herrn  Collegen  Weile  der  Klinik  zugeführt  worden. 
Nach  Ausführung  der  Laparotomie  gelang  die  Desinvagiuatioii 
ohne  Schwierigkeiten.  Das  Kind  ist  geheilt  und  gesund  ge- 
blieben, wie  es  ja  überhaupt  bekannt  ist,  daß  Recidive  der  lii^ 
vagination  im  Allgemeinen  selten  sind.  Auch  wenn  die  Des- 
mvagination  nicht  mehr  möglich  ist,  wird  die  Darmresection  mit 
erheblich  größerer  Wahrscheinlichkeit  einen  guten  Ausgang  ver- 
sprechen, als  das  Zuwarten,  zumal  wenn  man  extraperitoneal 
operirt  nach  der  Methode,  welche  von  Herrn  Geh.-Rat  v.  Mikulicz 
angegeben,  wiederholt  mit  Glück  ausgeführt  und  vor  einiger  Zeit 
auch  an  dieser  Stelle  besprochen  worden  ist.  In  dem  vorliegenden 
Fall  wäre  übrigens  vermutlich  auch  viel  früher  zur  Operation 
geschritten  worden,  wenn  nicht  die  Fat.  und  deren  Eltern  sich 
gegen  eine  solche  gesträubt  hätten. 

Wenn  in  dem  ersten  heute  besprochenen  Falle  eine  Summe 
übler  Faotoren  den  traurigen  Ausgang  herbeigeführt  hat,  so  kann 
man  von  dem  zweiten  das  Gegenteil  behaupten.  Nur  dem  Zu- 
iäammentreflen  vieler  glücklicher  Umstände,  wie  dem  Ausbleiben 
tler  Peritonitis  und  einer  sehr  erheblichen  Widerstandskraft  des 
rlugendlicheu  Oi-ganismus  ist  es  zu  danken,  daß  es  noch  mehr 
'W'-ie  fünf  Wochen  nach  Eintritt  der  Invagination  möglich  war  zu 
"periren  und  durcli  einen  relativ  einfachen  Eingriff  die  Heilung 
lierbeizuführen. 

Disoussion: 

Herr  Pontick:  Für  das  Verständnis  der  verhängnisvollen 
*"ge,  welche  an  der  Stelle  der  narbigen  Ausheilung  der  Invagi- 
'^ation  bestanden  hat,  würde  es  von  Interesse  sein,  etwas  über 
*^ie  Ursache  der  letzteren  zu  erfahren. 

Ist  der  Herr  Vortragende  im  Stande  gewesen,  liierüber  eine 
Ansicht  KU  gewinnen? 

Herr  B.  Oppler:  M.  H.!  Wenn  ich  zu  dem  zweiten  der 
■■'eiden  vom  Herrn  Vortragenden  besprochenen  Fälle  mir  einige 
Bemerkungen  gestatten  darf,  so  möchte  ich  zunächst  darauf  hin- 
''^eisen,  wie  selten  bei  uns  in  Schlesien  Fälle  von  Darminvagi- 
nation  überhaupt  vorkommen,  und  daß  im  vorliegenden  die  Aetio- 
^Ogie  eigentlich  ganz  dunkel  ist.  Von  der  Patientin  resp.  deren 
Angehörigen  wurde  mir  damals  mitgeteilt,  daß  längere  Zeit  vorher 
Schon  Obstipation  bestanden  habe,  und  daß  der  Ileus  plötzlich 


44  .luhresbericht,  der  Schles.  Gesollschaft  für  vtil.orl.  DriHur. 

auf  dorn  Closet  bei  heftigem  Pressen  eiitstandüu  sei;  man  wird 
troUdom  das  starke  Pressen  für  den  Eintritt  der  Invagiiiation 
nicht  allein  verantwortlich  machen  können  und  zu  einer  Ent- 
scheidung dieser  Frage  nicht  gelangen. 

Als  ich  die  Patientin  zum  ersten  Mixle  sah  —  oiiieu  Tag 
vor  der  Operation  — ,  bot  die  DiagnoBo  eigentlich  keinerlei 
Hohwierigkeit,  nur  über  den  Sitz  der  oitenbar  vorliegenden 
Darmstenose  konnte  man  Zweifel  hegen,  die  sich  ebenfalls 
duroll  den  Typus  des  Erbrechens  und  die  Configuration  dos 
Abdomens  bald  lösten.  Es  mußte  sich  um  eine  sehr  hoch- 
sitzende  Düundarmstonose  handeln.  Sehr  schwierig  war  daiui 
die  Entscheidung,  ob  man  im  Hinblick  auf  den  geradezu 
elenden  Kräflezustand  der  Patientin  und  in  der  Erwägung,  daiJ 
die  Stenose  vielleicht  doch  noch  so  weit  durchgängig  sei,  daß 
man  eine  Aufbesserung  durch  sorgfältige  Ernährung  erreichen 
könne,  die  jedenfalls  notwendige  Operation  noch  etwas  auf- 
aohiehen  oder  wegen  der  bei  hochgradiger  Enge  drohenden  Gefahr 
des  weiteren  rapiden  Kräftevorfalls  trotssdom  sie  sofort  vornehmen 
sollte.  Ich  hatte  mich  nach  reiflicher  Ueberleguug  flir  das  letztere 
entschieden  und  Herr  Ilonle  nahm  denn  auch  den  Eingriff  boi 
der  nicht  in  Breslau  befindlichen  Patientin  schon  einen  Tag  daraui 
vor.  Sie  haben  sich  selbst  von  dem  günstigen  Erfolge  sowohl, 
als  auch  von  der  ßorechtigung  des  sofortigen  Eingreifens  boi 
dem  fest  absoluten  Verschlusse  des  Darmlumens  überzeugen 
können. 

Herr  Uenie:  lieber  die  Ursache  der  Invagination  war  Jiicljt« 
zu  eruiren,  zumal  die  ursprünglich  betroffene  Stelle  ja  sich  ab- 
gestoßen hatte  und  wegen  hochgradiger  Fäulnis  wohl  kaum  einen 
Befund  gegeben  hätte. 

Herr  Paul  Krause :  lieber  die  zur  Zeit  üblichen  bncterio- 
lugischen  üntersuchungsinethodeii  zur  Sicherung  der  klini- 
schen Typhusdiagnose. 

Nach  einer  kurzen  historischeu  Bemerkung  giobt  dur  Vor- 
tragende auf  Grund  meist  eigener  Erfahrung  und  eigener  Unter- 
suchungen eine  Uebersicht  über  die  bacteriologischon  Unter- 
suchungsmethoden, welche  uns  zur  Zeit  zur  Sicherung  der 
klinischen  Typhusdiagnose  zur  Verfügung  stehen. 

I.  Methoden  zum  Nachweis  der  Typhusbacillen  in  den  Fäces. 

Die  Nährböden  von  Capaldi,  Marpmann,  Petruschky, 
Kruse,  Loeseuer  worden  nur  kurz  kritisch  besprochen;  etwas 
ausführlicher  die  Eis  n  er 'sehe  Kartoffelgelatiue  (mit  Jodkalium- 
zusatz)   und    vor  allem  der  Piorkowski-  und   Conradi-Dri- 


I.  Abteilung.    Medicinisohe  Seotion.  45 

galski'sche  Nährboden.  Die  Piorkowski'sohe  Nährgelatine  hat 
ilem  Vortragenden  iu  einer  ganzen  Reihe  von  ITällen  gute  Dienste 
geleistet;  die  Herstellung  des  Nährbodens,  ebenso  das  Arbeiten 
'lainit,  erfordern  aber  viel  iVIühe,  groBe  Erfahrung  und  strenge 
Kritik. 

Die  ausgedehntesten  Erfahrungen  konnte  der  Vortragende 
sieh  iu  der  Verwendung  des  Conradi-Drigalski'sohen  Nähr- 
bodens sammeln.  Er  untersuchte  damit  über  800  Stühle,  darunter 
'lie  von  72  Typhusfällen.  In  einer  ersten  Versuchsreihe 
(104  Typhusstühle)  hatte  er  in  etwas  weniger  als  60  pCt.,  in  einer 
^Weiten  Serie  (ca.  560  Typhusstühle)  etwa  64  pCt.  positive  Re- 
sultate. Nach  seiner  Ansicht  gewährt  der  Co  nr  ad  i-Drigalski'sche 
Agar  wohl  die  Möglichkeit,  mit  verhältnismäßiger  Leichtigkeit 
und  in  kurzer  Zeit  den  Typhusbacillus  von  seinem  wichtigsten 
Nebenbuhler,  dem  Baot.  coli,  zu  unterscheiden;  zur  sicheren 
Diö'erenzirung  genüge  aber  die  Agglutinationsprobe  allein  nicht, 
vielmehr  sei  es  unvimgänglioh  notwendig,  die  bekannten  biologi- 
schen Differenzirungsmethoden  anzuwenden. 

Es  unterliegt  nach  den  Untersuchungsergebnissen  des  Vor- 
^''■agenden  keinem  Zweifel,  daß  trotz  aller  Sorgfalt  und  Mühe  in 
3u_4o  pCt.  der  Fälle  die  Conradi-Drigalski'sche  Methode 
^■iim  Nachweis  der  Typhusbacillen  aus  dem  Stuhle  versagt;  ein 
R-osultat,  welches  sehr  begreiflich  ist,  wenn  man  überlegt,  daü 
b'aglos  nur  immer  verhältnismäßig  wenig  Material  zur  Ver- 
wendung kommt,  allerseits  aber  sehr  wahrscheinlich  in  einem 
gewissen  Prooentsatze  der  Fälle  überhaupt  nur  eine  spärliche 
'^ahl  von  Bacillen  im  Typlmsstuhle  vorhanden  sind.  Die  An- 
gaben von  anderen  Autoren,  welche  in  90  —  100  pCt.  Typhus- 
bacillen in  den  Fäces  von  Tj^phuskranken  nachweisen  konnten, 
'^anii  der  Vortragende  nicht  bestätigen. 

Es  stimmt  in  jeder  Weise  mit  der  Ansicht  Neufelds  über- 
öi'i,  daß  es  bei  der  bacteriologischeu  Untersuchung  von  Typhus- 
Stühlen  nicht  so  sehr  auf  die  Methode,  als  vielmehr  auf  die 
^^ebung,  welche  man  in  ihr  besitzt,  \ind  die  Geduld,  die  man 
'larauf  verwendet,  ankommt. 

II.  Die  Milzpunction  bei  Typhuskranken  vorzunehmen, 
^^^  in  dem  auf  diese  Weise  erhaltenen  Blute  Typhusbacillen 
kulturell  nachzuweisen,  hält  der  Vortragende  für  durchaus  un- 
zulässig, trotz  der  Empfehlung  dieser  Methode  durch  Adler, 
■^velcher  in  den  letzten  Jahren  gegen  300  Milzpunctionen  auf  der 
Jacksch'schen  Klinik  vornahm  und  dabei  keine  unangenehmen 
Zwiachenfälle    erlebte,     trotz     der    Empfehlung    durch    Jane  so, 


46^        Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

welcher  bei  36  Kranken  37  mal  die  Milz  punctirte.  Dabei  hatte 
der  zuletzt  genannte  Autor,  ebenso  wie  früher  Haedke,  eine 
ernstliche  Schädigung  einem  seiner  Patienten  verursacht. 

Die  Warnung  von  Oursohmann,  E.  Fraenkel  vor  dieser 
Methode  besteht  zu  Recht. 

ITI.  Die  Züchtung  der  Typhusbacillen  aus  den  Roseolen, 
welche,  früher  schon  geübt  (Neu  hauss,Rütimey er,  Thiem ich), 
durch  die  Empfehlung  von  Neufeld  und  Curschmann  in' 
neuerer  Zeit  wieder  häufiger  zur  Anwendung  gekommen  ist, 
führt  bei  richtiger  Anwendung  in  einem  großen  Proeentsatze  von' 
Fällen  zu  positiven  Resultaten  und  kann  event.  dort  Anwendung 
finden,  wo  eine  Blutentnahme  durch  Venenpunctioi,  nicht  erfolgen 
kann. 

IV.  Im  circulirenden  Blute  gelingt  es  bei  Anwendung 
größerer  Blutmengen  und  sofortiger  Aussaat  auf  Agar  —  Methoden, 
wie  sie  von  Sittmann,  Stern,  Lenhartz,  Schottmüller  aus- 
gebildet sind  —  mit  Leioiitigkeit  in  60-80  pCt.  der  Fälle 
Typhusbacillen  nachzuweisen.  Die  Methode  ist  speciell  zur 
Frühdiagnose  in  unklaren  Fällen  geeignet,  wo  die  klinische  Beob- 
achtung und  andere  Methoden,  wie  die  Serumreaction  den  Dienst 
versagen.  Castellani  hatte  bei  14  Fällen  12mal,  Schottmüller 
bei  220  Fällen  182 mal,  Auerbach  bei  10  Fällen  7 mal,  Stern 
unter  38  Fällen  2r)mal,  Jochmann  in  7  Fällen  6mal,  Jochmann 
und  Krause  (Med.  Klinik  zu  Breslau)  unter  29  Fällen  23mal 
positive  Resultate.  Tn  geeigneten  Fällen  sei  die  Methode  auch 
m  der  Privatpraxis  anwendbar,  allerdings  stoße  manchmal  <lie 
Bliitentnnhme  bei  den  Patienten  auf  Widerstand. 

V.  Die  Untersuchung  des  Urins,  des  Sputums,  des 
Schweißes  auf  Typhusbacillen  ist  leicht  mit  den  gewöhnlichen 
culturellen  Methoden  möglich,  doch  werden  ijositive  Resultate 
zur  Sicherung  oder  Klärung  des  Krankheitsbildes  nur  in 
selteneren  Fällen  beitragen,  da  die  Diagnose  „Typhus"  bei  Cora- 
plicationen  seitens  der  Lungen  oder  des  Harnapparats  meist  schon 
durch  klinische  Beobachtung  feststeht. 

Zum  Schlüsse  bemerkt  der  Vortragende,  daß  er  absichtlich 
auf  die  Bedeutung  der  Widal'schen  Reaction  für  die  Diagnose 
des  Typhus  nicht  eingegangen  sei;  er  bemerke  nur,  daß  er  auf 
Veranlassung  von  Herrn  Geheimrat  von  Strümpell  in  einer 
großen  Anzahl  von  Controlversuchen  das  Ficker'sche  Typhus- 
diagnosticum  als  brauchbar  und  zuverlässig  zur  Anstellung 
der  makroskopischen  Agglutinationsprobe  gefunden  habe;  die 
mikroskopische  Probe  kann  damit  nicht  angestellt  werden.  Ueberall 


I.  Abteilung.    Medioinisclie  Seotion. 


dort,  wo  frische  Typhusoulturen  schwer  zu  beschaffen  sind,  dürfte 
sich  das  Picker'sohe  Präparat  als  nützlich  erweisen. 

D  i  s  c  u  s  s  i  0  11  : 

Herr  R.  Stern  wendet  die  Milzpuoction  zur  Diagnose  des 
Ahilominaltyphus  ebenfalls  nicht  an,  da  sie,  wie  ein  erst  kürzlich 
von  Jan  OSO  mitgeteilter  Fall  zeigt,  nicht  absolut  ungefährlich 
ist.  Die  Venenpunction  giebt  gute  Resultate,  namentlich  für  die 
Frühdiagnose,  ist  jedoch  außerhalb  der  Krankenhäuser  nicht 
iiäufig  anwendbar.  Weniger  günstig  sind  die  Resultate  der 
bacteriologischen  Untersuchung  des  Venenblutes  1.  nach  der 
dritten  "Woche  der  Krankheit,  zu  welcher  Zeit  (steile  Curven!) 
in  atypisch  verlaufenden  Fällen  noch  diagnostische  Schwierigkeiten 
bestehen  können,  ferner  2.  in  den  ganz  leichten  und  atypischen 
Fällen,  deren  Diagnose  auch  in  hygienischer  Beziehung  besonders 
wichtig  ist.  Hier  liefert  die  Serodiagnostik  und  die  bacterio- 
logische  Untersuchung  der  Stuhlgänge  bessere  Resultate. 

Herr  Krause  bemerkt,  daß  sich  doch  der  Nachweis  der 
Typhusbacillen  aus  den  Roseolen  unter  Umständen  diagnostisch 
Wertvoll  erweisen  kann,  wie  z.  B.  ihm  selbst  in  einem  Falle,  wo 
wegen  eines  verdächtigen  Exanthems  die  Diagnose  auf  Fleck- 
typhus gestellt  war;  der  Nachweis  der  Typhusbacillen  aus  den 
Roseolen  klärte  die  Diagnose. 

Sitzung    vom    13.    Mai    1904. 
Vorsitzender:  Herr  Ponfick.  —  Schriftführer:  Herr  Uhthoff. 
Herr    Oasig    berichtet    über    einen    Fall    von    operativ    ge- 
hfillem  Ijungonalnscess. ') 

Der  40jährigo  J.  F.  stammt  aus  einer  Familie,  deren  Ana- 
"Wese  nichts  Besonderes  enthält.  Er  giebt  auch  an,  selbst  stets 
Sesund  gewesen  zu  sein  bis  zum  Jahre  1888.  Im  Frühjahr  dieses 
Jahres,  also  vor  16  Jahren,  nahm  er  Dienste  bei  der  holländischen 
^'olonialarmee  und  kam  nach  Batavia.  Noch  im  selben  Jahre 
P-rkrankte  er  an  Typhus.  Nach  Ablauf  desselben  hat  er  noch 
"fter  an  rasch  vorübergehenden  hohen  Fieberanfällen  gelitten, 
~~  dort  als  Morastfieber  bekannt  —  ohne  jedoch  in  sehiem  All- 
gemeinbefinden gestört  zu  werden.  In  der  Zeit  von  März  bis 
Juni  1902  litt  F.  an  Dysenterie.     Im  Laufe   des  December  1902 

')  In  Vertretung  von  Herrn  Geheimrni  Dr.  Riegner  von  Ür. 
^^'^aig  demonstrirt. 


48  Jahresbericlit  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

begann  er  wieder  zu  fiebern  und  will  zu  dieser  Zeit  eine  gelb- 
Hohe  Gesichtsfarbe  gehabt  haben,  sowie  Schmerzen  in  der  rechten 
Schulter.  Dieser  Zustand  dauerte  an  bis  Februar  1903;  in  diesem 
Monat  wurde  unser  Patient  nach  Europa  wegen  „schleppenden 
Leberleidens"  zurückgeschickt.  Wahrend  der  Seefahrt  stellte 
sich,  wie  F.  angiebt,  ein  quälender,  trockener  Husten  ein.  Einen 
T.T,g  nach  der  Ankunft  in  Europa  trat  plötzlich  blutig-eitriger 
Auswurf  in  großer  Menge  auf;  wie  F.  angiebt,  soll  die  Menge 
des  Ausgeworfenen  etwa  zwei  Liter  betragen  haben.  Die  nächs't-e 
Zeit  ist  charaoterisirt  durch  periodisch  (besonders  frühmorgens) 
auftretenden,  reichlichen,  schleimig-eitrigen  Auswurf,  wechselndes 
Fieber,  Schmerzen  in  der  rechten  Schulter  und  leicht  gelbliche 
Verfärbung  der  Haut.  Im  Laufe  des  Juni  1903  wurde  im 
Militärlazareth  n.  Utrecht  eine  erfolglose  Probepunotion  im 
VI.  Interoostalraum  in  der  Mammillarlinie  gemacht.  F.  wurde 
dann  als  Invalide  aus  holländischen  Diensten  entlassen,  und 
kehrte  in  seine  Heimat  Breslau  zurück.  Hier  trat  wieder  eine 
Verschlimmerung  ein,  die  Fiebersteigerungen  kamen  häufiger  nud 
F.  kam  sehr  in  seinem  Allgera  einzustand  zurück.  N;ichdem  von 
verschiedenen  Seiten  eine  operative  Behandlung  abgelehnt  worden 
war,  t-Mid  F.  am  8.  II.  1904  Aufnahme  in  der  chirurgischen  Ab- 
teilung dos  Allerheiligen-Hospitals. 

Bei  der  Aufnahme  machte  F.  einen  schwer  kranken  Eindruck. 
Die  Gesichtsfarbe  war  blaß-gelblich,  der  Ernährungs-  und  Kräfte- 
zustand  schlecht,  das  Körpergewicht  betrug  138  Pfd.  Es  be- 
stand zeitweise  starker  Hustenreiz,  und  es  wurde  dann  eine  Menge 
scldeimlg  eitrigen  Sputums  ausgeworfen.  Die  Untersuchung  der 
Lungen  ergab  link.s  normale  Verhältnisse.  Hechts  vorn  fand  sich 
eine  ca.  drei  Finger  breite,  nach  unten  in  die  Leberdämpfung 
übergehende  Dämpfung,  die  aber  vom  Stamm  leicht  abüugrenzen 
wer.  Die  Durchleuchtung  mit  dem  Orthodiagraphen  ergab  an 
der  Stelle  der  Dämpfung  eine  reichlich  hühnereigroße,  dunkle 
Stelle  oberhalb  des  Zwerchfelles,  die  einen  hellen  Innenraum 
aufwies. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  des  Sputinns  zeigte  Eiter 
körperchen,  rote  Blntkörperchen  und  Fettaänrenadeln,  son.ii  nichis 
Besonderes. 

Bei  wiederholten  Durchleuchtungen,  die  in  der  nächsten  Zeit 
vorgenommon  wurden,  zeigten  sich  .ibwechselnd  zwei  verschiedene 
Befunde;  hatte  eben  vorher  eine  reichlichi^  Spntumentleerung 
stattgefi;nden,  so  war  der  helle  Innenraura  des  oben  erwähnten 
Schattsms  deutlicher,  und  es  gelaug  bisweilen  den  Schatten  selbst 


I.  Abteilung.     Medioinisohe  Section. 


gegen  den  Lebersohatten  abzugrenzen.  Lag  dagegen  vor  der 
Durchleuchtung  ein  längerer,  hustenfreier  Zeitraum,  so  war  die 
Abgrenzung  des  Schattens  gegen  die  Leber  lli(^ht  möglich  und 
auch  der  helle  Innenraum  undeutlicher. 

Am  29.  IL  1904  wurde  im  Bereich  der  Dämpfung  eine  Probe- 
pnnction  gemacht,  es  fand  sich  dabei  dickflüssiger  gelber  Eiter 
Von  derselben. ßeschafi'enheit  wie  das  Sputum. 

Am  1.  IIL  1904  wurde  in  Morphium-Aethernarcose  im  ße- 
feich  der  Dämpfung  ein  Stück  der  V.  Rippe  entfernt.  Die  Lunge 
Züigte  sich  hier  der  vorderen  Bruatwand  adhärent.  Nach  noch- 
maliger Function  wurde  mit  dem  Thermocauter  in  der  Richtung 
cler  Nadel  eingegangen.  Beim  Herausziehen  des  Platinbrennors 
hing  an  der  Spitze  desselben  ein  wenig  Eiter  von  demselben 
Aussehen,  wie  es  der  bei  der  Punotion  gefundene  Eiter  gezeigt 
hatte.  Eine  Entleerung  von  Eiter  trat  nicht  ein,  offenbar  weil 
der  geschaffene  Kanal  noch  zu  eng  war.  Es  wurde  deshalb  mit 
<^em  Thermocauter  eine  Erweiterung  versucht,  die  aber  schließlich 
eingestellt  wurde,  weil  Hämoptoe  eintrat.  Es  wurde  nun  in  den 
Vom  Platinbrenner  geschaffenen  Kanal  ein  feiiwa  Streifchen  Vio- 
formgazo  eingeführt  und  die  übrige  Wunde  mit  Vioformgaze 
tamponirt.  Der  Kranke  wurde  zu  Bett  gebracht,  erliielt  Morphium 
wid  Eisblase.  Abends  stieg  die  Temperatur  auf  38,7,  Puls  100. 
"■IIL  1904.  Allgemeinbefinden  gnt.  Hämoptoe  ist  etwas  geringer 
geworden;  Abendtemperutur  38,4,  Puls  104.  3.  III.  1904.  Hä- 
moptoe hat  fast  ganz  aufgehört,  das  Sputum  zeigt  schon  ein  ganz 
'ähnliches  Aussehen  wie  das  vor  der  Operation.  G.  IIL  1904. 
Kntferrunig  der  Tampons.  Die  Wunde  sieht  sauber  aus,  aus  dem 
^anal  entleert  sich  nichts.  Derselbe  wird  wieder  taraponirt.  Der 
Verband  erhält  sich  andauernd  fast  trocken,  das  Allgemeinbefinden 
ist  leidlich,  aber  der  Auswurf  unverändert,  bis  plötzlich  einmal 
"ach  einem  HustenstoÜ  der  Kranke  angiebt,  daß  der  Verband 
"aß  geworden  sei.  Bei  Abnahme  .les  Verbandes  entleert  sich 
naassenhaft  dicker,  rotbrauner  Eiter  aus  dem  Kanal,  der  sich  — 
OHenbar  durch  Abstoßuug  der  verschorften  Wände  —  bedeutend 
erweitert  hat.  Lockere  Tamponade  des  Kanals  und  der 
^  unde.  Von  diesem  Zeitpunkte  an  bewegt  sich  die  Temperatur 
^Wischen  36  und  37",  der  Auswurf  hörte  fast  ganz  auf  und 
''at  nur  ein,  wenn  die  Tamponade  etwas  v.n  fest  ausgeführt 
^ar.  Das  Allgemeinbefinden  besserte  sich  nun  zusehends. 
8  ,  J"'*'^''^''^  f?'"P^  ^"''^  '^''''  «ecretion  der  Wunde  zurück,  hörte 
schheßlich  auf;    der  Kanal   verengte    sich   und    etwa  Mitte  April, 


50  Jahresbericht  der  Schles.  Geseliscliaft  für  Yaierl.  Onltur. 

also  sieben  Wochen  nach  der  Operation,  war  die  Wunde 
bis  auf  eine  minimale,  kaum  sichtbare  Fistel  geschlossen. 

Der  augenblickliche  Zustand  des  F.  am  13.  V.  1904  ist  ein 
sehr  guter,  er  hat  seit  der  Operation  28  Pfund  zugenommen. 

Die  Gesichtsfarbe  ist  immer  noch  ganz  leicht  gelblich.  Der 
Husten  und  Auswurf  hat  ganz  aufgehört.  Atemnot  besteht  nicht, 
selbst  nicht  bei  starker  körperlicher  Anstrengung.  Nur  bei  tiefer 
Inspiration  hat  F.  etwas  Spannuugsgefühl   in    der  rechten  Seite. 

Der  Peroussions-  und  Ausoultationsbefund  des  Herzens  ist 
normal. 

Die  linke  Lunge  zeigt  ebenfalls  normale  Verhältnisse. 

Ueber  der  V.  Rippe  rechts  findet  sich  eine  ca.  10  cm  lange 
eingezogene  Narbe,  in  deren  Mitte  sich  eine  ganz  feine,  fast  gar 
nicht  secernirende  Fistel  findet. 

Rechts  vorn  über  der  Lunge  normaler  Percussionsschall.  Bei 
ruhiger  Atmung  nach  unten  begrenzt  durch  eine  in  Höhe  des 
unteren  Randes  der  IV.  Rippe  beginnende  Dämpfung.  Bei  tiefer 
Atmung  liegt  die  obere  Grenze  der  Dämpfung  weiter  abwärts. 
Diese  Dämpfung  geht  direct  in  die  Leberdämpfuug  über,  welche 
in  der  Mamraillarlinie  mit  dem  Rippenbogen  abschließt. 

Die  Auscultation  ergiebt  rechts  vorn  oben  abgeschwächtes 
reines  Vesiculäratmen ,  welches  nach  unten  zu  immer  schwächer 
wird  und  bis  zur  VI.  Rippe  hörbar  ist. 

Rechts  hinten  ergiebt  die  Untersuchung  normale  Verhältnisse. 

Die  Durchleuclitung  (dorsoventral)  mit  dem  Orthodiagraphen 
ergiebt  der  unteren  Hälfte  des  früheren  Schattens  entsprechend 
einen  Schatten,  welcher  sowohl  bei  Inspiration,  wie  auch  bei 
Exspiration  vom  Leberschatten  völlig  abzugrenzen  ist;  nur  nach 
unten  und  medialwärts  besteht  eine  Verbindung  zwischen  beiden 
in  Gestalt  eines  etwa  1  cm  breiten  dunklen  Striches. 

Faßt  man  zum  Schluß  die  Hauptmomente  des  Kranklieits- 
bildes  kritisch  zusammen,  so  muß  man  wohl  annehmen,  daß  an 
December  des  Jahres  1902  eine  Exacerbation  eines  auf  die 
Dysenterie  zurückzuführenden  Leberabscesses  stattgefunden  hat. 
Der  während  der  Seefahrt  aufgetretene  trockene  Husten  dürfte 
zwangslos  seine  Erklärung  finden  durch  die  Annahme  einer 
adhäsiven  Pleuritis,  hervorgerufen  von  dem  an  der  Convexität 
der  Leber  vorgewölbten  Absceß.  Au  dem  Tage  der  Ankunft  in 
Europa,  srar  Zeit  der  Entleerung  der  großen  Eitermenge  per  oö, 
ist  der  Durohbruch  des  Leberabscesses  in  einen  Bronchus  anzu- 
nehmen. Zur  Zeit  der  Aufnahme  iu's  Allerheiligen-Hospital  war 
der  Leberabsceß  vielleicht  schon  so  gut  wie  geheilt    und  es  lag 


I.  Abteilung.    Medicinische  Section. 


nur  noch  ein  Lungenabsceß  vor,  welcher  durch  die  Operatioa 
eröffnet  wurde  und  der  nach  dem  jetzigen  Befunde  ersetzt  ist 
durch  eine  etwa  halb  so  große,  bei  der  Durchleuchtung  sich  als 
Schatten  darstellende  Narbe.  Von  diesem  Narbenschatten  zieht 
ein  schmaler  dunkler  Schatten  zum  Leberschatten,  so  daß  man 
darin  vielleicht  eine  Narbe  zu  sehen  hat,  die  an  die  Stelle  der 
früheren  Perforation  des  Leberabscesses  getreten  ist. 

In  Anbetracht  des  bis  jetzt  sich  ständig  bessernden  Allgemein- 
befindens ist  wohl  auf  eine  dauernde  Heilung  zu  rechnen. 

Herr  Lilienfeld  stellt  einen  29jährigen  Patienten  vor  mit 
multipler  Atherombildung.  Einer  der  Tumoren  hat  das  rechte 
Scheitelbein  in  einem  Bezirk  von  Kleinhandtellergrüße  usurirt 
und  saß  direct  der  Dura  mater  aif.  Exstirpation  des  Tumors. 
Heilung.  Die  mikroskopische  ünterisuchung  ergab  reines  Atherom, 
feeine  für  Dermoid  sprechende  Characteristica. 

D  i  8  o  u  s  s  i  o  n  : 

Herr  Tietze  macht  eine  Reihe  von  Bedenken  gegen  die  Auf- 
fassung des  fraglichen  Tumors  als  Atherom  geltend.  Er  ist 
geneigt  ihn  für  ein  Dermoid  zu  halten,  eine  Auffassung,  welche, 
wie  er  im  Gegensatz  zu  dem  Herrn  Vortragenden  betonen  muß, 
ganz  gut  mit  dem  Sitise  der  Geschwulst  vereinbar  wäre.  Die 
letzte  Entscheidung  muß  die  mikroskopische  Untersuchung  der 
ßalgwand  geben,  wobei  freilich  die  Schwierigkeit  besteht,  daß 
bei  größeren  Dermoiden  die  Bestandteile  der  Haut  im  Einzelnen 
nicht  mehr  so  gut  erlialten  sind  wie  bei  kleinen,  so  daß  auch 
selbst  auf  diese  Weise  eine  Abgrenzung  gegenüber  den  Atheromen 
^iK'ht  immer  ganz  einwandfrei  gelhigen  dürfte. 

Herr  Ponflck:  Die  Frage,  welche  HerrTietze  an  mich  ge- 
ruhtet hat,  vermag  ich  nur  teilweise  zu  beantworten :  nämlich  in 
Bezug  auf  den  allgemeinen  Punkt,  ob  und  in  welchem  Um- 
fange das  Wachstum  von  Atheromen  einen  Schwund  des  Schädels 
^tt  liedingen  vermöge. 

Im  Einklänge  mit  seinen  Darlegungen  halte  auch  ich  es  für 
äußerst  selten,  daß  eine  so  tiefe  Usur  des  Knochens  durch  ein 
Atherom  hervorgebracht  werde.  Einen  anschaulichen  Maßstab 
tlafür,  wie  zutreffend  eine  solche  Ansicht  sei,  liefert  z.  B.  auch 
fhe  Thatsache,  daß  unsere  Sammlung  keinen  einzigen  Schädel 
enthält,  wo  ein  Tumor  der  genaanten  Art  eine  nennenswerte 
Atrophie  auch  uur  der  äußeren  Tafel  bedingt  hätte. 

Was   dagege»   die  zweite  Frage  anlangt,    die    sich   auf  den 


52  Jahresbericht  der  Schles.  Gosells<'haft  für  vatorl.  Oultiir. 


conoreten  Fall  bezieht,  welcher  uns  in  diesem  Augenblicke 
beschäftigt,  so  bin  ich  außer  Stande,  mich  über  die  histologische 
Beschaffenheit  des  von  dem  Herrn  Vortragenden  entfernten  Ge- 
wächses zu  äußern.  Denn  die  mikroskopischen  Präparate,  die 
daraus  gewonnen  worden  sind,  habe  ich  selber  gar  nicht  ku 
Gesicht  bekommen. 

Zweifellos  wird  dazu  alier  der  liier  anwesende  College 
Winkler  bereit  seui,  der  sie  ja  genau  geprüft  hat. 

HerrWinklor:  Die  mikroskopisclie  Untersuchung  des  Atheroms 
ist  auf  Ersuchen  dos  Herrn  Vortragenden  von  mir  vorgenommen 
worden.  Ich  muß  gestehen,  daß  ich  angesichts  einer  so  weit- 
gehenden Usur  des  Knocliens,  welche  der  Tumor  verursacht  hatte, 
selbst  zuerst  Bedenken  trug  ihn  als  „Atherom"  anzusprechen. 
Ich  dachte  vielmehr,  daß  es  vielleicht  ein  Dermoid  oder  ein  in 
carcinomatöser  Umwandlung  begriffenes  Atherom  darstelle. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  der  entfernten  Neubildung 
ergab  nun  lediglich  massenhafte  Plattenepithelien,  die  zum  größton 
Teile  verhornt,  kernlos  waren,  dazwischen  viele  Eetttröpfohen 
und  Cholestearin tafeln.  Dagegen  war  es  nicht  möglich,  weder 
in  der  Wand  des  Tumors,  noch  in  seinen  centralen  Partion  Haar- 
bälgo,  Talg-  oder  Schweißdrüsen  nachzuweisen,  welche  für  das 
Vorhandensein  eines  „Dermoides"  sprechen.  Demnach  halte  ich, 
trotz  der  auffallenden  Veränderung  am  Schädeldaohe ,  die  vor- 
liegende Neubildung  auf  Grund  des  mikroskopischen  Bolüiulea 
für  ein  „Atherom". 

Herr  Ponfick:  Sicherlich  könnte  man,  wenn  man  lediglich 
den  Sitz  des  in  Rede  stehenden  Tumors  berücksichtigt,  auch 
nach  meinen  Erfahrungen  die  Möglichkeit  eines  Dermoids  wohl 
gelten  lassen. 

Allein  wenn  man  dosson  von  Herrn  Winklor  angeführte 
Eigenschaften  in  Betracht  zieht,  so  muß  man  billiger  Weise  doch 
sagen,  daß  eine  derartige  Annahme  in  dem  mikroskopischen 
Verhalten  keine  Stütze  fiudot.  Ebenso  spricht  die  Thatsache  da- 
gegen, daß  der  Patient  gleichzeitig  eine  solche  Menge  Tumoren 
der  nämlichen  Art  auf  seinem  Kopfe  trägt:  ein  Zusammentreffen, 
das  nach  allem,  was  wir  sonst  wissen,  unleugbar  weit  mehr  auf 
Atherom  als  auf  Dermoid  hindeutet. 

Alles  in  allem  muß  ich  es  sonach,  trotz  der  ungewöiuilichea 
Ausdehnung  des  Scliädeldefectes,  für  wahrscheinlicher  erachten, 
daß  der  Tumor,  welcher  ihn  verursacht  hat,  ebenso  die  übrigen 
in  der  Kopfhaut  sitzenden,  ein  einfacheH  Atherom   sei. 


I.  Abteilung.    Modiciuische  Section. 


Herr  Richter  glaubt  nicht,  daß  man  im  vorliegenden  Fall  ein 
sicheres  Urteil  über  die  Eigenart  der  entfernten  Geschwulst  ab- 
geben kann.  Zu  Gunsten  der  Annahme  eines  Atheroms  spricht 
die  gleichzeitige  Entwicklung  einer  Anzahl  sicherer  Atlierome  und 
das  Alter  des  Mannes;  dagegen  die  Erfahrung,  daß  Atherom© 
den  Knochen  nicht  durchbohren,  die  auch  durch  das  vorgezeigte 
Scheitelbein  aus  dem  Besitz  des  Herrn  Prof.  Lesser,  Über  das 
Genaueres  nicht  bekannt  ist,  nicht  vimgestoßen  wird.  Gegen  ein 
Dermoid  —  dessen  Neigung  den  Knochen  zu  durchwachsen  be- 
kannt ist  —  spricht,  daß  das  angeborene  Mißbildungen  sind,  die 
sich  weit  früher,  als  es  im  vorliegenden  Falle  geschehen,  zu 
größeren  Geschwülsten  auszuwachsen  pflegen. 

Herr  (üüricli:  Ucbpr  die  Beziohungon  zwischen  Erkraiikun- 
gciu  der  Mandeln  und  Gelenkrheumatisnius. 

Nach  den  UnterttuclTungeu  des  Vortragenden  ist  der  Gelenk- 
rheumatismus in  vielen  Fällen  durch  die  chronische  desquamative 
Entzündung  der  Maudelgruben ,  die  Angina  fossularis  chronica 
bedingt,  welche  sich  meist  durcli  die  sogen.  Mandelpfröpfe  kenn- 
zeichnet. In  den  Mandelgruben  bleibt  das  Virus  virulent,  aber 
latent.  Acute  Steigerungen  der  chronischen  Angina,  welche 
namentlich  durch  die  infectiöeen  Fremdkörper,  die  Mandelpfröpfe, 
Verursacht  werden,  öffnen  dem  Gift  die  Eintrittspforten  in  den 
Körper  und  verursachen  die  rheumatischen  Attacken.  Die  angi- 
nöseu  Beschwerden  können  dabei  sehr  unbedeutend  sein,  so  daß 
sie  vom  Patienten  ganz  in  Abrede  gestellt  werden ;  sehr  oft  aber 
leitet  eine  Angina  jeden  neuen  Anfall  von  Rlieumatismus  ein. 
Dadurch  kam  Vortr.  auf  den  Gedanken,  durcli  Behandlung  der 
iossulären  Angina  den  Gelenkrheumatismus  zu  heilen.  Die  Erfolge 
dieser  Behandlung  waren  frappireiid;  jahrelang  bestehende,  häufig 
rooidivirende  Rheumaiisimüi  verschwanden  nach  der  Curettage 
und  Aetzung  der  Maudelgruben  ohne  Anwendung  innerer  Mittel 
Sofort.  Wenn  trotzdem  ein  Rückfall  eintrat,  so  waren  noch  un- 
behandelt gebliebene,  Pfropfe  enthaltende  Gruben  daran  schuld. 
Die  Diagnose  der  fossuläreu  Angina  besteht  im  Wesentlichen  im 
Nachweis  der  Mandelpfröpfe.  Sie  erfordert  in  den  meisten  Fällen 
eine  sorgfältige  Durchsuchung  der  Maudelgruben  mit  der  Hakeu- 
sonde;  sie  kann  sehr  schwierig  sein.  Die  landläulige  einfache 
J^'ispeotion  dos  Pharynx  unter  Benutzung  des  Zungenspatels  ist 
''i'f  Stellung  der  Diagnose  ganz  ungenügend. 

Vortragender  stellt  eine  Patientin  vor  die  vor,  vier  Jaluen 
^'>  (Gelenkrheumatismus  erkrankt  ist  und  häufig  Recidive  bekommt, 
^■fan  sieht  bei  ihr  auf  den  Mandela  zahlreiche  Pfropfe  und  als 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Ciiltur. 


besondere  Rarität  eine  große  Zahl  Pfropfe  in  der  Zungen  man  clel, 
den  Seitensträngen  und  der  Rachenmandel.  Auf  Grund  dieses 
Falles  glaubt  Vortragender,  daß  nicht  nur  die  Gaumenmandeln, 
sondern  auch  die  übrigen  Teile  des  lymphatischen  Schlundringes 
die  Eintrittspforte  des  rheumatischen  Giftes  sein  könne.  Vielleicht 
seien  selbst  die  lymphatischen  Apparate  des  tieferen  Darmtracfcus 
gelegentlich  das  Eingangsthor. 

Discussion: 

Herr  Paul  Krause:  M..  H.!  Im  Anschlüsse  an  den  inter- 
essanten Vortrag  von  Herrn  Gürioh,  auf  dessen  therapeuti- 
schen Teil  ich  nicht  eingehen  will,  weil  erst  größere  Erfahrung 
uns  über  den  Wert  desselben  aufklären  muß,  erlaube  ich  mir, 
ein  paar  Bemerkungen  über  die  Angina  und  ihre  GomplioatioiiBn 
anzuschließen  auf  Grund  einer  Zusammenstellung  von 
207  Fällen  der  medicinischen  Klinik  aus  den  letzten  Jahren, 
welcheHerr  Dr. Martin  als  Dissertation  veröfientlichte  (Dissortat. 
Leipzig). 

Wenn  ein  Zusammenhang  zwischen  Angina  und  anderen 
Infectionskrankheiten  besteht,  so  ist  er  nur  auf  dem  Woge  der 
bacteriellen ,  meist  wohl  hä-matogenen  Infection  möglich.  Da 
bisher  der  Erreger  des  Gelenkrheumatismus  nicht  bekain.it  ist, 
trotz  der  Arbeiten  von  Meyer,  Michaelis,  Münzor  u.  A.,  igt 
es  zur  Zeit  unmöglich,  aus  der  bacteriellen  Flora  (Streptokokken, 
Staphylokokken,  Diplokokken,  Mischinfectionen  dieser  Keime, 
Tetragonus,  Bact.  coli  u.  a.)  der  Angina  irgend  welchen  be- 
rechtigten Schluß  zu  machen.  Sehr  wichtig  ist  es  im  Augfi  zu 
halten,  daß  nach  der  trefflichen  Arbeit  von  Hubert  stets  Strepto- 
kokken, und  zwar  zum  Teil  sehr  virulente,  auf  den  normalen 
Tonsillen  vorkommen. 

Unter  unseren  207  B'ällen  trat  im  Anschluß  an  die  Angina 
in  13  Fällen  (3mal  bei  Männern,  lOmal  bei  Frauen)  Gelenk- 
rheumatismus auf;  in  einigen  Fällen  traf  der  Beginn  des 
Gelenkrheumatismus  mit  dem  der  Angina  zusammen;  in  2  Fällen 
verging  bis  zum  Auftreten  des  Gelenkrheumatismus  1  Tag,  in 
7  Fällen  2—8  Tage,  in  einem  Falle  19  Tage,  in  einem  Falle  3  Wochen. 
Der  klinische  Begriff  der  Angina  rheumatica  ist  auch 
meiner  Ansicht  nach  überflüssig,  weil  es  unmöglich  ist,  einer  An- 
gina anzusehen,  ob  ein  Gelenkrheumatismus  sich  daran  anschließen 
wird  oder  nicht. 

Der  Vollständigkeit  wegen  sei  erwähnt,  daß  sich  unter  den 
207    Fällen    von  Angina    in    33    Fällen    Herzgeräusche    an- 


I.  Abteilung.    Miedicinisohe  Section.  56 


schlössen,  9mal  verschwanden  dieselben  nach  einiger  Zeit,  24mal 
persistirten  sie,  10 mal  handelte  es  sich  um  sichere  Endo- 
carditis  recens. 

In  2  Fällen  trat  septische  Venenthrombose  auf  (1  mal 
eine  Thrombose  des  Sinus  cavernosus,  ausführlich  be- 
schrieben von  Herrn  Dr.  Tollens);  je  Imal  entwickelte  sich 
kurze  Zeit  danach  eine  Pleuritis  und  Pneumonie. 

Albuminurie  wurde  9mal  beobachtet,  9mal  Nephritis 
acuta  (unter  1261  Anginafällen  der  Leipziger  medicinischen 
Klinik  fand  Heinze  in  38  Fällen  Nephritis);  die  letztere  trat 
meist  2—6  Tage,  Imal  3  "Wochen  nachher  auf. 

In  3  Fällen  wurde  im  Anschlüsse  an  die  Angina  eine  acuta 
Appendicitis  beobachtet  (ausführlich  publicirt  von  Herrn  Dr. 
Weber,  „Münch.  med.  Wochenschrift",  1903);  experimentelle 
Versuche,  welche  ich  an  Mäusen  und  zwei  Hunden  anstellte,  um 
den  Zusammenhang  sicher  zu  stellen,  führten  zu  keinem  sicheren 

Ergebnis. 

Von  Hautkrankheiten  wurden  8raal  Herpos  facialis, 
Imal  Herpes  zoster,  Imal  Purpura  rheumatica,  Imal 
Urticaria  beobachtet. 

Ueber  den  Zusammenhang  von  chronischer  Angina  mit 
Infectionskraukheiten  vermag  ich  Ihnen  keine  Zahlen  an- 
zugeben; in  unseren  Fällen  handelte  es  sich  meist  um  acute 
Angina  lacunaris  (die  Fälle  der  Scharlachabteilung  wurden 
nicht  berücksichtigt). 

Herr  (iürich:  DaL5  das  Gift  des  Gelenkrheumatismus  bei 
seinem  Einmarsch  durch  die  Mandeln  eine  acute  Angina  erzeugen 
könne,  hält  Vortr.  für  sehr  möglich;  er  bezweifelt  aber,  daB  die 
Fälle  der  Klinik  vorschriftsmäßig  mit  der  Hakensonde  auf  Mandel- 
pfröpfe  untersucht  worden  seien.  Die  sog.  Angina  simplex  acuta 
biete  bei  der  Inspection  oft  dasselbe  Bild  wie  ein  acutes  Recidiv 
einer  chronischen  Angina. 

Sitzung   vom   10.  Juni   1904. 
Vorsitzender:  Herr  Ponf  ick.  —  Schriftführer:  Herr  Kosen  fei  d. 
Herr    Tietze:    Krankendemonstrationon.     (Beiträge    zur 
Osteoplastik.) 

I.  Vorstellung  zweier  Patienten  mit  osteoplasti- 
schem Verschluß  von  Schädeldefecten  nach  der  Methode 
von  Müller-König.  Im  ersten  Fall  handelt  es  sich  um  ein 
15,iähriges  Mädchen,   bei  welchem  Vortragender  vor  fOnf  Jahren 


56 Jahresbericlit  der  Seliles.  Gesellschaft  für  vater],  Ciiit.ur. 

einen  otogenen  Hirnabsceü  operirt  hat.  Die  Eigenart  dos  Falles 
brachte  es  mit  sich,  daß  eine  große  Lücke  im  Schädel  angolegt 
werden  mußte,  die  sich  senkrecht  vom  linken  Ohr  in  die  Hoho 
zog  und  eine  Höhe  von  10  cm,  eine  Breite  von  5—8  cm  besaß. 
Nach  der  vor  einem  halben  Jahre  ausgeführten  plastischen 
Operation  ist  knöcherner  Verschluß  des  Defeotes  eingetreten. 

Im  zweiten  Fall  handelte  es  sich  um  einen  traumatischen 
Defect  auf  dem  Schädeldache  von  etwas  geringerer  Ausdehnung. 
Heilung. 

n.  Zwei  Fälle  von  Autoplastik.  Im  ersten  Falle  wurde 
vor  vier  Jahren  das  untere  Ende  des  Eadius,  das  wegen  Sarkoms 
resecirt  worden  war,  durch  eine  Großzehenphalange  ersetzt.  Beide 
Knochen,  d.  h.  centrales  Ende  des  Radius  und  iraplantirter  Zehen- 
knoohen  sind  nunmehr  zu  einem  einheitlichen  Knochen  ver- 
schmolzen, die  eine  Gelenkfacotte  der  Handwurzel  .Tiukehrt.  lieber 
den  Fall  wurde  1902  auf  dem  Chirurgencongreß  berichtet.  Ende 
1902  trat  ein  Woichteilrecidiv  ein,  seitdem  ist  Patientin  gesund. 

Im  zweiten  Falle  handelte  es  sich  um  ein  periostales  Sarkom 
der  linken  ülna,  das  die  Resootion  erforderte.  Ersatz  des  De- 
fectes  durch  ein  aus  der  Tibia  ausgesägtes  Knochenstüok.  Die 
Operation  fand  Anfang  1904  statt.  Der  Knochen  ist  eingeheilt 
und  es  beginnt  sich  eine  verbindende  Knochenspalte  zu  bilden 
von  der  allerdings  nicht  gesagt  werden  kann,  ob  sich  an  ihrer 
Entstehung  auch  der  implantirte  Knochen  beteiligt.  Im  ersten 
Falle  glaubt  Vortragender  nach  den  Röntgenbildern  eine  Knocheu- 
production  aus  dem  Periost  des  implantirten  Knochens  annehmen 
zu  sollen. 

III.  Bericht  über  eine  atypische  Resection  am  Fuße 
bei  welcher  die  schließlich  restirende  hühnereigroße  Höhle  iu 
der  Gelenkspalten  klafften,  und  die  von  den  Muskeln  der  Fuß- 
sohle begrenzt  wurde,  durch  Paraffin  ausgegossen  wurde.  Es 
kam  Heilung  zu  Stande  bis  auf  zwei  kleine  Fisteln,  die  sich 
aber  schließen.     Der  Fall  ist  jedoch  noch  nicht  abgeschlossen. 

In  zwei  anderen  Fällen  hat  Vortragender  mit  Erfolg  aus- 
gedehnte Fußgelenksreseotionen  vorgenommen,  obgleich  nament- 
lich in  dem  einen  von  sehr  competenter  Seite  bereits  Amputation 
vorgeschlagen  war.  Vortragender  wendet  bei  der  Fußgelenks- 
resection  einen  hinteren  Q,uerschnitt  an.  In  dem  zuletzt  erwähnten 
Falle  fiel  aus  Fuß  und  Unterschenkel  ein  Viereck  fort,  das  außer 
den  schwer  erkrankten  Weichteilen  ein  ca.  4  cm  langes  Stück 
der  Unterschenkelknochen ,  den  Talus  und  die  obere  Hälfte  des 
horizontal  abgesägten   Calcaneus   enthielt.      Der    Fuß    hing    nur 


I.  Ahlpiliiiipf,     Mrdiriiiiischo  SecUon. 


noch  an  einer  knapp  5  cm  breiten  Weichteilbrücke.  Die  Unter- 
sohenkelknocheii  wurden  auf  den  Rost  des  Calcaneua  aufgesetzt. 
HeiJung  mit  knöcherner  Vereinigung  in  fünf  Wochen.  Patient 
war  45  Jahre  alt.  Vortragender  glaubt,  daß  das  Gebiet  der  Re- 
sectio)ieii  zur  Zeit  mit  Unrecht  etwas  zu  eingeschränkt  sei. 

Herr  Kausch:  Im  Anschluß  an  die  Demonstration  der  inter- 
essanten Fälle  von  Knochenplastik  des  Herrn  Tietze  gestatte 
ich  mir,  Ihnen  ein  Präparat  zu  demoustriren ,  welches  ich  der 
Liebenswürdigkeit  des  Herrn  Tietze  verdanke. 

Ich  habe  im  April  1902  ein  lOjähriges  junges  Mädolien 
wegen  Sarkom  der  Tibia  öperirt,  indem  ich  die  Continuitäts- 
rosection  ausführte  und  ein  Knoclienstück  von  7  cm  Länge  im- 
plantirte.  Ich  entnahm  das-Knoohenstück  aseptisch  einem  Tags 
ztivor  wegen  frisclier  oomplicirter  Fractur  amputirtou  I3ein,  extra- 
liirto  es  mit  Alkohol  und  Aethor  und  kochte  es  dann  aus.  Da 
der  Tumor  bis  nahe  an  die  Gelenkilächo  der  Tibia  heranreichte, 
mußte  ich  die  Gelenkfläche  mitontfernen.  Ich  sägte  die  Knorpel- 
flache  am  Femur  ab  und  verband  das  implantirte  Knochenstück 
sowohl  mit  dem  Femur  als  mit  dem  unteren  Tibiaende  mittels 
eingeschlagener  Elfenbeinstifte.  Auf  dieselbe  Weise  verband  ich 
das  abgesägte  obere  Fibulaende  mit  dem  Oondylus  externus. 

Das  Knoohenstüok  lieilte  anstandslos  ein;  das  Bein  war  um 
3  cm  verkürzt.  Leider  trat  nach  einem  Vierteljahre  ein  Reoidiv 
auf.  Patientin  verweigerte  die  nimmehr  vorgeschlagene  Ampu- 
tation. Diese  Amputation  wurde  später  von  Herrn  Tietze  vor- 
genommen, welcher  mir,  wie  bemerkt,  das  Präparat  überließ. 

Sie  sehen,  meine  Herren,  daß  in  diesem  Falle  eine  feste 
knöcherne  Vereinigung  des  implantirten  Knochenstücks  sowohl 
am  unteren,  wie  am  oberen  Ende  eingetreten  ist;  es  ist  keine 
Spur  von  Beweglichkeit  vorhanden.  Sie  sehen  auch,  namentlich 
am  unteren  Ende,  wie  Knoohensubstanz  von  dem  stehengebliebenen 
Knochen  über  den  implantirten  herübergewaohsen  ist.  Es  sind 
das  die  hier  sichtbaren  Zacken,  während  bei  der  Operation  au 
dieser  Stelle  eine  glatte  Sägefläche  bestand,  deren  Niveau  Sie 
noch  orkonuon.  Auf  der  anderen  Seite  sehen  Sie,  daß  der  im- 
plantirte Kjioohen  an  mehreren  Stellen  angenagt  ist. 

Es  wird  Ihnen  bekannt  sein,  daß  das  Scliicksal  implantirter 
toter  Knocheiistücke,  gleiohgiltig  ob  sie  mit  oder  ohne  Periost 
eingepflanzt  werden,  stets  das  ist,  daß  der  implantirte  Knochen 
im  Laufe  der  Zeit  allmählich  durch  neuen  Knochen  ersetzt  wird, 
welcher  vom  stehengebliebenen  aus,  namentlich  dem  Periost,  ge- 
bildet wird.     In  diesem  Falle  war  nun  natürlich  das  Periost  im 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterJ.  Oultnr. 


ganzen  Bereich  des  entfernten  Knochenstüoks  mit  entfernt  worden. 
Es  konnte  folglich  der  Ersatz  nur  von  den  beiden  Knochenenden 
her  erfolgen.  Sehr  interessant  wäre  es  gewesen  zu  sehen,  ol) 
im  Laufe  der  Zeit  das  ganze  implantirte  Knochenstlick  ersetzt 
worden  wäre.  Auf  jeden  Fall  ist  es  aber  auch  jetzt  bereits  von 
höchstem  Interesse  zu  sehen,  daß  solch'  implautirter  Knochen 
wirklich  fest  verwächst.  Meines  Wissens  ist  es  das  größte  bisher 
eingepflanzte  Knochenstüok,  welches  festgewachsen  ist. 

Im  Uebrigen  habe  ich  das  Präparat  erst  soeben  erhalten, 
werde  es  noch  genauer  untersuchen  und  an  anderer  Stelle  aus- 
führlich darüber  berichten. 

Herr  Tietze:  Ist  Periost  aber  den  toten  Knochen  gewachsen  ? 

Herr  Kauseh:  Auch  mir  wäre  es  von  höchstem  Interesse  zu 
erfahren,  ob  die  auf  dem  implantirten  Knochonstück  liegende 
Schicht  neugebildetes  Periost  ist  oder  nicht.  Es  scheint  mir 
denkbar,  daß  es  nicht  Periost  ist,  sondern  nur  Bindegewebe, 
welches,  da  es  der  glatten  Knochenfläche  aufliegt,  gleichfalls 
glatt  geworden  ist.  Ich  frage  Herrn  Ponfick  an,  ob  er  es  für 
möglich  hält,  daß  sich  auf  solch'  weite  Strecken  hin  Periost 
neu  bildet? 

Herr  Ponlick:  Es  ist  möglich  und  hier  gewiß  geschehen. 

Herr  Jochinann  hält  den  ersten  Teil  seines  Vortrages :  lieber 
Bacteriämie. 

Sitzung  vom   17.  Juni   1904. 
Vorsitz.:    Herr  Ponfick.  —  Schriftf.:    Herr  Neisaer. 

Herr  Jochmanii  setzt  seinen  Vortrag:  „Ueber  Bacteriämie 
und  die  Bedeutung  der  bacteriologischen  Blutuntersmuhung 
für  die  Klinik"  fort. 

An  der  Hand  von  eigenen  Beobachtungen  worden  die  ver- 
schiedenen Typen  der  Bacteriämie  besprochen.  Gleiolizeitig  wird 
die  Bedeutung  der  bacteriologischen  Blutuntersuchung  für  die 
Klinik,  soweit  das  für  den  inneren  Mediciner  Interesse  hat,  er- 
örtert. 

Die  Prognose  der  Streptokokkenbacteriämie  nach  primärer 
Streptokokkeninfeotion  ist  nicht  absolut  ungünstig.  In  acht  der- 
artigen Fällen  sah  Vortragender  dreimal  einen  günstigen  Ausgang, 
und  zwar  in  einem  näher  beschriebenen  Fall  von  Streptokokken- 
bacteriämie nach  Pneumonie,  in  einem  Fall  von  Puerperalsepsis 
und  einer  Sepsis  nach  Strumaoperation.  Genauer  geschildert 
wird  ferner  ein  Fall  von  septischer  Endocarditis,  der  nach  sieben- 


1.  Abteilung.     Medicinischo  Seotion. 


monatlicher  Erkrankung  an  chronischer  Streptokokkensepsis  zu 
Grunde  ging.  Erreger  war  der  von  Schottmi'i  Her  beschriebene 
Streptococcus  mitior  seu  viridans. 

Als  weitere  Beispiele  für  die  Streptokokkeubacteriämie  nach 
primärer  Infection  werden  erwähnt:  eine  Sepsis,  die  von  einer 
einfachen  katarrhalischen  Angina  ausgegangen  war,  ferner  eine 
von  den  Harnwegen  ausgehende  Sepsis  nach  Cystitis  und  Urethral- 
strictur  und  eine  Streptokokkenblutinfeotion  im  Anschluß  an  eine 
Sinusphlebitis  nach  Cholesteatombildung. 

Bei  der  Streptokokkenbacteriäraie  nach  secuiuliirer  Infection 
ist  die  Prognose  ungünstiger.  Von  den  Scharlach-  und  Diphtherie- 
kindern, bei  denen  Vortragender  Streptokokken  im  Blut  nachwies, 
blieb  nur  äußerst  selten  eins  am  Leben. 

Sechs  Eälle  von  Staphylokokkenbacteriämie  konnte  Vor- 
tragender beobachten.    Kein  einziger  kam  mit  dem  Leben  davon. 

Der  eine  dieser  Fälle  war  eine  „kryptogenetische  Septico- 
pyämie",  d.  h.  der  Ausgangspunkt  der  Staphylokokkenblutinfeotion 
war  in  diesem  Falle  nicht  nachzuweisen. 

In  18  Fällen  von  Pneumonia  orouposa  fand  Vortragender 
sechsmal  Pneumokokken  im  kreisenden  Blut.  Zwei  von  den 
Fällen  mit  positivem  Befund  blieben  am  Leben ;  bei  einem  davon 
war  es  zu  septischer  Gelenkentzündung  gekommen. 

Auch  nach  des  Vortragenden  Beobachtungen  ist  demnach  der 
Uebergang  der  Pneumokokken  in's  Blut  bei  Pneumonie  nicht  immer 
80  constant,  wie  das  Prochaska  und  Fraenkel  hinstellen. 

In  zwei  Fällen  wurden  an  der  medioinischen  Klinik  Gono- 
kokkeji  im  kreisenden  Blut  nachgewiesen.  Genauer  beschrieben 
sind  die  Fälle  durch  Krause  in  der  „Berliner  klin.  Wochen- 
schrift". 

In  einem  dritten  Fall  von  Gonokokken-AUgemeinerkrankuug 
fanden  sich  im  Gelenkexsudat  des  Ellenbogens  Gonokokken,  nicht 
aber  im  Blut. 

Typhusbacillon  fand  Vortragender  unter  30  Fällen  25  Mal, 
also  in  83,3  pCt.,  fast  regelmäßig  während  der  Continua. 

Von  den  fünf  Fällen  mit  negativem  Blutbefund  hatten  drei  Fälle 
remittirendes  Fieber.  Kurz  vor  der  endgiltigen  Entfieberung 
pflegt  die  Blutentnahme  häufiger  zu  versagen.  Zwei  von  den 
negativen  Fällen  waren  drei  Tage  nach  der  Blutentnahme  völlig 
entfiebert. 

Fünf  von  den  Fällen  mit  positivem  Blutbefund  ergaben  noch 
keine  positive  Agglutination sreaction. 

.Es  giebt  Fälle,    die   weder  anamnestisch,    noch  nach  ihrem 


60  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  val.erl.  Cnif.iir. 

klinischen  Bilde  zunächst  die  Annahme  einer  typhösen  lufoction 
nahe  logen,  Fälle,  die  erst  durch  den  Nachweis  der  Typhus- 
bacillen  im  Blut  in  das  richtige  Licht  gesetzt  werden.  Dafür 
werden  drei  sehr  bemerkenswerte  Beispiele  angeführt. 

Eine  geringe  Einschränkung  erfährt  die  diagnostische  Be- 
deutung des  Nachweises  der  Typhushacilleu  im  Blut  dadurch, 
daß  bei  Eälleri  mit  unregelmäßigem  Fioberverlauf  und  bei  Abortiv- 
fällen  die  Blutuntersuchuug  häufig  versagt.  Hier  wird  die  Sero- 
diagnostik oder  die  Stern 'sehe  bacterioide  ßeaction  vou  besserem 
Erfolge  begleitet  sein. 

Zum  Schluß  wird  darauf  hingewiesen,  daß  wir  aucii  für  das 
Studium  in  ihrer  Aetiologie  noch  unbekannter  Infeotionskrank- 
heiteu  durch  systematische  Blutuntersuchungen  manch  wichtigen 
Fingerzeig  bekommen. 

Auf  Grund  einer  großen  Reihe  eigener  Untersuchungen  lohnt 
Vortragender  die  Annahme  einer  Stroptokokkenätiologlo  des 
Gekukrhoumatismus  ab.  Auch  beim  Scharlach  habe  die  Blut- 
untorsuchung  zu  dorn  Resultat  gefülirt,  daß  den  Streptokokken 
nur  eine  secundäre,  nicht  eine  specifisohe  Kelle  zukomme. 

Herr  Ponflck:   lieber  Pylorospasmus. 

Ihnen  Allen,  meine  Herren,  wird  der  Vortrag  noch  in  leb- 
hafter Erimierung  sein,  welchen  Herr  v.  Mikulicz  über  den 
merkwürdigen  Symptomencomplex  des  Cardiospasmus  hier  ge- 
halten hat.  Im  Hinblick  darauf  dürfte  mein  Befund  doppeltes 
Interesse  bieten,  welchen  ich  gestern  bei  einem  längere  Zeit  an 
Pylorospasmus  leidenden  Kinde  beobachtet  habe. 

Sie  sehen  hier  einen  Magen  vor  sich  von  so  gewaltigen  Di- 
mensionen, daß  man  wohl  glauben  könnte,  er  müsse  einem  Kinde 
von  mindesten  vier  Jahren  angehören.  In  Wirklichkeit  stammt 
er  von  einem  Säuglinge,  der  erst  zwei  Monate  alt  ist. 

Allerdings  geben  sich  diese  Ersclieinungeu  heute  längst  nicht 
mehr  so  handgreiflich  kund  wie  gestern  an  dem  noch  nicht  er- 
öffneten Organe,  an  welchem  die  starke  Wölbung  der  Vorder-  wie 
Hinterfläohe  und  die  Prallhoit  beider  so  sehr  auffiel. 

Obwohl  sich  also  jetzt,  wo  der  Magen  bereits  aufgeschnitton 
ist,  jene  außerordentliche  Zunahme  des  Kalibers  nicht  mehr  mit 
voller  Sicherheit  beurteilen  läßt,  so  ist  doch  die  Steifheit  der 
Wand  des  Behälters  auch  jetzt  noch  sehr  ausgesprochen.  Wie 
eine  genauere  Prüfung  ergiebt,  beruht  diese  auf  allgemeiner 
Verdickvuig  seiner  Wandung,  insbesondere  der  Muskelsohicht. 
Neben  dieser  allgemeinen  Hyperplasie  der  contractilen  Elemente 
besteht  aber   noch  eine    ungleiche    stärkere,    örtlich    begrenzte, 


1.  Abteilung.     Mediciuische  Soction.  tit 


indem  der  Pylorusteil  eine  unverhältnismäßige  Zunahme  erfahren 
hat.  Je  näher  dem  Pförtner,  um  so  dicker  wird  nämlich  die 
Wand  und  um  so  enger  die  Lichtung.  Unmittelbar  oberhalb 
derselben  erreicht  dieser  Zustand  einen  so  hohen  Grad ,  daß  die 
Pars  pylorica  lediglich  eine  feste  Masse  zu  bilden  und  ein  Lumen 
überha\ipt  nicht  mehr  zu  besitzen  scheint.  In  der  That  ist  es 
nicht  nur  mit  der  Spitze  des  kleinen  Fingers,  sondern  auch  mit 
einem  weiblichen  Katheter  ganz  unmöglich,  von  oben  her  in  das 
Duodenum  einzudringen.  Erst  mit  einer  Sonde  gelingt  es,  den 
Pjrlorus  KU  passiren.  Aber  selbst  dann  drängt  sich  die  Schleim- 
haut in  so  mannigfachen  Falten  und  Wülsten  dicht  gegen  das 
Instrument  heran,  daß  es  nur  mit  Mühe  in  den  Darm  zu  gelangen 
vermag. 

Weit  mehr  als  alle  diese  noch  so  merkwürdigen  Erscheinun- 
gen befremdet  uns  aber  ein  anderer  Umstand,  eben  der,  welcher 
(Ho  Analogie  mit  dem  eingangs  erwähnten  Cardiospasmus  hiii- 
stellt:  ich  meine  das  Fehlen  jeder  organischen  Veränderung  an 
der  Wand  des  Magens,  insbesondere  an  dessen  Schleimhaut. 
Vergebens  sucht  man  nämlich  nacli  irgend  welchem  ursächlichen 
Momente,  welches  sich  heranziehen  ließe,  um  einerseits  den 
Kramjif,  d.  h.  die  habitxielle  Neigung  des  Säuglings  zum  Er- 
brechen zu  erklären,  andererseits  einen  so  hohen  Grad  von  Aus- 
weitung des  Behälters  und  von  Hypertrophie  seines  Stratum 
muHcnlare,  wie  wir  das  hier  am  ganzen  Pförtnerteilo  wahrnehmen. 

Eine  ähnliche  Anomalie  des  Magens  ist  zwar  schon  früher, 
ailenliiigs  nur  recht  selten,  beobachtet  luul  als  „idiopathische 
Hypertrophie",  vor  Zeiten  auch  wohl  als  „Induratio  benigna 
ventriculi"  bezeichnet  worden.  Ihr  Zusammentrefi'en  mit  einer 
solchen  kaum  stillbaren  Neigung  zu  habituellem  Erbrechen  jedoch, 
wie  sie  sich  bei  diesem  zweimonatlichen  Säuglinge  geltend  ge- 
macht hat,  ist  erst  neuerdings  beobachtet  oder  wenigstens  mit 
dem  erforderlichen  Nachdrucke  hervorgehoben  werden. 

Im  Hinblicke  auf  die  ungemein  eingreifende  Störung  der 
Verduuungsfunctionen,  durch  welche  bei  dem  Kinde  ein  schließlich 
zum  Q.^ode  führender  Erschöpfungszustand  hervorgerufen  worden 
ist,  habe  ich  Herrn  Czerny  gebeten,  Ihnen  vor  allem  über  den 
Krankheits verlauf  Näheres  zu  berichten. 

Herr  €«orny  bespricht  im  Anschluß  an  die  Demonstration 
die  klinischen  Erscheinungen,  welche  die  Pj'lorusstenose  bei 
Säuglingen  charaoterisiren.  Er  weist  darauf  hin,  daß  eine  An- 
zahl einschlägiger  Fälle  bei  lediglich  diätetischer  Behandlung  in 
eine  scheinbare  Heilung  ausgeht,  während  ein  anderer  Teil  Ver- 


^^ Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

anlassung  giebt  zu  operativen  Eingriffen,  wenn  nicht  die  Kinder 
an  Inanition  zu  Grunde  gehen  sollen.  Sich  über  die  ausschließ- 
hohe Berechtigung  der  einen  oder  anderen  Methode  zu  äutieni 
ist  vorläufig  unmöglich,  da  nicht  genügend  bekannt  ist,  was  aus 
den  Kindern,  welche  im  ersten  Jahre  die  Symptome  der  Pylorus- 
stenose aufwiesen,  wird. 

Die  nicht  operative  Behandlung  ist  vorläufig  keine  ziel- 
bewußte, sondern  nur  empirische,  fortgesetzte  Magenausspülungen 
haben  sich  als  wirkungslos  gezeigt.  Die  Erfahrungsthatsache, 
daß  Säuglinge  am  häufigsten  an  Erbrechen  leiden,  wenn  sie  sehr 
fette  Nahrung  zugeführt  bekommen,  läßt  die  Verwendung  fett- 
armer Nahrung  bei  Pylorusstenose  als  empfehlenswert  erscheinen. 
Die  klinischen  Erfahrungen  sprechen  zu  Gunsten  der  Richtig- 
keit dieser  Ansicht.  Hyperacidität  und  Hyperchlorhydrie,  welche 
als  Ursachen  der  Pylorusstenose  vermutet  wurden,  ließen  sich 
bisher  nicht  durch  Untersuchungen  des  Mageninhalts  siclier  be- 
stätigen. 

Die  trotzdem  gegen  die  hypothetische  Hyperacidität  ge- 
richteten Ernährungsversuohe  mit  unverdünnter  Kuhmilch  und 
Zugabe  von  Alkali  (Karlsbader  Mühlbruunen)  waren  zwar  in 
einzelnen  Fällen  von  Erfolg  begleitet;  doch  läßt  sich  nicht  aus 
den  Erfolgen  die  Richtigkeit  der  Voraussetzung  beweisen,  da  noch 
andere  Erklärungsversuche  möglich  sind. 

D  i  s  c  u  s  s  i  o  n  : 

Herr  ron  Strümpell:  Analoge  Pälle  kommen  auch  beim  Er- 
wanhsaii.ni  vor.  Ich  beobachtete  einen  Kranken,  l)ei  dem  die 
Diagnose  auf  Pyloruscarcinom  gestellt  war.  Es  bestanden  alle 
Anzeichen  der  stärksten  Pylorusstenose:  Dilatation  des  Magens, 
ungenügende  Entleerung,  Erbrechen,  Abmagerung  etc.  Der 
Kranke  starb  und  die  Section  ergab  eine  sehr  l)eträchtliche 
Pylorusstenose  infolge  einfacher  Hypertrophie  des  Pylorua, 
Nichts  von  Garcinom  oder  von  Ulcusnarbe.  Derartige  Fälle  sind 
vereinzelt  auch  sonst  beobachtet  worden  (z.  B.  von  Zahn  in  Genf) 
Möglicher  Weise  liegt  auch  hier  ursprünglich  ein  Pylorospasmus 
vor.  In  therapeutischer  Hinsicht  könnte  man  —  abgesehen 
von  chirurgischen  Eingriffen  —  an  die  Anwendung  von  Atropin 
(Belladonna)  denken. 

Herr  Partsch:  Zu  dem  vorgelegten  Präparat  und  den  in  der 
DiscHSsion  erwähnten  Fällen  von  Pylorusstenose  möchte  ich  mir 
vom  chu-urgisohen  Sfcaudpu.ikt  noch  eiinge  Bemerkungen  erlauben  : 
In  dem   vorgelegten  Präparat  tritt  die  Erweiterung  des  Magens 


I.  Abteiluiin'.    Medicinische  Section. 


trotz  der  hochgradigen  Verengerung  des  Pförtners  ziemlich  stark 
zurück,  und  die  Magenwand  hat  anscheinend  durch  Verdickung 
ihrer  Musouiatur  etwas  Starres,  erscheint  dicker  und  mäclitiger, 
als  das  in  ähnlichen  Fällen  der  Fall  ist.  Der  Zustand  ist  bei 
neugeborenen  Kindern  bis  zum  Ende  des  ersten  Lebensjahres 
anscheinend  nicht  so  selten,  als  man  früher  angenommen; 
wenigstens  konnte,  als  vor  drei  Jahren  auf  dem  Chirurgen- 
congreß  dieses  Thema  zur  Debatte  stand,  von  mehreren  Rednern, 
namentlich  von  Loebker,  über  eine  größere  Zahl  von  Fällen,  die 
chirurgisch  erfolgreich  behandelt  worden  waren,  berichtet  werden. 
Gegenüber  diesen  Fällen  der  ersten  Lebensperiode  müssen  ähnliche 
Verändervmgen  auch  im  späteren  Kindesalter  vorkommen,  wenn- 
gleicli  mir  das  Bild,  welches  derartige  Fälle  bieten,  nach  meiner 
Erfahrung  etwas  von  dem  heut  demonstrirten  abzuweichen  scheint. 
Ich  habe  vor  kurzem  einen  Fall  bei  einem  IBjährigen  Knaben 
und  vor  zwei  Tagen  bei  einem  18jährigen  jungen  Menschen  zu 
operiren  Gelegenheit  gehabt.  Im  ersten  Falle  handelt  es  sich 
um  einen  Knaben,  der  schon  wiederholt  auf  der  inneren  Ab- 
teilung unserer  Anstalt  gelegen  und  an  den  Erscheinungen  der 
Mageodilatation  behandelt  worden  war.  Sowohl  die  verschiedenen 
medicamentösen  und  diätetischen  Methoden,  als  auch  die  Aus- 
spülung des  Magens  hatten  nur  ganz  vorübergehend  Besserung 
zu  erzielen  vermocht,  und  waren  nicht  im  Stande  gewesen,  die 
allmähliche  Entkräftung  aufzuhalten.  Als  der  Patient  auf  die 
oliirurgische  Station  verlegt  wurde,  bot  er  das  Bild  vollkommener 
Inanition;  das  Fettpolster  war  ganz  geschwunden,  die  Augen 
tiefliegend,  tiefe  Furchen  im  Gesicht  prägten  ihm  greisenhafte 
Züge  auf.  Er  hatte  an  Körpergewicht  über  40  Pfund  verloren. 
Bei  dem  gänzlich  al.igemagerten  Kranken  ließ  sich  der  stark  er 
weiterte  Magen  nicht  nur  abtasten,  sondern  seine  Zusammen- 
ziehungen auch  durch  die  Bauchdecke  hindurch  deutlicli  sehen. 
Die  untere  Grenze  des  Magens  lag  in  der  Mitte  zwischen  Nabel 
und  Symphyse.  Links  neben  der  Leber,  etwas  unterhalb,  ließ 
sich  gelegentlich  eine  etwas  stärkere  Resistenz  fühlen.  Bei  der 
Eröffnung  der  Bauchhöhle  zeigte  sich  der  Magen  so  verdünnt, 
daß  seine  Wand  die  Dicke  eines  Kartonblattes  nicht  überschritt. 
Die  Gegend  <les  Pförtners  war  ganz  wie  in  dem  vorgezeigten 
Falle  in  der  ganzen  Peripherie  verdickt  auf  eine  Strecke  von 
5—6  cm,  aber  doch  noch  so  weit,  daß  man  mit  dem  kleineu 
Finger  bis  zur  Mitte  der  Verdickung  mit  Einstülpung  der  Magen- 
wand vordringen  konnte.  Einige  stralilige  Züge  liefen  von  der 
Verdickung  auf   die   Magenwand    hinüber;    die   Breite   der   Ver- 


04  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vatevl.  Cultur. 

dickung  ließ  eine  Pyloroplastik  nicht  rätlich  erscheinen,  so  daß 
ich  mich  zu  einer  Gastroenteroanastomia  anterior  entschließen 
mußte.  Die  starke  Verdünnung  der  Magenwand  erschwerte 
technisch  die  Ausführung  der  Operation  sehr  erheblich,  aljer  sie 
gelang  deiniooh  und  ich  hatte  die  Freude,  innerhalb  der  nächsten 
vier  Wochen  den  kleinen  Patienten  um  25—30  Pfund  zunehmer) 
zu  sehen.  Er  hat  sich  dann  in  dem  mit  unserer  Anstalt  ver- 
bundenen (-f-enesungsheim  in  Lilienthal  so  außerordentlich  erholt, 
daß  er  jetzt  einen  gesunden  kräftigen  Eindruck  macht.  Re- 
merkenswert ist  dabei,  daß  die  vor  der  Operation  vollständig 
verschwundene  Salzsäurereaction  nuiunehr  bereits  wiedergekehrt 
ist,  wenn  sie  auch  die  normale  Höhe  noch  nicht  erreicht  hat. 
Der  zweite  Fall,  der  erst  vor  zwei  Tagen  operh-t  wurde,  bot 
nicht  so  erhebliche  Dilatationserscheinungen,  auch  keine  so  deut- 
liche spindelförmige  Verdickung  des  Pförtners.  Der  ersterwähnte 
Fall  bot  bei  der  Aehnlichkeit  des  Befundes  am  Pförtner  doch 
die  Zeichen  einer  erheblichen  Verdünnung  und  Erweiterung  des 
Magens  und  gerade  nach  dieser  ßichtung  hin  ein  wesentlich 
anderes  Bild  als  der  heut  vorgeführte  Fall.  Es  müssen  demnach 
Unterschiede  in  den  verschiedenen  Formen  der  Pylorusstenose 
bestehen,  auf  welche  ich  durch  Erwähnung  meines  Falles  hin- 
zudeuten mir  erlauben  wollte. 

Herr  Rosenfeld:  Bei  meinen  Untersuchungen  über  die  Form 
des  Magens  habe  ich  abweichend  von  Luschka  eine  vertioale 
Füllhornform  des  Magens  gefunden. 

Diese  Form  erfährt  in  zwei  Grundtypen  eine  Erweiterung: 
entweder  tritt  eine  Verlängerung  in  die  Verticale  (Gastromakrosis) 
od,T  eine  Verbreiterung  in  die  Horizontale  (Gastroplateosis)  auf. 
Die  Verlängerung  führt  zur  Bombardonform,  die  Verbreiterung 
zur  Schinken  form '),  wie  ich  diese  Magenformen  nach  den  ihnen 
ähnlichsten  Objecten  genannt  habe.  Bei  jungen  Kindern  findet 
sich  nun  keineswegs  selten  eine  Erweiterung  des  Magens,  und 
zwar  allermeist  mir  die  sich  in  die  Horizontale  erstreckende 
Plateosis,  die  Sohinkenform.  Sie  ist  etwas  häufiger  als  bei  Er- 
wachsenen (20  pCt.  bei  Kindern  gegen  15  pCt.  bei  Erwachsenen) 
und  vielleicht  dadurch  bedingt,  daß  das  Queroolon,  das  bei 
Kindern  wirklich  quer  verläuft,  einen  Schutz  gegen   die  verticale 

')  Vergl.  I-iosenfeld:  Vorträge  in  der  Schlesischen  Uesellschaft, 
95.  XI.  1898.  Ceiitralblatt  für  innere  Med.,  1899,  No.  1;  Zeitschrift 
für  klinische  Medicin,  Bd.  37,  Heft  1/8;  Congreß  für  innere  Medioin, 
1899,  Münoh.  med.  WocheDSchr.,  1900,  No.  85. 


1.  Abteilung.     Meflicinisolio  Seotion.  65 

Verlängerung,  gegen  die  Gastromakroais,  bietet.  Ob  diese  Di- 
latationen mit  Pylorusstenosen  zusammenhängen,  habe  ich  damals 
nicht  untersucht. 

Wenn  Herr  Parts ch  in  dem  einen  Falle  Dilatationen  fest- 
stellen kann,  im  anderen  sie  vermißt,  so  hängt  das  wohl  von  dem 
Widerstand  der  Wandung,  der  Leichtigkeit  des  Erbrechens  und 
der  für  die  Ausbildung  dieser  Dilatationsformen  verfügbaren  Zeit 
ab,  obwohl  ich  Schinkenmägen  schon  bei  Kindern  von  fi/o,  8  und 
9  Monaton  gesehen  habe. 

Lieber  die  Behandlung  der  Pylorusstenose  beim  Säugling 
kann  ich  nicht  berichten,  wohl  aber  über  die  Therapie  bei  Er- 
wachsenen. Hier  haben  wir  reiche  Erfolge  zu  verzeichnen: 
denn  die  „Nichts -als -Sahnenkost"  im  Anfang,  darauf  die  „Pett- 
Eiweißkost"  in  der  von  mir  beschriebenen  2)  Methodik,  erreichen 
auffallend  günstige  Resultate,  welche  die  Zuziehung  des  Chirurgen 
fast  stets  überflüssig  machen.  Während  die  kohlenhydratreiche 
Kost  solche  Patienten  gewöhnlich  kränker  macht,  wirkt  die  Pett- 
Eiweißkost  wie  eine  Panaoee. 

Herr  PonRck:  Legt  mau  im  Hinblick  auf  die  Entstehungs- 
weise des  rätselhaften  Vorganges  diejenigen  Erfahrungen  zu 
Grunde,  welche  wir  über  Erweiterungen  des  Magens  sonst  be- 
sitzen, oder  überhaupt  von  Hohlorganen,  so  wird  man  auch  im 
vorliegenden  Pallo  zu  dem  Glauben  geneigt  sein,  daß  für  die 
Dilatation  und  Hypertrophie  eine  habituell  gewordene  Ueber- 
füUung  des  Magens  mit  Nahrung  verantwortlich   zu   machen  sei. 

Aehnlioh  wie  in  anderen  sackförmigen  Behältern  ließe  sich 
hier  ebenfalla  annehmen,  daß  ein  üebermaß  von  Dehnung, 
wenn  es  auch  nur  einmal  oder  wenige  Male  wirksam  geworden 
wäre,  im  Stande  sei,  eine  bleibende  Erweiterung  des  Cavums  zu 
Wege  zu  bringen.  Mag  es  nun  auf  dem  Wege  des  Erschlaffens 
der  Muscularis  geschehen  oder  durch  Bildung  einer  Art  Ventil- 
verachluß;  sicherlich  bedarf  es  keiner  näheren  Darlegung,  daß 
sich  diese  Momente,  deren  jedes  geeignet  ist,  einen  Circulus 
vitiosus  einzuleiten,  vermöge  des  ungleich  schwächeren  Tonus 
eines  Säuglingsmagens  sehr  viel  leichter  geltend  machon  werden. 

Li  diesem  Sinne  hätte  man  vermuten  mögen,  daß  das  Kind 
auf  künstliche  Weise  ernährt  worden  sei. 

Diesmal  trifft  dies  indessen,  wie  wir  soeben  von  Herrn  Czerny 
gehört    haben,    keineswegs    zu.     Ja,  er   versichert  uns,  daß  das 


2)    Vergl.   31.    Schlesisoher   Bädertag    vom    11.    Docembor   1902, 
B-üiuerz  1903,  und  Balneologische  Ceutrakeitung,  4.  Mai  1908. 


66         JahresbericM  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Oultur. 

hartnäckige,  von  ihm  auf  Pylorospasmus  zurückgeführte  Erbrechen 
bei  Brustkindern  sogar  häufiger  zur  Beobachtung  gelange  als 
bei  Flaschenkindern. 

Angesichts  dessen  kann  ich  nur  sagen,  daß  es  mir  völlig 
dunkel  ist,  wie  sich  die  uns  beschäftigende  Dilatation  und  Hyper- 
trophie des  Magens  entv7iokelt  haben  mag.  Bios  die  negative 
Behauptung  läßt  sich  vertreten,  daß  sie  keiner  organischen  Ver- 
änderung der  Wand  der  Pars  pylorica  entsprungen  sei. 

Herr  Buchwald  hebt  hervor,  daß  die  genannte  Erkrankung 
des  Säuglingsalters  und  die  bei  älteren  Personen  beobachteten 
Verengerungen  am  Pylorus  mit  ihren  Folgezuständen  wohl  nichts 
miteinander  zu  thun  haben.  Vielleicht  handele  es  sich  um  eine 
Entwicklungsanomalie,  die  nur  deswegen  nicht  öfter  beobachtet 
werde,  weil  der  kindliche  Magen  sich  allmählich  den  abnormen 
Verhältnissen  anpasse,  und  ein  Ausgleich  und  damit  Besserung 
und  Heilung  eintrete.  Er  ist  auch  der  Meinung,  daß  es  wichtig 
sei,  über  das  Schicksal  dieser  Kinder,  ganz  gleich,  ob  sie  operirt 
worden  seien  oder  nicht,  genaue  Daten  zu  sammeln  und  fragt 
Herrn  Professor  Cizerny  an,  ob  derartige  Nachforschungen, 
namentlich  bezüglich  operirter  Kinder,  schon  gewisse  Schlüsse 
auf  die  Indication  zur  Operation  zulassen. 


Klinischer  Abend  vom  24.  Juni  1904. 
Vorsitzender;    Herr  Uhthoff. 
Herr  W.  Freund  zeigt  im  Anschluß   an   die   Demonstration 
des  Herrn  Ponfick  aus  der  vorigen  Sitzung  ein  Kind  mit  Pylorus- 
stenose und  Magenperistaltik. 

Herr  Halberstädter:  Zur  Röntgen-  und  Lichtbehandlung. 

I. 

Demonstration  zur  Röntgentherapie. 

M.  H.l    Ich  gestatte  mir,  Ihnen  zunächst  einen  Patienten  zu 

zeigen,    der    schon  1896    und   seitdem  sehr  häufig  wegen   eines 

schweren  Lupus  der  inneren  und  äußeren  Nase  in  unserer 

Behandhuig  war.    Trotz  wiederholter  Auskratzung,  Behandlung  mit 

Cos me'scher  Paste  und  Pyrogallussalben  etc.  traten  immer  wieder 

Reoidive    auf,    die   zu  einer   hochgradigen   Zerstörung   der  Nase 

führten.  Anfang  1903  wurde  Pat.mitEöntgenstrahlen  behandelt,  und 

zwar  wurden  sehr  energische  Bestrahlungen  vorgenommen, 

die  zu  einem  tiefgreifenden   Röntgonulcus  führten.     Diese 

Ulceration  heilte,  wie   stets,    nur  ganz   allmählich   und  war  erst 


I.  Abteilung.     Medioinisohe  Sectiori.  07 

nach  einem  halben  Jahr  epithüliBirt.  Damit  aber  war  und  ist 
eine  völlige  Heilung  erzielt  worden.  Heut  sehen  Sie  an 
Stelle  des  erkrankt  gewesenen  Gebietes  eine  glatte  Narbe,  in  der 
nirgends  lupöse  Stellen  mehr  zu  entdecken  sind,  und  ebenso  ist, 
was  das  Wichtigste  und  Bemerkenswerteste  ist,  das  Innere  des 
Nasenrestes  vollkommen  geheilt.  Am  Rand  der  völlig  geheilten 
Partie  finden  sich  dagegen  jetzt  noch  einige  Lupusknötchen.  Es 
sind  das  aber  nicht  frisch  entstandene,  sondern,  wie  ein  Vergleich 
mit  der  vor  der  Bestrahlung  augefertigten  Photographie  und 
Moulage  zeigt,  Knötchen,  die  vor  der  Behandlung  bereits  vor- 
handen waren,  auf  welche  aber  die  Einwirkung  der  Röntgen- 
strahlen keine  genügend  starke  war.  Dies  liegt  jedenfalls  daran, 
daß  bei  der  nur  von  vorn  vorgenommenen  Bestrahlung  die  seit- 
lichen Partien  an  der  Wange  vom  Pocus  weiter  entfernt  waren, 
als  die  centralen  und  daß  erstere  von  schräg  auffallenden 
Strahlen  getroffen  wurden.  Au  diesen  weniger  beeinflußten 
Stellen  war  auch  die  jetzt  vorgenommene  Tuberoulinreaction  noch 
positiv,  während  das  ganze  Centrum  keine  Reaction  mehr  zeigte, 
also  als  völlig  ausgeheilt  betrachtet  werden  kann. 

Im  Anschluß  an  diesen  Fall  zeige  ich  Ihnen  die  Moulage 
einer  Patientin,  die  Anfang  1897  wegen  Lupus  vulgaris  faciei 
et  nasi  mit  Röntgenstrahlen  behandelt  wurde,  und  zwar 
ebenfalls  bis  zum  Auftreten  einer  tiefgreifenden  und  langsam 
heilenden  Röntgenulceration,  welche  Nase  und  benachbarte 
Wangenteilo  einnahm.  Auch  hier  trat  eine  Monate  in  Anspruch 
nehmende  spontane  Heilung  mit  glatter,  weißer  Narbe  ein,  die, 
wie  Sie  an  der  Moulage  sehen,  nur  am  Rand  die  typischen,  stern- 
förmigen Grefäßectaaieu  aufweist,  aber  völlig  frei  ist  von  lupösem 
Gewebe.  Auch  späterhin  blieb  dieser  Zustand  unverändert ,  die 
vorgenommene  Tuberoulinreaction  war  negativ.  Pat.  starb  1902 
an  Darmtuborculose  und  war  bis  dahin  bezüglich  des  Lupus 
völlig  geheilt. 

Die  Patientin,  die  ich  Ihnen  nun  noch  zeige,  litt  ebenfalls 
an  einem  ausgebreiteten  Lupus  der  Nase  und  Wange, 
der  zwar  reichlich  und  wiederholt  mit  Aetzungen,  Paquelin  etc. 
behandelt,  aber  nie  völlig  geheilt  wurde.  Anfang  1903  wurde 
die  Nasengegend  bestrahlt,  aber  nur  bis  zu  einer  nicht  sehr 
heftigen  Erosion,  die  in  kurzer  Zeit  heilte  und  eine,  wie  Sie 
sehen ,  oosmetisch  sehr  schöne  Narbe  zurückließ.  Jedoch  war 
hier  die  Heilung  keine  vollkommene;  es  blieben  in  der 
Narbe  wie  in  der  Umgebung  derselben  noch  einzelne  Knötchen 
bestehen,  die  nachträglich  mit  dem  Spitzbreuner ,  z.  T.  mit  con- 

5* 


68  Jahresbcficlit  der  Sckles.  GeseJlscImft  für  vatorl.  C'uH-ur. 


centrirtem  Licht  behandelt  wurden.  Jetzt  ist  völlige  Heilung 
mit  kosmetisch  sehr  gutem  Effect  erzielt  wordeu,  Tuberculinreaotion 
war  negativ;  Pat.  ist  jetzt  etwa  acht  Monate  unbehandelt. 

Es  ist  also  bei  diesen  Tällen  nur  nach  sehr  intensiver 
Röntgenbestrahlung  eine  völlige  Heilung  des  Lupus  erfolgt 
und  diese  Erfahrung  ist  an  unserer  Klinik  bei  der  großen  Anzahl 
bestrahlter  Lupusfälle  noch  öfters  gemacht  worden.  Nur  be 
den  Fällen,  in  denen  Röntgenulcerationen  eintraten 
haben  wir  völlige  Heilung  gesehen,  in  den  milder  be- 
strahlten Fällen  trat  wohl  erhebliche  Besserung:  Heilung  lupöser 
Ulcerationen ,  Eilckgang  der  Schwellung  und  Hypertrophie  etc. 
ein,  aber  es  blieben  doch  hartnäckig  die  Lupusknötchen 
bestehen.  Es  besteht  für  die  Wirkung  der  milden  Bestrahlungen 
eine  große  Aehnliohkeit  mit  der  Wirkung  der  Tuberculiuinjeotioneu 
auf  den  Lupus-  Die  Röntgenulcerationen  sind  nun  freilich  be- 
kanntlich äußerst  hartnäckig,  heilen  meist  erst  nach  monatelangem 
Bestehen  und  verursachen  Schmerzen,  die  \mv  schwer,  oft  gar 
nicht  zu  bekämpfen  sind.  (Sehr  empfehlenswert  ist  die  Appli- 
cation einer  lOproc.  Anästhesinvaselin  und  öfteres  Auftupfen  von 
2proc.  Euoainlösung.)  Es  können  sogar  bei  sehr  starken  Be- 
strahlungen auch  Ulcerationen  —  richtiger:  Necrotisirungen  — 
entstehen,  die  schließlich  überhaupt  nicht  mehr  spontan  heilen 
und  durch  Transplantation  beseitigt  werden  müssen.  Außerdem 
giebt  es  cosmetisch  vinschöne  Pigmentirungen,  Gefäßectasien  und 
sklerodermieähnIicheVeräuderungen,die  nach  sehr  starkenRöntgen- 
bestrahlungen  zurückbleiben.  Aus  allen  diesen  Gründen  haben 
wir  in  letzter  Zeit  nur  mildere  Bestrahlungen  angewandt,  aber 
alle  völlig  ausgeheilten  Fälle,  die  dann  auch  auf  Tuber- 
oulin  nicht  mehr  reagirten,  stammen  in  der  That  aus  der 
Zeit,  wo  bis  zur  Eöntgenuloeration  bestrahlt  worden  ist. 

Bei  einer  Anzahl  von  Röntgennecrosen  hatten  wir  den  Ein- 
druck, als  ob  diejenigen  die  schwersten  und  hartnäckigsten 
wären,  bei  welchen  trotz  bereits  eingetretener  Röntgenreaction 
event.  trotz  schon  bestehender  Erosion,  die  Bestrahlungen  fort- 
gesetzt oder  bei  noch  nicht  abgelaufener  Reaotion  schon  wieder  auf- 
genommen wurden,  während  dort,  wo  die  Bestrahlungen  an  einem 
oder  mehreren  aufeinander  folgenden  Tagen  in  starker  Dosirung 
upplicirt,  aber  vor  Eintritt  oder  mit  Eintritt  der  ersten  Reactions- 
zeicheu  ausgesetzt  wurden,  zwar  auch  sehr  ausgedehnte  und  hoch- 
gradige Ulcera  entstanden,  diese  aber  doch  milder  verliefen  als 
die  ersteren.  Bei  den  von  uqs  beobachteten  spontan  nicht 
mehr  heilenden  Eöntgenneorosen   war  jedenfalls  immer  auf 


[.   Abteilung.     Modicinische  Section.  69 

in  Reaotion  befindliche  Gewebe  oder  schon  bestehende 
Neorotisirungen  bestrahlt  worden.  Es  wird  also  davor  zu 
warnen  sein,  Röntgenbestrahlungen  vorzunehmen,  wenn  die  Stelle 
sich  in  Röntgenreaotion  befindet,  auch  dann,  wenn  man  die  Ab- 
sicht hat,  sehr  starke  Röntgenwirkung  zu  erzielen.  — 

II. 

Bemerkungen  zur  Lichtbehandlung. 

Anknüpfend  an  eine  früher  an  dieser  Stelle  gemachte  Mit- 
teilung möchte  ich  in  Folgendem  noch  einige  Bemerkungen  über 
die  Lichtbehandlung  mit  Zuhilfenahme  der  Sensibili- 
sirung  durch  Erythrosin  nach  Dreyer  zufügen. 

Was  zunächst  die  Experimente  an  Tieren  (Meerschweiuohen) 
betrifft,  so  wurden  von  mir  in  früherer  Mitteilung  (Deutsche  med. 
Wocheusohr.,  1904)  starke  Infiltrate  und  sogar  Necrose  im  Centrum 
derselben  bei  sensibilisirter  und  dann  belichteter  Meerschweinchen- 
haut beschrieben.  Ich  habe  bei  späteren  Versuchen,  wenn  jede 
Wärmewirkung  peinlich  vermieden  wurde  —  was  bei  Tieren 
wegen  des  Fehlens  der  Controle  durch  die  Angabe  des  Schmerzes 
schwer  ist  —  weder  so  deutliche  Infiltrate  noch  die  Necrosen 
bei  Meerschweinchen  erhalten,  so  daß  ich  glaube,  jetzt  annehmen 
zu  müssen,  daß  dieselben  auf  Wärmewirkung  zurückzuführen 
sind.  Auch  bei  menschlicher  Haut  sind  anfangs  ähnliche  ober- 
flächliche Necrosen  eingetreten,  die  aber  späterhin  stets  ver- 
mieden werden  konnten,  so  daß  dieselben  wohl  auch  nicht  auf 
Lichtwirkung  beruhen.  Dagegen  zeigte  sich  bei  weiteren  Ver- 
suchen an  menschlicher  Haut  oonstaut  Folgendes:  Bei  30  Mi- 
nuten langer  Belichtung  (nach  vorhergehender  Sensibilisirung) 
mit  Quarzlinsen  (also  bei  Mitwirkung  der  ultravioletten  Strahlen) 
traten  stets  tiefe  furunkelartige  Anschwellungen  und 
oberflächliche  Blasenbildung  ein,  bei  Belichtung  mit  Glas- 
linsen (also  ohne  ultraviolett)  30—50  Minuten  lang,  traten  nur 
die  tiefen,  furunkelartigen  Infiltrationen  ohne  Blasenbildung  auf. 
Nur  einige  Male  sind  bei  lupöser  Haut  bei  Glascoucentratiou 
auch  oberflächliche  Blasen  entstanden;  es  ist  aber  noch  nicht 
sicher,  ob  dies  reine  Lichtwirkung  ist. 

Aus  diesen  Beobachtungen  ging  also  hervor,  daß  nach  vorher 
gehender  Sensibilisirung  durch  die  Belichtung  auch  in  größeren 
Tiefen  eine  entzündliche  Reaotion  sich  einstellt,  und  daß  die 
ganze  Reaotion  eine  viel  intensivere  ist,  als  bei  der  reinen 
Finsenbehandlung. 

Es  war  aber  damit  noch  nicht  erwiesen,  wenn  auch  a  priori 


70  Jalircsboricljt  dor  Sclilos,  Gosellschaft  ftlr  vatcri.  Cullur. 

dio  Annahme  nahe  lag,  ob  dieser  viel  stärker  in  die  Erscheinung 
tietenden  Eeaction  auch  ein  größerer  therapeutischer  Effect 
entsprechen  würde.  Freilich  ist  die  Abschätzung  und  der  Ver- 
gleich der  bei  den  verschiedenen  Lichtbehandlungsmethoden  er- 
zielten Effecte,  zumal  heim  Lupus,  um  den  es  sich  ja  fast  aus- 
schließlich handelt,  äußerst  schwierig,  so  daß  es  begreiflich  ist 
daß  wir  auch  heut,  trotzdem  wir  bereits  ca.  40  Fälle  so  be. 
handelt  haben,  noch  kein  definitives  Urteil  abgeben  können.  Es 
ist  uns  aber  aufgefallen,  und  das  müohto  ich  schon  jetzt  er- 
wähnen, daß  trotz  eingetretener,  sehr  starker  Eeaction, 
von  der  wir  einen  guten  therapeutischen  Erfolg  erwarteten 
nach  Ablauf  derselben  Lupusknötohen  fast  unbeeinflußt 
wieder  zum  Vorschein  kamen.  Es  scheint  also,  als  ob  in 
diesen  Fällen  die  sehr  starke  entzündliche  Eeaction  auf  das 
Lupusknötohen  selbst  keinen  Einfluß  gehabt  hätte.  Anderer- 
seits haben  wir  rasche  Heilung  lupöser  Ulcerationen  gesehen, 
ferner  günstige  Einwirkung  bei  tumiden  und  hypertrophischen 
Formen  und  bei  subcutan  gelegenen  Infiltraten  und 
Drüsen;  aber,  wie  gesagt,  auch  ein  völliges  Unbeein- 
flußtbleiben von  Lupusknötohen,  trotz  starker  Eeaction. 
Wie  weit  dies  noch  an  der  Unvollkommenheit  der  Technik  liegt 
und  inwiefern  diese  noch  zu  ändern  ist,  müssen  erst  weitere  Ver- 
suche ergeben.  Ebenso  ist  noch  klar  zu  stellen,  welche  Eolle 
die  starke  entzündliche  Eeaction  bei  den  Heilungs vergangen  im 
lupösen  Gewebe  spielt,  ob  sie  allein  zur  Heilung  führen  kann 
und  ob  es  möglich  ist,  TuberkelbaciUeu  im  lebenden  Gewebe  zu 
sensibilisiren  und  mit  Hilfe  der  tief  penetrireuden  gelb-grünen 
Strahlen  zu  töten. 

Bemerken  möchte  ich  schließlich  noch,  daß  die  Versuche 
Hautcarcinome  nach  Sensibilisirung  mit  Licht  zu  behandeln 
bisher  absolut  resultatlos  waren.  Es  wurde  wohl  ein  besseres 
Aussehen  der  öeschwürsfläohen  und  teilweise  Epithelisirung  der- 
selben erzielt,  aber  von  einer  Heilung  war  absolut  nicht  die  Eede. 

Herr  Storch  domonstrirt  einen  Fall  von  multipler  Sklerose 
mit  hemiplegischem  Character. 

Herr  ühihoff:  1.  üeber  Keratomalacie  mit  Xeroso  der 
Coiäjunctiva  und  Hemeralopie  bei  Erwachsenen. 

Vortragender  stellt  einen  57jährigen  Mann,  W.  F.  mit 
Keratomalacie  und  Xerose  der  Conjunctiva  nebst  Heme- 
ralopie vor.  Der  Patient  wurde  am  1.  VI.  1904  in  die  Klinik 
aufgenommen  unter  dem  Bilde  einer  beginnenden  linksseitigen 
Panophthalmie  nach  vollständigem  necrotisoheu  Zerfall  der  Cornea 


1.  Abteilung.     Mf'.^licimscbe  Section. 


mit  Secuudärinfection  des  ganzen  Bulbus.     Eine  Verletzung  war 
angeblich  nicht  voraufgegangeu. 

Auf  dem  rechten  Auge  zeigt  sich  die  Cornea  diffus  ober- 
flächlich getrübt  mit  leichter  Rauhigkeit  der  Epithelschicht.  Die 
Conjunctiva  bulhi  war  weitgehend  in  ganzer  Ausdehnung  xerotisch. 
Durch  die  getrübte  Cornea  war  die  Papille  und  der  Augen- 
hintergrund noch  undeutlich  sichtbar  und  boteu,  soweit  zu  con- 
Btatiren  war,  keine  pathologischen  Veränderungen,  die  Sehschärfe 
war  infolge  der  Hornhauttrübung  stark  herabgesetzt,  es  bestand 
ausgesprochene  Hemeralopie.  Das  rechte  Auge  hat  sich 
ersCm  allerletzter  Zeit  so  sehr  verschlechtert,  während  das  linke 
Auge  seit  drei  Wochen  vor  der  Aufnahme  erkrankte  und  relativ 
schnell  völlig  zur  Grunde  gegangen  war. 

Mit  der  Aufnahme  des  Kranken  besserte  sich  der  Zustand 
unter  einer  reichlichen  Verpflegung  und  roborirender  Diät  sehr 
schnell,  so  daß  nach  einer  Woche,  sowohl  die  Xerose  der  Con- 
iunctiva  und  der  Cornea  des  rechten  Auges,  sowie  die  Hemeralopie 
gewichen  war;  auch  die  diffuse  oberflächliche  Trübung  der  Cornea 
war  rückgängig  geworden.  Es  waren  also  in  erstaunlich  kurzer 
Zeit  unter  einer  reichlichen  guten  Ernährung  die  bedrohlichen 
Erscheinungen  verschwunden  und  damit  das  rechte  Auge  vor 
dem  Zerfall  der  Hornhaut  und  der  Patient  vor  der  Erbhndung 

Vortragender  hält  es  nach  dem  ganzen  Krankheitsverlauf  für 
gar  nicht  zweifelhaft,  daß  hier  thatsächlich  ein  solcher  schwerer 
Fall  von  Xerophthalmus  mit  Keratomalaoie  bei  einem  Erwachsenen 
vorliegt,  wie  wir  sie  sonst  eigentlich  nur  bei  kleinen  Kindern 
unter    dem    Einfluß    schwerer    Ernährungsstörungen    vorkommen 

sehen. 

Eine  solche  Hornhautnecrose  mit  Xerophthalmus  infolge  hoch- 
gradiger allgemeiner  Ernährungsstörungen  bei  Erwachsenen  ist 
eiv  sehr  seltenes  Vorkommen,  besonders  hier  in  Mitteleuropa. 
Vortragender  sah  im  Ganzen  drei  EäUe  auf  ca.  120000  Augen- 
kranke. Bekanntlich  sind  in  der  ausländischen  Litteratur  öfter 
derartige  Beobachtungen  mitgeteilt,  so  namentlich  aus  Brasilien 
bei  sohlecht  genährten  Negersklaven  u.  s.  w.  (de  Gouvea, 
Teuscher,  Gama  Lobo  u.  A.). 

Der  vorgestellte  Patient  war  Epileptiker,  Insasse  eines  Arbeits- 
hauses, sehr  schwerhörig,  mäßig  dement.  Die  Verpflegung  war 
oflenbar  eine  durchaus  unzureichende  (nie  Fleisch  u.  s.  w.)  ge- 
wesen Dazu  kam  die  Indolenz  und  die  Hilflosigkeit  des  Patienten 
und   so   wurde   es  möglich,    daß  diese  schweren  Augenstörungen 


72^       Jabrflshericht  rlor  ScMos.  Gesollschaft  für  vaforl.  Cultur. 

eintraten  auf  Grund  dieser  durchaus  abnormen  Existenzbedingungen, 
Wie  wir  sie  glücklicher  Weise  doch  als  sehr  selten  bezeichnen 
müssen.  Tür  die  Richtigkeit  dieser  Auffassung  spricht  nach 
Vortragenders  Ansicht  unbedingt  die  prompte  Einwirkung  der 
besseren  Ernährung.  Wcäre  Pat.  noch  länger  uuter  den  alten 
Bedingungen  verblieben,  wäre  er  wahrscheinlich  erblindet. 

Disoussion: 
Herr  Hermann  Cohn :  Der  Fall  des  HerrnUhth  off  gehört  gewiß 
zu  den  allergrößten  Seltenheiten.  Hier  in  Schlesien  ist  sowohl 
die  trianguläre  als  aucJi  die  totale  Xerose  überhaupt  selten  In 
meiner  Klinik  sah  ich  unter  100000  Augenkrankheiten  nur  46 mal 
Xerose  der  Bindehaut  und  nur  22mal  Xerose  der  Hornhaut  also 
4  resp.  2  Fälle  auf  10000.  (Vergl.  meine  Schrift:  30  Jahre 
augenärztlioher  und  akademischer  Lehrthätigkeit.  Breslau  1897 ) 
-  Ganz  anders  ist  die  Häufigkeit  in  Aegypten.  Fast  vor  jeder 
Moschee,  namentlich  in  Ober- Aegypten,  fand  ich  blinde  Bettler 
mit  Xerophthalmus,  freilich  meist  infolge  von  Trachomschrampfung. 
Ich  habe  mich  für  die  Xerose  stets  besonders  interessirt,  da 
ich  vor  36  Jahren  meine  Habilitationsschrift  über  diese  Krankheit 
geschrieben;  ich  lege  sie  Ihnen  hier  vor,  da  sie  auch  heut  noch 
einen  gewissen  historischen  Wert  hat.  Sie  enthält  nämlich  die 
erste  mikroskopische  Zeichnung  des  xerotischen  Bindehaut- 
epithels, und  zwar  von  Prof.  Waldeyer,  der  damals  die  von 
mir  abgeschabten  Schuppen  der  Conjunotiva  maß  und  sie  mit  den 
verhornten  Zungenepithelien  verglich.  An  Bacillen  dachte  im 
Jahre  1868  noch  kein  Mensch. 

In  dieser  Abhandlung  habe  ich  17  Fälle  von  Xerose  be- 
schrieben, von  denen  11  Kinder,  die  schlecht  ernährt  waren  be- 
trafen. Nur  bei  6  Erwachsenen  sah  ich  die  Krankheit,  aber  'auch 
hier  nur  infolge  alten  Trachoms.  Die  Hemeralopie  kam  bei  der 
triangulären  Form  der  Kinder  vor  und  verschwand  nebst  den 
Schuppen  in  einigen  Fällen  von  selbst. 

Die  Berichte  aus  Rußland,  wo  in  der  Fastenzeit  vor  Ostern 
die  Xerose  epidemisch  viele  Personen  befällt,  die  später  bei 
Fleisohgenuß  die  Trockenheit  und  Hemeralopie  wieder  verlieren 
hat  auch  meinen  Lehrer  Förster  vor  40  Jahren  bewogen,  den 
Kranken  gute  Kost  zu  verordnen.  Aber  bei  Erwachsenen  sah 
ich  die  Xerose  dadurch  nicht  heilen. 

Jedenfalls  ist  es  hier,  wo  es  sich  um  einen  Einäugigen 
handelt,  sehr  wichtig  zu  hören,  daß  gute  Nahrung,  wenn  die 
Krankheit  erst  im  Beginne  ist,  Genesung  herbeigeführt  hat 


(.  Abieiliiiiji:.     Merliciiiischö  Socüoii.  73 

Herr  ühtli off:  2.  IJober  einen  forensisch  bemerki^nswerteii 
Fall  von  sympathischer  Ophthalmie. 

Der  zweite  vorgestellte  Krankheitsfall  betrifft  einen  Patienten 
mit  sympathischer  Ophthalmie.  Der  46j;lhrige  Mann,  B.  II., 
kommt  am  7.  November  1903  mit  einer  schweren  Verletzung 
seines  linken  Auges  und  einer  ausgesprochenen,  frischen  sym- 
pathischen Ophthalmie  des  rechten  Auges  zur  Aufnahme.  Das 
linke  Auge  war  vor  sieben  Wochen  in  einer  Schlägerei  angeblich 
durch  einen  Schlag  mit  der  Hand  verletzt  worden,  es  war  zu 
einer  Euptur  der  Sklera  am  oberen  Hornhautrande  gekommen 
mit  Vorfall  der  Iris  und  Austritt  der  Linse.  Die  Iris  fehlte  bis 
auf  geringe  Reste  in  der  Nähe  der  Wunde  vollständig,  sie  war 
fast  völlig  dialytisch  geworden  und  ein  Teil  derselben  war  in 
der  Wunde  eingeklemmt  (traumatische  Irideremie).  Patient  war 
anfangs  nicht  augenärztlioh  behandelt  worden,  dann  aber  in  die 
Behandlung  eines  Augenarztes  übergegangen,  als  schon  die  Er- 
scheiniuigen  der  sympathischen  Ophthalmie  (Iritis,  Beschläge  auf 
der  Descemetisohen  Membran  u.  s.  w.)  sich  entwickelt  hatten. 
Die  entzündlichen  Erscheinungen  an  dem  verletzten  linken  Auge 
waren  relativ  gering,  der  Bulbus  nicht  schmerzhaft,  der  Druck 
normal,  Gesichtsfeld  frei,  Fingerzählen  ca.  30  cm,  starke  Glas- 
körpertrübungen (Blutungen). 

Bei  dieser  Lage  der  Dinge  war  es  schwierig  zu  entscheiden, 
ob  Enuoleation  des  linken  Auges  vorgenommen  werden  sollte, 
um  eventuell  die  beginnende  sympathische  Ophthalmie  des  rechten 
Auges  im  günstigen  Sinne  zu  beeinflussen.  Die  Entscheidung 
mußte  gegen  die  Enucleation  ausfallen,  denn  erstens  war  es 
fraglich,  wie  weit  und  ob  die  sympathische  Ophthalmie  des 
linken  Auges  noch  beeinflußt  werden  könne  durch  die  Enucleation 
des  verletzten  Auges,  und  zweitens  war  das  letztere  noch  nicht 
absolut  verloren  zu  geben,  sondern  es  bestand  noch  Aussicht 
auf  Besserung.  Eine  längere  klinische  Behandlung  (Inunotions- 
kur  u.  s.  w.)  führte  denn  auch  allmählich  zu  Besserung  auf  beiden 
Augen.  Das  verletzte  linke  Auge  besitzt  jetzt  S=i/^2,  Gesichts- 
feld frei,  Papille  sichtbar,  die  Glaskörpertrübungen  erheblich 
aufgehellt,  die  Beschläge  auf  der  Descemet,  geschwunden,  keine 
entzündlichen  Erscheinungen.  Das  rechte  Auge  hat  eine  Seh- 
schärfe von  Vg  der  normalen,  freies  Gesichtsfeld,  es  ist  frei  von 
entzündlichen  Erscheinungen.  Die  Beschläge  auf  der  Desoemeti 
sind  sehr  zurückgegangen,  Tension  normal,  es  bestehen  noch  fast 
ringförmige  hintere  Synechien,  die  Glaskörpertrübungen  sind  er- 
fiRblich  vermindert  und  ist  die  Papille  gut  sichtbar.    Da  jetzt  über 


Jahresbericht  der  Scliles.  nosolL-ir-huTt  fib'  vatcri.  Cnlltir. 


ein  Jialbes  Jahr  seit  Ausbruch  der  Erkranltung  vergaugeu  ist,  und 
beide  Augen  frei  von  entzündlichen  Erscheinungen  geblieben  sind, 
ja  das  Sehen  sich  in  letzter  Zeit  noch  erheblich  gebessert  hat,  so 
steht  wohl  zu  hoffen,  daß  beide  Augen  oder  wenigstens  ein  Teil 
der  Sehkraft  auf  beideu  Augen  dem  Patienten  duuernd  erhalten 
bleiben. 

Vortragender  geht  dann  auf  die  forensische  und  sonstige 
Bedeutung  des  Falles  näher  ein.  Dio  Fälle  sind  immer  noch  als 
sehr  selten  zu  betrachten,  wo  nicht  nur  das  zweite  erkrankte, 
sondern  auch  das  erste  verletzte  A\igo  erhalten  bleibt.  Die  an- 
fängliche Entscheidung  der  Frage  vor  Ausbruch  der  sympathi- 
schen Entzündung,  ob  Euuoleation  des  verletzten  Auges  oder 
nicht,  war  außerordentlich  schwer  und  verantwortungsvoll,  doch 
glaube  ich,  daß  in  diesem  Falle  ärztlicherseits  nicht  anders  ge- 
handelt werden  konnte.  Zunächst  ließen  die  relativ  geringen 
entzündlichen  Erscheinungen  dou  Ausbruch  einer  sympathischen 
Erkrankung  des  zweiten  Auges  kaum  wahrscheinlich  erscheinen, 
zweitens  bot  das  verletzte  Auge  zur  Zeit  des  Ausbruchs  der  Er- 
krankung des  anderen  Auges  noch  relativ  gute  Chancen  für  Er- 
haltung eines  Teiles  der  Sehkraft,  eine  Annahme,  die  durch  den 
weiteren  Verlauf  auch  ihre  Bestätigung  im  günstigen  Sinne  ge- 
funden hat.  Wie  schwer  aber  bei  ungünstigem  Verlaufe  die 
Folgen  einer  Unterlassung  der  Enucleation  sich  hätten  gestalten 
können,  liegt  auf  der  Hand,  nicht  nur,  daß  die  Erblindung  des 
Verletzten  dadurch  hätte  herbeigeführt  werden  können,  sondern 
auch  die  Strafe  für  den  Thäter  wäre  eine  sehr  viel  höhere  ge- 
wesen. Nachdem  die  sympathische  Entzündung  des  rechten  Auges 
aber  einmal  eingetreten  war,  konnte  unter  obwaltenden  Umständen 
die  Enucleation  des  verletzten  Auges  nicht  mehr  iti  Frage 
kommen. 

Herr  Ludwig  Mann:  Deinoaslration  über  sogen.  Tabes 
superior. 

Vortragender  demonstrirt  einen  Tabeskrankeu,  bei  dem  seit 
ca.  zwei  Jahren  Atrophia  optici  besteht  (links  Fingerzählen  in 
1 — 2  m,  rechts  etwa  Y-t  Sehschärfe).  Außerdem  findet  sich  nur 
eine  gürtelförmige  Hypalgesie  am  Thorax  und  eine  Sensibilitäts- 
störung  im  Gebiet  des  Trigominus.  Sonst  nichts  von  tabisohen 
Symptomen,  speciell  keine  Spur  von  Ataxie. 

Vortragender  hat  diesen  besonderen  Typus  der  Tabes  dor- 
salis  in  der  Augenklinik  sehr  häufig  zu  beobachten  Gelegenheit 
gehabt.  Es  sind  Fälle,  bei  dem  zuerst  nur  eine  Optiousatrophie 
(bisweilen  auch  reflectorische  Pupillenstarre)  bemerkt  wird. 


I.  Abteilung.     Morliomische  Serüon.  76 

Die  übrige  UntersuoLung  ergJebt  daiiu  in  sehr  vielen  Fällen 
nichts  als  eine  Sensibilitätsstörung  am  Thorax,  meist  au 
den  oberen  Partien  desselben,  die  sich  in  der  Regel  zuerst  für 
Schmerzempfindung  nachweisen  läßt;  in  manchen  Fällen  finden 
sich  auch  noch,  wie  in  den  vorliegenden,  Störungen  im  Bereich 
des  Trigeminus;  an  den  unteren  Extremitäten  findet  sich  aber 
nichts  von  sensiblen  ataotischen  Eracheiniingeu  etc.  (Uebrigens 
ist  kürzlicli  von  einem  französischen  Autor  ein  Fall  anatomisch 
untersucht  worden,  welcher  iutra  vitam  nur  refleotorische  Pupillen- 
starre gezeigt  hatte.  Es  fand  sich  eine  Degeneration  mehrerer 
Wurzeln  im  mittleren  Brustmark.) 

Der  Verlauf  dieser  Fälle  ist  meist  der,  daß  die  Optious- 
atrophie  ziemlich  rasch  fortschreitet,  während  im  Uebrigeu  die 
tabisohen  Symptome  keine  oder  nur  eine  ganz  langsame  Ver- 
mehrung zeigen,  so  daß  die  Patienten  viele  Jahre  in  vollkommen 
amaurotischem  Zustande  zubringen  können,  ohne  auch  nur  eine 
Spur  von  Ataxie  zu  zeigen. 

Solche  Fälle  haben  bekanntlich  Dejerine  u.  A.  veranlaßt, 
den  Satz  aufzustellen,  daß  der  Eintritt  der  Opticusatrophio  das 
Fortschreiten  der  Tabes  zum  Stillstand  bringt. 

Diese  Auffassung  kann  ich  nicht  bestätigen;  ich  habe  nie 
einen  Fall  gesehen,  bei  dem  der  Eintritt  der  Atrophie  im  ataoti- 
schen Stadium  die  Ataxie  zum  Rückgang  gebracht  hätte. 

Die  Fälle  wie  der  vorgestellte  sind  vielmehr  nach  Ansicht 
des  Vortragenden  folgendermaßen  zu  deuten: 

Es  giebt  eine  Form  der  Tabes,  die  die  oberen  Abschnitte 
des  Cerebrospinalsystems,  speoiell  das  Gebiet  des  Opticus  zuerst 
befällt  und  dann  nach  unten  fortschreitet,  gewöhnlich  aber  (für 
die  Dauer  oder  doch  für  längere  Zeit)  im  Brustmark  zum  Still- 
stand kommt,  so  daß  die  unteren  Extremitäten  in  den  meisten 
Fällen  frei  bleiben.  Diese  Form  kann  man  passend  als  „Tabes 
Buperior"  bezeichnen  und  in  Gegensatz  bringen  zu  der  gewöhn- 
lichen Tabes  oder  „Tabes  inferior",  welche  im  Sacral-  und  Lenden- 
mark beginnt,  zur  Ataxie  der  Beine  führt,  dann  nach  oben  bis 
zum  Brustmark  fortschreitet,  aber  nur  in  vereinzelten  (etwa  10  pCt.) 
Fällen  die  oberen  Gebiete,  speciell  den  Opticus,  befällt. 

Die  Tabes  nimmt  also  bei  diesen  beiden  Typen  gewisser- 
maßen eine  entgegengesetzte  Verlaxifsrichtung  und  es  geschiebt 
nur  relativ  selten,  daß  sie  von  der  einen  oder  der  anderen 
Richtung  her  bis  an  das  andere  Ende  fortschreitet,  daß  also  das 
gesamte  Cerebrospinalsystem  ergriffen  wird. 

Daß   übrigens   dieser  Stillstand  in   der  Mitte   nicht   so   ganz 


76  Jaliresboricht  der  Koliios-  Oesullschiiil  flii'  vatorl.  Ciiltiir. 

strenge  innegehalten  -wird,  wie  es  soeben  schematisch  dargestellt 
wurde,  sondern  daß  auch  in  dem  Gros  der  Fälle  einzelne  Gebiete 
aus  dem  entgegengesetzten  Abschnitte  herausgegriffen  werden, 
ersehen  wir  daraus,  daß  bei  der  Tabes  inferior  ganz  gewöhnlich 
reflectorische  Pupillenstarre  (bei  iutactem  Opticus)  und  bei  der 
Tabes  superior  sehr  häufig  Fehlen  der  Achillessehnenreflexe  oon- 
statirt  wird.  Letzteres  ist  auch  bei  dem  demoustrirten  Patienten 
der  Fall,  während  alle  sonstigen  Tabessymptome  an  den  Beinen 
durchaus  fehlen. 

Herr  ßosenfold  berichtet  von  einem  analogen  Fall,  wo  die 
totale  Erblindung  vor  23  Jahren  eintrat,  bis  jetzt  aber  außer  der 
gürtelförmigen  anästhetischen  Zone,  mangelnden  Patellarreflexen 
keine  Störung  vorliegt.  Dabei  ist  die  Function  der  Beine  so 
wenig  gestört,  daß  der  blinde  Patient  tadellos  orientirt  ist  und 
gehen  kann.  Er  hat  in  seiner  Blindheit  sogar,  als  er  seinen 
Lehrerberuf  aufgeben  mußte,  mit  kaufmännischen  großartigen 
Unternehmungen,  die  er  persönlich  zu  leiten  verstand,  ein  Ver- 
mögen zu  erringen  verstanden.  Diese  Lebensgeschichte  zeigt, 
von  dem  medicinisoh  wichtigen  langen  Verlauf  einer  Tabes  nach 
Erblindung  abgesehen,  noch  wie  wenig  wir  die  restirenden 
sinnlichen  und  geistigen  Fähigkeiten  nach  Verlust  der  Sehkraft 
auf  ihre  Bedeutung  für  das  sociale  Leben  voll  zu  würdigen 
gewohnt  sind. 

Herr  Preymuth:  Zufällig  entdeckte  beginnende  Syringo- 
myelie  bei  Idehtor  Langentuborculose. 

Bei  Aufnahme  der  Anamnese  wurde  entdeckt,  daß  Patient 
sich  eine  ausgedehnte  Hautverbrennung,  deren  Narbe  unter  der 
rechten  Brustwarze  sichtbar  ist,  im  Sommer  1903  ohne  es  zu 
merken,  zugezogen  hat;  erst  Abends  beim  Auskleiden  entdeckt 
er  die  Wunde. 

Symptome. 

1.  Leichte  Atrophie  des  rechten  Daumenballens,  rechter  Unter- 
arm 1,5  cm  schwächer  wie  der  linke.  Einsinken  der  Spatia  inter- 
ossea,  Händedruck  links  kräftig,  rechts  sehr  schwach. 

Andere  Muskelgruppeu  noch  nicht  ergriffen,  auch  nicht  Bauch- 
muskeln und  untere  Extremität,  Gang  intact. 

Reflexe  ohne  Besonderheiten. 

Sensibilitätsstörungen  ganz  typisch,  halbseitig. 

Halbseitige  Lähmung  des  Schmerz-  und  Temperatursinnes 
an  der  rechten  Körperhälfte,  am  ausgesprochensten  am  Bauch, 
Rücken,  Arm  und  Hand,  weniger  stark,  aber  doch  gegen  links 


I.  Abteilung.    Mediciuische  Section.  77 

stark  herabgesetzt  an  der  rechten  Kopfhälfte  und  der  rechten 
unteren  Extremität. 

Berührungsempfindung  erhalten,  aber  herabgesetzt. 

Anästhetisohe  Gürtelzone  in  der  Höhe  der  .Darmbeinkämme. 

Leichte  Skoliose  im  Dorsalteil  der  Wirbelsäule. 

Kein  Eomberg.     Keine  refleotorisohe  Pupillen  starre. 

Die  Lungentuberonlose  ebenfalls  rechtsseitig. 

Herr  v.  Strümpell  «teilt  einen  12jährigen  Knaben  mit  ab- 
gelaufener Poliomyelitis  acuta  anterior  vor.  Die  Krankheit 
trat  plötzlich  mit  nur  geringen  Allgemeinerscheinungen  vor  ca. 
l^o  Jahren  ein.  Dauernd  nachgeblieben  ist  eine  Lähmung  der 
Bauchmuskehi ,  der  Glutaei  und  einer  Anzahl  von  Muskeln  am 
Ober-  und  Unterschenkel  bezw.  der  rechten  Seite.  Die  dadurch 
bedingten  eigentümhchen  Veränderungen  der  Körperhaltung  und 
des  Ganges  werden  eingehender  erörtert. 

Herr  Hoine  stellt  einige  Patienten  vor  mit  dem  typischen 
Bild  der  Pseudoneuritis  optica  congenita:  Völlig  verwaschene 
Papillengrenzen ,  Rötung  der  Papille,  Schlängelung  der  Gefäße, 
Prominenz  von  2  D.,  also  ganz  das  Bild  der  beginnenden  Stauungs- 
papille. Nur  ist  der  Zustand  stationär  und  durchaus  nicht  als 
pathologisch  aufzufassen.  Bisweilen  ist  er  mit  Hyperopie  oder 
Astigmatismus  oombinirt,  verschwindet  aber  durch  Brilletragen 
nicht.  Die  Differentialdiagnose  gegenüber  wirklich  pathologischen 
Processen  ist  mitunter  erst  nach  längerer  Beobaclitnug  möglich. 
Jedenfalls  empfiehlt  sich  bei  der  großen  Tragweite  der  Diagnose 
die  größte  Reserve. 

In  einem  Falle  handelte  es  sich  um  ein  junges  Mädchen, 
der  eine  eiserne  Wage  auf  den  Kopf  gefallen  war.  Die  Diagnose 
schwankte  zwischen  Absceß,  Meningitis  und  Hysterie.  Der  Augen- 
spiegelbefund war  außerordentlich  verführerisch.  War  die  Papille 
als  pathologisch  aufzufassen,  so  sollte  trepanirt  worden,  handelte 
es  sich  um  Pseudoneuritis,  so  mußte  exspeotativ  verfahren  werden. 
Letzteres  geschah.  Nach  Jahr  und  Tag  war  der  ophthalmo- 
skopische Befund  derselbe,  so  daß  die  Diagnose  Pseudoneuritis 
damals  complioirt  mit  Hysterie  gerechtfertigt  erscheint.  Abgesehen 
davon,  daß  die  Papillengrenzen  völlig  verwaschen,  die  Gefäße 
geschlängelt,  die  Papillen  selbst  hyperämisch  und  deutlich  pro- 
minent waren,  lag  die  Versuchung,  einen  pathologischen  Proceß 
zu  diagnosticiren  in  diesem  Falle  noch  ganz  besonders  nahe,  da 
einige  Drusen  an  der  Grenze  der  Papille  leicht  Exsudationen  oder 
verfettete  Blutungen  vortäuschen  konnten. 

In  einem  zweiten  Falle,  der  ein  sonst  kerngesundes  Mädchen 


78  Jahresbericht  der  Sohles.  Qesellscluift  für  vaterl.  CuRur. 

betraf,  veranlaßten  leichte  cerebrale  Anfälle  von  Kopfweh  ohne 
Erbrechen  eine  ophthalmoskopische  Untersuchung:  das  Bild  der 
Neuritis  optica  wurde  als  vorläufig  nicht  pathologisch  im  Sinne 
der  Pseudoneuritis  congenita  aufgefaßt  und  weitere  Beobachtung 
abgewartet.  Bald  war  das  Bild  der  typischen  Stauungspapille 
mit  kranzförmig  angeordneten  Blutungen  ausgebildet.  Obwohl 
für  Lues  keinerlei  Anhaltspunkte  waren,  wurde  Inunotion  ver- 
ordnet: nach  wenigen  Wochen  war  das  Kind  gesund  und  die 
Stauungspapille  war  ad  integrum  zurückgekehrt.  Da  auch  nicht 
einmal  das  Bild  der  Pseudoneuritis  zurüokblieb,  muß  nachträglich 
die  damals  bei  der  ersten  Untersuchung  angenommene  Pseudo- 
neuritis als  wirklich  bereits  pathologisch  aufgefaßt  worden.  Ein 
Reoidiv  der  cerebralen  Symptome  mit  Stauungspapille  wurde 
durch  dieselbe  Therapie  beseitigt. 

Diese  beiden  Pälle   scheinen  recht  geeignet,   die  Schwierig- 
keiten der  Differentialdia,gnose  unter  gewissen  Verhältnissen  dar- 


Herr  Heine  demonstrirt  ferner  die  Nachbildung  eines  von 
Pulprioh  (Jena)  oonstruirten  Modells  für  einen  Apparat,  durch 
den  mau  gleichzeitig  mit  normaler  und  vergrößerter  Pupillen- 
distanz einfach  oder  doppelt  sieht. 

Bei  einer  bestimmten  Justirung  des  Apparates  stehen  die 
Doppelbilder  nur  dann  in  einer  Front,  wenn  man  eich  in  einer 
ganz  bestimmten  Entfernung  von  dem  geseheneu  Object  befindet, 
bei  größerer  Annäherung  tritt  das  mit  größerer  Pupillendistanz 
gesehene  Bild  vor,  bei  größerer  Entfernung  zurück.  Praktische 
Anwendungsmöglichkeiten  werden  erörtert. 

Herr  Heine  demonstrirt  ferner  Stereoskopische  Photogranime, 
welche  mit  normaler  Pupillendistanz  aufgenommen  sind  und  am 
besten  im  Z ei  ß 'sehen  Doppelveranten  betrachtet  werden.  Dabei 
zeigt  sich,  daß  es  ziemlich  irrelevant  ist,  ob  man  storeoskopisohe 
oder  identische  Copien  der  Bilder  betrachtet.  Es  handelt  sich 
überhaupt  nicht  um  Tiefen  Wahrnehmung,  sondern  um  Tiefen- 
vorstellung,  von  einer  richtigen  Plastik  kann  daher  keine  Rede 
sein.  Eine  solche  demonstrirt  Vortragender  vielmehr  an  den 
Stereogrammen,  welche  unter  11"  Convergenz  der  Cameraachsen 
mit  einem  Seitenabstand  der  Objective  aufgenommen  wurden, 
welcher  dem  genannten  Convergenzgrad  entspricht,  (of.  Zeitschr. 
f.  wiss.  Phot,  Bd.  II,  H.  2  u.  3.) 

Herr  E.  Jacoby:  üeber  einige  seltenere  Geschwulstformen 
in  der  Nachbarschaft  des  Auges  mitKrankenderaonstrationen. 

Im  ersten  Falle  handelte  es  sich  um  ein  junges  Mädchen, 


I.  Abteilung.     Medioinische  SectioB.  79 

bei  dem  sich  ein  orbitaler  Tumor  unter  mäßigem  Exophthalmus 
entwickelt  hatte.  Der  Tumor  hatte  sich  klinisch  durcli  sehr 
malignes,  flächenhaftes  Wachstum  ausgezeichnet  und  erwies  sich 
histologisch  als  ein  adenomatös  gebautes,  von  der  Thränendrüse 
ausgegangenes  Oaroinom. 

Im  zweiten  Falle  hatte  sich  ein  Tumor  des  Oberlides  auf 
der  Grundlage  eines  chronischen  Ekzems  entwickelt.  Histo- 
logisch fand  sich  ein  Carcinom  von  tuberculös  drüsigem  Bau, 
das  von  den  Ausführungsgängen  der  Talgdrüsen  seinen  Ursprun  g 
genommen  haben  dürfte. 

Bei  dem  dritten  Patienten  hat  sich  eine  eigentümliche 
Anschwellung  am  Limbus  corneae  gebildet,  die  auf  die  Cornea- 
oberfiäohe  hinübergewachsen  war.  Histologisch  fand  sich  Tumor- 
gewebe vom  Bau  eines  alveolaren  Endothelioma,  wie  es  aber  gut- 
artig auch  bei  Warzen  etc.  vorkommt. 

Herr  Paul:  Schussverletzung  der  linken  Orbitalgegend 
und  dos  linken  Auges. 

Eindringen  einer  Revolverkugel  von  der  linken  Sohläfen- 
gegend  in  die  linke  Orbitalhöhle,  wo  sie  durch  Röntgenaufnahme 
nachweisbar  ist.  Zeichen  von  hinterer  Skleralruptur  des  linken 
Auges.  Sehr  heftige  Schmerzen  im  Ausstrahlungsgebiet  des 
I.  Trigeminusastes.  Enucleatio  bulbi  auf  Drängen  des  Patienten. 
Die  Kugel  fand  sich  eingekeilt  in  der  oberen  Skleralwand,  die 
von  ihr  zerrissen  worden  war. 

Die  Schmerzen  waren  ausstrahlende  Ciliarnerveuschmerzen 
gewesen  und  sofort  mit  der  Enucleation  beseitigt. 

Herr  l'«ul:  Demonstration  zweier  (Jesehwister  mit  Ny- 
stagmus bei  monocularem  Sehen,  Fehlen  des  Nystagmus  bei 
binocularer  Fixation. 

Bei  dem  älteren,  11jährigen  Patienten  stellen  sich,  sobald 
das  eine  Auge  verdeckt  wird,  horizontale  N3'stagmu8bewegungen 
beider  Augen  ein,  die  jedoch  sofort  wieder  verschwinden,  sobald 
das  verdeckte  Auge  freigelassen  wird,  der  Patient  also  binooular 
fixiren  kann.  Wird  vor  die  Nase  eine  Scheidewand  gehalten, 
so  daß  seitlich  vorgehaltene  Gegenstände  nur  monooular  gesehen 
werden  können,  so  stellt  sich  auf  beiden  Augen  der  Nystagmus 
ein.  Nur  solche  Gegenstände,  die  in  der  Mitte  in  dem  binocular 
gesehenen  Gebiet  liegen,  können  ruhig  und  sicher  fixirt  werden. 

Bei  Aufhebung  des  binooularen  Sehactes,  z.  B.  durch  Vor- 
schaltung eines  Höhenprismas  vor  das  eine  Auge,  tritt  der  Ny- 
stagmus meist  dann  ein,  wenn  die  Aufmerksamkeit  des  Patienten 
künstlich   nur    auf   das  Bild   des   einen   Auges   gelenkt  und   von 


80  Jahresbericht  der  Schles.  Geaollsohaft  für  vatorl  Ciiltur. 

dem  anderen  Auge  abgelenkt  wird,  wird  jedoch  erheblich  ge- 
ringer, wenn  beide  Bilder  gleichzeitig  mit  voller  Aufmerksamkeit 
betrachtet  werden. 

Bei  dem  fünfjährigen  jüngeren  Bruder  bestehen  nicht  ganz 
so  ausgesprochen  die  gleichen  Erscheinungen. 

Bei  beiden  Patienten  findet  sich  geringe  Hyperopie  mit  fast 
voller  Sehschärfe,  sonst  keine  Abnormitäten  oder  Krankheits- 
erscheinungen. 

Als  Erklärung  paßt  am  besten  die  von  Wilbrand  auf- 
gestellte Hypothese,  nach  der  das  verdeckte  Auge,  auf  welches 
der  Kranke  seine  Aufmerksamkeit  nicht  ausreichend  richtet,  in 
Nystagmushewegungen  gerät,  an  denen  secundär  das  fixirende 
Auge  teilnimmt.  Nur  wenn  beide  Augen  gleichzeitig  zum  Fixiren 
verwendet  werden  und  ihre  Stellung  mit  der  nötigen  Aufmerk- 
samkeit controlirt  wird,  kann  der  Nystagmus  unterdrückt  werden. 


Klinischer  Abend  vom  8.  Juli  1904. 
Vorsitzender:     Herr  von  Mikulicz. 

Herr  Wernicke:  Vorstellung  eines  Falles  von  linksseitiger 
Panoptithalmie  nach  Pyelonephritis. 

67 jähriger,  früher  gesunder  Patient.  Anfang  Mai  1904 
plötzliche  Erkrankung  mit  Blasenbeschwerden;  vier  Wochen  lang 
Katheterisation  und  ßlasenausspülungen.  Im  Juni  beginnt  ohne 
erhebliche  Schmerzen  der  linke  Bulbus  sich  vorzuwölben  und  zu 
entzünden ;  wenige  Tage  später  stellt  sich  stärkere  Eiterung  nach 
außen  ein.  Aufnahme  in  die  Universitäts-Augenklinifc  am  6.  Juli 
1904.  Pyelonephritis.  Links:  starker  entzündlicher  Exophthalmus, 
vorderer  Bulbusabschnitt  ist  verhältnismäßig  wenig  ergriffen, 
jedoch  besteht  vollkommener  Pupillarverschluß.  Im  oberen  äußeren 
Quadranten  findet  sich  nahe  am  Hornhautrande  ein  oberflächliches, 
schmierig  belegtes  Ulcus  mit  einer  in  die  Tiefe  des  Bulbus 
reichenden  Fistel,  aus  welcher  reichlich  Eiter  quillt.  Aus  dem 
Glaskörper  wird  Staphylococcus  pyogenes  aureus  in  Eeinoultur 
gezüchtet.  Der  Absceß  geht  wahrscheinlich  von  der  Chorioidea 
aus.  Bei  diesem  an  und  für  sich  seltenen  Fall  von  einseitiger 
metastatisoher  Augenerkrankung  ist  noch  besonders  der  Durch- 
bruch der  Eiterung  nach  außen  bemerkenswert. 

Herr  Hinsberg:  Zur  Behandlung  von  Larynx-  und 
Trachealstenosen  vermittelst  der  Mikuliea'schea  Glascauiile. 

M.  H. !    Ich  möchte  Ihnen  kurz  die  Resultate  einer  Methode 


Abteilung.     Modicinischo  Section. 


zur  Beseitigung  von  Stenosen  im  Bereiche  der  Larynx  und  der 
oberen  Trachea  demonstriren,  die  Herr  von  Mikulicz  zuerst  im 
Jahre  1888  angewandt  hat,  und  über  die  Kümmel  später  aus- 
führlioli  berichtet  hat  (Archiv  für  Laryngologie,  1896,  Bd.  4). 
Man  geht  dabei  im  Princip  so  vor,  daß  mau  nach  Spaltung  des 
Luftrohrs  die  verengte  Stelle  freilegt  und  eventuell  operativ  be- 
seitigt, dann  aber,  um  die  Bildung  einer  neuen  Stenose  zu  ver- 
hüten, ein  mit  solidem  Griff  versehenes,  gerades  Glasrohr  so 
lange  einlegt,  bis  sich  ein  genügend  weites  Traoheallumen  um 
dasselbe  herum  definitiv  gebildet  hat. 

Das,  was  der  Methode  eine  erhebliche  Ueberlegenheit  über 
andere  zum  Teil  ähnliche  (z.  B.  Dupuis'scher  Canüle)  verleiht, 
ist  die  Wahl  des  Materials  für  die  Canüle.  Glas  besitzt  nämlich 
die  sehr  wertvolle  Eigenschaft,  daß  es  nicht  wie  Metall,  Kaut- 
schuk, Horu  etc.  bei  längerem  Oontact  mit  dem  Wundaeoret  von 
diesem  oberflächlich  arrodirt  wird,  so  daß  das  Rohr  sich  leicht 
mit  Schleim  incrustirt,  und  oft  zur  Reinigung  herausgenommen 
werden  muß,  sondern  daß  an  seiner  stets  glattbleibenden  Ober- 
fläche das  Secret  nur  schlecht  haftet. 

Während,  wie  bekannt,  die  Metalloauülen  fast  täglich  event. 
mehrmals  gewechselt  werden  müssen,  kann  das  Glasrohr  wochen- 
lang liegen  bleiben,  wie  sie  an  diesem  kleinen  Patienten  (Knaben 
von  IY2  Jahren)  sehen.  Er  trägt  seine  Canüle  bereits  vier  Wochen, 
ohne  daß  sie  nur  ein  einziges  Mal  gereinigt  worden  wäre. 

Seine  Krankengeschichte  ist  nun  folgende: 

Er  mußte  im  Februar  dieses  Jahres  wegen  Diphtlierie  in  der 
medicinisohen  Universitätsklinik  tracheotomirt  werden,  die  Er- 
krankung selbst  verlief  ohne  Störung,  als  man  jedoch  versuchte, 
die  Canüle  fortzulassen,  trat  heftige  Dyspnoe  ein.  Alle  Versuche, 
die  Canüle  durch  den  O'Dwyer'schen  Tubus  zu  ersetzen,  oder 
die  Passage  durch  Entfernung  von  Granulationen  frei  zu  machen, 
schlugen  fehl.  Anfang  April  wurde  nun  deshalb  der  kleine  Pat. 
zur  operativen  Behandlung  überwiesen.  Auf  Grund  verschiedener, 
hier  nicht  näher  zu  erörternder  Momente  diaguostioirteu  wir  eine 
Stenose  durch  Abknickung  der  hinteren  Trachealwand,  wie  man 
sie  ja  nicht  selten  oberhalb  der  Tracheotomiecanüle  findet.  Der 
Befund  bei  der  danach  vorgenoramonen  Spaltung  des  Larynx  und 
der  oberen  Trachea  bestätigte  diese  Annahme:  wir  fanden  weder 
Narben  noch  Granulationen,  nur  die  hintere  Trachealwand  war 
stark  vorgewölbt. 

Gerade  zurBeseitigung  dorartigerStenosen  ist  die  M  i  k  ul  i  c  z 'sehe 
Canüle  vortrefflich  geeignet,  wir  legten  deshalb  ein  Glasrohr  mit 

6 


Jahresbericht  der  Schles.  rTesellscliaft  ftlr  vatevl.  Cultur. 


solidem  Griff  von  entsprechendem  Kaliber  ein,  und  zwar  so,  daß 
sein  oberes  Ende  nicht  zwischen  die  Stimmbänder  zu  liegen 
kam,  wie  das  bei  den  Kü mm el'schen  Fällen  meist  der  Fall  war, 
sondern  unterhalb  der  Glottis.  Dadurch  hofften  wir  unsern 
Fat.,  der  normale  Stimmbänder  besaß,  den  Gebrauch  der  Stimme 
zu  ermöglichen.  Der  Effect  war  zunächst  ausgezeichnet:  das 
Kind  atmete  frei  und  schrie  und  sprach  mit  klarer,  lauter  Stimme. 
Am  zweiten  Tage  nach  der  Operation  jedoch  trat  plötzlich  ein 
heftiger  Erstickungsanfall  ein,  der  uns  zwang,  schleunigst  das 
Glaarohr  mit  der  gewöhnlichen  Trachealoaniile  zu  vertauschen. 
Die  Atmung  wurde  nun  wieder  frei,  die  Stimme  war  jedoch  voll- 
ständig heiser.  Als  Ursache  hierfür  und  für  die  Atmungsstörungen 
fanden  wir  eine  beträchtliche  Schwellung  beider  Stimmbänder, 
die  offenbar  durch  den  Reiz  der  dicht  unter  ihnen  liegenden 
Glascanüle  bedingt  war.  Nach  dem  Schwinden  dieser  entzünd- 
lichen Erscheinungen,  etwa  vier  Wochen  nach  dem  ersten  Ein- 
griff, legten  wir  zum  zweiten  Mal  eine  Glascanüle  ein,  diesmal 
jedoch,  um  uns  vor  einem  zweiten  Erstickungsanfall  zu  sichern, 
in  etwas  modifioirter  Form:  an  Stelle  des  soliden  Griffes  hatten 
wir  nämlich  ein  zweites,  mit  dem  ersten  communicirendes,  gleioh- 
kalibriges  Rohr  angebracht,  das  nun,  nachdem  das  Rohr  an  Ort 
und  Stelle  lag,  zur  Laryngofissurwunde  herausragte.  Wurden 
dessen  äußere  Schenkel  verschlossen,  so  atmete  das  Kind  nur 
durch  den  Mund,  nach  Entfernung  des  Stöpsels  teils  ebenso, 
teils  durch  das  äußere  Rohr.  Während  also  das  Kind  im  letzteren 
Fall  gegen  Erstickungsgefahr  vollständig  gesichert  war,  konnte 
es,  wie  ein  normales,  durch  den  Mund  atmen  und  sprechen,  so 
lange  der  Stöpsel  einlegt  war.  In  der  ersten  Woche  nach  der 
Operation  mußte  die  äußere  Oeffnung  manchmal  zu  Hilfe  genommen 
werden,  in  den  letzten  drei  Wochen  —  das  Kind  wurde  mittler- 
weile in  ambulatorische  Behandlung  entlassen  —  konnte  sie 
dauernd  verschlossen  bleiben.  Das  Rohr  ist,  da  sich  die  Larynx- 
fistel  mittlerweile  sehr  verklehiert  hat,  durch  die  Narbe  voll- 
kommen fixirt,  es  kann  also  nur  nach  deren  Spaltung  entfernt 
werden.  Das  soll  in  kurzer  Zeit  vorgenommen  werden,  gleich- 
zeitig wollen  wir  die  Fistel  plastisch  schließen. 

Ein  zweiter  Fat.,  bei  dem  wir  in  ganz  analoger  Weise  vor- 
gingen, wurde  vor  14  Tagen  bereits  geheilt  nach  Hause  entlassen, 
so  daß  ich  ihn  heute  nicht  mehr  zeigen  kann.  Bei  ihm  war  die 
Stenose  durch  eine  Perichondritis  der  linken  Ringknorpelhälfte  im 
Anschluß  an  Typhus  bedingt.  Der  Herd  wurde  operativ  frei- 
gelegt, auch  hier  wieder  legten   wir  eine  Mikulicz'sche  Canüle 


I.  Abteilung.     Medioinische  Seotion. 


unterhalb  der  ralativ  wenig  veränderten  Stimmbänder  ein.  Auch 
bei  diesem  Fat.  bedingte  jedoch  nach  24  Stunden  der  ßeiz  der 
Canüle  ein  Glottisödem,  dessen  Gefahren  durch  eine  modifioirte, 
T-förmige  Glasoanüle  beseitigt  wurde.  Das  Rohr  konnte  in 
diesem  Fall  bis  zur  Bildung  einer  soliden  Narbe  in  der  ßing- 
knorpelgegeud,  etwa  14  Tage  lang,  bei  Verschluß  der  äußeren 
Schenkel,  liegen  bleiben,  dann  wurde  es,  nachdem  der  obere 
Mundwinkel  etwas  gespalten,  entfernt.  Die  Heilung  ging  glatt 
von  statten,  der  als  Ganzinvalide  vom  Militär  entlassene  Patient 
atmete  heute  ganz  normal  und  spricht  mit  heiserer,  aber  lauter 
Stimme. 

Da  durch  den  Ersatz  des  soliden  Griffs  durch  ein  offenes 
Rohr  die  Br.iuohbarkeit  der  Canüle  in  keiner  Weise  beeinträchtigt 
wird,  andererseits  dieser  äußere  Schenkel  ein  oft  sehr  erwünschtes 
Sicherheitsventil  bildet,  so  glaube  ich,  diese  kleine  Modifioation 
allgemein  für  das  Mikulicz'sohe  Glasrohr  empfehlen  zu  dürfen. 

Discussion: 

Herr  v.  Mikulkz  hält  die  Hin sb er g 'sehe  Modifioation  der 
Glascanüleu  zur  Behandlung  von  Kehlkopf-  und  Trachealstenosen 
für  sehr  wertvoll,  hauptsächlich  aus  dem  Grunde,  weil  bei  sub- 
glottischen Stenosen  die  Qlascanüle  nicht  über  die  Stimmbänder 
hinausreiühon  muß,  diese  also  nicht  ohne  Not  dem  längeren  Druck 
der  Cauülen  ausgesetzt  zu  werden  brauchen,  v.  Mikulicz  hat 
früher  die  Glascanülen  stets  so  eingeführt,  daß  sie  über  die 
Stimmbänder  hinausragten. 

Herr  Riegner:  Ich  habe  die  v.  Mikulicz'sohen  Glascanülen 
bei  Trachealstenosen  mehrfach  mit  Erfolg  angewandt  und  zwar 
ebenfalls  in  der  von  Herrn  Hinsberg  angegebenen  Modification 
und  aus  denselben  Gründen  wie  dieser;  den  einzigen  Nachteil 
der  Glascanülen  fand  ich  in  deren  Zerbrechlichkeit.  Eine  Frau 
bei  welcher  sich  die  Stenose  nach  einer  in  selbstmörderischer 
Absicht  ausgefahrten  Durohschneidung  der  Trachea  entwickelt 
hatte,  erhielt  von  ihrem  Manne  einen  heftigen  Schlag,  wobei  die 
Canüle  zerbrach.  Es  kostete  einige  Mühe,  die  Glasscherben  zu 
entfernen. 

Herr  Uhlhoflf  stellt  im  Anschluß  an  seine  Demonstration  am 
klinischen  Abend  in  der  Universitäts-Augenklinik  am  24.  Juni 
zwei  weitere  Patienten  mit  Xeroplithalmus  und  Hemeralopie  aus 
derselben  Anstalt  vor. 

Bei  dem  Einen,  einem  ca.  50jährigen  Manne,  ist  es  wiederum 
zu  einer  Keratomalaoie  mit  totalem  Zerfall  der  Hornhaut  gekommen, 

6* 


84  Jabroßlericht  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vuterl.  Cnltur. 

■während  auf  dem  zweiten  Auge  weitgehende  epitheliale  Xerose 
der  Conjuuctiva  und  Hemeralopie  besieht.  Auch  hier  muß  dieser 
schwere  Verlauf  in  erster  Linie  auf  eine  gänzlich  unzureichende 
Ernährung  mit  anstrengender  Arbeit  im  Freien  und  in  der  Sommer- 
hitze zurückgeführt  werden.  Die  Hornhaut  des  zweiten  Auges 
ist  noch  intaot. 

Der  zweite  Patient,  ein  ebenfalls  ca.  45 jähriger  Mann,  der 
unter  analogen  Bedingungen  wie  der  erste  gelebt  hat,  bietet  das 
gewöhnliche  Bild  der  partiellen  epithelialen  Xerose  der  Conjunotiva 
bulbi  im  Lidspaltenteil  (Bitot'sche  Flecke)  und  Hemeralopie; 
zu  einer  Hornhauterkrankung  ist  es  hier  bisher  nicht  gekommen. 

Nach  der  Aufnahme  der  Patienten  in  die  Klinik  und  bei  aus- 
reichender Verpflegung  wird  der  Zustand  sich  hoffentlich  bald 
bessern  und  auch  die  Hemeralopie  nebst  Xerose  der  Conjunotiva 
verschwinden,  wie  bei  dem  früheren  Fall. 

Herr  Heine  demonstrirt  eine  nach  den  Angaben  von  Koster 
angefertigte  Dose  zur  Mentholeinatmung  durch  die  Nase  z.  B. 
bei  Heufieber  (s.  Zeitsohr.  f.  Augenheilkunde,  IX,  pag.  249). 

Herr  Fittig  zeigt  Abbildungen  eines  mit  Röntgenstrahlen 
erfolgreich  behandelten  Falles  von  symmetrischer  Erkrankung 
der  Parotis  (Mikulicz'scher  Krankheit)  und  bespricht  kurz  den 
Unterschied  der  Empfindlichkeit  des  lymphatischen  Gewebes  und 
seiner  Geschwülste  gegen  die  Einwirkung  der  Röntgenstrahlen 
gegenüber  derjenigen  der  Haut  und  der  Carcinome.  Außer  dem 
Fall  von  symmetrischer  Erkrankung  der  Parotis  hat  Redner  auch 
eine  sehr  große  Geschwulst  von  malignen  Lymphomen  am  Halse 
nach  zwei  Bestrahlungen  ohne  Latenzstadium  völlig  zurückgehen 
sehen  entsprechend  den  in  der  „Münch.  med.  Wochenschrift" 
kürzlich  von  Hei  necke  mitgeteilten  experimentellen  Unter- 
suchungen, stellt  es  aber  als  fraglich  hin,  ob  die  Heilungen  von 
Dauer  sein  werden. 

Weiterhin  stellt  Redner  ein  Sjähriges  Mädchen  vor  mit 
multiplen,  in  den  Diaphysen  der  langen  Röhrenknochen  sitzenden 
Cysten.  Die  Krankheit  wurde  erkannt  infolge  der  mehrmaligen 
Spontanfracturen  und  durch  die  deshalb  von  allen  Extremitäten 
angefertigten  Röntgenbilder.  Nach  Meinung  des  Redners  handelt 
es  sich  im  vorliegenden  Fall  nicht  um  erweichte  Tumoren,  auch 
nicht  um  Osteomalaoie,  sondern  um  die  von  v.  Recklinghausen 
als  Ostitis  fibrosa  mit  Cystenbildung  bezeichnete  Knochen- 
veränderung. 


I.  Abteilung.     Mudicinisclii»  Seotion. 


D  i  s  c  u  s  s  i  0  n  : 

HoiT  Y.  Mikulicz  bemerkt,  daß  der  günstige  Einfluß  der 
Röntgenstrahlen  auf  die  vergrößerten  Speicheldrüsen  bei  der  sog. 
Mikulioz'schen  Krankheit  sehr  bemerkenswert  ist,  nicht  nur  in 
praktischer  Beziehung,  sondern  weil  er  auch  zum  Verständnis 
der  Aetiolgie  dieses  bisher  noch  wenig  aufgeklärten  Leidens 
beiträgt.  Es  besteht  zweifellos  eine  gewisse  Aehulichkeit  zwischen 
dieser  Erkrankung  und  den  pseudoleukämischen  Tumoren.  Diese 
Aehnlichkeit  wird  dadurch  vermehrt,  daß  auch  die  pseudo- 
leukämischen Tumoren  nach  unseren  jüngsten  Erfahrungen  unter 
dem  Einflüsse  der  Eöntgenstrahlen  in  manchen  Fällen  rasch 
zurückgehen. 

Herr  G.  (xottstein  spricht  über  Prostatectotnio. 

Herr  Geheimrat  v.  Mikulicz  hat  vor  einigen  Monaten  in 
dieser  Gesellschaft  einen  üeberblick  über  den  augenblicklichen 
Stand  der  Behandlung  der  Prostatahypertrophie  gegeben  und 
auf's  Wärmste  die  Prostatectomia  perinealis  empfohlen,  wie  sie 
in  den  letzten  Jahren  von  England  und  Amerika  aus  eingeführt 
worden  ist.  Es  wurden  bei  der  damaligen  Demonstration  fünf 
Fälle  vorgestellt.  In  der  Zwischenzeit  sind  noch  drei  weitere 
Fälle  in  der  Klinik  operirt  worden,  von  denen  der  eine,  ein 
Mann  von  66  Jahren,  vorgestellt  wird.  Auch  in  den  beiden 
anderen  Fällen  handelt  es  sich  um  Männer  über  60  Jahre. 

Mit  der  Vervollkommnung  der  Technik  hat  sich  die  Dauer 
der  Operation  immer  mehr  abgekürzt;  bei  dorn  vorgestellten 
Patienten  dauerte  sie  nur  12  Minuten.  Es  werden  die  drei  ent- 
fernten Prostatae  demonstrirt;  in  dem  einen  Falle  wurde  die 
Prostata  in  einzelnen  Stücken  herausgeschält,  in  den  beiden 
anderen  wurde  die  totale  Prostatectomie  mit  Entfernung  eines 
Teiles  der  Harnröhre  und  der  Blase  vorgenommen. 

Was  den  Endeffeot  der  Operation  betrifft,  so  befindet  sich 
der  vorgestellte  Patient  am  23.  Tage  nach  derselben.  Die  Wunde 
am  Perineum  ist  fast  ganz  verheilt,  Urin  kommt  nicht  mehr 
durch.  Der  Dauerkatheter  wurde  am  14.  Tage  entfernt.  Patient 
urinirt  auf  normalem  Wege  durch  die  Urethra  und  kann  den 
Urin  jetzt  schon  2 — 2^/2  Stunden  völlig  zurückhalten.  Patient 
selbst  ist  mit  dem  Effect  der  Operation  sehr  zufrieden.  Die 
beiden  Patienten  mit  totaler  Prostatectomie  befinden  sich  am 
12.  und  26.  Tage  nach  der  Operation.  Bei  diesen  entleert  sich 
vorläufig  nur  ein  Teil  des  Urins  durch  die  Harnröhre.  Voraus- 
sichtlich   wird    man   in  Zukunft  von  der  totalen  Prostatectomie 


86  J.-ihresbericlit  dor  Selilea.  Oesollschiift  ftlr  vuifiii.  Ciiltui'. 

Atistand  nehmen  und  sich  mit  der  Entfernung  des  größten  Teiles 
derselben  unter  mögliohstor  Erhaltung  der  Urethra  begnügen. 

Der  zuletzt  operirte  Fall  ist  besonders  dadurch  interessant, 
daß  die  cystoskopische  Untersuchung  neben  der  Hypertrophie 
der  Prostata  vier  Steine  zeigte,  von  denen  drei  in  einem  Diver- 
tikel zusammenlagen.  Die  mehrmals  vorgenommene  Röntgen- 
untersuchung hatte  stets  ein  negatives  Resultat  ergeben. 

Patient  wurde  unter  Tropacocain-Rüokenmarksanästhesio, 
die  durch  Herrn  Professor  v.  Kader  aus  Krakau  ausgeführt  wurde, 
operirt.  Herr  Professor  v.  Kader  berichtete,  daß  er  schon  mehrere 
100  Operationen  unter  dieser  Anästhesie  mit  ausgezeichnetem. 
Erfolge  gemacht  habe.  Die  Anästhesie  trat  schon  eine  Minute 
nach  der  Injeotion  ein  und  war  eine  totale.  Während  der  Ope- 
ration schlief  Patient  ein  und  hörte  auf  zu  atmen,  während  das 
Herz  weiter  schlug.  Durch  künstliche  Atmung  gelaug  es,  den 
Patienten  über  dieses  Stadium,  das  etwa  eine  Stunde  anhielt, 
hinwegzubringen.  Herr  Professor  v.  Kader  ist  geneigt,  diese 
Atemlähmung  auf  eine  Combination  des  Tropacocain  mit  Morphin 
—  Patient  hatte  vor  der  Operation  0,01  Morphin  erhalten  —  zu 
beziehen. 

In  allen  bisher  operirten  Fällen  haben  die  Patienten  trotz 
des  Alters  und  der  meist  schon  weit  vorgeschrittenen  Arterio- 
sklerose die  Operation  gut  überstanden.  Die  Patienten  stehen 
schon  am  Tage  nach  der  Operation  auf,  so  daß  die  Gefahren 
der  Sohluckpneumonie  dadurch  vermieden  werden.  Wir  können 
auf  Grund  unserer  bisherigen  Erfahrungen  diese  radicale  Ope- 
rationsmethode behufs  Heilung  vorgeschrittener  Fälle  von  Prostata- 
hypertrophie warm  empfehlen. 

Herr  G.  Gottsteiu  stellt  einen  Fall  von  Pneumaturie  vor. 
Der  37jährige  Patient  hat  vor  längerer  Zeit  eine  Rippenfell- 
entzündung durchgemacht,  will  im  Uebrigen  nie  krank  gewesen 
sein.  Ende  Mai  vorigen  Jahres,  vor  IV4  Jahr,  erkrankte  er  mit 
Magenbeschwerden,  Erbrechen  und  häufigem  Urindrange.  Der 
Urin  soll  damals  molkig  und  gelb  ausgesehen  haben;  keine 
sonstigen  Beimengungen.  Wegen  hohen  Fiebers,  bis  40",  ließ 
er  sich  in  ein  Hospital  aufnehmen,  indem  er  sechs  Woclien  lang 
mit  Blasenspülungen  behandelt  wurde.  Es  trat  eine  Besserung 
des  Leidens  ein,  doch  keine  Heilung;  der  Urin  blieb  trübe.  Der 
Harndrang  war  geringer  geworden.  Vor  etwa  14  Tagen  erkrankte 
er  wiederum  mit  Magenbeschwerden,  und  da  er  an  einen  Zu- 
sammenhang derselben  mit  seinem  Blasenleiden  dachte,  ließ  er 
sich  in  der  Klinik  aufnehmen.     Er  machte  die  Angabe,   daß  am 


1.   AbUüluiig.     Mcdioinisclio  Soctiüii. 


Schluß  des  Wasserlassens  manchmal  Schaum  mit  herauskomme, 
besonders,  wenn  er  zu  Stuhl  gehe  oder  presse. 

Wir  beobachteten  bei  dem  Patienten  am  Schlüsse  des  Uriu- 
lassens  das  Emporkommen  zahlreicher  Luftblasen.  Am  deutlichsten 
sah  man  dieses  eigenartige  Symptom,  wenn  mau  den  Patienten 
unter  Wasser  uriniren  heß.  Die  herauskommende  Luft  roch 
deutlich  fäculent.  Die  cystoskopische  Untersuchung  ergab  neben 
einer  ausgesprochenen  Cystitis  rechts  oben,  neben  dem  Vertex 
der  Blase,  zwei  feine  Stellen,  aus  denen  zwei  silberhelle  Strahlen 
herauskamen.  Betrachtete  man  den  Blasenfundus,  so  sah  man 
daselbst  zahlreiche  feinste  Luftbläschen  anschlagen  und  nach 
oben  steigen.  Es  wurde  daraufhin  die  Diagnose  auf  Pneu- 
maturie gestellt. 

Woher  kam  nun  die  Luft,  die  Patient  in  der  Blase  hatte? 
Derartige  Luft  kann  sich  in  der  Blase  von  Diabetikern  infolge 
von  Zuckergärung  finden.  Ferner  giebt  es  eine  Reihe  von 
Baoterien,  die  Schwefelwasserstoff  entwickeln  können.  Ein 
fäculent  riechendes  Gas,  wie  dieses,  könnte  durch  derartige 
Schwefelwasserstoff  producirende  Baoterien  hervorgerufen  werden. 
Der  cystoskopische  Befund  belehrte  uns,  daß  eine  Gomraunication 
der  Blase  mit  einem  lufthaltigen  Orgaue  vorhanden  war.  Wir 
konnten  von  vornherein  eine  Communication  mit  der  Niere  und 
dem  Ureter  ausschalten,  sowie  den  baoteriellen  Ursprung  der 
Luft  in  der  Blase.  Es  handelte  sich  um  eine  Blasendarmfistel. 
Weiterhin  war  noch  festzustellen,  mit  welchem  Darmteil  die 
Blase  communicirte.  Zu  diesem  Zwecke  wurde  der  Dickdarm 
aufgeblasen;  es  zeigte  sich,  daß  bei  dem  bald  darauf  erfolgenden 
Uriniren  eine  größere  Menge  von  Luft  mit  dem  Urin  sich  ent- 
leerte. Es  ist  daher  wahrscheinlich,  daß  eine  Blasendickdarm- 
fistel  vorliegt.  Die  Digitaluntersuchung  per  rectum  ergab  keine 
Communication  mit  demselben.  Im  Stuhl  ist  Urin  niemals  beob- 
achtet worden.  Es  handelt  sich  hier  um  einen  Durchtritt  von 
Luft  in  die  Blase,  während  von  der  Blase  zum  Darm  nichts 
(kirohzutreten  scheint.  Carmin  in  Kapseln  per  os  gegeben  ließ 
im  Urin  nichts  davon  nachweisen,  während  die  Fäces  rot  ge- 
färbt waren.  Bei  einer  späteren  Untersuchung  konnten  aber  im 
Urin,  was  früher  nicht  der  Fall  war,  Fäces  auch  Oxyuris  vermi- 
oularis  nachgewiesen  werden. 

Discussion: 
Herr  Riegner:    Ich    habe    den   Paliouten    längere  Zeit    aiif 
meiner    Abteilung    behandelt.     Er    litt    damals    an    heftiger,   mit 


88  Jahresbericht  der  Sclilcs.  G(3Sollsclial't  für  vatorl.  (Jultur. 

Pneumaturie  verbundener  Cystitis.  Letztere  wurde  durch  geeig- 
nete Ausspülungen  und  ürotropin  erheblich  gebessert.  Da  wir 
damals  weder  oystoskopisoh  eine  Fistel  zwischen  Blase  und  Darm 
nachweisen  konnten,  noch  es  uns  trotz  verschiedener  Maßnahmen 
gelang,  Darminhalt  im  Urin  nachzuweisen,  glaubten  wir  schließlich, 
wenn  auch  mit  Widerstreben  einen  der  seltenen  Fälle  von  gas- 
bildenden Baoterien  in  der  Blase  vor  uns  zu  haben.  Es  wurden 
solche  auch  durch  Herrn  Dr.  Lubowsky  (medicinische  Poli- 
klinik) nachgewiesen.  Da  es  dem  Patienten  erheblich  besser 
ging,  drang  er  auf  seine  Entlassung  und  hat  sich  unserer  weiteren 
Beobachtung  entzogen. 

Vor  etwa  zwei  Jahren  habe  ich  eine  Pneumaturie,  deren 
Ursache  durch  eine  oystoskopisch  deutlich  sichtbare  Fistel  zweifel- 
los waren,  durch  Durchtrennung  des  Verbindungsstückes  zwischen 
Blase  und  Flexur  und  gesonderter  Vernähung  beider  OeffnungoJi 
zur  Heilung  gebracht. 

Herr  Rosenfeld  macht  darauf  aufmerksam,  daß  man  ver- 
schiedene Kohlenhydrate  bei  Eingabe  per  os  und  per  anum  zur 
Diagnostik  insbesondere  zur  topischen  Diagnostik  der  Blasen- 
darmfistel  verwerten  kann,  insbesondere  Kohlenhydrate  die 
per  os  gegeben,  nicht  in  Harn  übergehen,  da  deren  Auftreten 
das  Bestehen  einer  Darmblasenfistel  beweisen  würden.  (Zucker 
aus  Stärke,  die  im  Dickdarm  verschwunden  ist,  könnte,  wenn  er 
im  Harn  erscheint,  für  Düundarmblasenfistel  sprechen;  Dextrose 
per  anum  gegeben,  würde,  im  Harn  erschienen,  das  Bestehen 
der  Fistel  beweisen.) 

Herr  K.  Stern:  Zwischen  den  beiden  vorhin  erwähnten 
Arten  des  Zustandekommens  der  Pneumaturie  besteht  kein  stricter 
Gegensatz.  Besteht  eine  Communication  zwischen  Darm  und 
Blase,  so  können  Darmbacterien  eine  Zersetzung  des  Harns 
unter  Gasproduction  hervorrufen.  Ob  dies  im  vorliegenden  Falle 
in  Betracht  kommt,  ließe  sich  durch  baoteriologisohe  Unter- 
suchung des  Harns  feststellen. 

Herr  (J.  Gottstein:  Was  die  Aetiologie  derartiger  ßlasen- 
darmfisteln  betrifft,  ao  ist  die  Annahme  eines  latent  verlaufenden 
Darmcarcinoms  mit  Durchbruch  nach  der  Blase  nicht  recht  wahr- 
scheinlich, da  Patient  die  ersten  Symptome  schon  vor  l'/j  Jahr 
dargeboten  hat,  Erscheinungen  von  Kachexie  nicht  vorhanden 
sind,  er  sogar  auffallend  gut  genährt  aussieht.  Wahrscheinlicher 
ist,  insbesondere  zusammengehalten  mit  der  früheren  Pleuritis, 
daß  es  sich  um  eine  Tuberculose  handelt. 

Es  wird   sich    wohl   bald   eine  Operation    bei   dem  Patienten 


I.  Abtoiliiiig.     Mediciiiisohe  Section.  89 

als  notwendig  erweisen.  Die  geeignetsto  Operationsniethode  ist 
hier  die  Aussolialtung  des  pcrforirten  Darmstüoiies  und  Anlegung 
einer  Anastomose,  da  sich  die  Vernähuug  solcher  Blasendarm- 
fisteln sehr  schwierig  gestaltet. 

Herr  R.  Stern:  lieber  Lungensteino.  (Der  Vortrag  wird 
au  anderer  Stelle  ausführlich  veröffentlicht.) 

D  i  s  c  u  s  8  i  0  n  : 

Herr  Ponflck:  Im  Anschlüsse  an  die  Demonstration  von 
Lungensteinen,  die  ja  freilich  bei  weitem  nicht  so  oft  nach  auBen 
gelangen,  wie  sie  im  Innern  von  Lungen  mit  alten  phthisisclien 
Residuen  angetroffen  werden,  möchte  ich  kurz  der  Anwesenheit 
wirklichen  Knochens  in  dem  genannten  Organe  Erwähnung 
thuu :  eines  Vorkommens,  welches  sich  begreiflicher  Weise  un- 
gleich seltener  ereignet. 

Vor  einiger  Zeit  beobachtete  ich  bei  einem  5jährigen  Mädchen 
die  Anwesenheit  dreier  kleiner  unregelmäßig  gestalteter  Knochen- 
stückohen  in  der  rechten  Lungenspitze.  Im  Gegensätze  zu  der 
den  Lungensteinen,  ursprünglich  mindestens,  zukommenden  Eigen- 
schaft, in  das  verdichtete  Clewebe  der  Umgebung  ungemein  fest 
eingebettet  zu  sein,  lagen  diese  ganz  lose  und  auch  gegeneinander 
frei  verschiebbar  inmitten  eines  etwa  kirschgroßen,  von  einer 
lebhaft  geröteten  Granulatiousschioht  ausgekleideten  Hohlraumes. 

Woher  stammten  diese  deutlich  aus  spongiösem 
Knochen  bestehenden  Sequester?  Und  wie  waren  sie 
wohl  dahin  geraten? 

Die  Beantwortung  dieser  Erage  konnte  nicht  allzu  schwer 
fallen.  Bestand  doch  eine  Osteomyelitis  tuberculosa  der  unteren 
Halswirbel,  die  mit  Necrose  ansehnlicher  Abschnitte  der  Wirbel- 
körper verbunden  war.  Von  diesem  Blittelpunkte  aus  hatte  sich 
längs  der  vorderen  Fläche  der  Wirbelsäule  eine  Eitersenkung 
entwickelt.  Nachdem  nun  mehrere  allmählich  gelöste  Sequester 
sei  es  zugleich  hiermit,  sei  es  im  weitereu  Verlaufe,  nach  unten 
geglitten  waren,  hatten  sie  einesteils  die  hintere  Wand  der  Speise- 
röhre durchstoßen  oder  usurirend  durchbrochen,  anderenteils  sich 
einen  Weg  gebahnt  in  den  obersten  Abschnitt  der  rechten  Lunge, 
welcher  ja  bis  dicht  au  den  lateralen  Rand  der  Wirbelsäule 
hinanreicht. 

Hieraus  ergab  sich  der  sehr  eigenartige  Befund  einer  in- 
d Ir e et en  Speiseröhren-Lungenfistel. 

Die  naheliegende  Vermutung,  daß  die  jene  Knochenfragmente 
enthaltende  Höhle    etwa  eine  tuberculöse  Caverne  sei,  ließ  sich, 


Jalu-Oriliericht  dor  Sclilcs.  GdscJlsduifl,  liir  Viilev).  OuUiir. 


gestutzt  auf  die  mikroskopische  Untersuohuug  sowohl  clor  sie 
auakleiJeutlen  Membran  wie  des  austoßendeu  (und  alles  übrigen) 
Luugeupareixohyms  als  unzutreffend  nachweisen. 

Herr  Ludloff  stellt  einen  Patienten  mit  Fractur  der  Hals- 
Wirbelsäule  vor.  Vor  einem  halben  Jahre  ist  der  43jährige 
Zimmermann  dadurch  verunglückt,  daß  er  rückwärts  durch  ein 
„Leiterloch"  ein  Stockwerk  hoch  hinunter  auf  den  gebeugten 
Nacken  fiel. 

Von  objectiven  Befunden  besteht  eine  etwas  gebeugte  Haltung 
des  Kopfes  und  eine  vollständige  Lähmung  des  linken  Deltoides. 

Die  Bewegungen  der  Halswirbolsäulo  mit  Ausnahme  geringer 
Einschränkung  der  Flexion  sind  activ  und  passiv  vollständig  frei 
und  normal.     Palpatorisch  ist  nichts  Anormales  nachweisbar. 

Pat.  klagt  über  Neuralgien  im  Hinterkopf  und  Qbor  das 
Gefühl,  daß  „das  Genick  nu  lose  sei"  und  bei  unvorsichtigen 
Bewegungen  „knupse". 

Mit  Hilfe  von  zahlreiolien  Routgenphotographien  (27  von 
Patienten  und  üahlreiohcn  von  normalen  Personen)  ist  es  Referenten 
gelungen,  einwandsfrei  die  Fracturstello  nachzuweisen.  Bruch 
durch  die  Basis  des  Bogens  des  6.  Brustwirbels  auf  dor  rechten 
Seite.  Vorschiebung  dos  5.  und  6.  Halswirbelkörpers  etwas  nach 
hinten,  Störung  im  „Parallelismus"  der  Gelenkflächeu  der  Gelenk- 
fortsätze. Zusammenstauchungder  linken  Hälften  des  5.  und  G.  Hals- 
wirbels in  der  Gegend  der  Foramina  intervertebralia. 

Dieser  Röntgenbefund  der  Fracturstelle  wird  bestätigt  durch 
die  bestehende  Deltoideslähmuug  links,  da  der  Nervus  axillaris 
gerade  mit  seinen  beiden  Wurzeln  aus  dem  Foramen  interverte- 
brale  des  5.  und  6.  Halswirbels  heraustritt. 

Referent  betont,  wie  notwendig  es  ist,  von  allen  schwierigen 
Fällen,  besonders  aber  von  der  Halswirbelsäule,  zahlreiche  Röntgen- 
aufnahmen von  den  verschiedenen  Seiten  in  verschiedenen  Lagen 
zu  machen.  Nur  dadurch  kann  man  sich  vor  Irrtümern  schützen. 
Ein  Urteil,  das  sich  auf  einem  Röntgenphotogramm  aufbaut, 
besonders  mit  negativem  Befund,  ist  wertlos.  Zu  dieser  Be- 
liarrlichkeit  in  der  Fortsetzung  der  Röntgenuntersuchung  wurde 
Referent  besonders  durch  die  Mitteilung  eines  Falles  von  Wirbel- 
fractur  von  Dr.  Stempel  (Breslau)  angeregt.  Hier  wurde  erst 
nach  der  Exhumirung  des  betreffenden  Patienten  die  von  ver- 
schiedenen Speoialisten  bei  Lebzeiten  geleugnete  Fractur  ver- 
schiedener Halswirbel  nachgewiesen. 

Herr  v.  Mikulicz  demonstrirt  ein  Präparat,  welches  durch 
die  Section  eines  37jährigen  Mannes  gewonnen  wurde    Es  handelte 


T.  Aliteiliiiig.     'Moiliomische  Sectioii.  91 

Hlch  um  eine  seit  vielen  Jahren  klinisch  festgestellte  t>-aekjirtige 
ItüaiatJon  des  Oesophngua,  zn  welcher  sieh  _secundä.r  ein  Car- 

cinoni  im  obersten  Brustteil  der  Speiseröhre  hinzugesellt  hat. 
Die  Beschwerden  des  Verstorbenen  fingen  schon  mit  dem  siebenten 
Lebensjahre  an  und  bestanden  in  Schwierigkeit  und  gelegentlich 
krampfartigen  Schmerzen  beim  Schlucken.  Der  Pat.  —  er  lebte 
in  Berlin  —  wurde  in  verschiedenen  Anstalten  behandelt,  und 
sein  Zustand  durch  diätetische  Vorschriften  gelegentlich  auch 
gebessert.  Die  richtige  Diagnose  auf  sackartige  Dilatation  wurde 
erst  in  der  Berliner  Charite  durch  Prof.  Strauss  gestellt.  Dieser 
hat  den  Fall  auch  in  der  „Deutschen  med.  Wochenschrift"  vor 
drei  Jahren  publioirt.  Es  waren  die  typischen  Symptome,  wie 
wir  sie  beim  Cardiospasmu  s  mit  conseeutiver  Oesophagus- 
dilatatiou  kennen.  Vor  einem  halben  Jahre  steigerten  sich  die 
Beschwerden  derart,  daß  selbst  Flüssigkeiten  nur  mit  Scliwierig- 
keit  in  den  Magen  befördert  werden  konnten.  Pat.  magerte  rasch 
ab.  In  diesem  Zustand  wurde  Pat.  von  Prof.  Strauss  der  Bres- 
lauer Klinik  zugeschickt.  Er  kam  im  Zustande  höchster  Inanition 
an,  und  es  wurde  deshalb  nur  die  Gastrostomie  vorgenommen 
und  von  jeder  weiteren  Therapie,  sowie  von  einer  genaueren 
Untersuchung  abgesehen.  Auch  die  Oesophagoskopie  wurde  mit 
Rücksicht  auf  den  schlechten  Allgemeinzustand  unterlassen.  Der 
Ernährungszustand  des  Pat.  hob  sich  nach  der  Gastrostomie  sichtlioli, 
jedoch  nur  auf  kurze  Zeit.  Es  stellten  sich  im  rechten  Obcr- 
lappen  der  Lunge  Erscheinungen  ein,  die  für  einen  Gangränherd 
sprachen.  Die  Gangrän  wurde  auf  Aspiration  des  regurgitirten 
Oesophagusinhalts  bezogen.  Da  der  Lungenherd  au  Umfang  zu- 
nahm, und  der  Pat.  sichtlich  herunterkam,  wurde  unter  liesection 
der  2.  und  3.  Rippe  von  vom  her  der  Gangränherd  eröffnet. 
Pat.  starb  trotzdem  eine  Woche  nach  dem  Eingriff.  Die  Section 
ergab  nun,  daß  das  obere  Drittel  des  Brustösophagus  oberhalb 
der  am  meisten  dilatirten  Partie  von  einem  verjauchten  Carcinom 
eingenommen  war,  welches  bis  in  die  benachbarten  Wirbelkörper 
gedrungen  und  gleichzeitig  in  die  Lunge  perforirt  war.  Die 
Lungengangrän  war  also  durch  Perforation  des  Oaroinoms  in  die 
Lunge  gesetzt  worden.  Interessant  ist  ein  Versuch,  welcher  an 
der  Leiche  noch  kurz  vor  der  Section  vorgenommen  wurde.  Es 
zeigte  sich,  daß  in  den  Oesophagus  eingegossene  Flüssigkeiten 
ohne  erheblichen  Widerstand  in  den  Magen  gelaugten,  ein  Beweis 
dafür,  daß  es  sich  beim  Cardiospasmus  in  der  That  um  einen 
muBCulären  Verschluß  handelt,  welcher  infolge  der  Erschlaffung 
Ut'3  Muskels  !in  der  Leiche  aufgehoben  ist. 


92  Jahresbericht  der  Schlos.  fiesolLschiift  für  vaturl.  Oiiltur. 

Ein  analoger  Fall  von  Seoundärentwicklung  eines  Carcinoma 
an  der  oberen  Grenze  der  sackartigen  Dilatation  des  Oesophagus 
wurde  schon  vor  mehreren  Jahren  einmal  in  der  \Breslauer  Klinik 
beobachtet.  Der  Fall  ist  seiner  Zeit  von  Dr.  Gottstein  in  seiner 
„Klinik  der  Oesopliagoskopie"  ausführlich  mitgeteilt. 

HerrKausch:  1.  Kolilc-imprägnirte  Supraclaviculardiüso. 

Der  45jährige  Patient,  welchen  ich  Ihnen  zunächst  vorstelle, 
kam  in  die  chirurgische  Poliklinik  wegen  eines  Knotens  oberhalb 
der  Mitte  des  rechten  Schlüsselbeins.  Der  Knoten  war  zufällig 
vor  vier  Wochen  von  einem  Arzte  bemerkt  worden,  machte  dem 
Patienten  keine  Beschwerden.  Er  hat  die  Größe  einer  Lambert- 
nuß, war  nicht  empfindlich,  außerordentlich  hart,  nicht  höckerig, 
wenig  verschieblich.  Weiter  oben  am  Halse  befanden  sich  noch 
3 — 4  kleine  Lymphdrüsen  von  Erbsen-  bis  Bohnengröße,  sämtlich 
auch  hart, 

Die  Affection  machte  durchaus  den  Eindruck  einer  oarci- 
nomatöseu  Supraolaviculardrüse,  doch  war  '  trotz  eingehendsten 
Suchens  kein  primärer  Herd  zu  finden,  weder  im  Abdomen,  noch 
im  Larynx,  Eachen  u.  s.  w.  Auf  Drängen  des  behandelnden 
Arztes  und  des  Patienten,  welche  Gewißheit  haben  wollten  über 
die  Art  der  ErkranJcung,  exstirpirto  ich  in  localer  Anästhesie  die 
Drüse.  Sie  entpuppte  sich  bei  der  Operation  als  ein  schwarzer 
Knoten,  welcher  zunächst  einen  melanotischen  Eindruck  machte, 
doch  war  er  auf  dem  Durchschnitte  so  absolut  gleichmäBig 
schwarz,  daß  ich  diesen  Gedanken  bald  fallen  ließ  und  eine  mit 
Kohlenstaub  imprägnirte  Drüse  annahm. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  bestätigte  diese  Annahme, 
es  lag  eine  schiefrig  indurirte  Drüse  vor,  von  genau  dem  Typus, 
wie  ihn  die  Bronchialdrüson  so  gewöhnlich  zeigen.  Von  Tuber- 
culose  war  nichts  zu  finden,  hingegen  Fremdkörper-Riesonzellen. 

Obschon  wir  Chirurgen  doch  sehr  viele  Drüsen  am  Halse 
sehen,  habe  ich  noch  keinen  derartigen  Fall  erlebt  und  weiß 
auch  nichts  von  solchen  Supraclaviculardrüsen  aus  der  Litteratur. 
Die  Erklärung  für  diesen  Fall  scheint  mir  folgende  zu  sein  : 

Patient  arbeitet  in  der  Schuh warenbran che  als  Modelleur 
und  sitzt  infolgedessen  fast  den  ganzen  Tag  im  Staube.  Er  hat 
nun  vor  15  Jahren  ein  Lungenleiden  durchgemacht,  welches  an- 
scheinend tuberculöser  Natur  war.  Als  Rest  davon  finden  wir 
jetzt  noch  eine  Schallverkürzung  rechts  vorne  oben  und  eine  ge- 
ringe Absohwächung  des  Atemgeräusches.  Im  Uebrigen  hat 
Patient  später  nie  wieder  Lungenbeschwerden  gehabt  und  hat 
auch  jetzt  keine.    loh  nehme  nun  an,  daß  infolge  dieses  Lungen- 


I.  ÄliteiUing,     Medioiuische  Sectiou.'  S3 

leidens  dor  normale  Lymphstrom  von  iler  Lungu  nach  dorn  Hikis 
verlegt  ist  und  die  Lymphe  direct  nach  den  Supraclavioular- 
drüeen  abgeführt,  hierhin  infolgedeBsen  auch  der  eingeatmete 
Staub  abgeleitet  wird. 

2.  Im  zweiten  Falle  handelt  es  sich  um  die  Tiiiplaiitatioii 
eines  Silberdrahtnetzes  in  einen  Bauclibnicli. 

Der  jetzt  4Bjährigen  Trau  wurde  vor  14  Jahren  wegen 
Wanderniere  die  rechte  Niere  festgenäht.  Ein  halbes  Jahr  darauf 
wurde  sie  wegen  intensiver  Abdominalbeschwerden  relaparotomirt, 
im  Wesenthchen  ein  negativer  Befund  erhoben:  es  bestanden 
nur  einige  unbedeutende  Adhäsionen  um  den  Magen  herum.  Es 
ist  wohl  zweifellos  anzunehmen,  daß  die  Beschwerden',  wegen 
deren  die  Patientin  zum  zweiten  Male  operirt  wurde,  nervöser, 
hysterischer  Natur  waren. 

Die  zweite  Operation  hatte  eine  locale  Peritonitis  zur  Eolge; 
es  mußte  die  Bauchnaht  wieder  geöffnet  werden  und  es  resultirte 
eine  große  Bauchhernie.  Wegen  dieser,  welche  im  Laufe  der 
Jahre  kindskopfgroß  geworden  war,  und  welche  der  Patientin 
starke  Beschwerden  verursachte,  kam  die  Patientin  zur  Aufnahme 
in  die  Klinik. 

Es  handelte  sich  nicht  etwa  um  eine  Diastase  der  Recti, 
wie  ich  hervorheben  möchte ,  sondern  um  einen  regelrechten 
Bruch  mit  kreisrunder,  soharfrandiger  Bruchpforte.  Da  eine  di- 
recte  Vereinigung  der  Bruchräuder  von  vornherein  ausgeschlossen 
war,  faßte  ich  die  Implantation  eines  Silbernetzos  in's  Auge. 
Ich  legte  zwei  Querschnitte  au,  je  einen  am  oberen  und  unteren 
Rande  des  Bruches,  präparirte  so  einen  breiten  Brückenlappen 
frei.  Es  war  dies  ziemlich  schwierig,  da  die  Haut  direct  dem 
Bruchsacke,  d.  h.  dem  Peritoneum  anlag,  ohne  jedes  Eett  und 
Unterhautzellgewebe.  Die  Patientin  ist,  wie  Sie  auch  jetzt  sehen, 
außerordentlich  mager.  Es  gelang  mir  dies  aber  doch  ohne  Er- 
öffnung des  Bauchfells.  Dann  löste  ich  noch  weiterhin  den 
Brückenlappen  außerhalb  der  Bruchpforte  von  der  Musculatur 
ab.  Da  das  mir  zur  Verfügung  stehende  größte  Silbernetz, 
welches  nur  18  :  18  cm  hatte,  zur  Deckung  des  Bruches  zu  klein 
war,  indem  es  nur  eben  die  Bruohpforte  überragte,  verkleinerte 
ich  durch  eine  Anzahl  von  Drahtnähten,  welche  ich  am  oberen 
und  unteren  Ende  in  der  Medianlinie  anlegte,  wesentlich  die 
Bruchpforte,  so  daß  sie  nunmehr  nur  noch  die  Q-rößo  einer 
Männerfaust  hatte.  Das  eingelegte  Silbernetz  übarragte  nunmehr 
die  Bruchränder  an  der  schmälsten  Stelle  um  mehr  als  zwei 
Einger.     Ich    fixirte    das  Netz   mittels   acht  Drahtnähteu   an   der 


94  Jn,lire«bericbt  der  Sehles.  Gesellschaft  für  vaterL  Cultur. 

Bauchmusoulatur  und  verschloß  ilami  die  liaufcwundo  vollständig. 
Das  Netz  ist  primär,  reactionalos  eingeheilt.  Sie  fühlen  es, 
m.  H.,  mit  Leichtigkeit  durch  die  Bauohwand  hindurch. 

Das  Verfahren  haben  wir  nunmehr  in  drei  Fällen  auf  der 
Klinik  ausgeführt.  In  einem  Falle  trat  ein  Reoidiv  auf,  indem 
am  unteren  Rande  des  Drahtnetzes  eine  neue  Hernie  durch- 
schlüpfte. Gorade  mit  Rücksicht  auf  diesen  Fall  halte  ich  es 
für  notwendig,  das  Netz  dauernd  mit  Draht  zu  befestigen,  nicht 
wie  Göpel  es  thut,  mit  Catgut.  Wir  nehmen  stets  das 
Göpel'sohe  Silberdrahtnetz,  welches  ich  Ihnen  hier  zeige.  Es 
scheint  dies  besser  zu  sein,  als  das  aus  Kettenringen  gebildete 
Netz,  welches  ich  Ihnen  auch  herumgebe.  Es  ist  auch  besser, 
als  das  Filigrannetz  Witzeis,  welches  der  Vorläufer  dieser  Be- 
strebungen war.  Dieses  wird  bekanntlich  erst  bei  der  Operation 
hergestellt  dadurch,  daß  lange  Silbsrfäden  in  der  Form  eines 
Filigrannetzes  in  das  Gewebe  selbst  hineingelegt  werden.  Im 
vorliegenden  Falle  wäre  dies  überdies  gar  nicht  möglich  ge- 
wesen. 

3.  Spina  bifida  coraplicirt  mit  Naevus  pilosus  und  Hydro- 
cephalus. 

Das  ''/^  Jahre  alte  Kind,  welches  ich  Ihnen  hier  zeige,  kam 
in  die  Klinik  wegen  einer  Spina  bifida  von  der  Grüße  einer 
Männerfaust,  welche  im  Bereiche  der  Lenden  Wirbelsäule  saß. 
Complioirt  war  dieser  Fall  einmal  durch  einen  Hydrocephalua 
mäßigen  Grades,  die  große  Fontanelle  ist  etwa  thalergroß. 
Ferner  besitzt  das  Kind  ein  Naevus  pigmentosus,  welcher  den 
größten  Teil  des  Rückens  einnimmt  und  auch  nach  vorn  über 
die  Schulter  hinüber  etwas  auf  die  Brust  reicht.  Der  Nävus  ist 
mit  langen  braunen  Haaren  bedeckt  bis  zu  2  cm  Länge.  Eine 
Anzahl  von  kleineren  Pigmentmalen  befinden  sich  über  den 
unteren  Teil  des  Rumpfes  zerstreut. 

Die  Operation  der  Spina  bifida  habe  ich  nun  nicht  in  der 
gewöhnlichen  Weise  ausgeführt,  weil  ich  fürchtete,  daß  der 
Hydrooephalus  dadurch  verschlimmert  würde.  Haben  wir  doch 
hier  auf  der  Klinik  einen  Fall  erlebt,  in  welchem  nach  der 
Radicaloperation  einer  großen  Spina  bifida  ein  Hydrooephalus 
auftrat,  während  vorher  der  Schädel  völlig  normal  war.  Ich 
ging  deshalb  so  vor,  daß  ich  nach  Freilegung  und  Eröffnung  des 
Meningensackes  denselben  größtenteils  abtrug  bis  auf  ein  recht- 
eckiges-Stück,  welches  ich  zu  einem  Schlauch  vernähte,  von 
3  cm  Länge  und  Y2  °^  Durchmesser.  Mittels  dieses  Schlauches 
wollte    ich  eine  Dauerdrainage  des  Subaraohnoidalraumes  in   das 


I.  Abteilung.     M''dic'uisclie  Section.  95 


subcutane  Gewebe  herbeiführen  und  so  den  Hydrooephalus  ent- 
lasten. Die  Haut  vernälite  ich  dann  natürlich  vollständig.  Die 
Wunde  heilte  primär. 

Ich  glaube,  daß  diese  Drainage  auch  wirklich  in  Kraft  ge- 
treten ist.  Die  Fontanelle,  die  vorher  prall  gespannt  war,  ist 
jetzt  zweifellos  viel  weicher  geworden,  leicht  eindrückbar.  Das 
Kind  ist  nach  Ansicht  aller,  die  sich  mit  ihm  beschäftigen, 
geistig  reger  geworden;  es  war  vor  der  Operation  ziemlich  blöde, 
kann  noch  nicht  stehen. 

Im  Anschluß  an  diesen  Tall  möchte  ich  Ihnen  kurz  das 
Präparat  eines  Falles  von  Racliischisis  zeigen,  welcher  in  die 
Klinik  kam  und  heute  früh  starb.  Herr  Ponfiok  hatte  die 
Güte,  mir  das  Präparat  zur  Demonstration  zu  überlassen.  Sie 
sehen  am  durchgesägten  Präparate,  wie  das  Rückenmark  hier 
schwer  verändert  ist,  eine  niedrige  breite  Platte  darstellt,  nach 
unten  in  die  Cauda  equina  übergehend,  dorsal  mit  Granulationen 
bedeckt.  Ein  Oentralkanal  ist  an  dieser  Stelle  überhaupt  nicht 
vorhanden,  an  mehreren  Stellen  sickerte  bei  Lebzeiten  der  klare 
Liquor  cerebrospinalis  aus  der  etwa  markstückgroßen  Rücken- 
marksfläche hervor. 

Den  schweren  Rüokenmarkveränderungen  entsprechend  waren 
die  Beine  total  gelähmt,  anscheinend  anästhetisch,  auch  die 
Sphincteren  waren  total  gelähmt. 

Die  Prognose  ist  in  diesen  Fällen  bekanntlich  absolut  trist, 
ein  operatives  Vorgehen  durchau.?;  zwecklos ,  es  würde  nur  den 
ungünstigen  Ausgang  beschleunigen.  Auch  iinser  Fall  ging  an 
einer  Meningitis  zu  Grunde. 

4.  Hysterisches  Oedem  der  Hand. 

Dieser  18jährige  junge  Mann  hat  vor  einem  halben  Jahre 
eine  Verletzung  der  Hand  mittels  Glasscherben  erlitten.  Im 
Laufe  der  Zeit  wurden  mehrere  Incisionen  angelegt,  um  Glas- 
splitter zu  entfernen,  da  Pat.  andauernd  Schmerzen  in  der  Hohl - 
band  hatte.  Alles  Suchen  war  aber  vergeblich,  hingegen  ent- 
leerten sich  allmählich  teils  aus  den  Wunden,  teils  spontan  durch 
die  Haut  hindurch  einige  kleine  Glasstückchen,  Seit  drei  Mo- 
naten wird  Pat.  in  der  chirurgischen  Poliklinik  behandelt.  Audi 
hier  verlief  eine  Inoision  ergebnislos,  das  Röntgenbild  war  negativ. 
Spontan  kamen  aber  wieder  drei  kleine  Glasstückchen  heraus, 
das  letzte  vor  vier  Wochen. 

Die  Schmerzen  waren  damit  wesentlich  gebessert.  Da  Pat. 
aber  mit  der  Hand  immer  noch  nicht  recht  zufassen  konnte, 
wurde    zur    Massage    geschritten.      Am    dritten    Tage    nach    der 


96  JaJifOsberichf.  der  Soliles.  Gosellschaft  für  vateii.  Odltur. 

Massage  begann  die  ganze  Hand  stark  anzuschwellen,  besonders 
der  Rücken;  gleichzeitig  reißende  Schmerzen.  Die  Schwellung 
besteht  nunmehr  14  Tage  lang,  ist  bald  stärker,  bald  schwächer, 
nimmt  auf  Massage,  Bewegungen,  Herabhängen  zu.  Niemals 
Temperatursteigerung,  die  Hand  fühlt  sich  auch  nicht  wärmer 
an.  Die  Farbe  der  Hand  ist  leicht  bläulich.  An  einer  Stelle 
bildete  sich  auch  eine  erbsengroße  Blase,  die  jetzt  ein- 
getrocknet ist. 

Patient  machte  mir  von  Anfang  au  einen  recht  nervösen 
Eindruck  und  auch  das  Oedem  faßte  ich  bereits  nach  einigen 
Tagen  als  ein  nervöses  auf.  Diese  Annahme  ist  meiner  Ansicht 
nach  zur  Gewißheit  geworden  durch  einen  Befund,  den  ich  seit 
zwei  Tagen  erhoben  habe:  Patient  zeigt  nämlich  eine  vollständige 
Hemianalgesie  der  ganzen  rechten  Körperseite.  Sie  sehen,  ich 
kann  die  Nadel  durch  das  ganze  Ohrläppchen  bindurchstecken, 
ohne  daß  der  Patient  eine  Miene  verzieht,  während  er  links  sofoit 
intensive  Schmerzen  äußert.  Dasselbe  kann  ich,  wie  gesagt,  an 
der  ganzen  rechten  Körperseite  ausführen,  auch  an  den  Schleim- 
häuten. Die  Berührungsempfindung  ist  ebenfalls  deutlich  herab- 
gesetzt; auch  die  höheren  Sinne  zeigen,  wenn  auch  geringe,  Ab- 
stumpfung. Im  Uebrigen  zeigt  der  Pat.  keine  ausgesprochenen 
hysterischen  Stigmata. 

Ich  glaube,  daß  wir  danach  mit  Sicherheit  ein  hysterisches 
Oedem  annehmen  müssen.  Bei  uns  sind  diese  Pällo  jedenfalls 
ziemlich  selten.  Ich  habe  noch  keinen  gesehen.  Die  Franzosen 
sehen  solche  Fälle  bekanntlich  häufiger,  ihr  Oedeme  bleu  des 
hyst6riques. 

5.  Locale  Asphyxie  complicirt  mit  Dupuytren'soher  Con- 
traction. 

Der  folgende  Fall  betrifft  eine  25jährige,  anämische,  sonst 
gesunde  Frau,  bei  welcher  sich  einige  Wochen  nach  der  vor 
l'/i  Jahren  erfolgten  Entbindung  allmählich  Kriebeln  und  Absterben 
der  Finger  einstellte.  Seit  einem  halben  Jahr  werden  die  Finger 
auch  blau,  namentlich  in  der  Kälte,  kurz,  es  handelt  sich  zweifellos 
um  einen  Fall  von  localer  Asphyxie,  Eaynaud'scher  Krankheit. 

Auffallend  in  diesem  Falle  ist,  daß  sich  zuweilen  spontan, 
mit  Sicherheit  nach  Druck  an  den  Fingern,  wobei  die  Finger 
zunächst  einige  Zeit  blaß  bleiben,  zinnoberrote  Flecke  bilden, 
welche  den  Händen  ein  ganz  auffallend  buntscheckiges  Aussehen 
verleihen,  violett,  weiß,  hellrot.  loh  kann  mir  diese  Eotfärbuug 
nur  als  eine  eigentümliche  locale  arterielle  Hyperämie  vorstellen, 
bei  Anämie  der  Venen. 


I.  Abteilung.     Modioinische  Seotioii  97 

Auch  sonst  zeigen  die  peripheren  Körperenden,  Nasenspitze, 
Ohrläppchen,  Zehen,  eine  deuth'che  abnorme  Kälte,  namentlich, 
wenn  man  die  außerordentlich  warme  Temperatur  am  heutigen 
Tage  und  in,  diesem  Eaume  in  Erwägung  zieht.  Auch  der  Ge- 
sichtsausdruok  der  Pat.  erscheint  pathologisch,  Pat.  ist  selbst 
von  ihrer  Umgebung  darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  daß 
ihr  Gesicht  neuerdings  ein  maskenartiges  Aussehen  angenommen 
habe.  Möglicherweise  begiinit  sich  hier  eine  Sklerodermie  zu  ent- 
wickeln. Der  Proceß  an  den  Händen  ist  jedenfalls  zur  Zeit  nicht 
als  Sklerodermie  aufzufassen. 

Auffallend  ist  ferner  an  diesem  Falle,  daß  Pat.  eine  leichte 
Verkrümmung  beider  4.  Finger  zeigt,  welche  sie  nicht  völlig  zu 
Btreoken  vermag.  Die  distale  quere  Hohlhandfalte  zeigt  an  ihrer 
Kreuzung  mit  den  Beugesehnen  des  4.  Fingers  jederseits  eine 
deutliche  grübcheiiförmige  Einziehung.  Ich  glaube,  daß  wir  hier 
eine  beginnende  D  upuytren 'sehe  Fingeroontractur  annehmen 
müssen,  so  daß  dann  eine  Combination  beider  Erkrankungen  vor- 
läge, eine,  wie  es  scheint,  recht  seltene  Complication. 

G.  Dieses  19jährige  junge  JVIädchen  verdankt  ihr  Leiden  dem 
Tragen  von  Ohrringen.  Im  Alter  von  2 — 3  Jahren  wurden  ihr 
in  der  üblichen  Weise  Löcher  in  die  Ohrläppchen  gestochen  und 
Seidenfäden  durchgezogen.  Ein  halbes  Jahr  danach  bildeten  sich 
allmählich  Knoten,  die  bis  zu  Haselnußgröße  wuchsen  und  dann  im 
Alter  von  fünf  Jahren  entfernt  wurden.  Bald  bildeten  sich  neue 
Knoten,  die  im  Alter  von  13  Jahren  entfernt  wurden,  aber  auch 
bald  wiederkehrten. 

Der  Knoten  rechts  ist  wallnußgroß,  geht,  wie  Sie  sehen,  von 
der  Vorderseite  aus,  während  an  der  Rückseite  vorhandene  Narben 
beweisen,  daß  hier  früher  einmal  ein  Knoten  saß.  Der  haselnuß- 
große Knoten  links  geht  von  der  Hinterseite  des  Ohrläppchens 
aus,  das  vordere  Ohrringloch  sehen  Sie  noch  als  trichterförmige 
Einziehung  deutlich  gekennzeichnet.  Die  Knoten  sind  hart,  ob 
Sie  sie  als  Fibrom  oder  als  Keloid,  wie  wir  vorziehen,  bezeichnen 
wollen,  lasse  ich  dahingestellt.  Hervorlieben  möchte  ich,  daß 
gleichzeitig  mit  der  ersten  Operation  der  Pat.  eine  kleine  Ge- 
schwulst vom  Oberschenkel  entfernt  wurde,  welche  kein  Keloid 
zur  Folge  hatte  und  mit  linearer  Narbe  heilte.  Wir  werden  die 
Geschwülste  abtragen  und  suchen  eine  aseptische  Heilung  herbei- 
zuführen, wissen  wir  doch,  daß  das  Eintreten  einer  lufection  das 
Zustandekommen  eines  Keloids  erleichtert.  Im  Uebrigen  soll, 
nach  den  Angaben  der  Pat.  und  dos  Vaters,  früher  niemals  eine 
Eiterung  bestanden  haben. 


Jalirosborioht  der  Schlos.  GosoUschaft  für  vaterl.  Cultnr. 


D  i  s  c  u  s  s  i  0  n  : 

Herr  llinsberg:  In  tlor  otologisohoii  Littoratiir  sind  Beriohfe 
über  Keloide  oder  Fibrome  der  Ohrläppohon  iiiclits  Seltenoa.  Sio 
entstehen  meist  in  der  Umgebung  der  Ohrringlöcber.  Die  schwarze 
Rasse  soll  eine  besondere  Disposition  zur  Bildung  derartiger 
Tumoren  besitzen.  Aus  Amerika  sind  Fälle  beschrieben,  bei  denen 
die  Geschwulst  fast  bis  zur  Schulter  heruntorhing.  Auch  hier 
in  Breslau  konnten  wir  verschiedentlich  Keloide  der  Muschel 
beobaohton. 

Herr  Ansckiitz  domonstrirt  zwfii  Fiilie  von  Uastroiliiodoino- 
stomie. 

Herr  Schmidt:  loh  mochte  Union  in  aller  Kürze  noch  drei 
Nierenfälhi  vorstellen. 

Hier  zunächst  zwei  Patienten,  die  beide  eine  subcutane  Nieren- 
quetschung  durchgemacht  haben.  Der  eine,  ein  ziemlich  gebrech- 
licher Mann  im  Alter  von  G2  Jahren,  wurde  am  18.  Juni  1903 
von  einem  80  Centner  schweren  Zicgelwagen  überfahren  und  erlitt 
dabei  einen  Bruch  der  7. — 9.  Rippe  rechts,  der  Dornfortsätze  des 
11.  nud  12.  Brust-  und  1.  Lendenwirbels  und  eine  erhebliche 
Quetschung  der  rechten  Niere,  welche  sich  durch  Schwellung  und 
Druckschmerz  der  rechten  Nierengegend  und  mehrtägiger  Gehalt 
des  Harnes  au  roten  Bhatkörperchen  und  Nierenbestandteilen  zu 
erkennen  gab.  Trotz  der  Schwere  der  Verletzung  heilte  sie  glatt 
aus.  Der  alte  Mann  ist  jetzt  bis  auf  einen  mäßigen  traumatischen 
Gibbus  an  der  Stelle  der  Wirbelbrüohe  gesund.  —  Der  zweite  Fall, 
ein  junger  Mann,  der  im  Alter  von  19  Jahren  steht,  stürzte  im 
Ootober  1903  fünf  Stockwerk  hoch  herab  und  zog  sich  dadurch 
eine  subcutane  Quetschung  der  linken  Niere  zu.  Auch  hier  erfolgte 
in  kurzer  Zeit  reaotionslose  Ausheilung.  —  Nach  den  statistischen 
Zusanamenstellungen  von  Maass  und  Küster  stellt  sich  die 
Sterblichkeit  der  subcutanen  Nierenquetsohung  auf  naliezu  50  pCt., 
bei  complicivten  Fällen,  denen  der  erstgenannte  wegen  der  anderen 
Verletzungen  und  des  Allgemeinznstande.'?  des  Kranken  wohl  zu- 
gerechnet werden  kann,  sogar  auf  90  pCt.  Die  bisher  in  der 
Breslauer  Klinik  beobachteten  sechs  Fälle  subcutaner  Nioren- 
quetschung  sind  sämtlich  ohne  weitere  Folgen  ausgeheilt.  —  Die 
dritte  Patientin,  30  Jahre  alt,  litt  seit  1898  an  periodisch  wieder- 
kehrenden, mit  Schüttelfrösten,  hohem  Fieber,  Erbrechen,  starker 
Störung  des  Allgemeinbefindens  einhergehenden  Sohmerzanfällen 
zunächst  in  der  rechten,  bald  auch  in  der  linken  Nierengegend. 
Sie    wurde    lange  Zeit    wegen    beiderseitiger  Pyelitis  behandelt, 


1.  Ahtciluiif!:.     Mediciiiisclio  Soction.  9H 

kam  immer  weiter  herunter,  bis  es  gelang,  durch  Blenden-Röntgo- 
gramme  in  beiden  Nierengegenden  fast  symmetrische  kreisrunde 
Schatten  zur  DarstelUmg  zu  bringen,  dio  unzweideutig  Steinen  im 
Nierenbecken  entsprachen.  (Demonstration.)  Die  nunmehr  in- 
dicirte  Operation  —  Nephrotomie  mit  Sectionsschnitt,  Entnahme 
jo  eines  walnußgroßen  Pjiospbatsteines  (Deuionstration)  aus  dem 
Nioronbeokcn  und  AuBspülung  desselben,  Naht  der  Niere  bis  auf 
einen  in's  Becken  führenden  Drainkanal  —  wurde  von  Herrn 
Geheimrat  von  Mikulicz  am  9.  III.  links,  am  16.  VI.  rechts 
ausgeführt.  Sie  sehen  hier  rechts  den  Pistelkanal  bereits  ge- 
schlossen, links  —  wo  die  Niere  laut  Cystoskople  und  Krjo- 
skopie  stärker  angegriffen  war  — ,  noch  einen  dünnen,  kurzen 
Fistelgang,  der  keinen  Urin  mehr  entleert  und  sich  höchst  wahr- 
scheinlich auch  bald  schließen  wird.  Die  Kranke  hat  sich  gut 
erholt,  ist  jetzt  lieber-  und  schmerzfrei  und  wird  nach  Heilung 
dos  noch  bestehenden  Blasenkatarrhs  in  Bälde  gesund  dio  Klinik 
verlassen. 


Klinischer  Abend  vom  15.  Juli  1904. 
Vorsitzender;  Herr  v.  Strümpell. 

Herr  Paul  stellt  in  Vertretung  von  Herrn  Heine  einige 
Patienten  mit  excessiver  Myopie  vor,  welche  sehr  schön  dio 
Weis 'sehen  Schatten  erkennen  lassen.  Die  Indicationen  der 
Linsenentfernung  untl  die  Prognose  des  Verfahrens  wird  be- 
sprochen. 

Herr  llenle:  Bin  Fall  von  Aiiroi^ole  colli. 

Die  an  der  rechten  Halsseite  gelegene  Geschwulst  war  bei 
einem  älteren  Mann  im  Verlauf  von  10  Jahren  allmählich  ent- 
standen. Sie  reichte  nach  oben  unter  den  Kiefervvinkel,  nach 
hinten  an  den  Kopfnioker,  endete  unten  vier  Finger  oberhalb 
des  Schlüsselbeins,  vorne  zwei  Finger  von  der  Mittellinie.  Haut 
über  ihr  intaot.  Der  Tumor  bildet  auch  an  der  seitlichen  Pharynx- 
wand  eine  Vorwölbung  und  läßt  sich  dort  palpiren,  besonders 
wenn  man  ihn  von  außen  entgegendräugt,  Kehlkopf  befund  ganz 
normal.  Patient  konnte  dio  Geschwulst  durch  massirende  Ma- 
növer zum  Verschwinden  bringen,  wobei  ein  lautes  quakendes 
Geräusch  entstand.  Im  Verlauf  von  Stunden  trat  die  Schwellung 
wieder  ein.  Besonders  groß  war  sie  nach  der  Nachtruhe.  Per- 
cussionssohalldes  gefüllton  Tumors  tyrapanitisch.  Auch  während  der 
Expression    war   laryngoskopisoh   gar    nichts  wahrzunehmen.     Es 

7* 


100         Jahresbei'icht  der  Sohles.  Oesellgchaft  für  vaterl.  Oultur. 

handelte  sich  offenbar  um  einen  mit  den  Luftwegen  communi- 
cirenden  und  sich  mit  Luft  füllenden  Hohlraum,  eine  Aerocele. 
Die  Commuuioation  derselben  mit  den  Luftwegen  mußte  sehr 
klein  sein.  Dafür  sprach,  daß  zur  Entleerung  und  noch  mehr 
zur  Wiederfüllung  eine  relativ  lange  Zeit  nötig  war.  Einige 
Male  hatte  sich  der  Ausgang  verlegt.  Dann  wurde  die  Schwellung 
noch  größer  und  gleichzeitig  traten  Beschwerden  beim  Schlucken 
und  in  geringerem  Grade  auch  beim  Atmen  ein.  Subjective 
Störungen  sonst  geringfügig. 

Am  14.  Juni  Exatirpation.  Der  Tumor  ließ  sich  leiclit  aus- 
schälen. Gerade  an  dem  Operationstage  gelang  die  Expression 
nicht.  Um  mit  einem  kürzeren  Hautschnitt  auszukommen,  wird 
der  Tumor  durch  Incision  verkleinert,  wobei  sich  nur  Luft  ent- 
leert. Bei  der  Ausschälung  ist  der  Verbindungsgang  nach  dem 
Kehlkopf  durchrissen  und  nachher  nicht  mehr  zu  finden.  Die 
Gegend,  in  der  er  lag,  läßt  sich  aus  feineu  Luftblasen  eruireu, 
die  in  Kochsalzlösung  aufsteigen,  mit  der  die  Wundhöhle  ge- 
füllt wurde.  Dieselben  kommen  von  der  Grenze  zwischen  Scliild- 
und  ßingknorpel.  Das  Suchen  wird  alsbald  aufgegeben,  da  es 
für  die  Heilung  vermutlich  irrelevant  ist.  Ein  Drain.  Naht. 
Die  Wand  des  Sackes  ist  papierdunn.  Seine  innere  Oberfläche 
bildet  ein  flaches,  nicht  flimmerndes  Epithel.  In  der  Nacht  nach 
der  Operation  hat  Patient  das  Gefühl,  daß  beim  Atmen  und  be- 
sonders beim  Husten  Luft  durch  die  Wunde  entweicht,  daini 
nicht  mehr.     Heilung  ungestört. 

Mamlok  hat  18  Fälle  von  Aerocele  zusammengestellt,  von 
denen  aber  nur  drei  mit  dem  vorgestellten  nahe  verwandt  sind. 
Nicht  hierher  gehören  die  medianen  Laryngocelen,  ebenso  wenig 
die  durch  Aufblähung  des  Ventrikelblindsackes  entstehende 
Aerocele  ventricularis,  bei  der  sich  immer  ein  intralaryngeal  ge- 
legener Luftsaok  findet,  der  evont.  mit  einem  extralaryngealen 
communicirt.  Es  handelte  sich  hier  um  eine  subglottische  Aerocele, 
von  der  wie  gesagt  drei  Fälle  bekannt  sind.  Der  Vorgestellte 
zeichnet  sich  aus  durch  die  Größe  des  Tumors  und  durch  die  enge 
Communioation  zwischen  Sack  und  Kehlkopf. 

D  i  s  c  u  8  8  i  o  n  : 
Herr  Karpel:  Ich  möchte  den  Herrn  Vortragenden  darüber 
um  Auskunft  bitten,  was  er  von  der  Möglichkeit  oder  Wahr- 
scheinlichkeit eines  ßeoidivs  hält.  Nach  seiner  Angabe  be- 
stand eine  Verbindung  der  Geschwulst  mit  dem  Kehlkopfinnern. 
Es  ist  nicht  gelungen    den  freien  Gang  zu  sondiren.     Der  Gang 


T.  Abl:oiliiny.     Mediciiüsclie  Scction.  101 


ist  aber  noch  vorhanden.  Ist  es  nun  nicht  möglich,  daß  durch 
diesen  feinen  Kanal  vom  Kehlkopf  aus  Luft  in  das  lockere  Binde- 
gewebe am  Halse  dringt  und  dadurch  ein  Eecidiv  hervorruft? 

Herr  Uonle:  Nach  Analogie  anderer  Heilungsvorgänge  an 
den  Luftwegen  glaube  ich,  daß  auch  hier  der  Erfolg  ein  durchaus 
sicherer  ist.  Eine  Laxyngofissur  schließt  sich  ebenso  wie  eine 
Tracheotomiewunde  ohne  jede  Naht  von  selber.  Ganz  analoge 
Verhältnisse  haben  wir  hier  nach  Abreißuug  des  Ganges  unmittel- 
bar am  Kehlkopf,  Daß  der  Verschluß  eingetreten  ist ,  dafür 
spricht  auch  das  schnelle  Aufhören  des  Luftaustritts. 

Ich  liabe  absichtlich  die  Genese  dieser  Tumoren  nicht  be- 
sprochen, weil  sie  strittig  ist.  Am  wahrsohehilichsten  ist  es 
wohl  für  die  subglottischen,  daß  os  sich  um  oongenitale  Bildungen 
handelt,  die  sich  durch  den  in  ihnen  lierrsohenden  Druck  all- 
mählich weiten.  Da  ein  Sack  sicher  nicht  zurückgeblieben  ist, 
scheint  mir  auch  die  Gefahr  eines  Recidivs  nicht  vorlianden. 

Herr  Paul  Krause:  I.  lieber  tlierapcwtische  Versuche  bei 
Kranken  mit  Leukämie  und  Pseudoloukämie  durch  Be- 
strahlung mit  Röntgenstrahlen. 

Der  Vortragende  wurde  durch  die  Arbeiten  von  Senn, 
Bryant,  ßrangor  (American  Medical  Record),  durch  die  Mit- 
teilungen von  Ahrons  und  Krooke  (Münchner  med.  Wochen- 
schrift) veranlaßt,  auch  seinerseits  bei  Leukämie-  und  Pseudo- 
leukämiekranken  die  Röntgenbehandlung  zu  versuchen.  Die  in- 
zwischen publioirten  Versuche  Heineckes  schienen  den  Angaben 
der  oben  genannten  Autoreu  eine  gewisse  experimentelle  Grund- 
lage gegeben  zu  haben,  so  daß  ein  solcher  Versuch  in  jeglicher 
Weise  heutzutage  seine  Berechtigung  liat.  Naoli  kurzen  tecl\- 
nischon  Mitteilungen  beriolitet  der  Vortragende,  daß  er  bisher 
zwei  Eälle  von  Pseudoleukämie'  und  drei  Eälle  von  Leukämie  mit 
Röntgenstrahlen  behandelt  habe. 

1.  JTall.  Fat.  R. ,  30  Jahre  alt,  faustgroßes  Drüsenpaket 
pseudoleukämischen  Ursprungs  unter  der  rechten  Achselhöhle. 
Blutbefund  normal.  Der  Kranke  wurde  570  Minuten  mit  einer 
liarten  Röhre  bestrahlt.  Das  Drüsenpaket,  vor  allem  das  peri- 
glanduläre Gewebe  erweichte  sich,  es  trat  eine  Verkleinerung 
mäßigen  Grades  ein.    Das  Allgemeinbefinden  war  ein  gutes. 

2.  Fall.  Pat.  P, ,  36  Jahre  alt,  Diagnose:  lienale  Pseudo- 
leukämie. Die  Milzgegend  wurde  im  Ganzen  465  Minuten  be- 
strahlt. Subjeotiv  große  Besserung.  Objeotiv  konnte  keine  Ver- 
kleinerung der  Milz  constatirt  werden. 


102  Jahreslienriit  flor  Soliles.  Oow.llFoiiafl,  liir  valorl.   Oiiltur. 

3.  Fall.  Pttt.  St.,  S7  Jahre  alt,  DiaguoBe:  myelogene  Lcju- 
kämie.  Die  Milz  und  die  laugen  Eöhrenknoclien  wurden  im 
Ganzen  570  Minuten  lang  bestrahlt.  Die  Leukocytenzahlen  be- 
trugen: Am  17.  V.  156000,  am  4.  VI,  2G000,  13.  VI.  24000, 
20.  VI.  29000,  26.  VI.  31000.  Die  Erytlirocytenzahl  stieg  von 
2,4  auf  3,2  Millionen.  Das  Allgemeinbefinden  besserte  sich  sehr. 
Ohjeotiv  konnte  eine  Verkleinerung  der  Milz  nicht  constatirt 
werden. 

4.  Fall.  Fat.  W.,  31  Jahre  alt,  Diagnose:  myelogene  Leu- 
kämie; bisher  wurden  im  Ganzen  565  Minuten  die  Gegend  der 
Milz,  des  Sternums,  der  Oberschenkel,  Unterschenkel,  Unterarme 
bestrahlt.  Wegen  eines  aufgetretenen  leichten  Erythems  (nach 
340  Minuten)  wurde  von  einer  weiteren  Bestrahlung  der  Milz 
Abstand  genommen.  Leukocytenzahlen:  am  21.  III.  1904  243000, 
bei  der  Wiederaufnahme  am  13.  VI.  281600,  am  19.  VI.  285800, 
am  25.  VI.  340000,  am  2.  VII.  240000,  am  15.  VII.  120000.  Die 
Erythrocyteuzahl  hob  sich  von  1,5  auf  2,3  Millionen.  Das  All- 
gemeinbefinden war  in  den  letzten  Wochen  ein  ungestörtes.  Eine 
objeotive  Verkleinerung  der  Milz  konnte  bisher  nicht  constatirt 
werden. 

5.  Fall.  Patientin  B. ,  22  Jahre  alt,  Diagnose:  myelogene 
Leukämie.  Die  Kranke  wurde  bisher  585  Minuten  bestrahlt 
(Milz  und  Röhrenknochen). 

Wegen  eines  leichten  Erytlioms  der  Bauchdeckon  wird  von 
einer  weiteren  Bestrahlung  der  Milzdecken  vorläufig  Abstand  ge- 
nommen. 

Die  Leukocytenzahlen  betrugen  am  28.  V.  1904  220000,  am 
11.  VI.  166400,  am  19.  VI.  100000,  am  24.  VI,  90000,  am  28.  VI. 
80000,  am  2.  VII.  90000,  am  4.  VII.  105000. 

Das  Allgemeinbefinden  hat  sich  gebessert;  in  den  ersten 
Tagen  der  Behandlung  trat  ein  starkes  palpatoriach  nachweis- 
bares Reiben  über  der  Milzgegend  auf. 

Ueber  den  weitereu  Verlauf  uud  die  genaueren  Befunde  soll 
an  anderer  Stelle  berichtet  werden.  Bei  der  Aussichtslosigkeit 
jeglicher  anderer  Therapie  der  Leukämie  uud  Pseudoleukämie 
scheinen  weitere  Versuche  mit  Röntgentherapie  angezeigt. 

IL  Demoiistrallosi  voa  ßöalgeiäbiSdern: 

a.  Röntgenbilder  von  arteriosklerotischen  Arterien: 
Es  werden  eine  Serie  von  Röntgenbildern  domoustrirt,  auf  welchen 
die  Ai'teriae  radiales,  ulnares,  brachiales,  zum  Teil  in  ihrer  ganzen 
Ausdehnung   als   doppelt  oonturirte  breite  Schatten  in  einwand- 


r.  Abtoüiiiig,     Mediciiiische  Soctiun.  103 

freier  Weise  zur  Darstellung  gebracht  sind;  auf  mehreren  Bildern 
ist  auch  die  Arteria  tibialis  postioa,  die  Arteria  pediaea  gut 
sichtbar. 

Der  Vortragende  giebt  im  Anschluß  au  die  Demonstration 
eine  kurze  Uebersicht  über  die  röntgograph Ischen  Beobachtungen 
au  arteriosklerotischen  Gefällen. 

b.  Röntgenbild  eines  Seropneumothorax  nebst  Be- 
merkungen über  die  Diagnose  des  Pneumothorax  durch 
Röntgenstrahlen. 

An  dem  demonstrirtöu  Bilde  sieht  man  die  horizontale 
Sohattenliuie  des  Exsudats  scharf  sich  abheben  vou  dem  leicht 
für  Röntgenstrahlen  durehsichtigen  Pneumothorax.  In  dem 
medialen  Teil  ist  ein  uudurchsichtiger  Schatten  in  Form  eines 
großen  Zapfens  zu  sehen  (comprimirte  und  infiltrirte  Lunge). 

Bei  der  Durchleuchtung  wurde  außerdem  noch  folgende 
Phänomene  constatirt:  1.  eine  feine  undulatorische  Bewegung  der 
oberen  Schattenlinie  verursacht  durch  die  Herzschläge;  2.  eine 
großwellige  Bewegung  derselben  Schattenlinie  bei  Hin-  und  Her- 
bewegung des  Kranken,  „sichtbare  Succussio  Hippokratis";  3.  ein 
geringes  Höhertreteu  der  Exsudatgrenze  bei  tiefster  Exspiration. 

Das  Herz  war  stark  nach  rechts  gedrängt. 

Die  Section  ergab  die  Richtigkeit  der  Deutung  dieser  Be- 
funde. 

Der  Vortragende  erwähnt,  daß  er  bei  drei  weitereu  Fällen 
vou  Sero-  resp.  Pyopnoumothorax  ähnliche  Beobachtungen  ge- 
macht habe. 

III.  Deraonstrattüu  eines  vor  kurzem  abgetriebenen  Bo- 
thriocophahäs  latsis,  dessen  Träger  den  lebenden  AVurm  nach- 
weislich mehr  als  ein  Jahr  beherbergt  hatte,  ohne  irgend  welche 
Krankheitssymptome  zu  zeigen;  vor  allem  zeigte  eine  genaue 
Untersuchung  des  Blutes  durchaus  normale  Verhältnisse. 

Unter  75  in  den  letzten  Jahren  in  der  medioinischon  Klinik 
abgetriebenen  Bandwürmern  finden  sich  43  Fälle  bei  Vi^eibern, 
32  bei  Männern;  in  allen  Fällen  handelte  es  sicli  um  Taenia 
sagiuata.  In  den  letzten  12  Jahren  wurden,  soweit  aus  den 
Krankengeschichten  ersichtlich,  nur  zweimal  Taenia  solium 
und  einmal  Bothriooephalus  latus,  dessen  Trägerin  mäßige 
Anämie  hatte,  nachgewiesen. 

IV.  Demonstration  von  einer  Curvo  niislirmonalüehon 
Fiebers  ohne  bekannte  llrsaehe. 

Da    dieser    und    m_ehrore    ähnliclie   Fälle    an    analerer    Stelle 


104^      Jalireshcriclit  der  Sclilos.  CiescJlscliall  für  valoil  f'iilliir. 

publicirt  werden,  genüge  hier  der  Hinweis,  daß  durch  genaxieste 
klinische  Untersuchung  mit  Ausnützung  sämtlicher  gebräuch- 
lichen experimentellen  Untersuohungsmethoden  eine  UrsaQlie  für 
das  nach  sieben  Monate  langer  Dauer  zum  Tode  führende  Fieber 
nicht  gefunden  werden  konnte;  auch  die  sehr  genau  und  sorg- 
fältig ausgeführte  Seotion  brachte  keine  Klärung. 

Herr  Söidelmaiir. :    1.  Fal!  von  Dysirophia  muscularls. 

Es  handelt  sich  um  einen  14jährigen  Knaben,  der  angeblich 
seit  vielen  Jahren  an  Schwäche  in  den  Beinen  leidet  und  seit 
etwa  drei  Jaliren  nicht  mehr  so  herumlaufen  kann  wie  früher- 
besonders  das  Treppensteigen  und  das  Aufrichten  aus  gebückter 
Stellung  macht  ihm  Schwierigkeiten.  Auch  die  Arme  seien  nicht 
mehr  so  kräftig  wie  früher. 

Die  Betrachtung  des  Patienten  ergiebt,  daß  in  erster  Linie 
diejenigen  Muskeln  von  der  Atrophie  betroffen  sind,  welche  dou 
Schulter-  und  den  Beckengürtel  umgeben.  Die  Schulterblätter 
können  nicht  genügend  fixirt  werden,  beim  Versuch,  den  Jungen 
unter  den  Schultern  emporzuheben,  gehen  diese  mit  in  die  Höhe 
(sogen,  „lose  Schultern").  Die  Oberarramusculatur  ist  beiderseits 
nur  wenig,  die  Vorderarm-  und  kleinen  Hand-  und  Mngermuskelu 
sind  gar  nicht  betroffen.  Von  den  Beckoumuskeln  sind  haupt- 
sächlich die  Glutaei  befallen,  wodurch  die  Streckung  im  Hüft- 
gelenk unmöglich  gemacht  wird;  daher  erklärt  sich  die  Unfähig- 
keit, Treppen  zu  steigen.  Auch  die  Ein-  und  Auswärtsroller  der 
Oberschenkel,  sowie  der  M.  quadrioeps  und  die  Adduotoren  sind 
in  ihren  Functionen  geschwächt,  während  die  Unterschenkel-  und 
Fußmuskeln  wieder  intact  sind. 

Characteristisch  ist  die  Lordose  der  Lendeuwirbelsäule,  die 
auch  durch  die  Schwäche  derjenigen  MuakeLi  bedingt  ist,  die 
die  Streckung  im  Hüftgelenke  besorgen.  Der  Gang  ist  infolge 
der  ungenügenden  Fixation  des  Beckens  watschelad.  Typisch  ist 
endlich  das  Aufrichten  des  Körpers  aus  der  Rückenlage:  der 
Patient  wälzt  sich  zunächst  auf  den  Baucli,  sucht  darauf  in  kniende 
Stellung  zu  gelangen,  stützt  sich  dann  mit  den  Händen  auf  die 
Knie  und  klettert  gewisserraaikn  an  seinen  eigenen  Beineu  empor, 
um  sohlicßlicli  mit  einem  Ruck  den  Oberkörper  vollends  auf- 
zurichten. 

Die  Sensibilität  ist  alleuthalbeti  lutaot,  die  Sehnenrellexe  sind 
ziemlich  schwaoli,  es  bestehen  keine  fibrilläreri  Zuckungen  in  den 
atrophischen  Muskeln,  es  findet  sich  keine  Entartungsreaction, 
sondern  lediglicli  eine  quantitative  Herabsetzung  der  electrischen 
Erregbarkeit. 


{.  Abtoilunn;.     Mcdiciiiisolio  Sektion.  105 

Bemerkt  sei  noch,  daß  die  Gesiohtsmusculatur  nicht  ergriffen 
ist,  und  daLi  auch  hinsichtlich  der  hereditären  Vorhäitnisse  niclits 
zu  eruireu  war. 

Eine  sogen.  Pseudoliypertrophie  der  Musculatur  ist  nirgends 
nachweisbar. 

Es  ist  der  Fall  ein  klassisciios  Beispiel  für  die  uij'opathische 
Form  der  infantilen  progressiven  Muskelatrophie  ohne  Beteiligung 
der  Gesiohtsmusculatur   und    ohne  deutliche  Pseudohypertrophie. 

2.  Fall  von  Chorea  hereditnria  (Hiniüngton'sclse  Chorea). 

Der  Patient,  ein  43 jähriger  Schuhmacher,  leidet  seit  etwa 
6 — 7  Jahren  an  allmählich  eutstaudener,  allgemeiner  körperlicher 
Unruhe,  die  sich  in  ungewollten,  ungeordneten  und  zwecklosen 
Bewegungen  der  Arme  und  Beine  äußert;  auch  die  Gesiohts- 
musculatur, der  Kopf  und  in  geringem  Grade  auch  der  Rumpf 
sind  betroffen.  Seit  l^/j  Jahren  hat  die  Krankheit  an  Intensität 
zugenommen,  so  daß  Pat.  seiner  Beschäftigung  nicht  mehr  nach- 
gehen kann.  Bei  körperlicher  Ruhe  lassen  die  Bewegungen  nach, 
im  Schlaf  sistireu  sie  gänzlich,  bei  Aufregungen  und  auch  bei 
längerer  Beobachtung  werden  sie  stärker.  In  psychischer  Be- 
ziehung finden  sich  bis  jetzt  noch  keine  Alterationen,  wenngleich 
der  Pat.  behauptet,  daß  sein  Gedächtnis  in  der  letzten  Zeit  nach- 
gelassen hat. 

In  hervorragendem  Maße  ist  bei  dem  Pat.  das  für  die  Chorea 
chronica  progressiva  characteristische  Moment  der  Heredität  aus- 
geprägt: sein  Großvater,  sein  Vater,  der  Bruder  des  Vaters  und 
ein  Bruder  von  ihm  selbst  haben  viele  Jahre  hindurch  an  der- 
selben Krankheit  bis  zu  ihrem  Lebensende  gelitten! 

Herr  v.  Striimpüll  zeigt  einen  Krankeji  mit  reclitsscitiger 
Hemiplegie,  bei  dem  das  sog.  Tibialisphänotneu  in  besonders 
starker  Weise  vorhanden  ist.  Es  bespricht  kurz  die  Bedeutung 
dieser  namentlich  in  theoretischer  Hinsicht  beachtenswerten  Er- 
scheinung. 

Herr  Müller:  Fall  von  Tabes  dorsalis  rait  chronischem 
Morphinismus  bei  einem  41  Jahre  alten  Patienten.  Beginn  der 
Erkrankung  vor  sechs  Jahren,  ungefähr  ein  Decennium  nach  der 
syphilitischen  Infeotion  mit  lancinirenden  Schmerzen  in  den  ünter- 
extremitäten  und  gastrischen  Krisen.  Wegen  der  quälenden 
Initialsymptome  zunehmender  Morphiumuiißbrauch;  im  Gefolge 
der  stetigen  Injeotionen  multiple  Abscesse  namentlich  an  Bruat- 
nnd  Bauohhaut  sowie  an  der  Vorderseite  beider  Oberschenkel. 
Erfolgreiclie  Entziehungskur.     Kurze  Besprechung  der  Therapie. 


lüö  Jalircshericlit  dor  Sclilcs.  GosellBoluift  für  vaterl,  Culliir. 

Herr  K.  Ziegler  &teilt  einBii  Eali  von  typischer  alkoholischer 
Polyneuritis  bei  einer  34 jährigen  Gastwirtsfrau  vor.  Die  Krank- 
heit hatte  mit  starken  Schmerzen  und  Parästhesien  in  den 
Beineu  und  psychischen  Störungen  begonnen,  bestand  seit  drei 
Monaten  und  zeichnete  sich  durch  periphere  Lähmungen  im  Ge- 
biete dor  Nervi  peronei,  tibiales,  radiales,  mediani  und  ulnares 
mit  completer  Entartuugareactiou  aus. 

Herr  Sandberg  jr.:  Demonstration  von  zwei  pathologisuh- 
smatomischen  Präparaten.  Dieselben  stammen  von  einer  39  jährigen 
Frau,  welche  am  9.  VI.  1904  in  die  medicinisohe  Klinik  auf- 
genommen wurde  und  am  29.  VI.  1904  daselbst  gestorben  ist. 

Das  eine  Präparat  zeigt  einen  typischen  reitenden  Embolus, 
der  auf  dor  Teilnnc;3SLcllo  dor  Aort:'.  doscendens  reitet,  beiderseits 
ein  Stück  weit  in  uio  Iliacae  liiiioinreicht,  und  sich  dann  weiter 
in  die  Femorales  und  Hypcgastriciie  in  Geatalt  von  roten  Thromben 
fortsetzt.  Mit  der  Wand  der  rechten  Iliaca  ist  der  Thrombus 
im  oberen  Teil  verwachsen. 

Das  andere  Präparat  ist  die  rechte  Niere,  welche  durch 
zahlreiche  anämische  Infarote  hochgradig  verändert  ist.  Die 
Arteria  renalis  iat  durch  einen  Embolus  verstopft. 

Der  Ausgangrpuiikt  beider  Embolien  ist  ein  großer  wand- 
ständiger Thi'ombus  im  liidieu  Herüohr. 

Am  Herzen  beatiind  eine  Mitralstenose  und  eine  schwere 
Myooarditis. 

Der  kludsühe  Verlauf  gestattete  eine  fast  sichere  Diagnose: 

Patientin  hat  früher  zweimal  Gelenkrheumatismus  durch- 
gemacht. Im  Anschluß  an  den  zweiten  Gelenkrheumatismus  hat 
sich  ein  Herzfehler  entwickelt. 

Wegen  erheblicher  Compensationsstoruugen  suchte  Patientin 
die  Aufnahme  in  die  Klinik  nach.  Am  IG.  VI.  1904  klagte  die 
Patientin  über  einen  plötzlich  auftretenden  Schmerz  in  beiden 
Beinen.  Die  Beine  waren  eiskalt.  Schon  die  bloße  Berührung 
der  Beine  war  sehr  schmerzhaft.  Dabei  Vertaubungsgofühl. 
Crural-  und  Eußpulso  fehlten  beiderseits  und  waren  bis  zum 
Tode  nicht  melir  zu  fühlen. 

Im  Laufe  der  nächsten  Tage  wechselte  die  Temperatur  der 
unteren  Extremitäten  etwas.  Symptome  einer  beginnenden  Gangrän 
waren  nicht  vorhanden.  Es  war  ohne  Zweifel  der  Verschluß  ein 
nicht  ganz  vollständiger,  und  ein  wenn  auch  geringer  Blut- 
zufluß zu  den  unteren  Extremitäten  möglich.  Fünf  Tage  vor 
dem  Tode  gesellten  sich  plötzlich  heftige  Schmerzen  in  der 
rechten  Nierengegond  hinzu,  am  nächsten  Tag  auch  in  dor  linken 


I.  Abteilung,     fiiedicini.sche  Soctidii.  107 

Nierengegend.  Die  Urinmenge,  die  bis  zu  diesen  letzten  Sohmerz- 
anfallen  nicht  auffallend  vermindert  war,  verringerte  sich  jetzt 
von  Tag  zu  Tag.  Der  Urin  enthielt  große  Mengen  Eiweiß,  Blut 
und  zahlreiche  hyaline  und  grauulirte  Cylinder.  Die  linke  Niere 
zeigte  sich  bei  der  Autopsie,  wenn  auch  in  geringerem  Grade 
als  die  rechte,  durch  anämische  Infarcte  verändert. 


Sitzung  vom  28.  October  lOOl. 
Tagesordnung: 
Herr   Fossfik    und   Herr    von   StrümpelS:     Worte    tlivs-    Er- 
iiuicrnng  an  Cnri  Weigert. 

I.  Rede  des  Herrn  Gehcimrat  Professor  Ponfiek. 
Hochgeehrte  Herren ! 

In  den  Augusttagen  dieses  Jahrea  drang,  allen  unerwartet, 
die  Trauerkunde  an  unser  Ohr,  daß  das  hochgeschätzte  Ehren- 
mitglied dieser  Clesellechaft,  daß  Carl  Weigert  plötzlich  aus 
dem  Leben  geschieden  ist. 

Scheinbar  in  voller  Gesundheit  war  er,  inmitten  der  gewohnten 
stillen  Arbeit,  der  Wissenschaft  und  den  Seinigen  entrissen  worden. 
Nach  einem  im  nächsten  Freundeskreise  harmlos  und  heiter  ver- 
lebten Abende  hatte  man  ihn  am  folgenden  Morgen  tot  im  Bette 
gefunden:  ein  Entschlafen,  wie  es  die  Götter  nur  ihren  Lieblingen 
EU  gewähren  pflegen!  — 

Zwar  war  in  Prankfurt  a.  M.,  der  Stadt,  welcher  seine  au 
wissenschaftlichen  Erfolgen  so  reiche  Wirksamkeit  20  Jahre  hin- 
durch angehört  hat,  die  Teilnahme  für  den  v/eithiu  anerkannten 
Forscher,  den  allgemein  geschätzten  und  geliebten  Menschen  so 
umfassend  und  so  lebendig,  daß  sie  sich  in  selten  großartigem 
Maße  bethätigte. 

Siolierlicli  nicht  minder  tief  war  und  ist  aber  die  Trauer  in 
derjenigen  Stadt,  wo  er  nicht  nur  seine  Universitätszoit  verlebt, 
sondern  wo  er  auch  seine  besten  Lebensjahre  zugebracht  hat,  wo 
er  die  Grundlagen  legte  zu  der  fruchtbaren  Entwicklung  der  fol- 
genden Jahrzehnte. 

Und  war  diese  Zeit  des  Eintrittes  und  der  zunehmenden 
Vertiefung  in  dasjenige  Fach,  welches  er  alsdann  zu  seinem 
Lebensberufe  erwählte,  nicht  insofern  doppelt  bedeutsam,  als 
gerade  damals  die  neue  Wissenschaft  der  pathologischen  Anatomie 
eben  erst  Leben  und  Gestalt  gewann? 


108         Jalire.'iiwricilt  der  Schlos.  Gesolls^chaft  für  vatorl.  OulUir. 

So  spiegelt  uns  denn  die  Thatsache,  daß  Weigert  naoli- 
einaiider  als  Asaisteiit  von  Leben,  Waldeyer  und  Cohnheim 
fungirt  hat,  in  den  Namen  dieser  drei  in  sich  so  verschieden- 
artigen Männer  die  weoheelvoUe  Reihe  aller  der  an  Mühen  reichen 
Phasen  wieder,  welche  der  Entwicklungsgang  der  jungen  Disoiplin 
zu  durchlaufen  hatte.  Zugleich  sagt  sie  uns  aber,  daß  jeder 
dieser  drei  Förderer  der  neuen,  die  Pathologie  umgestaltenden 
Richtung  eifrig  darauf  bedacht  war,  sich  die  Unterstützung  eines 
80  begabten  Mitarbeiters  zu  sichern,  eines  Mauues,  dessen  Sach- 
kenntnis und  Tüchtigkeit  nur  übertroffen  wurde  von  seiner  Hin- 
gebung für  die  gemeinsame  große  Aufgabe. 

In  der  That  ward  sein  Verhältnis  zu  dem  letzten  der  drei 
Genannten,  zu  Julius  Cohnheim,  mit  der  Zeit  ein  so  enges,  das 
Band,  das  ihn  mit  diesem  geistvollen  Forscher  verknüpfte,  ein  so 
unzerreißbares,  daß  es  mit  den  Breslauer  Jahren  (1873 — 1878) 
keineswegs  seinen  Abschluß  fand.  Vielmehr  begleitete  er  den 
bald  zum  Freunde  gewordenen  Meister  auch  nach  Leipzig,  um 
an  seiner  Seite  eine  immer  umfassendere  Lehr-  und  Forsoher- 
thätigkeit  zu  entfalten.  Vollends  als  sich  bei  jenem  immer 
ernstere  Zeichen  des  Leidens  kundgaben,  welchem  seine  kräftige 
Constitution  vor  der  Zeit  erliegen  sollte,  übernahm  er  mehr  und 
mehr  die  gesamte  Vertretung  bis  über  Cohnheims  1884  erfolgten 
Tod  hinaus. 

Von  jenem  Jahre  ab  bis  vor  wenigen  Wochen  hat  er  dann 
in  Frankfurt  a.  M.  als  Forscher  gewirkt  an  jener  weithin  bekannten 
Stätte  naturwissenschaftlich -medicinischer  Forschung,  die  der 
Gemeinsinn  eines  einfachen  Bürgers,  des  uns  schon  aus  „Wahrheit 
und  Dichtung"  vertrauten  Arztes  Johann  Senckenberg  ge- 
stiftet hatte  und  deren  Ansehen  die  folgenden  Geschlechter  immer 
mehr  zu  steigern  gewußt  haben. 

Hier  entstand  jene  lange  Reihe  von  Arbeiten,  in  denen  uns 
Weigert,  ein  Meister  der  histologischen  Methodik,  die  Mittel 
an  die  Hand  gegeben  hat,  um  bestimmte  Gewebsbestandtoile, 
deren  Anwesenheit  im  Einzelfalle  oft  genug  ungewiß,  ja  mannig- 
fach bestritten  hatte  bleiben  müssen,  rasch  und  sicher  zu  erkennen. 
Hiermit  fuhr  er  freilich  nur  fort  in  einer  Arbeitsriohtung,  dem 
Studium  der  specifischeu  Tinctionsfähigkeiten, in  welcher 
er  bereits  lange  zuvor,  beinahe  noch  Anfänger,  große  Erfolge 
erzielt  hatte.  War  es  ihm  doch  schon  1871  gelungen,  auf  dem 
Wege  der  Färbung  Baoterien  als  solche  kenntlich  zu  machen, 
wonige  Jahre  danach  sogar,  sie  auch  im  Schnittpräparate  so  dout- 


I.  A.bteilinig.    Modiciiusclie  Sectiuii.  109 

Höh  gegenüber  den  sie  umgobeudeii  Elementen  herauszuheben, 
(lau  sie  sich  unschwer  von  ihnen  unterscheiden  ließen  (1876). 

Welchen  Nutzen  die  neue,  eben  dararils  auftauchende  Wissen- 
schaft der  Bacteriologie  von  diesem  folgenschweren  Fortschritte 
gezogen  hat,  das  lag  bald  klar  vor  aller  Augen.  Das  hat  denn 
anoh  kein  Geringerer  als  Robert  Kooh  selber  ausdrücklich  an- 
erkannt. 

Allein  erst  die  Uebertragung  ähnlicher  Principieu  auf  die 
mannigfachsten  anderen  Gewebsbestandteile  zeigte  auch  dem  Kreise 
der  engeren  Fachgenossen,  wie  wertvolle  Ergebnisse  sich  bei 
consequentem  Verfolgen  der  von  Weigert  eingeschlagenen  Bahn 
erlangen  ließen.  Die  Fruclit  dieser  äußerst  mühevollen  Unter- 
suchungen war  das  Auffinden  einer  einfachen  Methode  zur  Färbung 
des  Aohsenoylinders  (1882)  und  einer  eben  solchen  für  die  Mark- 
scheiden der  Nerven  (1884). 

Die  lange  erstiebte  Ergänzung  beider,  die  er  jedoch,  wegen 
der  Sprödigkeit  des  zu  behandelnden  Substrates,  erst  viel  später 
erreichte,  ist  verkörpert  in  seinem  letzton  großen  Werke,  den 
„Beiträgen  zur  Kenntnis  der  normalen  menschlichen 
Neuroglia"  (1896).  Der  Umstand,  daß  er  diese  Abhandlung 
dem  Frankfurter  ärztlichen  Vereine  zu  dessen  SOjährigem 
Jubiläum  gewidmet  hat,  ist  zugleich  ein  sprechendes  Zeugnis  für 
die  nahen  Beziehungen,  in  welchen  er  zu  der  dortigen  Aerzto- 
sohaft  stand  als  deren  eifrig  gesuchter  Lehrer  und  Berater. 

Indem  er  darin  alle  künftigen  Bearbeiter  eines  so  schwierigen 
Objectes,  wie  der  Neuroglia,  eine  für  diese  charaoteristische 
Färbung  lehrte,  schuf  er  die  Vorbedingung  nicht  blos  für  ein 
gesiclierteres  Verständnis  von  deren  normalem  Baue,  sondern  auch 
von  einer  Fülle  pathologischer  Processe, 

Inzwischen  aber  hatte  er  vormöge  des  Scharfsinnes,  der  un- 
ermüdlichen Ausdauer,  womit  er  es  verstand,  ein  einmal  gestocktes 
Ziel  —  allen  im  Stoffe  gelegeneu  Hindernissen  zum  Trotz  — 
dennoch  z\i  erreichen,  eine  Methode  entdeckt,  um  Fibrin  kenntlich 
zu  machen  (1887),  der  1898  eine  solche  für  den  Nachweis  von 
Elastin  folgte:  Errungenschaften,  die  sehr  mit  Unrecht  da  und 
dort  als  lediglich  technische  bewertet  worden  sind.  Gewährten 
doch  erst  sie  die  Möglichkeit,  eine  Reihe  allgemein-pathologischer 
Fragen  der  Entscheidung  zuzuführen,  au  der  nicht  am  wenigsten 
er  selber  sich  lebhaft  beteiligt  hat.  Zogen  ihn  doch  gerade  solche 
in  besonderem  Maße  an,  fand  er  doch  auch  dabei  vielfach  Ge- 
legenheit, fruchtbare  neue  Wege  einzuschlagen. 

Ich    erinnere    nur    an    seine   erste  größere  Abhandlung,    die 


no         Jiilmisbaviolit  der  Sclilos.  nosollwchaft  für  viitoi-I.  Cultiiv. 

Moiiograplüö  über  die  Pocken  (1874),  weiterhin  an  die  ver- 
schiedenen Arbeiten,  in  denen  er,  ausgehend  von  dem  Stadium 
des  Croup  und  der  Diphtlierie,  die  Lehre  von  der  Coagulatious- 
necrose  begründete.  Er  zeigte  nämlich,  daß  derjenige  Vorgang, 
welcher  die  mannigfachen  Erscheinungsforraen  des  örtlichen  Todes 
einleitet,  auf  einer  Gerinnung  beruhe,  die  sich  unter  dem  Ein- 
flüsse plasmatischor  Saftatröme  innerhalb  des  Zellproptoplasmas 
vollzieht. 

Von  großem,  zugleich  praktisoh-klinisohem  Interesse  war  sodann 
die  1SV9  herausgegebene  Abhandlung  „lieber  die  Bright'solvo 
Nierenkrankhoit  vom  pathologisch-anatomischen  Stand- 
punkte". Denn  sie  räumte  nicht  nur  auf  mit  mancher  Unklar- 
heit, manchem  inneren  Widerspruche  der  bis  dahin  herrschenden 
Anschauungen.  Sondern  es  wohnte  ihr  auch  eine  erhebliche 
Tragweite  inne  für  die  gesamte  Entzündungslehre.  Denn  gestützt 
auf  die  an  der  Niere  erhobenen  Befunde  sah  er  sich  gedrungen, 
als  Ursache  und  Ausgangspunkt  jeder  Entzündung  die  „Zell- 
sohädigung"  liinzustellen  anstatt  der  bis  dahin  in  den  Vorder- 
grund gerückten  „Zellreizung". 

Wie  großen  Wert  er  darauf  legte,  diesem  Gedanken  eine 
immer  weitere  Verbreitung  zu  verschaffen,  das  geht  klar  hervor 
aus  der  Thatsache,  daß  er  für  Beinen  auf  der  Frankfurter  Natur- 
forsoherversammlung  gehaltenen  Vortrag  eben  dieses  Thema  ge- 
wählt hat.  Hier,  in  den  „Neuen  Fragestellungen  in  der 
pathologischen  Anatomie"  war  er  bomülifc,  die  allgemeine 
Giltigkeit  der  erwähnten  Atiffassung  darzuthun  und  ihr  zugleich 
eine  noch  bestimmtere  Fassung  zu  geben. 

Unstreitig  noch  universelleres  Interesse  erweckten  seine 
Untersuchungen  über  die  Verbreitungaw  eise  der 
Tuberculose.  Führten  sie  ihn  doch  dazu,  die  getrennten  oder 
zerstreuten  Erscheinungen,  aus  denen  sich  die  Pathogenese  der 
acuten  Miliartubercidose  zusammensetzt,  mittels  neuer  bedeut- 
samer Zwisohongiieder  z;i  einer  fortlaufenden  Kette  zusammen- 
zuschließen. Es  gesoliah  da,s  in  der  Abhandlung  „Uebor  Venon- 
tuberculoso  und  ihre  Beziehung  zur  tuberculösen  Blut- 
infection". 

Wie  Sie  alle  wissen,  hochgeehrte  Herren,  ist  dieses  bislang 
fohlende  Glied  diejenige  Stelle  des  Gefäßsystems,  wo  der  tuber- 
culose Herd  die  ihm  benachbarte  Wand  einer  Vene,  oft  genitg 
einer  recht  ansehnlichen,  durchbricht,  wo  er  hiermit  freie  Bahn 
schafft  für  die  Fortschwemmung  des  in  ihm  angesammelten 
Virus  in  die  allgemeine  Säftemasse. 


r.  Abtoiluiig.     Medicinisoho  Soctinn.  111 


Insofern  lauser  hochgesoViätztes  Ehreninitgiied  den  ersten 
Gedanken,  welcher  ihn  allmählich  zu  dem  soeben  bezeichneten 
Ziele  leitete,  nicht  nur  hier  in  Breslau  gefaßt,  sondern  auch  die 
erste  kurze  Mitteilung  darüber  in  unserer  CTesellsohaft  gemacht 
liat,  glaube  ich,  meine  flüchtige  Skizze  seines  wissenschaftlichen 
Lebensganges  nicht  besser  beschließen  zu  köimen,  als  indem  ich 
der  bedeutsamen  Bereicherung  gedenke,  welche  unsere  Einsiciht 
in  die  häufigste  und  wichtigste  aller  den  Arzt  beschäftigenden 
Krankheiten  durch  ihm  gewonnen  hat. 

Meine  Herren!  Der  Mehrzahl  von  Ihnen  allen  war  Carl 
Weigert  auch  als  Mensch  wohlbekannt  und  teuer.  Vielen  von 
Ihnen  hat  er  auch  persönlich  nahe  gestanden.  Denn  ein  treuer 
Sohn  seiner  schlesischen  Heimat  empfand  er  stets  ein  inneres, 
weder  durch  Raum  noch  Zeit  jemals  zu  minderndes  Bedürfnis, 
ihr  und  den  in  ihr  wirkenden  Männern  geistig  nahe  zu  Ijleiben. 

Eben  dieser  Gesinnung  hat  er  selber  einen  schönen,  aller 
Herzen  erhebenden  Ausdruck  verliehen  in  jenen  „letzten  Worten", 
die  er  vor  noch  nicht  Jahresfrist  uns  Allen,  hier  in  der  Aula 
Leopoldina,  zugerufen  hat:  „Als  langjährigem  einstigen  Mitgliede 
ist  es  mir  eine  besondere  Freude,  Ihnen  bei  solch  festlichem 
Anlasse  meinen  Willkomm  zuzurufen. 

Denn  wo  immer  Soiilesier  auch  leben  mögen,  stets 
und  überall  fühlen  wir  uns  mit  dem  teueren  Boden 
unserer  Heimat  eng  verbunden"! 

Um  zugleich  diesem  Menschen  Weigert  den  Zoll  unserer 
Verehrung  darzubringen,  wollen  Sie  nun  auch  Herrn  Collegon 
von  Strümpell  eit}ige  Worte  des  Gedenkens  gestatten. 

IL    Rode  des  Herrn  Geheimrat  Prof.  v.  Strümpol]. 
Meine  hochverehrten  Herren  Coliegen! 

Nachdem  Sie  soeben  aus  berufenstam  Munde  einen  Abriß 
der  Lebensgeschichto  Carl  Weigerts  und  eine  Würdigung  seiner 
Verdienste  auf  dem  Gebiete  pathologischer  Forschung  gehört 
haben,  bitte  ich  Sie  nun  auch  mir  zu  gestatten,  einige  Worte 
der  Erinnerung  an  meinen  verstorbenen  Freund  und  Lehrer 
hinzuzufügen. 

Als  J.  Oohnheim  im  Frühjahr  1877  von  Breslau  nach  Leipzig 
übersiedelte,  um  dort  die  Professur  für  allgemeine  Pathologie 
und  pathologische  Anatomie  zu  übernehmen,  brachte  er  von 
Breslau  seinen  ersten  Assistenten,  den  aus  diesem  Anlaß  zum 
außerordentlichen  Professor  ernannten  Carl  Weigert  mit.  Der 
Eintritt   dieser   beiden  Männer   in    den  raedicinisohen  Lehrkörper 


Jaliros}jei'icIit  der  Sdiles.  Gesonscliaft,  für  vatp.rl.  Ciiltur. 


dor  Uuiveinität  bedeutete  für  uns  Jüngere  —  ich  selbst  war 
damals  seit  1^2  Jahren  Assistent  der  medioinisclien  Klinik  — 
den  Aufarg  einer  neuen  Epoche.  Zwar  hatten  wir  auch  schon 
zuvor  ausgezeichnete  Männer  als  Lehrer  gehabt.  Aber  mit  Cohn- 
heim  und  Weigert  trat  mit  einem  Mal  eine  Fülle  neuer,  uns 
bis  dahin  ungewohnter  Anschauungen  und  Ideen  in  unseren 
Gedankenkreis,  ganz  neue  Fragestellungen  wurden  uns  vertraut 
und  wir  empfanden  an  unserem  geringen  Teile  etwas  mit  von 
der  Freude  und  Lust,  auf  neuen  Bahnen  neuen  wissenschaft- 
lichen Zielen  entgegenzustreben.  Von  unseren  bisherigen  Lehrern 
war  Wunderlich  ein  Meister  der  klinischen  Symptomatologie 
nnd  Krankeubeobachtung  gewesen,  Wagner  ein  vortrefflicher 
pathologischer  Anatom,  der  die  vorkommenden  krankhaften  ana- 
tomischen Veränderungen  genau  beschrieb  und  einteilte.  Mit 
Cohnheim  und  Weigert  traten  aber  zum  ersten  Male  die  Fragen 
der  Aetiologie,  das  Forschen  nach  den  Ursachen  der  Krankheits- 
erscheinungen ,  nach  der  Art  ihres  Entstehens  und  ihrer  Auf- 
einanderfolge durchaus  in  den  Vordergrund  des  Interesses.  Wir 
befanden  uns  damals  sozusagen  im  Prodromalstadium  der  Lehre 
von  den  Infeotionskrankheiten.  Noch  waren  die  Tuberkelbacillen 
nicht  entdeckt,  aber  niemand  im  Cohnheim'sohenlnstitut  zweifelte 
im  Geringsten  an  der  infectiijsen  Natur  der  Tuberculoae  und 
gerade  an  dieser  so  häufigen  Krankheit  konnten  die  Aufgaben 
der  pathogenetischen  Forschung  am  besten  gelehrt  und  studirt 
werden.  In  jedem  Falle  tuberculöser  Erkrankung  wurden  die 
Fragen  nach  der  Eingangspforte  des  Virus  und  nach  den  Wegen 
seiner  weiteren  Ausbreitung  im  Körper  genau  erörtert.  —  Fragen, 
an  die  man  bis  dahin  kaum  gedacht  hatte.  Ich  erinnere  mich 
noch  jetzt  ganz  genau,  wie  mir  Weigert  zum  ersten  Male  mit- 
teilte, daß  die  gewöhnliche,  sogen,  primftre  exsudative  Pleuritis 
fast  ausnahmslos  eine  tuberoulüse  Erkrankung  sei  und  wie  wir 
klinischen  Assistenten  nun  alsbald  in  jedem  eiuKelnen  Falle  von 
pleuritisohem  Exsudat  die  Entstehung  der  Infoction  im  Pjinzeluen 
nachzuweisen  suchten.  Wie  oft  haben  wir  damals  discutirt  über 
die  Entstehungsweise  der  tuborcidösen  Meningitis,  der  tuber- 
culöaen  Knochenerkrankungen  und  vor  allem  der  acuten  Miliar- 
tuberculose.  Mit  welcher  Spannung  und  welchem  geduldigen 
Eifer  verfolgten  wir  bei  den  Sectionen  der  an  Miliartuberoulose 
Verstorbenen  das  oft  so  mühsame  Suchen  nach  dem  Orte,  wo 
ein  tuberculöser  Herd  in  die  venöss  Blutbahn  eingebrochen  war 
und  von  hier  aus  den  ganzen  Körper  mit  tuberculösem  Infections- 
material  überschwemmt  hatte.     Wie  groß  war  die  Freude,  wenn 


I.  Abteilung.     Medicinische  Soctiori. 


die  Weigert'sohe  Entdeckung  der  Veneutuberculose  wieder  ein- 
mal eine  neue  Bestätigung  erhielt! 

üeberhaupt  lag  das  Schöne  und  Fruchtbare  jener  Zeit  vor 
allem  in  dem  gemeinsamen  Arbeiten  der  Klinik  und  des  patho- 
logischen Instituts,  wie  es  in  dieser  Weise  gewiß  selten  wieder- 
kehren wird.  Freilich  waren  wir  Kliniker  mehr  die  Empfangenden, 
als  die  Gebenden,  aber  die  Anatomen  brauchten  doch  auch  oft 
genug  unsere  Angaben  zur  völligen  Aufklärung  der  einzelneu 
Fälle.  Der  leitende  Geist  der  gemeinsamen  Arbeit  war  Gohn- 
heim,  aber  wir  Jüngeren  traten  natürlich  zunächst  dem  Assistenten 
Weigert  persönlich  näher,  als  dem  Director  deslnatitutes.  Weig  ert 
machte  die  meisten  wichtigeren  Scctionen  und  mit  ihm  wurden  die 
oin^elnen  Fälle  immer  zuerst  eingehend  besprochen.  Dann  aber 
kamen  zweimal  in  der  Woche  die  pathologisch -anatomischen 
Demonstrationen  von  Cohnheim.  Vor  jeder  Demonstrations- 
stunde war  eine  bestimmte  Zeit  festgesetzt,  in  der  Cohnheim 
sich  das  gesamte  für  die  Demonstration  vorhandene  Material 
ansah  und  die  einzehien  den  Studenten  zu  demonstrirenden  Fälle 
auswählte.  Bei  diesen  Vorbesprechungen  war  Weigert  stets 
dabei,  aber  besonders  liebte  es  Cohnheim,  wenn  auch  die  be- 
treffenden klinischen  Assistenten,  die  Auskunft  über  den  Krank- 
heitsverlauf der  einzelnen  Fälle  geben  konnten,  an  den  Vor- 
besprechungen mit  teilnahmen.  Dies  waren  für  uns  die 
lehrreichsten  Stunden.  In  durchaus  ungezwungener,  aber  stets 
lehrreicher  und  äußerst  anregender  Weisö  wurden  hier  alle 
wichtigen  allgemein -pathologischen  Fragen,  zu  denen  die  einzelnen 
Fälle  Anlaß  gaben,  erörtert  und  an  dem  vorliegenden  Material 
geprüft.  Für  Cohnheim  und  Weigert  war  das  Ergebnis  einer 
Section  niemals  ein  bloßes  gleichzeitiges  Nebeneinander  der  ver- 
schiedensten krankhaften  Veränderungen  in  den  einzelnen  Organen. 
Die  Aufgabe  des  Anatomen  war  erst  erfüllt,  wenn  die  Ursaclie 
aller  Veränderungen,  ihre  zeitliche  Aufeinanderfolge,  die  Art  ihres 
Entstehens  klargelegt  waren.  Dies  mag  heute  selbstverständlich 
erscheinen.  Damals  war  es  aber  nicht  so.  Wenigstens  hatten 
wir  zuvor  uns  noch  niemals  so  ernstlich  bemüht,  z.  B.  in  jedem 
Falle  von  scheinbar  idiopathischer  Herzhypertrophie  die  möglichen 
functionellen  Ursachen  herauszufinden,  die  Entstehung  der  socun- 
dären  Pneumonien  durch  Versolilucken  oder  durch  Blutintoxication 
(bei  der  Nephritis)  zu  erklären,  der  Ausbreitung  der  Entzündungen 
von  einer  serösen  Haut  zur  anderen  nachzuspüren,  die  Ursache 
der  häufigen  Combination  von  Lobercirrhose  mit  tuberculöser 
Peritonitis   zu  ergründen  u.  s.  w.     So  lernten  wir  durch  Cohn- 


114  Jahrosboricht  der  Sohlos.  Qesellsehafl  für  vaterl.  Oiiltur. 


heim  und  Weigert  in  dem  pathologisch- anatomischen  Zustande 
der  Gewebe  immer  nur  das  Ergebnis  des  pathologischen  G-e- 
sohehens  zu  erblicken  und  unsere  Gedanken  bei  allen  Einzel- 
heiten immer  auf  die  allgemeinen  pathologiBoheu  Vorgänge  zu 
richten.  Die  Unterordnung  der  krankhaften  Vorgänge  in  den 
einzelnen  Organen  unter  allgemein  giltigo  pathologische  Gesetze 
war  ein  für  Weigert  besonders  charaotGristisohea  Bestreben. 
Sein  Lieblijigsgedanke,  gewissermaßen  der  Grundpfeiler  seiner 
allgemein- pathologischen  Anschauungen,  war  die  Annahme,  daß 
der  Beginn  aller  exogenen,  d.  h.  auf  äußere  Ursachen  zurück- 
zuführenden krankhaften  Vorgänge  immer  zuerst  in  einer  Sohädi- 
gung  des  Gewebes,  und  zwar  des  eigentlichen  specifischen 
Organgewebes  bestehe.  Also  nicht  die  Reizung,  sondern  die 
Schädigung  und  der  sohließliohe  Untergang  der  Leberzellati, 
der  Nierenzcllen,  des  Nervengewebes  u.  s.  w.  sei  dar  primäre 
krankhafte  Vorgang,  an  den  sich  erst  seoundär  infolge  des  ge- 
störten Gleichgewichts  zwischen  dem  Organgewelio  und  dorn 
Stützgewebe  die  Wucherung  dos  letzteren,  also  die  Zunahme  dos 
Bindegewebes  bei  der  Leber-  und  Nierenschrurapfung,  die  Zu- 
nahme der  Glia  bei  den  nervösen  Degenerationen  anschließe. 
Weigert  nannte  diese  seine  Lieblingstheorio  im  Scherz  gewöhnlich 
die  Sohiwa-Theorie,  nach  dem  indischen  Gotto  der  Zerstörung. 
Wie  oft  genügte  das  eine  mit  einem  bedeutsamen  Blick  aus- 
gesprochene Wort  „Sohiwa",  um  uns  gegenseitig  über  eine  ganze 
pathologische  Streitfrage  zu  verständigen.  Am  eiiigehendsten 
durchgeführt  hat  Weigert  die  „SchiwaThoorio"  bei  seiner  Dar- 
stellung der  acuten  und  olironischen  Nepliritis.  Ich  erinnere  mich 
eines  Semesters  aus  der  damaligen  Zeit,  wo  wir  überhaupt  fast 
ganz  in  Nierenpathologie  aufgingen.  Wagner  schrieb  an  der 
Bearbeitung  des  Morbus  Brightii  für  die  neue  Auflage  dos 
Ziemssen'sohen  Handbuchs,  Weigert  arbeitete  an  seinem  klassi- 
schen Aufsatze  über  die  verschiedenen  Formen  der  chronischen 
Nephritis  in  den  Volkmann'schen  klinischen  Vorträgen,  Cohn- 
heim  interessirto  sich  vor  allem  für  die  allgemein- pathologisch 
so  überaus  wichtige  Frage  nach  den  ürsaolien  der  Herzhyper- 
trophie bei  den  Nierenerkrankungen  und  wir  Assistenten  unter- 
suchten den  ganzen  Tag  die  Nierenkranken  und  ihre  Harn- 
sed'iniente.  Wie  sehr  hat  aber  auch  die  Nierenpathologie  an 
Klarheit  und  Einheitlichkeit  durch  die  Untersuchungen  Weigerts 
gewonnen ! 

Die  pathologische  Histologie  und  der  Unterricht  in  der  mikro- 
skopischen Technik  ruhten  ausschließlich  in  der  Hand  We ige  rts. 


I.  Abteilung.    Medicitiische  Soction. 


Cohnheim  hatte  seine  Arbeit  fest  ausschließlich  in  das  Ex- 
perimentiraimmer  verlegt,  die  histologischen  Untersuchungen  be- 
sorgten unter  der  Anleitung  Weigerts  die  Assistenten.  Wer 
damals  die  neuesten  und  besten  histologischen  Untersuohungs- 
methoden  für  die  kranken  Gewebe  kennen  und  anwenden  lernen 
wollte,  mußte  zu  Weigert  in's  Leipziger  pathologische  Institut 
kommen.  Hier  konnte  man  am  besten  „Sohneiden"  und  „Färben" 
lernen!  Die  Anwendung  der  kernfärbenden  Anilinfarbstoffe  und 
zahlreiche  besondere  histologische  Färbungsmethoden  (Färbung 
der  elastischen  Fasern,  der  Markscheiden,  der  Neuroglia)  ver- 
danken wir  Weigert.  Man  hat  ihm  zuweilen  den  Vorwurf  ge- 
macht, er  sei  zu  sehr  „Färber"  gewesen  und  habe  zu  viel  Zeit 
und  Mühe  auf  die  Ausarbeitung  der  technischen  Methoden  ver- 
wandt. Kein  Vorwurf  kann  ungerechter  sein.  Denn  nie  war 
die  technisoho  Methode  ihm  Selbstzweck,  sondern  immer  nur  das 
unentbehrliche  Mittel  zur  Lösung  bestimmter  wissenschaftlicher 
Aufgaben.  Weigert  hat  der  histologischen  Färbeteohnik  eigent- 
lich erst  ihre  wissenschaftliche  Grundlage  gegeben,  indem  er  die 
Notwendigkeit  der  electiven  Färbemethoden  hervorliob.  Li 
seiner  Hand  wurde  die  Gowebefärbung  ein  analytisches  Hilfsmittel, 
der  Farbstoff  zum  chemischen  Reagens  auf  ganz  bestimmte  Ge- 
webearten und  Gewohebestand teile.  Mit  unendlicher  Geduld  und 
Ausdauer  arbeitete  er  an  der  Vervollkommnung  seiner  Methoden. 
Wenn  die  Sache  nicht  gehen  wollte,  dachte  er  fast  beständig  an 
neue  Versuche  und  Abänderungen  und  war  dann  für  nichts  anderes 
zu  haben.  Nicht  seiton,  wenn  ich  früh  in's  Listitut  kam,  geschah 
08,  daß  er,  fast  ohne  zu  grüßen,  mich  gleich  mit  einem  lebhaften 
Ausruf:  „Jetzt  weiß  ich's,  man  muß  das  Kupfersulfat  erwärmt 
einwirken  lassen"  oder  dergleichen  empfing.  Wie  viel  Fortschritte 
verdankt  die  Pathologie  diesen  Methoden,  deren  Anwendung  er 
stets  sofort  willig  und  ohne  jede  kleinliche  Eifersucht  auch  seinen 
Schülern  überließ,  die  dann  ohne  viel  Mühe  manoli  neuen  Fund 
machten,  den  sie  eigentlich  nur  Weigert  und  seiner  Methode 
vordankten. 

Wie  sehr  Weigert  auch  ständig  in  dem  Gedankenkreise 
seiner  Arbeit  und  seiner  Untersuchungen  lebte,  so  war  er  doch 
nichts  weniger,  als  ein  einseitiger  Fachgelehrter.  Schon  sein 
stetes  Bestreben  nach  dem  Auffinden  allgemein  giltiger  Gesetze 
für  das  pathologische  Geschehen  führte  ihn  zu  dem  Studium  der 
übrigen  biologischen  Wissenschaften  und  so  hat  er  namentlich 
die  Fortschritte  der  Entwicklungsgeschichte,  der  allgemeinen 
Zoologie    und  Botanik    stets   eifrig  verfolgt.     Seine  histologisch- 


116        Jahi-Rsbericlit  der  Schles.  Qesenscliail  für  vateri.  rultiir. 

technischen  Bestrebungen  brachten  ihn  mit  der  Chemie  in  nähere 
Beziehung  und  ich  erinnere  mich  ihn  wiederholt  getroffen  zu 
haben  über  dem  eifrigen  Stadium  eines  rein  chemischen  oder 
technisch  -  chemischen  Werkes  über  die  Teerfarbstoffe  und  ähn- 
lichem. Aber  auch  die  "Welt  des  Schönen  war  ihm  nicht  ver- 
schlossen. Für  Musik  hatte  er  freilich  kein  sehr  empfängliches 
Ohr,  sein  Goethe  war  ihm  a,ber  oft  ein  Herzensgefährte  und 
auch  in  der  neueren  Litteratur  war  er  gut  zu  Hause.  Die  vielen 
fremdländischen  Schüler,  die  der  Ruf  des  pathologisclien  Instituts 
nach  Leipzig  lockte,  gaben  Anregung  zu  roancherloi  Sprachstudien 
und  Weigert  machte  es  besonderen  Spaß,  wenn  er  den  Russen 
mit  einigen  russischen  Redensarten  empfangen  konnte.  Besonders 
nahe  standen  ihm  einige  scandinavische  Freunde  und  Schüler 
und  so  kam  es,  daß  sich  Weigert  allmählich  eine  recht  weit- 
gehende Kenntnis  der  nordischen  Sprachen  aneignete.  Die  Meister- 
werke Ibsens  und  Björnsons  las  er  in  norwegischer  Sprache.  — 
Aber  auch  an  einfacherer  geistiger  Beschäftigung  fand  er  Gefallen 
zur  Erholung  und  Abwechselung.  Wer  ihn  am  Sonntag  Morgen 
besuchte,  fand  ihn  wohl  oft  mit  dem  Lösen  von  Räthseln,  Rössel- 
sprüngen und  besonders  gern  der  mathematischen  Aufgaben  der 
Sonntagsnumraer  vom  „Leipziger  Tageblatt"  beschäftigt.  Wei  gert 
war  durch  und  durch  eine  offene,  liebenswürdige,  fröhliche,  mit- 
teilsame Natur,  die  auch  an  geselliger  Kurzweil,  an  Scherz  und 
Spiel  gern  teilnahm.  Er  hatte  etwas  kindlich  Heiteres  in 
seinem  Wesen  und  auch  manche  schwere  persönliche  Sorge  konnte 
diesen  Grundzug  seines  Wesens  —  wenigstens  in  der  damaligen 
glücklichen  Leipziger  Zeit  —  nicht  trüben.  Wenn  Weigert, 
was  oft  geschah,  Abends  nach  dem  Abendessen  zu  uns  Assistenten 
in  dieKlinik  herüberkam,  war  er  stets  der  Mittelpunkt  des  allgemeinen 
heiteren  Gesprächs,  erzählte  seine  —  freilich  oft  schon  bekannten, 
aber  doch  immerwiedergern gehörten, woil vorzüglich  vorgetragenen 
Geschichten,  oder  ließ  sich  sogar  bewegen,  ßauohredekünste  und 
Gedankenlesen  zum  besten  zu  geben.  Aber  diese  Nebendinge 
taaten  doch  ganz  zurück  gegenüber  dem  wissenschaftlich  fördern- 
den Einfluß,  den  er  auf  uns  ausübte.  Mit  welcher  Begeisterung 
wurden  all  die  Entdeckungen  der  neuen  Koch 'sehen  bacterio- 
logischen  Aera  aufgenommen  und  in  ihrer  Bedeutung  besprochen. 
Ich  erinnere  mich  genau,  wie  Weigert  einmal  noch  spät  Abends 
zu  uns  in  die  Klinik  kam,  und  uns  voller  Erregung  die  Ent- 
deckung des  Tuberkelbacillus  mitteilte.  Niemand  war  so  em- 
pfänglich für  den  Eindruck  fremder  Größe,  wie  er,  niemand  so 
neidlos  und  freudig  in  der  Anerkennung  fremder  Leistungen. 


I.  Ahteiliing.     Mudioinisolie  Sect.ion.  117 


Im  Sommer  1884  starb  Cohnhoim.  Die  Frage  seiner  Nach- 
folgerschaft besohät'tigto  auf's  Lebliafteste  alle  jungen  medicini- 
sohen  Gemüter  und  natürlich  richteten  sich  die  Gedanken  in 
erster  Linie  auf  Weigert,  dessen  wisseuBohaftliche  Leistungen 
ilin  unzweifelhaft  als  würdigen  Nachfolger  erscheinen  ließen. 
Aber  Weigert  mußte  die  große  Enttäuschung  erfahren,  daß  die 
Facultät  ihn  nicht  für  den  erledigten  Lehrstuhl  vorschlug,  der 
anderweitig  besetzt  wurde.  Dieser  Vorfall  wurde  damals  natürlich 
viel  besprochen  und  ist  auch  jetzt,  nach  dem  Tode  Weigerts, 
in  den  Nekrologen  wiederholt  erörtert  worden.  Man  hat  oft  aus- 
gesprochen, daß  die  jüdische  Confession  Weigert«  die  alleinige 
Ursache  seiner  Uebergehung  gewesen  sei.  So  weit  ich  mir  ein 
Urteil  über  die  damaligen  Vorgänge  erlauben  darf,  ist  dies  nicht 
der  Fall.  Wie  das  sächsische  Ministerium  über  die  Sache  dachte, 
weiß  ich  nicht.  Der  Leipziger  Facultät  lag  aber,  wie  ich  aus  wieder- 
holten Gesprächen  mit  mehreren  mir  persönlich  näher  stehenden 
damaligen  Mitgliedern  derselben  entnehmen  konnte,  eine  rein 
confessionelle  Engherzigkeit  völlig  fern.  Die  Bedenken  gegen 
eine  etwaige  Ernennung  Weigerts  zum  Nachfolger  Cohu heims 
bezogen  sich  vielmehr  teils  auf  gewisse  persönliche  Eigentümlich- 
keiten Weigerts,  teils  auf  die  Eigenartigkeit  seiner  Lehr- 
begabung. Ich  selbst  habe  vorliin  voller  Dankbarkeit  der  reich- 
lichen Anregung  und  wissenschaftlichen  Förderung  gedacht,  die 
wir  Jüngeren  fast  alle  Weigert  schuldeten.  Mit  Stolz  nenne 
ich  ihn  noch  jetzt  meinen  Lehrer.  Trotzdem  mul3  ich  aber 
wenigstens  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zugeben,  daß  Weigert 
kein  guter  Lehrer  für  Anfänger  war.  Gerade  die  Selbständig- 
keit und  Lebhaftigkeit  seiner  pathologischen  Anschauungen  machten 
ihn  für  den  elementaren  Unterricht  weniger  geeignet,  als  für  die 
Unterweisung  der  bereits  fortgeschritteneren  älteren  Schüler.  Er 
selbst  hat  mir  gegenüber  oft  darüber  geklagt,  wie  schwer  ihm 
die  leicht  verständliche,  übersichtlich  angeordnete  Darstellung 
irgend  einer  wissenschaftlichen  Frage  wurde.  Wer  Weigerts 
Arbeiten  gelesen  hat,  weiß,  daß  sie  sich,  wie  man  gewöhnlich 
sagt,  nicht  leicht  lesen.  Kurz,  ich  benutze  hier  gern  die 
Gelegenheit,  um  manche  Aeußerungen  über  die  damaligen  Vor- 
gänge in  der  Leipziger  medicinisohen  Facultät,  so  weit  meine 
eigene  Kenntnis  reicht,  richtig  zu  stellen.  Damit  ist  aber  nicht 
ausgeschlossen,  daß  ich  das  bittere  Gefühl  des  Unrechts,  das 
Weigert  damals  empfinden  mußte,  vollständig  mitempfunden 
habe.  Dieses  Gefühl  hat  Weigert  auch  später  nie  wieder  ganz 
überwunden.     Blieb  ihn  doch  nun  die  Erreichung  des  höchsten 


118         Jalu-osbericht  der  Sclilos.  Gesellsclial'l   für  vaterJ.  Cultur. 


Zieles  jedes  akademischon  Doconten,  die  Erlangung  eines  Ordinariats 
an  einer  Hochschule,  bis  an  sein  Lebouaeude  versagt. 

Ein  Glück  für  ilm  war  es,  daß  er  noch  vor  dem  EintrefTon 
des  neuen  Leipziger  Pathologen  nach  Frankfurt  a.  M.  übersiedeln 
konnte,  wo  ihm  am  öouckcii  borg'sclion  Institut  eine  ötellung 
geschaffen  wurde,  die  zwar  vielleicht  zunächst  nicht  ganz  seinen 
persönlichen  Wünschen,  sicher  aber  in  hohem  Grade  seiner 
persönlichen  Sondorart  entsprach,  üeber  die  Frankfurter  Zeit 
Weigorts  will  ich  hier  nicht  weiter  sprechen.  Jedermann,  der 
die  Frankfutter  Vorhältnisse  nur  einigermaßen  kennt,  weiß,  welche 
allgemeine  Verelirung  und  —  wie  man  wohl  sagen  kann  —  welche 
allgemeine  Liebe  sich  Weigert  in  Frankfurt  erworben  hat, 
nicht  nur  bei  den  Aerzteu,  sondern  auch  in  den  besten  Kreisen 
der  Frankfurter  Bürgerschaft.  Zahlreiche  Schüler  sammelten  sicli 
auch  hier  um  den  Meister  der  pathologiach-histologischon  Technik 
und  in  seineu  alljährlichen  Demonstrationsoursen  für  praktische 
Aerzte  konnte  Weigert  in  Frankfurt  auch  eine  ihm  durchaus 
zusagende  Lehrthätigkeit  fortsetzen.  Von  größeren  wissenschaft- 
lichen Arbeiten  gehört  die  Monographie  über  die  Neuroglia  ganz 
der  Frankfurter  Zeit  an.  Ein  umfassendes  großes  Werk  über 
allgemeine  Pathologie,  in  dem  Weigert  die  Summe  sehior  Er- 
fahrungen und  seines  Nachdenkens  niederlegen  wollte,  ist  leider 
inivollendet  geblieben.  Er  hat  mit  mir  oft  über  den  Plan  dieses 
Buches  gesprochen;  ich  ermunterte  ihn  immer  nicht  zv.  weit  aus- 
zuholen, sondern  sich  mit  dem  Erreichbaren  zu  begnügen.  Weiger  t 
wollte  aber  seine  Studien  nocli  immer  mehr  vertiefen  und  erweitern 
und  so  hat  ihn  schließlich  der  Tod  überrascht,  ehe  auch  nur  ein 
größerer  Teil  des  Werkes  abgeschlossen  vollendet  war. 

Nur  zu  früh  hat  ein  unerbittliches  Scliicksal  ihn  uns  und  der 
Wissenschaft  geraubt.  Sein  Andenken  wird  aber  in  den  Herzen 
seiner  Freunde  fortleben,  sein  Name  in  der  Goschichto  der 
Pathologie  stets  mit  Ehren  genanut  werden! 


Herr  Partsch:  Vorstellung  eines  Falle«  von  osteoplasti- 
scher GauKienrosüction  nach  Partseh. 

Dem  liebenswürdigen  Entgegonkominon  dos  Vortragenden 
des  heutigen  Abends,  Herrn  Professor  Tietze,  verdanke  ich  die 
Möglichkeit,  Ihnen  einen  Fall  vorzustellen,  der  einen  Beitrag  zur 
operativen  Behandhing  der  Naaenrachentumoren  darstellt.  Die 
Chirurgie  hat  zur  Entfernung  dieser  vom  Schädelgrunde  herab- 
kummeuden,  in  Nasen-  und  ßachenhöhle  sich  verbreitenden  Go- 


J.  AbtüiUuig.     Mudiciuische  Hectioii. 


sohwülste  im  WBBüiitliclion  Kwei  Wege  eJDgL-Bclilagen,  den  faoialon 
durch  die  Gosichtsweichtoile  und  die  Vorderfläohe  des  Oberkiefers 
und  (Ion  oralen,  vom  harten  und  weichen  Gaumen  her.  Der 
erstei'e,  hauptsäühHuh  repräsentirt  durch  die  Langenbeck'sche 
oaleoiilastisoheOberkieferreBoclion,  ist  verknüpft  mit  umfangreichen 
Weichteilschuitteu  durch  das  Gesicht  hindurch,  die,  mag  mau 
sie  noch  so  schonend  anlegen,  immer  einen  gewissen  Grad  kos- 
metisober  Entstellung  bedingen.  Zudem  ist  der  durch  die  ße- 
ßoction  gewonnene  Zugang  uiolit  sehr  breit  und  gestattet  nur 
spärlich  die  Uobersioht  über  die  oft  recht  ausgedehnte  Basis,  mit 
vvülchor  diese  Geschwülste  aufzusitzen  ])flegen,  Und  docli  ist 
gerade  Inji  der  erhelilichen  Blutungsgefahr  eine  sehr  genaue  Ueber- 
sicht  geboten,  um  nach  Möglichkeit  Schritt  für  Scliritt  den  Tumor 
abtragen  und  die  Blutung  möglichst  beherrschen  zu  können. 

Die  Methode,  vom  Gaumen  her  das  Operationsfeld  ku  erreichen, 
ist  unter  dem  Vorgänge  von  Dieffenbaoh  und  Maisonuouve 
hauptsächlich  von  Güssen  bau  er  ausgebildet  worden,  und  gipfelt 
darin,  nach  Spaltung  des  weichen  und  Freilegung  des  harten 
Gaumens  soviel  von  letzterem  wegzumeiüeln,  daß  die  Geschwulst 
zugängig  wird.  Auch  dieser  Weg  läßt  das  Operationsfeld  nicht 
recht  übersichtlich  erscheinen,  weil  das  entgegenströmende  Blut 
durch  die  angelegte  Oeffnung  abfließen  muß,  und  die  Entfernung 
von  der  Mundhöhle  aus  bis  zum  Schädelgrunde  eine  recht  er- 
iiobliohe  bleibt.  Es  ist  daher  diese  Methode  von  Kocher  später 
dadurch  verändert  worden,  dal]  der  Oberkiefer  in  der  Mitte  ge- 
spalten und  durch  seitliche  Einschnitte  so  mobil  gemacht  wurde, 
daß  er  sich  mit  Haken  zu  beiden  Seiten  auseinanderziehen  ließ, 
and  den  von  der  Schädelbasis  herunterkommenden  Geschwülsten 
unter  Leitung  des  Auges  beizukommon  gestattet.  Letztoren  beiden 
Methoden  ist  außerdem  gemeinsam,  daß  bei  G  usaenbauer  voll- 
kommen, bei  Kocher  fast  ganz  eine  Entstellung  des  Gesichtes 
wegfällt.  Aber  beide  Methoden  haben  den  Nachteil,  daß  eine 
primäre  Vereinigung  des  medianen  Schnittes  durch  den  Gaumen 
eintreten  muß,  und  daß  demgemäß  leicht  Fisteln  zurückbleiben, 
welche  enio  dauernde  Gommunication  zwischen  Mund-  und  Nasen- 
höhle bedingen  und  neue  Eingriffe  erfordern. 

Um  diesen  Nachteilen  zu  begegnen,  habe  ich  im  Jahre  189G, 
geleitet  von  der  klinischen  Beobachtung  eines  Falles  von  voll- 
ständigem Abbruch  beider  Alveolarfortsätze  und  der  Gaumen- 
platte vom  Gesichtsskelett,  eine  neue  Blethode  angegeben,  welche 
auf  dem  Herunterklappen  des  ganzen  Gaumendaches  beruht.  Ich 
sah  bei   einem  Patienten,   der  in  den  Schacht  eines  Fahrstuhles 


120         Jahrcisbericht  der  ScUes.  GesolJscljal'fc  für  vatcrl.  Ciiltur. 

herabgefallen  war,  ohne  äußere  Verletzung  beide  Obcrkiefor- 
zahiifortsätzc  mit  tleoi  Gaumen  so  abgebrochen,  daß  sie  sich  voU- 
ßtändig  horizontal  gegenüber  dem  Gesicht  verschieben  ließen. 
Der  Bruch  kam  ohne  besondere  Hilfsmittel  in  drei  Wochen  zur 
Heilung  ohne  jede  Störung  des  Bisses,  Der  Fall  brachte  mich 
auf  den  Gedanken,  auf  operativem  Wege  diese  Trennung  aus- 
zuftihren  und  dadurch  Zugang  zu  den  Kieferhöhlen  und  zurNasen- 
liöhle,  sowie  zum  Nasenrachenraum  zu  gewinnen.  Ein  damals 
von  mir  nach  dieser  Methode  operirter  Fall  eines  wiederholt 
recidivirendeu  Nasenrachenfibroida  lehrte  die  leichte  Auaführbar- 
keit  dieser  Methode,  den  bequemen  Zugang  zu  dem  Tumor  und 
die  glatte  Heilung  ohne  jede  kosmetische  Entstellung.  Spaltet 
man  die  Schleimhaut  des  Mundvorhofes  von  einem  Mahlzahn  zum 
anderen  mit  einem  horizontalen  Schnitte  auf  der  Vorderfläche 
beider  Kiefer,  so  lassen  sich  die  Gesichtsweiohteile  ohne  Schwierig- 
keit soweit  aufwärts  schieben,  daß  die  Flächen  der  Oberkiefer 
und  die  Apertura  pyriformis  freiliegt.  Dann  laut  sich  mit  einem 
breiten,  nicht  zu  dicken  Meißel  mit  einem  Schlage  das  ganze 
Gaumendach  samt  den  Alveolarfortsätzen  so  ablösen,  daÜ  liei 
Durohtreauung  das  Septum  narium  bei  geöffnetem  Mundo  so  ab- 
wärtsgeschlagen werden  kann,  daß  nun  ein  breiter  Zugang  zur 
Nasenhöhle,  zu  beiden  Kieferhöhlen  und  dem  Nasenrachenraum, 
gegeben  ist.  Die  Blutung  ist  dabei  gering,  da  das  ganze  am 
Gaumendach  sich  ausspinnende  Gefäßnetz  der  Art.  palatinao, 
sowie  auch  deren  Stämme  unverletzt  bleiben  und  die  beiden 
unteren  Enden  der  Laminae  pterygoideae  gleichsam  die  Scharniere 
darstellen,  in  welchen  sich  das  Gaumendach  nach  unten  dreht. 
Die  bei  der  Entfernung  dieser  Tumoren  immer  erhebliche  Blutung 
wird  auf  dem  aaoh  unten  gelagerten  Boden  der  Nasenhöhle  nach 
außen  geleitet  und  fließt  nicht  in  den  Mund  hinein,  so  daß  man 
wegen  Verschlucken  des  Blutes  oder  Aspiration  keine  besondere 
Sorge  zu  haben  braucht.  Das  Operationsfeld  liegt  nahe  und  frei 
zugängig  vor  den  Augen  des  Operateurs,  und  man  ist  in  der 
Lage  ganz  genau  zu  übersehen,  wie  man  dem  breit  aufsitzenden 
Tumor  am  besten  beizukommen  vermag.  Die  Blutung  aus  dorn 
derben  harten  Gewebe  ist  natürlich  stark,  kann  aber  durch 
Tampouade  bei  schrittweisem  Abtragen  des  Tumors  in  mäßigen 
Grenzen  gehalten  werden.  Der  nach  Abtragung  des  Tumor  ein- 
gelegte Tampon  wird  zur  Nase  herausgeleitet,  das  Gaumeudach 
wieder  nach  oben  geschlagen  und  nun  mit  Seiden-  oder  Draht- 
ligaturen  die  Eänder  des  Sohleimhautschnittos  vernäht.  Die 
Heilung    ist    in    den   von   mir   operirteii   Fällen   ohne  jede    Com- 


-I.   Abiciliing.     MeiiiciiiiscliH  Sortion. 


pliuaüonon  und  so  riisch  eingotreten,  dal.i  die  Patioiiten  schon 
von  der  zweiten  Woche  ab  in  der  Lage  waren  feste  Öpoisen  zu 
genießen. 

Den  letzten  von  mir  oporirten  Patienten  beoliro  ich  mich 
Ihnen  vorzustellen,  um  Ihnen  zu  zeigen,  wie  wenig  man  nacli 
einer  so  eingreifenden  Operation  bei  dem  Patienten  sehen  kaini. 
Der  18jährige  Arbeiter  Jakob  A,  bomerkto  im  Mai  vorigen 
Jahres  zum  ersten  Male  Erscheinungen,  die  auf  eine  Erkrankung 
des  Nasenrachenraumes  hindeuteten.  Er  bekam  schwer  Luft  durch 
die  Nase  und  litt  an  dauerndem  Schnupfen.  Er  begab  sich  in 
die  Behandlung  eines  Speoialisten ,  der  aus  der  Nase  mit  der 
Glühsohlinge  Gewebsteile  entfernte.  Die  darauf  folgende  Er- 
leichterung hielt  aber  nur  bis  zu  Weihnachten  an,  von  wo  wieder 
eine  Verschlimmerung  in  der  Hinsicht  eintrat,  daß  der  Eintritt 
der  Luft  durch  die  Nase  behindert  war  und  starke  Absonderung 
aus  der  Nase  auftrat.  Im  April  wurden  ihm,  in  einem  Krauken- 
hause der  Provinz  mit  der  Zange  Gewebsstücke  aus  der  N.a60 
entfernt,  ohne  daß  es  gelang  endgiltige  Heilung  herbeizufüliren. 
Von  dort  wurde  der  Pat.  dem  Kloster  der  barmherzigen  Brüder 
überwiesen.  Der  für  sein  Alter  kleine,  schwächlich  gebaute  Pat. 
atmet  nur  durch  den  Mund,  den  er  dauernd  offen  hält.  Bei  ge- 
schlossenem Munde  kann  Pat.  gar  keine  Luft  durch  die  Nase 
ziehen,  nur  ein  wenig  ausatmen.  Die  Gegend  des  Nasenrückens 
erscheint  verbreitert,  die  Nasenöffnungeu  zeigen  flüssiges  Beeret. 
Der  rechte  untere  Nasengang  ist  durch  Seitwärtsdrängung  der 
Nasenscheidewand  erheblich  verengt.  In  dem  linken  füllt  eine 
teilweise  etwas  bewegliche  Gewebsmasse  die  Nasenhöhle  so  aus, 
daß  man  von  der  unteren  und  mittleren  Muschel  nichts  zu  sehen 
vormag.  Die  Gewebsmasse  ist  von  Schleimhaut  überzogen,  nicht 
besonders  geschwürig  verändert.  Die  Mandeln  erscheinen  etwas 
vergrößert,  der  weiche  Gaumen  leicht  nach  abwärts  gedrängt, 
aber  gut  beweglich.  Der  in  den  Nasenrachenraum  geführte  Finger 
fühlt  die  linke  Partie  der  Choaue  mit  derben  zapfenförmigen 
Bildungen  ausgefüllt,  welche  sich  an  der  linken  Seite  dos  Nasen- 
rachenraums breit  herabziehen,  die  linke  Choane  ganz  verlegen 
und  nach  rechts  soweit  herüberreichen,  daß  der  Nasenrachenraum 
fast  bis  auf  Bleistiftdicke  verengt  ist.  Der  Tumor  fühlt  sich  sehr 
derb  an  und  ist  großhöckerig.  Von  Seiten  des  Gehörs  scheint 
keine  Störung  zu  bestehen.  Das  Gebiß  des  Pat.  ist  durch  un- 
regelmäßige Zahnstellung  nicht  ganz  normal,  die  Erontzähne  des 
Oberkiefers  stehen  vor  den  Zähnen  des  Unterkiefers  und  die 
Gobißlinie  zeigt  durch  die  veränderte  Stellung  der  Bicuspidateu 


122  Jahresbfiricbt  clor  Schlcs.  GesollscLafl,  lilr  vatoi'l.  OuUur. 


eine  stark  S-förmige  Sclnvingung.  Die  Drüson  der  Submaxillar- 
gegend  und  des  rechten  seitlichen  Halsdreieoks  sind  mäßig  ge- 
schwollen, aber  nicht  druckempfiiidlich.  Die  inneren  Organe 
weisen  keine  Voränderungen  auf. 

Am  1.  IX.  wird  in  Morplüum-Chlorofurmnarcose  in  aufrechter 
Stellung  ein  horizontaler  Schnitt  hooli  oben  im  Vestibuhim  oris 
von  einem  2.  Molaren  bis  zum  anderen  geführt,  bis  die  Spina 
nasalis  erscheint.  Mit  dem  breiten  Elovatorium  worden  die 
GesichtBweichteile  rings  am  Oberkiefer  herum  so  weit  hoch- 
geschobeu,  daß  oberhalb  des  Nasenbodons  mit  einem  breiten 
horizontal  gestellten  Meißel  mit  einem  Schlage  beide  Oberkiefer 
und  das  Septum  narium  durolitrennt  werden  können  und  das 
ganze  Gaumendaoh  nach  unten  geklappt  werden  kann.  Nach 
Stillung  der  ersten  Blutung  durch  Tamponade  erscheint  die  Ge- 
schwulst in  der  linken  Nasenhöhle.  Sie  füllt  dieselbe  ganz  aus, 
hat  die  Nasenscheidewand  weit  nach  rechts  ausgobuchtet,  hat 
Fortsätze  in  den  rechten  Nasenrachenraum  und  die  linke  Nasen- 
höhle geschickt  und  sitzt  mit  breiter  Basis  in  der  ganzen  Aus- 
dehnung der  ÜTikeu  Lamina  pterygoidea  des  Wespenbeines  auf, 
um  am  oberen  Ende  in  den  Sohädelgrund  überzugehen.  Ihre 
derbe  Structur  erschwert  das  Ablösen  von  der  Unterlage  un- 
gemein. Nur  langsam  dringt  die  Scheere,  teilweise  das  Elova- 
torium vor,  wobei  eine  ziemlich  erhebliche  Blutung  erfolgt.  Es 
gelingt,  die  Geschwulst  in  drei  Stücken  mit  der  Scheere  von 
ihrer  Unterlage  abzutragen  und  den  ßest  mit  dem  scharfen  Löffel 
fortzunolimen.  Nachdem  überall  die  glatte  Knochenfläche  er- 
schienen, wird  die  Wuudhöhle  mit  Jodoformgaze  tamponirt  und 
der  Tampon  zum  linken  Nasenloch  herausgeleitet.  Dann  wird 
der  Gaumen  in  seine  Lage  zurückgebracht  und  die  Schleimhaut 
mit  Metallnähten  ringsherum  vernäht  und  damit  der  Kiefer  in 
die  richtige  Lage  eingestellt.  Er  hat  vorläufig  noch  die  Neigung, 
etwas  herabzusinken.  Da  der  Puls  beim  Patienten,  der  inzwischen 
zum  Bewußtsein  gekommen  ist,  sich  verschlechterte,  wurde  eine 
subcutane  Infusion  von  400  com  Kochsalzlösung  gemacht.  Der 
Patient  klagt  über  lebhaften  Durst  und  trinkt  drei  Glas  Wasser. 
Dauer  der  ganzen  Operation  35  Blinuten, 

Verlauf:  Da  am  Abend  der  Puls  immer  noch  kloin  und  die, 
Zalil  der  Schläge  auf  130  gestiegen  ist,  wird  eine  nochmalige 
Infusion  von  600  com  gemacht,  worauf  der  Patient  sich  sichtlich 
erholt  und  Abends  schon  flüssige  Nahrung  zu  sich  nehmen  kann. 
Die  Temperatur  bleibt  noch  subuormal,  steigt  aber  schon  am 
zweiten  Abend  auf  37°,  um  sich  dann  in  normaler  Höhe  zu  be- 


1.  Al)l,oiluiig.     ModiciiÜBuliü  Sectioi 


Wügon.  Der  Puls  bleibt  auch  in  den  iiächBteu  Tagen  imiuur 
noch  beschleunigt. 

Am  6.  IX.  wiril  der  stark  durch fouohtete  Nasentampou  ge- 
lüftet, läßt  sich  leicht  herausziehen,  muß  aber,  da  noch  dünnes 
Blut  nachfiießt,  wieder  erneuert  werden.  Der  Oberkiefer  steht 
gut  und  wird  durch  den  Unterkiefer  richtig  in  der  Mitte  ge- 
halten. Er  erscheint  Tiooh  abnorm  beweglich,  aber,  trotzdem 
einige  Ligaturen  durchschnitten,  doch  so  fixirt,  daß  er  für  das 
Schlucken  flüssiger  Nahrung  vollen  Widerstand  liositzt.  Die 
Wunde  im  Vestibulum  oris  ist  bereits  verklebt.  Vom  17.  IX. 
ab  erhcält  Patient  feste  Speisen.  Der  Tampon  der  Nase  wird 
gekürzt  und  am  20.  IX.  vollständig  entfernt.  Der  Oberkiefer  ist 
nur  noch  sehr  wenig  beweglich,  steht  vollkommen  in  richtiger 
Lage.  Der  Pat.  fühlt  sich  subjeotiv  vollkommen  wohl.  Nason- 
spüluug  zur  Entfernung  des  Secrotos  und  öfters  auftretender 
Borken, 

Heute  stellt  sich  der  Patient  mit  vollständig  gesohlossonem 
Mundo,  ohne  jedes  Geräusch  duroii  die  Nase  frei  atmend  dar, 
hat  in  seinem  Gesicht  nur  noch  die  Spuren  dos  Druckes,  den 
der  Tumor  auf  das  Naseugerüst  ausgeübt  hat,  in  Form  einer 
mäßigen  Verbreiterung  der  Nasenwurzel  und  der  knöchernen 
Nase.  Der  Oberkiefer  ist  unverrückbar  fest,  vollkommen  in  der- 
■  selbou  Stellung  wie  vor  der  Operation,  alle  Zälnie  fest,  keiner 
gelockert.  Die  Narbe  im  Vestibulum  oris  ist  nur  bei  scharfem 
Zusehen  bei  hoch  erhobener  Lippe  siclitbar.  Der  Nasenrachen- 
raum ist  vollkommen  frei,  die  Wuudfläohe  fast  vollkommen  mit 
Schleimhaut  überzogen,  nur  an  einzelnen  Stellen  noch  mit  Borken 
bedeckt. 

D  i  s  c  u  s  s  i  0  n  : 
Herr  Kiognor:  Ich  habe  solche  ausgedehnteren  Nasenrachen- 
geschwülste  bisher  dreimal  nach  der  Gussenbauer'sohen  Me- 
thode mit  Spaltung  des  mucösperiostalen  Gaumenüberzuges, 
Herausmeißelung  des  knöoliornen  Gaumens  und  folgender  pri- 
märer Gaumennaht  operirt.  Bezüglich  der  Freilegung  und  leichten 
Entferubarkeit  des  Tumors  ließ  die  Metliode  nichts  zu  wünschen 
übrig.  Auch  die  Gaumennaht  heilte  zweimal  primär  ohne  Fistcl- 
bildung.  Narben  im  Gesiolit  werden  auch  bei  dieser  Methode 
vormiedea.  Reoidive  gerade  dieser  Tumoren  sind  bekanntlich 
durch  keinerlei  Operationsmethodo  zu  vermeiden.  Sie  ver- 
schwinden nicht  selten  (auch  in  einer  meiner  Beobachtungen 
war  dies  der  Fall)  mit  dem  weiteren  Wachstum  der  jugendlichen 


Jalirosbtu'iclit  dor  Sciilcs.  Gosollschaft  fdr  valprl,  (Tiiltiir. 


Patienten  spontan.  Immerhin  würde  ich  die  Partsoh'sohe  Ope- 
ration geeigneten   Falls   versuchen. 

Herr  R.  Kayser:  Ich  möchte  Herrn  Part  seh  nur  fragen 
ob  der  operirte  Tumor  untersucht  worden  ist  und  sich  als  sog. 
typisches  Nasenraohenfibroid  herausgestellt  hat.  Diese  Tumoren 
treten  bekanntlich  vorzugsweise  bei  Knaben  auf,  haben  eine 
colossale  Wachstumsenergie  und  recidiviren  sehr  leicht,  um 
meistens  später,  gewöhnlich  nach  dem  20.  Jahre,  spontan  zurück- 
zugehen. 

Herr  Partsch:  Auf  die  Bemerkungen  des  Herrn  Riegnor 
erlaube  ich  mir  zu  erwidern,  daß  bei  der  G ussen baue r 'scheu 
Methode  sowohl,  als  bei  der  Kocher'sohen  wiedejholt  keine  pri- 
märe Vereinigung  der  Gaumennaht  eingetreten  ist  und  Pistelu 
zurückgeblieben  sind,  welche  nochmalige  operative  Eingriffe  nötig 
machten.  Was  die  Frage  des  spontanen  Verschwindens  dieser 
Tumoren  anlangt,  so  bin  ich  wegen  Kürze  der  Zeit  auf  dieselbe 
nicht  näher  eingegangen.  Die  Natur  des  Tumors  aber,  ein  außer- 
ordentlich derbes,  festes,  von  Blutgefäßen  reich  durchzogenes 
Pibroid,  macht  es  mir  unwahrscheinlich,  daß  er  nach  doppeltem 
Recidiviren  von  selbst  verschwinden  sollte.  Er  hatte  eine  solche 
Größe,  daß  der  Knabe  ernstlich  gefährdet  war.  Natürlich  ist  die 
Frage  des  Recidivs  ja  heute  nicht  zu  beantworten ,  aber  der  im 
Jahre  1898  von  mir  operirte  Patient  ist,  wie  ich  mich  habe  vor 
Jahresfrist  überzeugen  können ,  trotz  zweimaligen  Recidives  vor 
der  Operation,  nach  der  Operation  recidivfrei  geblieben.  Der 
Blutverlust  war  selbstverständlich  auch  bei  meiner  Operation 
groß,  ist  aber  in  der  Natur  des  Tumors  und  der  Scliwierigkeit 
seiner  Ablösung  begründet. 


Sitzung    vom   4.    November   1904. 

Vorsitzender:   Herr  Ponfiok. 

Schriftführer:   Herr  Roseufeld. 

Herr  Tietze    hält  seinen    Vortrag  über   Pankreatitis   iiidu- 

rativa.  Nach  einem  kurzen  üeberblick  über  die  Entwicklung 
der  Chirurgie  des  Pankreas  schildert  er  die  topographischen  Ver- 
hältnisse der  Bauchspeicheldrüse,  deren  versteckte  Lage  es 
wesentlich  verscliuldet  hätte,  wenn  die  Chirutgie  dieses  Organes 
zur  Zeit  noch  nicht  recht  entwickelt  sei.  Tiotzdem  besitzen  wir 
heute  bereits  eine  Reihe  von  Methoden,  das  erkrankte  Organ  zu- 
gänglich  zu  machen.     Jode   derselben   komme   unter  besonderen 


I/ Abteilung.     Midiciniache  Seotioii.  195 


Verhältnissen  in  Frage,  am  seltensten  wahrsoheinlioh  die  extra- 
peritoneale Methode  von  Bardeuheuer  und  Riiggi.  Nachdem 
dann  Redner  aneführlich  die  Physiologie  der  Drüse  besprochen 
und  darauf  hingewiesen  hat,  daß  trotz  der  großen  Bedeutung  des 
Pankreas  im  Stoffwechsel  Ausfallserscheinungen  bei  Erkrankungen 
des  Organes  nicht  immer  vorhanden  sein  brauchen,  was  natürlich 
die  Diagnose  recht  erschwert,  wendet  er  sich  dann  seinem  eigent- 
lichen Thema  zu,  das  er  an  der  Hand  von  vier  eigenen  Beob- 
achtungen und  auf  Grund  der  Litteratur  bespricht.  Die  Diagnose 
sei  vor  der  Operation  wohl  kaum  jemals  mit  Sicherheit  möglich, 
da  zum  mindesten  eine  Abgrenzung  gegenüber  dem  Pankreas- 
caroinom  vor  der  Operation,  ja  oft  auch  während  derselben  nicht 
stattfinden  könne.  Wir  operirten  in  solchen  I'ällen  lediglich  auf 
Grund  des  vorhandenen  chronischen  Cholodochusverschlusses,  aber 
in  der  That  sei  dies  eine  Indicatio  vitalis.  Als  Operations- 
methode  der  Wahl  habe  die  Cholecystenteroanastomose  ku  gelten ; 
nur  in  den  Fällen,  wo  etwa  die  Gallenblase  so  geschrumpft  sei, 
daß  eine  Anastomosenbildung  technisch  sehr  schwierig  und  riskant 
sei,  sei  es  erlaubt,  eine  Gallenblasen-  oder  Choledochusfistel  an- 
zulegen, denn  in  der  That  sei  dennoch  ebenfalls  Heilung  beob- 
achtet worden.  In  einigen  Fällen  sei  dieselbe  eingetreten,  trotzdem 
nur  Laparotomie  und  Tamponade  angewandt  worden  waren.  Zu 
den  vier  bisher  in  der  Litteratur  bekannten  Fällen  kann  Redner 
noch  einen  eigenen  hinzufügen.  In  diesem  Falle  war  bei  dem 
schwer  icterischen  Patienten  Gallenblase  und  Ausführungswege 
zu  einem  unentwirrbaren  Knäuel  verbacken,  so  daß  dem  Vor- 
tragenden gar  nichts  übrig  blieb,  als  zu  tamponiren,  wollte  er 
nicht  nach  dem  Vorschlage  von  Kehr  eine  Leberdarmfistel  an- 
legen, deren  Erfolg  doch  sehr  zweifelhaft  scheint.  Trotzdem  trat 
völlige  Heilung  ein.  Zwei  andere  Patienten  des  Verfassers  (Frauen) 
bei  denen  Cholecystenteroanastomose  gemacht  worden  war,  starben 
trotzdem  an  cholämisohen  Blutungen.  Es  scheint  dem  Vortragenden 
sicherer,  außer  der  Verbindung  zwischen  Gallenblase  und  Darm 
noch  Hepatiousdrainage  anzulegen,  um  möglichst  schnell  die 
Gallenstauung  zu  beseitigen.  Der  vierte  Patient  starb  unoperirt 
ebenfalls  an  cholämisohen  Darmblutungen, 

Discussion: 
Herr  R.  Stern  hebt  hervor,  daß  es  eine  Gruppe  von  Pankreas- 
erkrankungen  giebt,  die  verhältnismäßig  leicht  zu  diagnosticiren 
sind.     (Sehr  voluminöse  Fäoes  mit  starkem  Stickstoff-  und  Fett- 
gehalt; mikroskopisch  sehr  reichlich  Muskelfasern  und  Fett;  rasche 


126        Jahresbericht  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vateri.  Oultur. 


Besserung  bei  Pankreasclarreichung.)  Er  berichtet  übor  einen 
kürzlich  von  ihm  klinisch  beobachteten  derartigen  Fall,  der  auch 
mit  geringer  GlykoBurio  verlief  und  bei  dem  vorangegangene 
heftige  Schmorzanfälle  an  Pankreassteine  denken  ließen. 

Die  Oourvoisior'sche  B,ege],  die  Herr  Tietze  erwähnt  hat, 
hat  so  viele  Ausnahmen,  daß  sie  f'Qr  die  praktische  Diagnostik 
HUT  mit  großer  Vorsiclit  zu  verwenden  ist. 

Herr  Eausch:  Ich  möchte  zunächst  Herrn  Tiotzo  darin 
widersprechen,  daß  das  Pankreas  kein  lebenswichtiges  Organ 
sei.  Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  eine  ganze  Anzahl  von  Fällen  in 
der  Litteratur  bekannt  sind,  bei  denen  bei  vollständiger  Zer- 
störung des  Pankreas  der  Diabetes  ausgeblieben  sein  soll.  In 
einem  Teile  dieser  Fälle  felilt  aber  der  exaoto  Nachweis,  daß  das 
Pankreas  wirklich  total  oder  so  gut  wie  ganz  zu  Grunde  gegangen 
ist.  Bekanntlich  genügt  ein  kleiner  Pankreasteil,  um  den  Functions- 
ausfall  zu  verhindern,  bei  Hu)iden  ungefähr  der  10,  Toll.  So  ist 
in  dem  von  Herrn  Tietze  angeführten  Fall  Chiaris  der  Patient 
lebend  geblieben;  es  fehlt  die  Seotion,  und  ob  kann  dai^er  kein 
Mensch  sagen,  ob  wirklich,  wie  behauptet  wird,  das  ganze 
Pankreas  ausgestoßen  worden  ist,  was  ich  eben  l)e8treito.  In  dem 
bekannten  Fall  von  Pankreasexstirpation  Frankes  ist  es  durchaus 
zweifelhaft,  ob  das  ganze  Pankreas  bei  der  Oparation  entfernt 
wurde.  Ueberdies  hatte  der  Patient,  soviel  ich  mich  erinnere 
wenigstens  vorftbergohond  einen  Diabetes.  Jedenfalls  mehren  sich 
die  Fälle,  in  welchen  bei  Pankroasevkrankang  Glykosurio  und 
Diabetes  beobachtet  wird. 

In  den  Fällen  von  Pankreascarcinom  kommt  noch  ein  anderer 
Punkt  hinzu.  Es  besteht  die  Möglichkeit,  daß  die  Carcinomzellen 
hier  die  Function  des  Organea  übornommen  haben,  analog  wie 
das  Martin  Benno  Schmidt  in  einem  Falle  von  Lebercarcinom 
beobachtet  hat. 

Und  schließlicli  ist  das  Ausbleiben  des  Diabetes  beim  Pankreas- 
carcinom auch  dadurch  zu  erklären,  daß  der  Diabetes  bei  sehr 
heruntergekommenen  Individuen  überhaupt  nicht  durch  die  Glyko- 
surie  in  die  Erscheinung  zu  treten  braucht;  ist  einmal  das  letzte 
Zehntel  vom  Carcinora  ergriffen,  so  ist  gewiß  der  Patient  in  seiner 
Ernährung  auf  das  Schwerste  gestört.  Minkowski  sah  aber  bei 
den  Hunden  mit  Diabetes  infolge  Pankreasexstirpation  die  Glyko- 
surie  zum  Schluß  schwinden  und  ausbleiben,  wenn  es  mit  den 
Tieren  zu  Ende  ging. 

Ich  kann  mir  auch  vom  biologischen  Standpunkte  aus  nicht 
denken,  daß  das  Pankreas  kein  lebenswichtiges  Organ  sein  sollte. 


I.  Abteilung.'!   Medicinische  Soction. 


In  der  ganzen  Tiorreihe,  vom  Frosch,  dem  Vogel  bis  zu  den 
Säugetieren  seheii  wir  nach  der  Pankreasoxstirpation  zum  Tode 
führenden  Diabetes  auftreten.  Ich  halte  es  für  ganz  undenkbar, 
daß  beim  Menschen,  dem  höchsten  Säugetiere,  das  Pankreas  plötz- 
lich keine  wichtige  Function  haben  sollte. 

Bei  der  Erklärung  des  Ileus  infolge  von  Fettgewebsnecroao 
hat  HerrTietzo  einen  Punkt  nicht  erwähnt,  der  meiner  Ansicht 
nach  doch  von  Wichtigkeit  ist:  nämlich  die  Wirkung  des  Exsudates 
auf  die  Darmwand,  die,  glaube  ich,  erst  eine  erregende,  dann 
eine  lähmende  ist  und  so  den  Ileus  hervorruft. 

Ich  glaube,  dai3  diese  Erklärung  häufiger  zutrifft,  als  die 
Ijüiden  anderen  angeführten,  der  Druck  des  vergrößerten  Pankreas 
nnd  die  Reflexwirkung  auf  dem  Wege  über  das  Ganglion  solaraa. 
Was  die  operative  Behandlung  betrifft,  so  ziehen  wir  auf  der 
Broslauer  Klinik  die  Anlegung  der  Gallenblasen-Darmfistel  der 
der  Gallenfistel  vor,  hat  letztere  doch  für  die  Patienten  immer 
große  Unannehmlichkeiten.  Im  Uebrigen  schließe  ich  mich  den 
Ausführungen  dos  Herrn  Tietze  durchaus  an,  namentlich  auch, 
was  die  Schwierigkeit  der  Differentialdiagnose  zwischen  Carcinom 
und  chronischer  Pankreatitis  betrifft. 

Herr  PoBfick:  Wie  schwer  es  mitunter  sei,  selbst  post 
rnurtom  über  die  Natur  einer  zweifelhaften  Verhärtung  der  Bauch- 
speicheldrüse in's  Klare  zu  kommen,  lehrt  sehr  deutlich  eine 
Beobachtung,  die  ich  au  einem  auf  der  chirurgischen  Klinik 
Inparotomirten  Manne  gemacht  habe. 

Dieser  Patient  war  acht  Monate  vor  dem  Tode  gelegentlich 
eines  Sturzes  auf  den  Bauch  gefallen.  Diesem  Ereignisse  folgten 
zwar  keine  unmittelbaren  Beschwerden.  Im  Hinblick  auf  die 
notorische  Vieldeutigkeit  jedoch  der  an  eine  Verletzung  des 
Pankreas  sich  anschließenden  Symptome  mußte  sich  ein  ursäch- 
licher Zusammenhang  zwischen  beiden  Erscheinungen  aufdrängen. 

Angesichts  der  Unmöglichkeit  nun,  die  im  Kopfe  des  Pankreas 
gelegene  Verhärtung  irgend  schärfer  abzugrenzen,  verzichtete 
Herr  v.  Mikulicz  auf  einen  weiteren  Eingriff  um  so  mehr,  als 
die  Annahme  eines  Carcinom  s  des  Caput  panoreatis  geboten 
schien. 

Bei  der  Seotion  stieß  ich  nun  auf  eine  so  gleichmäßig  speckige 
Umwandlung  seines  Drüsenparenchyms,  welches  daneben  nur  eine 
Reihe  weicherer,  mit  schwefelgelbem  Brei  gefüllter  Herde  und 
Spalträume  enthielt,  daß  ich  meinerseits  mehr  als  eine  krobsigo 
Entartung,  ninn  chronische  Induration,  zu  (erwarten  geneigt 


128  Jaliresboricht  der  SrJiles.  Gesollsohaft  für  vaterl.  Oiiltur. 

war,-  wie  sie  sich  ja  gerade  nach  solch'  stumpfen  Gewalt- 
oinwirkungen  öfters  einstellt. 

In  der  That  schienen  auch  die  ersten  mikroskopischen  Prä- 
parate, welche  davon  hergestellt  wurden,  diese  Vermutung  zu 
bekräftigen.  Fortgesetzte  Untersuchung  machte  es  freilich 
zweifellos,  daß  es  sich  trotzdem  um  Krebs  handele. 

Erwägt  man,  wie  schwer  es  in  jeder  Drüse,  vollends  aber  in 
der  uns  beschäftigenden,  unter  gewissen  Umständen  halten 
kann,  einen  chronischen,  einesteils  mit  Neubildung,  anderenteils 
mit  Degeneration  und  narbiger  Schrumpfung  verbundenen  Proceß 
von  einem,  vielleicht  erst  in  früher  Entwicklung  begriffenen 
Krebse  zu  unterscheiden,  so  wird  man  einen  solchen  Wechsel  der 
Anschauungen  gewiß  minder  erstaunlich  finden. 

Daß  man  es  indessen  im  vorliegenden  Falle  jedenfalls  nur 
mit  einem  soloheu  initialen  Stadium  zu  thun  habe,  das  ging 
andererseits  daraus  hervor,  daß  weder  die  regionären  Lymph- 
drüsen, noch  gar  das  Peritoneum  eine  gleichartige  Erkrankung 
zeigten,  noch  weniger  aber  Zeiclien  allgemeiner  Metastasenbildung 
anzutreffen  waren. 

Herr  Henle  glaubt,  daß,  abgesehen  von  den  experimentellen 
Erfahrungen,  auch  ein  von  Peiser  beschriebener  Fall  aus  der 
Sonnenburg'schen  Klinik  für  die  Unentbohrliohkoit  des  Pankreas 
spricht.  Nach  Ausstoßung  des  necrotisohen  Pankreas  durch  eine 
Incisionswunde  trat  ein  schwerer  Diabetes  ein,  dem  der  Kranke 
in  kurzer  Zeit  erlag.  Hier  ist  zu  viel  vom  Pankreas  zu  Grunde 
gegangen,  während  in  dem  Chiari'schen  Fall,  wie  schon  Herr 
Kausch  bemerkt  hat,  offenbar  noch  genug  Drüsensubstanz  übrig 
geblieben  ist. 

Was  den  Ileus  nach  Pankreaserkrankuugen  anlangt,  so  giebt 
es  zwei  streng  voneinander  zu  trennende  Arten.  Eine  erheblich 
vergrößerte  Drüse  kann  das  Duodenum  durch  Druck  von  außen 
verschließen;  andererseits  beobachten  wir  Darmparalysen,  mögen 
sie  nun  refleotorisch  oder  sonstwie  zu  Stande  kommen.  Diese 
können  auch  partiell  sein,  wie  ein  von  dem  Redner  durch  Ope- 
ration geheilter  am  gleichen  Ort  schon   besprochener  Fall  zeigt. 

Herr  Paul  Krause:  Demonstration  eines  Muskelgyranasten. 

Vortr.  berichtet  auf  speoiellen  Wunsch  des  Herrn  Vorsitzen- 
den der  Section  über  die  röntgoskopisohen  Befunde,  welche  er 
bei  dem  Muskolathleten  erhoben  hat.  Der  röntgoskopische  Be- 
fund der  Brustorgane  während  der  Ruhe  wich  von  der  Norm 
nicht  ab.  Der  Vortragende  untersuchte  darauf  den  Kranken, 
während  derselbe  sich  in  „vier  Demonstrationen"  produoirto,  die 


I.  Abt-oilung.     Modiciuische  Section. 


stets   durch   stereotype  Redensarten  des   „Muskelkünstlers"    ein- 
geleitet wurden,  und  fand  Folgendes: 

I.  Demonstration:  „Die  Eingeweide  zur  Brust  hinauf- 
gepreßt, so  daß  der  Brustkorb  zwischen  17—19  cm  auf  den 
unteren  Rippen  sich  ausdehnt." 

Röntgoskopisoh:  Beide  Zwerohfellhälften  steigen  bis  etwa 
zur  IV.  Rippe  in  die  Höhe,  der  Zwerchfellschatten  ist  dabei  au 
beiden  medialen  Teilen  leicht  oonvex  nach  oben,  der  Herzscliatten 
wird  dadurch  in  seinem  unteren  Teile  verdeckt. 

Fordert  man  den  Patienten  auf,  die  „Eingeweide"  wieder 
nach  unten  zu  bringen,  so  sinken  beide  Zwerchfellhälften  ganz 
langsam  wieder  nach  unten  zurück;  rechts  wie  links  vergehen 
aber  eine  Anzahl  von  Secunden  (etwas  über  20  Secundon),  bis 
die  Norm  beinahe  wieder  erreicht  ist, 

Rechts  bleibt  der  Zwerchfellsohatten  längere  Zeit  noch  liöher, 
als  er  vorher  in  der  Ruhe  war.  Anscheinend  wird  in  den  unteren 
Teilen  des  Abdomens  eine  leichte  Aufhellung  bewirkt,  in  dem 
Augenblicke,  in  welchem  die  „Eingeweide"  in  die  Brust  gepreßt 
werden. 

II.  Demonstration:  „Die  ,Eingeweide'  werden  zur  Brust 
hinaufgepreßt,  ohne  daß  der  Brustkorb  sich  ausdehnt." 

Es  fällt  jetzt  auf,  ehe  der  Pat.  seine  „Demonstration"  be- 
ginnt, daß  die  Helligkeit  unter  dem  linken  Zwerchfellsohatten 
verschwunden  ist,  anscheinend  ist  der  vorher  aufgeblähte  Magen 
comprimirt. 

Im  Allgemeinen  sind  bei  der  zweiten  Demonstration  ähnliche 
Verhältnisse  wie  bei  der  ersten.  Nur  steht  der  rechte  Zwerch- 
fellschatten noch  etwas  höher  (etwa  1/2  om),  ebenso  der  linke. 
Es  schien,  als  ob  der  obere  Teil  des  Herzschattons  resp.  der 
untere  Teil  der  großen  Geftiße  nach  einer  gewissen  Zeit  an  Breite 
zunahm. 

N.  B.  Bei  Wiederholung  des  Versuchs  zeigt  sich  thatsäch- 
lich  eine  nicht  unbeträchtliche  Verbreiterung  der  unteren  Teile 
der  großen  Gefäße. 

III.  Demonstration:  „Die  Musoulatur  preßt  die  ,  Ein- 
geweide' nach  der  linken  Brustseite  herauf,  dadurch  wird  die 
Spitze  des  Herzens  nach  oben  gepreßt,  es  sinkt  in  der  Achse 
und  verlagert  sich  nach  der  Mitte." 

Der  linke  Zworchfellschatten  wird  bis  etwa  dicht  unter  die 
III.  Rippe  in  die  Höhe  gepreßt,  die  Clavicula  steigt  dabei  tief 
herab.  Unter  dem  linken  Zworclifellrand  ersclieint  eine  größere 
Helligkeit  (Magen). 

9 


l30  JaJiresboricIit  der  ScUes.  Qosellsohaf't  für  vatorl.  Cnltiir. 


Der  Herzsohatten  wandert  nach  links  hinüber  (in  mäßigem 
Grade)  und  scheint  sich  in  den  unteren  Teilen  etwas  nach  hinten 
zu  verschieben.  Die  Pulsation  des  Herzens  ist  etwas  schwächer, 
aber  deutlich  vorhanden.     Bei  Wiederholung  derselbe  Befund. 

IV.  Demonstration:  „Künstliche  Erzeugung  der  Trichter- 
brust." 

Der  untere  Teil  des  Thorax  wird  breiter,  die  oberen  Partien 
sinken  nach  unten  (vor  allem  deutlich  sichtbar  an  der  Clavicula), 
der  Zwerchfellschatten  wird  abgeflacht.  Der  Herzsohatten  etwas 
breiter,  wohl  dadurch,  daß  der  obere  Teil  desselben  der  Thorax- 
wand genähert  wird.  Außerdem  scheint  eine  Achsendrehung  des 
Herzens  einzutreten.     An   der  Pulsation  keine  Aenderung. 


Sitzung  vom  18.  November  1904. 
Vorsitzender:  Herr  Ponfiok.     Schriftführer:   Herr  Uhthoff. 

Herr  Hermann  Cohn:  Erneute  Demonstration  eines  Falles 
von  Cysticercus  subretinalis,  der  vor  26  Jahren  aus  der 
Macula  lutea  extrahirt  wurde. 

M.  H. !  Ich  habe  in  unserer  Seotion  am  5.  Juli  1878  eine 
Köchin  von  26  Jahren  vorgestellt,  der  ich  neun  Tage  vorher 
durch  meridionalen  Skleralsohnitt  einen  Cysticercus  von  8  mm 
Durchmesser  herausgenommen,  welcher  dicht  an  der  Macula  lutea 
die  rechte  Netzhaut  emporgehoben  hatte. 

Die  genaue  Kranken-  und  Operationsgeschichte  habe  ich  in 
dem  „Berichte  der  Schlesischen  Gesellschaft",  1878,  S.  200,  und  im 
„Centralbl.  f.  Augenheilk.",  1878,  .Tuliheft,  veröffentlicht,  und  den 
Befund,  den  ich  nach  drei  Jahren  der  Gesellschaft  wieder  deraon- 
strirte,  in  dem  Berichte  von  1881,  S.  113,  sowie  in  der  „Bresl. 
ärztl.  Zeitsohr.",  1881,  No.  23  u.  24,  ausführlich  geschildert.  Es 
war  überhaupt  erst  der  zweite  Fall  in  der  Litteratur,  der  die 
Extraction  eines  macularen  Wurms  betraf. 

Indem  ich  auf  diese  Aufsätze  verweise,  bemerke  ich  hier  nur, 
daß  die  Pat.  vor  26  Jahren  von  mir  gut  geheilt  entlassen  wurde 
mit  einer  centralen  S  von  ^g^,  einem  schon  vor  der  Extraction 
bestandenem  großen  Gesiohtsfelddefect  nach  oben,  gutem  Farben- 
und  Lichtsinn.  Das  Lager  des  Wurmes  war  damals  als  große 
weiße  Fläche  zu  sehen,  auch  die  lange  Schnittnarbe  in  der  Nähe 
des  Lagers. 

Der  Zufall  führte  Patientin  jetzt  nach   mehr  als  Y    Jahr- 


I.  Abteilung.    Mediciiiisclie  Section. 


hundert  erst  einmal  zu  mir;  sie  wünschte  für  das  andere  völlig 
gesund  gebliebene  Auge  wegen  Presbyopie  eine  Convexbrille. 

Das  rechte  Auge  bat  auch  jetzt  gute  Stellung,  gute  Spannung, 
gute  Beweglichkeit,  gute  Pupillen reaction  und  guten  Licht-  und 
Farbensinn  behalten.  Die  Sehschärfe  ist  ^so  geblieben.  Mit  +  6,0 
werden  noch  Buchstaben  von  Snellen  2,0  gelesen.  Das  Gesichts- 
feld hat  sich  allerdings  iu  der  ganzen  Peripherie  verengert; 
im  hinteren  Teile  des  Cortex  sind  Kataraktstreifen  aufgetreten, 
der  Sehnerv  hat  etwas  enge  Gefäße  und  ist  nicht  ganz  scharf 
conturirt;  das  Lager  des  WurmoR  und  der  Skleralschnitt  sbul  noch 
deutlich  sichtbar,  aber  mit  unzähligen  tiefbraunen  und 
tintenschwarKon  größeren  und  kleineren  Flecken  über- 
schüttet, die  wie  bei  einer  Ciiovioretiiiitis  disseminata  bis  an  die 
Peripherie  hin  sich  verbreiten.  Auch  ziehen  einzelne  helle  und 
dunklere  Stränge  von  der  Gegend  des  Schnittes  in  den  Glaskörper 
nach  vorn,  und  eine  flache  Ablösung  der  Netzhaut  ist  am  Rande  des 
Wurmlagers  zu  sehen. 

Es  ist  gewiß  ein  Unicum,  einen  solchen  Fall  nach  26  Jahren 
derselben  Gesellschaft  zeigen  zu  können. 

Früher  wurde  behauptet,  daß  über  lang  oder  kurz  selbst 
nach  gelungenen  Wurmextractionen  aus  großer  Tiefe  der  Bulbus 
später  zu.sammensohrumpfe,  Hier  ist  keine  Schrumpfung  ein- 
getreten und  der  Rest  des  Sehvermögens  wie  vor  der  Operation 
geblieben. 

Ich  habe  unter  100000  Augenkrankheiten  im  Ganzen  nur 
44  Cystioerkeu  beobachtet:  30  suhretinale,  13  vitrinale  und  1  in 
der  Linse. 

Ich  machte  in  den  Jahren  1878—1890  im  Ganzen  13  Ex- 
tractionen,  9  unter  der  Netzhaut,  4  aus  dem  Glaskörper.  Von 
diesen  13  Würmern  gelang  es  mir  11  unverletzt  herauszuziehen. 
5  Fälle  sind  in  der  „Berl.  ärzti.  Zeitaohr.",  1881,  No.  23  u.  24, 
genau  beschrieben. 

Den  ersten  Wurm  im  lebesulen  Auge,  und  zwar  in  der  Vorder- 
kammer, beobachtete  bekanntlich  1830  der  Anatom  S  ö  m  m  e  r  i  ug  und 
ließ  ihn  von  Dr.  Scliott  extrahiren.  Später  behandelte  A.  v.  Gräfe 
über  100  Cj^sticerken  in  allen  Teilen  des  Auges,  warnte  aber 
noch  in  seiner  letzten  Arbeit  1868  auf  das  Strengste  vor  Operation 
am  hinteren  Teile  des  Auges.  Alfred  Gräfe  machte  uns  auch 
diese  Würmer  durch  den  meridionalen  Skleralschnitt  zugängig, 
loh  hatte  hier  eben  diese  Methode  mit  Nutzen  angewandt. 

Seit  1890  habe  ich  nie  mehr  einen  Cysticercus  im  Augo 
unter    24327    Augenkraiikon    gesellen,    offenbar    eine   Folge    des 

9* 


132         Juhresboriclit  der  Scliles.  OcspIIschaft  ffii'  valerl.  Ciiltnir. 

segeiisreichen  strengen  FJeisobschaugesetzes,  das  eine  scharfe 
Controle  in  den  Schlachthöfen  bestimmte. 

Leider  ist  dieses  treffliche  Gesetz  zu  Gunsten  der  einfaolion 
Haussohlächtereien  seit  zwei  Monaten  aufgehoben,  und  ich  bin 
überzeugt,  daß  wir  mit  finnigem  Fleische  auch  wieder  Oysticerken 
im  Auge  sehen  werden.  Scheueji  wir  dann  auch  vor  der  Ex- 
traotion  selbst  aus  tiefen  Regionen  de»  Augea  nicht  zurück  ! 

(Patientin  wird  vorgestellt.) 

D  i  s  c  u  s  8  i  o  n  : 

Herr  Buchwald  macht  elienfalls  auf  dieThataache  aufmerksam, 
daß  im  Allerheiligen -Hospital  fast  gar  keine  Taenia  solium 
mehr  beobachtet  werde. 

Hingegen  werde  Taenia  mediooanellata  nicht  selten  gefunden. 
Die  Oysticerken  des  Hirnes,  welche  man  früher  wogen  ihrer 
Häufigkeit  kaum  beachtete,  seien  eine  Rarität  geworden. 

Allerdings  sei  es  auch  auffällig,  daß  die  Echinokokken,  welche 
in  den  70er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  etwas  Gewöhnliches 
waren,  seit  10—15  Jahren  kaum  mehr  gefunden  würden,  mindestens 
sehr  selten  geworden  seien. 

Herr  Uhthoff  zeigt  zunächst  einige  anatomische  Präparate 
von  intraooularem  Cysticercus  bei  Lupen  Vergrößerung  und  ebenso 
eine  einschlägige  stereoskopisohe  Photographie  von  einer  BuUms- 
hälfte,  auf  deren  Schnittfläche  der  Sitz  des  Cysticercus  zu  erkennen  ist. 

Er  berichtet  ferner  über  einige  seiner  früheren  Operations- 
resultate  bei  Cysticercus  intraocularis  und  giebt  statistische  Daten 
über  seine  eigenen  Erfahrungen.  Vor  Einführung  der  obligatori- 
schen Pleischsohau  sah  er  in  Berlin  einen  Fall  von  intraooularem 
resp.  subconjunctivalem  Cysticercus  auf  ca.  1100  Augenkranke, 
in  der  späteren  Zeit  und  aucli  jetzt  hier  in  Breslau  einen  Fall 
auf  oa.  25000  Augenkranke. 

Die  Frage,  ob  ein  Auge ,  welches  einen  intraocularen  Cysti- 
cercus beherbergt,  immer  unbedingt  zu  Grunde  gehen  muß,  ist 
wohl  durchweg  zu  bejahen,  doch  giebt  es  einige  Ausnahmen,  und 
erinnert  Redner  an  die  jüngste  Mitteilung  von  Stoelting  im 
„Archiv  für  Ophthalmologie",  der  in  einem  Falle  die  Cysticercus- 
blase  durch  einen  Nadelstich  zur  Abtötung  brachte  und  dam.it 
dem  Auge  einen  Teil  seines  Vermögens  erhalten  konnte. 

Herr  L.  Wolffberg:  Zur  Ergänzung  der  statistischen  An- 
gaben des  Herrn  Vortragenden  führe  ich  an,  daß  ich  unter  den 
letzten  50000  Patienten  (d.  h.  etwa  seit  1890)  nur  einen  Fall  von 
Cysticercus  im  Auge  gestehen  habe,  rnul  dieser  <;ine  Fall  wai'  aua 


1.   AbteiJiJiiy-,     Mediciniscti«  Socticm.  133 

Lodz  in  Russisch-Polen.  .Soviel  mir  erinnerlich,  berichtet  Hirsch- 
berg in  einer  kürzlich  t-rschieuenon  Arbeit,  daß  er  selbst  unter 
den  letzten  60000  seiner  Patienten  keinen  Fall  von  Cysticercus 
zur  Beobachtung  bekommen. 

Herr  E.  .lacoby :  Demonstration  eines  Falles  von  Morbus 
Hasedowii  mit  hochgradigem  Exophthalmus  und  Uornhaut- 
afTection. 

Die  27jährige  Patientin  erkrankte  vor  zwei  Jahren  mit  den 
typischen  Symptomen  des  Morbus  Basedowii:  Herzklopfen,  vaso- 
motorischen Störungen  und  Struma.  Erat  '%  Jahre  später  begann 
Exophthalmus  aufzutreten,  der  teilweise  zurtiokging,  bald  aber 
wieder  zunahm,  so  daß  die  Augen  nach  Angabe  der  Patientin 
„vor  den  Lidern"  lagen.  Es  stellten  sich  gesohwürige  Prooesse 
an  den  Hornhäuten  ein,  die  nach  mehrmonatlicher  Krankenhaus- 
behandlung  zur  Heilung  kamen.  Als  Residura  dieser  Affeotion 
tindet  sich  jetzt  beiderseits  eine  dichte  leukomatöse  Trübung  der 
unteren  Hornhauthälfte,  an  der  die  Iris  adhärirt,  so  daß  rechts 
nur  der  obere  Teil  der  Pupille  frei  ist,  links  keine  Pupille  vor- 
handen ist.  Die  Sehschärfe  beträgt  rechts  =  V„„,  links  =  Hand- 
bewegung. Die  übrigen  äußeren  Augensymptome  sind  ebenfalls 
vorhanden:  die  weite  Lidspalte,  das  Gräfe'sche  und  das  Stell- 
wag'sehe  Symptom,  die  den  Basedow-Kranken  den  eigentümlichen 
Gesiohtsausdruck  geben.  Die  übrigen  Symptome  sind  sehr  zurück- 
getreten. Es  findet  sich  keine  wesentliche  Pulsbeschleunigung, 
die  Herzthätigkeit  ist  ruhig,  vasomotorische  Störungen  sind  nicht 
mehr  zu  bemerken.  Auch  die  Struma  ist  offenbar  in  Rückbildung 
begriffen:  sie  fühlt  sich  hart,  geschrumpft,  stellenweise  knochen- 
hart an,  was  auf  regressive  Metamorphosen,  Verkalkung  otc.  hin- 
weist. —  So  wird  das  Krankhoitsbild  jetzt  ganz  von  den  Sym- 
ptomen seitens  der  Augen  beherrscht,  —  Die  Prognose  ist  danach 
•wohl  günstig,  zumal  eine  Zunahme  des  Exophthalmus  bei  der 
allgemeinen  Rückbildung  der  Symptome,  specioU  auch  der  Struma 
flicht  mehr  zu  erwarten  ist,  und  die  Lider  gut  geschlossen  werden 
können,  so  daß  eine  Eintrocknung  der  Cornea  oder  eine  Keratitis 
e  lagophthalmo  nicht  mehr  zu  befürchten  ist.  Aufgabe  der 
Therapie  wird  es  sein,  die  Lidspalten  durch  Tarsorhaphie  zu  ver- 
engern und  die  optischen  Verhältnisse  durch  Iridectomie  zu 
bessern. 

Der  Hornhaut proceß,  der  zu  der  starken  Leukombildung  und 
ssu  dieser  Verdickung  und  Rötung  der  Conjunctiva  solerae  zu 
beiden  Seiten  der  Corneae  geführt  hat,  ist  als  Keratitis  e  lag- 
ophthalmo anzusehen,  da  er  sich  ganz  auf  deu  Bereich  der  Lid- 


Jahresbericht  der  Schles.  GesoUschal't  für  vulcu'l.  ("liiltiir. 


spalte,  soweit  sie  bei  unvollkommenem  Lidsohluß  offen  geblieben 
ist,  beschränkt.  —  Die  Hornhautaffeotiouen  bei  Morbus  Basedowii 
sind  verhältnismäßig  selten,  wenn  man  die  Häufigkeit  dos  Ex- 
ophthalmus bei  dieser  Krankheit  in  Betracht  zieht.  Sonderbarer 
Weise  finden  sie  sieh  noch  häufiger  bei  Männern  als  bei  Frauen, 
obgleich  doch  die  Erkrankung  vorwiegend  das  weibliche  Geschlecht 
befällt.  loh  kann  Ihnen  hier  ein  Bild  eines  Patienten  zeigen, 
bei  dem  der  gleiche  Hornhautproceß  bei  Morbus  Basedowii  zum 
Verlust  des  Sehvermögens  beider  Augen  geführt  hat. 

Herr  Mosenfeld  hält  seinen  Vortrag:  lieber  die  Bildung 
VOM  Fett  aus  Kohlenhydraten. 

ßedner  erörtert  die  Frage,  in  welchem  Organ  das  Fett  aus 
Kohlenhydraten  entstände. 

Von  der  Leber  ließe  sich  zeigen,  daß  in  ihr  ein  completor 
Antagonismus  zwischen  dem  Auftreten  der  Verfettung  und  der 
Einlagerung  von  Glykogen  (und  ähnlichen  Stoffen)  bestände,  so- 
wohl in  physiologischen  als  in  pathologischen  Verhältnissen. 
Kohlenbydratfütterung  vermindere  den  procentualen  Fettgehalt 
in  der  Leber,  ebenso  verhütet  Kohlenbydratfütterung  die  Leber- 
verfettung durch  fette  Nahrung;  andererseits  verhindert  Kohlen- 
hydratzufütterung  die  Verfettung  der  Leber  auf  Phloridzin, 
Alkoliol  etc.  Auch  findet  sich  bei  Fröschen  trotz  Leberexstir- 
patiou  nach  Kohlenhydratfütterung  ein  höherer  Fettgehalt  als  bei 
Controlhungerfröschen  mit  Leberexstirpation.  Darum  läßt  sich 
die  Lober  nicht  als  Organ  der  Fettbilduug  aus  Kohlenhydraten 
ansehen. 

Die  Muskeln,  welche  auf  leberverfettende  Agentieu  nicht 
verfetten,  sondern  entfettet  werden,  werden  auch  durch  Kohlen- 
hydratfütterung nur  fettärmer.  Ebenso  ist  das  Herz  kohlon- 
hydrat gefütterter  Tiere  nicht  fettreicher  als  das  Herz  der  Hunger- 
hunde. 

Die  Nieren  werden  durch  Kohlenhydratfütterung  fettarmer, 
sowohl  die  normalen,  als  auch  Nieren  nach  Alkohol-,  Phloridzin- 
vergiftung,  nach  Pankreasexstirpation  etc. 

Das  Pankreas  kohlenhydratgefütterter  Hunde  erscheint  um 
4  pCt.  fettreicher,  als  das  der  Hungertiere;  da  die  Schwankun- 
gen des  Fettgehaltes  am  Pankreas  verschiedener  Tiere  aber 
groß  sind,  wird  ein  kleines  Stück  Pankreas  als  Testobject  ex- 
Btirpirt,  und  der  Rest  des  Pankreas  bei  demselben  Tiere  (acht 
Versuche)  uach  Kohlenhydratfütterung  untersucht.  Auch  auf 
diese  Weise  ergiebt  sich  eine  Fettzunahme  von  i  pCt. ,  welche 
jedoch  ebenso  vorhanden  ist,   wenn  zwischen  der  Entnahme  des 


I.  Abtoilurig.    Alediciuisclie  Section. 


Probestückohens  und  der  Untersuchung  des  Gesamtpankreas 
keine  Kohlenhydratfüfcterung  liegt.  Ueberhaupt  wird  gezeigt, 
daß  die  einzelnen  Teile  ein  und  desselben  Pankreas  eines  normalen 
Tieres  bis  zu  9  pCt.  im  Fettgehalt  differiren  können  (8  und  17  pCt.). 
Bei  Fröschen,  welche  nach  Pankreas-  und  Leberexstirpation 
stark  mit  Zucker  gefüttert  werden,  findet  sich  gegenüber  den 
Controltieren  eine  Fettzunahme. 

Für  die  Milz  und  die  Lunge  ergaben  Kohleuhydratfütterun- 
gen  auch  keine  Fettzunahme  gegenüber  dem  Hungertiere. 

Die  Thyreoidea  der  einen  Seite,  verglichen  mit  der  nach 
Kohlenhydratfütterung  entnommenen  auderseitigen  Drüse  zeigt 
keine  Vermehrung  des  Fettes, 

Den  Darm  fand  Plosz  nach  Kohlenhydratfütterung  mikro- 
skopisch fettfrei. 

Somit  findet  sich  in  all  diesen  Organen  keine  Fettanreicherung 
nach  Kohlenhydratfütterung,  weswegen  sie  auch  nicht  als  der 
Sitz  der  Fettbildung  aus  Kohlenhydraten  angesprochen  werden 
können. 

Das  Arterienblut  von  Hunden  im  Hungerzustand,  ver- 
glichen mit  dem  derselben  Tiere  nach  Kohlenhydratfütterung,  ist 
um  ca.  1  pro  Mille  fettärmer,  ebenso  ist  das  Blut  der  Kohlen- 
hydratmastgänse  um  1,6  pro  Mille  fettärmer  als  das  der  Hunger- 


Alles  dieses  deutet  darauf  hin,  daß  in  keinem  hnieren  Organe 
das  Fett  aus  Kohlenhydraten  bereitet  und  auf  dem  Blutwege 
nach  seiner  Lagerstätte,  dem  Uuterhautbindegewebe  oder  den 
Mesenterialfalten ,  transportirt  würde,  sondern  daß  es  in  loco 
depositionis  entstände  und  von  den  Zellen  des  Fettgewebes 
synthetisch  bereitet  würde. 

Discussion: 

Herr  Röhmann  wendet  sich  in  kritischen  Bemerkungen  gegen 
die  Schlußfolgerungen  des  Vortragenden. 

Herr  Buchwald  und  Herr  ühthoff  richten  Fragen  an  den 
Vortragenden. 

Herr  B.  ßiesenfeld:  Herr  Roeenfeld  hat  ausgeführt,  daß 
nach  einem  Diner  jeder  Teilnehmer  eine  Fettleber  bekommen 
müßte,  wenn  er  nicht  —  wofür  ja  gesorgt  sei  —  gleichzeitig 
Zucker  zu  sich  nähme:  nur  hierdurch  werde  die  Bildung  einer 
Fettleber  verhindert.  Andererseits  hat  der  Vortragende  vor 
längerer  Zeit  die  Behauptung  aufgestellt,  jeder  Diabetiker  leide 
an  „Fettleber".    Abgesehen  von  dem  hierinliegenden  Widerspruche 


136         ,'IaJiresberichl  der  Sciiles.  Gesellsc.hafl,  für  valerl.  Ciiltiif. 


habe  auch  ich  besonders  bei  Diabetikern  der  leichteji  JTorm, 
die  innerhalb  ihrer  Toleranz,  also  zuckerfrei,  blieben,  ebensoweui/,^ 
wie  andere  Beobachter  das  Vorkommen  einer  Tettleber  linden 
können.  Dabei  muß  mau  bedenken,  daß  solche  Diabetiker  eine 
Fettmenge  von  täglich  150 — 200  g  zu  sich  nehmen  —  das  wider- 
spricht also  geradezu  den  Behauptungen  des  Herrn  Vortragenden 
resp.  den  von  ihm  gezogenen  Öchlußfolgerungen. 

Auch  mit  der  Behauptung,  daß  nur  mit  dem  Zuckergehalt 
dos  Blutes  der  Durst  beim  Diabetiker  steigt  reap.  fällt,  kann  ich 
mich  ebensowenig  wie  Herr  Buchwald  einverstanden  erklären. 
Denn  auch  ich  vormag  mir  alsdann  nicht  die  Thatsache  zu  deuten, 
daß  ein  nicht  unbeträchtlicher  Teil  der  Fälle  von  schwerem 
Diabetes  gar  kein  Durstgefühl  hat,  so  daß  solche  Patienten  bei 
6  pCt.  Zucker  nur  eine  Diurese  von  1500,  ja  von  1300  ocm  haben 
—  und  dabei  sind  das  oft  genug  Leute  mit  hochentwickelter 
Intelligenz  und  scharfer  Beobachtungsgabe  —  hier  nur  eine 
„Torpidität"  annehmen  zu  wollen,  erscheint  mir  nicht  angebracht. 

Ein  dritter  Einwand  gegen  die  Schlußfolgerungen  Rose  n  - 
felds  bezieht  sich  auf  seine  eigenen  Ergebnisse  resp.  auf  die 
von  ihm  selbst  aufgestellte  letzte  Tabelle.  Der  Vortragende  be- 
trachtet es  als  unzweifelhaft,  daß  seine  Blutuntersuchungen  ilm 
zu  seinen  Schlußfolgerungen  berechtigen  —  aber  ein  Blick  auf 
diese  Tabelle  zeigt,  daß  von  sechs  Versuchen  ein  Versuch  ein 
entgegengesetztes  Resultat  ergeben  hat.  Ferner  aber  hat  sich 
der  Vortragende  geirrt,  wenn  er  behauptet,  es  spreche  für  die 
Richtigkeit  seiner  Ergebnisse,  daß  er  zu  Gunsten  derselben  eine 
Diöerenz  von  1,6  pro  Mille  erhalten  habe  —  das  ist  ja  gar  nicht 
der  Fall!  Nach  seiner  eigenen  Tabelle  beträgt  die  Differenz  nur 
1,'2  pro  Mille  —  daß  heißt  also  25  pGt.  weniger. 

Herr  RosenMd  replicirt  Herrn  Roh  mann  und  Buch  wähl 
und  beantwortet  die  Fragen  von  Herrn  Uhthoff.  Herrn  ßiesen- 
feld  antwortet  der  Vortragende,  daß  Herr  Eies enfeld  einerseits 
die  Begriffe  torpid  und  unintelligent  verwechsele,  und  daß  die 
citirte  Aeußerung  über  die  Fettleber  des  Diabetikers  nur  auf 
einem  Mißverständnis  beruhen  könnte,  da  es  sich  nur  um  durch 
Pankreasexstirpation  diabetische  Hunde  handle.  Die  Entstehung 
einer  Fettlebor  beim  (b'abetisohon  Menschen  hänge  von  seinem 
Kohlenhydratumsatz,  seinem  Füttverbrauoh  und  seinem  Fett- 
roichtum  ab. 


J.  Äbt.üilung.     XlediciiiiscliB  Soution. 


Sitzung  vom  25.  November  1904. 
Vors.;  Horr  Ponfick.  —  Schriftf.:  Herr  Rosen  fehl. 

Herr  von  Strümpell  stellt  einen  22jährigen  jungen  Mann 
mit  Friedreich'scher  Krankheit  vor.  Hereditäre  Verhältnisse 
sind  nicht  nachweisbar  (Fat.  hat  nur  einen  jüngeren  Bruder  von 
14  Jahren).  Das  Leiden  begann  im  Anschluß  an  einen  Fall  aus 
dem  Schlitten  im  14.  Lebensjahre.  Sehr  allmählich  entwickelte 
sich  eine  Gehstörung  und  eine  Unsicherheit  im  Gebrauche  der 
Arme  und  Hände.  Schmerzen  und  Blasenstörungen  waren  niemals 
vorhanden.  Gegenwärtig  besteht  eine  ausgesprochene  Ataxie  in 
den  Armen  und  Beinen,  sowie  im  Rumpfe.  Unsicherer,  schwanken- 
der Gang.  Unsicheres  Stehen  mit  geschlossenen  Füßen.  Patellar- 
reiiexe  fehlen.  Pupillarreaction  normal.  —  Bemerkenswert  ist, 
daß  in  den  atactischen  Armen  trotz  genauester  Untersuchung 
nicht  die  geringste  Sensibilitätsstörung  nachweisbar  ist.  In  den 
Beinen  ist  dagegen  eine  geringe  Störung  des  Muskelsinns  und 
Driicksinns  nachweisbar,   besonders  in  den  distalen  Abschnitten. 

Herr  Ludwig  Mann  fragt  an,  ob  der  Herr  Vortragende  auch 
auf  dem  Standpunkte  steht,  daß  die  Friedreich'sche  Ataxie  auf 
einer  Erkrankung  der  zum  Kleinhirn  führenden  Hinterstrangs- 
anteile beruht.  Neuere  Erfahrungen  der  Pathologie  haben  be- 
kanntlich gezeigt,  daß  die  Ataxie  ohne  nachweisbare  Sensibilitäts- 
störungen als  ein  Kleinhirnsymptom  aufzufassen  ist.  Auch  die 
vom  Herrn  Vortragendon  erwähnte  Thatsaohe,  daß  gewisse  Klein- 
hirnerkrankungen bei  Kindern  ein  ähnliches  Symptomenbild  liefern 
wie  ilie  Friedreich'sche  Ataxie,  spricht  in  diesem  Sinne. 

Tagesordnung; 
Horr  F.  Röhmann :  üeber  das  p-Jodoanisol  (Isolorm)  und 
sein  Verhalten  im  tierischen  Organismus. 

Durch  Versuche,  welche  ß.  Heile  (Arch.  f.  kiin.  Chirurgie, 
Bd.  71)  unter  Mitwirkung  von  F.  Röhmann  ausgeführt  hatte, 
war  festgestellt  worden,  daß  das  Jodoform  durch  die  Bestandteile 
der  Gewebe  und  bei  Ausschluß  von  Sauerstoff  unter  Bildung  von 
baotericiden  Stoffen  zersetzt  wird.  Hat  der  Sauerstoff  Zutritt, 
80  findet  auch  eine  Zersetzung  statt.    Die  entstehenden  Producte 


138         Jaliresbericht  dor  Schles.  GesellscJialt  fllr  vaterl.  Cultur. 


sind  aber  ungiftig.  Diese  Beobachtungen  geben  eine  Erklärung 
für  den  Widersprucli ,  welcher  bisher  zwischen  dem  negatiTen 
Ausfall  der  Versuche,  die  die  bactericide  Wirkung  des  Jodoforms 
experimentell  beweisen  sol'ten,  und  den  praktischen  Erfahrungen 
der  Chirurgen  bestand.  Sie  erklärton  zugleich,  warum  das  Jodo- 
form nur  unter  ganz  bestimmten  Bedingungen,  z.  B.  bei  der  Be- 
handlung von  Höhlen  wunden,  von  Gelenken  etc.,  nämlich  unter 
Verhältnissen,  wo  der  Sauerstoff  nur  mehr  oder  weniger  schwer 
zum  Orte  der  Anwendung  hinzutreten  kann,  wirksam  ist,  während 
es  auf  oberfläoliliohen  Wunden  und  Verbänden  als  Antisopticum 
versagt.  Als  den  wirksamen  Stoff,  der  bei  der  Zersetzung  des 
Jodoforms  entsteht,  betrachtet  Heile  dasDijodacetyliden  =  C  =  CJj. 

Im  Anschluß  an  diese  Versuche  prüfte  Heile  einige  Körper, 
welche  man  als  Derivate  des  Dijodacetylidens  auffassen  kann, 
das  Dijodstyrol  CeH5CH  =  CJ2,  das  Trijodstyrol  CeH^CJ -=  CJ2, 
den  Dijodzimmtsäureäthylester  C^HgCJ  :  CJ  .  COOC2H5  auf  ihre 
antiseptische  Wirksamkeit.     Sie  zeigten  eine  solche  nicht. 

Bei  weitereu  Versuchen  fanden  Eöhmann  und  Heile  in 
dem  von  Dr.  A.  Liebrecht  dargestellten  p-Jodoanisol  einen 
Körper  von  ausgezeichneten  antiseptischen  Eigenschaften. 

Das  p-Jodoanisol  ^e^iQng^  i  welches  unter  der  Bezeichnung 
Isoform  von  den  Farbwerken  vorm.  Meister  Lucius  &  Brüning 
zu  Höchst  a.  M.  in  den  Handel  gebracht  wird,  ist  eine  farblose, 
krystallinisohe  Substanz,  in  Wasser  schwer,  in  Alkohol  und  Aether 
80  gut  wie  unlöslich.  Sic  zersetzt  sich  bei  230"  C, ;  sie  hat  nur 
einen  ganz  schwachen  Geruch  nach  Anis,  sie  reizt  die  Haut  nicht 
und  wirkt  nach  den  Versuchen  von  Heile  im  Gegensatze  zu 
anderen  Antiseptiois  auch  in  stark  eiweißhaltigen 
Medien  äußerst  energisch  auf  Bacterien. 

Wenn  man  Gaze  mit  den  verschiedenen  gebräuchlichen  Anti- 
septiois und  zum  Vorgleich  mit  Jodoanisol  imprägnirt,  so  läßt 
sich  die  Ueberlegenheit  des  letzteren  leicht  durch  folgenden  Ver- 
such zeigen.  Man  taucht  die  Gazestüokohen  in  infioirten  Eiter 
und  übergießt  sie  in  Petrischalen  mit  Nährgelatine.  Dann  wachsen 
die  Bacterien  z.B.  auf  Gazen,  die  mit5proc.  Carbolsäure,  0,2  bis 
0,3proo.  Sublimat  etc.  imprägnirt  sind,  aber  nicht  in  Sproo.  Iso- 
formgaze. Dem  entspricht  seine  Wirksamkeit  bei  Verwendung 
in  der  chirurgischen  Praxis.     Das  p-Jodoanisol  ist  ungiftig. 

Nach  Eingabe  per  os  erscheint  im  Harn  Jodphenylschwefel- 
säure.  Dies  beweist,  daß  im  Darm  das  p-Jodoanisol  zu  Jodanisol 
reducirt,  und   daß   dieses  weiter  zu  Jodphenol    gespalten    wird. 


1.  Abteilung.    Mediciiiischo  Scction. 


Cß^^*  OCH,  ■^  *^«^*  OOH3  +  ° 

Jodoarn'sol  Jotloaoanisol 

CeH^  OCH  ==  ^«'^■i  OCH3  +  ^ 
Jodosoanisol  Jodanisol 

Jodanisol  Jodphenol. 

Auf  letzteres  läßt  sich  die  antiseptisohe  Wirkung  jedoch  nicht 
zurOokführen.  Denn  Jodanisol,  aus  welohem  auch  Jodphenol 
entstehen  müßte,  besitzt  nur  eine  sehr  geringe  antiseptisohe 
Wirkung.  Es  scheint  vielmehr,  als  ob  diese  auf  der  Abspaltung 
von  aotivem  Sauerstoff  aus  dem  Jodoanisol  beruht. 

Daß  das  Jodoanisol  auch  im  Darmkanal  seine  Wirkung  auf 
die  Bacterien  entfaltet,  wurde  von  Heile  bei  Patienten  mit  Anus 
praeternaturalis  nachgewiesen.  2 — 4  Stunden  nach  der  Eingabe 
war  die  Bacterienentwicklung  stark  gehemmt,  zuweilen  ganz  unter- 
drückt. Beim  hungernden  Hund  verschwand  die  Indosylreaotion 
im  Harn. 

D  i  s  c  u  s  s  i  0  n  : 

Herr  v.  Mikulicz  verweist  auf  die  ausführlichen  Mitteilungen 
Dr.  Heiles  über  die  Verwendung  dos  Isoforms  in  der  Chirurgie 
(Vortrag  auf  der  diesjährigen  Naturforsoherversammlung  in  Breslau). 
Er  erwähnt  nur,  daB  das  Isoform  in  seiner  Klinik  seit  ^j.,  Jahre 
in  immer  größerer  Ausdehnung  gebraucht  wird  und  daB  sich 
dabei  eine  Reihe  von  Vorzügen  gegenüber  anderen  Antiseptiois 
gezeigt  habe.  Das  Isoform  ist  bestimmt,  im  Wesentlichen  mit 
dem  Jodoform  und  dessen  Surrogaten  zu  concurriren.  Doch  glaubt 
ßedner  nicht,  daß  es  das  Jodoform  vollständig  verdrängen  wird. 
Beide  Mittel  sind  Dauerantiseptioa  und  haben  ihre  Licht-  und 
Schattenseiten.  Ein  Hauptvorteil  des  Isoforms  ist  der,  daß  es, 
nach  den  bisherigen  Erfahrungen  wenigstens,  nicht  giftig  zu 
sein  scheint.  Im  Uebrigen  wird  noch  eine  längere  klinische 
Beobachtung  notwendig  sein,  um  die  beste  Art  seiner  Anwendung 
festzustellen  und  ihm  den  richtigen  Platz  in  der  Wundbehandlung 
anzuweisen. 

Herr  K.  Stern:  Duroli  die  von  Herrn  ßöhmann  erwähnten 
Beobachtungen  des  Herrn  Heile  über  Darmdesiufeotion  finden  meine 
früheren  gemeinsam  mit  Dr.  von  Mieczkowski  auf  der 
V.  Mikulicz 'sehen  Klinik  angestellten  Versuche  weitere  Bestäti- 
gung:   durch    unsere  Versuche  wurde   —   soviel  ich  weiß,   zum 


Jalirosbcrielit  öm-  ScJilos,  GopoUsoliaft  iTu-  val.e 


,  Onltnr. 


ersten  Male  -  der  Nachweis  geführt,  daß  es  durch  größere  Dosen 
eines  per  os  gereichten,  schwer  löslichen  Autiseptioums  (Menthol) 
gelingt,  im  Darminhalt  am  untersten  Ende  des  Dünndarms  Des- 
infeotionswirkungen  zu  erzielen.  Ob  allerdings  das  Isoform  sich 
praktisch  als  Darmantisepticum  bewähren  wird,  erscheint  nach 
den  Ausführungen  von  Herrn  Roh  mann  fraglich,  da  es  in  größeren 
Dosen  reizend  wirkte. 

Herr  v.  Strümpoli  hält  einen  Vortrag  über  die  primär« 
Degeneration  der  Seitenstränge  (spastische  Spinalparalyse).  Nacli 
einleitenden  allgemeinen  Erklärungen  über  den  Begriff  und  die 
Aotiologie  der  nervösen  Systemerkrankungen  berichtet  der  Vor- 
tragendeüberd  reiFälle,dieden  Symptomencomplex  der  spastischen 
Spinalparalyse  dargeboten  haben,  und  bei  denen  die  anatomische 
Untersuchung  als  wesentlichaten  Befund  eine  primäre  aufsteigende 
Degeneration  der  Pyramiden-Seitenstrangbahnen  (teils  bis  in  das 
Halsmark,  teils  noch  höher  hinauf)  ergab.  Die  ausführliche  Mit- 
teilung der  Beobachtung  ist  im  XXVII.  Bande  der  „Deutschen 
Zeitschrift  für  Nervenheilkunde"  erfolgt. 


Klinisoher  Abend  vom  2.  Docomber  1  !I04. 
im  Allerheiligen  Hospital. 

Herr  Harttung:  M.  H.I  Ich  gestatte  mir,  Ihnen  einige  Fälle 
zu  demonstrireu,  welche  sämtlich  das  Bild  einer  Hauterkrankuiig 
zeigen  von  höchster  Eigenart,  über  deren  Pathogenese  die  Acten 
noch  nicht  vollständig  geschlossen  sind.  Sie  sehen  oder  fühlen 
bei  allen  Kranken  an  den  Extremitäten,  und  nur  an  ihnen,  eigen- 
tümliche, z.  T.  plattenförmige ,  z.  T.  halbkugelige  oder  kugelige 
Tumoren,  von  denen  einige  bis  zu  Hühnereigröße  gewachsen  sind. 
Sie  sind  z.  T.  mit  der  Oberhaut  fest  verlötet,  z.  T.  liegen  sie  in 
der  Suboutis  und  sind  teils  looker,  teils  schwerer  verschieblich- 
an  einzelnen  Stellen  imponiren  sie  vollkommen  als  den  Muskel 
durchsetzende  Geschwülste;  aber  bei  dem  Versuche,  sie  zu  ent- 
fernen, zeigt  .sich,  daß  sie  doch  an  der  Fascia  Halt  machen,  und 
obwohl  sie  dieser  fest  aufliegen,  doch  leicht  von  ihr  abzutrennen 
sind.  Bei  der  Betastung  der  Gebilde  fühlt  man  von  ihnen 
einzelne  Stränge  wie  sklerosirto  Gefäße  in  die  Umgebung  sich 
abzweigen. 

Höchst  characteristisoh  sind  die  länglichen,  ''/^--l  cm  dünnen 
Platten,  welche  vom  Epithel  ausgehend  den  Papillarkörper  ein- 
nehmen unil  derb  und  hart,  wie  eine  Bleiplatte,  scharf  abgegrenzt 


I.   ÄbteiLing.     Mediciiiisclic  Seotion. 


gegen  die  Umgebung  sich  über  der  Tela  subcutanea  hin-  und  her- 
Bohieben  lassen.  Die  Entwicklung  geschieht  so,  daß  zuerst  auf 
dor  Haut  eine  leicht  rötliche  oder  livide  Stelle  auftritt,  die  all- 
mählich ein  Infiltrat  zeigt  und  in  die  Tiefe  wächst.  Es  kommen 
aber  auch  Eruptionen  vor,  bei  denen  der  erste  Herd  in  der  Sub- 
cutis  sitzt,  nachdem  anscheinend  dorthin  auf  dem  Blutwege  der 
erste  Entwioklungskeim  geschleppt  ist.  Diese  Herde  entwickeln 
sich  dann  zunächst  nach  oben  und  verlöten  erst  allmählich  mit 
der  Epidermis.  Auf  dem  Durchschnitt  sieht  man  ein  derbes, 
ziemlich  homogenes  Gewebe,  wie  Sarkomgewebe,  das  mit  mehr- 
fachen kleinen,  eine  ölige  Flüssigkeit  enthaltenden  Hohlräumen 
(coUiquirtes  Fett)  durchsetzt  ist.  Histologisch  findet  sich  bei  allen 
Kranken  chronische  Entzündung,  Wuoheratrophie  des  Fettgewebes 
(Flemming)  mit  großen,  mächtigen  Riesenzellen  und,  wenigstens 
nach  unserer  Auffassung,  echte  Tuberculose. 

loh  muLi  hier  gleich  einschalten,  daß  unsere  Auffassung  von 
der  tuberoulösen  Natur  der  Ihnen  vorliegenden  Bilder  (eine  An- 
zahl von  Präparaten  wird  herumgegeben)  nicht  von  allen  Seiten 
geteilt  wird.  Während  eine  Anzahl  namhafter  pathologischer 
Anatomen  (Geh-Rat  Ponfick,  Prof.  Lubarsch)  die  bezeichneten 
Stellen  als  sichere  Tuberculose  des  Fettgewebes  ansprechen, 
leugnen  ebenso  namhafte  Histologen,  wie  Jadassohn,  dem  sich 
neuerdings  auch  v.  Recklinghausen  angeschlossen  hat,  ihre 
tuberculose  Natur.  Hervorzuheben  ist,  daß  die  Kranken  sämt- 
lich Spitzenaffectionen  zeigten.  Die  Untersuchung  auf  Tuberkel- 
bacillen  fiel  negativ  aus,  auch  zahlreiche  Impfversucho  waren 
negativ. 

Ueber  die  Pathogenese  dieser  Krankheit  bestehen,  wie  ge- 
sagt, verschiedene  Auffassungen;  Caesar  Boeck  in  Christiania 
hat  vor  drei  Jahren  zwei  histologisch  ganz  ähnliche  Fälle  be- 
schrieben, die  nur  insofern  klinisch  eine  Abweichung  zeigten, 
als  sie  auch  Eruptionen  im  Gesicht  und  auf  dem  Stamm  auf- 
wiesen. Auch  Boeck  bezeichnet  ihre  tuberculösen  Veränderun- 
gen nur  .als  tuberkelähulich,  hat  stets  ein  Zurückgehen  auf  Arsen 
beobachtet  und  iiezeiohnet  sie  als  sarcoide  Tumoren.  Ihm  schließt 
sich  ein  Teil  der  Franzosen  an,  von  denen  einige  neuerdings  die 
Auffassung  vertreten,  daß  die  Tuberculose  im  allerersten  Anfang 
der  Erreger  dieser  nun  nicht  mehr  tuberoulösen,  sondern  sarcoiden 
Tumoren  sei.  Wir  sind  der  Auffassung  und  mit  uns  eine  Anzahl 
hervorragender  Franzosen,  daß  es  sich  um  eine  echte  embolisohe 
Tuberculose  mit  abgeschwächten  Tuberkelbaoillen  handele. 
Schließlich    bostoht    noch    eine    Auffassung    der    Prager    Schule, 


142         Jahresbei  icht  der  Schlos.  Gesellschaft  für  vaterl.  Culti^r. 


wonach  es  sich  bei  diesen  Gebilden  um  oircumscripte  chronische 
Entzündungen  des  Fettgewebes  handelt.  Diese  Auffassung  trifft 
wenigstens  für  drei  von  den  Patienten,  die  Sie  hier  sehen,  jeden- 
falls nicht  zu. 

Die  Erkrankung  ist  außerordentlich  selten,  es  ist  mir  aber 
gar  kein  Zweifel,  daü  sie  auch  sehr  häufig  übersehen  wird;  es 
wäre  doch  ein  merkwürdiger  Zufall,  wenn  ich  über  sechs  Fälle 
verfügen  sollte,  während  im  ganzen  Deutschland  (Reichsdeutsoh- 
land)  nur  etwa  10  beschrieben  sind. 

Wir  bezeichneten  die  Erkrankung  bisher  als  Erytheme  indure 
Bazin,  einer  Schilderung  von  Bazin  aus  seinem  Buche  „La 
scrophule"  folgend;  wir  haben  uns  aber  von  Barthelemy  be^ 
lehren  lassen  müssen,  daß  er,  obgleich  er  sonst  mit  unserer 
pathogenetischen  Auffassung  übereinstimmt,  und  mit  ihm  die 
meisten  seiner  französischen  Oollegen,  unsere  Fälle  nicht  als 
Bazins  bezeichnen  würde.  Der  erste  Fall  aus  Deutsehland  stammt 
übrigens  von  uns  aus  dem  Allerheiligen-Hospital. 

Die  Zukunft  muß  noch  weitere  Klärungen  über  diese  Frage 
bringen. 

Herr  Franz  Eohrak:  Otogene  Pyämie. 

Redner  bespricht  an  der  Hand  klinischer  Fälle  drei  Typen 
acuter  otogener  Pyämie : 

1.  Pyämie  mit  Sinusthrombose  —  durch  Freilegung  des  Sinus 
sigmoideus  und  Unterbindung  der  Jugularis  geheilt. 

2.  Pyämie  infolge  eines  unter  Druck  stehenden  otogenen 
Abscesses  —  geheilt  durch  Eröffnung  eines  um  den  Sinus  bis 
zum  Bulbus  jugularis  sich  erstreckenden  extraduralen  Abscesses, 
ohne  wesentlichen  Eiterherd  im  Antrum  mastoideutn  und  den 
Zellen  des  Warzenfortsatzes. 

3.  Pyämie  bezw.  Baoteriämie,  bei  der  sich  die  Invasion 
lediglich  durch  eine  Infeotion  der  Paukenschleimhaut  erklären  läßt. 

Unter  Demonstration  von  Blutagarplatten  bespricht  der  Vor- 
tragende den  diagnostischen  und  prognostischen  Wert  der  aus 
dem  Blute  angelegten  Culturen. 

Herr  Riegnor  stellt  drei  Fällo  von  Blasentumor  bezüglich 
deren  Präparate  vor.  Zweimal  handelte  es  sich  um  den  in  der 
Blase  sehr  seltenen  Gallertkrebs,  einmal  um  den  Fall,  daß  ein 
gutartiges  Papillom  neun  Monate  nach  der  ersten  Operation  als 
maligner  Tumor  recidivirt  ist.  (Genaue  Veröffentlichung  erfolgt 
in  „Bruns  Beiträgen  zur  klinischen  Chirurgie".) 

Herr  Lilienfeld  stellt  einen  8jährigen  Jungen  vor,  der  durch 
Sturz    von    der  Treppe    einen  coinplicirten    Bruch  des  Hinter- 


I.  Abteihing.     Modiciriiscbe  Beclioii. 


Iiauptbeines  erlitten  hatte.  Nach  anfänglich  glattem  Verlauf 
stellten  sich  Erscheinungen  ein,  die  einen  Gehirnabsoeü  vermuten 
ließen.  Die  Trepanation  ergab  einen  großen  Absceß  dos  rechten 
Occipitallappens.  Ausgang  in  Heilung.  Im  'Anschluß  daran  de- 
monstrirt  der  Vortragende  das  Präparat  eines  Falles  von  Absceß 
des  linken  Stirnhirna,  der  im  Anschluß  au  eine  Splitterfractur 
des  Stirnbeins  entstanden  war.     Tod  an  Meningitis. 

Ferner  stellt  Herr  Liljenfold  zwei  Fälle  von  durch  Lapar- 
otomie geheilter  diffuser,  eitriger  Peritonitis  vor.  Im  einen  Fall 
handelte  es  sich  um  einen  43jährigen  Tischler,  der  durch  ein 
gegen  das  Abdomen  von  einer  Kreissäge  geschleudertes  Brett 
eine  .Ruptur  des  Oo ecuras  erlitten  hatte,  bei  Intactsein  der  Bauch- 
decken. 30  Stunden  post  trauma  Laparotomie.  Trotz  diffuser  Perito- 
nitis Ausgang  in  Heilung.  Bei  dem  anderen  Fall,  der  eine  35jährige 
Frau  betraf,  lag  eine  Quetschung  der  untersten  Ileumsohlinge 
ohne  makroskopisch  nachweisbare  Perforation  vor,  die  infolge 
von  schwerer  Mißhandlung  entstanden  war.  Die  Läsion  der 
Darmwand  hatte  zu  diffuser,  eitriger  Peritonitis  geführt,  die  durch 
Laparotomie  geheilt  wurde.  (Die  Fälle  werden  in  extenso  in 
„Bru  ns'  Beiträgen  zur  klinischen  Chirurgie"  veröffentlicht  werden.) 

Herr  Heintze  stellt  zwei  Patienten  vor,  welche  in  der  Nacht 
vom  25,  zum  26.  September  er.  nach  einer  Messerstecherei  schwer 
verletzt  in  das  Wenzel  Hancke'sche  Krankenhaus  eingeliefert 
worden  waren. 

Der  erste,  ein  27jähriger  Schmied  Paul  R.,  hatte  einen  Stich 
in  den  Unterleib  erhalten.  Die  Wunde  lag  in  Nabelhöhe  nach 
außen  von  der  linken  Mammillariinie.  Durch  dieselbe  war  etwa 
%  m  Dünndarm  vorgefallen.  Dieser  war  infolge  Absohnürung 
durch  die  enge  Bauchwunde  angeschwollen,  sah  dunkelrot  aus 
und  zeigte  etwa  in  der  Mitte  des  prolabirten  Convolutes  eine  quere 
scharfe  Durchtrennung  bis  auf  den  Mesenterialansatz  sowie  etwa 
2  cm  davon  entfernt  noch  zwei  einander  gegenüberliegende  Durch- 
stichswunden.  Es  wurde  eine  typische  Darmresection  ausgeführt 
(das  resecirte  Stück  von  25  cm  Länge  wird  demonstrirt).  Darauf 
wurde  die  Bauchwunde,  welche  einen  ganz  engen  Schnürring 
darstellte,  erweitert,  ein  entfernterer  Seroaadefect  durch  drei  Nähte 
übernäht,  der  Darm  reponirt  und  die  Bauciawunde  durch  Etagen- 
nähte bis  auf  eine  1  cm  lange  Oeffuung,  durch  welche  ein  schmaler 
Streifen  Vioformgaze  eingeführt  worden  war,  geschlossen.  Un- 
gestörter Wundverlauf.  Patient  konnte  am  29.  Ootober  er.  ge- 
heilt das  Krankenhaus  verlassen. 

Der  zweite  Patient,  ein  Sljähriger  Arbeiter  Paul  G.,  hatte 


144         Jahresberidit  dor  Schles,  Gesellschaft  für  vaterl.  Onlt.ur. 

außer  einer  Schnittwunde  am  linken  Unterarm  sowie  einer  Stich- 
wunde am  Sorotum  vier  Bauchstiohe  davongetragen,  welche  sämt- 
lich perforirten.  In  einer  Wunde  im  linken  9.  Zwischenrippen- 
raume  sowie  in  der  linken  ITnterbauohgegend  war  Netz  vor- 
gefallen, bei  einer  dritten  Wunde  in  der  linken  Axillarlinio  war 
der  10.  Rippenknorpel  scharf  durohtrennt  und  die  vierte  Wunde 
lag  zweifingerbreit  unter  dem  Processus  ensiformis  sterni.  Die 
Beschaffenheit  des  Pulses,  der  Peroussionsbefund  sowie  die  geringe 
Druckempfindlichkeit  und  Spannung  des  Abdomens  ließen  eine 
innere  Organverletzung  nicht  sehr  wahrscheinlich  erscheinen. 
Trotzdem  wurde  wenigstens  die  eine  Wunde  in  der  linken  Ilnter- 
bauchgegend  erweitert.  Es  fand  sich  keine  Darmverletzung, 
sondern  nur  eine  stärkere  Blutansammlung  in  der  linken  seit- 
lichen ßauchpartie,  welche  nach  der  Lage  der  Wunden  wahr- 
scheinlich aus  einer  Stichverletzung  der  Milz  herrührte.  Die 
Blutung  war  nicht  so  erheblich,  daß  ihre  Ursprungsstelle  un- 
bedingt freigelegt  worden  mußte.  Die  Wunden  wurden  durch 
Naht  geschlossen  und  Patient  verließ  zugleich  mit  dem  ersten  Ver- 
letzten am  29.  Ootober  er.  geheilt  und  arbeitsfähig  das  Krankenhaus, 


Sitzung  vom  9.  Dooember  1904. 
.Vorsitzender:    Herr  Ponfick. 
Schriftführer:    Herr  Uhthoff. 

Herr  (Jürich:  Die  tonsillara  Therapie  des  (Jelenkrheuma- 
tismus. 

Die  übliche  medicamentöse  Therapie  des  Gelenkrheumatismus 
ist  nur  symptomatisch,  kein  Medioament  kann  die  Recidive  der 
Krankheit  verhüten.  Die  Recidive  beruhen  auf  dem  immer  wieder 
erneuten  Eindringen  des  Virus  in  die  Circulation.  Die  Medi- 
namente  wirken  nur  auf  das  in  der  Circulation  befindliche  Gift, 
den  Neueintritt  von  Gift  können  sie  nicht  verhindern, 

Der  oft  wiederholte  Eintritt  von  Krankheitserregern  in  die 
Circulation  zwingt  uns,  im  Körper  des  Krauken  einen  chronischen 
Infectionsherd  anzunehmen.  Dieser  ist  nach  dem  Vortragenden 
in  den  Tonsillen  gelegen. 

Die  chronisch  eitrige  fossuläre  Angina  ist  der  primäre  In- 
fectionsherd. 

Die  chronische  fossnläre  Angina  findet  sich  in  jedem  Palifi 
von  Gelönkrheumatismus. 

Jede     acute    Exacerbation    dorsclhon    hat    rheumatische     Er- 


I.  Abloiliiii^!,',     ILcdicinisclic  Secfioii.  145 

soheinungen  zur  Folge.  Durch  küustlioh  herbeigeführte  Exacer- 
bationen kann  man  experimentell  Gelenkrheumatismus  hervorrufen. 
Durch  Beseitigung  der  chronischen  Augina  wird  der  Gelenk- 
rheumatismus rasch  und  dauernd  geheilt  ohne  Anwendung  von 
Medicamenten. 

Diese  Thatsaohen  gelten  nach  den  Erfahrungen  des  Vor- 
tragenden für  alle  Fälle  von  Gelenkrheumatismus,  auch  für  die, 
in  denen  anginöse  Beschwerden  fehlen.  Das  Fehlen  anginöser 
Beschwerden  beweist  nicht,  daß  die  Eintrittspforte  des  Giftes 
außerhalb  der  Majideln  liege.  Im  Gegenteil  steht  die  Ansicht, 
daß  in  den  klinischen  Erscheinungen  au  der  Eintrittspforte  und 
deji  Erscheinungen  der  AUgemeininfection  ein  Parallelismue  be- 
stehen müsse,  im  Widerspruche  mit  der  modernen  Lehre  von  der 
AUgemeininfection. 

Zum  Beweise  der  Heilwirkung  der  tonsillaren  Therapie  eignen 
sich  weniger  frisch  erkrankte  Patienten,  bei  denen  man  Spontan- 
lieilungen  nicht  ausschließen  köiuio,  sondern  vorwiegend  solche 
die  schon  Monate  oder  gar  jahrelang  bestehen. 

In  solchen  Fällen  hat  man  streng  zu  unterscheiden  zwischen 
den  durch  die  Erkrankung  erzeugten  bleibenden  Veränderungen 
der  Gelenke  —  Status  metarheumatious  —  und  den  auf  immer 
wiederholter  Neuinvasion  des  Virus  beruhenden  Nachschüben 
—  Rheumatismus  acutus  permaiiens. 

Es  werden  vorgestellt: 

H.  8.,  20  Jahre.  Rheumatismus  acut,  perman.  seit  8  Jahren ; 
von  der  Landesversicherungsanstalt  in  Breslau  als  unheilbar  er- 
klärt: erhält  Invalidenrente,  Heilung  durch  6  wöchentliche  ton- 
sillaro  Behandlung. 

P.  K.,  43  Jahre,  ßheumatii-mus  acut,  perman.  seit  17  Ja.hren, 
m  etarheumatisohe  Ankjrlose  Ijoider  Handgelenke.  Heilung  durch 
3 wöchentliche  Kur. 

A.  W.,  Militärinvalide,  23  Jahre,  erkrankte  als  Soldat  im 
December  1903.  Im  Mai  1904  als  unheilbar  mit  Militärpension 
entlassen.  Begijui  der  Kur  im  September  1904.  Heilung  nach 
4  Wochen. 

A.  Z.  Rheumatismus  acut,  perman,  seit  V/^  Jahren,  War  bei 
Beginn  der  Kur  gänzlich  arbeitsunfähig.  Heilung  nach  3  Wochen. 
'P.  S.  Rheumatismus  perman.  seit  fi/j  Jahren;  Kurdauer 
4   Wochen.     Völlige  Heilung. 

Cl.  M.  Rheumatismus  permanens  gravis  seit  4  Jahren,  nocli 
«nbedeutende  Schmerzen  im  rechten  Knöohelgelenk,  noch  in  Kur 
seit  ()  Wochen. 


14C         .Tahresberlclit  der  Sdilos.  Guscllscliafi  für  vnicri.  Cultur. 

A.  K. ,  20  .ralire.  Chorea  minor  gravis.  Seit  lo  Wocli«n. 
Kurdauer  10  Tage,  völlige  Heilung. 

0.  H.  EheumatismuB  permanens  seit  '/^  .J;ihr.  Kurdauer 
10  Tage,  YöUige  Heilung. 

Die  Diagnose  der  chronisohon  fossuliireu  Angina  ist  nach  den 
Lehren  der  Specialdisciplin  durch  Sondonuntersucliung  der  Mandel- 
gruben irnd  durch  die  mikroskopische  Untersuchung  des  Gruben- 
inhaltes zu  stellen.  Meist  findet  man  Mandelpfröpfe.  Die  ein- 
fache Inspeotiou  gestattet  die  Diagnose  nicht. 

Die  tonsillare  Therapie  besteht  in  der  Spaltung  der  Mandel- 
gruben  und  ExHtirpation  der  zwischen  den  Spalten  stehenbleiben- 
den Mandolreste.  Die  hierzu  nötigen  Instrumente  sind  nach  den 
Angabi-n  des  Vortragenden  constniirt.  (Sie  werden  herumgereicht.) 
Die  bisher  übliche  Therapie  der  Mandelpfröpfe  reicht  7A\r  Therapie 
des  Gelenkrheumatismus  nicht  ans. 

Jeder  Eingriff  an  den  Tonsillen  bewirkt  durch  acute  Steigerung 
der  chronischen  Angina  eine  Exacerbation  des  Eheuraatismus,  die 
nach  einigen  Tiigen  der  definitiven  Besserung  weicht.  Diese 
„rheumatische  Reaction"  muß  abgelaufen  sein,  ehe  ein  neuer 
therapeutischer  Eingriff  vorgenommen  wird. 

D  i  s  c  u  s  s  i  0  n  : 

Herr  0.  Brieger:  Die  von  dem  Vortr.  vorgeschlagene  Therapie 
begegnet  zunächst  erhel)lichen  priuoipiellen  Bedenken.  Daß  die 
Tonsillen  eine  der  Eingangspforten  für  das  Virus  des  Gelenk- 
rheumatismus, vielleicht  die  am  häufigsten  beschrittene  darstellen, 
steht  außer  Zweifel.  Die  Propfbildung  in  den  Mandeln  ist  aber 
als  ein  Procei.',  der  geeignet  wäre,  wiederholte  Infectionen  mit 
dem  Virus  des  GeleukrheumatismuB  zu  vermitteln,  von  vornherein 
nicht  anzusehen.  Wohl  enthalten  die  Pfropfe  meist  zahlreiche 
Mikroorganismen,  wie  sie  als  Epiphyten  der  Tonsillen  bekannt 
sind,  diese  aber  so  eingeschlossen  in  gesohichtete  Hornmassen, 
daß,  zumal  bei  der  gewöhnlich  zu  Grunde  liegenden  Dioken- 
zunahme  des  Plattenepithela,  das  Eindringen  in  das  Gewebe  der 
Mandel  so  sicher  als  möglich  verhütet  ist.  Bei  der  Pfropfbildung 
ist  nicht  ein  entzündlicher  Proceß,  wie  der  Vortr.  ihn  als  Quelle 
des  recidivirenden  Gelenkrheumatismus  annimmt,  sondern  nur 
eine  Hyperkeratose   des  Mandelepithels  im  Spiele. 

Wenn  der  Vortr.  meint,  daß  es  seiner  diagnostischen  Methode,n 
zur  Aufdeckung  der  Mandelpfröpfe  bedürfte,  irrt  er  ebenfalls. 
Mit  Hilfe  einer  ähnlichen,  schon  immer  gebräuchlichen  Methodik, 
aber  selbst  auch  ohne  diese  —  am  einfachsten  durch  einen  auf  die 


Moiüciiiisclie  Sociion.  147 

Maiidelbasis  während  der  Betrachtung  geübten  Druck  mittels  des 
Spatels  ^  bringt  man  sich  die  in  den  Mandelbuohten  sitzenden 
Pfropfe  mindestens  ebenso  gut  zu  Gesicht.  Die  Zuverlässigkeit 
der  seit  je  geübten  Methoden  für  die  Erkeinmng  der  Pfropfe 
geht  schon  daraus  liervor,  daß  sie  mit  diesen  weit  häufiger,  als 
sie  dem  Herrn  Vortr.  aufgestoGeu  zu  sein  scheinen,  ebenso  Jiäufig 
etwa,  als  man  sie  nach  Maßgabe  der  histologisohen  Erfahrungen 
an  exoidirten  Mandeln  erwarten  muß,  nachgewiesen  werden. 

Bei  dieser  Häufigkeit  des  Vorkommens  von  Mandelpfröpfen 
ist  es  nicht  wunderbar,  wenn  der  Herr  Vortr.  der  von  ihm  als 
Ursache  der  Pfropfbilduug  zu  Unrecht  supponirton  „chroiiisohon 
eitrigen  Tonsillitis"  in  jedem  seiner  Fälle  von  Gelenkrheumatismus 
begegnete.  Nur  ist  der  Zusammenhang  dieser  beiden  Processs 
miteinander  damit  durchaus  noch  nicht  erwiesen.  Diese  Befunde, 
wie  auch  die  therapeutischen  Resultate  und  noch  mehr  die  eigen- 
tümlichen B,eactioneu  an  den  Gelenken  auf  Eingriffe  im  Bereich 
der  Mandeln  bedürfen  vielmehr  durchaus  der  Nachprüfung  au 
größerem  Material.  Aus  meinen  bisherigen  Erfahrungen  in  gleicher 
Richtung  habe  ich  weder  den  Eindruck  einer  constanten  Beein- 
flussung der  Recidive  des  Rheumatismus  durch  Behandlung  der 
Tonsillen  gewonnen,  noch  auch  jemals  eine  typische  Reaotion, 
wie  sie  der  Vortr.  beschreibt,  feststellen  können.  Indessen  gegen- 
über solchen  positiven  Erfahrungen,  wie  sie  hier  mitgeteilt  wurden, 
ist,  wie  ich  anerkenne,  die  Beibringung  eines  größeren,  von  den 
Gesichtspunkten  des  Vortr.  aus  sorgfältig  beobachteten  Materials 
als  Grundlage  der  Kritik  notwendig. 

An  der  Anwendung  einer  weniger  wirksamen  Behandlungs- 
methode, als  der  vom  Herrn  Vortr.  vorgeschlagenen,  können  die 
negativen  Resultate  —  wie  ich ,  um  diesem  Einwand  gleich  zu 
begegnen,  hervorheben  möchte  —  nicht  liegen.  Der  Herr  Vortr. 
irrt  wieder,  wenn  er  meint,  daß  sein  Verfahren  principiell  neu, 
und  daß  es  geeignet  sei,  das  lymphoide  Gewebe  in  diesem  Ab- 
schnitt des  Schlundringos  vollkommen  und  dauernd  auszurotten. 
Zutreffend  ist  sein  Urteil  über  den  geringen  Nutzen  der  Methode 
der  Mandelschlitzung.  Dauerresultate  im  Sinne  dauernder  Be- 
seitigung der  Pfropfbildung  sind  dabei,  gleichviel  ob  man  danach 
auf  das  Epithel  in  den  Buchten  noch  andere  Mittel  durch  mehr 
oder  weniger  lange  Zeit  einwirken  läßt,  nicht  allzu  häufig.  Seit 
langem  wird  aber  vielfach  und  von  mir  z.  B.  regelmäßig  an  Stelle 
dieses  Verfalirens  die  Excisiou  derjenigen  Tonsillarabschnitto,  in 
denen  die  Buchten  sich  finden,  und  zwar  so  weit  gegen  die 
Mandelbasis  hin,  daß  die  ganze  'J'iefo  der  Buchten  erreicht  wird, 

10* 


Id8         Jfilirosliiriclii  dor  ScIilftS.  r!os(>l!scliua  liir  vatcrl.  Oiiiliir. 

mittels  geeigueter  Zangen  geübt.  Nur  wenn  mau  die  Laounon 
in  toto  excidirt  oder  aus  den  tiefen  Buchten  offene  Mulden  macht, 
in  denen  die  Hornmassen  sich  nicht  mehr  anhäufen  können,  wird 
die  Pfropfbildung  ständig  verhütet. 

Aber  auch  damit  kommt  es  obouso  wenig,  wie  es  bei  dem 
vom  Vortr.  bevorzugten  Verfahren  möglich  ist,  zu  einer  Aus- 
rottung des  lymphoiden  Gewebes  au  den  betreffenden  Stellen. 
Seibat  wenn  es  vorübergehend  zu  wirklicher  Narbenbildung  in 
der  Tonsille  käme,  werden  auch  solche  Bezirke,  zumal  bei  jugend- 
licheren Individuen,  so  vollkommen  durch  allmähliche  Lympho- 
cyteninfiltration  wieder  „adenoid"  umgewandelt,  daß  man  auch 
in  den  radioalat  operirten  Fällen  immer  noch  Reste  adenoiden 
Gewebes  finden  wird. 

Auf  Grund  aller  dieser  Erwägungen  kann  ich  nur  davor  warnen, 
die  Folgerungen  des  Herrn  Vortr.  einfach  anzunehmen  und  nur 
raten,  die  Discussion  über  diesen  Gegenstand  wieder  aufzunehmen, 
wenn  ausgedehnte  Nachuntersuchungen  von  möglichst  vielen 
Seiten  her  vorliegen. 

Herr  Güricli:  Daß  nicht  jeder  Mandelpfropf  rheumatisclies 
Gift  enthält  ist  selbstverständlich.  Der  nach  Eingriffen  an  den 
Tonsillen  auftretende  reactive  Gelenkrheumatismus  findet  sich 
selbstverständlich  nur  bei  rheumatisch  infioirten  Individuen. 

Herr  Detenneyer:  lieber  eijieii  Fa!J  «ioppflgtiitiger  isolirter 
Liiljmnisg  des  M.  extons.  quadriceps  cruris. 

M.  H. !  Gestatten  Sie  mir,  Ihnen  einen  oasuistischen  Beitrag 
zum  Capitol  der  peripheren  Lähmungen  mitzuteilen.  —  Ein  etwa 
30jähriger,  rüstiger  und  gesunder  Mann  hatte  eine  Fußtour  unter- 
nommen, bei  welcher  er  den  vom  Hochwald  nach  Bad  Salzbrunn 
hinabführenden  steilen  sogen.  Zickzackweg  passirto.  Den  ca.  ein- 
stütidigen  Weg  vom  Fuße  des  Hochwaldes  nach  Bad  Salzbrunn 
legte  er  ohne  Beschwerden  zurück  und  besuchte  hier  die  Pro- 
menade, vfo  or  sich  auf  einer  Bank  ausruhte.  Beim  Aufstehen 
bemerkte  er  eine  Schwäche  in  den  Beimen,  konnte  noch  eine 
Weile  gehen  und  brach  ,dann  in  den  Kniegelenken  zusammen. 
Hinzugerufen  stellte  ich  fest:  Dor  im  Uebrigen  gesunde  Mann 
war  nicht  im  Stande,  sich  ohne  Hilfe  aus  sitzender  Stellung  zu 
erheben.  Auf  die  Füße  gestellt,  vermochte  er  mit  passiv  durch- 
gedrückten Knien  zu  stehen,  brach  aber  bei  der  geringsten 
Beugung  der  Knie  zusammen.  Dio  Bewegungen  im  Hüftgelenk, 
besonders  die  Beugung,  wurden  ohne  jegliche  Beschwerde  aus- 
geführt, dio  Streckung  des  Unterschenkels  war  aber  unmöglich, 
dor   Pat^llarreflex  fehlte,    der  Kremasterreflex  war  lobhaft,    die 


I.   Abtcjluim-.     Mcdioinische  Scctioti.  Hf» 

Sensibilität  naoii  joiier  Eiohtung  isornial.  Diese  Eraoheinungen 
zeigten  sicli  an  beiden  Beinen  gleiciimäCig.  Eine  Untersuchung 
auf  eleotrische  Erregbarkeit  konnte  leider  nicht  vorgenommen 
werden,  da  der  Patient  baldmöglichst  in  seine  Heimat  abreisen 
wollte,  was  auch  mit  Unterstützung  seiner  ihn  begleitenden 
Freunde  geschah.  Ueber  den  weiteren  Verlauf  hat  mir  der  be- 
handelnde Arzt,  Herr  Dr.  Troche  (Warmbrunn),  folgende,  Beob- 
achtungen gütigst  zur  Verfügung  gestellt:  Zwei  Tage  nach  Be- 
ginn der  Erkrankung  stellte  sich  der  Patellarreflex  auf  beiden 
Seiton  wieder  ein.  Die  Lähmungsorschainungon  ließen,  erst  links, 
dann  auch  rechts,  alhuäiilich  nach  und  ca.  14  Tage  nach  dem 
Beginn  der  Erkrankung  konnte  Patient  seine  Thätigkeit  in 
vollem  Umfange  wieder  aufnehmen.  Es  war  völlige  Heilung  ein- 
getreten, welche  auch  heute  andauert. 

Es  handelte  sich  also  um  eine  doppelseitige  isolirto  Lähmung 
des  Muse,  extenaor  cruris  quadrieeps.  Die  übrigen  vom  Nerv, 
cruralis  versorgten  Muskeln,  vor  allem  die  Beuger  des  Ober- 
schenkels (Mm.  psoas  und  iliacus  internus)  waren  völlig  frei, 
ebenso  waren  die  sensiblen  Aeste  des  Nerven  (Nerv,  femor. 
cutan.  med.,  Nn.  saphen.  major,  und  min.)  intact.  —  Als  Ursache 
der  Lähmung  dürfte  Ueberanstrengung  bei  dem  Abstieg  über 
den  steilen  Zickzackweg  anzunehmen  sein. 

In  der  Litteratur  ist  über  solche  Lähmungen  wie  die  vor- 
liegende wenig  zu  finden,  üeberoinstimraend  geben  die  Autoreu 
(v.  Strümpell,  Bernhardt  u.  A.)  an,  daß  isolirte  Lähmungen 
im  Gebiete  des  N.  orural.  überhaupt  zu  den  selteneren  Lähmun- 
gen gehören.  Speciell  über  die  durch  Ueberanstrengung  ent- 
standene Lähmung  finde  ich  nur  in  der  in  Nothnagels  Handbuch, 
1902,  IL  Aufl.,  gebrachten  Abhandlung  Bernhardts:  „Ueber  die 
peripheren  Nerven",  folgende  Notiz:  „Eine  offenbar  seltenere  Ur- 
sache einer  Cruraliaparalyse  und  speciell  der  Lähmung  der  Unter- 
Bchenkelstrecker  habe  ich  einige  Male  nach  Ueberanstrengung 
der  Beine  (Emporsteigen  und  Tragen  schwerer  Lasten)  beob- 
achtet und  ein  Beispiel  davon  in  meiner  Electrotherapio  mit- 
geteilt." Leider  stand  mir  dieses  letztere  Work  nicht  zur  Ver- 
fügung. Ueber  doppelseitige  Quadricepslähmung  liabe  ich 
nirgends  eine  Angabe  gefunden. 

Dieses  seltenen  Vorkommens  wegen  gla\dite  icli  Ihnen  den 
Fall  hier  mitteilen  au  dürfen. 

Herr  Eicliard  Weij^ert:  IJebar  tincts  Fall  von  ani^^eborMsor 
Stenose  ih^v  Aorta  an  der  Rii'imiindinig'  dc.s  F>iic{us  artfriosus 
Botalli. 


150         Jahresboriclit  der  Hehles.  aesBllschaCt  IVir  \'.dw\.  Ciiltur. 

M.  H. !  Das  Kind,  das  ich  mir  ^-estatte,  Ihnen  vorzustellen, 
kam  am  4,  X.  a.  or.  wegen  Eachendiphtherie  auf  die  Infeotions- 
abteilung  der  kgl.  Kinderklinik.  Die  Diphtherie  verlief  glatt  und 
bot  nichts  weiter  Bemerkenswertes.  Dagegen  zeigte  das  Kind 
einen  Befund,  der  heut  wie  damals  zu  constatireu  ist.  Er  erregte 
unser  besonderes  Interesse,  weil  es  zuerst  nicht  gelingen  wollte, 
ihn  zu  deuten. 

Es  handelt  sich  um  ein  roageres,  graciles  Mädchen  mit  lioch- 
gradigerJCyaaose,  die  sieh  besonders  auf  die  Eitremitäteuenden, 
die  Nase,  die  Lippen,  die  Zunge  und  die  Augen  bezieht.  Diese 
Oyanose  soll  nach  den  Angaben  der  Mutter  bald  nach  der  Ge- 
burt des  Kindes  bemerkt  worden  sein.  Sie  nimmt  in  Aufregungs- 
zuständen  und  bei  größeren  Anstrengungen  noch  zu.  Pinger 
und  Zehen  sind  trommelschlägelartig  aufgetrieben.  Die  Herz- 
gegend ist  vorgewölbt.  Der  Spitzenstoß  ist  verbreitert  und  im 
6.  Intercostalraum  bis  1,5  cm  außerhalb  der  Mammilla  deutlich 
zu  fühlen.  Auch  percutorisch  kann  die  Verbreiterung  des  linken 
Herzens  in  demselben  Maße  nachgewiesen  werden.  Die  rechte 
Herzgrenze  liegt  am  rechten  Sternalraud. 

Die  Herztöne  sind  rein.  Der  zweite  Ton  an  der  Aorten- 
Tind  Pulmonalklappe  ist  weder  verstärkt  noch  abnorm  leise.  Da- 
gegen hört  man  über  dem  Manubrium  sterni  ein  lautes  Blasen. 
Es  pflanzt  sich  vom  Manubrium  sterni  nach  rechts  fort  und  hat 
sein  punctum  maximum  genau  unterhalb  der  Mitte  der  rechten 
Clavikel.  Auch  rechts  hinten  ist  es  über  der  Lunge  laut  zu 
hören.  Das  Geräusch  erstreckt  sich  über  die  ganze  Systole, 
greift  aber  anscheinend  auch  noch  auf  die  Diastole  über. 

Alle  Versuche  diesen  Befund  unter  eines  der  bekannten 
klinischen  Krankheitsbilder  unterzubringen  scheiterten,  und  erst 
die  nach  Abheilung  der  Diphtherie  in  der  Eöntgenabteilung  der 
chirurgischen  Klinik  ausgeführte  Köntgenaufnahme  lenkte  auf 
den  richtigen  Weg.  Das  Röntgenbild  zeigt  nämlich,  wie  Sie  sich 
an  der  mitgebrachten  Platte  überzeugen  können,  unterhalb  der 
rechten  Clavikel  Stränge,  die  angesichts  des  Auscultationsbefundes 
als  dicke  Gefäße  gedeutet  werden  müssen.  Denn  das  gerade 
an  dieser  Stelle  am  lautesten  zu  hörende  Geräusch  liat  den 
Charaoter  sogenannter  Gefäügeräusohe.  Nach  der  anatomischen 
Situation  gehen  die  Gefäßstränge  von  der  Arteria  subclavia  dextra 
aus  und  streben  nach  unten.  Nunmehr  war  die  Diagnose  un- 
schwer zu  stellen,  denn  dieser  Befund  kann  nach  der  vorliegen- 
den Litteratur  nur  auf  eine  Stenose  der  Aorta  an  der  Eintritts- 
stelle des  Ductus  arteriosus  Botalli  bezogen  werden. 


I.  Abtciliiiig.     Medicinisclie  Sectioii.  151 

Während  dieser  Befund  auf  de)n  Sectioustisolie  eolioii  weit 
über  100  Mal  gefmideu  und  beschrieben  worden  ist,  während 
diese  Diagnose  bei  Erwachsenen  aus  bald  zu  erörternden  Gründen 
leicht  ist,  ist  sie  bei  Kindern  fast  unmöglich  und  bisher  auch 
Mur  einmal,  und  zwar  von  Hoohsingeri)  (1889)  gemacht  worden. 
Unser  Fall  wäre  also  der  zweite  derartige,  beim  Kinde  ia  vivo 
diagnosticirte.  Aber  unser  Verdienst  hieran  ist  klein,  denn  wir 
befanden  uns  infolge  der  Röntgenaufnahme  den  Voruntersucbern 
gegenüber  im  Vorteil. 

Da  die  Affeotion  relativ  selten  ist,  sei  es  mir  gestattet,  einige 
Worte  über  die  Entstehung  und  Symptomatologie  zu  sagen.  Ich 
folge  hierbei  im  Wesentlichen  der  Darstellung  von  Hochsinger 
in  seiner  Monographie  über  die  Auscultation  des  kindlichen  Herzens 
(Wien  1890)  und  der  von  Vierordt  in  Nothnagels  Handbuch 
der  speciellen  Pathologie  und  Therapie  (Wien  1898). 

Ueber  die  Aetiologie  sind  mehrere  Theorien  aufgestellt  worden, 
von  denen  zwei  als  die  meist  discutirten  hervorgehoben  seien. 
Nach  der  ersten  wird  angenommen ,  daß  die  im  Ductus  ßotalli 
mit  Beginn  des  extrauterinen  Lebens  einsetzenden  Involutions- 
vorgänge auf  den  Aortenbogen  übergreifen  und  so  zur  Stenose 
führen.  Die  zweite  Theorie,  die  von  B.okitanski  stammt,  ist 
heut  wohl  allgemein  maßgebend  geworden.  Sie  stützt  sich  auf 
die  Thatsache,  daß  der  Aortenbogen  da  wo  die  Einmündungsstelle 
des  Ductus  Botalli  liegt,  am  sogenannten  Isthmus  aortae,  im 
fötalen  Leben  gegenüber  dem  übrigen  Arterienrohr  verengtest. 
Dieser  Isthmus  kann  im  embryonalen  Leben  völlig  veröden  oder 
er  kann  im  extrEuitorinen  Leben  auf  seiner  fötalen  Eiiiwicklungs- 
stufe  stehen  bleiben.  Alsdann  ist  schon  bei  der  G-eburt  der 
sogenannte  Isthmus  gegenüber  dem  übrigen  Aortenbogen  vun 
^/j — 2  mm  verengt,  jedoch  noch  so  weit,  daß  I)isufficien>!erscheiiiungen 
eventuell  gänzlich  fehlen. 

Die  Situation  wird  jedoch  mit  dem  Wachstum  des  Indivi- 
duums und  speciell  des  Herzens  und  des  Gefäßsystems  unange- 
nehmer, weil  nuu  bei  wachsender  Blutmenge  und  zunehmendem 
Blutdrucke  die  stenosirte  Stelle  den  gestellten  Ansprüchen  nicht 
mehr  genügen  kann.  Die  ursprünglich  nur  geringe  Differenz  wird 
mit  dem  Wachstum  des  ganzen  Gefäßsystems  und  dem  Zurück- 
bleiben des  einen  kleinen  Teiles  immer  größer  und  documentirt 
sich  im  Zunehmen  der  Insvifficienaerscheinungen.  Der  Körper 
schafft  sicli  einen  Ausweg,  indem  er  dem  Blut,  das  die  stenosirte 

1)  Wiener  mediciuisclio  Presse,  1890,  No.    1. 


1,52        Jalirosboriclit  der  Sclilos.  Gcsollsohaft  für  vat.erl.  Ciiliiir. 

Stelle  uiohfc  zu  passireii  vermag,  durch  Auastomoseu  der  ober- 
halb des  Isthmus  aus  der  Aorta  abzweigenden  Arterienäste  mit 
den  Aesten  der  Aorta  descendeus  Abfluß  versohafft.  Zuerst  pflegen 
Anastomosen  der  visceralen  Aeste  der  Aorta  auszureichen,  und 
da  diese  vor  Einführung  des  Röntgenverfahrens  dem  Untorsucher 
nicht  sichtbar  waren,  so  konnte  auch  in  diesem  Stadium  bisher 
die  Diagnose  nicht  gestellt  werden.  Mit  Eintritt  der  Pubertät 
pflegen  auch  diese  Bahnen  niolit  mehr  auszureichen.  Herz  und 
Arterienrohr  wachsen  weiter,  und  so  wird  die  Stenose  relativ 
immer  größer,  der  vor  ihr  gelegene  Abschnitt  der  Aorta  wird 
aiifurysmatisch  erweitert,  die  allmählich  eingetretene  Hypertrophie 
des  linken  Ventrikels  nimmt  dauernd  größere  Dimensionen  an. 

Das  bald  nach  der  Geburt  über  dem  Manubrium  sterni  nach- 
weisbare Geräusch  wird  immer  lauter  und  pflanzt  sich  nach  rechts 
zu  der  Abgangsstelle  der  Collateralen  fort.  Bald  müssen  neue 
Bahnen  geschaffen  werden  und  diese  werden,  in  Anastomosen  der 
oberflächlichen  Arterien  hergestellt,  die  an  Brust,  Abdomen  und 
Rücken  sieht-  und  fühlbar  werden,  zuweilen  pulsiren  und  Ge- 
räusche aufweisen. 

Iq  diesem  Stadium  ist  dio  Diiiguose  kücht  und  schon  vielfach 
gestellt  worden.  Der  Zeitpunkt,  in  dem  der  Symptomencomplex 
zur  vollen  Entwicklung  gelangt,  ist  verschieden.  Er  hängt  von 
dem  absoluten  Grade  der  Stenose  und  von  den  Wachtumsver- 
hältnissen  des  befallenen  Lidividuums  ab.  Bei  manchen  Kranken 
bleibt  die  Affeotion  während  des  ganzen  Kindesalters  sozusagen 
latent  und  documentirt  sich  nur  in  unwesentlichen  physikalischen 
Symptomen,  deren  Deutung  unmöglich  ist. 

Tür  die  Differentialdiagnose  mit  angeborenen  Anomalien,  die 
ähnliche  Symptome  machen,  ist  besonders  wertvoll  die  Looalisation 
des  Geräusches  auf  der  rechten  Brustseite  und  die  Hj'pertrophie 
des  linken  Ventrikels.  In  einzelnen  Fällen  findet  sich  auch  eine 
Hetardiruug  dos  Pulses  der  Arterien ,  die  sich  unterhalb  der 
Stenose  von  der  Aorta  abzweigen  gegenüber  denen,  die  oberhalb 
der  Stenose  entspringen.  Das  Aneurysma  des  Aortenbogens  ist 
demgegenüber  neben  Reourrenslähmung  und  anderer  Looalisation 
der  Geräusche  durch  die  Ungleichheit  der  Pulse  auf  beiden 
Körperseiteu  zu  unterscheiden.  Dio  Prognose  der  Anomalie  ist 
relativ  gut.  la  der  Litteratur  wird  für  die  Patienten  ein  Durch- 
schnittsalter von  34  Jahren  berechnet;  unter  ihnen  befinden  sich 
sogar  Soldaten  mit  mehreren  Eeldzügen.  Der  liäuligste  Ausgang 
der  Affection  ist  die  Ruptur  der  Aorta  oder  des  Hoi'zons  sowie 
Gehirnblutungen. 


I.  Abteilung      Medioinische  Section. 


Um  nun  nochmals  zu  unserem  Falle  zurückzukehren,  so  sehen 
wir,  daß  die  Patientin  sich  in  dem  Stadium  befindet,  in  dem  der 
Organismus  mit  visceralen,  durch  das  Röntgenbild  nachgewiesenen 
Collateralen  auskommt.  Sie  befindet  sich  in  der  Ruhe  ganz  gut, 
zeigt  jedoch  schon  bei  geringen  Aufregungen  und  Anstrengungen 
eine  starke  Zunahme  ihrer  Cyanose,  so  daß  der  Organismus  wohl 
bald  für  neue  Collateralen  wird  sorgen  müssen. 

Ich  möchte  schließlich,  noch  auf  die  zwei  Zeichnungen  hin- 
weisen, die  ich  nach  Abbildungen  inVierordts  Darstellung  an- 
gefertigt habe.  Die  erste  zeigt  den  Entstehungsmodus  der 
Anomalie  nach  der  Hypothese  Rokitanskis,  die  zweite  ist  ein 
Schema  der  Collateralen,  das  von  Reynaud  angegeben  ist. 

Bei  der  Wahl  der  Delegirten  für  das  Präsidium  werden  die 
Herren  Neisser,  Partsoh,  Rosenfeld,  Tietze,  ühthoff 
gewählt 


ScüesiscliB  Gesfiisciiafi  fir  yaterläDiclie  Cütar. 


©^" 

-..^^ 

"" 

-■5^ 

82. 

I.  Abteilung. 

Jahresbericht. 

Medicin. 

1904. 

b.  Hygienische  Section. 

@.JL_^ 

^±^ 

_i^ 

Sitzungen  der  hygienischen  Section  im  Jahre  1904. 


I.  Sitzung  vom  20.  Januar  1904. 
I.  Nach  weiterer  Discussion  über  den  Bericht  der  Commission 
für  Anstellung  von  Schulärzten  an  höheren  Lehranstalten  werden 
die  von  den  Referenten  Herren  Dr.  Sana  o geh,  Dr.  Reich  und 
Prof.  Dr.  H.  Cohn  aufgestellten  Leitsätze  in  der  folgenden  Fassung 
angenommen : 

1.  Die  Anstellung  von  Schulärzten  für  höhere  Schulen  ist 
notwendig  mit  Rücksicht  auf  die  Schulen  und  die  Schüler. 

Gründe: 

a)  Die  längere  Dauer  des  Schullebens  und  die  intensivere 
geistige  Arbeit  in  den  höheren  Schulen  legen  die  Möglich- 
keit eines  gesundheitsschädlichen  Einflusses  gerade  hier 
besonders  nahe. 

b)  Die  hygienische  Ueberwachung  seitens  der  Eltern  ist  nicht 
immer  in  genügendem  Maße  vorhanden,  auch  nicht  immer 
ausführbar. 

c)  Statistische  Untersuchung  hat  ergeben,  daß  der  Gesundheits- 
zustand in  höheren  Schulen  ebenfalls  viel  zu  wünschen  übrig 
läßt. 

2.  Ohne  Einzeluntersuchungen  und  Beobachtungen  der  Schüler 
läßt  sich  der  Einfluß  der  Schule  auf  den  Gesundheitszustand  der 
Schüler  nicht  feststellen. 

3.  Die  Aufgaben  der  Schulärzte  in  den  höheren  Schulen  sind 
im  Wesentlichen  dieselben  wie  in  der  Volksschule. 

4.  Die  befriedigende  Lösung  der  Aufgaben  der  Schulhygiene 
auch  in  den  höheren  Schulen  kann  nur  durch  Zusammenwirken 
von  Schulärzten  und  hygienisch  vorgebildeten  Lehrern  erreicht 
werden. 

5.  Auch  der  Kampf  gegen  Tuberculose,  Alkoholismus  und 
nervöse  Erkrankungen  gehört  zu  deu  Aufgaben  der  Schulhygiene 
in  höheren  Schulen. 

1 


2  Jahresbej'icht  der  ScLles.  Gesellscljaft  für  vaterl.  Cultur. 

An  der  Disoussion  beteiligten  sich  die  Herren  Wo  If  f  berg  sen., 
Oebbecke,  Reich,  Steuer,  Samosoh,  Jacobi  und  H.  Cohn. 

II.  Im  Anschluß  an  diese  Disoussion  hält  Herr  Prof.  Dr.  H. 
Cohn  die  folgende  Rede: 

Auf  die  Bemerkungen  des  Herrn  Stadtarztes  Dr.  Oebbecke 
habe  ich  Tolgendes  zu  erwidern:  Derselbe  meint,  daß  das  von 
mir  geprägte  Wort  „diotatorisoher  Schularzt"  ihm  im  Anfange 
seines  schulärztlichen  Ueberwachungssystems  vor  zwei  Jahren 
Schwierigkeiten,  Empfindlichkeiten  und  Mißtrauen  bei  den  Lehrern 
eingebracht  habe.  Es  wäre  ein  trauriges  Zeichen  gerade  für  die 
Breslauer  Volkslehrer,  wenn  sie  deswegen  in  den  Angstruf 
„Der  Schularzt  kommt"  ausbrechen,  während  doch  eine  große 
Zahl  von  Lehrervereinen  und  hervorragenden  Pädagogen  sich  für 
Schulärzte  ausgesprochen  haben ,  so  der  Berliner  Lehrerverein, 
der  Berliner  Realschulmänner -Verein,  die  General-Versammlung 
des  allgem.  sächsischen  Lehrervereins,  die  8.  und  10.  General- 
Versammlung  des  rheinischen  Lehrertages,  der  7.  deutsche  Lehrer- 
tag, die  katholischen  Lehrervereine  von  Coblenz,  Wiesbaden, 
Duisburg,  die  Lehrer  in  Bremen  (wie  B  erninger  sie  zusammen, 
stellt).  Von  bedeutenden  Pädagogen  seien  nur  genannt:  Schiller 
(Dresden),  Herberioh  (München),  Schotten  (Halle),  Dörr- 
Grieben,  Autenrieth,  Glauning,  Seehausen  u,  A. 

Immerhin  ist  es  mir  lieb,  hier  Gelegenheit  zu  haben,  mitzu- 
teilen, wie  ich  zu  dem  Rufe  nach  dictatorisohen  Schulärzten 
gekommen  bin.  Ich  bitte  daher,  den  Schluß  der  Rede  „Ueber 
Schrift,  Druck  und  überhandnehmende  Kurzsiohtigkeit",  die  ich 
in  der  1.  allgemeinen  Sitzung  der  Naturforscher -Versammlung  i) 
in  Danzig  1880,  also  vor  24  Jahren  gehalten  habe,  vorlesen  zu 
dürfen.  Nach  Schilderung  der  jammervollen,  finsteren,  alten 
Schulen  Breslaus  sagte  ich:  „Es  handelt  sich,  wenn  wir  den 
Schäden,  die  ja  in  Menge  schon  aufgedeckt  sind,  wirklich  zu  Leibe 
gehen  wollen,  um  einen  Beamten,  der  mit  diotatorisoher  Ge- 
walt ausgerüstet,  alle  schlecht  beleuchteten Sohullocale  schließen, 
elendes  Schulmobiliar  kassiren  und  die  Gemeinden  zu  sofortiger 
Anschaffmig  körpergerechter  Subsellien  zwingen,  die  Schulbücher, 
die  zu  klein  und  zu  eng  gedruckt  sind,  beseitigen,  den  Lehrplan 
mit  Rücksicht  auf  Ueberanstrengung  mitbearbeiten,  genug  alle 
Schädlichkeiten  mit  fester  Hand  entfernen  kann,  die  das  Auge 
unserer  Schuljugend  bedrohen,  mit  einem  Worte:  um  den 
Schularzt. 


1)  Tiigebh  d.  Naturforsoher-Versammhiuff  in  Dnnzig,  188(J,  N(j.  3. 
Auch  Deutsche  llimdschau.  Decamberheft  188U. 


I.  Abteilung.    Hygienische  Sectioti. 


Derselbe  müßte  mit  den  größten  Machtvollkommenheiten 
ausgerüstet  werden  und  hätte  in  mancher  Stadt  wahrlich  reich- 
lich zu  thun.  Ist  es  z.  B.  zu  billigen,  daß  noch  heut  (1880)  in 
Breslau  in  Schulen  Unterricht  erteilt  wird,  die  bereits  vor 
15  Jahren  (186B)  von  einer  Commission  von  Aerzten  und 
Pädagoge*  als  zu  fins  ter  bezeichnet  worden?  Ist  ea  zu  billigen, 
daß  im  Elisabeth-  und  Magdalenen- Gymnasium  zu  Breslau,  deren 
Primen  und  Secunden  durch  die  Zahl  ihrer  Kurzsichtigen  eine 
traurige  Berühmtheit  erlangt  haben,  in  einer  Anzahl  Klassen  im 
Winter  mehrere  Stunden  am  Tage  Gas  und  noch  dazu  in  offener 
Flamme  ohne  Glocke  und  Cylinder  gebrannt  werden  muß? 

Allerdings  werden  die  neuen  Schulen  besser  gebaut;  aber 
immer  wieder  werden  neue  Generationen  in  die  alten  Schul- 
höhlen, gestatten  Sie  den  Ausdruck,  hineingezwungen!  Und 
wir  kennen  wenigstens  die  Mehrzahl  unserer  Klassen  und  haben 
die  schlechten  öffentlich  nomiuirt;  aber  wie  viele  unter  den 
60000  Schulen  in  Deutschland  existiren,  die  niemals  ein  ärzt- 
licher Fuß  betreten  hat?  Wie  wenige  Lehrer  können  sich 
überhaupt  erinnern,  einen  Arzt  in  ihrer  Klasse  gesehen 
zu  haben? 

Ja,  es  dürfte  eine  würdige  Aufgabe  für  die  hier  versammelten 
Aerzte  und  Naturforscher  sein,  in  ihrer  Heimat  nach  besten 
Kräften  dazu  beizutragen,  daß  das  edelste  Organ  unserer  Kinder 
mehr  geschützt  werde,  und  mitzuwirken,  daß  endlich  Schulärzte 
nicht  blos  mit  Sitz,  sondern  auch  mit  einflußreichster  Stimme  in 
den  SchulcoUegien  ihren  Platz  erhalten." 

So  sprach  ich  vor  24  Jahren.  Es  fehlte  natürlich  schon 
damals  nicht  an  Leuten,  die  meinten,  mit  der  Dictatur  sei  nichts 
anzufangen,  man  müsse  lieber  bemüht  sein,  in  immer  weiteren 
Kreisen  die  Einsicht  von  der  Nützlichkeit  und  Not- 
wendigkeit der  Reformen  zu  verbreiten;  polizeiliche  Ein- 
wirkung könne  nur  schädlich  wirken.  Ich  erwiderte  Herrn  Ober- 
bürgermeister Dr.  Winter:  „Bei  der  Kanalisation  von  Danzig 
könne  es  freilich  fraglich  sein,  ob  sie  so  nützlich,  so  allein 
empfehlenswert,  so  gesundheitsfördernd  wäre,  daß  man  ihret- 
wegen Millionen  opfern  müsse.  Während  es  also  für  so  kost- 
spielige und  in  ihrem  Endresultate  noch  nicht  Allen  ganz  ein- 
leuchtende Unternehmungen,  wie  die  Kanalisation,  gut  sein  mag 
zu  warten,  bis  die  Einsicht  von  der  Nützlichkeit  der  Reformen 
verbreitet  wird,  ist  dieses  Warten  bei  Durchführung  einer 
energischen  Schulhygiene  durchaus  nicht  richtig;  denn  es  wider- 

l* 


4  Jahresbericlit  der  Schlos.  Gosellsohaft  für  vaterl.  Cultiir. 

spricht  niemand  der  Ansicht,  daß  an  Stelle  finsterer  Klassen 
helle  Zimmer  kommen  müssen,  um  die  Myopie  zu  verringern. 

loh  speciell  habe  die  Ueberzeugung  gewonnen,  daß  man  nicht 
mehr  hier  warten  darf;  denn  infolge  dieses  Wartens  sind  seit 
fast  20  Jahren  trotz  beständiger  Belehrungen  und  Besprechungen 
von  Einzelnen  und  auf  Versammlungen  nachgewiesenermaßen 
Tausende  von  Schülern  wieder  kurzsichtig  geworden.  Wollen 
wir  so  weiter  warten,  so  werden  noch  mehrere  Generationen 
von  Schulkindern  in  den  alten  schlechten  Schullocalen  myopisch 
werden.  Aber  auch  auf  deren  Nachkommen  wird  sich  die 
Disposition  zur  Myopie  in  vielen  Fällen  übertragen. 

Also  ist  schnelle  Hilfe  nötig.  —  Gern  giebt  keine  Gemeinde 
Summen  zur  Beseitigung  alter  Gebäude;  da  wird  gern  gesagt: 
,Unsere  Väter  und  wir  haben  ebenso  gesessen,  da  mag  die 
jetzige  Generation  nur  auch  dort  weiter  gebildet  werden.  Nur 
keinen  Zwang,  nur  keine  Polizei!  Wir  werden  mit  der  Zeit 
das  schon  verbessern.'  —  loh  kann  nur  meinen  Wunsch  wieder- 
holen, statt  viel  zu  reden,  endlich  zu  handeln  und  durch  Ein- 
setzung staatlicher  Schulärzte,  die  eisern  vorgehen 
dürfen,  der  Myopieepidemie  schleunigst  Einhalt  zu  thun!" 

Wenn  ich  diese  vor  24  Jahren  gehaltene  Rede  wieder  lese, 
kann  ich  nur  beklagen,  daß  man  damals  keine  dictatorischen 
Schulärzte  anstellte.  Vieles  hätte  inzwischen  sich  gebessert,  was 
noch  20  Jahre  in  alter  Stagnation  geblieben! 

Der  Herr  Stadtarzt  Oebbecke  ist  erst  wenige  Jahre  hier 
und  kennt  die  früheren  Schulhöhlen  Breslaus  —  heut  möchte 
ich  sie  noch  treffender  als  Nachtasyle  bezeichnen  —  durchaus 
nicht.  Aber  auch  er  wäre  zurückgeprallt,  wenn  er  die  Parterre- 
klassen z.  B.  in  der  finsteren,  engen  Weißgerbergasse,  in  der 
Harrasgasse,  in  den  Gymnasien  gegenüber  der  hohen  Magdalenen- 
und  Elisabeth-Kirche  gesehen  hätte. 

Glauben  Sie,  meine  Herren,  daß  irgend  ein  Director  oder 
Lehrer  in  diesen  Höhlen  von  selbst  eine  Eingabe  je  gemacht 
hätte,  in  der  er  um  bessere  Lichtverhältnisse  oder  Verlegung  der 
Zimmer  gebeten  hätte?!  Die  größte  Lethargie  herrschte  unter 
der  Lehrerschaft.  Ich  bin  ja  überhaupt  der  erste  Arzt  gewesen, 
der  1865  die  Schulzimmer  betrat.  Und  wenn  ich  feststellte,  daß 
in  manchen  dieser  entsetzlichen  Parterrezimmer  70—80  pCt.  der 
Kinder  überhaupt  kein  Stückchen  Himmel  sahen,  und  später 
1884  z.  B.  feststellte,  daß  Mittags  12  Uhr  nur  1  Meterkerze 
Helligkeit  auf  den  Sohreibpulten  vorhanden  war,  glauben  Sie, 
daß  ein  Director  sich  bemüht  hätte,  Aeuderuug  zu  verlangen? 


Idygieuische  SecUou. 


Es  ist  keiue  UeberViebung  und  keine  Prahlerei,  sondern 
einfach  historische  Thatsache,  wenn  ich  sage:  Nur  ich  war  die 
treibende  Kraft,  die  allerdings  nur  durch  ewig  fortgesetzte  öffent- 
liche Angriffe  endlich  die  Beseitigung  der  elendesten  Schul- 
Nachtasyle  durchsetzte. 

Nun  ist  nach  40jährigem  Kampfe  meinerseits  das  Elisabeth- 
Gymnasium  geschlossen  und  in  ein  neues  helles  Haus  vor  dem 
Thore  verlegt  worden"). 

Wie  steht  es,  frage  ich  den  Herrn  Stadtarzt,  mit  dem  Mag- 
dalenen-Gymnasium?  Endlich  hat  man  nun  auch  eingesehen, 
daß  meine  wiederholte  Kritik  „diese  Anstalt  sei  zu  finster"  richtig 
ist.  Denn  ein  großer  Umbau  mit  riesigen  Fenstern  soll  bald 
vorgenommen  werden.  Ich  frage:  Warum  kommt  nicht  auch 
diese  Schule  in  ein  neues  Haus  vor  das  Thor?  Wenn  sie 
wieder  an  den  alten  Platz  vor  die  hohe  Magdaleuen-Kirche  ge- 
Ijaut  werden  soll,  so  wird  sie  finster  bleiben,  auch  wenn  sie  statt 
der  Mauern  nur  Glaswände  bekäme.  Denn  die  hohe  Kirche  und 
das  hohe  neue  Warenhaus  von  Barrasch  werden  ihr  stets  das 
llimmelslioht  rauben.    Schade  um  das  viele  Geld  für  den  Umbau^)! 

Wie  gut  wäre  es  gewesen,  wenn  ein  dictatorischer  Schul- 
arzt vor  20 — 30  Jahren  schon  diese  verderblichen  Locale  ge- 
schlossen hätte! 

Freilich,  seit  wir  unseren  ausgezeichneten  Oberbürgermeister 
Herrn  Dr.  Bender  haben,  änderte  sich  die  Situation  in  Breslau. 
Er  hat  meinen  Vortrag:  „Geschichte  und  Kritik  der  Breslauer 
Schulhygiene"  hier  im  Jahre  1891  in  der  Hygienischen  Section 
angehört,  und  nun  begann  das  ernste  Bestrebeii,  den  alten 
Schlendrian  aufzuheben  \ind  Reformen  einziiführen.  Seitdem  habe 
ich  auch  öffentlich  erklärt,  daß  ich  auf  den  dictatorischen 
Schularzt  verzichte  und  hoffe,  die  durchaus  nötigen  Verbesserun- 
gen werden  jetzt  schneller  geschehen. 

Wie  konnte  da  mein  vor  24  Jahren  gesprochenes  Wort  der 
Breslauer  Lehrerschaft  ein  Mißtrauen  gegen  den  Herrn  Stadiarzt 
einflößen?     üebrigens   konnte  ihm   ein   solches   eventuell   um   so 


2)  Wocliojilii.iL-  h;\l)i>  i<-lj  |)linluiiu'lTisol)e  iiniT  BnumwiukoliiioKSun- 
^■on  in  dorn  nlion  ( ly  muMsliuii  -viuiidit  iin.l  ilio  Finslornis  y.alilininiäßig 
nachgewioson  (vci'.ü,-!.  DouJischc  im'd.  AVoohensclir.,  1881,  TN'o.  :'.s);  diese 
Untersuchungen  sollen  auch  in  der  Festschrift,  die  beim  Umzüge  er- 
schienen, erwähnt  sein;  übersendet  wurde  mir  aber  die  Festaohrift 
nicht;  auch  kenne  ich  das  neue  Haus  nicht. 

■'•)  Der  Herr  Stadtarzt  gab  auf  meine  Frage  keine  Auskunft. 


Jfiliresbericht  dor  Schlos.  (lesellscliait  fltr  vafcrl.  CnlUi 


gleiohgiltiger  ^  soin ,  als  er  ja  officiell  vom  Magistrat  geschickt 
wurde  und  seinen  Anweisungen  Folge  gegeben  werden  mußte.  — 

Bei  dieser  Gelegenheit -will  ich  auch  nicht  unterlassen  zu 
beweisen,  daß  in  Breslau  gerade  die  Lehrer  in  der  städtischen 
öchuldeputation  seit  40  Jahren  dio  Verhinderer  hygieni- 
scher Fortschritte  waren,  und  daß  diese  Deputation  noch 
heut  den  Namen  einer  antihygienischen  Deputation  verdient. 

Diese  Deputation  kann  auf  folgende  antihygienisohe 
Leistungen  zurückblicken: 

1.  Im  Jahre  1866  schrieb  die  Pädagogische  Section  der 
Schlesischen  Gesellschaft  ein  Promemoria  „Zur  Verbesserung  der 
Schulzimmer",  in  welchem  sie  eine  Anzahl  unhygionisoher  Hcludon 
namentlich  aufführt  und  deren  Beseitigung,  sowie  richtig  gebaute 
Bänke  beantragt.  Trotzdem  wurde  im  Jahre  1867  an  dem  alten 
finsteren  Platze  das  Magdalenen- Gymnasium  wieder  neu  aufgebaut 
und  25  Jahre  mußten  vergehen,  bis  die  als  allerschlechtest  be- 
zeichneten Schulen  in  der  Weißgerber-  und  Harrasgasse  ver- 
lassen wurden. 

2.  In  jenem  Promemoria  1866  war  angeraten  worden,  statt 
der  alten  falschgehauten  Subsellien  neue  richtig  construirto  einzu- 
führen. Im  Jahre  1873  wurde  das  neue  Johannis- Gymnasium  mit 
gajiz  unrichtigen  Subsellien  mit  positiver  Distanz  eröffnet.  Wiederum 
wurde  eine  Commission  eingesetzt,  in  der  ich  auf's  Wärmste  für 
die  allein  richtige  negative  Distanz  eintrat.  Die  Schuldeputation 
beharrte  gerade  auf  Einführung  der  alten  schlechten  Bänke.  Ich 
trat  natürlich  mit  Separat- Gutachten  aus.  Heut  freilich  denkt 
man  allgemein  an  nichts  anderes  als  an  negative  Distanz. 

3.  Die  Deputation  stellte  bei  der  großen  Lehrerversammlung 
in  Breslau  im  Jahre  1874  ihre  falschgebauten  Subsellien,  die  sog. 
Bock'sche  Hockbank  aus;  der  Schulrat  Thiel  verteidigte  sie  in 
einer  großen  Zeitungspolemik  gegen  mich  und  ließ  immer  wieder 
Exemplare  für  die  neuen  Schulen  arbeiten. 

4.  Trotzdem  ich  in  Danzig  öffentlich  auf  die  jämmerlichsten 
Schullocale  Breslaus  mit  Fingern  hinwies,  ließ  man  sie  ruhig 
bestehen. 

5.  Endlich  entschloß  man  sich,  die  Parterreklassen  des  Elisa- 
beth-Gymnasium zu  räumen  und  1882  ein  drittes  Stockwerk  dort 
aufzusetzen ;  dazu  wxirden  die  Ferien  benutzt,  die  neuen  Zimmer 
aber  naß  nach  V^  Jahr  schon  bezogen.  Darob  Zeitungskampf 
zwischen  dem  Director  Dr.  Paech  und  mir. 

6.  Der  Genfer  hygienische  Oongreß  spricht  sich  für  Schul- 
ärzte aus.     Die  Deputation  reagirt  darauf  nicht. 


I.  Abteilung.     Hygionische  Section. 


7.  Prof.  Weber  erfindet  sein  Tagesliohtphotometer  1884. 
Meine  Messungen  ergeben  die  traurigsten  Zahlen  iu  vielen  Schulen, 
mitunter  nur  1  Meterkorze  in  der  Mittagsstunde.  Daher  mein 
Vortrag  1886  in  der  Hygienischen  Section,  daß  Schulärzte  an- 
gestellt werden  müßten.  57  Aerzte  erbieten  sich  freiwillig 
zu  unentgeltlicher  Thätigkeit.  Eingabe  der  Hygienisoheu 
Section  mit  der  Bitte,  sie  anzustellen.  Schroffe  principielle  Ab- 
lehnung jeglicher  Schularztanstellung  seitens  der  Sohuldeputatiou, 
da  „durch  Schulärzte  Vorurteil  und  Mißtrauen  gegen  die  Schul- 
behörden entstehen  würde". 

8.  Internationaler  hygienischer  Oongreß  in  Wien  1887.  Meine 
These  „In  jeder  Schulcommission  muß  ein  Arzt  Sitz  und  Stimme 
haben"  wird  vom  Comite,  versendet.  Die  Sohukleputation  schickt 
Herrn  Stadtschulrat  Tfundtner  nach  Wien,  um  diese  These  zu 
Fall  zu  bringen;  sie  wird  aber  mit  170  gegen  2  Stimmen  an- 
genommen. 

9.  Es  wird  1891  ein  Schularzt  (für  alle  Schulkinder!)  Breslaus 
in  die  Deputation  aufgenommen,  der  nur  als  Soheinachularzt  be- 
zeichnet werden  konnte. 

10.  Der  Stadtarzt  Dr.  0 ebbecke,  welcher  25  Schulärzte  für 
die  50000  Volkschüler  auf  Wunsch  des  Magistrats  im  Jahre  1901 
angestellt  hat,  weigert  sich  im  Jahre  1903,  besondere  Schul- 
augenärzte anzustellen. 

11.  Die  Gymnasialdeputation  lehnt  die  Anstellung  von  Schul- 
ärztou  au  den  höhereu  Lehranstalten  ab,  obgleich  auf  Ersuchen 
des  Magistrats  der  Stadtarzt,  die  hygionische  Section  und 
die  Aerztekammer  dieselbe  dringend  empfohlen  hat.  Eine 
würdige  S  c  h  1  u  ß  1  o  i  s  t  u  n  g  der  Breslauer  Gymnasialschuldoputation, 
die  zur  Hälfte  aus  höheren  Lehrern  besteht! 

Es  entsteht  die  Frage,  ob  es  nicht  endlich  an  der  Zeit  wäre, 
durch  Sendung  einer  größeren  Zahl  von  Aerzten  iu  diese  Deputation 
die  antihygienisohen  Directoren   in  die  Minorität  zu  bringen. 

Hier  in  Breslau  gehen  die  Reformen  infolge  dieser  Hemmungs- 
Commission  eben  äußerst  langsam  voran.  Vielleicht  werden  im 
Jahre  1944  unsere  jetzigen  Wünsche  erfüllt  sein! 

Was  die  Frage  nach  Augenärzten  in  Schulen  betrifft,  so 
stehe  ich  auf  dem  entgegengesetzten  Standpunkte  wie  der  Herr 
Stadtarzt. 

Er  meint,  durch  meine  Kritik  seines  ersten  Jahresberichts 
seien  ihm  neue  Widerstände  erwachsen.  Ich  bitte  ihn,  mir  auch 
nur  eine  Zeile  zu  zeigen,  in  der  ich  seinen  Bericht  als  solchen 
angegriffen  hätte.    Ich  habe  nur  auf  den  großen  Fehler  desselben 


8 jTahresbonchl;  der  Schlcs.  Gesellscbal'i  für  vatnrl.  Oulkir. 

betreffs  der  Augenkrankheiten  hingewiesen,  und  das  mußte  ge- 
schehen und  wird  alljährlich  weiter  geschehen,  weil  hier  eine 
große  organische  Unrichtigkeit  vorliegt;  wir  haben  bisher 
keine  Augenhygieue  in  den  Schulen,  weil  der  Stadtarzt 
principiell  keine  Augenärzte  in  den  schulärztlichen  Dienst 
einstellen  will.  Und  dagegen  muß  unbedingt  gekämpft  werden. 
Wenn  Herr  Prof.  Burger  st  ein  den  Bericht  des  Herrn  Dr. 
Oebbecke  brieflich  gelobt  hat,  so  geschah  es,  wie  er  mir 
schreibt,  in  erster  Linie  meinetwegen;  denn  es  freute  ihn,  „daß 
nun  endlich  einmal  in  Breslau  etwas  geschehen  und  darüber 
berichtet  wird.  Hinsichtlich  des  oculistischen  Teiles  bin  ich, 
schreibt  er,  natürlich  ganz  inoompetent." 

Dagegen  schreibt  Dr.  Ingerslev,  Schularzt  und  Augen- 
arzt in  Randers  in  Dänemark:  „Welch  unübersichtlicher  Jahres- 
bericht! die  Augenuntersuchungsresultate  darin  sind  ja  völlig 
wertlos!" 

Der  Herr  Stadtarzt  sagte:  „Den  Bericht  müsse  man  als 
Ganzes  beurteilen;  Einzelnes  herauszugreifen  hat  keinen  Wert." 
Ganz  im  Gegenteil.  Wie  soll  Besserimg  kommen,  wenn  die  Kritik 
nicht  einzelne  Fehler  besprechen  dürfte!  Wer  etwas  drucken 
läßt,  muß  Kritik  ertragen  können. 

Um  alle  anderen  Krankheiten,  die  der  Bericht  bringt  habe 
ich  mich  gar  nicht  gekümmert;  ich  bin  streng  bei  meinem  Leisten 
geblieben,  und  da  glaube  ich  durch  eigene,  jahrzehntelange  Ar- 
beiten mich  als  Sachverständiger  legitimirt  zu  haben. 

Und  die  Augenleiden  sind  die  Hauptsache  unter  den 
Schulkrankheiten.  Ueber  sie  gerade  muß  klar  berichtet  werden. 
Sie  wissen  ja  aber  gar  nicht,  was  den  Augen  fehlt,  und  doch  wollen 
Sie  sie  überwachen?! 

Sie  schreiben;  831  Kinder  hatten  herabgesetztes  Seh- 
vermögen. Was  heißt  das?  Wodurch  ist  es  herabgesetzt?  Da 
können  die  verschiedensten  Leiden  Ursache  der  Herabsetzung 
sein.  Was  würde  man  sagen,  wenn  Sie  800  Kinder  anführen 
würden  mit  herabgesetztem  Geh  vermögen?  Da  kann  Rücken- 
markslähmung, Beinbruch,  Kniegelenkleideu  die  Veranlassung 
sein,  die  doch  ganz  verschieden  beurteilt  und  überwacht  werden 
müßten. 

Fern  sei  es  von  mir,  den  Bericht  als  solchen  im  All- 
gemeinen anzugreifen.  Aber  was  ist  das  für  ein  Bericht,  der 
angiebt,  daß  in  sechs  Schulen  (Sohulbezirk  2  von  Schularzt  Dr. 
Toeplitz)  unter  2366  Kindern  auch  nicht  ein  einziger  Fall 
von  Sehschwache  oder  Kurzsiohtigkeit  oder  Augenkrankheit  vor- 


T.  Al)(cil\iiig.     Hygionischo  Seclioii. 


gekommen  sei!  Das  ist  ganz  unmöglich!  Solclie  Statistik  ist 
keine  Statistik.  Muß  denn  gedruckt  werden,  daß  ein  Knabe  in 
der  3.  Klasse  im  16.  Schulbezirk  an  „Bettnässen"  und  ein  Mädchen 
der  6,  Klasse  im  3.  Schulbozirk  an  „Kopfläusen"  gelitten  hat? 
Aber  das  Wort  Kurzsichtigkeit  existirt  gar  nicht  in  dem 
Bericht,  geschweige  die  hochwichtige  Procentzahl  der  Kurz- 
sichtigen ! 

Der  Herr  Stadtarzt  sagt:  Gerade  auf  die  Differenzen,  welche 
die  26  Schulärzte  gefunden  haben,  komme  es  an.  Auch  die 
Fehler  der  Einzelnen  sollen  durch  den  Druck  in  den  Tabellen 
zum  Ausdruck  kommen.  Ob  solche  Fehler,  wie  der  im  zweiten 
Schulbezirk  gemachte,  den  teuren  Tabellendruok  lohnen,  scheint 
mir  sehr  zweifelhaft;  besser  wäre  es,  solche  Tabellen  nicht  zu 
veröffentlichen. 

Der  Herr  Stadtarzt  sagte  wörtlich:  „Wir  werden  un- 
bedingt dabei  bleiben,  daß  wir  uns  auf  augenärztlicho 
Untersuchungen  gar  nicht  einlassen;  unsere  Schulärzte 
stellen  fest,  wie  jeder  Landarzt:  das  Kind  hat  herabgesetztes 
Sehvermögen;  die  Fjltorn  bekommen  ihre  Mitteilung,  daß  das 
Kind  einem  Specialisten  zugeschickt  werden  soll.  Und  in  allen 
Polikliniken  macht  es  sich,  wie  mir  Prof.  Uhthoff  mitteilte,  be- 
merklich, daß  viele  Fälle  aus  den  Schulen  zur  Beratung  kommen." 

Dieser  Standpunkt,  den  der  Herr  Stadtarzt  durchaus  bei- 
behalten will,  ist  es  eben,  den  ich  immer  bekämpfen  werde  und 
der  über  kurz  oder  lang  fallen  muß.  Wenn  wir  das  schul- 
ärztliche Thätigkeit  und  Ueberwaohung  nennen  wollen,  dann 
brauchen  wir  überhaupt  keine  Schulärzte.  Da  kann  im  Anfange 
des  Semesters  der  Lehrer  fragen: 

Wer  von  Euch  sieht  schlecht?     Ab  in  die  Augenklinik! 

Wer  von  Euch  hustet?     Ab  in  die  innere  Klinik! 

Wer  von  Euch  hat  einen  Ausschlag?    Ab  in  die  Hautklinik! 

Wer  von  Euch  hat  eine  Knochenkrankheit?  Ab  in  die 
chirurgische  Klinik!  etc.  etc.  Wozu  sind  dann  überhaupt  noch 
Schulärzte  nötig? 

Gefreut  hat  es  mich,  vom  Herrn  Stadtarzt  zu  hören,  daß 
acht  Brillen  an  arme  Kinder,  auch  einige  Stahlschienen  und 
Corsets  an  Kinder  mit  Verkrümmungen  geschenkt  worden  sind. 
Diese  Unterstützungen  aus  öffentlichen  Mitteln  werden  von  den 
Eltern  nicht  gern  nachgesucht,  da  der  Vater  sonst  der  politischen 
Rechte  verlustig  geht.  Meiner  Ansicht  nach  würden  von  den 
50000  Kindern   mindestens  3— BOOO  Brillen   brauchen.     Sehr  an- 


10  Jahrenhoi'icht  der  f-iclilos.  rieKollschnfl,  für  v.itorl.  V,\\\iur. 

erkeutieiiswert  ist  es,  daß  auch  Milch  in  den  Öohuloii  frei  vor- 
abreicht werden  soll. 

Dagegen  muß  ich  jedoch  protestiroii,  daß  der  Stadtarzt  sagte; 
„Wenn  unsere  Schulärzte  sich  auf  specialistisohe  Untersuchungen  ein- 
lassen sollten,  würde  alles  verpfuscht  werden;  daß  wir  auf  richtigem 
Wege  sind,  werden  Sie  zugeben." 

Nein,  das  gebe  ich  durchaus  nicht  zu;  das  ist  ja  der 
Grund  unserer  Disharmonie.  Sie  wollen  die  Augenkranken  in 
die  Polikliniken  einfach  abschieben  und  das  soll  eben  die  Schul- 
hygiene nicht;  sie  soll  systematisch  uns  ein  ßild  von  dorn 
Augenzustande  aller  Kinder  geben.  Ich  hoffe,  daß  meine  Bitte, 
die  ich  in  wenigen  Tagen  an  den  Magistrat  in  einem  schon  im 
Druck  befindlichen  offenen  Briefe  richten  werde,  erfüllt  worden 
wird,  Derselbe  wird  auch  in  der  „Wochenschr.  f.  Hygiene  des 
Auges"  ausführlich  erscheinen. 

Hätte  ich  gestern  gewußt,  was  ich  heut  weiß,  daß  der  Herr 
Stadtarzt  allen  Argumenten  zum  Trotz  ausdrücklich  hier  erklären 
wird;  Ich  werde  doch  mit  den  Berichten  so  weiter  fort- 
fahren wie  bisher,  so  hätte  ich  freilich  meine  Eingabe  an  den 
Magistrat  noch  energischer  geschrieben. 

Denn  der  Einwand  von  Herrn  Collegon  Oebbeokc  ist  ganz 
hinfällig,  daß  die  verschiedenen  Specialisteu,  als  evont.  Augen-, 
Ohren-  und  Zahnärzte,  gleichzeitig  mit  den  Schulärzten  in  den 
Klassen  erscheinen  und  gemeinsam  den  Unterricht  stören  würden. 
Diese  Specialisteu  können  und  sollen  ihre  Haupt thätigkeit  nicht 
in  der  Klasse,  sondern  auf  dem  Turnplatz  und  in  einem  kleinen 
Privatzimmer  ausüben,  sie  können  also  die  allgemeinen  Schul- 
ärzte gar  nicht  stören! 

Ich  erkläre  schließlich  nochmals  öffentlich,  daß  tler  Herr 
Stadtarzt  sich  durchaus  täuscht,  wenn  er  glaubt,  daß  ich  gegen 
seine  Person  das  Geringste  habe  oder  aigrirt  sei;  ich  sehe  wohl, 
daß  er  ein  sehr  fleißiger  Beamter  ist.  Aber  in  dem  einen 
Punkte  bleibe  ich  sein  unerbittlicher  Gegner,  und  ich  vi'erde  ja 
Ostern  in  Nürnberg  auf  dem  I.  internationalen  Schulhygieno- 
Congreß  Gelegenheit  haben,  mit  ihm  das  Detail  auszukämpfen, 
wobei  ich  auch  die  finanzielle  Frage  beleuchten  werde.  Ich 
habe  dieselbe  bei  meinem  neuen  Vorschlage,  den  ich  jetzt  dem 
Magistrate  unterbreite,  so  dargestellt,  daß  für  zwei  Augenärzte, 
die  ich  probeweise  dem  schulärztlichen  Dienste  einzufügen  bitte, 
nur  1000  Mark  zu  bezahlen  sind,  eine  Summe,  welche  für  eine 
Stadt  wie  Breslau  kaum  eine  Eolle  spielen  kann. 

Ich  bitte  Sie  dringend,  meine  Herren,  meinen  offenen  Bi'ief 


^ 


I.  Abteiliiiiß-.     Hygieiiischo  Sdctioi 


an  den  Magistrat  zu  studiren,  und  ich  hoffe,  Sio  werden  mir  bei- 
])t]iohten. 

Zusätzlich  bemerke  ich  iu  Erwiderung  des  Satzes  von  Herrn 
Stadtarzt  Dr.  Oebbecke,  daß  ich  am  29.  April  1903  meinen 
Vortrag:  „Warum  müssen  besondere  Schul augenärzte  angestellt 
werden?"  gehalten,  obgleich  er  damals  eine  Urlaubsreise  an- 
getreten. Folgendes: 

Der  Vortrag  konnte  damals  nicht  auf  sechs  Wochen  ver- 
schoben werden,  weil  er  als  Einleitung  für  die  für  den  13.  Mai 
einzuberufende  Sitzung  betr.  der  Frage  der  Anstellung  von  Schul- 
ärzten au  höhereu  Schulen,  zu  dem  die  Mitglieder  der  Aerzto- 
kammer  geladen  wurden,  nötig  war. 

Herr  Stadtarzt  Dr.  Oebbecke  hält  seine  früheren  Aeußerun- 
gen  in  ganzer  Ausdehnung  aufrecht,  insbesondere  auch  was  er 
über  die  Worte  des  Herrn  Cohn  von  der  dictatorisohen  Gewalt 
des  Schularztes  und  ihrer  ungünstigen  Wirkung  gesagt  habe. 

Herr  Professor  Dr.  Jacobi  hält  die  Kurzsichtigkeit  bei  den 
höheren  Schulen  für  die  wichtigste  Schulkrankheit  und  daher 
ihre  sachverständige  Feststellung  und  Ueberwaohung  bei  den 
höheren  Schulen  für  unerläßlich.  Herr  Samosch  stelle  mit  Un- 
recht die  wissenschaftliche  Tbätigkoit  in  einen  Gegensatz  zu  der 
praktischen  der  Schulärzte.  Auch  die  Eiuzelbcobaohtungon  müßten 
in  wissenschaftlicher  Weise  vorgenommen  werden,  sonst  gäben 
die  Tabellen  trotz  der  größten  Zahlen  immer  nur  Summen  von 
Unrichtigkeiten  und  verdienten  nicht  veröffentlicht  zu  werden. 
Die  Section  erkenne  die  Verdienste  des  Herrn  Dr.  Oebbecke 
um  die  Organisation  des  schulärztlichen  Dienstes  in  Breslau  an, 
halte  aber  eine  Kritik  der  bisherigen  bezüglichen  Leistungen  in 
diesem  sachverständigen  Kreise  nicht  nur  für  zulässig,  sondern 
auch  für  nützlich,  da  solche  Dingo  sonst  leicht  in  Formalismus 
und  Schematismus  erstarreu.  Bedauerlich  sei,  daß  die  Disoussiou 
zwischen  den  Herren  Cohn  und  Oebbecke  sich  zu  persönlich 
zugespitzt  habe  und  in  die  breiteste  Oeffentlichkeit  gebracht 
worden  sei.  Der  Sache  würde  ein  einträchtiges  Arbeiten  förder- 
licher sein. 

Herr  Reich:  Die  letzten  Ausführungen  des  Herrn  Collegen 
Samosch  kann  ich  nicht  unwidersprochen  lassen,  da  mir  sein 
Standpunkt  doch  ein  einseitiger  zu  sein  scheint.  Gewiß  ist  die 
Einrichtung  der  Schulärzte  aus  praktischen  Gesichtspunkten  heraus 
erfolgt.  Sollen  sie  aber  ihre  Aufgabe  erfüllen,  sollen  sie  die 
Gesundheitsstörungen  der  Schüler  durch  die  Schule  feststellen 
und  auf  Abhilfe  sinnen,  so  müssen  sie  sich  in  ihre  Aufgabe  wissen- 


12  .laliroshcricht  dor  Sclilos.  GeKeliscliaft  ITir  valüd.  Ciill.iir. 

sohaftliüh  vertiefeu ,  miisseu  wissenschaftlich  den  Zusammenhang 
zwischen  Schule  und  Schulkrankhoiteu  feststellen.  loh  möchte 
als  Analogen  an  die  Thätigkeit  der  Aerzte  bei  der  staatlichen 
Unfall-  und  Invaliditäts-Versioherung  der  Arbeiter  erinnern.  Auch 
hier  fiel  den  Aerzten  die  praktische  Aufgabe  zu,  die  Unfall- 
erkrankung festzustellen  und  den  Grad  der  Erwerbsunfähigkeit 
anzugeben.  Um  aber  diese  Aufgabe  erfüllen  zu  können,  mußte 
wissenschaftlich  der  Zusammenhang  zwischen  Verletzung  und  Er- 
krankungen, insbesondere  innere  Erkrankungen,  nachgewiesen 
werden.  Es  entstand  daraus  eine  neue  Speoialwissensohaft,  die 
Lehre  von  den  Unfallkrankheiton. 

So  werden  auch  unsere  Scliulärzto  nicht  umhin  können,  bei- 
spielsweise der  schweren  Frage  der  Ueberbürdung  der  Schüler 
wissenschaftlich  näher  zu  treten. 

Nun  sei  es  mir  noch  gestattet,  mit  einer  kurzen  Bemerkung 
auf  die  Controverso  zwischen  Herrn  Prof.  Colin  und  Herrn  Stadt- 
arzt Oebbecke  einzugehen.  Meiner  Ansicht  nach  ist  die  Differenz 
in  beider  Standpunkt  gar  nicht  so  groß.  Auch  Herr  Oobbeoke 
ist  von  der  Notwendigkeit  der  Schulaugenärzte  überzeugt.  Wenn 
er  sich  aber  zur  Zeit  gegen  die  Austeilung  derselben  ausspricht, 
so  thnt  er  es  wohl  nur  in  Rücksicht  auf  die  finanzielle  Lage  der 
Commune.  Für  mich  besteht  kein  Zweifel,  daß  über  kurz  oder 
lang  die  Präge  in  bejahendem  Sinne  gelöst  werden  muß,  da  der 
gegenwärtige  Usus,  deu  augenkranken  Schüler  zu  überlassen,  ob 
sie  sich  an  Augenärzte  oder  Augenkliniken  wenden  wollen,  nur 
ein  Notbehelf  ist. 

Herr  Samoseh:  Für  die  Beurteilung  schulärztlicher  Erfolge 
und  Berichte  dürfte  es  zweckmäßig  sein,  sich  zunächst  darüber 
klar  zu  werden,  welche  Aufgaben  der  schulärztliche  üeberwachungs- 
dienst  zu  losen  hat,  ob  er  neben  seineu  praktischen  Zielen  der 
Förderung  medicinischer  Wissenschaft  dienen  soll  und  kann ,  ol) 
er  z.  B.  auf  die  Lösung  einzelner  medicinischer  Problome  zu- 
geschnitten sein  soll  oder  ob  er  im  Wesentlichen  nur  als  eine 
social- hygienische  Maßregel  mit  ausschließlich  praktischen  Zielen 
zu  betrachten  sei.  Von  vornherein  muß  zugegeben  werden,  daß 
das  Eine  das  Andere  nicht  ausschließt;  es  fragt  sich  nur,  welcher 
Gesichtspunkt  soll  bei  Beurteilung  schulärztlicher  Thätigkeit  der 
leitende  seinV  Für  die  Beantwortung  dieser  Frage  dürfte  es 
zweckmäßig  sein,  Volksschulen  und  höhere  Schulen  mit  Rücksicht 
auf  i^ie  ganz  verschiedenartige  Organisation  gesondert  zu  betrachten. 
Was  die  ersteren  nun  anlangt,  so  möchte  ich  allerdings  glauben, 
daß  hier  der  schulärztliche  Ueberwachungsdienst  im  Wesentlichen 


I.  Abteilung.    Hjrgienische  Seotion.  13 

nur  rein  praktischen  Zielen  zu  dienen  hat;  der  Schularzt  soll  den 
Gesundheitszustand  der  Kinder  feststellen,  beobachten  und  cou- 
troliren,  um  verborgene  Krankheitskeime  zu  entdecken  und  recht- 
zeitige ärztliche  Behandlung  zu  veranlassen.  Der  Sclmlarzt  an 
Volksschulen  ist  eigentlich  kein  Schularzt,  sondern  ein  Volksarzt 
—  sit  venia  verbo  — ,  dem  die  Aufgabe  zufällt,  die  Lehren  der 
Hygiene  und  der  Prophylaxe  in  das  Volk  hineinzutragen;  er  ist  in 
seiner  amtlichen  Thätigkeit  nicht  Forscher,  sondern  hygienischer 
Lehrer  des  Volks.  Daraus  ersieht  man,  daß  eine  exacte,  bis  in's 
feinste  Detail  ausgearbeitete  Diagnosenstellung  nicht  Vorbedingung 
schulärztlicher  Thätigkeit  ist;  es  genügt,  die  ev.  vorhandene  Ab- 
weichung von  der  Norm  als  solche  festzustellen  und  nach  Kräften 
auf  Beseitigung  des  Krankheitszustandes,  durch  die  an  die  Eltern 
gerichtete  Aufforderung,  anderweitig  ärztlichen  Rat  nachzusuchen, 
zu  dringen.  Die  Beantwortung  medioinischer  Probleme,  die  sehr 
sorgfältige  und  zeitraubende  Untersuchungen  voraussetzt,  kann 
nicht  in  den  Rahmen  des  systematischen,  schulärztlichen  Ueber- 
wachungsdienstes  an  Volksschulen  fallen,  der  ausschließlich  den 
Zwecken  einer  praotischen  Volkshygiene  zu  dienen  hat.  Auch 
für  das  Studium  des  Schuleinflusses  auf  die  Gesundheit  der 
Kinder  dürfte  die  Volksschule  nicht  gerade  der  geeignete  Platz 
sein,  da  bei  den  Volksschulkindern  der  Schuleinfluß  gegenüber 
den  sonstigen  event.  gesundheitsschädlichen  Lebensbedingungen 
nicht  sehr  in  Betracht  kommt.  Gleichwohl  dürfte  aus  der  schul- 
ärztlichen Thätigkeit  der  medioinischen  Wissenschaft  ein  sehr 
beträchtlicher  Nutzen  erwachsen,  und  zwar  wie  ich  in  üeberein- 
stimmung  mit  Herrn  Dr.  Reich  annehmen  möchte,  ganz  analog 
der  Förderung  der  Medicin ,  die  dieselbe  durch  ihre  Mitwirkung 
an  der  Versicherungsgesetugebmig  erfahren  hat.  Wenn  nämlich 
innerhalb  der  nicht  zu  weit  zu  ziehenden  Grenzen  des  schulärzt- 
lichen Wirkungskreises  exaot  und  sorgfältig  nach  wissenschaft- 
lichen Prinoipien  gearbeitet  wird,  so  dürfte  eine  Fülle  wissen- 
schaftlichen Materials  gewonnen  werden,  dessen  Bearbeitung  und 
Sichtung  eine  wertvolle  Bereicherung  unserer  Wissenschaft  be- 
deuten würde,  xmä  die  uns  vielleicht  einmal  zu  einer  Rassen- 
hygiene, um  einen  Ausdruck  von  Prof.  Tietze  zu  gebrauchen, 
führen  wird.  Falsch  aber  wäre  es,  die  wissenschaftlichen  Be- 
dürfnisse der  Medioin  in  den  Vordergrund  als  leitenden  Gesichts- 
punkt des  schulärztlichen  Ueberwachungsdienstes  an  Volksschulen 
zu  stellen.  Dadurch  könnte  die  segensreiche  schulärztliche  In- 
stitution ihrer  eigentlichen  Aufgabe,  Verbreitung  der  Hygiene  im 
Volke,   entfremdet  werden,     lieber  die  Aufgaben   des  Schularzt- 


14^    ^  Jahresbericht  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vatei'l.  Cultur. 

liehen   Dienstes    an    höheren  Schulen  habe    ich   mich  bereits   in 
einem  Vortrage  im  Sommer  v.  J.  ausführlicher  ausgesprochen. 

II.  Sitzung  vom  24.  Tebruar  1904. 

1.  Herr  Prof.  Dr.  R.  Stern  sprach  über  Armenpflege  und 
Tuberculosebekämpfung. 

Die  Heilstättenbehandlung  kann  —  entsprechend  ihren  ludi- 
oationen  und  ihrer  Kostspieligkeit  —  nur  einer  verhältnismäßig 
kleinen  Zahl  von  Lungenkranken  zu  Gute  kommen. 

In  hygienischer  Hinsicht,  d.  h.  bezüglich  der  Ansteokungs- 
fähigheit,  sind  gerade  diejenigen  Fälle,  welche  sich  nicht  bezw. 
nicht  mehr  zur  Heilstättenbehandlung  eignen,  besonders  wichti«-. 

Die  Bekämpfung  der  Tuberculose  muß  ausgehen: 

1.  Auf  eine  Ermittelung  der  Kranken, 

2.  auf  eine  Unschädlichmachung  der  von  ihnen  ausgeschiedenen 
Infectionserreger. 

Bezüglich  der  Ermittelung  der  Kranken  sind  wir  —  bis  zu 
einer  etwaigen  späteren  gesetzlichen  Regelung  der  Anmeldung  — 
auf  freiwillige  Meldungen  angewiesen. 

Nach  dieser  Richtung  können  die  in  den  letzten  Jahren  in 
verschiedenen  Stätten  Deutschlands  eingerichteten  besonderen 
Polikliniken  bezw.  poliklinischen  Sprechstunden  für  Lungen- 
kranke, —  wie  sie  auch  hier  in  Breslau  an  der  medicinischen 
TJniversitäts- Poliklinik  abgehalten  werden  —  von  großem  Nutzen 
sein,  indem  sie  die  unbemittelte  Bevölkerung  veranlassen,  sich 
frühzeitig  bei  den  ersten  Anzeichen  einer  Lungenerkrankung 
untersuchen  zu  lassen.  In  derartigen  Polikliniken  kann  die  physika- 
lische Untersuchung,  ebenso  die  bacteriologisohe  Untersuchung 
des  Auswurfs  in  zweifelhaften  Fällen  wiederholt  ausgeführt  werden, 
was  dem  beschäftigten  Armen-  oder  Kassenarzt  nicht  immer 
möglich  ist. 

In  diesen  Polikliniken  sollen  die  Kranken  nicht  nur  unter- 
sucht, sondern  auch  bezüglich  ihres  Verhaltens  in  hygienischer 
Beziehung  belehrt  werden.  Eine  Behandlung  wird  im  Allgemeinen 
nicht  beabsichtigt  und  nur  auf  Wunsch  der  betreffenden  Armen- 
oder Kassenärzte  übernommen. 

Eine  weitere  Einrichtung,  die  auch  in  Deutschland  schon 
Beräoksichtigung  gefunden  hat,  sind  die  in  Frankreich  und  Belgien 
während  der  letzten  Jahre  eingerichteten  Dispensaires  anti- 
tuberculeux.  Vortr.  verweist  auf  den  folgenden  Vortrag  von 
Freymuth. 


I.  Abteilung.     Hygieiiischo  Sootiüii.  15 

Aber  auch  bei  der  jetzigen  Organisation  unserer  Armenpflege, 
die  gerade  hier  in  Breslau  eine  sehr  gute  ist,  kann  manches 
geleistet  werden,  wenn  die  Armenpfleger  und  Armenpflegerinneu 
bei  Gelegenheit  ihrer  Eesuohe  in  den  Wohnungen  durch  Baiehrung, 
durch  Drängen  auf  ärztliche  Untersuchung  und  weiterhin  durch 
Zuweisung  geeigneter  Unterstützungen  die  speoiellen  Aufgaben 
der  TuberouloBebekämpfung  fördern  helfen. 

Sind    die  Kranken    durch    ärztliche  Untersuchung   ermittelt, 
so  ergeben  sich  im  Einzelnen  folgende  praktische  Aufgaben: 
I.  Belehrung  der  Kranken. 

1.  Bezüglich  der  Vorsichtsmaßregeln  beim  Husten  und  bei 
Beseitigung  des  Auswurfs,  beim  Verkehr  mit  ihrer  Familie  u.  s.  w. 

2.  Bezüglich  ihrer  Ernährung  und  sonstigen  Lebensweise. 

II.  Unterstützung  der  Kranken. 

1.  Behufs  Verminderung  der  Infectionsgefahr  in  der 
Wohnung: 

a)  Durch  Lieferung  von  Spucknäpfen  und  Spuckfläschchen 
(geschieht  bereits  seitens  der  Armenverwaltung). 

b)  Formalin-Desinfeotion  der  Kleidung  und  Wohnung  nach 
Todesfällen  bezw.  Ueberführung  eines  Schwerkranken  in 
ein  Krankenhaus. 

c)  Zeitweilige  Entlastung  der  Wohnung  und  der  Familie  durch 
Entfernung  des  Kranken  in  ein  Krankenhaus  oder  eine 
Heimstätte;  ist  dies  nicht  thunlich,  dann  event.  Entfernung 
der  gefährdeten  Kinder  in  ein  Kinderheim  oder  zu  gesunden 
Verwandten. 

d)  Zumietung  eines  Zimmers  in  solchen  Fällen,  in  denen  ein 
Schwerkranker  mit  seiner  Familie  in  einem  Räume  lebt  (Stadt- 
rat Pütter  in  Halle).  Durch  Controle  seitens  der  Armen- 
pfleger bezw.  Armenpflegerinneu  kann  eine  mißbräuchliche 
Benutzung  des  zugemieteten  Zimmers  verhütet  werden. 

2.  Zum  Zwecke  ihrer  Behandlung. 

Bis  zur  Entdeckung  einer  etwaigen  specifischen  Therapie 
sind  wir  auf  die  hygienisch-diätetische  Behandlung  angewiesen. 
Außer  Unterstützung  der  Kranken  zum  Zwecke  einer  ausreichenden 
Ernährung  und  Pflege  kommt  in  geeigneten  Fällen  die  Ueber- 
weisung  an  Wald-Erholungsstätten  (Becher  und  Lennhoff) 
in  Frage. 

Mit  dieser  Einrichtung  sind  in  Berlin  und  anderen  Städten 
günstige  Erfahrungen  gemacht  worden  und  sie  werden  hoffentlich 
auch  hier  in  Breslau  zu  schaffen  sein. 

Zum  Zwecke  der  praktischen  Ausführung  der  im  Vorstehenden 


16  Jaliresbericht  der  Schlos.  Gesellschaft  l'iir  vaterl.  Cidtur. 

nur  kurz  geschilderten  Vorschläge  ist  ein  Comite  in  Bildung 
begriffen.  Auch  hat  sich  die  städtische  Armeudirectiou  auf  eine 
Anregung  des  Vortragenden  bereit  erklärt,  so  weit  thunlich,  die 
hier  skizzirten  Bestrebungen  zu  fördern. 

2.  Der  Oberarzt  am  Krankenhause  der  Sohlesiachen  Landes- 
Versicherungsaustalt  Herr  Dr.  Freymuth  sprach  über:  „Die 
Dispensaires  antituberciileux  in  Belgien  und  Frankreich  und 
ihre  Bedeutung  für  die  Tuberculosebekämpfung  in  Deutsch- 
land." 

Vortr.  betont  zunächst,  daß  der  Tuberculosekampf  in  Frank- 
reich mangels  einer  socialen  Gesetzgebung  andere  Wege  gehen 
müsse  wie  bei  uns,  der  Bau  und  die  Unterhaltung  von  zahlreichen 
Heilstätten  erfordert  so  große  Geldmittel,  daß  dieselben  durch 
Privatwohlthätigkeit  nicht  erreichbar  sind. 

Zum  großen  Teil  sicher  aus  diesem  Grunde  steht  in  Frank- 
reich nicht  wie  bei  uns  die  Therapie,  sondern  die  Prophylaxe  im 
Vordergrund. 

Das  Hauptkampfmittel  bildet  in  Belgien  und  Frankreich  das 
Dispensaire  antituberculeux. 

Redner  schildert  dasselbe  ausführlich ;  da  eine  genaue  Schilde- 
rung in  der  leicht  zugänglichen  Arbeit  von  Prof.  Jacobs;  „Die  Dis- 
pensaires in  Belgien  und  Frankreich",  Deutsche  med.  Wochen- 
schrift, 1903,  No.  44  u.  45,  enthalten  ist,  werden  Interessenten 
auf  diese  verwiesen. 

Die  Hauptpunkte  des  Dispensairebetriebes  sind  folgende: 

Ein  solches  besteht: 

1.  Aus  einer  Poliklinik,  in  welcher  die  ratsuchenden  Patienten 
untersucht  werden,  eine  ßeihe  hygienischer  Verhaltungsmaßregeln 
bekommen,  sowie  Spuckfläschchen  und  Desinficientien. 

Eine  eigentliche  Behandlung  findet  im  Dispensaire  selbst  mit 
Rücksicht  auf  die  Aerzteschaft  nicht  statt,  dagegen 

2.  eine  sehr  genaue  Controle  und  Belehrung  über  die  ge- 
gebenen hygienischen  Vorschriften  durch  das  dem  Dispensaire 
specifische  System  der  Enqueteurs  ouvriers,  aus  dem  Arbeiterstande 
entnommen,  speciell  instruirte  Controleure,  die  durchschnittlich 
2 — 4  mal  monatlich  den  Krankon  und  seine  Familie  besuchen. 

3.  Das  Dispensaire  unterstützt  den  Kranken  nach  seiner  Be- 
dürftigkeit mit  Nahrungsmitteln,  Liegestuhl,  Betten  etc.;  der 
leitende  Gesichtspunkt  hei  den  Unterstützungen  ist  hauptsächlich 
der,  die  allgemeine  Widerstandsfähigkeit  des  Erkrankten  zu  heben 
und  die  Gesunden  in  der  Familie  vor  Ansteckung  zu  schützen; 
es  wird  daher 


1.  Abteilung.     Hygienischo  Sectiou.  1? 

4.  großer  Wert  auf  die  Gewährung  von  unentgeltlicher 
Wolmungs-  und  Wäsehedesinfeotion  gelegt. 

5.  Soweit  dies  möglich,  werden  die  Kranken  Erholungeatätteu 
oder  Heilstätten  überwiesen,  deren  es  aber  in  Frankreich  vor- 
läufig noch  wenige  giebt. 

Der  Hauptuntersohied  von  dem  deutschen  System  ist  1.  das 
Princip  der  Laienassistenz  durch  die  Enquöte  ouvriere;  2.  die  Ver- 
legung dos  Kampfes  gegen  die  Tuberculose  in  die  Tamilie  des 
Kranken  selber  und  nicht  in  Specialkraukenhäuser.  Die  Kosten 
eines  Dispensairebetriebes  sind  niedriger  wie  die  einer  deutschen 
Heilstätte;  immerhin  ergiebt  eine  Berechnung  nach  französischen 
Angaben,  daß  z.  B.  für  Paria  2  Millionen  400000  Pros,  jährlich 
notwendig  wären. 

Bei  den  circa  30000  Lungenkranken,  die  jetzt  jährlich  in 
deutschen  Heilstätten  verpflegt  werden,  wüi'den  BVa  Million  Mark 
jährlich  herauskommen,  eine  Ersparnis  der  Heilstätte  gegenüber 
um  4  Million. 

Daß  es  ohne  Sanatorien  doch  nicht  geht,  hat  Frankreich  und 
Belgien  schon  selbst  eingesehen  und  baut  neben  den  Dispensaires 
solche. 

Die  Frequenz  der  Dispensaires  ist,  an  deutscheu  Vei'hältnisse 
gemessen,  gering  (Lüttich  im  Jahre  1902  157  Patienten,  ein 
Dispensaire  in  Paris  700  Patienten  in  acht  Monaten,  Lille  unter- 
stützt durchschnittlich  240--360  Kranke  pro  Jahr;  die  Berliner 
Poliklinik  hatte  im  letzten  Jahre  9000  Patienten,  die  Heilstätte 
Grabowsee  1902  997  Kranke  behandelt,  Weich  in  Görbersdorf  1451, 
Ruppertshain  760  etc.) 

üeber  ch'e  Erfolge  des  französischen  Systems  läßt  sich  noch 
nichts  sagen,  da  die  Dispensaires  erst  1—2  Jahre  bestehen. 

Redner  führte  sodanu  aus,  daß  auf  der  Conferenz  deutscher 
Tuberculose -Aerzte  im  November  1903  die  Uebertragung  des 
Dispensairosystems  auf  deutsche  Verhältnisse  mit  gewissen  Ab- 
änderungen allseitig  als  zweckmäßig  bezeichnet  wurde  und  daß 
ähnliche  Einrichtungen  zum  Teil  in  Deutschland  schon  beständen 
(Poliklinik  für  Lungenkranke  in  Berlin,  Breslau  etc.,  ganz  dispen- 
saireähnliche  Institute  in  Charlottenburg,  Hamburg,  Dassel,  Halle). 

Bei  Neubegründungen  wird  es  sich  zunächst  darum  handeln, 
ob  dieselben  vorhandenen  Pohkliniken  anzugliedern  oder  selbst- 
ständig  sein  sollen.  Ferner  ist  schwierig  die  Schaffung  eines 
für  die  Enquete  ouvriere  geeigneten  Stabes. 

Redner  hält  bei  der  großen  Verschiedenheit,  die  in  Deutsch- 
land zwischen  Versicherten  und  nicht  versicherten  Unbemittelten 

2 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vatorl.  Gultuf. 


besteht,    eine   Trennung   für   diese   beiden   Kategorien   für   not- 


Er  schlägt  für  große  Gemeinwesen  folgenden  Organiaations- 
plan  vor. 

1.  Eine  ärztliche  ßeratungsatelle  für  Versicherte,  zu  gründen 
oder  zu  aubventioniren  von  den  Landes- Versicherungsanstalten. 

2.  Ebensolche  für  Niohtversioherte,  am  besten  üuiversitäts- 
Polikliniken  und  groOen  Hospitälern  anzugliedern. 

3.  Ein  communales  Wohlfahrtsinstitut,  das  in  engster  Fühlung 
mit  1  und  2  arbeitet  und  hauptsächlich  Familienhygiene  und 
Prophylaxe  treibt. 

Absolute  Notwendigkeit  ist: 

1.  Schonung  der  Interessen  der  praktischen  Aerzte,  die  durch 
Dispensaires  keine  Patienten  verlieren  dürfen. 

2.  In  Verbindung  mit  1 — 3  Walderholangsstätten ,  da  sonst 
der  zu  erwartenden  größeren  Anzahl  zu  versorgender  Patienten 
nicht  die  Plätze  der  Heilstätten  genügen  werden. 

Für  die  Enqu§te  ouvriere  können  in  Deutschland  vielleicht 
heilstättenentlassene  Eeconvalescenten  ausgebildet  worden. 

Discussion  zu  dem  Vortrag  des  Herrn  Dr.  Preymuth:  Die 
Dispensaires  antituberculeux  in  Belgien  und  Prank- 
reich und  ihre  Bedeutung  für  die  Tuberculose- 
bekämpfung  in  Deutschland. 
Herr  Magen:  Die  Bekämpfung  der  Tuberculose  ist  ein 
so  erstrebenswertes  und  dabei  so  schwieriges  Problem,  daß  man 
alle  Ursache  hat,  alle  Vorschläge,  die  anderwärts  Erfolge  zeitigen, 
zu  prüfen,  daß  man  aber  mit  zahlreichen  Mißerfolgen  rechnen 
muß.  Dabei  wird  man  aber  auch  electiv  vorgehen  müssen, 
denn  nicht  alles,  was  in  anderen  Landen  gut  ist,  eignet  sich 
schon  von  vornherein  für  uns.  Die  Herren  Vortragenden  haben 
dargelegt,  daß  Deutschland  in  der  Tuberculosefrage  schon  eine 
bestimmte  BÄohtung  hat  und  neue  Vorschläge  sind  zunächst  zu 
prüfen,  ob  sie  in  diese  Richtung  passen.  Wir  haben  Tuberouloae- 
heimetätten  in  stattlicher  Zahl,  wie  sie  anderwärts  nicht  vor- 
handen sind,  und  ob  die  belgischen  Dispensarien  in  diese  Richtung 
passen,  ist  mir  zweifelhaft.  Zu  der  Gewährung  aller  dieser 
Dinge,  wie  wir  sie  gehört  haben,  Lebensmittel,  Brennmaterial, 
eigene  Schlafzimmer  etc.,  fehlt  vor  allem  das  Geld.  Herr  Prof. 
Stern  hat  die  Bekämpfungsbestrebungen  eingeteilt  1.  in  solche 
zur  Verhütung  der  Weiterverbreitung  und  2.  in  die  individuelle 
Diagnose  und  Behandlung.     loh  muß   bekennen,    daß  in   weiten 


1.  Abteilung.    Hygienisnhe  Seotion.  19 

Kreisen  der  Praktiljev  die  unmittelbare  Gefalir  der  Ansteckung 
der  Kinder  von  kranken  Eltern  nicht  für  sehr  groß  gehalten  wird. 
Man  kann  in  diesem  Punkte  auch  zu  viel  thun.  Wenn  Herr 
Dr.  Freymuth  es  beklagt,  daß  geheilt  oder  gebessert  entlassene 
Arbeiter  schwer  Anstellung  finden,  weil  man  sich  vor  Ansteckung 
fürchtet,  so  ist  das  eben  schon  die  Wirkung  der  Furcht,  die  man 
im  Publikum  durch  allzu  rigorose  Forderungen  erweckt  hat;  hier 
muß  man  in  Zukunft  vorsichtiger  vorgehen.  Was  den  zweiten 
Punkt  betrifft,  so  scheint  mir  die  Forderung  des  Herrn  Prof. 
Stern  nicht  die  nächstliegende.  Er  sagt,  daß  man  fftr  die  be- 
stehenden Heilanstalten  die  passenden  Fälle,  d.  h.  Initialfälle 
aussuchen  müßte.  Da  man  diese  Auslese  von  den  vielbeschäftigten 
Kassen-  und  Armenärzten  nicht  verlangen  könne,  so  müßten 
Polikliniken  für  Lujigenkranke  geschaffen  werden.  Mir  scheint 
diese  Schlußfolgerung  durchaus  nicht  zwingend,  sie  wäre  es  nur 
dann,  wenn  diese  eine  genaue  Untersuchung  der  Patienten 
hindernde  Vielbesohäftigung  der  Kassen-  und  Armenärzte  in 
einem  notorischen  Mangel  an  ärztlichen  Kräften  ihren  unabänder- 
lichen Grund  hätte.  Nun  klagt  man  aber  im  Gegenteil  in 
Deutschland  über  einen  Ueberfluß  an  Aerzten,  deren  Inanspruch- 
nahme für  den  vorliegenden  Zweck  nur  durch  eine  engherzige 
Art  der  Anstellung  dieser  Kassen-  und  Armenärzte  gehindert 
wird.  Mir  scheint  es  demgemäß  näherliegend,  daß  man  diese 
Fesseln  sprengt  und  den  reichen  Besitz  an  ärztlichen  Kräften, 
die  zu  einer  sorgfältigen  Untersuchung  und  Unterweisung  durch- 
aus Zeit,  Willen  und  Fähigkeit  haben,  nutzbar  macht.  Woku 
lernen  die  Aerzte  in  den  ausgezeichnet  eingerichteten  Universitäts- 
instituten, wozu  bilden  sie  sich  in  den  staatlioherseits  geförderton 
Fortbildungscursen  weiter,  wenn  man  sie  verkümmern  läßt  und 
lieber  wieder  neue  Institute,  diese  genannten  Polikliniken, 
schafft?  So  spielt  auch  für  die  Frage  der  Bekämpfung  der 
Tuberculose  die  Frage  der  freien  Arztwahl  eine  nicht  unter- 
geordnete Rolle.  Man  sieht  vor  weitgehenden  Plänen  das  Nächst- 
liegende nicht. 

Herr  Dr.  Samosch  macht  auf  die  Schule  als  wertvollen 
Bundesgenossen  im  Kampf  gegen  die  Tuberculose  aufmerksam. 
Welche  Stellung  man  auch  gegenüber  den  neuesten  Forschungen 
und  Behauptungen  Behrings  betr.  die  infantile  Tuberculose- 
infection  einnehmen  mag,  so  viel  ist  jedenfalls  sicher,  daß  der 
Kampf  gegen  die  Tuberculose  des  schulpflichtigen  Alters  aus- 
sichtsreicher erscheint,  als  gegen  die  des  .späteren  Alters.  In 
der   Schule   und   durch   dieselbe  kann  nun,   nachdem  die   Schul- 

2* 


20  JaLresbericht  der  Sohles.  Gesellschaft  fto  vaterl.  Caltur. 


arztinstitution  eine  weite  Verbreitung  gefunden  hat,  der  Kampf 
gegen  die  Tuberculose  mit  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  als  bisher 
geführt  werden  und  zwar  nach  zwei  Seiten  hin.  Erstens  könnte 
durch.  Vorträge  der  Schulärzte  vor  den  Lehrern  oder  auch  vor 
den  Schülern  der  höheren  Klassen  über  Entstehung  und  Ver- 
hütung der  Tuberculose,  über  das  zweckmäßige  Verhalten  des 
Kranken  und  seiner  Umgebung  eine  weitgehende  und  Erfolg 
versprechende  Belehrung  des  Volkes  erfolgen;  es  ist  zu  hoffen 
und  zu  erwarten,  daß  die  Jugend  modernen  hygienischen  Maß- 
regeln und  Lehren  gegenüber  sich  empfänglicher  zeigen  wird 
als  das  höhere  Alter.  Vor  allem  aber  geben  die  Schülerunter- 
suohungen  den  Schulärzten  Gelegenheit,  der  Tuberculose  direct 
zu  Leibe  zu  gehen;  es  ist  ein  zweifelloser  und  überaus  wert- 
voller Vorzug  der  Schularztinstitution,  daß  durch  dieselbe  eine 
viel  größere  Anzahl  von  Schulkindern  zur  ärztlichen  Untersuchung 
überhaupt  gelangt  als  vorher,  dementsprechend  wird  es  mit  Hilfe 
des  Schularztes  möglich  sein,  mehr  als  bisher  tuberculoseverdächtige 
Kinder,  auf  die  es  ja  besonders  ankommt,  herauszufinden.  Denn 
wenn  auch  der  Schularzt  selbst  bei  seinen  Massenantersuchungen 
nur  selten  die  exacte  Diagnose  „beginnende  Tuberculose"  wird 
sicher  stellen  können,  so  hat  er  doch  die  Möglichkeit,  die  Eltern 
auf  die  Möglichkeit  des  Bestehens  einer  beginnenden  schweren 
Erkrankung  hinzuweisen,  und  es  ist  anzunehmen,  daß  auf  schul- 
ärztliche Intervention  hin  eine  erhebliche  Anzahl  tuberculose- 
verdäohtiger  oder  für  dieselbe  prädisponirter  Kinder  zur  genauen 
ärztlichen  Untersuchung  gelangen  wird.  Die  exacte  Diagnose 
bleibt  nach  wie  vor  dem  Hausarzt  oder  dem  Arzt  der  Poliklinik 
etc.  vorbehalten.  Wenn  es  nun  aber  gelingt,  Meldungen  von 
sicheren  Tuberculoseerkrankuugen  bei  Schulkindern  seitens  der 
behandelnden  Aerzte  an  den  zuständigen  Schularzt  zu  erlangen, 
am  besten  vielleicht  dadurch,  daß  diese  Meldungen  von  dem 
Staate  oder  der  Stadt  honorirt  werden,  dann  wäre  ein  Weg  ge- 
geben, auf  dem  wir  etwas  Genaueres  über  die  Verbreitung  der 
im  schulpflichtigen  Alter  beginnenden  oder  schon  fortgeschrittenen 
Tuberculose  erfahren  könnten.  Von  dem  Resultat  derartiger 
Eeststellungen  würde  es  dann  abhängen,  ob  besondere  Maßregeln 
zur  Bekämpfung  der  Tuberculose  im  schulpflichtigen  Alter,  wie 
z.  B.  die  Errichtung  von  Erziehungs-  und  Heilstätten  für  tuber- 
culose Kinder  notwendig  sind. 

Herr  Stadtrat  Martius:  Als  Leiter  der  hiesigen  Armen- 
verwaltung gestatte  ich  mir  zu  dem  Thema:  „Armenpflege  und 
Tuberculosebekämpfung"  einige  Worte. 


I.  Abteilung.     Hygienisclie  Section.  21 

Auch  die  hiesige  Armenverwalfcung  ist  von  der  eminenten 
Wichtigkeit  eines  energischen  Vorgehens  gegen  die  Tuberculoee 
durchdrungen;  wenn  ihre  bezügliche  Thätigkeit  hinter  derjenigen 
anderer  rühmend  erwähnter  Großstädte  —  wie  Hamburg,  Char- 
lottenburg, Halle  —  bisher  zurückgeblieben  ist,  so  wollen  Sie 
berücksichtigen,  daß  bei  diesen  anderen  Städten  eben  auch  ganz 
andere  günstigere  Verhältnisse  obwalten.  Hamburg  z.  B.  ist  durch 
die  großartige  Stiftung  eines  reichen  Mitbürgers  in  den  Besitz 
einer  eigenen  Lungenheilstätte  gelangt;  Charlotteuburg  erfreut 
sich  einer  ganz  außergewöhnlich  ateuerkräftigen  Bevölkerung; 
Halle  endlich  ist  die  einzige  preußische  Großstadt,  welche  nocli 
eigene  Polizeiverwaltung  hat;  dadurch  ist  das  Zusammenwirken 
von  Armenverwaltung  und  Sanitätspolizei  natürlich  sehr  erleichtert, 
insbesondere  stehen  für  die  Controle  darüber,  daß  die  von  der 
Armenverwaltung  für  Schwindsüchtige  zugemieteten  Extrazimmer 
zweckentsprechend  benutzt  werden,  in  Halle  sowohl  die  Schutz- 
leute zur  Verfügung,  als  auch  die  besoldeten  Waisenpflegerinnen 
(welche  letzteren  im  Grunde  auch  nicht  sowohl  für  Zwecke  der 
Armenpflege,  als  vielmehr  für  polizeiliche  —  nämlich  die  Con- 
trole des  Ziehkinderwesens  —  angestellt  worden  sind). 

Auch  die  hiesige  Armendirection  hat  indessen  der  Anregung 
des  Herrn  Prof.  Stern  betreffend  das  Zumieten  von  Zimmern 
für  arme  Schwindsüchtige  in  geeigneten  Fällen  versuchsweise 
stattzugeben  grundsätzlich  beschlossen  —  aber  sie  hat  sich  dabei 
nicht  verhehlt,  daß  sich  der  thatsächliohen  Durchführung  enorme 
Schwierigkeiten  entgegenstellen  werden.  Die  betreibende  Familie 
wird  fast  immer  bestrebt  sein,  die  Wohnungsvergrößerung  zu 
anderen  Zwecken,  namentlich  durch  Aufnahme  von  Sohlafleuten 
auszunutzen.  Dies  zu  hindern,  ist  eine  ununterbrochene  Controle 
notwendig,  welche  die  uns  hierfür  allein  zur  Verfügung  stehen- 
den ehrenamtlichen  Organe  nur  ausnahmsweise  auszuüben 
bereit  und  im  Stande  sein  dürften. 

Sehr  gern  haben  wir  die  Offerte  der  Veranstaltung  aufklären- 
der Vorträge  für  Armenpfleger  und  Armenpflegerinnen  acceptirt, 
auch  zur  Verbreitung  geeigneter  Flugblätter  uns  bereit  erklärt. 

Ein  Ausfindigmachen  von  Tuberculoseverdäohtigen  durch 
die  Armenpfleger  wird  sich  u.  E.  auf  Fälle  beschränken  müssen, 
wo  die  Armenpfleger  eben  schon  als  solche  thätig  sind  —  sie 
werden  alsdann  diese  Fälle  zunächst  dem  zuständigen  Bezirks- 
armenarzte zuzuweisen  haben. 

Für  sehr  erwünscht  und  fördernswert  halten  auch  wir  die 
Einrichtung  von  „Walderholungsstätten"  —  auch  da  haben  sich 


22  Jahresborioht  der  Schlos.  GesuJJschafl,  für  vatcrl.  CuKiir. 

leider,  wie  Herr  Prof.  Stern  auegeführt  hat,  fürBrcshxu  besonilere 

Schwierigkeiten  ergeben. 

Die  „Dispeusaires"  sind,  wie  Herr  Dr.  i'reymuth  bemerkt, 

wohl  nur  ein  „unvoUkommeues  Surrogat"  der  Heilstätteubehaudlung ; 

immerliia  dürften  sie  eine  sehr  dankenswerte  Ergänzung  derselben 

darstellen. 

Die  Hauptsache  ist  m.  E.,  daß  ein  einheitlich  orgauisirtes 

Zusammenwirken  aller  beteiligten  Stellen  —  also  der  Sauitüts- 

))olizei,   der  Landesversicherungsanstalt,    der  städtischen  Armcn- 

\  erwaltung,  der  Schulverwaltung,  der  Krankenkassen,  der  Aerzte- 
schaft  u.   s.   w.    —    herbeigeführt    und    zu    diesem    Zwecke    ein 

Comite  oder  eine  sonstige  Centralstelle  geschaffen  werde. 

Herr  Professor  Buchwald  begrüßt  es  mit  Freuden,  daß  wieder 
ein  Vorschlag  gemacht  wird  zur  Bekämpfung  der  Tuberculose. 
Jeder  hat  ja  das  Interesse  und  die  Pflicht,  hier  mit  zu  helfen, 
nicht  blos  die  Aeriate  allein.  Die  Erholungsstätten  könnten  in 
Breslau  gewiß  ebenso  eingerichtet  werden  wie  in  anderen  Orten. 
Vor  allem  müßte  man  aber  dabei  betonen,  daß  die  Lungenkranken 
nicht  die  große  Gefahr  für  ihre  Umgebung  darbieten,  wie  dies 
jetzt  noch  vielfach  angenommen  wird.  Daß  eine  Infectiou  durch 
Lungenkranke  stattfinden  kann,  wird  niemand  leugnen,  jedoch 
ist  die  Gefahr  gering,  sonst  müßte  sich  dies  in  der  30jährigen 
Hospitalthätigkeit  dem  Redner  längst  bemerkbar  gemacht  haben, 
dies  sei  nicht  der  Fall.  Die  Isolirung  der  Kranken,  wie  sie  jetzt 
gefordert  wird,  sei  grausam.  Geht  mau  darin  noch  weiter,  so 
würde  dies  nur  zur  Verheimlichung  der  Krankheit  führen.  In 
Davos,  Reinerz,  Görbersdorf  etc.  würde  sich  doch,  wenn  eine  so 
große  Gefahr  vorliege,  dies  längst  bemerkbar  gemacht  haben. 

Daß  man  die  Sputa  vernichte,  sei  selbstverständlich.  Redner 
mischt  seit  längerer  Zeit  die  Sputa  mit  fünf  Teilen  Sägespreu 
und  verbrennt  sie.  Die  Gläser,  welche  kaum  noch  Spuren  ent- 
halteji,  bleiben  zweimal  248tunden  in  antiseptischer  Lösung  stehen. 
Auf  den  Infectionsmodus,  ob  durch  trockene  oder  feuchte 
Sputa,  ob  durch  die  Milch  etc.,  brauche  man  nicht  einzugehen. 
Jedenfalls  sei  der  Weg  kein  einheitlicher  und  die  Controversen 
darüber  noch  groß,  wie  es  die  letzten  Vorträge  v.  Behrings  etc. 
gezeigt  haben. 

Die  Tuberculose  werde  sicher  nicht  allein  bekämpft  durch 
die  Behandlung  und  Isolirung  der  Krauken;  hier  sei  nur 
die  Prophylaxe  von  endgiltigem  Erfolge. 

Beim  Kinde  müsse  man  anfangen  vorzubeugen.  Die  Schul- 
kinder   müsse    man    daraufhin  beaufsichtigen,   in   der  Wahl   des 


1.  AbteiliiBg.     [-lygioiiischo  Sectio)).  28 

Berufes  beeinflussen  otc.  Ebenso  könne  man  Merkblätter  be- 
lehrender Art  in  Menge  verbreiten. 

Am  besten  wäre  es,  wenn  eine  ständige  Commission  vor- 
handen vt^äre,  welche  alle  Beteiligten  stets  auf  dem  Laufenden 
erhält.  Die  Vorträge  darüber,  wenn  sie  zu  selten  stattfinden, 
erfüllten  nicht  ihren  Zweck. 

Auf  die  Tuberoulinbehandlujig  will  Redner  zunächst  nicht 
eingehen. 

Die  weitere  Disoussion  wird  auf  den  Antrag  des  Herrn  Eeioh 
vertagt. 


3,  Sitzung  am  31.  October  1904 

im  Fürstensaale  des  Eathauses  zu  Breslau. 

Vorsitzender:  Herr  Sanitätsrat  Dr.  Steuer. 

In  den  öffentlichen  Einladungen  war  besonders  bemerkt 
worden,  daß  Lehrer  und  Aerzte  als  Gäste  willljommen  seien. 
Lehrer  waren  auch  in  großer  Zahl  erschienen,  so  daß  der  Fürsten- 
Baal  überfüllt  war. 

Tagesordnung: 

Herr  Geh.  Med, -Rat  Prof.  Dr.  Hermann  Colin:  lieber 
sexuelle  Belehrung  der  Schulkinder. 

M.  H.!  Als  mir  vor  10  Jahren  von  dem  Organisationscomite 
des  VIII.  internationalen  hygienischen  Congresses  zu  Budapest  der 
ehrenvolle  Auftrag  erteilt  wurde,  Themata  vorzuschlagen,  welche 
für  die  Discussion  geeignet  wären,  nannte  ich  auch  die  Frage: 
„Was  kann  die  Schule  gegen  die  Masturbation  der  Kinder 
thuu?"  Ich  hoffte,  daß  das  Comite  die  Prüderie,  welche  bisher 
einer  öffentliclien  Besprechung  dieser  Frage  entgegengebracht 
worden  war,  als  unbegründet  anerkennen  und  dieses  wichtige 
Capitel  der  Schulhygiene  nicht  denen  zu  Liebe,  welche  gern 
einen  dichten  Schleier  über  derartige  Schattenseiten  des  Jugend- 
lebens ziehen  möchten,  von  der  Tagesordnung  absetzen  würde. 

Meine  Hoffnung  wurde  erfreulicher  Weise  nicht  getäuscht. 
Ich  gebe  zu,  daß  ein  gewisser  Mut  dazu  gehört,  eine  uralte, 
immer  nur  übertünchte  Wunde  endlich  einmal  aufzureißen  und 
eine  dem  heutigen  Standpunkte  ärztlicher  Ansichten  entsprochende 
Behandlung  zu  versuchen.  Aber  ein  solcher  Mut  ist  nötig; 
denn  mit  der  bisherigen  Vogel-Strauß-Politik  ist  hier  nichts  zu 
erreichen.  Es  gilt  hier  ganz  besonders  der  Satz  von  Johii 
Stuart  Mill: 


24  .lahresbericUl,  der  Schlos.  Oesclitidiaa  für  vaterl.  ("^ultur. 

„Die  Krankheiten  der  Gesellschaft  können  ebenso  wenig  als 
die  des  Körpers  verhindert  oder  geheilt  werden,  ohne  daß  mo,n 
offen  von  ihnen  spricht." 

Welcher  Platz  wäre  geeigneter,  diese  gewiß  nicht  appetit- 
liche, aber  darum  nicht  minder  bedeutungsvolle  Frage  von  allen 
Seiten  zu  erörtern,  als  eine  Versammlung,  an  der  sowohl  Aerzte 
als  Lehrer  und  Behörden  teilnehmen? 

Das  Unappetitliche  darf  ia  einer  hygienischen  Versammlung, 
in  der  ja  die  Fragen  der  Desinfection,  der  Abfuhrsysteme,  der 
Syphilis,  der  Bordelle  ohne  Prüderie  erörtert  werden,  niemanden 
abschrecken.  Da!.!  meine  Thesen  auf  mancherlei  Widerspruch 
namentlich  von  nichtärztlicher  Seite  stoßen  werden,  weiß  ich. 
Ich  hatte  denselben  Kampf  vor  40  Jahren  auazufechten ,  als  ich 
meine  Ansichten  über  die  Kurzsichtigkeit  der  Schuljugend  und 
die  zur  Verhütung  notwendigen  Reformen  veröffentlichte.  Heute 
sind  die  letzteren  zu  meiner  Freude  fast  in  allen  civilisirten 
Ländern  durchgeführt. 

Vorstehende  Einleitung  auf  dem  Congreß  zu  Budapest  ]894 
schloß  ich  mit  den  Worten:  „Wenn  ich  jetzt  von  neuem  einen 
Kampf  aufnehme  in  einem  meines  Erachtens  nicht  minder  wichtigen 
Capitel  der  Schulhygiene,  so  hoß'e  ich,  wenn  ich  auch  nicht  mehr 
die  Durchführung  meiner  Vorschläge  erlebe,  —  denn  nur  langsam 
brechen  sich  neue  Vorschläge  Bahn  —  daß  doch  wenigstens  die 
Anregung  zu  vielseitiger  Untersuchung,  Prüfung  und  Er- 
wägung durch  die  folgenden  Erörterungen  gegeben  wird.  Viel- 
leicht werden  in  späteren  Jahren  in  Betreff  der  Verhütung  der 
Onanie  meine  Vorschläge  Berücksichtigung  finden." 


Eine  Statistik  giebt  es  aus  naheliegenden  Gründen  über 
die  Onanie  noch  nicht,  doch  stimmen  alle  medioiuischeu  Schrift- 
steller darin  überein  und  auch  ich  kann  mich  dem  nach 
40jähriger  Praxis  nur  anschließen,  daß  die  Onanie  unter  der  Jugend 
enorm  verbreitet  ist.  Ja,  einige  ausgezeichnete  Nervenärzte 
gehen  so  weit,  zu  behaupten,  daß  es  überhaupt  k ei neji  Menschen 
gebe,  der  nicht  zeitweilig  Onanie  getrieben  habe.  So  sagte  der 
sehr  erfahrene,  leider  zu  früh  verstorbene  Professor  Oscar 
Berger:  „Die  Masturbation  ist  eine  so  verbreitete  Manipulation, 
daß  von  100  jungen  Männern  und  Mädchen  99  sich  zeitweilig 
damit  abgeben  und  der  hundertste,  wie  ich  zu  sagen  pflege,  der 
reine  Mensch,  die  Wahrheit  verheimlicht."  Nach  Moll  äußerte 
ein  Arzt:  „Wer  es  bestreitet,   on.inirt  zu  haben,    der  hat  es  oft 


I.  Abteilung.     Hygiouisclio  Seotiun.  25 

nur  vergessen."  Ein  anderer  Arzt  that  den  bekannten  Ausspruch: 
„Wer  behauptet,  nie  onanirt  zuhaben,  der  thut  es  noch."  Wenn 
wir  auch  diesen  Satz  nicht  unterschreiben,  so  stimmen  wir  doch 
voilkommen  der  Ansicht  von  Moll  bei,  daß  die  meisten  Menschen 
zuerst  den  Geschlechtstrieb  durch  Onanie  befriedigen.  Daß  schon 
bei  ganz  kloinen  Kindern  onanistisohe  Bewegungen  beobachtet 
werden,  steht  fest.  Piirbringer,  Cursohmann,  Moll  und  ich 
sahen  dieselben  bei  Kindern  schon  unter  fünf  Jahren,  dooli  sind 
das  gewiß  Ausnahmen,  ebenso  wie  die  Beobachtungen  bei  alten 
Leuten. 

Dagegen  stimmen  alle  Schriftsteller  übereiu,  daß  in  der  Zeit 
der  beginnenden  Pubertät  am  heftigsten  onanirt  wird.  Die  Schul- 
kinder stellen  also  die  Hauptmenge  der  Onanisten.  Darüber  ist 
schon  1756  von  Barth,  1759  von  Tissot,  1780  von  Johann 
Peter  Prank  berichtet  worden,  und  später  schilderten  Piir- 
bringer, ßagiusky,  Bensemann,  Pournier,  Chevalier, 
Taruowsky  und  Andere  die  ungemeine  Verbreitung  der  Onanie 
in  den  deutschen,  französischen  und  englischen  Schulpensionaten, 

Prof.  Schiller,  Gymnasiaklirector  in  Gießen,  Verfasser  eines 
Lehrbuches  der  Pädagogik,  in  welchem  er  besonders  betont,  daß 
er  „in  34jähriger  Amtsthätigkeit  wiederholt  in  der  Lage  war, 
betreffs  der  Onanie  reichere  Erfahrungen  zu  sammeln,  als  dies 
insgemein  der  Pall  zu  sein  pflegt",  und  daß  er  alle  Pälle  acten- 
mäßigem  Material  entnommen  habe,  ist  gewiß  ein  zuverlässiger 
Autor.  Er  schreibt:  „Daß  die  Selbstbefleckung  in  den  Schulen 
weit  verbreitet  ist,  bezeugen  zahlreiche  Beobachtungen.  Sie  findet 
sich  von  Sexta  an,  selten  ganz  unten  und  ganz  oben,  am  häufigsten 
in  den  Tertien  und  Secundcn.  Keine  Anstalt  wird  vermutlich 
frei  sein,  aber  in  einzelnen  Schulen  erreicht  das  Uebel 
eine  sehr  große  Ausdehnung.  Tradition  und  Schülermaterial 
sind  hier  von  größtem  Einflüsse.  Besonders  gefährlich  sind  die 
Anstalten  als  Brutstätten  und  Verbreiterinnen  des  Fehlers,  an 
welchen  zahlreiche  Schüler,  die  das  normale  Alter  um  mehrere 
Jahre  überschritten  haben,  in  die  mittleren  Klassen  vom  Lande 
eintreten.  Teils  bringen  dieselben  die  schlimme  Gewohnheit  schon 
mit,  die  unter  der  Ijaudbevölkeruug  bekannt  und  heimisch  ist, 
teils  erfahren  sie  dieselbe  von  älteren  Schülern  und  verbreiten 
sie  dann  weiter." 

Moll  erzählt,  er  kenne  eine  derartige  Epidemie  aus  einer 
Berliner  Schule,  wo  ein  jetziger  Schauspieler  die  mutuelle 
Onanie  in  soliamlosester  Weise  eingeführt  habe.  Er  glaubt,  daß 
es  derartige  Epidemien  in  Schulen  zu  allen  Zeiten  gegeben   hat. 


26  .TB,hresb6richt  der  Scbles.  Gesellsoliaft  für  vaterl.  Oultur. 

Dem  schließe  ich  mich  auf  Gruud  eigener  40jilhrig6r  Er- 
fahrungen an.  Nur  Einiges  will  ich  angeben.  Ich  kenne  genau 
die  Tertia  eines  Gj'tnnasiums,  in  welcher  das  Uebel  eiu  halbes 
Jahr  verbreitet  war,  ohne  daß  es  zur  Kenntnis  der  Lehrer  kam. 
Einige  ältere  Schüler  hatten  es  in  die  Klasse  gebracht  und  die 
übrigen  verführt.  Während  dieser  langen  Zeit  wurde  in  jeder 
Freiviertelstundo  täglich,  da  die  Thür  geschlossen  war 
und  kein  Lelirer  die  Aufsicht  führte,  gegenseitige 
Onanie  systematisch  betrieben.  Die  jüngeren  unschuldigeren 
Schüler  flüchteten  wohl  in  den  Hof,  aber  die  älteren  gaben  sich 
schließlich  gern  der  Aufregung  hin.  Nur  durch  einen  Zufall  kam 
die  Sache  heraus,  und  als  man  die  jüngeren  Schüler  fragte, 
warum  sie  nicht  längst  Anzeige  gemacht  hätten,  antworteten  sie, 
sie  hätten  wohl  Ekol  vor  dieser  gegenseitigen  Friction  gehabt, 
allein  sie  fürchteten,  sich  durch  eine  Anzeige  als  Klatscher 
(Petzer)  mißliebig  zu  machen.  Allerdings  wurden  nach  dieser 
Entdeckung  die  betreffenden  Hauptverführer  aus  der  Schule  ent- 
fernt, zwei  anderen  wurde  die  Entlassung  angedroht,  allein  viele 
Schüler  waren  doch  nun  einmal  verdorben. 

Aus  einem  anderen  öymnasium  habe  ich  die  bestimmte  Mit- 
teilung von  Secundanern,  daß  alle  miteinander  in  der  Pause,  wie 
sie  sich  euphemistisch  ausdrückten,  „Jugendspiele"  trieben, 
d.  h.  gegenseitig  raasturbirteu.  Aus  einer  dritten  Anstalt  wurde 
mir  dasselbe  erzählt,  nur  daß  der  Ausdruck  „Eiern"  gebraucht 
wurde. 

Ein  ganz  zuverlässiger  Student  erzählte  mir,  daß  er  als 
13 jähriger  Untertertianer  noch  unschuldig  war;  damals  machte 
er  mit  sieben  älteren  Mitschülern  einen  Ausflug  in's  Gebirge. 
Dabei  setzten  sich  diese  in  einen  Straßengraben  und  luden  ihn 
zur  mutuellen  Onanie  ein,  wobei  es  bei  vielen  schon  zur  Aus- 
spritzung des  Samens  kam,  während  dies  bei  ihm  noch  nicht  der 
Fall  war. 

Aber  nicht  blos  in  den  Zwischenpausen  werden  diese 
gegenseitigen  Frictionen  betrieben,  sondern  auch  in  der  Unter- 
richtsstunde selbst.  Ich  besitze  genaue  Notizen  darüber.  Eiu 
Schüler  schilderte  mir  sehr  treffend  die  Sache  so:  „Oben  haben 
wir  Caesar  getrieben  und  unten  haben  wir  miteinander  onanirt 
und  zwar  über  den  Beinkleidern." 

Aehnliches  berichtet  Hermann  Schiller.  Ein  Arzt,  dessen 
Sohn  beteiligt  war,  constatirte,  daß  derselbe  in  einer  sogenannten 
Arbeitsstunde  im  Hanse  des  Lehrers  eingeweiht  wurde,  und  daß 


I.  Afeteilnug.    Hygieniscke  Section. 


dort  regelmäßig,   während  der  Lehrer  im  Zimmer  die  Aufeicht 
führte,  Onanie  getrieben  wurde, 

Wohl  einzig  in  ihrer  Art  aber  ist  die  autenmäßig  festgestellte 
Mitteilung  von  Sclüller  in  Gießen,  „daß  die  Schüler  ganzer 
Bankreihen  die  Taschen  der  Beinkleider  durchbohrt 
hatten  und  gegenseitig  während  des  Unterrichts  die 
verderbliche  Gewolmhoit  pflegten." 

Man  sieht  hieraus,  daß  der  Frage  von  Seiten  der  Scliul- 
hygiene  noch  nicht  die  gebührende  Aufmerksamkeit  zu  Teil  wurde. 
Der  ungeheueren  Verbreitung  der  Selbstbefieckung  auf  unserem 
Gymnasium  vor  50  Jahren  erinnere  ich  mich  sehr  wohl,  doch 
habe  ich  niemals  in  meiner  Jugend  etwas  von  mutueller 
Onanie    gehört.      Dasselbe    bestätigte    mir    auch    Virohow    vor 

10  Jahren.   

In  meinem  Vortrage  in  Budapest  „Was  kann  die  Schule 
gegen  die  Masturbation  der  Kinder  thun",  den  ich  in  Berlin  im 
Verlage  von  Schoetz  1894  habe  erscheinen  lassen,  hudet  man 
Ausführliches  über  die  Folgen  der  Onanie,  namentlich  die 
Neurasthenie,  die  functionellen  Geschlechtsstörungen, 
wie  Tagespollutionen,  Spermatorrhoe  u.  s.  w. 

Besonders  habe  ich  schon  vor  22  Jahren  auf  bestimmte  Augen- 
leiden hingewiesen,  welche  sich  am  häufigsten  bei  ausgesprochenen 
Onanisten  beobachten  lassen  (siehe  meinenAufsatz„Augenerkrankuu- 
gen  bei  Masturbanten"  [Archiv  für  Augenlioilkunde,  1882,  Band  11, 
Seite  198  und  folgende]  und  ferner  mein  „Lehrbuch  der  Hj'giene 
des  Auges",  Wien  1892,  Seite  650  und  folgende).  Es  gie'bt  ge- 
wisse subjective  Lichtersoheinungen,  Photopien,  bei  denen 
man  fest  überzeugt  sein  kann,  daß  bei  irgendwelcher  Wahrheits- 
liebe die  jugendlichen  Personen  eingestehen,  daß  sie  sehr  stark 
masturbiren. 

Meist  zeigen  sich  bei  ganz  gesunden  Augen  Lichterscheinuu- 
gen,  die  entweder  in  einer  Blendung  bestehen,  wie  von  einer 
beleuchteten  und  bewegten  Fensterscheibe  oder  einer  glänzenden 
Wasserfläche,  oder  einem  hellen  Flimmern,  das  bald  als  Er- 
scheinung von  hellen  Sternen,  hellen  Rädchen,  hellen  Strahlen, 
hellen  Kreisen,  hellen  Punktchen,  bald  als  Schneeflocken  oder 
flatternde  Luftbewegung  vor  beiden  Augen  beschrieben  wird. 

Mitunter  führen  diese  Photopien  zu  Lichtscheu,  Photo- 
phobie, 80  daß  die  Augen  zusammengepreßt  werden  müssen, 
besonders  wenn  der  Patient  sohnellem  Wechsel  von  Hell  und 
Dunkel  ausgesetzt  wird.  Mooren  hat  eine  amerikanische  Dame 
beobachtet,  welche  von  frühester  Jugend  auf  onanirte  und  selbst 


Jalireshoriclit  der  Scbles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Ciiltiir. 


iii  Gesellschaft  die  Manipulation  nicht  unterlassen  konnte,  und 
welche  nicht  den  Glanz  eines  fremden  Auges  zu  ertragen  ver- 
mochte. 

Höchst  oharacteristisch  ist  auch  der  trockene  Bin deh.iut- 
katarrh  der  Masturbanten,  welcher  in  Brennen  und  Drücken 
mit  geringer  Rötung  der  Schleimhaut,  aber  ohne  jede  Secretion 
besteht  und  nach  meiner  Erfahrung  besonders  bei  onanirenden 
Mädchen  und  alten  Jungfern  vorkommt.  Dieser  Katarrh  ist  gar 
nicht  zu  beseitigen,  da  die  Patienten  von  der  Masturbation  nicht 
ablassen.  Auch  Förster  hat  besonders  betont,  daß  einfache 
Katarrhe  und  Bläschenkatarrh  der  Bindehaut,  die  sonst  immer 
sicher  und  leicht  in  der  Jugend  heilen  (ähnlich  wie  chronische 
Pharynxkatarrhe),  allen  Behandlungsweisen  trotzen  bei  jugend- 
lichen Personen,  die  eingeständlioh  stark  onanireu. 

Gewiß  sind  die  Polgen  der  Onanie  in  Bezug  auf  Rücken- 
markschwindsucht und  Gehirnerschöpfung  übertrieben 
worden,  und  es  ist  gewiß  schwer,  hier  das  post  hoc  und  propter 
hoc  sicher  auseinanderzuhalten;  indessen  ist  im  Vergleich  von 
Onanie  und  Beischlaf,  wie  alle  Nervenärzte  angeben,  doch  aus 
zwei  Gründen  die  Onanie  schädlicher.  Erstens  wird  sie  schon 
in  so  früher  Jugend  begonnen,  in  der  noch  gar  nicht  au  den  Bei- 
schlaf gedacht  worden  kann,  und  dem  Kinde  sind  die  nervösen 
Erschütterungen,  die  schon  das  ganze  Nervensystem  des  Er- 
wachsenen erregen,  viel  schädlicher  als  diesem;  zweitens  aber  ist 
die  Gelegenheit  zur  Ausführung  der  Onanie  unbegrenzt 
und  wird  daher  leider  auch  oft  übermäßig  ausgenützt. 

Aus  allen  Mitteilungen  der  Nervenärzte  folgt,  daß  "mäßige 
Grade  von  Masturbation  bei  geschlechtsreifen  Personen  in  der 
Regel  ebenso  wenig  Schaden  bringen  wie  mäßige  Ausübung  des 
Beischlafs,  daß  aber  frühzeitig  begonnene  und  jalirelang 
täglich  fortgesetzte  Onanie  dauernde  Nachteile  der 
körperlichen  und  geistigen  Gesundheit  bringen  kann, 
die  freilich  je  nach  der  Körperconstitution  der  Onanisten 
bedeutenden  Schwankungen  unterliegen. 

Mit  Sicherheit  erkennen  läßt  sich  freilich  nicht,  ob  ein 
Schüler  onanirt,  außer  wenn  man  die  Samenflecken  findet  (doch 
auch  diese  werden  oft  in  die  Taschentücher  entleert),  oder  wenn 
man  den  Onanisten  in  flagranti  ertappt,  wovor  er  sich  in  der 
Regel  wohl  zu  hüten  weiß. 

loh  habe  in  meinem  Vortrage  in  Budapest  alle  Gelege u- 
h eitsursaohen ,  welche  die  Schule  bietet,  ausführlich  be- 
sprochen.   Die  Gefahr  liegt,  wie  gesagt,  in  dem  frühen  Beginn, 


I.  Abteilung.    Hygieuische  Seotiun,  'i& 

in  der  grenzenlosen  Wiederholung  und  in  der  Schwierig- 
keit, dem  Triebe,  der  einmal  mit  elementarer  Gewalt  den  Schüler 
eigriiTen,  zu  widerstehen.  Aber  selbst  zugegeben ,  daß  die 
Masturbation  gar  nicht  schadet,  so  wird  doch  jeder  mir  bei- 
stimmen, wenn  ich  sage:  „Die  Onanie  ist  nicht  nützlich,  und 
wir  haben  die  Aufgabe,  alles  zu  vermeiden,  wenigstens  in  der 
Schule,  was  dem  Laster  Vorschub  leisten  kann."  Ea  sei  hier  nur 
kurz  erwähnt,  daß  zu  den  Gelegenheitsursaohen  das  stunden- 
lange Sitzen  in  der  Schule  gehört,  das  allzu  lange  Sitzen  bei 
häuslichen  Arbeiten,  namentlich  auf  Polsterstühlen,  die  Art 
des  Sitzens  mit  übereinandergeschlagenen  Beinen  und  das  Reiten 
auf  den  Stühlen.  Auch  die  Bewegungen  an  der  Nähmaschine 
drängen  vielfach  zur  Onanie,  ebenso  das  Klettern  mit  den  Beinen 
auf  Kletterstangen,  das  längere  Verweilen  auf  Aborten  und  das 
Zurückhalten  von  Urin  und  Stuhlgang,  erotische  Leetüre  und 
Bilder. 

Hier  ist  die  Schule  von  Vorwürfen  durchaus  nicht  frei- 
zusprechen. Vor  allem  dürften  in  der  Schule  keine  Bibeln 
geduldet  werden,  die  nicht  von  den  vielen,  für  den  Schüler 
keineswegs  passenden ,  auf  geschlechtliche  Verhältnisse  bezug- 
nohmondeu  Stellen  frei  sind,  loh  habe  oft  genug  gehört  und  weiß 
es  aus  meiner  eigenen  Schulzeit,  daß  gerade  diese  anstößigen 
Stellen  von  den  Schülern  am  liebsten  gelesen  werden.  Auch 
H,  Schiller  Ijetont  mit  Recht  auf  Grund  einer  reichen  Erfahrung, 
daß  die  Bibel  in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt  eine  große  Gefahr 
für  die  Sittenreinhoit  der  Jugend  ist  und  daß  die  Onanie  auf 
Knaben-  und  Mädchenschulen  sich  zunächst  an  die  Vorlesung  von 
Bibelstellen  angelehnt  hat;  es  sollte  daher  keine  unverkürzte 
Bibel  in  der  Schule  benutzt  werden.  Schiller  macht  ferner 
darauf  aufmerksam,  „daß  häufig  im  Religionsunterricht,  wenn 
auch  in  der  besten  Absicht  von  Hurerei,  Ehebruch  und  anderen 
geschlechtlichen  Dingen  mit  einer  Ausführlichkeit  gesprochen 
wird,  die  regelmäßig  den  Blick  auf  Gebiete  lenkt,  denen  er  noch 
lange  fern  bleiben  müßte". 

Ganz  dasselbe  gilt  von  der  antiken  Lectüro.  Auch  sie  reizt 
die  jugendliche  Phantasie  in  geschlechtlicher  Beziehung  oft  genug. 
Der  Ovid  wurde  bei  uns  bereits  in  Tertia  gelesen  und  enthielt 
ganz  bedenkliche  Verse.  Am  schlimmsten  war  es  in  Prima  bei 
der  Leetüre  des  Herodot.  Unser  guter  Griechischlehrer  glaubte 
etwas  besonders  Geschicktes  zu  leisten,  wenn  er  am  Anfange  des 
Halbjahres  alle  Stellen  des  Herodot  genau  bezeichnete,  die  nicht 
gelesen   werden   würden,     Natürlich  haben  wir  sie  zn  Hause  zu 


fiü  Jahresbericht  der  Schles.  QosoUsohaft  für  vatorl.  Cultur. 

allererst  studirt.  Homer  und  Horaz  sind  ja  bekanntlich  auch 
nicht  arm  au  geschlechtlich  aufregenden  Versen,  und  diese  werden 
in  den  allgemein  käuflichen  Uebereetsiungen  am  liebsten  gelesen. 
Möge  man  doch  Schulausgaben  der  alten  Klassiker  veranstalten, 
in  denen  die  schlüpfrigen  Stellen  fehlen. 

Ein  Gleiches  wäre  auch  bei  den  Wo  r  t  e  r  b  ü  o  h  e  r  n  zu  empfehlen. 
Viele  Schüler  haben  mir  erklärt,  daß  sie  ihre  Aufklärung  über 
geschlechtliche  Dinge  den  Lexiois  verdanken-  Auch  manche  illu- 
strirte  Schulbücher  könnten  decenter  sein.  Endlich  wissen  wir 
aus  dem  Munde  stark  onanirender  Kinder,  daß  sie  im  Alter  der 
beginnenden  Pubertät  durch  den  Besuch  von  Bildergalleri  en , 
von  Statuen -Museen,  von  Balletten,  selbst  von  Kinderbällen 
besonders  erregt  wurden,  und  daß  nach  dem  Besuche  derselben 
trotz  der  besten  Vorsätze  der  Trieb  zur  Onanie  immer  wieder  mit 
unbegrenzter  Kraft  ausbrach.  Hier  können  nur  die  Eltern  und 
Erzieher  helfen;  sie  dürfen  keine  schlüpfrige  Leotüre  gestatten, 
keine  weichen  Betten  geben,  sie  müssen  Biergenuß  verhüten  und 
immer  darauf  halten,  daß  die  Hände  auf  den  Betten  oben  bleiben. 

Ich  habe  nun  in  Budapest  vor  10  Jahren  vier  Thesen  ver- 
teidigt: 1.  Die  wichtigste  Aufgabe  scheint  mir  eine  beständige 
Aufsicht  der  Lehrer  während  des  Unterrichts  und  während 
der  Pausen  in  Bezug  darauf,  daß  die  Schüler  nicht  Auto-  oder 
mutuelle  Onanie  treiben.  Darüber  sind  wohl  alle  Hygieniker 
jetzt  einig. 

2.  Ich  bin  dafür,  daß  der  Lehrer  die  Schüler  von  der  Schäd- 
lichkeit der  Auto-  und  mutuellen  Onanie  in  Kenntnis  setzt, 
gewiß  eins  der  schwersten  Probleme,  weil  die  Lehrer  der  ganzen 
schmutzigen  Sache  am  liebsten  aus  dem  Wege  gehen  und  weil 
sie  fürchten,  daß  manche  bisher  unschuldige  Kinder  durch  eine 
Warnung  erst  recht  auf  das  Laster  hingewiesen  werden.  Alle 
Lehrer  fürchten,  daß  sie  nicht  den  taktvollen  Ton,  um  nicht  zuviel 
zu  sagen,  treffen  werden.  Auch  dem  Vater  wird  es  nie  angenehm 
sein,  mit  seinem  Sohne  über  diese  Frage  zu  sprechen.  Aber  ich 
frage:  „Ist  es  für  den  Vater  vielleicht  angenehmer,  daß  der 
Sohn  eines  Tages  mitteilt,  einige  Schüler,  die  ihm  mutuelle  Onanie 
beigebracht  hätten,  seien  von  der  Schule  fortgejagt  worden?" 
Ich  frage  ferner:  Ist  der  Schaden  größer,  der  entsteht,  wenn 
in  einer  bestimmten,  noch  näher  zu  besprechenden  Form  den 
Kindern  eine  verhütende  Warnung  erteilt  wird,  oder  ist  der 
Schaden  größer,  wenn  durch  Mangel  an  Warnungen  eine 
Zahl  von  Schülern  der  unbegrenzten  Onanie  entgegentreibt?" 
Daß  ich  hier  zwischen  zwei  Uebeln  zu  wählen    habe,   bestreite 


I.  Abteilung.     Hygienisclie  Section.  31 

ioh  keinesfalls,  aber  da  ich  wählen  muß,  entscheide  ich  mich  für 
daa  kleinere,  und  das  ist  meiner  Ansicht  nach  die  prophylaotische 
Warnung.  Es  ist  hier  wie  mit  der  Warnung  vor  der  Syphilis. 
Wie  viele  Tausende  würden  für  ihr  ganzes  Leben  frei  von  Syphilis 
bleiben,  wenn  sie  die  Gefahren  in  der  Jugend  nur  ahnen  würden? 
Ich  betrachte  die  Warnung  für  das  kleinere  Uebel,  denu  in 
Wirklichkeit  liegt  ja  die  Sache  so:  jeder  Knabe  onanirt,  der 
eine  mehr,  der  andere  weniger.  Schon  die  unvermeidlichen  Be- 
rührungen der  Geschlechtsteile  beim  Wasserlassen  und  beim  Stuhl- 
gang zeigen  den  meisten  Kindern,  daß  ein  gewisses  Wollust- 
gefühl durch  Eeibung  erzeugt  wird.  Ich  gehe  sogar  infolge  zahl- 
reicher Mitteilungen  soweit  zu  behaupten,  daß  kein  Knabe,  der 
älter  als  10  Jahre  ist,  existirt,  der  diese  Thatsache  nicht  kennt. 
Aber  selbst  wenn  er  in  dem  Alter  noch  völlig  unschuldig  ist  und 
nichts  von  dieser  Thatsache  ahnt,  so  erfährt  er  sie  über  kurz  oder 
lang  entweder  zufällig  oder  durch  Mitteilungen  von  seinen  Mit- 
schülern. Es  ist  daher  gewiß  klüger,  das  Feuer  zu  dämpfen, 
wenn  die  ersten  Funken  zu  glimmen  beginnen,  als  erst  dann, 
wenn  das  Haus  in  lichten  Flammen  steht.  Aehnlich  sprechen 
sich  auch  Puschmann,  Moll  und  Baginsky  aus.  Aber  alles 
kommt  natürlich  auf  das  „Wie"  an. 

Längere  Erklärungen  über  diesen  Funkt  sollen  in  unteren 
Klassen  nicht  erteilt  werden ;  allein  ich  kann  nicht  einsehen,  daß 
es  schädlich  sei,  wenn  der  Lehrer  bei  Gelegenheit  von  Regeln 
über  Sauberkeit,  namentlich  über  den  Besuch  von  Aborten,  den 
Kindern  einprägt:  „Merkt  euch,  jede  Berührung  der  Ge- 
schlechtsteile ist  dem  Körper  schädlich." 

In  den  oberen  Klassen  kann  auch,  ohne  daß  das  Gespenst 
der  Rtickenmarksschwindsucht  oder  Hiruerweichung  an  die  Wand 
gemalt  wird,  von  den  üblen  Folgen,  welche  Körper  und  Seele 
durch  hartnäckige  Onanie  erleiden,  gelegentlich  des  anthropolo- 
gisch-naturwissenschaftlichen oder  noch  besser  hygienischen  Unter- 
richts gesprochen  werden. 

Fournier  meint,  man  solle  die  Kinder  vor  den  Berührungen 
der  Genitalien  ebenso  warnen  wie  davor,  die  Finger  in  die  Nase 
oder  in  die  Ohren  zu  stecken. 

Am  strengsten  aber  muß  sich  die  Warnung  auf  die  mutuelle 
Onanie  beziehen,  und  hier  genügt  gewiß  in  den  unteren  Klassen 
schon  die  Bemerkung:  „Ganz  besonders  schädlich  und  schimpflich 
ist  die  gegenseitige  Berührung  der  Geschlechtsteile, 
indem  die  eigene  Gesundheit  und  die  des  anderen  dadurch  ge- 
ichädigt  wird." 


an  JahrosbericJit  der  Schles.  Gesollschaft  für  vaterl.  Oultur. 


Solche  Belehrung  müßte  in  Knabenklassen  bei  lOjährigeu 
Kindern  gegeben  werden,  die  motivirtere  Darstellung  aber  bei 
13 — 14jährigen  besonders  in  Tertia.  Natürlich  wird  alles  auf  den 
Takt  des  Lehrers  ankommen. 

In  den  Mädchenschulen  müßte  natilrlioii  eine  Lehrerin  eine 
solche  Warnung  ergehen  lassen. 

Drittens  hatte  ich  die  These  aufgestellt,  die  natürlich  Wider- 
spruch hervorrief,  Straflosigkeit  demjenigen  Schüler  zu  ver- 
sprechen, der  mutuelle  Onanie  zur  Anzeige  bringt.  Nur  so  würden 
die  Kinder  die  Furcht  vor  der  eigenen  Bestrafung  verlieren. 

Die  vierte  These  lautete:  „Durch  Vorträge  und  gedruckte 
Belehrungen  sind  aucli  die  Eltern  und  Pensionsgeber  darauf 
hinzuweisen,  daß  sie  die  Pflicht  haben,  den  Kindern  die  Gel'ahren 
der  Onanie  auseinanderzusetzen,  so  wie  wir  schon  seit  Jahren  in 
Breslau  den  Eltern,  welche  eine  Geburt  anmelden,  prophylaotisch 
kurze  Belehrungen  über  die  Gefahr  der  Augeneiterung  der  Neu- 
geborenen einhändigen.  Eltern  und  Pensionsgeber  müssen  selbst 
auf  Elternabenden  durch  die  Schulärzte  über  den  geeigneten  Weg 
der  Aufklärung  aufgeklärt  werden". 


So  lagen  die  Dinge  vor  10  Jahren  auf  dorn  Congi-eß  in 
Budapest. 

Nur  ganz  schüchtern  wagten  sich  seitdem  einzelne  Stimmen 
in  die  Oeffentliohkeit,  welche  meinem  damaligen  Wunsche,  die 
Frage  populär  zu  erörtern,  entsprachen.  Immer  noch  schreckte 
man  in  unverantwortlicher  Prüderie  vor  einer  öffentlichen  Er- 
örterung dieser  gewiß  kitzliohen  Frage  zurück,  indem  viele  Leute 
glaubten,  daß  man  durch  Belehrung  die  Kinder  erst  auf  die 
Onanie,  die  ihnen  noch  unbekannt  sei,  hinführe.  Auch  fehlte 
bisher  ein  Modus  der  Belehrung,  den  jeder  Vater  und  jeder 
Lehrer  gern  bei  seinen  Kindern  anwenden  würde. 

Allein,  die  Zeiten  der  Verhüllung  dieser  eminent  wichtigen 
Fragen  sind  nun  glücklicherweise  endlich  beendet.  Der  Verein 
„Jugendsohutz"  in  Berlin  hat  schon  1900  die  gute  Schrift 
Ethelmers  „Baby  Buds",  übersetzt  von  Hanna  Bieber-Böhm, 
unter  dem  Titel  „Wo  kam  Brüdej'ohen  her'?"  sowie  das  Flugblatt 
von  E.  Stiehl  „Auch  eine  Mutterpflicht"  verbreitet.  Auf  dem 
diesjährigen  internationalen  hygienischen  Oongresse  in  Nürnberg 
1904  hielten  Prof.  Schusohny,  Dr.  Epstein,  Prof.  Stanger, 
Dr.  Oker-Blom  und  Frau  Hofrat  von  Forster  bedeutende 
Vorträge  über  die  sexuelle  Belehrung  der  Kinder,  und  man  be- 


1.  Abteilung.     Hygienische  Seotion. 

Bchlol.1  dott,  eine  permanente  OommisBlon  zur  weiteren  Prüfung 
der  Frage  und  zur  Vorlegung  bestimmter  Thesen  für  den  nächsten 
Londoner  Congreß  einzusetzen.  Der  vierbändige  Bericht  der 
Nürnberger  Versammlung  ist  aber  noch  nicht  erschienen. 

Es  kann  daher  hier  nur  kurz  angedeutet  werden,  was  in 
dieser  Beziehung  über  die  sexuelle  Belehrung  der  Schulkinder 
vorgetragen  worden  ist. 

Schularzt  und  Professor  der  Hygiene  H.  Sohuschny  aus 
Budapest  meinte,  die  Schule  könne  der  sexuellen  Frage  nicht 
a,u8  dem  Wege  gehen.  Die  Aufklärung  geschehe  bisher  ge- 
wöhnlich durch  aufgeklärte  ältere  Genossen,  die  ihre  Kenntnisse 
liinsichtlioh  des  Geschlechtslebens  auf  demselben  Wege  erlangt 
haben.  Eltern,  die  ihre  Khider  mit  der  größten  Sorgfalt  erziehen, 
können  das  nicht  verhindern  und  pflegen  sich  um  die  bezüglichen 
Kenntnisse  ihrer  Kinder  nicht  zu  kümmern.  Der  Trieb  zur 
Wahrheit  soll  nicht  nur  unsere  Kinder,  sondern  auch  uns  leiten, 
und  deshalb  dürfen  wir  nicht  die  Storchpoesie  festhalten,  wenn 
unsere  Kinder  schon  längst  darüber  hinaus  sind.  Man  erziehe 
das  Kind  vor  und  in  der  Volksschule  so,  daß  es  an  der  sexuellen 
Frage  gar  nichts  Besonderes  findet.  Um  die  zumeist  fehlende 
pädagogische  Sicherheit  der  Eltern  zu  fördern,  sollten  Eltern- 
abende veranstaltet  werden.  Ist  das  Kind  vor  der  Pubertät  auf- 
geklärt, dann  wird  es,  wenn  diese  eintritt,  vom  Eeiz  des  Mysti- 
schen nicht  mehr  so  erfaßt  werden  als  jenes,  das  nach  den  Regeln 
der  Conventionellen  Sittlichkeit  erzogen  wurde. 

Prof.  Schuschny  berichtete  sodann  über  den  in  ungarischen 
Schulen  eingeführten  Hygieneuuterricht,  der  in  den  obersten 
Klassen  erteilt  wird,  wobei  dem  Vortragenden  Gelegenheit  ge- 
boten ist,  das  sexuelle  Gebiet  einschließlich  der  Geschlechts- 
krankheiten zu  streifen.  Dieser  Unterricht  ist  ferner  auch  gegen 
die  Masturbation  gerichtet,  und  es  wird  den  Schülern  Enthaltsam- 
keit an's  Herz  gelegt.  Er  berichtet  endlich,  daß  er  den  Abi- 
turienten der  Staatsoberrealsohulen  in  Budapest  seit  10  Jahren 
alljährlich  vor  der  üebernahme  des  Reifezeugnisses  einen  Vortrag 
über  sexuelle  Hygiene  halte. 

Dr.  Epstein  (Nürnberg)  meinte:  Daß  eine  Aufklärung 
der  Jugend  über  Geschlechtskrankheiten  nötig  ist,  darüber 
besteht  heute  kein  Zweifel  mehr ;  nur  die  Einzelfragen  erfordern 
eine  endgiltige  Lösung,  von  wem,  wie  und  wann  dieser  Uziter- 
richt  zu  erteilen  sei.  Da  Eltern  und  Lehrer  hierfür  verläufig 
weniger  in  Betracht  kommen,  erscheint  der  schon  von  Fournier 
und  Anderen   gemachte  Vorschlag  am   zweckmäßigsten,   die  Be- 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  ftlr  vaterl.  Oiiltiir, 


lehrung  durch  die  Schulärzte  erteilen  zu  lassen,  nicht  in  Form 
eines  besonderen  Curses,  sondern  als  Teil  einer  Vortragsreihe 
über  die  wichtigsten  Abschnitte  der  Gesundheitspflege.  Es  soll 
kein  CoUeg  über  Pathologie  und  Therapie  der  Gresohlechtskrauk- 
heiten  geboten  werden,  sondern  es  sollen  diese  Krankheiten,  ihre 
Häufigkeit,  ihre  Gefahren  eindringlich  dargestellt  werden.  Es  muß 
hingewiesen  worden  auf  die  ethische  und  gesundheitliche  Bedeutung 
der  sexuellen  Enthaltung.  Auch  auf  die  Onanie  wird  hierbei  in 
tactvoUer  und  nicht  übertreibender  Weise  einzugehen  sein.  Als 
Altersstufe,  die  für  die  Belehrung  zu  wählen  wäre,  erscheint 
etwa  das  16.  Lebensjahr  am  geeignetsten.  Der  Unterricht  würde 
also  nicht  in  die  Volksschule  fallen,  sondern  in  die  letzten  Monate 
der  Sonntags-  und  Fortbildungsschule,  auf  den  Mittelschulen 
etwa  in  die  sechste  Klasse. 

Realschulprofessor  Dr.  Stanger  (Trautenau)  sagte,  es  Bei 
eine  bekannte  Thatsache,  daß  unsere  Jugend  der  Mehrzahl  nach 
nicht  nur  wissend,  sondern  auch  verdorben  ist,  eine  Thatsaclie, 
für  welche  sie  gewiß  nicht  allein  verantwortlich  gemacht  werden 
kann.  Das  Elternhaus  sollte  auch  behilflich  sein;  es  möge 
darüber  belehrt  werden,  daß  der  Weg  zur  Keuschheit  durch  die 
Nüchternheit  führt.  Für  die  Schule  ist  die  ausgiebige  Förderung 
gesunder  körperlicher  Uebungen  zu  jeder  Jahreszeit  ein  wichtiger 
Factor.  Privatleotüre  der  Jugend  ist  gleichfalls  ein  wichtiges 
Moment.  Tanzunterricht,  Tanzvergnügungen,  Theater  können 
verderblich  werden.  Auch  die  Sittenpolizei  möge  mithelfen.  Bei 
geheimen  Erkrankungen  ist  Anzeigepflioht  zu  fordern;  öffentliche 
Häuser  sind  in  der  Nähe  von  Schulen  nicht  zu  dulden,  Studirendo 
sollen  mit  Dirnen  nicht  in  einem  Hause  wohnen.  Statt  der  Schluß- 
kneipen sollen  Abschiedsfeierlichkeiten  stattfinden. 

Frau  Hofrat  von  Porster  (Nürnberg),  die  Vertreterin  des 
deutschen  Frauenvereins  und  des  Bundes  deutscher  Prauen- 
vereine,  eine  rhetorisch  und  logisch  hoch  hervorragende  Frau, 
hob  hervor,  daß  die  Heranziehung  der  Mütter  zu  jenem  Auf- 
klärungswerk von  der  größten  Wichtigkeit  sei,  und  daß  Unter- 
weisungen über  die  Art,  in  der  die  Aufklärung  zu  geben  wäre, 
als  ein  dringendes  Erfordernis  für  die  Mütter  angesehen  werden 
müsse.  Sie  hält  die  Teilnahme  der  Mütter  an  Besprechungen 
der  Lehrerschaft,  auch  der  männlichen,  hinsichtlich  dieser 
Fragen  für  wertvoll. 

Auch  Herr  Dr.  Max  Oker-Blom,  Arzt  und  Docent  der 
Physiologie  aus  Helsingfors,  setzte  in  Nürnberg  seine  Ansichten 
auseinander  und  gab  seine  Rede  bereits  schwedisch  heraus.    Ich 


I.  Abteilung.    Hyg-ienisohe  Section. 


halte  es  für  meine  Pflicht,  auf  die  soeben  im  Erscheinen  be- 
griffene, kleine,  vortreffliche  Schrift  von  Max  Oker-Blom  auf- 
merksam zu  machen,  welche  den  Titel  führt:  „Beim  Onkel  Dootor 
auf  dem  Lande;  vorbeugende  sexuelle  Belehrungen  für  Knaben 
von  8  bis  12  Jahren  mit  Hilfe  der  Eltern",  übersetzt  von  Pro- 
fessor Leo  Burgerstein  in  Wien;  Verlag  von  Piohlers  Witwe 
und  Sohn  in  Wien,  Preis  85  Pf.  Ich  eile,  dieses  wirklich  aus- 
gezeichnete Büchlein  allen  Eltern  und  Lehrern  auf  das 
Dringendste  zu  empfehlen,  weil  die  Frage  noch  niemals  bisher 
in  einer  für  die  Kinderwelt  so  passenden  Form  gelöst  worden 
ist.  Man  kann  dem  Professor  Burgerstein,  dem  Verfasser  des 
ausgezeichneten  Lehrbuches  der  Solnilhygiene,  nicht  dankbar 
genug  sein,  daß  er  dieses  vortreffliche  kleine  Buch  sogleich  in's 
Deutsche  übertragen  hat. 

Mit  Recht  betont  Oker-Blom  in  einem  Vorwort  an  die 
Eltern,  daß  viele  Kinder  aus  reinem  Unverstand  der  Selbst- 
büfleokung  zum  Opfer  fallen,  weil  kein  Verständiger  mit  ihnen 
von  der  Gefährlichkeit  solcher  Spiele  spricht  und  sie  rechtzeitig 
warnt.  Die  Kinder  merken  leicht,  daß  die  Eltern  ihnen  die 
Wahrheit  der  Geschlechtsverhältnisse  vorenthalten;  das  spornt 
ihre  Neugier  an  und  führt  dahin,  daß  die  Kenntnis  auf  andere 
Art  erworben  wird.  Es  werden  daher  die  etwas  älteren  Knaben 
zu  Lehrmeistern  der  jüngeren,  und  ein  unglückliches  Spiel  ist 
den  jüngeren  Kindern  beigebracht.  Während  wir  sonst  in  den 
zahlreichen  Fächern  des  Wissens  für  unsere  Kinder  die  besten 
Lehrer  suchen,  überlassen  wir  es  hingegen  in  Sachen  des  Ge- 
schlechtslebens dem  Zufall,  den  Lehrmeister  zu  wählen,  und  ent- 
fremden uns  das  Vertrauen  der  Kinder. 

Schon  mit  8  und  10  Jahren,  mitunter  schon  früher,  macheu 
sie  Erfahrungen  in  solchen  Dingen,  die  sie  wohlweislich  als  ihr 
heimliches  Wissen  behandeln  und  phantastisch  bearbeiten;  denn 
die  Eltern  zeigen  ja  deutlich  genug,  daß  mau  mit  ihnen  darüber 
nicht  reden  kann.  Der  Verfasser  hofft,  den  Eltern  einen  Dienst 
zu  erweisen  durch  Angaben  einer  Form,  in  welcher  die  not- 
wendig befundene  Mitteilung  geschehen  könnte.  Oker-Blom 
hat  daher  geglaubt,  mit  Hilfe  passender  Erzählungen,  die  sich 
an  kleine,  im  Alltagsleben  vorkommende  Ereignisse  anknüpfen, 
die  Kinder  über  die  geschlechtlichen  Fragen  am  leichtesten  be- 
lehren zu  können,  und  er  wünscht,  daß  diese  Geschichtchen 
langsam  den  Kindern  von  den  Eltern  vorgelesen  werden  sollen. 
Sie  werden  dann  der  Ausgangspunkt  für  vertrauliche  Aussprache 
zwischen  Eltern  und  Söhnen  werden  und  dem  Kinde  zeigen,  daß 

a* 


H6  Jahresbericht  der  Sclilos.  Oesollscliaft  für  vatorl.  Cultur. 

es  in  seinen  eigenen  Eltern  seine  natürliohBten  Eatgeber  findet. 
Es  möge  die  Belehrung  zur  Zeit  geschohon  ,  ehe  sie  von  schäd- 
lichen Nebeneinflüssen  überholt  wird,  „besser  ein  Jahr  zu  früh, 
als  eine  Stunde  zu  spät",  sagt  der  Verfasser  mit  Recht. 

Oker-Blom  schildert  einen  Knaben,  den  ein  Onkel,  welcher 
Arzt  ist,  eingeladen  hat,  die  Sommerferien  auf  dem  Lande  bei 
ihm  zu  verleben,  und  den  er  wie  ein  Vater  belehrt.  Dieser  Knabe 
schreibt  nun  an  einen  Freund  in  einer  seinem  Alter  entsprechenden 
Form,  wieviel  Interessantes  er  gehört  und  gelenkt  habe.  Der 
Onkel  begann  in  einfachster  Weise  ihm  eine  Apfelblüte  zu 
erklären  und  die  Bedeutung  der  Staubgefäße,  ihres  Mehles,  der 
Narbe  des  Stempels  and  des  Fruchtknotens  ihm  klar  zu  machen, 
daß  also  nur  durch  die  Wechselwirkung  zwischen  männlichen 
und  weiblichen  Teilen  eine  Frucht  entstehen  und  reifen  könne. 
Gelegentlich  der  Beobachtung  von  Schwalben  wurden  die  Ver- 
hältnisse auf  Vögel  übertragen,  die  Entstehung  der  Eier  im 
Eierstock,  das  Eierlegen  und  Ausbrüten  durch  das  Schwalben- 
weibchen  erörtert.  In  einem  anderen  Briefe  wird  geschildert, 
wie  die  Hündin  des  Arztes  fünf  Junge  geboren ,  nachdem  sich 
diese  im  Leibe  des  Muttertieres  aus  kleinen  Eikugeln  völlig  ent- 
wickelt haben. 

Der  Doctor  sagt  dem  Knaben,  daß  auch  er  wie  die  jungen 
Hündchen  aus  dem  Leibe  seiner  Mutter  geboren,  und  nicht, 
wie  ihm  vorgeredet  worden,  vom  Storch  in  die  Welt  gesetzt 
worden  sei,  und  wie  schwer  die  Geburt  der  Kinder  wäre. 
Den  Ersatz  für  die  vielen  Beschwerden  und  Schmerzen,  die  die 
Mutter  erduldet,  könne  sie  nur  in  dem  Bestreben  des  Kindes, 
artig  und  folgsam  zu  sein  und  immer  nur  das  Gute  thun  zu 
wollen,  finden.  „Das  sollst  du  wissen,  um  deine  Schuldigkeit 
gegen  deine  Eltern  zu  kenneu.  Wenn  sie  nicht  vorhanden  ge- 
wesen wären,  wärest  du  nie  zur  Welt  gekommen." 

Eines  l'ages  strauchelte  der  Knabe  und  stürzte  über  einen 
Baumstumpf.  Das  verursachte  ihm  gerade  zwischen  den  Beinen 
einen  heftigen  Schmerz.  Er  hatte  sich  auf  der  Innenseite  des 
einen  Schenkels  die  Haut  etwas  geritzt,  da  wo  der  Schenkel 
vom  Körper  abzweigt.  Der  Arzt  erklärte  ihm,  daß  die  Sache 
viel  schlimmer  gewesen  wäre,  wenn  die  Vorletzutjg  an  den  kleinen 
Teilen  zwischen  den  Beinen  stattgefunden  hätte,  da  diese  sehr 
empfindlich  sind  und  leicht  anschwellen.  Also  riet  er  ihm,  diese 
Teile  nie  zu  beunruhigen,  nie  au  ihnen  her umzureiben  oder 
zu  ziehen. 

Später    wurde    dem  Arzte    ein   Bauernknabe   in    die  Sprech- 


I.  Abtoilmig.     Flygioiiische  Soction. 


stunde  gebracht,  bei  dem  wegen  vieler  absiohtliolier  Reibungen 
an  den  Geschlechtsteilen  eine  solche  Entzündung  derselben  ein- 
getreten war,  daß  der  Doctor  in  Gegenwart  seines  Neffen,  den 
der  Patient  vorher  zu  ähnlicher  Spielerei  hatte  verleiten  wollen, 
eine  Operation  vornehmen  mußte. 

Ea  folgen  andere  sehr  lehrreiche  Erzählungen :  das  wahrhaft 
Großartige  an  diesen  ist  die  Keuschheit,  in  der  sie  entworfen 
aiud,  und  der  ganze  Ton,  der  völlig  für  das  Verständnis  und  die 
Empfindung  des  Kindes  berechnet  ist.  Jeder  Vater,  der 
heranwachsende  Knaben  hat,  wird  selbst  bei  der  Leetüre  finden, 
daß  es  gar  keine  bessere  Methode  geben  kann,  in  einer  dem 
jugeJ\dliohen  Alter  entsprechenden  Weise  sexuelle  Belehrungen 
zu  erteilen.  Das  Buch  müßte  also  in  jeder  Familie  angeschafft 
werden,  zumal  es  so  hillig  ist. 

Es  ist  nur  wünschenswert,  daß  rocht  bald  eine  Umarbeitung 
für  Mädchen  von  dem  vortrefflichen  Verfasser  herausgegeben 
werde,  damit  sie  die  Mütter  und  Lehrerinnen  den  heranwachsenden 
Töchtern  vorlesen,  bei  denen  ja  leider  ebenso  wie  bei  den  Knaben 
die  Onanie  sehr  verbreitet  ist. 


Ich  knüpfe  hieran  den  Hinweis  auf  einen  Aufsatz,  welchen 
die  erste  preußische  Sohulärztin,  Fräulein  Dr.  med.  Thereso 
Oppler  in  Breslau,  soeben  in  der  Erismann'schen  „Zeitschrift 
für  Sohulgesundheitspflege"  veröffentlicht  und  überschrieben  hat 
„Zur  Frage  der  sexuellen  Aufklärung".  Die  darin  enthaltenen 
Gedanken  sind  höchst  bemerkenswert.  Die  Verfasserin  sagt  sehr 
richtig:  „Der  Beginn  der  Pubertät  an  sich  giebt  beim  Mädchen 
schon  genug  Veranlassung,  über  die  Gefahren  des  krankhaften 
und  ungeordneten  Geschlechtslebens  unterrichtet  zu  werden."  Sie 
tadelt  diejenigen  Pädagogen,  welche  möglichst  wenig  auf  die 
sexuellen  Beziehungen  der  reifenden  Jugend  hinweisen  wollen, 
und  behauptet  mit  Eecht:  „Jeder  normale  Mensch  muß  zur  Zeit 
der  Pubertät  die  Geschlechtsorgane  und  ihre  Functionen  ihrem 
Wesen  nach  kennen.  Wird  ihm.  von  berufener  Seite  keine  Be- 
lehrung, so  schöpft  er  sein  Wissen  aus  trüben  Quellen.  Der 
Reiz  des  Geheimnisvollen  und  des  Verbotenen  nimmt  seine  Sinne 
gefangen.  Aus  der  gesunden  und  natürlichen  Wißbegierde  wird 
Neugierde,  schließlich  Gier.  Die  heranwachsende  Tochter  hat 
zu  einer  Zeit,  da  sie  der  Mutter  am  meisten  bedarf,  ein  Wissen 
daß  sie,  weil  auf  unsauberem  Wege  erlangt,  ängstlich  vor  ihr 
verheimlichen  muß.     Sie  sucht  glühend  vor  geheimer  Erwartung 


Jahresbericht  clor  ScUes.  Gesellschaft  für  valeri.  Ciiltnr. 


die  Erklärung  irgend  welcher  aufgeschnappten  Worte  im  Con- 
versationalexicon,  oder  sie  schließt  sich  einer  „erfahrenen"  Sohul- 
genossin  an,  die  ihrerseits  in  den  Nachtstundon  ein  gemeines 
Buch  zu  ihrer  Aufklärung  gelesen  hat  und  im  Anschluß  an  diese 
Leetüre  Masturbantin  geworden  ist.  Schickt  ein  ISjähriges 
Mädchen  regelmäßig  bei  Gesprächen  Erwachsener  hinaus,  so 
horcht  es  schließlich  an  der  Thür." 

Fräulein  Dr.  Oppler  meint,  daß  die  Aufklärung  nur  durch 
die  Schule  gegeben  werden  könne.  In  einigen  Mädchenschulen 
wird  seit  mehreren  Jahren  Gesundhoitslohre  vorgetragen,  jedoch 
derart,  daß  die  Existenz  der  Organe  unterhalb  des  Nabels  wohl- 
weislich verschwiegen  wird.  Aber  gerade  über  Entwicklung, 
Bau  und  Funotion  des  menschlichen  Körpers  und  Verhütung  von 
Schädigungen  müßte  Aufschluß  gegeben  werden.  Sie  meint  mit 
Recht,  es  sei  gar  nicht  abzusehen,  was  für  einen  sittlichen  Schaden 
ein  dreizehtijähriges,  noch  kindliches  Mädchen  davon  tragen  sollte, 
wenn  es  in  der  Schule  lerne,  daß  es  eine  Gebärmutter  und  Eier- 
stöcke beherbergt. 

„Fragen,  die  in  wissenschaftlich  ernster  Weise  erörtert  sind, 
können  nicht  mehr  das  unerschöpfliche  Gesprächsthema  während 
der  Schulpausen  bilden.  Der  einzelnen  Schülerin  wird  das  aus 
mindestens  zweifelhafter  Quelle  stammende  Wissen  nicht  melir 
so  unendlich  wichtig  vorkommen.  Dann  wird  die  Entdeckung, 
daß  irgend  eine  Frau  sich  Mutter  fühlt,  nicht  eine  Sensation  für 
eine  ganze  Schulklasse  bedeuten.  Ein  derart  vorgebildetes 
Mädchen  wird  sich  mit  Ekel  von  einer  Gesellschaft  abwenden, 
in  der  über  geschlechtliche  Fragen  gewitzelt  und  getuschelt  wird. 
Nur  so  werden  die  traurigen  Zeichen  eines  überreiiäten  Siunen- 
lebens  meist  von  selbst  verschwinden."  —  — 

M.  H. !  Mein  Referat  kann  nicht  erschöpfend  sein,  es  sollte 
nur  die  mannigfachen  Gesichtspunkte  zusammenstellen,  welche  in 
dem  letzten  Jahrzehnt  über  das  große  und  schwierige  Problem 
der  sexuellen  Belehrung  der  Schulkinder  veröffentlicht  wurden. 
Möge  die  folgende  recht  vielseitige  akademische  Discussion  von 
Aerzten  und  Lehrern  der  wichtigen  Frage  förderlich,  sein! 


Discussion: 

Herr  Dr.  Chotzen:  Die  Fülle  der  Gesichtspunkte,  welche  der 

Herr  Vortragende  vor  uns  ausgebreitet  hat,  ist  so  groß,  daß  es  kaum. 

möglich  ist,  auf  jeden  einzelnen  einzugehen;   aber  wenn  wir  uns 

darauf  beschränken  wollen,  uns  nur  streng  an  den  Wortlaut  des 


I.  Abteilurift-.    Hygienische  Sectioii.  39 

angekündigten  Tlieraas  zu  halten,  wird  es  wohl  möglich  sein,  zu 
einer  Einigung  der  verschiedenen  Anschauungen  zu  gelangen. 

Zur  Disoussion  steht  die  Trage  der  „sexuellen  Belehrung 
der  Schulkinder".  Unter  der  Bezeichnung  „Schulkinder"  dürften 
wohl  auch  nach  der  Auffassung  des  Vortragenden  nur  die  Kinder  im 
schulpflichtigen  Alter,  d.  h.  vom  6. — 14.  Lebensjahre,  zu  verstehen 
sein.  Es  wäre  zunächst  nur  zu  erörtern,  ob  es  zweckmäßig  ist, 
Kinder  dieses  Alters  im  SllternhauBe  oder  —  respective  und  — 
in  der  Schule  eine  ihrer  jeweiligen  Entwicklungsstufe  entsprechende 
Aufklärung  über  die  Entstehung  des  Menschen  und  —  ganz  all- 
gemein ausgedrückt  —  weitere  sexuelle  Dinge  zu  geben  oder  nicht. 

Wer  die  Litteratur,  und  zwar  die  ernsthafte  Eachlitteratur, 
welche  von  Aerzten,  Pädagogen  und  Seelsorgern  herrührt,  in  den 
letzten  Jahren  verfolgt  hat,  weiß,  daß  in  allen  diesen  Kreisen 
Uebereiustimmung  darin  herrscht,  es  müsse  schon  frühzeitig  dem 
Schulkinde  unter  Fallenlassen  des  Storchmfirchens  eine  den  that- 
sächlichen  Verhältnissen  nahekommende  Aufklärung  gegeben 
werden,  um  die  Gefälirdxmg  der  kindlichen  Sittlichkeit  durch  Ein- 
wirkung ungeeigneter  Personen  (Altersgenossen,  Dienstboten)  zu 
verhüten.  Auch  von  anderer  Seite  als  der  der  Fachgelehrten, 
selbst  von  Seiten  der  Eltern,  namentlich  solcher  Eltern,  welche 
in  naturwissenschaftlichem  Denken  groß  geworden  sind,  bricht 
sich  die  Erkenntnis  Bahn,  daß  mit  dem  bisherigen  Nichterörtern 
der  Menschentstehung  und  dem  Nichterörtern  der  vor  oder  im 
Beginn  der  Pubertät  ausgeübten  Masturbation  gebrochen  werden 
müsse,  daß  es  Pflicht  der  Erzieher  sei,  auch  in  dieser  Eichtung 
Lehrer  und  Beschützer  der  Jugend  zu  sein. 

Eine  Meininigsverschiedenheit  besteht  nicht  mehr  darüber, 
daß  auf  diesem  Gebiete  die  Erziehung  anders  geleitet  werden 
müsse,  sondern  höchstens  darüber,  wem  diese  Aufgabe  zufallen 
solle  und  wie  sie  zw  leisten  sei.  Naturgemäß  erscheint  zunächst 
das  Elternhaus  hierzu  berufen. 

Thatsächlioh  sind  aber  selbst  in  den  Kreisen  der  sogenannten 
Gebildeten  die  für  eine  derartige  Jugendbelehrung  notwendigen 
Voraussetzungen  nicht  vorhanden:  es  fehlt  selbst  den  Erwachsenen 
nur  allzu  oft  die  Kenntnis  vom  Körperbau,  von  der  Entwicklung 
und  physiologischen  Aufgabe  der  Geschlechtsorgane,  sowie  von 
den  Schädigungen  durch  Mißbrauch  derselben;  es  fehlt  den  meisten 
Eltern  die  Fähigkeit,  zur  geeigneten  Zeit,  von  Stufe  zu  Stufe 
fortschreitend  mit  ilrreu  Kindern  über  diese  Dinge  belehrend  zu 
sprechen,  und  viele,  die  seihst  die  Fähigkeit  hierzu  besitzen, 
werden  noch  durcli  eine  gewisse  Scheu  davon  zurückgehalten. 


Jahresbericht  der  Schlos.  Gesollschaft  für  vaterl    Oultnr. 


Selbst  die  Eltern  müssen  zu  dieser  ihrer  Erzieheraufgabe 
erst  herangezogen  werden.  In  der  letzten  Zeit  sind  die  Bestrebungen 
der  Volksbildungsvereine  (hier  in  Breslau  z.  B.  der  Humboldt- 
Akademie),  für  Herron  und  Damen  in  getrennten  Cnrsen  auf 
diesem  Gebiete  aufklärend  und  belehrend  zu  wirken,  von  bestem 
Erfolge  gekrönt  worden.  Es  ist  zu  erwarten,  daß  die  rrüoht© 
solcher  Vorträge,  wenn  sie  ausgiebig  wiederholt  werden,  binnen 
wenigen  Jahren  sich  geltend  machen. 

Wie  das  Elternhaus  aber  die  Kindererziehung  nur  zum  Teil 
—  in  vielen  Familien  niir  zum  geringsten  Teil  —  zu  erfüllen 
vermag,  die  hauptsächliche  Arbeit  aber  der  Schule  zufällt,  so  ist 
auch  bei  der  sexuellen  Belehrung  der  Schulkinder  die  Mithilfe 
der  Lehrer  und  auch  der  Seelsorger  nicht  zu  entbehren. 

Der  naturgesohichtliche  Unterricht  bietet  dem  Lehrer  die 
beste  Gelegenheit,  im  Anschluß  an  die  Befruchtung  der  Pflanzen 
auch  über  die  Entstehung  des  Tieres  und  des  Menschen  Be- 
merkungen anzufügen  und  auf  diese  Weise  der  sonst  im  Geheimen 
gepflogenen  Unterhaltung  der  Kinder  über  diesen  Gegenstand 
den  Sinuliohkeitskitzel  zu  nehmen. 

Auch  der  Lehrerstand  ist  aber  hierfür  im  Allgemeinen  noch 
nicht  genügend  vorgebildet;  auch  in  seinen  Kreisen  herrscht  eine 
häufig  ganz  erstaunliche  Unkenntnis  nicht  nur  über  Körperbau 
und  Körperfunctionen,  sondern  noch  viel  mehr  über  die  Bedeutung 
des  Geschlechtslebens,  der  Gesclüeohtskrankheiten  und  Geschlechts- 
verirrungen sowohl  für  das  Einzelwesen,  als  auch  für  die  Gesamtheit, 
den  Staat. 

Ein  Lehrer,  der  auch  nur  Schulkindern  über  sexuelle  Dinge 
Hinweise  geben  soll,  muß  aber  über  die  Materie  hinreichend 
unterrichtet  sein. 

Es  ist  Sache  der  Behörden,  dem  Lshrerstande  auf  diesem 
Gebiete  die  genügende  Unterweisung  zu  Teil  werden  zu  lassen. 
Falls  die  Behörden  hiermit  allzu  lange  zögern  sollten,  ist  es  Sache 
der  Lehrervereine,  in  gewissen  Zwischenräumen  ihren  Mitgliedern 
Vortragscurse  hierüber  halten  zu  lassen,  damit  sich  allmählich 
ein  Lehrerstamm  entwickelt,  der  seinerseits  wieder  auf  kommende 
Jahrgänge  von  Lehren\  anregend  wirkt. 

So  wünschenswertes  auch  ist,  schon  Schulkindern  eineBelehrung 
über  sexuelle  Dinge  zu  geben,  vorläufig,  so  lange  weder  Eltern 
noch  Lehrer  hierfür  genügend  vorgebildet  sind,  ist  an  eine 
systematisch  organisirte  Durchführung  dieser  Be- 
lehrung noch  nicht  zu  denken;  vorläufig  ist  nur  darauf  hin- 
zuweisen,  daß   zunächst  eine  Aufklärung  und  Unterweisung  der 


T.  Abteilung.    Hygienische  Section.  41 

Eltern  und  Lehrer  —  und  zwar  für  letztere  durch  staatliche  oder 
städtische  Einrichtungen  —  zu  schaffen  sei. 

Erst  wenn  dies  erreicht  ist,  erst  dann  ist  die  Frage  discutir- 
bar,  in  welcher  "Weise  die  Schule  bei  der  sexuellen  Belehrung 
der  SchulkiHder  mitwirken  soll. 

Mit  der  letzteren  Frage  hat  sich  bereits  im  Mai  dieses  Jahres 
der  „Landesverein  preußischer  VolhaschuUekrerinnen",  sowie  der 
„Bezirkslehrervorein  München"  beschäftigt  und  eine  Anzahl  dies- 
bezüglicher Thesen  aufgestellt. 

Ganz  besonders  notwendig  ist  eine  sexuelle  Belehrung  der- 
jenigen Schulkinder,  welche  sich  kurz  vor  resp.  in  der  Pubertät 
beiluden,  um  sie  in  dieser  Zeit  des  Erwachens  dos  Geschlechts- 
triebes vor  der  Geschlechtsverirrung,  der  Masturbation,  zu  be- 
wahren, und  derjenigen  Halberwaohsenen,  welche,  sei  es  noch 
während  ihres  Aufenthaltes  in  den  oberen  Klassen  der  höheren 
Schulen,  sei  es  kurz  nach  der  Entlassung  aus  der  Volksschule, 
zum  frühzeitigen  Geschlechts  verkehre  verleitet  werden.  Wegen 
der  daraus  erwachsenden  Gefahren  ist  eine  Belehrung  durch 
Veranstaltung  von  Elternabenden,  von  Sohüleroonferenzen  der 
Secundaner  und  Primaner  in  Gegenwart  der  Lehrer  und  Vorträgen 
von  Aerzten,  wie  in  Leipzig,  von  Vorträgen  in  Fortbildungs- 
schulen etc.  dringend  notwendig,  denn  gerade  die  in  das  Leben 
hinaustretende,  reif  werdende  Jugend  bedarf  der  Warnung. 

Herr  Direotor  Dr.  Wiedemaun  führte  etwa  Folgendes  aus: 

Für  die  Lehrerschaft,  der  man  einen  hervorragenden  Anteil 
an  der  Belehrung  der  Jugend  über  Selbstbeileokung  zuweisen 
wolle,  sei  diese  Frage  nach  zwei  Richtungen  eine  Terra  incognita. 
Einmal  wisse  man  aus  den  Erfahrungen  in  der  Schule  nicht,  wie 
weit  jene  sittlichen  Verfehlungen  um  sich  gegriffen  hätten.  Die 
Angaben  in  Schillers  Lehrbuch  könne  er  persönlich  nicht  be- 
stätigen; ihm  sei  in  20jähriger  Lehrerthätigkeit  nicht  ein  Fall 
vorgekommen,  wo  er  einen  Schüler  in  flagranti  ertappt  habe. 
Blasses  Aussehen  dagegen  und  Schlaffheit  beim  Unterricht, 
worüber  oft  genug  geklagt  werde,  sei  nach  ärztlichem  Ausspruch 
noch  kein  hinreichend  sicheres  Anzeichen.  Zweitens  seien  solche 
Belehrungen  für  den  Lehrer  eine  schwierige  Sache,  weil  sie  etwas 
Neues  seien,  dem  sich  nicht  jeder  gewachsen  fühle;  ein,  ver- 
kehrter Weg  aber,  eine  Entgleisung  auf  diesem  Gebiete  sei  ver- 
hängnisvoller, als  wenn  über  solche  Dinge  überhaupt  nicht  geredet 
werde.  Im  naturgesohichtliohen  Unterricht  könne  nacii  der 
Biohtung  wohl  etwas  geschehen  und  werde  unter  Capitel  Ge- 
sundheitspflege  auch  wohl  Manches  vorgetragen,   aber  wie  weit 


42  Jahresbericht  iler  Schlos.  GosoHsch.ift  für  vaterl.  Oultur. 

das  geschehen  müsse  und  ob  der  Erfolg  nicht  ausbleibe,  sei  eine 
ofifene  Trage.  Ihm  sei  es  sogar  in  der  Sprechstunde  vorgekommen, 
daß  eine  Mutter  für  das  Vergehen  ihres  Sohnes,  der  sich  an  der 
Verbreitung  unflätiger  Lieder  beteiligt  hatte ,  die  Schule  verant- 
wortlich machen  wollte,  weil  der  Naturgeschichtslehrer  in  einer 
Stunde  von  Fortpflanzungswerkzeugen,  also  von  „unsittlichen" 
Dingen  gesprochen  habe!  Die  Schule  müsse  daher  auch  aus 
diesem  Grunde  mit  Vorsicht  au  Werke  gehen. 

Sie  thue  am  besten,  wenn  sie  die  Schüler  in  und  außerhalb 
der  Stunde,  also  in  den  Erholungspausen,  auf  das  Sorgfältigste 
überwache.  Im  Uebrigen  müsse  sie  diese  heikle  Aufgabe  in  erster 
Linie  dem  Elternhause  und  dem  Hausärzte  überlassen ;  Rück- 
sprachen mit  Eltern  und  Erziehern  und  Hinweise  auf  bestimmte 
Anzeichen  im  Verhalten  des  Schülers  seien  geboten  und  hätten 
oft  Nutzen  gehabt;  auch  sogen.  Elternabende,  bei  denen  erzieh- 
liche Fragen,  auch  zur  eigenen  Belehrung  der  Eltern,  erörtert 
würden,  seien  von  Wert. 

Wie  weit  der  Arzt  durch  hygienische  Vorträge  in  der  Schule 
zu  wirken  vermöge,  darüber  stehen  dem  Redner  keine  Erfahrungen 
zur  Seite;  er  möchte  aber  glauben,  daß  solche  Belehrungen  eines 
Fachmannes,  über  denen  der  heilige  Ernst  der  Wissenschaft 
schwebe,  jedenfalls  wirksamer  seien,  als  wenn  sie  vom  Lehrer 
gegeben  würden,  der  auf  diesem  Gebiete  leicht  fehlgreifen  könne. 
Ob  aber  auf  diese  Weise  ein  sittlicher  Erfolg  sicher  verbürgt  sei, 
stehe  nicht  fest.  Ergebnis:  Dem  Wirken  der  Lehrer  auf  dem 
Boden  sexueller  Belehrungen  seien  sehr  enge  Grenzen  gesteckt, 
die  Hauptarbeit  falle  dem  Vater  oder  der  Mutter  in  der  Aus- 
sprache unter  vier  Augen  zu;  wann  und  wie  das  zu  geschehen 
habe,  sei  deren  Sache. 

Herr  Prof.  Dr.  med.  Tiotze:  M.  H. !  Das,  was  Herr  Director 
Wiedemann  gesagt  hat,  unterschreibe  ich  Wort  für  Wort,  das  ist 
ganz  meine  Meitumg.  M.  H. !  Das  Thema,  das  der  Herr  Referent 
behandelt  hat,  ist  ja  ein  sehr  zeitgemäßes.  Er  hätte  unter  den  Schriften, 
die  er  citirt  hat,  auch  noch  den  bekannten  Roman  Götz  Krafft 
erwähnen  können,  wo  ja  dies  Problem,  wie  viele  andere,  ebenfalls 
angeschnitten,  aber  ebenso  wenig  tief  wie  die  anderen  ausgeführt 
worden  ist.  Ich  hatte  Gelegenheit,  mich  mit  diesem  Thema  zu 
beschäftigen,  als  ich  bei  einer  Studienreise  in  Born  mit  einer  sehr 
liebenswürdigen  und  klugen  Frau  sehr  häuflg  über  diese  Fragen 
verhandelte.  In  der  Schweiz  ist  nämlich  zur  Zeit  eine  sehr  starke 
Bewegung  etwa  in  dem  Sinne,  wie  sie  der  Herr  Vortragende  ge- 
schildert hat.     Man  hat  dort  vor  allen  Dingen   dem  Storch  den 


I.  Abteilung.    Hygionisclie  Section. 


Krieg  erklärt  und  sagt  sich,  es  sei  hohe  Zeit,  mit  dieser  albernen 
Legende  zu  brechen,  es  sei  besser,  die  Kinder  würden  über 
sexuelle  Fragen  von  den  Eltern  in  zarter  und  ihrem  Verständnis 
angemessener  Weise  aufgeklärt,  als  daß  sie  von  diesen  Dingen 
durch  Dienstboten  oder  gewitzigte  Schulkameraden  Kenntnis  er- 
hielten. Damals  habe  ich  auch  durch  Vermittelung  meiner  ver- 
ehrten Freundin  das  vorhin  erwähnte  Schriftchen:  „Wo  kommt 
Brüderchen  her?"  neben  anderen  dieser  Art  gelesen.  Ich  gebe 
den  Inhalt  dieser  Broschüre  nach  meinem  Gedächtnis  wieder.  Es 
ist  eine  Disoussion  zwischen  einer  Mutter  und  ihrem  sechsjährigen 
Söhnchen.  Die  Mutter  ist  guter  Hoffnung.  Nachdem  sie  den 
Kleinen  über  die  Entstehung  der  Pflanze,  des  Hühnchens  etc. 
belehrt  hat,  spricht  sie  von  der  Abstammung  des  Menschen  und 
sagt  dem  Sohne,  daß  auch  er  seiner  Zeit  unter  ihrem  Herzen 
geschlummert  habe.  Und  siehst  Du,  schließt  sie,  in  nächster  Zeit 
werden  wir  wieder  ein  kleines  Geschwisterchen  erhalten,  gieb  nur 
Dein  Händchen,  Du  kannst  seine  Bewegungen  fühlen.  (Zuruf 
von  Herrn  Prof.  Cohn:  Das  steht  nicht  in  dem  Buche.)  So? 
Dann  muß  ich  mich  sehr  irren,  dann  steht  es  aber  ganz  bestimmt 
in  einem  anderen,  dem  genannten  inhaltlich  und  in  der  Form 
sehr  ähnlichen  Buche,  das  mir  damals  zum  Lesen  gegeben  wurde. 
Gelesen  habe  ich  diesen  Passus  ganz  bestimmt  und  als  ich  so 
weit  war,  hatte  ich  nur  eine  Empfindung,  nämlich  „ekelhaft". 
M.  H. !  Sie  werden  vielleicht  aus  diesem  Eingeständnis  entnehmen, 
welche  Stellung  ich  zu  der  heute  aufgeworfenen  Frage  einnehme. 

Ich  glaube,  daß  ich  mich  den  Fragen  der  neuen  Zeit  gegen- 
über auch  nicht  stumpfsinnig  verhalte,  aber  hier  kann  ich  nur 
sagen,  hier  kann  ich  nicht  mit,  M.  H.!  Ich  habe  sechs  Kinder, 
und  ich  kann  mir  wohl  denken,  daü  für  mich  auch  eine  Zeit 
kommen  wird,  wo  ich  ihnen  manche  Fragen  nach  sexuellen 
Problemen  sachgemäß  beantworten  und  sie  von  selbst  zweck- 
entsprechend belehren  werde,  aber  wenn  ich  das  mache  und  wie 
das  geschehen  soll,  das  kann  ich  heute  noch  nicht  sagen;  jeden- 
falls werde  ich  mir  nicht  in  pedantischer,  schematischer  Weise 
eines  Tages  vornehmen,  jetzt  muß  es  geschehen,  und  ich  werde 
nun  nicht  meine  Kinder  um  mich  versammeln  und  ihnen  einen 
Vortrag  halten,  sondern  das  muß  einmal  der  Zufall,  der  Augen- 
blick ergeben,  die  Gelegenheit,  die  sich  ja  in  den  Fragen  der 
Kinder  so  häufig  findet. 

Deshalb  halte  icli  es  auch  für  ganz  falsch,  diese  Sache 
pflichtgemäß  einfach  der  Schule  aufzutragen.  Gewiß  würde  der 
Lehrer   zu    solchen  Besprechungen    sehr  geeignet  sein,   aber  er 


44  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Oultiir. 

kann,  wie  Herr  Direotor  Wiedemann  schon  ganz  richtig  gesagt 
hat,  in  solchen  Fragen,  die  Mann  für  Mann,  Auge  in  Auge  be- 
sprochen werden  müssen,  bei  Vorträgen  in  einem  Auditorium, 
wo  er  des  Einzelnen  nicht  sicher  iat,  auüerordentlioh  schaden, 
man  soll  solche  Dinge  seinem  Takt  und  seinem  Zartgefühl  über- 
lassen, aber  man  soll  ihm  keinen  Lehrauftrag  nach  dieser  Rich- 
tung erteilen. 

Und  dann  noch  ein  paar  Worte  über  jenes  Storchmärchen. 
M.  H.,  man  will  es  abschaffen,  weil  man  sagt,  man  muß  die 
Wahrheit  sagen,  man  muß  die  realen  Dinge  sehen  wie  sie  sind 
und  nicht  mit  einer  Brille  vor  den  Augen  durch  die  Welt  gehen. 
M.  H. !  Für  diese  Wahrheitsfanatiker,  die  alle  Illusion,  alle  Täuschung, 
alle  Kunst  aus  der  Welt  schaffen  wollen,  habe  ich  nur  ein  mitleidiges 
Lächeln ,  sie  erinnern  mich  immer  an  Gregor  Werle,  und  Sie 
wissen  ja,  welches  Unheil  derselbe  schließlich  anrichtete.  Und 
dann,  zum  Schluß,  m.  H. ,  wenn  icli,  der  Vater,  den  Kindern 
nicht  Keuschheit  beibringe,  dann  wird  sie  ihnen  auch  nicht  ein 
Lehrer  beibringen;  wenn  ich  nicht  weiß,  was  ich  ihnen  in  dieser 
Richtung  zu  sagen  habe,  so  kann  es  ihnen  auch  kein  Arzt  sagen. 
M.  H.!  Die  sexuelle  Belehrung  gehört  in  die  Kinder- 
stube, nicht  in  die  Schule. 

Herr  Dr.  Sainoseh  macht  darauf  aufmerksam,  daß  die  Schule 
denn  doch  eine  gewisse  Verpflichtung  hinsichtlich  der  sexuellen 
Belehrung  der  Schvdkinder  habe.  Der  obligatorische  Schulbesuch 
bedingt  ein  mehr  oder  minder  enges  Zusammenleben  von  Kindern, 
wobei  es  z.  B.  unvermeidlich  ist,  daß  Kinder  recht  verschiedener 
Altersstufen  in  einer  Klasse  zusammentreffen.  (Vgl.  Dr.  Samosoh: 
Einige  bemerkenswerte  Ergebnisse  von  Schulkinder-Messungen 
und  Wägungen.  „Zeitschrift  für  Sohulgesundheitspflege" ,  1904, 
S.  389.)  Es  ist  kein  Zweifel,  daß  das  Zusammensein  von  Kindern, 
die  sich  in  der  Zeit  der  beginnenden  Geschlechtsreife  be- 
finden, insbesondere  aber  das  Zusammensein  von  solchen,  die  das 
Pubertätsalter  überschritten  haben,  mit  solchen,  die  dasselbe  noch 
nicht  erreicht  haben,  die  Entstehung  und  Verbreitung  sexueller 
Verirrungon  begünstigen  kann.  Sonach  erwächst  für  die  Schule 
die  Pflicht,  derartigen  gesundheitsschädlichen  Begleiterscheinungen 
des  Sohullebena,  deren  Vorkommou  erwiesen  ist,  nach  Möglichkeit 
vorzubeugen.  Aber  abgesuhen  von  den  im  Jugendalter  vor- 
kommenden sexuellen  Verirrungen  muß  auch  sonst  principaliter 
verlangt  werden,  daß  die  Kinder  über  sexuelle  Fragen  in  der 
Schule  aufgeklärt  werden,  weil,  wie  Herr  Prof.  Merkel  auf  dem 
diesjähi'igen  Naturforsciier-Gongreß    in   Breslau     ausgeführt   hat, 


I.  Abteiluug.    Hygienische  Section.  45 

jedes  Kind  das  Recht  hat,  über  den  Bau  und  die  Functionen 
seines  Körpers  belehrt  zu  werden.  Nun  geht  es  nicht  an,  bei 
der  Beschreibung  des  menschlichen  Körpers  und  seiner  Organ- 
f'uuctionen  einzelne  Organe  fortzulassen,  namentlich  wenn  es  sich 
um  solche  handelt,  deren  Function  die  Aufmerksamkeit  der 
Kinder  mehr  erregt,  als  irgend  welche  andere.  Die  Lösung 
des  Problems,  ob  und  wie  den  Kindern  in  der  Schule  eine 
sexuelle  Belehrung  zu  Teil  werden  solle,  würde  vielleicht 
schon  näher  gerückt  sein,,  wenn  Klarheit  darüber  bestände,  wer 
die  sexuelle  Belehrung  erteilen  solle.  Wie  ein  der  Lehrerschaft 
angehörender  Vorredner  ausgeführt  hat,  würden  die  Lehrer  vor- 
aussichtlich bis  auf  Weiteres  die  Erfüllung  dieser  Aufgabe  ab- 
lehnen, weil  sie  sich  einer  derartigen  Aufgabe  nicht  recht  ge- 
wachsen fühlten.  Wer  könnte  es  soust  thun?  Die  Antwort  lautet: 
Der  S  ohularzt.  Diesem  hygienischen  Beamten  liegt  es  ob,  allen 
Gresundheitssohädigungen,  die  event.  das  Schulleben  mit  sich 
bringen  könnte,  entgegenzuarbeiten  und  den  Gesundheitszustand 
der  Schüler  zu  überwachen.  Kraft  seines  Amtes  tritt  er  zu  den 
Schülern,  deren  köi-perlichea  Wohlbefinden  er  ev.  durch  Unter- 
suchungen am  entblößten  Körper  zu  oontroliren  hat,  in  ein  ge- 
wisses Vertrauensverhältnis.  Bei  seiner  Amtsthätigkeit  ist  er 
schon  jetzt  häufig  in  der  Lage,  den  Schulkindern  hygienische 
Belehrungen  zu  Teil  werden  zu  lassen.  Es  erscheint  sonach  der 
Schularzt  als  der  geborene  Lehrer  der  Hygiene,  der  in  Vorträgen 
vor  Schülern  die  Lehre  vom  menschlichen  Körper  und  seiner 
Functionen  zu  erläutern  hätte.  Damit  ist  implicite  die  Gelegen- 
heit zu  einer  sexuellen  Belehrung  der  Schulkinder  gegeben. 

Herr  Pastor  Günther:  Herr  Dr.  C hetzen  hatte  von  der 
Schwierigkeit  und  Notwendigkeit,  das  gebildete  Publikum  über 
die  betr.  Sache  zu  belehren,  gesprochen  und  auch  die  Geistlich- 
keit zur  Mitarbeit  einzuladen  angeraten,  und  Herr  Director  Wiede- 
manu  sprach  u,  a.  auch  von  der  Schwierigkeit,  in  Lehrerkreisen 
Beihilfe  zu  gewinnen.  Dies'  veranlaßt  mich,  gleichsam  zur  Be- 
stätigung dessen,  was  Herr  Dir.  W.  gesagt,  und  zur  ergänzenden 
Beleuchtung  dessen,  was  Herr  Dr.  Chotzen  gewünscht,  die 
Aufmerksamkeit  der  Zuhörer  auf  zwei  Vorgänge  in  Breslau  hin- 
zulenken, und  zwar  1.  auf  ein  Ereignis  auf  der  Breslauer  Kreis- 
synode,    das   sich   vor   etwa   10  Jahren    in   folgender  Weise  zu- 


Ein  Geistlicher  bekannte  sich  frei  von  der  Prüderie,  mit 
Confirmandinnen  gelegentlich  wenn  auch  mit  größter  Vorsicht, 
Fragen  zu  behandeln,  welche  dem  sexuellen  Gebiete  angehören, 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Oultur. 


und  wurde  von  einem  Laien  mitgliede  unter  dem  allgemeinen 
Beifall  der  Versammlung  gründlich  abgeführt.  Derselbe  Herr 
versicherte  dem  Geistlichen,  daß  er  ihm  bei  solcher  Gesinnung 
niemals  eine  Tochter  in  den  Confirmandenunterrioht  anvertrauen 
würde,  und  keine  Lippe  regte  sich,  den  Angegriffenen  in  Schutz 
zu  nehmen.  (Ob  nicht  die  Gebildeten  heute  vielfach  noch  ebenso 
denken  mögen?) 

2.  erinnere  ich  daran,  daß  wir  evangelische  ßeligionslehrer 
schon  seit  Jahren  bemüht  sind,  statt  der  Vollbibel  mit  ihren 
vielfach  anstößigen  Stellen  der  Jugend  eine  Schulbibel  in  die 
Hand  zu  geben  und  die  Bibel  von  dem  Vorwurf  zu  befreien, 
daß  sie  zur  Sittenverderbnis  der  Jugend  beitrage,  daß  aber  unsere 
letzten  Bemühungen  an  einem  viele  Bogen  umfassenden,  von  dem 
hiesigen  Provinzial-Sohuloollegium  eingeforderten  Gutachten  des 
früheren  General-Superintendenten  von  Sohlesien,  Herrn  Professor 
Dr.  Erdmann,  gescheitert  sind,  welcher  den  uns  entgegen- 
gesetzten Standpunkt  von  autoritativer  Stelle  mit  Erfolg  ver- 
treten hat. 

Und  so  komme  ich  zu  dem  Schluß,  daß,  da  z.  Z.  weder  der 
Geistliche  als  solcher,  noch  der  evangelische  Religionslehrer  in 
der  Lage  sind,  sich  von  Amtswegou  an,  der  Behütuug  der  Jugend 
vor  sexuellen  Schäden  wirksam  zu  beteiligen,  dies  am  besten 
den  jetzt  mehr  tind  mehr  zur  Geltung  kommenden  Schulärzten 
ex  officio  auferlegt  würde. 

Herr  Schulrat  Dr.  Hippauf:  Die  Discussion  über  „sexuelle 
Belehrung  der  Schulkinder"  ist  durch  das  letzte  Wort  des 
Themas  auf  eine  enge  Grenze  beschränkt.  Unter  „Schulkindern" 
ist  doch  nur  die  Jugend  vom  6.  bis  vollendeten  14.  Lebensjahr, 
also  der  gesetzlichen  Sohulpfliohtigkeit  unterliegend,  zu  verstehen. 
Solche  Kinder  gehören  der  Volksschule  oder  nur  Hinteren  Klassen 
gehobener  Schulen  an. 

Diesen  Kindern  sexuelle  Belehrungen  beizubringen  muß 
die  Lehrerschaft,  männliche  wie  weibliche,  ganz  entschieden  ab- 
lehnen, und  zwar  aus  folgenden  Gründen: 

In  der  Volksschule,  welche  zumal  auf  dem  Lande  und  bei 
kleinstädtischen  Verhältnisse  sowohl  Knaben  wie  Mädchen  in 
einer  und  derselben  Klasse  umfaßt,  verbietet  sich  schon  unter 
diesen  Umständen  die  Behandlung  solch  heikler  Materie  ganz 
von  selbst.  Aber  auch  in  getrennton  Knaben-  und  Mädchen- 
klassen großer  Schulsysteme  wird  der  Lehrer  wie  die  Lehrerin 
es  nimmer  wagen,  im  naturkuiadliohen  Unterricht,  wohin  die 
fragliche  Lehrstofi'behandlung  nach  Ansicht   der  zumeist  ärzt- 


I.  Abteilung.    Hygienische  Section. 


liehen  Befürworter  des  iu  Rode  etehendeu  Themas  gehören 
solle,  ein  Gebiet  zu  betreten,  auf  welchem  die  einzig  dazu  Be- 
rechtigten und  Berufenen,  das  sind  Vater  und  Mutter,  nur  mit 
Widerstreben  in  dringendsten  Notverhältnissen  daheim  ihrem  Kinde 
allein,  unter  vier  Augen,  ein  Collegium  privatissimum  zu  lesen 
sich  entschließen  könnten. 

Im  Schulplan  giebt  es  nur  einen  Unterrichtsgegenstand,  in 
welchem  der  Lehrer  nach  Pflicht  und  Gewissen  und  in  Hoffnung 
auf  segensreichen  Erfolg  dem  Kinderlierzen  die  Mahnungen  und 
Warnungen  vor  Unzucht,  vor  sexuellen  Verirrungen  und  Gefahren 
eindringlichst    zu   Herz    und   Gemüt    führen    kann,    das    ist    der 
Religionsunterricht.     Ganz   besonders   dazu  geeignet  ist  die 
Behandlung  des  sechsten  Gebotes: 
„Du  sollst  keusch  und  züchtig  leben  in  Worten  und 
Werken! " 
Diese    Mahnung    ist    deutlich    und    dem    Kinderherzen    ver- 
ständlich genug.     Lehre  dazu  auch  den  Spruch: 

„Bewahre  Dir  Herz,  Hand  und  Mund, 
Dann  bleiben  Leib  und  Seele  gesund!" 
Im  Uebrigen  sollen  die  Jugendlehrer  und  Erzieher  das  Wort 
dos   Dichters    auch    auf  das   in   Rede   stehende   Gebiet   beziehen 
und  beherzigen: 

„0  rühret,  rühret  nicht  daran! 
Führwahr,  es  ist  nicht  wohlgethan!" 
Herr  Prof.  Dr.  Buchwald  hebt  hervor,  daß  es  sich  wohl  um 
eines  der  schwierigsten  Probleme  handelt,  dessen  Lösung  wohl 
unzählige  Menschen  beschäftigt  hat.  Wenn  es  in  der  hygieni- 
schen Section  besprochen  wird,  so  zeigt  dies  deutlich,  daß  nicht 
der  Arzt,  der  Schularzt  in  specie,  nicht  der  Theologe  oder  Lehrer 
08  allein  lösen  können,  sondern  daß  alle  mithelfen  müssen,  und 
zu  entbehren  ist  dabei  nicht  die  Frau. 

Wenn  gesagt  wird,  der  Schularzt  sei  geeignet,  so  ist  zu  be- 
merken, daß  wir  Aerzte,  die  wir  doch  Sachverständige  sind,  bei 
unseren  eigenen  Kindern  in  dieselbe  schwierige  Lage  kommen, 
wie  jeder  Vater,  jede  Mutter. 

Das  „Wann"  und  „Wie"  sollen  wir  belehren  ?  läßt  sich  nicht 
in  einfachen  Q?hesen  niederlegen. 

Daß  im  naturwissenschaftlichen  Unterricht  Manches  erreicht, 
die  Storohlegende  aufgeklärt  werden  kann,  trifft  nicht  den  Kern- 
punkt der  Frage. 

Wenn  wir  auch  aufklärend  wirken  müssen,  ausgehend  von 
dem  Satze,    daß   natürliche  Dinge   nichts   Schimpfliches   an    sich 


Jahresbericht  dor  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  üultur. 


tragen,  so  ha,ben  wir  doch  zu  bedenken,  daß  es  sich  einerseits 
um  Knaben  und  Mädchen  handelt,  andererseits  um  versoliiedene 
Altersstufen  und  ganz  ungleiche  Entwicklung  bei  derselben 
Altersstufe.  Man  wird  eben  individualisiren  müssen.  Vielleicht 
ist  es  beim  Mädchen  leichter  zu  erreichen  mit  der  beginnenden 
Entwicklung.  Aber  auch  hierbei  darf  die  Keuschheit  nicht  unniltü 
verletzt  werden,    denn  lieber  etwas  später  wissen  als  zu  früh. 

Daß  die  Selbstbefleckung  der  Knaben  solche  Dimensionen 
annehmen  soll,  wie  sie  zum  Teil  geschildert  worden  sind,  kann 
ßedner  aus  eigener  Erfahrung  nicht  bestätigen. 

Er  schlägt  vor:  1.  die  heutige  Besprechung  als  eine  an- 
regend informirende  anzusehen,  2.  in  bestimmten  Intervallen  die 
Besprechung  des  vielleicht  anders  gefaßten  Tliemas  wieder  auf 
die  Tagesordnung  zu  setzen. 

Hier  heißt  es  sicher:    Nicht  übereilen. 

Herr  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  Jacobi:  In  so  großen  practi- 
schen  Fragen  muß  man  sich  besonders  vor  üebertreibungen 
hüten.  Ein  erfahrener  Lehrer  und  ein  erfalxrouer  Arzt  haben 
hier  erklärt,  daß  ihnen  die  Bedeutung  der  Masturbation  bei  Schul- 
kindern bei  weitem  nicht  so  groß  erschienen  sei,  wie  sie  der 
Herr  Referent  schildorte.  Ich  schlieKe  mich  ihnen  nach  den 
Beobachtungen  meiner  eigenen  über  40jährigen  Praxis  an.  Die 
Masturbation  ist  bei  den  Schulkindern  sehr  verbreitet,  doch  nicht 
so  allgemein,  wie  behauptet  wurde,  und  bei  den  meisten  eine 
nur  kurze  Zeit  dauernde  Verirrung.  Ernste  Gesundheitsschädi- 
gungen können  dadurch  herbeigeführt  werden,  sind  aber  that- 
säohlioh  außerordentlich  selten  dabei  zu  beobachten.  Die  Frage, 
ob  und  wie  den  Kindern  ein©  sexuelle  Belehrung  zu  Teil  werden 
solle,  ist  nicht  neu.  Rousseau  spricht  schon  in  seinem  „Emil" 
ausführlich  darüber.  Daß  die  Beseitigung  aller  Prüderie  bei  der 
Besprechung  sexueller  Verhältnisse  vor  den  Kindern  einen  Schutz 
vor  sexueller  Unsitthchkeit  bietet,  wage  ich  zu  bezweifeln.  Ich 
verweise  auf  zwei  Beispiele.  Solche  Prüderie  bestand  nicht  im 
Altertum  und  besteht  nicht  bei  der  Landbevölkerung,  aber 
niemand  wird  behaupten  wollen,  daß  die  antiken  Menschen  und 
unsere  Landleute  in  der  sexuellen  Sittlichkeit  zum  Muster  dienen 
können. 

Herr  Dr.  med.  Rosenfeid :  Die  Belehrungstendenzen  erstrecken 
sich  auf  drei  Gebiete,  die  Entstehung  des  Menschen,  die  Ver- 
hütung der  Masturbation  und  die  Verhütung  der  Geschlechts- 
krankheiten. Die  Empfänger  dieser  Aufklärungen  befinden  sich 
in  recht    verschiedenen  Altersstufen    und    nach    ihnen    sind    die 


I.  Äbtoilimg.     HygieuiFclio  SocUoii.  49 

Schwierigkeiten  der  Belehrung  sehr  verschieden.  Während  die 
Erörtenmg  über  die  Verliütung  der  Gesclrlechtskrankheiten  nur 
fast  erwachsenen  Jihiglingen  ziigedacJit  und  somit  wenig 
schwierig  sein  kann,  ist  die  Aufklärung  über  die  beiden  anderen 
Punkte  recht  difficil,  so  diffioil  sogar,  daß  man  fürchten  muß, 
leicht  mehr  zu  schaden,  als  zu  nutzen.  Was  soll  denn  überhaupt 
durch  die  Belehrung  über  die  Entstehung  des  Menschen  ge- 
wonnen werden?  Es  soll  die  Lüsternheit  nicht  geweckt  werden, 
wie  sie  die  Mitteilungen  von  Kindern  untereinander  über  die 
Entstehung  des  Menschen  meist  verursachen.  Ich  glaube  nun 
erstens,  daß  man  meist  mit  diesen  Aufklärungen  zu  spät  kommen 
wird,  zweitens,  daß  die  Zuthaten  der  Mitschüler  etc.  trotzdem 
nicht  fohlen  werden,  und  drittens,  daß  dadurch  die  Lüsternheit 
des  Kindes,  das  von  Eltern,  Arzt,  Lehrern  nur  im  Allgemeinen 
aufgeklärt  wird,  nicht  vermieden,  sondern  im  Gegenteil  hier  und 
da  begünstigt  werden  wird:  ich  wenigstens  stelle  mir  nicht  vor, 
daß  dadurch,  daß  den  Kindern  die  Oker-ßlohm'schen  Auf- 
klärungen gegeben  werden,  sie  von  der  Masturbation  fern  ge- 
halten werden.  Auch  die  prophylactisohe  Belehrung  über  diese 
letztere  sehe  ich  sehr  skeptisch  an :  denn  ich  glaube  durch  vieles 
Darüberreden  und  vieles  Vigiliren  versieht  man  es  so  leicht,  daß 
auch  dadurch  leicht  mehr  Nachteil  als  Vorteil  entsteht.  Mir 
erscheint  eine  natürliche,  einfache  und  richtige  Erziehung,  reich- 
liche Beschäftigung  der  Kinder,  eine  nicht  allzu  ängstliche  Beob- 
achtung das  beste  Propliylacticum  —  alle  die  Vorsicht  mit 
Büchern  und  Bildern  ist  heutzutage  doch  illusorisch.  Wo  danu 
trotzdem  eine  faßbare  Missotliat  vorliegt,  wie  bei  den  mastur- 
birenden  Klassen,  oder  bei  einem  übermäßig  masturbireuden 
Kinde,  dann  mögen  Vater  oder  Mutter,  Arzt  oder  Lehrer  mit 
einigen  kräftigen  Worten ,  Schlägen  oder  anderen  Strafen  eine 
energische  ßemedur  schaffen.  Wenn  auch  die  Masturbation 
unter  Knaben  sehr  verbreitet  ist,  unter  Mädchen  viel  weniger, 
so  ist  es  gewiß  eine  große  Uebertroibung,  wenn  man  ihr  nach- 
sagt, daß  sie  in  mehr  als  ganz  seltenen  Fällen  zu  Schädigungen 
-—  die  auch  meist  leicht  reparabel  sind  —  führt.  Falsch  erscheint 
aber,  sie  als  moralische  Versündigung  zu  verdammen,  hat  doch 
der  Verdammende  sie  meist  selbst  geübt  —  sie  verdient  vielmehr 
lediglich  aus  hygienischen  Gründen  corrigirt  zu  werden. 

Herr  Prediger  Tscliirn:  Es  kann  im  Ernst  nicht  bestritten 
werden ,  daß  die  Aufklärung  der  heranwachsenden  Jugend 
über  die  Herkunft  dor  kleinen  Kinder  ein  hochwichtiges 
Erziehungecapitel      ist,     da     alo    je     nacli     iluer     Art     sittigcnd 

4 


50  Jahresbericht  der  Sohles.  Gesellschaft  ftlr  vatefl.  Cultnr. 

oder  höchst  verderblich  wirken  kann.  Wenn  diese  Auf- 
klärung nun  in  methodisch-akademiBoher  Weise  unter  Loifcung 
der  staatlichen  und  städtischen  Behörden  von  der  ärztlichen 
Wissenschaft  in  der  Schule  gegeben  werden  soll ,  so  möchte 
ich  keineswegs  den  Wert  einer  solchen  von  obei}  organisirten 
Belehrung  unterschätzen.  Aber  sie  bleibt  einseitig,  begrenzt  und 
unvollkommen,  wenn  sie  nicht  fundamentirt  wird  durch  die  ent- 
sprechende allgemeine  Volkastimmung ,  durch  die  Mitarbeit  des 
Elternhauses,  Es  ist  ja  schon  das  zweijährige  Kind,  welches 
nach  der  Herkunft  dos  ueugoboreuen  Gfeschwistorohens  fragt. 
Ich  wundere  mich  nun,  daß  so  wenig  das  Entwickluugsprinoip 
betont  und  verwertet  wird,  das  doch  für  Methode  und  Inhalt  der 
diesbezüglichen  Aufklärung  deutliche  Fingerzeige  giebt.  Es  gilt 
nicht,  mit  Wahrheits-Fauatismus  dem  Kinde  plötzlich  die  ganze, 
seinem  Verständnis  fernliegende  Wahrheit  zu  offenbaren,  sondern 
es  dieselbe  im  Latife  eines  Jahrzehnts  allmählich  verstehen  und 
ernst  begreifen  zu  lehren.  Wenn  dem  zweijährigen  Kinde  die 
volkstümliche  Storohfabel  erzählt  wird,  so  paßt  das  durchaus  zu 
seiner  Märchenwelt  und  Fassungsgabe.  Forscht  es  später  weiter, 
so  bietet  jene  Fabel  mit  dem  Bilde  des  Teiches ,  aus  dorn  die 
kleinen  Kinder  geholt  werden,  die  Brücke  zu  durchaus  wissen- 
schaftlich vorbereitender  Belehrung.  Man  erkläre,  wie  der  Mensch 
in  dunkler  Tiefe  aus  einem  winzigen  Keime  wachse  —  gleich  der 
Pflanze  etc.  — ,  wie  er  genährt  werde  durch  einen  Lebensfadcm 
oder  „Stengel",  an  dem  er  mit  seinem  Leibe  festgewaohsen,  von 
dem  er  „losgepflückt"  werde,  wenn  er  „reif"  ist.  Nach  Jahren 
bedarf  das  sinnende  Kind  der  Aufklärung,  daß  Mensch  von 
Mensch  stammt,  wie  der  Pflanzenkeim  etwa  vom  Baume,  daß  sein 
erstes  Keimen  unter  dorn  Mutterherzen  vor  sich  ging  und  von 
mütterlichem  Blute  genährt  wurde.  Und  wieder  bietet  die  Pflanze, 
die  Blume,  wie  ja  schon  öfter  von  mancher  Seite  betont  worden 
ist,  dem  weiter  foriächonden  Kinde,  das  in  der  Scliule  inzwischen 
Naturlehre  getrieben,  ein  wunderbar  reines  Bild,  wie  in  der  Ver- 
einigung von  Weiblichem  und  Männlichem  der  Keim  zu  neuem 
Leben  befruchtet  wird.  So  kann  Haus  und  Schule  zusammen- 
arbeiten. In  umfassender  Weise  gelingen  wird  dies  freilich  erst, 
wenn  die  ganze  geistige  Luft  eine  andere  geworden  ist,  wenn 
das  Natu» liehe  nicht  als  sündlich,  niedrig  und  schimpflich,  sondern 
mit  Unschuldsgefühl  betrachtet  wird  in  Leben,  Kunst  und  Religion. 
Herr  Prof.  11.  Colin  als  Referent  bittet,  die  Discussiou  in 
der  nächsten  Sitzung  fortzusetzen,  da  die  Zeit  zu  weit  vor- 
gfischritten  und  noch  viel  zu  sagen  sei.     Nur  das  Eine    sei  heut 


I.  Abteilung.     HjgioniscLo  Sectiou  51 

schon  bemerkt:  In  dem  Buolie  „Wo  kam  das  Brtiderchen  her?" 
findet  sich  die  von  Herrn  Collegen  Tietze  mit  Recht  beanstandete 
Stelle  nicht;  er  muß  iäie  einer  anderen  Schrift  entnommen  haben. 
Für  die  Specialdebatte  werden  die  Secretäre  bestimmte  Leitsätze 
zu  Grunde  legen. 

Dies  wird  beschlossen. 


4.  Sitzung  am  14.  November  1904 
im  Fütstensaale  des  Rathauses. 
Vorsitzender:  Herr  San, -Rat  Dr.  Steuer. 
Derselbe   eröffnet   die    Sitzung   mit   der   Mitteilung,   daß   die 
Secretäre  beschlossen  haben,   der  weiteren  Debatte  fünf  Leit- 
sätze zu  Grunde  zu  legeu  und  wiederum  Lehrer  und  Aerzte  als 
Gäste  der  Section  willkommen  zu  heißen.     Er  begrüßt  dieselben 
(i'ibor  100  Personen  waren  erschienen). 

Die  Leitsätze  lauten: 

1.  Die  Verbreitung  der  Onanie  bei  beiden  Geschlechtern, 
besonders  der  mutuellen  Onanie,  verlangt  eine  weit  strengere 
Beaufsichtigung,  als  ihr  bisher  zu  Teil  geworden  ist. 

2.  Unter  den  dagegen  anzuwendenden  Bütteln  ist  neben 
einer  fortlaufenden  Beobachtung  die  sexuelle  Belehrung  von 
hervorragender  Wichtigkeit. 

3.  Diese  Belehrung  fällt  in  erster  Linie  dem  Elternhausc  zu ; 
mitzuwirken  hat  aber  auch  die  Schule. 

4.  In  beiden  Fällen  ist  die  Beteiligung  der  Aerzte  eine 
unerläßliche. 

5.  Für  die  Vorbildung  der  Eltern  und  Lehrer  nach  dieser 
Richtung  hin  ist  durch  den  Staat  und  die  Gesellschaft  Sorge  zu 
tragen. 

Tagesordnung: 
Spöelaldobatte  über  sexuelle  Belolirungöit  der  Kinder. 
Hierauf  sprach  Herr  Geh.  Med.-Rat  Prof.  Dr.  HenitRHU  Colin 
als  Referent:  M.  H.!  In  der  letzten  Sitzung  am  31.  Ootober 
begannen  wir  eine  akademische  Besprechung  der  Frage  über  die 
sexuelle  Belehrung  der  Schulkinder.  Ich  gab  Ihnen  ein  nur 
historisches  Referat  über  die  Litteratur;  die  Kritik  überließ  ich 
der  nachfolgenden  Debatte. 

Ich  ging  von  dem  Vortrage  aus,  den  ich  vor  10  Jahren  auf 
dem  internationalen  hygienischen  Congreß  in  Budapest  über  die 
Masturbation  der  Schulkinder  gehalten  habe,   besprach  dann  die 

4* 


52  Jaliroshevicht  der  Sclilos.  Gescllpcliaft  für  vatorl.  Oiiltiir. 

Vorträge,  die  in  diesem  April  auf  dem  interiiationaleii  Siiiiui- 
hygiene-Oongreß  zu  Nürnberg  gehalten  wurden  von  Professor 
Schucliuy  (Budapest),  Dr.  Epstein  (Nürnberg)  und  Professor 
Stanger  (Trautenau),  bericlitete  ausfülirlich  über  das  neue  intur- 
eesante  Buch  von  Okor-Blom  in  Helsiugfors,  welches  auch 
bereits  inzwischen  in's  Französische  und  Englische  übersetzt 
worden  ist,  sowie  über  den  Aufsatz  von  Fräulein  Dr.  Oppler, 
Schulärztin  in  Breslau.  An  der  Debatte  beteiligten  sich  sechs 
Aerzte:  die  Herren  Oollegen  Dr.  Chotzen,  Prof.  Tietzo,  Dr. 
S  am  OS  oh,  Prof.  Buchwald,  Geheimrat  Jacobi  und  Dr.  Rosen  - 
feld,  zwei  Schulmänner:  Herr  Direotor  Dr.  Wiedemann  und 
Sohulrat  Hippauf,  und  zwei  Geistliche:  Herr  Pastor  Güuth(ir 
und  Herr  Prediger  Tsohirn, 

Die  entgegengesetztesten  Ansichten  wurden  laut.  Während 
die  einen  nur  den  Storch  gelten  lassen  wollten,  wie  bisher,  und 
meinten,  man  solle  ja  die  Frage  nicht  anrühren,  da  man  die 
Kinder  dadurch  erst  auf  die  sexuellen  Fragen  hinführen  würde, 
waren  andere  für  eine  relativ  frühzeitige  Aufklärung  über  Ent- 
stehung des  Menschen  und  für  Warnung  vor  Onanie.  Die  Zeit 
war  alsdann  soweit  vorgeschritten,  daß  ich  kein  Schlußwort  an- 
fügen konnte  und  die  Debatte  auf  heute  verschöbe  i  werden 
mußte,  wobei  der  Wunsch  geäußert  wurde,  daß  einige  Leitsätze 
der  so  sehr  verschiedene  Gesichtspunkte  umfassenden  Discussion 
zu  Grunde  gelegt  werden  möchten. 

Es  sind  uns  nun  von  verschiedenen  Eednern  zusammen 
22  Leitsätze  zugeschickt  worden,  die  manches  Verwandte  ent- 
halten. Hauptsächlich  waren  es  drei  miteinander  innerlich  zu- 
sammenhängende Punkte:  I.  Was  soll  gegen  die  Onanie  geschehen? 
IL  Wenn,  wie  und  von  wem  sollen  die  Kinder  über  die  Ent- 
stehung des  Menschen  belehrt  werden?  III.  Wie  soll  die  Sj'philis 
der  Kinder  verhütet  werderi? 

Wir  Secretäre  der  Seclion  beschlossen  nach  längerer  Be- 
ratung fünf  Leitsätze  aus  den  eingeschickten  zusammenzustellen 
und  Ihnen  in  der  Einladung  und  hier  vorzulegen,  die  Frage  der 
Syphilis  aber  ganz  auszuscheiden,  weil  sie  bei  Kindern  doch  nur 
als  größte  Ausnahme  beobachtet  wird. 

Sie  werden  bald  Gelegenheit  haben,  sich  zu  diesen  Leitsätzen 
zu  äußern,  wobei  wir  aber  darauf  schon  jetzt  aufmerksam  machen, 
daß  hier  niemals  eine  Abstimmung  stattfinden  darf, 
sondern  daß  sich  alles  nur  im  Rahmen  einer  akademisohou  Er- 
örterung abspielen  muß. 


Abtuiluiig.     Hygienische  Seoticm.  53 


Ich  will  nun  keineswegs  meinen  neulichen  Vortrag  hier 
wiederholen;  in  meiner  Broschüre:  „Was  kann  die  Schule  gegen 
die  Masturbation  der  Kinder  thun?"  finden  Sie  meine  Ansichten 
ausführlich;  dieselbe  ist  1894  bei  Schötz  in  Berlin  erschienen. 

Ich  halte  mit  meiner  persönlichen  Kritik  über  die  neuliohe 
Debatte  zurück,  schon  um  die  Fortsetzung  derselben  nicht  Inn- 
Kuhalten.  Nur  zwei  Berichtigungen  muß  ich  vorausschicken: 
Erstens,  ich  hatte  in  der  Litteratur  eine  kleine  Schrift  erwähnt,  die 
von  Frau  Bieber-Böhm  in's  Deutsche  übersetzt  worden  ist  und 
den  Titel  führt:  „Wo  kam  Brüderchen  her?",  und  welche  ich 
empfehlen  zu  können  meinte. 

Herr  College  Prof.  Tietze  erwähnte  aber,  (hiLi  dieselbe  ekel- 
haft sei,  es  käme  in  derselben  der  Satz  vor:  „Eine  Mutter  be- 
lehrte ihren  kleinen  Sohn  über  die  Entstehung  des  Menschen 
dadurch,  daß  sie  ihn  auf  ihrem  Loibe  die  Bewegungen  des  zu 
erwartenden  Brüderchens  fühlen  ließ."  Ich  unterbrach  sogleich 
Herrn  CoUegen  Tietze  mit  der  Bemerkung,  daß  ein  solcher, 
ganz  sicher  unpassender  Satz  in  diesem  Buche  bestimmt  nicht 
vorkomme.  Die  Mutter  bemerkt  hier  nur:  „Du  hast  auch  unter 
meinem  Herzen  gelegen." 

Am  anderen  Tage  schrioi.i  mir  auch  Herr  College  Tietze, 
daLl  er  sich  geirrt  habe  und  daß  der  Satz  in  einer  Schrift  „Rein- 
heit" von  Frau  Pieozynska  stehe.  „Die  ihm  selbst  sehr  unlieb- 
same Verwechslung  sei  ihm  passirt,  weil  er  beide  Bücher  vor 
mehreren  Monaten,  und  zwar  unmittelbar  hintereinander  gelesen 
habe,  so  daß  sich  ihm  der  Inhalt  beider,  die  sehr  verwandt  sind, 
verwischt  habe.  E^r  sei  in  der  letzten  Versammlung  nicht  darauf 
vorbereitet  gewesen,  daß  eines  dieser  Bücher  hätte  erwähnt 
werden  können,  und  er  hätte  sich  deshalb  bei  dem  Citat  auf  sein 
Gedächtnis  angewiesen  gesehen,  das  ihn  zu  seinem  lebhaften  Be- 
dauern im  Stiche  gelassen  habe."  —  loh  ließ  mir  diese  aus  dem 
Französischen  übersetzte,  1901  im  Vorlage  von  Grieben  in  Leipzig 
erschienene  Schrift  sogleich  konnnen ,  und  in  dieser  steht  aller- 
dings Folgendes:  „Weißt  Du",  sagte  eine  mir  befreundete  Mutter, 
„daß  der  liebe  Gott  Dir  ein  Brüderchen  oder  Schwesterchen 
schenken  wird?  Siehst  Du",  fuhr  sie  fort,  „indem  sie  des  Kindes 
Hand  sanft  auf  ihren  Schoß  legte,  da  ist  es,  fühlst  Du  es  auch? 
Ganz  nah  an  meinem  Herzen  schläft  es,  und  Du,  Du  hast  auch 
hier  gelegen  bei  mir  lange  Zeit,  fast  ein  Jahr  lang.  Bevor  irgend 
jemand  Dich  sah,  kannte  ich  Dich,  wir  lebton  zusammen  und  Du 
warst  ganz  tief  bei  mir  verborgen." 

Das  ist  auch  meiner  Ansicht  nacJi   offenbar  eine  große  Ent- 


54  Jaliresberielit  dor  Sohles.  Gosollschaft  für  vaterl.  Oiiliiir. 


gloisung  der  Verfasserin,  die  ich  so  wenig  wie  College  Tietze 
billige.  Im  Uebrigen  aber  hat  mir  dieses  Buch  gut  gefallen, 
und  ich  glaube,  auch  Sie  werden  es  mit  Interesse  lesen. 

Ich  möchte  bei  dieser  Gelegenheit  noch  ein  anderes  sehr 
gutes  Buch  nennen,  daß  ich  eben  erst  kennen  gelernt  habe.  Es 
ist  ein  prächtiger  Vortrag  von  Prof.  Kopp  in  München,  welchen 
derselbe  in  einer  großen  Laienversammlung  im  Enthaussaalo  zu 
München  im  Februar  dieses  Jahres  gehalten  hat,  über  „Das 
Geschlechtliche  in  der  Jugenderziebung",  erschienen  in  Leipzig 
bei  Barth. 


Zweitens  möchte  ich  einen  anderen  Irrtum  berichtigen,  der 
sich  bei  der  Discussion  gezeigt  hat.  Es  v/urde  von  einigen 
Rednern  die  Häufigkeit  der  Onanie  der  Schüler,  auf  die  ich 
hingewiesen,  als  Uebertreibung  bezeichnet.  Herr  College  Geh. 
Med. -Rat  Prof.  Jakobi  meinte,  man  müsse  ei'st  durch  eine 
Statistik  festzustellen  suchen,  ob  wirklich,  wie  ich  mit  sehr  vielen 
Aerzten  gemeinsam  behaupte,  die  Onanie  so  arg  verbreitet  sei. 
Auch  auf  Anfertigung  einer  solchen  Statistik  habe  ich  schon  vor 
10  Jahren' in  meinem  Vortrage  in  Budapest  hingewiesen.  Dort 
finden^Sie  folgende  Sätze:  „Eine  Statistik  der  Verbreitung  der 
Onanie  existirt  bisher  nicht,  und  gerade  hygienische  Maß- 
nahmen bedürfen  zur  Begrün  düng  ein  er  großen  Statistik. 
Unmöglich  wäre  übrigens  auch  betreffs  der  Masturbation  eine 
Statistik  nicht.  Ich  würde  vorschlagen,  einen  Fragebogen  zu 
entwerfen,  in  welchem  um  Beantwortung  der  in  dieser  Broschüre 
erörterten  Frsga'i  auf  Grund  eigener  Schulorinnerungen  gebeten 
würde.  Dieser  Fragebogen  wäre  am  besten  an  die  21000  deutschen 
Aerzte  oder  an  die  8000^  deutschen  Studenten  der  Medicin  zu 
senden.  Die  meisten  derselben  würden  schon  aus  Interesse  an 
der  Sache  antworten,  und  die  Antworten  v/'aren,  um  unverhüllte 
Nachrichten '.zu  erhalten,  anonym  zu  erbitten.  So  könnte  ein 
zuverlässiges  statistisches  Material  für  den  Anfang  erhalten  werden; 
später  dürfte  die  Sammelforschuug  auf  alle  Studirenden  aller 
Universitäten  und  Hochschulen  ausaudehnen  sein. 

Eine  derartige  Umfrage  würde  für  Portis,  Drucksachen, 
Schreibwerk  u.  s.  w.  etwa  6000  Mk,  kosten.  Hier  müßten  die 
wissensohaftliolieu  Akademien,  welche  ja  über  große  Goldmittol 
verfügen,  oder  die  Naturforscherversammluug  Hilfe  leisten.  Unter- 
stützungen für  solche  Untersuchungen  scheinen  mir  ebenöo  wichtig. 


I.  Abtüilung.     riygienisclui  Sc.cUon.  55 

als  für  andere  von  Akademien  subventionirte  Arbeiten,  z,  B,  für 
seltene  Käfer  oder  Pflanzengattungen." 

„Aber"'  sagte  ich,  „wenn  auch  lieute  noch  keine  statistischen 
Untersuchungen  vorgelegt  weiden  können,  so  ist  doch  die  über- 
einstimmende Ansicht  aller  zuverlässigen  Autoren  die,  daß 
die  Onanie  eine  viel  verbreitetere  Volkskrankhoit  sei,  als  z.  B. 
die  Myopie,  ja,  sie  ist  iwobl  das  verbreitetste  unter  allen  Leiden. 
Wir  verzichten  natürlich  auf  die  vielfachen  Uebertreibungen,  die 
in  allerlei  populär  geschriebeneu,  in  den  politischen  Zeitungen  oft 
genug  annoncirten  Broschüren  dem  Publikum  geboten  werden, 
und  halten  uns  außer  an  unsere  eigenen,  seit  vier  Jahrzehnten 
gesammelten  Erfahrungen  nur  au  die  zuverlässigen  Quellen, 
welche  hier  in  der  Litteratur  am  Schlüsse  aufgeführt  sind." 


Wenn  einige  Collegen ,  die  ich  ak  viel  erfahrene  Aerzte 
hochschätze,  meinton,  ihnen  wäre  während  ihrer  langen  Praxis 
eine  solch'  arge  Ausbreitung  der  Onanie  nicht  bekannt  geworden, 
so  bezweifle  ich  die  Richtigkeit  ihrer  Mitteilungen  nicht  im  Ent- 
ferntesten. Aber  diese  negativen  Erfahrungen  hervorragender 
innerer  Aerzte  sind  doch  weniger  beweisend  als  die  Tausende 
von  Beobachtungen  von  Nervenärzten,  die,  wie  man  aus  der 
Litteratur  nachweisen  kann,  so  weit  gehen,  zu  behaupten,  daß  es 
überhaupt  keinen  Menschen  gebe,  der  nicht  zeitweilig 
Onanie  getrieben  habe. 

Ich  wiederhole  den  Satz  von  Prof.  Oskar  Berger:  „Die 
Masturbation  ist  eine  so  verbreitete  Manipulation,  daß  von 
100  jungen  Männern  und  Mädchen  99  sich  zeitweilig  damit  ab- 
geben und  der  Hundertste,  wie  ich  zu  sagen  pflege,  der  reine 
Mensch,  die  Wahrheit  verheimlicht."  Und  Moll  sagt  sogar: 
„Wer   es    boHtroitefc   onauirt   zu   haben,   der   hat   es   oft   nur   ver- 


Natürlich  leugnen  alle  Kinder,  so  lange  sie  noch  onanireu, 
hartnäckig;  um  so  offener  bekennen  sie  meist  später,  wenn  sie 
die  Sache  aufgegeben  haben.  Ich  habe  Hunderte  von  Studenten 
der  Medioin  ganz  vertraulich  gefragt,  und  alle,  alle  haben  mir 
gesagt,  daß  sie,  manche  nur  kürzere  Zeit,  viele  andere  aber 
jahrelang  auf  der  Schule  Onanie  getrieben  haben.  Erst  kürzlich 
wurde  in  einer  Verbindung  nachgefragt,  und  alle  Mitglieder 
gaben  ea  zu.  loh  glaube  auch  nicht,  daß  die  großen  Hospital- 
ärzte  über   die  Masturbation  Erfahrungen   sammeln   können,   sie 


Juiireshericlit  der  EcMos.  Gesdltcliiift  für  vaterl.  OnHur. 


liabeii  andere,  wichtigere  Dinge  auatnnestisch  zu  erkunden  bei 
Typhus,  bei  Lungenentzündung,  bei  Darmleiden.  Allenfalls 
könnten  sie  bei  Tuberculose  nachforschen.  Ich  möchte  aohr  be- 
zweifeln, daß  in  den  Krankengeschichten,  der  großen  Hospitäler 
regelmäßige  Notizen  über  das  Eingeständnis  der  Onanie  zu  finden 
sein  werden,  und  selbst  wenn  in  dem  KraiikenprotocoU  stände, 
der  Patient  leugnet  Onanie,  so  wäre  damit  noch  gar  nichts  be- 
wiesen. Denn  spontan  kommt  doch  kein  Kind  zum  Arzt  und 
macht  darüber  Mitteilung,  im  Gegenteil,  mau  muß  immer  einen 
eigenen  Tric  anwenden,  um  in  der  Schulzeit  ein  Geständnis  zu 
erhalten.  Ich  liabo  während  mehrerer  Jahrzehnte  weit  über 
1000  Schulkinder  zu  dem  Zugeständnis  gebracht,  denn  ich  habe 
bestimmte  Zeichen,  bei  denen  ich  nicht  frage:  „Mein  Sohn,  Du 
treibst  wohl  Onanie?",  sondern  denen  ich  mit  Sicherheit  auf  den 
Kopf  zusage:  „Lieber  Junge,  leugne  nicht  erst,  Du  treibst  sehr 
stark  Onanie,  denn  Deine  Klagen  kommen  überliaupfc  nur  in 
diesem  Falle  vor." 

Wenn  mir  schon  einer  thut,  als  wetm  er  gar  nicht  wüßte, 
was  Onanie  überhaupt  sei,  so  ist  er  ganz  sicher  ein  Schwindler. 
Natürlich  kennen  viele  Kinder  das  Wort  Onanie  gar  nicht,  aber 
jeder  Knabe  über  12  Jahre  weiß  sicher,  daß  Reibungen  der 
Geschlechtsteile  wollüstige  Empfindungen  hei  vorrufen. 

Ich  erwähne  hier,  daß  es  zwei  Augenleiden  giebt,  die  mit 
Sicherheit  auf  Masturbation  bezogen  werden  können.  Erstens 
sind  es  endlose  Augenkatarrhe,  die  durchaus  nicht  auf  die. 
gewöiinliohen  adstringirenden  Mittel  weichen.  Diese  Hartnäckig- 
keit teilen  sie,  wie  Förster,  unser  ausgezeichneter  Lehrer,  sagte, 
mit  clironischen  .Rachenkatarrhen,  die  stets  reoidiviren  und  nicht 
gründlich  beseitigt  werden  können,  und  welche  erfahrene  Aerzto 
an  Personen  beobachtet  haben,  die  an  dauernden  Samenvorlusten 
leiden. 

Zweitens  tage  ich,  wenn  ein  Knabe  mir  gebracht  wird,  der 
von  sehr  viel  hellen  Lichterscheinungon  geplagt  wird,  die 
entweder  in  einer  Blendung  bestehen,  wie  von  einer  bewegten 
und  beleuchteten  Fensterscheibe  oder  wie  von  einer  glänzenden 
Wasserfläche  oder  in  einem  Flimmern,  das  bald  als  Erscheinung 
von  hellen  Sternen,  hellen  Rädchen,  hellen  Strahlen,  hellen 
Kreisen,  hellen  .Pünktchen  oder  als  Schneeflocken  oder  als 
flackernde  Luftbewegung  geschildert  wird,  und  der  dann  Abends 
lichtscheu  ist,  einem  solchen  Knaben  sage  ich  auf  den  Kopf  zu; 
„Du  bist  eiH  starker  Onanist,  bekenne  und  lasse,  es,"  und  ich 
habe  immer  Zustimmung  erhalten. 


I.  Abteilung.     Hygionisßho  Sectioii.  57 

Schwer  ist  es  natürlich,  mit  den  Schulmiidoheu  darüber  zu 
iäprochen.  Ich  lasse  mir  dann  die  Mutter  kommen  und  fordere 
sie  auf,  genau  Acht  zu  geben,  wenn  sich  die  Tochter  uubeaohtot 
glaubt,  namentlich  Nachts  im  Bette,  und  ich  halie  immer  den 
Dank  der  Mutter  für  diesen  Wink  geerntet. 

Also  ich  muß  dabei  bleiben,  daß  die  Onanie  colossal  ver- 
breitet ist  und  wir  allen  Anlaß  haben,  gegen  sie  zu  kämpfen. 

Ganz  unrichtig  ist  es  aber  zu  glauben,  man  würde  durch 
eine  Belehrung  die  Schulkinder,  die  noch  völlig  unschuldig 
sind,  erat  auf  die  Onanie  hiuleiten.  Es  könnte  dies  nur  bei  einem 
Kinde  geschehen,  wtlches  völlig  allein  erzogen  wird.  Aber  wo 
Kinder  gemeiuBam  sind,  plaudern  und  tuscheln  sie  über  diese 
Dinge,  so  daß  sie  mit  12  Jahren   alle   schon  die  Onanie  keimen. 


Was  nun  schließlich  die  mutuelle  Onanie  betrifft,  so  haljc 
ich  neulich  aus  Schiller,  aus  Moll  und  aus  eigenen  Erfahrun- 
gen vielerlei  mitgeteilt.  Ich  selbst  habe  allerdings  während 
meiner  eigenen  Schulzeit,  wo  in  allen  Klassen  sehr  viel  Auto- 
Onanie  getrieben  wurde,  niemals  eine  Ahnung  gehabt,  daß  über- 
haupt mutuelle  Onanie  existirte.  Auch  Vir  oho  w,  mit  dem  ich 
vor  10  Jahren,  nachdem  er  meine  Schrift  gelesen,  lange  conferirte, 
konnte  sich  aus  seiner  Sohukeit  an  derartiges  überhaupt  nicht 
erinnern.  Aber  sie  ist  namentlich  in  Instituten  und  Pen- 
sion aten  in  allen  Ländern  enorm  verbreitet.  Erst  vor  kurzem 
kam  ein  Secundaner  aus  der  Provinz  mit  Klagen  über  die  typi- 
schen Lichterscheinungen  zu  mir.  Ich  drang  in  ihn,  und  er  er- 
zählte mir,  daß  seine  Mitachüler  alle  Wochen  zweimal  auf  der 
Stube  eines  Freundes  in  dessen  Pension  zur  gegenseitigen 
Masturbation  zusammenkämen.  Ich  Z6Jgte'\lies  natürlich  sogleich 
dem  Director  ohne  Nameuanennung  an,  und  diese  scherzweise 
„Jugendspiole"  genannten  Zusammenkünfte  wurden  inhibirt.  Sie 
sehen  also,  daß  unser  erster  Leitsatz  oben  wogen  der  großen 
Verbreitung  des  Uebels  volle  Berechtigung  hat. 


Die  Ansichten  über  die  Belehrung  der  Kinder,  wann,  von 
v/em  und  wie  sie  auszusprechen  ist,  gingen  in  der  vorigen  Sitzung 
sehr  auseinander,  und  ich  weiß  sehr  wohl,  daß  wir  hier  vor  einem 
der  schwersten  Probleme  stehen.  Das  darf  uns  aber  als  Hygieniker 
nicht  verhindern,  die  Fragen  zu  besprechen.    Natürlich  ist  es  am 


r>S  Jiihreshericht  der  Scliles.  üosoUecliart  Üir  vatcrl.  Gultiir. 

bequemstoD,  das  „laisser  aller"  zu  verteidigen.  Aber  mit  dem 
12.  Jahre  lachen  uns  doch  die  Kinder  selbst  aus,  wenn 
wir  sie  auf  den  Storch  hinweisen;  also  scheint  mir  eine  passende 
Belehrung  verständiger. 

Herr  Dr.  Cisotzen:  Die  bisher  gegen  eine  sexuelle  Belehrung 
der  Schulkhider  vorgebrachten  Einwieudungen  erschoiueu  mir 
nicht  stichhaltig. 

Ich  kann  der  Auffassung  nicht  beistimmen,  daß  Kinder,  welche 
das  Märchen  vom  Storche  zurückzuweisen  beginnen,  von  einer 
allmählichen  naturwissenschaftlichen  Erklärung  über  die  Mensch- 
Entstehung  sich  nicht  befriedigt  fühlen,  weil  ihr  ganzes  Denken 
nach  der  Kenntnis  vom  Zeugungsacte  hiiistrebe,  und  daß  mau 
von  jeder  Belehrung  absehen  solle,  weil  mau  ihnen  diesen  Wunsch 
nicht  erfüllen  könne. 

Ich  kann  auch  nicht  jeuer  Ablehnung  jeder  Belehrung  zu- 
stimmen, weil  in  einer  der  belehrenden  Schriften  von  Pieozynska 
u.  s.  w.  irgend  eine  persönlich  unangenehm  berührende  Stelle 
vorhanden  wäre.  Diese  Schriften  wollen  nicht  einen  Katechismus, 
nicht  ein  sklavisch  nachzuahmendes  Schema  darstellen ,  sondern 
nur  Eltern  und  Erziehern  eine  vorbildliche  Anleitung  geben,  wie 
sie  selbst  mit  kleinen  Kindern  über  die  Menscheutstehung  in 
einer  der  Wirklichkeit  nahekommenden  Weise  sprechen  können, 
ohne  dadurch  Siniiliciikeitsvorstellungen  auszulösen.  Wenn  die 
eine  oder  andere  darin  enthaltene  Redewendung  den  einen  oder 
anderen  \mai)genohm  berührt,  so  wird  der  Wert  der  Blethode 
dadurch  noch  nicht  vermindert  und  eine  Begründung  für  eine 
Zurückweisung  solcher  Belehrung  noch  nicht  gegeben.  Es  ist 
von  anderer  Seite  betont  worden,  die  hier  ärztlich  vorgebrachten 
Angaben  über  die  Verbreitung  der  Masturbation  seien  übertrieben 
und  entsprächen  der  Wirklichkeit  durchaus  nicht.  Hausärzte 
erlangen  eine  Kenntnis  von  der  Masturbation  der  Knaben  oder 
Mädchen  ihrer  Clientel  höchst  selten;  selbst  wo  der  Arzt  oder 
die  Eltern  einen  Verdacht  haben,  ist  ein  Eingeständnis  kaum  zu 
erreichen,  höchstens  von  jenen  Kindern,  welche  körperliche  Be- 
schwerden auf  jene  Verirrung  zurückführen  und  sich  vor  einer 
Verschliminerung  der  Beschwerden  füfchten.  Die  meisten  Menschen 
reden  von  ihrer  Masturbationazeit  erst  dann,  wenn  sie  lange 
darüber  hinaus  sind  und  normalen  Geschlechtsverkehr  ausüben. 
Man  forsche  nur  bei  solchen  nach,  aber  unter  diesen  nur  bei 
denen,  welche  ohne  Scheu  oifen  und  ohrlich  über  ihre  früheren 
Gesohlechtsvorirrungeu    redan,    und    man    wird    eine    volle    Be- 


L  Abtoiliuig.     HygiöJiischü  Section.  69 

Rtätigmig  von  der  ganz  außerordentlichen  Verbreitung  dor  Onanie 
erfahren.  Derjenige  Arzt,  welcher  viele  Geschlechtskranke  zu 
sehen  bekommt,  ist  am  ehesten  in  der  Lage,  von  seinen  Patienten 
Angaben  über  früher  geübte  oder  gegenwärtig  |nooh  bestehende 
Masturbation  zu  erhalten,  und  aus  dieser  Erl'ahrvmg  heraus  kann 
ioli  dem  nur  zustimmen,  daß  besonders" unter  Knaben  diese  Un- 
sitte außerordentlicli  herrscht.  Auch  Nervenärzte,  welche  am 
häufigsten  die  Folgen  der  Onanie  zu  sehen  bekommen ,  be- 
stätigen dies  und  Dr.  Staugen  (Trautenau)  hat  sich  zu  seiner 
auf  dem  internationalen  Congreß  für  Schul- Gesundheitspflege  in 
Nürnberg  gethanen  Aeußerung  „die  Beichtväter  können  erzählen, 
daß  die  Knaben  fast  ausnahmslos  dem  Laster  der  Selbstbefleckung 
fröhnen",  nur  auf  Grund  völlig  einwandfreier  Mitteilungen  be- 
stimmt gesehen. 

Wenn  auch  im  AlJgemeiueu  die  Masturbanten  diese  Körper - 
Schädigung  gut  überstehen,  trotzdem  zu  kräftigen,  widerstands- 
fälligen jungen  Männern  heranwachnen  und  späterhin  eine  ge- 
sunde, kräftige  Nachkommenschaft  erzeugen,  so  ist  doch  nicht 
jener  Pällo  zu  vergessen,  welche  von  dieser  Gewohnheit  über- 
haupt nicht  oder  erst  sehr  spät  lassen  und  nicht  geringe  Einbuße 
an  geistiger  und  körperlicher  Spannkraft  davontragen.  Ein  jeder 
Vater  und  Erzieher,  welcher  die  Entwicklung  seines  Kindes  nur 
mit  der  naturgemäßen,  gar  nicht  etwa  übertriebenen  Sorgfalt  und 
Verantwortung  verfolgt,  muß  das  größte  Interesse  haben,  sein 
Kind  vor  dieser  Gewohnheit  zu  bewahren.  Die  Häufigkeit  des 
Vorkommens  der  Masturbation  ist  daher  mit  vollem  Rechte  als 
einer  der  wesentlichsten  Gründe  für  die  Einfül\rung  einer  sexuellen 
Belehrung  der  Schulkinder  anzusehen. 

Es  ist,  wenn  auch  nicht  öffentlich  in  der  Sitzung  diesei 
Section,  so  doch  vielfach  nach  derselben  gesagt  worden,  eine  Dis- 
cussion  über  das  vorliegende  Thema  wäre  zwecklos,  praktische 
Resultate  könne  sie  nicht  zeitigen,  weil  positive,  genau  durohfülir- 
baro  Vorschläge  für  eine  Ausül)uug  der  sexuellen  Belehrung 
nicht  gemacht  werden  könnten,  weil  höchstens  das  Elternhaus 
in  dieser  Eiohtung  erfolgreich  wirken  könnte,  dieses  aber  zur 
Zeit  dieser,; Aufgabe  noch  nicht  gewachsen  sei. 

Dieser  Gedankengang  ist  nicht  richtig.  Die  ÄufroUung  dieser 
Frage  in  einer  hygienischen  Section  ist  vollkommen  gerechtfertigt 
und  sie  ist  nicht  zwecklos,  wenn  sie  selbst  nichts  anderes  er- 
reichen sollte,  als  daß  nur  eine  Aussprache  über  diesen  Gegen- 
stand, eine  Anregung  zum  Nachdenken,  ein  Hinweis  auf  ein- 
zuführende Maßnahmen  den  Behörden  und  freien  Verein igungcn 


Jalu'osbcriclit  der  Scbles.  Gesellscliiift  für  vaLcrl.  Oultur. 

gegeben  und  so  ein  Saatkorn  ausgestreut  wird,  das  in  absehbarer 
Zeit  aufgehen  kann. 

Zunächst  ist  nur  eine  principielle  Entscheidung  darüber  herbei- 
zuführen, ob  überhaupt  Schulkindern  eine  sexuelle  Belehrung 
gegeben  werden  soll  oder  nicht;  die  Frage  wie  und  von  wem 
sie  zu  geben  sei,  ist  eine  erst  später  zu  erörternde,  pädagogisch- 
technische  Frage. 

Zu  dieser  priucipiellen  Entscheidung  kann  man  nur  gelangen, 
wenn  man  sich  die  Frage  vorlogt,  ob  die  bisher  in  der  Kindor- 
erziehung  geübte  Gewohnheit  über  alle  sexuellen  Dinge  mit  ;ib- 
sichtlichem  Verschweigen  oder  Besprechungsverweigern  hinweg- 
zugehen in  gleicher  Weise  weiter  aufrecht  erhalten  werden  soll, 
oder  ob  diese  Gewohnheit  Uebelstände  gezeitigt  hat,  welche  ein 
Fallenlassen  der  Gewohnheit  erfordert.  Meinem  Ermessen  nach 
hat  die  bisherige  Gewohnheit  solche  Uebelstände  hervorgerufen, 
und  zwar  frühzeitigeSinnlichkeitserweckung  der  Kinder,  geschlecht- 
liche Verirrungen  (Masturbation)  und  vorzeitigen  Geschlechts- 
verkehr noch  nicht  geschleohtsreifer  Personen. 

Diese  drei  Uebelstände  können  durch  geeignete  Belehrung 
wenn  auch  nicht  aufgehfiben,  so  doch  wesentlich  eingeschränkt 
werden. 

Im  Allgemeinen  ist  die  Bevölkerung,  und  zwar  nicht  nur 
die  Kreise  der  höher  Gebildeten,  sondern  auch  die  mit  Volks- 
achulbildung  ausgestatteten  einer  solchen  Belehrung  zur  Zeit 
zugänglicher  als  ,jo  zuvor.  Alle  Kreise  sind  von  einem  mächtigen 
Streben  erfüllt,  sich  mit  Dingen,  welche  auf  die  Gesundheits- 
erhaltung abzielen,  zu  beschäftigen.  Das  ist  kein  Zufall,  sondern 
das  Ergebnis  des  naturwissenschaftlichen  Forschens  und  Arbeitens 
der  letzten  Jahrzehnte,  welches  ganz  besonders  durch  die  Aerzto 
in  die  weitesten  Kreise  getragen  wird  und  jenen  treffenden  Aus- 
spruch ßjörustjerne  Björnsons  gezeitigt  hat:  „Ihr  Aerzto 
werdet  wieder  unsere  ethischen  Eatgeber!'' 

Gegen  die  uns  vom  Vorstände  der  hygienischen  Section  für 
die  heutige  Sitzung  behändigten  Leitsätze,  mit  denen  ich  prin- 
cipiell  einverstanden  bin,  möchte  ich  mir  nur  einen  Einwand  er- 
lauben, und  zwar  gegen  Satz  1. 

Es  könnte  meinem  Empfinden  nach  Satz  1  den  Anaohein 
erwecken,  als  ob  die  Unterdrückung  der  Masturbation  das  Endziel 
der  hier  angeregten  Disoussion  sei.  Es  wird  durch  diese  be- 
sondere Hervorhebung  der  Masturbation  der  Schwerpunkt  des 
angekündigten  Thema,  welches  die  Frage  der  sexuellen  Belehrung 
der  Schulkinder  umfaßt,  verschoben;  die  Masturbation  bildet  nur 


I.  Abteilaug.     Uy-ioaisolio  Süction.  61 

einen  der  Beweggründe,  welche  eine  Belehrung  der  Schulkinder 
empfehlenswert  erscheinen  läßt,  aber  nicht  den  einzigen. 

Ich  gestatte  mir  die  Schlußsätze  vorzutragen,  zu  welchen  ich 
in  der  vorliegenden  Präge  gelangt  bin,  welche  zwar  im  Großen 
und  Ganzen  mit  den  uns  vorliegenden  übereinstimmen,  aber  in 
einigen  Punkten  etwas  ausführlicher  und  weitergehender  sind: 

I.  Eine   sexuelle  Belehrung   der  Schulkinder   empfiehlt  sich: 

1.  um  zu  verhüten,  daß  Kindern  über  die  Entstehung  des 
Menschen  durch  ungeeignete  Personen  (Altersgenossen, 
Dienstboten)  Sinnlichkeit  erregeiule  Vorstellungen  er- 
weckt werden ; 

2.  um  zu  verhüten,  daß  Kinder  vor  oder  im  Beginn  der 
Geschlechtsreife  sich  körperschädigenden  geschlechtlichen 
Erregungen  (Masturbation)  überlassen; 

3.  um  zu  verhüten,  daß  die  mit  dem  14.  Lebensjahre  aus 
der  Schule  Austretenden  oder  die  in  ihr  noch  verbleibenden 
Halberwachsenen  im  Glauben,  sie  seien  bereits  völlig 
gesolileoiitsreif,  sich  vorzeitig  dem  Gesohlechtsverkelir 
hingeben. 

II.  Die  sexuelle  Belehrung  der  Kinder  ist  Aufgabe  des 
Elternhauses,  der  Scluile  und  des  Religionsunterrichtes. 

III.  Das  Elternhaus  ist  dieser  Aufgabe  zur  Zeit  nur  in  den 
seltensten  Fällen  gewachsen. 

Es  ist  zu  empfehlen,  daß  Volksbildungsvereine,  Wohlfahrts- 
verbände (Krankenkassen),  ßerufsgenossenvereiuiguugen  u.  s.  w. 
durch  Vorträge  über  diesen  Gegenstand  auf  Eltern  erzieliend  ein- 
wirken. 

IV.  Die  Lelu'er  und  Leljrerinnen  der  Volks-  und  Jiöheren 
Schulen  sind  für  eine  erzieherische  Thätiglieit  auf  dem  Gebiete 
der  sexuellen  Belehrung  zur  Zeit  noch  nicht  genügend  vorgebildet. 

Es  ist  Aufgabe  der  Staats-  und  städtischen  Behörden  bei  der 
Ausbildung  resp.  Fortbildung  der  Lehrer  diesen  Gelegenheit  zu 
geben,  sich  auch  über  die  sexuelle  Hygiene  und  deren  Bedeutung 
für  die  Gesamtbevölkerung  systematische  Kenntnisse  zu  erwerben. 

V.  Der  Religionsunterricht  bedarf  der  Einführung  einer 
Sohulbibel,  um  die  Kinder  vor  der  Kenntnisnahme  jener  Stellen 
der  Vollbibel  zu  bewahren,  welche  das  sexuelle  Gebiet  betreffen 
ujid  die  Sinnlichkeit  der  Schulkinder  zu  erregen  geeignet  sind. 

Herr  Dr.  Steuer  berichtet,  der  Vorstand  der  Seotion  sei  bei 
der  Abfassung  der  fünf  Leitsätze  von  der  Ansicht  ausgegangen, 
daß  es  nicht  möglich  sei,  festzustellen,  von  wo  aus  die  Belehrung 
der    Jugend    in    sexueller  Beziehung    auszugehen  habe,  —  jode 


62  Jalirosbcricht  der  ScLlos,  Gesellschaft  für  vatorJ.  CuHur. 

Instanz,  welche  bei  der  Erziehimg  und  Entwicklung 
der  Jugend  mitzuwirken  Iiabe,  sei  unter  Umständen 
hierzu  am  geeignetsten  und  zumeist  verpf4iohtot.  Ein 
Zusammenwirken  von  Haus,  Schule  und  ärztlicher  Fürsorge  würde 
am  ehesten  Auasiclit  auf  Erfolg  haben. 

Herr  Stadtrat  Prof.  Dr.  med.  E.  Fraeukcl  konnte  der  vorigen 
Sitzung  nicht  beiwohnen,  glaubt  aber  in  den  vorliegenden  Leit- 
sätzen den  Extract  der  vorangegangenen  Besprechungen  zu  er- 
kennen, den  er  dahin  auffaßt,  daß  mau  die  Notwendigkeit  einer 
sexuellen  Aufldäruug  der  Jagend  anerkannt  habe,  und  zwar  zum 
Zweck  der  Bekämpfung  der  Masturbation  und  auch  sonstiger, 
aus  Unkenntnis  entstehender  psychischer  und  körperlicher  Schädi- 
gungen durch  das  Geschlechtsleben.  Allerdings  scheint  ihm  in 
den  Leitsätzen  die  Masturbation  zu  sehr  in  den  Vordergrund 
gerückt  zu  sein.  Ohne  irgendwie  die  Erfahrungen  des  Herrn 
Geh.-Eat  Prof.  H.  Gohn.  anzweifeln  zu  wollen,  kann  er  von 
seinem  Standpunitt  als  Frauenarzt  aus  ihre  Bedeutung  nicht 
so  hoch  wie  dieser  einschätzen.  Sie  ist  allerdings  auch  im  weib- 
lichen Geschlechte  stark  verbreitet,  aber  vielleicht  nicht  so  in  dem 
Maße  wie  im  männlichen.  Zweifellos  sind  manche  Fälle  von 
hartnäckiger  Bleichsucht  und  Neurasthenie  (Nervenschwäche) 
darauf  zurückzuführen,  ebenso  bisweilen  das  Bestehen  von 
Scheiden-  und  Gebärmutterkatarrh  (sog.  „weißem  Fluß"),  ver- 
ursacht durch  die  Einführung  von  den  Fingern  oder  Fremd- 
körpern anhaftenden  Eutzündungskeimen  in  die  inneren  Teile, 
oder  duich  die  oft  wiederholten  Oongestiouen  zu  denselben.  Aber 
die  Bedeutung  dieser  Afl'ectionen  tritt  nach  Art  und  Häufigkeit 
weit  zurück  hinter  den  Schädlichkeiten,  die  das  Weib  durch 
Schwangerschaft,  Geburt,  Wochenbett  und  vor  allem  durch  die 
so  häufige  Tripperinfection  bedrohen.  Die  von  Herrn  Geh.-ßat 
Cohn  gewünschte  Statistik  über  die  Häufigkeit  der  Onanie,  die 
von  Aerzten  und  Studirenden  nach  ihren  Schulerinnerungen  ein- 
zuholen wäre,  würde  kein  der  Wahrheit  entsprechendes  Resultat 
geben.  Es  gilt  nicht  blos  der  Satz  „Omnis  syphiliticus  mendax", 
sondern  auch  die  Variante  „Omnis  masturbator  mendax",  und 
selbst  anonyme  Selbstbekenntnisse  würden  davor  nicht  schützen. 
Aber  selbst  wenn  sich  durch  eine  solche  Enquete  eine  enorme 
Verbreitung  der  Onanie  sicher  constatiren  ließe,  so  wäre  damit 
nur  der  Beweis  gebracht,  daß  dieselbe  nicht  von  so  schweren 
Nachteilen  gefolgt  ist,  wie  hier  angenommen  wird;  sonst  müßte 
ja  unser  ganzes  Volk  sittlich  und  körperlich  dogenerirt  sein.  Die 
Masturbation  wird   nicht  blos  durch   schlechtes  Beispiel  und  die 


I.  Abteiliiug.    Hygieiusobe  Section.  63 

Naoliahmuug,  wie  in  Schulen,  Peusionaten  etc.  weiter  verbreitet, 
ihre  Entstehung  wird  man  vor  allem  durch  den  Sexualtrieb,  der 
im  Menschen  oft  sehr  frühzeitig  entwickelt  und  mächtiger  als 
alle  anderen  Triebe  ist,  so  daß  er  jeder  Belehrung  spottet,  be- 
günstigt. Dafür  spricht  die  Thatsache,  daß  Masturbation  zu- 
weilen schon  bei  ganz  kleinen  Kindern  im  Alter  von  4 — 5  Jaliren 
Ijoobachtet  werden  kann.  Im  Eutwicklungsalter  sind  ferner  die 
Phantasie  anregende  und  dadurch  auf  die  Gresohleohtssphäre 
wirkende  Reize,  wie  Schaustellungen,  Romanleottire  etc.,  ihre 
Entstehung  begünstigende  Blomente.  Vor  allem  aber  sind  es  in 
unseren  socialen  Verhältnissen  begründete  Schädlichkeiten,  die 
sexuelle  Mißstände  aller  Art  in  den  weitesten  Volkskreisen  ver- 
breiten. Ich  rechne  hierzu  in  erster  Reihe  das  Zusammenwohuen 
der  ärmeren  Klassen  in  engen,  ungesunden  und  unsauberen 
Wohnungen.  In  einem  und  demselben  Zimmer  schlafen  Kinder 
und  Erwachsene  Gelder  Gesohlechter,  oft  mehrere  in  demselben 
Bett;  was  sich  hier  ungesoheut  vor  Aller  Augen  abspielt,  muß 
vorzeitiges  Verständnis  und  Nachahmung  erwecken.  Die  Regierung 
hat  den  hieraus  entspringenden  Krebsschaden  erkannt;  ein  Be- 
weis dafür  ist  der  Entwurf  eines  Wohnungsgesetzes.  Es  genügt 
aber  nicht,  gute,  hygienisch  eingerichtete  Wohnungen  zu  schaffen; 
man  muß  den  Arbeitern  und  ärmeren  Volkaklassen  auch  die 
Möglichkeit  gewähren,  solche  Wohnungen  wirklich  zu  mieten. 
Gute,  saubere  und  billige  Wohnungen  nützen  für  die  Volks- 
gesundving  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  mehr,  als  alle  auf- 
klärenden und  belehrenden  Schriften  und  Vorträge.  Und  man 
kann  es,  auch  ohne  Bodenreformer  zu  sein,  billiger  Weise  als 
eine  unabweisbare  Aufgabe  des  Staates  und  der  Gemeinden  hin- 
stellen, durch  Ueberweisung  billiger  Ländereien  in  geeigneter 
Lage  an  gemeinnützige  Baugesellschaften  die  Herstellung  solclier 
Wohnungen  zu  ermöglichen  und  zu  fördern. 

Einen  ferneren  Punkt  indes  vermißt  Redner  in  den  vor- 
liegenden Leitsätzen  vollständig,  die  Belehrung  der  weib- 
lichen Jugend  über  die  Gesundheitspflege  während  der 
Entwicklungsjahre  und  in  der  folgende-n  Lebenszeit. 
Verstöße  gegen  die  Forderungen  der  Hygiene  in  dieser  Epoche 
rächen  sich  zuweilen  schwer  \nid  bilden  nicht  selten  die  Grund- 
lagespäterer ernster  Frauenleiden.  Mütter,  Peusions Vorsteherinnen, 
Lehrerinnen  ignorii-en  zuweilen  den  Vorgang  des  ersten  Eintrittes 
der  Menstruation  und  ihre  Wiederkehr  ganz  und  verleiten  dadurch 
die  unerfahrenen,  sich  selbst  üborlassenen  Mädchen  zur  Außer- 
achtlassung jeder  Vorsicht  und  Schonung  in    dieser   Zeit.     Eine 


(14  Jahi-esbeviiilit  der  Sclilos.  Goscllscliafi  für  vaioH.  Ciiltui', 

Belehrung  durch  die  Mutter  oder  Erzieherin  wäre  hier  ja  das 
Naturgemäße;  aber  diesen  fehlt  selbst  meist  jede  wissensohaftlioh 
begründete  Kenntnis  des  Frauenlebens  und  sie  sind  oft  in  den 
durcli  Tradition  und  blinden  Autoritätsglaulien  eingewurzelten 
und  in  der  Frauenwelt  weit  vorbreiteten  Irrtümern  und  Miß- 
liriuichon  aufgewachsen,  die  sich  „wie  eine  ewige  Krankheit  fort- 
erben". Hier  wäre  Belehrung  zunächst  der  Lehrerinnen  in 
Cursen,  die  am  besten  von  Schulärztinnen  abzuhalten  wären,  zu 
empfohlen.  Die  Lehrerinnen  ihrerseits  hätten  beim  naturgeschiolit- 
lichen  Unterrichte  entsprechende  Belehrung  über  sexuelle  Hygiene 
zu  geben;  ihr  Takt  würde  heikle  Fragen  zu  umgehen  oder  ent- 
sprechend dem  Alter,  der  Individualität  imd  dem  Verständnis 
ihrer  Zöglinge  einzukleiden  wissen.  So  würde  allmählich  die 
jetzige  und  künftige  Generation  ohne  Engherzigkeit,  aber  mit 
möglichster  Schonung  der  Deconz  und  Unschuld  der  Seelen  eine 
richtige  hygienische  Unterweisung  erhalten. 

Herr  Oberpräsidial-Rat  Dr.  Michaelis:  Meine  Herren!  Ich 
bin  auf  folgende  Weise  dazu  gekommen,  mich  eingehend  mit  der 
Frage  der  Unsittlichkeit,  insbesondere  der  Onanie,  bei  Knaben, 
und   zwar  den  Schulern  der  höheren  Lehranstalten,  zu  befassen. 

Es  bestehen  hier  in  Breslau  im  „Christlichen  Verein  junger 
Männer"  Gymnasiastonabeudo,  an  denen  sich  die  Schüler  zu 
sittlich-religiösen  Gesprächen  und  zum  Bibelstudium  vereinigen. 
Gegen  diese  Einrichtung  erhoben  sich  gewisse  Bedenken.  Um 
sie  zu  prüfen,  trat  ich  der  Sache  näher. 

Der  Leiter  teilte  mir  mit,  daß  es  sich  unter  anderem  darum 
handele,  den  Knaben  einen  sittlich -religiösen  Halt  zu  geben  in 
dem  Kampfe  gegen  die  ünkeusohheit,  die  Selbstbefleokung.  Die 
Onanie  sei  in  den  höheren  Schulen  in  erschreckender  Weise  vor- 
l)reitet.  Schon  Quartaner  kämen  zu  ihm,  von  Unruhe  und  Ge- 
wissensnot getrieben,  weil  sie  in  der  Onanie  steckten.  Ea  sei 
wohl  sohulenweise  und  klassenweise  verschieden,  aber  daran  sei 
kein  Zweifel,   daß  ein  unglaublich  hoher  Prooentsatz  iufioirt  sei. 

Man  verschließt  da  oft  in  Schwäche  die  Augen;  aber  es  muß 
hier  jede  Scheu  weichen  und  ich  bitte  Sie,  an  Ihre  eigene 
Jugend  zu  denken  und  sich  vor  Gott  und  Ihrem  Gewissen  zu 
prüfen.  Ich  glaube  ganz  fest,  daß,  wenn  wir  hier  in  dieser  Ver- 
sammlung, jetzt  in  dieser  Stunde,  uns  bereit  erklärten,  jeder  still 
und  ungesehen  auf  einen  Zettel  das  Wort  „Ja"  oder  „Nein" 
hinzuschreiben,  je  nachdem  wir  zugeben  müssen,  in  unserer 
Jugend  in  gleicher  Schuld  und  Notlage  gewesen  zu  sein  oder 
nicht,   es  würde  eine  Statistik  zu   Stande  kommen,   die  Ohfg(mi 


I.  Abteilung-.     Itygienische  Seoüon.  65 

üiitspräolio.  Und  diesen  Procentsatz  könnten  Sie  dann  unbedenklich 
einsetzen  für  die  Verhältnisse  bei  der  jetzigen  Jugend. 

Meine  Herren!  Es  handelt  sich  um  unsere  Söhne!  Icli  darf 
wohl  sagen:  ein  jeder  von  uns,  der  Söhne  hat,  würde  sein  Herz- 
blut hergeben,  wenn  er  seine  Kinder  freihalten  könnte  von  der 
Onanie  in  der  Jugend  und  den  Geschlechtssünden  des  späteren 
Alters.  Ich  weiß,  daß  es  Väter  giebt,  die  zu  ihren  Söhnen  sagen: 
„Geht  nur  ruhig  zum  rrauenzimmer,  das  ist  nun  mal  nicht  anders, 
aber  seid  vorsichtig  uird  wenn  Ihr  mal  krank  werdet,  so  thut 
gleich  was  Ordentliches  dagegen!"  Aber  ich  nehme  an,  daß  kein 
solcher  Vater  liier  ist.  Was  sollte  er  in  dieser  sittlich  ernsten 
Versammlung  wollen  ? ! 

Nein,  wir  wollen  doch  bewahren  und  retten  und  da  müssen 
wir  in  der  Gefahr,  die  unseren  Söhnen  droht,  in  der  sie  stecken, 
fragen:    Was  ist  zu  thun? 

Sie  sagen:  „Aufklärung".  Ich  gebe  zu,  daß  offene  Besprechung 
natürlicher  Vorgänge  die  Denkatmosphäro  des  Kindes  reinigen 
und  große  Gefahren,  die  im  Heimlichen  liegen,  beseitigen  kann. 
Aber  die  Aufklärung  allein  thuts  nicht;  sie  kann,  namentlich  etwa 
allgemein  —  in  der  Schule  —  vorgeschrieben,  einem  unheiHgen 
Mund  und  nicht  keuschen  Herzen  übertragen,  vieles  zerstören 
und  verschlimmern. 

Ich  habe  vier  Jahre  in  ehiem  Lande  gelebt,  das  jedem,  der 
für  Aufklärung  auf  gosohleohtlichem  Gebiet  schwärmt,  ideal  er- 
scheinen muß,  in  Japan.  Dort  herrscht  eine  Naivetät  der  An- 
schauungen auf  geschlechtlichem  Gebiet,  die  ohne  Gleichen 
ist.  Die  intimsten  Vorgänge  des  geschlechtlichen  Lebens  sind 
den  Kindern  nichts  Unbekanntes.  In  den  offenen,  oder  nur  durch 
Papierwände  verschlossenen  Zimmern  und  Häusern  sind  Geheim- 
nisse schlecht  zu  wahren.  Das  gemeinsame  Baden  beider  Ge- 
schlechter, das  ungenirte  Stillen  der  Kinder  in  der  Oeffentlichkeit 
(im  Theater  u.  s.  w.),  die  naiv- ungebundene  Unterhaltung  über 
Geschlechtsleben,  alles  negirt  die  Schleier,  die  in  Europa  ge- 
senkt sind. 

Nun,  und  die  Folge?  Es  ist  richtig,  daß  das  ganze  Ge- 
schlechtsleben in  Japan  etwas  Naives  hat.  Solcher  Schmutz  der 
Sünde,  wie  er  uns  in  unseren  Groß-  imd  Hafenstädten,  im  Ver- 
kehr mit  den  Weibern,  die  sich  gewerbsmäßig  den  Männern  hin- 
geben, entgegentritt,  ist  in  Japan  nicht  vorhanden.  Er  tritt  dort 
nur  allmählich  in  den  Plätzen  auf  die  trübe  Oberfläche,  wo  Fremde 
den  Fuß  an's  Land  gesetzt  liattcn.  Auch  soll  die  Onanie  dort 
wenig  goübt  sein. 


66 


Jalirusbericlit  der  Sohlos.  GeselJscliaft  für  vatorl.  CulUir. 


Aber  im  Uebrigeii  sind  die  Japaner  ein  sittlioii  tiofstelieudcH 
Volk  auf  geschlechtlichem  Gebiet.  Der  Begriff  jungfräulicher 
Ehre  ist  uubekamit;  der  eben  geschlechtsreif  gewordene  Jüngling 
wird  vom  Vater  mit  cynischem  Amüsement  nicht  nur  nicht  ge- 
warnt, sondern  zugelassen,  oft  wohl  animirt,  den  ersten  Versuch 
zu  machen.  Ernste  Japaner  sahen  das  selbst  ein  und  gaben  es 
zu.  So  las  ich  neulich  erst  ein  Buch,  in  dem  der  Betreffende 
schrieb;    „Am   schwächsten   zeigt   sicli  unsere  Sittenlehre  gerade 

im  Punkt  der  eigentlichen  Sittlichkeit.     Die  Nachsicht hat 

eine  allgemeine  Laxheit  zur  Folge". 

Also  die  allgemeine  Aufklärung  allein  macht  es  nicht.  Zur 
Aufklärung  muß  der  Wille  und  die  Kraft  kommen,  Herr 
zu  werden  über  die  Naturtriebe.  Hier  nnUiten  Sic  einsetzen, 
meine  Herreu! 

Es  handelt  sich  darum:  „Wie?"  —  Ich  pcn-aönlioh  bin  davon 
überzeugt,  daß  es  nur  eine  wirklich  durchgreifende  Hilfe  giebt, 
das  ist  der  lebendige  Glaube  an  einen  allgegenwärtigen  Gott, 
der  uns  sieht  und  bewahrt,  nicht  bloßes  Fnrwalnhalton  göttlicher 
Begriff'e,  nicht  ein  Buchstaben-,  Autoritäts-  und  schomatisoher 
Glaube,  sondern  ein  Glaube,  der  eine  wirkliche  Hingabe  fordert 
an  seinen  Herrn  und  Heiland  ^  der  wiederum  demjenigen,  der  sich 
dazu  entschließt,  die  Kraft  giebt,  ein  neues  Leben  zu  führen. 

Ja,  meine  Herreu  Aerzte,  Sie  können  hier  wieder,  wie  in  so 
vielen  Dingen,  zum  großen  Segen  der  Menschheit  Woge  weisen. 
Neues  fordern  und  Wniko  geben,  Ihrer  Mithilfe  wird  nie  entraten 
worden  können,  aber  die  eigentliche  Arbeit  wird  von  audoron 
gethan  werden  müssen.  Ich  bitte,  mich  hierbei  an  die  anwesenden 
Herrn  Vertreter  des  Lehrstandes  wenden  zu  dürfen. 

Sie  können  überzeugt  sein,  daß  die  hier  beratenen  wichtigen 
Fragen  beim  Herrn  Oberpräsidenten,  dessen  Vertreter  ich  bin, 
lebhaftestes  Interesse  finden.  Sie  werden  ihn  ja  vielleicht  amtlich, 
als  Vorsitzenden,  des  Proviuzial-Schiücollegiums  und  Aufsiohts- 
instanz  über  die  Lehrerbildungsanstalten  zu  beschäftigen  haben. 
Und  so  wollen  vi^ir  hoffen,  daß  alle  zur  Mitarbeit  Berufenen  sich 
verständnisvoll  die  Hand  reichen  zum  Segen  der  Jugend. 

Herr  Prof.  Dr.  üuchwald  hält  die  Anregungen  Dr.  Rosen- 
felds und  Dr.  Ghotzens  für  richtig,  die  Onanie  nicht  so  in  den 
Vordergrund  der  Beratung  zu  stellen.  Er  hätte  gewünscht,  daß 
der  Vorstand  heut;  wesentlich  den  Punkt  berücksichtige:  Ist  eine 
.sexuelle  Belehrung  notwendig  oder  nicht?  Die  Ansichten  waren 
darüber  geteilt.  Außerdem  hätte  er  gewünscht,  Vorschläge  darüber 
zu  hören,  in  welcher  Weise  man  vorgehen  könne. 


1.   Ahloilung.     Ilygionischp,  Scc.tion.  67 

Man  würde  nicht  vorwärts  kommen,  wenn  man  immer  und 
immer  wieder  nur  von  diesem  einen  Gegenstaude  spreche. 

Die  auch  bei  Tieren  beobachtete  Selbstbefleckung  sei  nicht 
so  verbreitet,  wie  vielfach  angegeben  werde. 

Bei  der  Belehrung  müsse  man  wohl  unterscheiden  zwischen 
Kindern  gebildeter  Stände  und  Kindern  der  niederen  Volks- 
schichten, auch  seien 'die  gleichen  Altersstufen  wesentlich  ver- 
S(!hieden  au  beurteilen,  Mädchen  und  Knaben  anders  zu  belehren. 

Was  man  in  Kreisen  gebildeter  Eamilicn  vortrage,  eigne  sich 
nicht  ohne  Weiteres  für  das  Volk. 

Er  schlägt  vor:  1.  Die  heutige  Versammlung  spricht  sich 
dafür  aus:    Sexuelle  Belehrung  ist  notwendig. 

2.  Es  wird  eine  Commission  gebildet  aus  Vertretern  ver- 
schiedener Berufsklassen  (Aorzte,  Lehrer,  Geistliche,  auch  Frauen 
sollen  mitwirken),  welche  sich  zur  Aufgabe  stellt,  gangbare  Wege 
zu  ermitteln. 

Er  ist  damit  einverstanden,  daß  diese  Anträge  dem  Vorstände 
zur  weiteren  Behandlung  übergeben  werden ,  warnt  aber  vor 
Uebereilung  in  einer  so  schwierigen  Angelegenheit. 

Herr  Frauenarzt  Dr.  Robert  xiscli :  Die  Verschiedenartigkeit 
der  Bestrebungen ,  die  während  der  ungemein  anregenden  Ver- 
handlungen dieser  beiden  Sitzungen  zu  Tage  getreten  sind,  die 
auseinandergehenden  Vorschläge  zur  Erreichung  des  allseitig  als 
notwendig  und  erstrebenswert  anerkannten  Zieles  erschweren  die 
Erfüllung  des  Zweckes  unserer  Besprechung.  Die  Aufklärung 
der  Kinder,  Belehrung  in  sexueller  Beziehung,  soll  die  Onanie 
verhüten  oder  ihre  Ausschreitungen  wenigstens  eindämmen. 
Legen  wir  nicht  unsere,  der  Erwachsenen  ethische  Begriffe  hier 
fälschlich  den  oft  unbewußten  Handlungen  junger  Kinder  zu 
Grunde?  Nicht  der  Drang  nach  Erkenntnis  „wo  kommt  Brüderchen 
her",  nicht  die  Sehnsucht  nach  Erfahrung  in  Bezug  auf  die 
geschlechtliche  Vereinigung  treibt  die  Knaben  zur  Masturbation. 
Der  vielleicht  durch  ganz  andere  Ursachen  manchmal  zu  früh 
erwachte  Trieb,  den  die  Menschenkinder  mit  Affen,  Hunden  und 
so  vielen  anderen  Tieren  teilen,  zufällige  körperliche  Reize  beim 
Spielen  und  Liebkosen,  nicht  zum  wenigsten  mit  Erwachsenen, 
selten  m.  E.  Träume  und  Pollutionen,  häufiger  noch  schlechtes 
Beispiel  und  Nachahmung,  ruft  die  üble  Gewohnheit  hervor. 

Durch  Belehrung  werden  wir  nur  schwer  den  Onanisten 
davon  abbringen,  den  noch  unerfahrenen  Knaben  selten  davor 
bewahren.  Die  Ausschreitungen,  vor  allem  die  schlimmste,  die 
Hiutuelle  Onanie,  können  wir  wohl  besser  durch  Beaufsichtigung, 

5* 


68  Jalivesbericlit  der  Sclilcs.  Gesoüsciiid't  für  valc-ii.  Oullur. 

durch  Verhüten  des  Alleinseins,  auch  des  Alleinseins  zu  zweien, 
mindern. 

Der   Begriff  des    aufrichtigen    Glaubens    liegt    dem   Kinde 
wohl  noch  zu  fern,  aber  darin  muß  ich  dem  Herrn  Ober-Präsidialrat 
beistimnaen:  die  Furcht,  daß  os  der  liebe  Gott  sieht,  auch  wenn 
kein  Mensch  zugegen  ist,  die  Papierhtitie  der  Japaner,  das  durch- 
sichtige Leben   des  Kindes   vor   den  Augf.n    der  Eltern  und  Er- 
zieher kann  gutes  wirken.  Hier  berühren  sich  unsere  Bestrebungen 
mit  denen  der  Wohnungs-   und  Schulhygiene.     Die  Belehrung 
kommt  hier  wolil  zu  früh  oder  zu   spät.     Die  Ausführungen  von 
Herrn  Prof.  Pruenkel,  daß  wir  Frauenärzte  so  selten  Gelegen- 
heit haben,  üble  Folgen  der  Onanie  zu  constatiren,  kann  ich  be- 
stätigen; ich  möchte  sie  aber  dahin  erweitern,  daß  ich  gerade  aus 
meinem  Berufe  heraus  Grund  habe  anzunehmen,  daß  die  Anzahl 
onanirender  Mädchen   verschwindend    ist    gegenüber    den    durch 
Erfahrung  oder  Statistik  eruirten  Zahlen  bei  Knaben.    Der  Trieb 
ist  eben  hier  so  gering,   daß   sogar  die  auf  schlechtem  Beispiele 
beruhende,   schon  vorhandene   üble  Gewohnheit  noch   in  frühen 
Jahren,  lange  bevor  an  eine  normale  Befriedigung  des  Geschlechts- 
triebes gedacht  werden   kann,    ja    auch    bevor   Erkenntnis    oder 
Belehrung  einsetzen,  wieder  verlassen  wird.     Schon  der  Wegfall 
der  Anregung  durch  Splalgenossinnen   genügt,   um   die    häßliche 
Manipulation    vergessen    zu    machen.      In    Fällen     fortgesetzter 
maeturbatoriseher  Bethätiguug  sind   es   wolil  zumeist    patholo- 
gisch e  R  e  i  z  z  u  st  an  d  e,  die  zuruubewußteu  Ursache  geworden  sind. 
Für   den   Knaben   scheint    es    nun    wirklich    verhältnismäßig 
nebensächlich,   wann  er  erfährt,   wo  Brüderchen   herkommt  oder' 
wo  ea  hergekommen  ist.    Ob  das  für  Mädchen  noch  während  der 
Schulzeit  notwendig  ist,   bleibe   dahingestellt.     Aber   eine   ganze 
Reihe  \irgemoin  wichtiger  Fragen  in  Bezug  auf  Körperteile  und 
deren  Functionen  auf  allgemeine  Lebensbedingungen  müßten  den 
Mädchen    vor  Verlassen    der   Schule    in    natürlicher    und   natur- 
wissenschaftlicher Weise  beigebracht  und  erklärt  werden.    Nicht 
nach  sexueller  Richtung  —  darunter  ist  derVerkehr  der  Gesohlechter 
zu  verstehen  — ,   sondern   zum  Verständnis  ihrer  Gesundheit, 
ihrer    Lebensfunctionen    ist    diese    Belehrung    OTiszudohnen. 
Küunten  wir  in  den  obersten  Klassen  der  Mädclionschuleu  unter- 
richten, wir  würden    uns   eine   große  Anzahl  von  Bcaucherinnen 
unserer  Sprechstunde  ersparen.    Hier  darf  uiid  muß  die  Thätigkeit  • 
der  Aerzte  in   persönlicher  Aussprache   einsei  Ken   und   wird   erst 
wieder  überflüssig  werden,   wenn   es   uns   gelungen   ist,    Mül'.ter 
und  Erzieherinnen  heranzubilden,  die  nun  ihrerseits  wahres  Wissen, 


L   Abtoiliing.     Hygicnisclio  Sectic 


f.9 


wirkliche  Keiuitnisso  auf  ihre  Schutzbefohlenen  zu  übertrao-eii 
im  Stande  sind,  nicht  die  irrefahrenden  Lehren  der  Naturheil- 
büoher  oder  die  allzu  oft  mißverstandenen  Belebrungen  populärer 
Schriften  oder  allgemeiner  öffentlicher  Vorträge. 

Herr  Dr.  Clemens  Neisser,  Direotor  der  Irren  ans  (alt  in  ßunzlou  : 
Nachdem  einmal  die  Frage  der  Masturbation  in  dieser  Verhandlung  — 
Wühl  durch  die  weitgehende  Fassung  der  These  1  —  so  sehr  in  den 
Vordergrund  gerückt  ist  und  weil  von  Seiten  des  Herrn  Geheimrat 
Cohn  gerade  an  die  Erfahrungen  der  Nervenärzte  appellirt  worden 
ist,  gestatte  ich  mir  auf  einen  anderen  ärztlichen  Gesichtspunkt 
hinzuweisen,  nämlich  auf  die  Gefalir,  welche  in  der  zu  starken 
und  einseitigen  Betonung  der  schädlichen  Folgen  der  Onanie 
gelegen  ist.  Durch  d  ie  Furcht  vor  den  Folgen  der  Onanie, 
durch  die  Furcht  vor  der  angeblich  aus  der  Hingabe 
an  dieses  „Lastor"  eutspringeudan  Nerve  uzerrüttung 
werden  viele  Individuen  ernster  und  nachhaltiger  in 
Ihrer  Gesundheit  geschädigt  als  durch  die  Onanie  selbst. 

Die  Forderung  des  Herrn  Prof.  Buchwald,  die  Frage  der 
Art  und  Weise  der  Belehrung  der  Jugend  als  eine  pädagogisch- 
technische Frage  bei  Seite  zu  setzen  und  zunächst  nur  zu  deore- 
tiren,  daß  überhaupt  eine  Belehrung  Platz  greifen  solle,  scheint 
mir  nicht  erfüllbar;  solange  man  nicht  weiß,  in  welcher  Weise 
in  welchem  Alter  und  von  wem  die  Belehrung  zu  geben  sei  ist 
auch  das  Bedenken  nicht  zu  entkräften,  daß  durch  die  Belehrun«- 
mehr  geschadet  als  genützt  werden  könnte. 

Zur  Sache  selbst  will  ich  nur  einige  kurze  Andoutungtn 
machen.  Erstens  halte  ich  es  für  durchaus  notwendig,  daß  die 
Frage  der  sexuellen  Belehrung  bei  Knaben  und  bei 
Mädchen  ganz  getrennt  behandelt  werde,  da  die  Verhältnisse 
völlig  differente  sind.  (Es  sei  nur  an  die  Frage  der  sexuellen 
Abstinenz  eritniert,  welche  in  reiferem  Alter  sicher  für  beide 
Geschlechter  eine  gesonderte  Prüfung  erheischt.)  In  Bezug  auf 
die  Mädchen  und  Frauen  möchte  ich  mich  den  düsteren  Auf- 
fassungen, welche  geäußert  worden  sind,  ganz  und  gar  nicht  an- 
schließen. Es  darf  auch  nicht  übersehen  werden,  daß  Kenntnis 
von  sexuellen  Dingen  und  Unkeusohheit  sich  durchaus  nicht 
decken.  Die  sexuelle,  überhaupt  physische  Hygiene, 
wie  sie  von  Herrn  Prof.  Fränkel  gefordert  wird,  halte  auch  ich 
für  das  erste  Erfordernis.  Andererseits  hat  Herr  Oberpräsidial- Rat 
Michaelis  unzweifelhaft  recht,  daß  dies  allein  nicht  ausreicht, 
sondern  daß  die  sittlicho  Kraft,  überhaupt  die  Widerstands- 
fähigkeit dos  Individuums  gegen  Augonblicksantriebe 


7ü  JaLreKbenrlit  der  Sdiles.  GosoUseliaft  für  vutcri.  Oiiltiir. 

mit  allen  Mitteln  zu  fördern  ist.  Und  damit  komme  ich  zu  dem 
zweiten  Punkte:  Diese  Widerstandsfähigkeit  fehlt  mehr  oder 
weniger  bei  der  großen  Gruppe  der  Dögeneres,  der  angeboren 
payohopathischen  Naturen,  bei  welchen  bekanntlich  das  sexuelle 
Tfiebleben  häufig  eine  überstarke  und  vorzeitige  Entwicklung 
zeigt  und  solche  Individuen  sind  es  in  erster  Linie,  welche  in 
Internatenschulen  etc.  die  Genossen  verderben.  Diese  Elemente 
in  ihrer  pathologischen  Eigenart  rechtzeitig  zu  er- 
kennen und  fernzuhalten  ist  eine  dringende  Aufgabe 
und  hierbei  dürfte  den  Schulärzten  die  wichtigste  Rolle  zu- 
fallen. (Die  von  Herrn  Michaelis  mitgeteilte  Erfahrung,  daß 
gerade  in  religiösen  Hebungen  dienenden  Gemeinschaften  traurige 
Vorkommnisse  auf  sexuellem  Gebiete  zur  Kenntnis  gekommen 
seien,  hat  für  den  Psychiater  nicht  Befremdliches,  da  religiöse 
und  sexuelle  Ekstase  in  der  völligen  sensitiven  Hingabe  der 
Persönlichkeit  eine  physiologische  Verwandtschaft  aufweisen, 
was  schon  sprachlich  durch  die  Worte  „Brunst"  und  „Inbrunst" 
gekennzeichnet  ist )  Daß  für  jedes  Lebensalter,  für  jede  sociale 
Schicht  zudem  noch  besondere  Verhältnisse  in  Betracht  kommen, 
sei  nur  noch  in  dem  Sinne  erwähnt,  daß  es  mir  falsch  er- 
scheint, zu  einer  einheitlichen  mehr  soliematischen 
Lösung  der  ganzen  Frage  hinstreben  zu  wollen. 

Auf  alle  Fälle  gebührt  dem  Vorstande  der  hygienischen  Section 
großer  Dank  für  die  Anregung  in  so  überaus  wichtiger,  die  Ge- 
samtheit wie  den  Einzelnen  tief  berührender  Angelegenheit. 

Herr  Dr.  Samosch  spricht  sich  entschieden  für  eine  sexuelle 
Belehrung  in  der  Schule  aus.  Der  Redner  führt  aus,  daß  es 
unmöglich  sei,  Kinder  im  Pubertätsalter  vor  der  Beschäftigung 
mit  sexuellen  Fragen  zu  bewahren.  Um  die  Phantasie  zu  zügeln, 
und  um  zu  verhüten ,  daß  Aufklärung  von  unberufener  Seite  in 
verkehrter,  meist  schädlicher  Form  gegeben  werde,  sei  eine  von 
sachverständiger  Seite  zu  gebende  sexuelleBelehrung  zu  empfehlen. 
In  der  Schule  sei  dieselbe  im  Rahmen  einer  allgemeinen  Be- 
lehrung über  den  menschlichen  Körper  und  seine  Functionen  zu 
geben. 

Herr  Rector  Kyiiast:  Nachdem  bis  jetzt  vorwiegend  Medi- 
ciner  ihre  Ansicht  über  die  vorliegende  Frage  goruiL'nul,  haben, 
sei  es  einem  mitten  in  der  Praxis  stehenden  Pädagogen  gest-atict, 
seine  Meinung  kurz  darzulegen.  Zunächst  finde  ich,  daß  die 
Leitsätze  nur  von  der  Onanie  sprechen;  diese  ist  aber  nur  ein 
Gapitel  aus  der  sexuellen  Belehrung.  Unter  letzterer  versteht 
man  Belehrungen,  die  unsere  Kinder  mit  allem  bekannt  maohon 


1.  Aliteiliiiig.     Hyginiiisclie  Sectioii.  71 

wollen ,  was  mit  dem  Worden  des  Menscheu  von  der  Begattung 
bis  zur  Geburt  zusammenhängt;  eine  der  weitgehendsten  Forde- 
rungen ist  die,  der  Jugend  auch  die  äußeren  und  iinieren  Fort- 
pflanzungsorgane des  Menschen  in  Abbildungen  zu  zeigen  und 
sie  mit  ihnen  zu  besprechen,  so\?ic  Belehrungen  über  die  Er- 
kiaiikungen  der  Gescbleohtsorgano  zu  geben.  Vom  pädagogi- 
sclien  Standpunkte  und  unter  Berüoksichtiguiig  meiner  jahrzehnte- 
langen Erfahrung,  die  ich  bei  Knaben  imd  Mädchen  im  volks- 
sohulpflichtigen  Alter  in  Stadt  und  Land  gemacht  liabe,  halte  ieh 
diese  eingehenden  Belehrungen  für  verfrüht;  es  hieße,  den  Hauch 
der  Keusohlieit  vorzeitig  von  der  Jugend  abstreifen  und  sie  — 
wenn  auch  in  bester  Absicht  —  bekannt  machen  mit  dem 
Schmutze,  vor  dem  sie  bewahrt  werden  sollen.  Die  Kinder  der 
Volksschule  sind  sittlich  nicht  so  verdorben,  daß  z.  B.  Onanie 
in  größerem  Umfange  getrieben  wird ;  es  sind  glücklicher  Weise 
nur  vereinzelte  Fälle,  und  in  diesen  Ausnahmefällen  möge  eine 
Belehrung  bezw.  Verwarnung  unter  vier  Augen  und  unter  Hinzu- 
ziehung der  Eltern  und  des  Arztes  (Haus-  bezw.  Schularztes) 
erfolgen.  Redner  erwähnt  aus  seiner  Praxis  einen  Fall  in  einer 
hiesigen  höheren  Mädchenschule,  wobei  in  der  angedeuteten 
Weise  verfahren  wurde  und  guten  Erfolg  hatte. 

Die  Belehrung  über  das  Sexualleben  der  Menschen  ist  für 
die  Volksschule  verfrüht;  diese  Belehrungen  gehören  in  das 
spätere  Alter  und  vor  allen  Dingen  in  das  Elternhaus;  damit  soll 
jedoch  nicht  gesagt  sein,  daß  die  Schule  sich  gänzlich  passiv 
verhalten  solle.  Im  Religionsunterricht,  im  naturgeschichtlichen 
Unterricht  und  der  Lehre  vom  Menschen  kommen  Ausdrücke 
vor,  die  auf  das  Geschlechtsleben  Bezug  haben;  diese  mögen 
kurz  und  mit  Vorsicht  erklärt  werden,  am  besten  vielleicht  unter 
Hinweis  auf  die  biologischen  Belehrungen  über  Pflanze  und  Tier. 
Bei  Beurteiluug  der  ganzen  Frage  hüte  man  sieh  vor  Ueber- 
Bchätzuug  des  Wertes  der  sexuellen  Belehrung.  Nicht  das 
Wissen  allein  schützt  vor  Goschlechtsverirrung  und  Geschlechts- 
ausschweifuug ,  dazu  ist  der  Geschlechtstrieb  viel  zu  stark,  das 
Wissen  und  Erkennen  ist  nur  ein  Mittel  und  nicht  das  stärkste; 
wirksamer  wird  sein,  die  Stärkung  des  kiudliclien  Willens  und 
daß  dieser  auf  das  Gute  und  Schöne  gerichtet  ist;  aus  diesem 
Gesichtspunkte  heraus  sind  die  Kunstbestrebungen  für  die  Schule 
fördernswert.  Außerdem  wird  scharfe  Beobachtung  und  Ueber- 
wachuDg  in  Schule  und  Haus  notwendig  sein;  man  überlasse  die 
Kinder  in  der  schulfreien  Zeit  nicht  sich  selber,  sondern  gebe 
ihnen  so  viel  als  möglich  Beschäftigungen,  die  auf  Stählung  und 


72  Jaliresbericlit  der  Sclilos.  GesoUscbaft  für  vateri.  Cultur. 


Kräftigung  des  Körpers  gerichtet  sind,  wie  Turnen,  Jugendspiele, 
Schwimmen,  Baden,  Eislauf  u.  s.  w. ;  auch  arbeite  man  der 
Scliundlitteratur  und  dem  iibormäßigan  Alkoholgenuß  entgegen. 

An  der  Belehrung  über  das  Sexualleben  der  Menschen  und 
dem  Eindämmen  der  Geschlechts verirrungen  und  Geschleclits- 
krankheiten  sind  außer  der  Schule  Eltern,  Aorzte,  Gemeinde  und 
Staat  beteiligt.  Die  Volksschule  wirkt  an  ihrem  Teile  am  besten, 
wenn  sie  —  von  Einzelfällen  abgesehen  —  eine  eingehende  Be- 
lehrung ablehnt,  dagegen  durch  strenge  Ueberwachung  der 
Schüler  und  durch  Erziehung  zu  sittlich-starken  und  gesunden 
Menschen  gesciileohtlicheu  "Verirrungen  nach  Möglichkeit  vor- 
beugt. 

Hierauf  schließt  der  Vorsitzende  die  Versammlung  mit  dem 
Danke  für  die  rege  Teilnahme  und  übernimmt  es,  im  Namen 
des  Vorstajides:  der  Frage  der  sexuellen  Belehrung  der  Jugend 
weitere  Aufmerksamksdt  zuzuwenden. 


ScUesische  Gesellscliaft  für  vaterländisclie  Knltar. 


IL  Abteilung. 
Naturwissenschaften. 

a.  Naturwissenschaftliclie  Sektion. 

- juS) 


Sitzungen  der  naturwissenschaftlichen  Sektion  im  Jahre  1904. 


Sitzung  am   3.  Februar   1904. 

Über  Deformation  von  üuarzkörnern  durch  Gebirg sdruck. 

Von 
Professor  Dr.  L,  Milch. 
Die  Möglichkeit  einer  homogenen  Deformation  des  Quarzes 
durch  Druclc  ist  in  letzter  Zeit  bestritten  worden,  und  aus  der  ange- 
nommenen Unmöglichkeit  wurde  gefolgert,  daß  Gesteine,  die  „ausgewalzte" 
Quarze  enthalten,  sich  nicht  durch  Gebirgsdruck  aus  normalen  Sedimenten 
oder  Eruptivgesteinen  gebildet  haben  können,  wie  es  die  Lehre  von  der 
dynamometamorphen  Entstehung  der  kristallinen  Schiefer  annimmt.  Gegen 
die  Annahme,  daß  die  bisher  als  mechanisch  deformiert  betrachteten  Quarze 
unveränderte  Bildungen  einer  Kristaüisation  unter  einseitigem  Druck  seien, 
macht  der  Vortragende  geltend,  daß  durchaus  entsprechende  Bildungen 
auch  in  typisch  sedimentären  Bildungen  vorkommen;  er  zeigte  im 
Mikroskop  und  in  Abbildungen  einen  gewundenen  langgestreckten  Quarz 
aus  einem  gepreßten  Conglomerat  des  Verrucano  des  Murgtales  (Kanton 
Glarus,  Schweiz),  der  in  seiner  gegenwärtigen  Umgrenzung  durch  die 
Nachbargerölle  deutlich  beeinflußt  ist  und  seine  jetzige  Gestalt  weder  der 
Abroljung  beim  Ti-ansport,  noch  weniger  natürlich  den  Verhältnissen  bei 
seiner  Entstehung  verdanken  kann.  Auf  die  Frage  übergehend,  ob  die 
Annahme  einer  homogenen  Deformation  des  Quarzes  durch  Druck 
physikalisch  gerechtfertigt  ist,  betonte  der  Vortragende,  daß  nach  den 
neueren  Untersuchungen  Plastizität  eine  allen  kristallisierten  Körpern 
zukommende  Eigenschaft  ist,  und  daß  gerade  unter  den  beim  Gebirgsdruck 
eintretenden  Verhältnissen  auch  geringe  Grade  von  Plastizität  wirksam 
Verden  können;  für  das  Vorhandensein  von  Translationsflächen  sprechen, 
übrigens  beim  Quarz  auch  die  mehrfach  in  gepreßten  Gesteinen  beob- 
achteten, an  Zwillingslamellierung  erinnernden  Streifen  bei  der  Unter- 
suchung zwischen  gekreuzten  Nikols.  Schließlich  machte  Verfasser  darauf 
aufmerksam,  daß  gegen  die  Annahme  der  Entstehung  gestreckter  und 
1904.  1 


Jahresbericht  der  Schlea.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


gebogener  größerer  Kristalle  durch  eine  Kristallisation  unter  ein- 
seitigem, Druck  der  Umstand  spricht,  daß  ein  einseitiger  Druck  sich 
nur  in  sehr  zähflüssigen  Massen  geltend  machen  kann,  deren  Zähflüssigkeit 
die  Bildung  von  größeren  Kristallen  verhindert  —  auch  ist  es  bisher  weder 
durch  das  Experiment  bewiesen,  noch  aus  physikalischen  Gründen  zu  er- 
schließen, daß  unter  einseitigem  Druck  gebogene,  kristallographisch  nicht 
gesetzmäßig  begrenzte  Gebilde  entstehen. 

Neuere  Arbeiten  über  Elastizität. 

Von 
Privatdozent  Dr.  Clemens  Schäfer. 
Der    Vortragende    berichtet   über    neuere  Arbeiten    über   Elastizität 
und  schlägt  im  Anschluß  daran  eine  veränderte  Definition  des  Elastizitäts- 
modulus  vor.     Derselbe  ist  bisher  durch  die  Gleichung  definiert: 

wo  L  die  Länge,  X  die  Verlängerung,  Q  der  Querschnitt  des  Stabes,  P  das 
spannende  Gewicht,  E  den  Elastizitätsmodulus  bedeutet.  Indessen  zeigen 
die  neuen  Arbeiten,  daß  das  Hookesche  Gesetz,  das  in  der  obigen  Gleichung 
auch  für  endliche  Dilatationen  als  giltig  angenommen  ist,  in  diesen 
Fällen  nicht  mehr  richtig  ist.     Man  muß  also  richtig  schreiben: 

dL  _  dP 

TT  ""  QE' 
wo  d  L    eine  unendlich    kleine    Verlängerung   bedeutet;    im   allgemeinen 
ist  E  als  Funktion  von  L  zu  betrachten.      Indessen  kommt   man   zu  einer 
einfachen  Annäherungsformel,    wenn    man   E    als   konstant  betrachtet   und 
integriert: 

,       L  P— Po 

'°s-l;  =  ^E- 

Der  Vortragende  hat  diese  Formel  an  den  vorliegenden  experimentellen 
Daten  geprüft  und  gefunden,  daß  sie  — •  für  das  vorliegende  Beobachtungs- 
material natürlich!  —  ausreichend  ist;  weitergehende  Prüfungen  sind  in 
Aussicht  genommen. 

Über  die  Oxyhaloide  des  Wismuthes. 

Von 
Privatdozent  Dr.  Walter  Herz. 

Die  in  Gemeinschaft  mit  Herrn  cand.  phil.  G.  Muhs  ausgeführte  Unter- 
suchung ergab,  daß  bis  zu  einem  Gleichgewicht  die  Reaktionen 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Bi  O  Gl  +  K  0  H  ^  Bi  0  0  H  +  K  Gl 

Bi  0  Br  +  K  0  H  ^  Bi  0  0  H  -f  K  Br 

^or  sich  gehen.     Das  Massenwirkungsgesetz  liefert  für  diese  Reaktionen 

[KOH]  _      [Bi  0  0  H] 

[KCl]    —       [ßiOClJ 


[KOH]_      [Bi  0  0  H] 
[KBr]    ~   1    [BIO  Er] 
Da  Bi  0  0  H,    Bi  0  Gl   und    Bi  0  Br   als   feste   Phasen   von    konstanter 

Wirkung  sind,  so  müssen  -r^rnTT  ^^'^    nr  r.  i    f"r  die  erste  bezw.  zweite 
[K  Olj  [K  Brj 

der    beiden    Umsetzungen    konstant    sein.       (Die    in    Klammern    stehenden 
Zeichen  sollen  die  Konzentrationen  der  Stoffe  bedeuten.) 

Die  Untersuchung  wurde  derart  ausgeführt,  daß  Bi  0  Gl  resp.  Bi  0  Br 
mit  Kalilauge  verschiedener  Anfangskonzentrationen  bei  30"  bis  zur  Ein- 
stellung des  Gleichgewichtes  geschüttelt  wurden,  worauf  die  freie  Lauge  im 
Gleichgewicht  titrimetrisch  bestimmt  wurde.  Die  Differenz  der  Laugen- 
Konzentrationen  im  Anfang  und  im  Gleichgewicht  entsprach  der  Konzentration 
des  K  Gl  resp.  K  Br,  so  daß  die  Konstanten  hieraus  berechenbar  sind. 
Es  ergibt  sich,  daß  für  verschiedene  Gleichgewichte  die  Konstante  bei  der 
Umsetzung  mit  Bi  0  Gl  =  3,55  im  Mittel  und  mit  Bi  0  Br  =  2,9  im 
Mittel  wird,  solange  die  Laugenkonzentrationen  klein  sind.  In  diesen 
Konstanten  ist  als  konstanter  Faktor  der  Quotient  der  Löslichkeitsprodukte 
^on  Bi  0  0  H  und  Bi  0  Gl  bezw.  Bi  0  Br  enthalten,  weswegen  man  auf 
das  Verhältnis  der  Löslichkeiten  von  Bi  0  Gl  und  Bi  0  Br  schließen 
Kann.  Dividiert  man  die  anfänglich  gegebenen  Gleichungen  des  Massen- 
^irkungsgesetzes  durch  einander,  so  heben  sich  KOH  und  Bi  0  0  H  fort, 
Und  man  erhält 

[KCl]_k  [BiO_Cl] 

[KBr]  ~  kl  [Bi  Ol^rJ' 

Da  die  verlaufende  Jonenreaktion  in  beiden  Fällen 
Bi  0'  +  0  H'  =  Bi  0  0  H 
'st,  so  muß  k  =  k^   sein,  und  es  müssen  sich  die  Löslichkeiten  von  Bi  0  Gl 
lind  Bi  0  Br    verhalten    wie    die   Konzentrationen    von    K  Gl    und   KBr    in 
^Wei  entsprechenden   Gleichgewichten.     Die    Löslichkeiten    verhalten    sich, 
^ie  die  Versuche  lehren,  wie: 

[BiOBr]  _1,14 
[BTOCI]"!^ 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Sitzung  am  1.  Juni   1904. 

Der  folgende  Bericht  über  die  am  1.  Juni  1904  gehaltenen  Vorträge  der 
Herren  Dr.  Axel  Schmidt,  Joh.  Herbing  und  Kurt  Flegel  ist  unter 
dem  Titel  „Zur  Geologie  des  böhmisch-schlesischen  Grenzgebirges"  als  Fest- 
schrift der  Gesellschaft  der  Versammlung  der  Deutschen  geologischen  Ge- 
sellschaft am   16.  September  überreicht  worden. 

Obercarbon  und  Rotiiegendes  im  Braunauer  Ländchen  und 
in  der  nördlichen  Grafschaft  Glatz. 

Von 
Dr.  Axel  Schmidt. 
Lange,  bevor  man  an  die  Ausbeutung  der  Bodenschätze  in  Ober- 
schlesien  dachte,  ging  der  Steinkohlenbergbau  in  Niederschlesien  schon  um, 
besonders  in  der  Umgegend  von  Waidenburg.  Zum  ersten  Male  wurde  er 
1594*)  urkundlich  erwähnt;  ein  späterer  Bericht  des  Jahres  1769  zählt 
bereits  15  im  Betrieb  befindliche  Gruben  auf,  und  1789  wurden  aus 
45  Gruben  schon  59  000  t  Kohlen  in  Niederschlesien  gefördert.  In  den 
folgenden  Jahrzehnten  machte  die  Produktion  nur  geringe  Fortschritte,  so 
daß  60  Jahre  später,  im  Jahre  1851  von  36  betriebenen  Gruben  nur 
400  000  t  gefördert  wurden.  Die  Produktion  beginnt  dann  aber  mit  der 
Verbesserung  der  Transportverhältnisse  —  die  Freiburger  Bahn  wurde 
1853  bis  nach  Waidenburg  und  1867  bis  nach  Hirschberg-Görlitz  durch- 
geführt —  und  der  VergrötSerung  des  Absatzgebietes  sich  erheblich  zu  steigern- 
Der  Friede  des  Feldzuges  von  1866  bewirkte  überdies  den  Anschluß  der 
preußischen  Grenzstrecken  an  das  österreichische  Eisenbahnnetz.  Die 
Produktion  der  letzten  40  Jahre   geht   aus    nachfolgender  Tabelle   hervor: 


Förderung 

Wert 

s  ^ 

Belegschaft 

(rund)  t 

(rund)  Jl 

1  ^ 

(rund) 

1861 

750  000 

4  250  000 

43 

4  000 

1871 

1  970  000 

13  670  000 

37 

1  1  1 50 

1881 

2  700  000 

16  290  000 

47 

1 2  500 

1891 

3  400  000 

24  500  000 

28 

17  250 

1900 

4  300  000 

^1 0  000  000 

18 

21  000 

Altere  Litteratur. 

Hand  in  Hand  mit  der  Produktionsstcigerung  der  letzten  Jahrzehnte 
und  dem  dadurch  bedingten  Vorrücken  der  Grubenbaue  in  größere  Teufen 
ging  auch  die  geologische  Erforschung  der  Lagerungs-  und  Altersverhältnisse 
des  niederschlesischen  Gebirges.  Bereits  1860  erschien  die  „geognostiscbe 
Karte   vom    niederschlesischen   Gebirge" ^j   von   Beyrich,    Rose,   Roth  und 

')  V.  Festenberg-Packiscli,  EnLwickelung  des  niederschlesischen  SteinkohleD- 
berghaues.     II.  Aufl.,  Waidenburg  1892. 

2)  Berlin,  S.  Schropp  1860  Maßstab  1  :  100  000. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Runge,   nachdem    die   fossile  Flora    durch   die  Preisschrift  von   Goeppert 

und  Beinert*)  neun  Jahre   vorher  bearbeitet  und   durch  sie   der  Nachweis 

erbracht  war,   daß   man  es   mit   zwei  gesonderten   Floren    und   daher    mit 

Ablagerungen  verschiedenen  Alterszu  tun  habe.    Im  Jahre  1865  erschien  dann 

eine  erste  Arbeit  Schützes^),  der  1882  die  bekannte  „geognostische  Darstellung 

•ies   nicderschlesisch-böhmi sehen  Steinkohlenbeckens'")  folgte,  auf  die  man 

wegen  ihrer  Ausführlichkeit,  besonders  in  bezug  auf  die  Tjageruugsverhältnisse 

der  einzelnen  Gruben  stets  bei  Arbeiten  über  dies  Gebiet  zurückgreifen  wird. 

Gliederung  von  Schätze. 

In  dieser  Arbeit  und  einem  Briefe  Schützes  aus  dem  Jahre   1879*)  ist 

die  Teilung  in   die   von  Stur   auf  Grund   der   Verschiedenheit   der  Floren 

aufgestellten   Stufen^)    für    das   ganze  Waldenburger  Becken   durchgeführt, 

und    die  Einteilung    anderer   Steinkohlenreviere')    berücksichtigt.     Es    sei 

Tabelle  I. 


Niederschlesiach-Böhmisches 
Becken 

Preußisch         |          Böhmisch 

Ober- 
Schlesien 

Saar- 
revier 

Rotliegendes 

Rotliegendes 

Rotliegendes 

- 

Rot- 
liegendes 

/     ojI  obere 
|\ 
^  Imittlere 

l    £   hintere 

1  ^i 

1  Ol 

S       f 

~- 

Radowenzer 

Hexenstein- 
Arkosen 

Idastollen  er 
bangender 
Flötzzug 

- 

obere 
Ottweiler 

mittlere 
Ottweiler 

untere 
Ottweiler 

'f  /   f  l  obere 
O  1   js  hintere 

hangender  Flötz- 

zug  der  Ruben- 

griibe 

Waldcnbui'ger 

Hangend-Zug 

Xaveristollener 
liegender  Plötzzug 

Schatzlarer 

/Karwin- 

)Orzescher 
l  Schichten 

obere  und 

mittlere 
Saarbrücke 

untere 
SaarbrUcker 

1    J  (obere 
f      s  {untere 

Reichheuners- 

dorfer  Sandsteine 

Waldenburger 

Liegend-Zug 

- 

Sattelflötze 

Rybnicker 

u.    Ostrauer 

Schichten 

- 

üntercarbon. 

i)  C.  C.  Beinert  und  H.  H.  Goeppert,  Abhandlung  über  die  Beschaffenheit  und 
Verhältnisse  der  fossilen  Flora  in  den  verschiedenen  Steinkohlenablagerungen  eines 
Und  desselben  Revieres.     Leyden  18,50. 

2)  A.  Schütze,  die  schlesischen  Steinkohlen  und  deren  Fortsetzungen  nach 
Böhmen  und  Mähren,  in  Geinitz,  Steinkohlen  Deutschlands.     München  1865. 

3)  Abhandlungen  zur  geologischen  Spezialkarte  von  Preußen  und  den  Thü- 
ringischen Staaten.     Band  III,  Heft  4.     Berlin  1882. 

*)  Zeitschi',  der  Deutschen  geologischen  Gesellsch.  1879,  Bd.  XXXI,  S.  470  ff. 
S)  Stur,   CulmClora  der  Ostrauer  und  Waldenburger  Schichten,  Seite  365,  in: 
Abhandlungen  der  k.  k.  geologischen  Reiehsanstalt,  Bd.  VIII,  2,  1877. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


gestattet,  die  Einteilung  hier  in  tabellarisclier  FormO  zu  geben  und  Ober- 
sclilesien  und  das  Saarrevior  zur  Vergleichung  mit  heranzuziehen.  (Tab.  I.) 
In    dieser   Zusammenstellung   sind   für   Oherschlesien   die   älteren  von 
Potomö  im  Jahre  1896  aufgestellten  Bezeichnungen ^'j  angewandt  und  nicht 
die   neueren  von  Michael  vom  Jahre  1902'),  weil  durch  sie  lediglich  Ver- 
wirrung   angerichtet  wird.     Wenn  Michael   seine   Bezeichnungen   so  wählt, 
daß    sie   für   das   ganze  oberschlesisch-mährische   Becken  Giltigkeit   haben 
sollen,  so  sei  daraufhingewiesen,  daß  bereits  vorher  Potonie  die  Flötzgmppen 
von  Ostran  und  Karwin  in  seiner  Ruhrizierung  unterbringt,  und  ebenso  Frech, 
der  die  Potoniöschen  Bezeichnungen  weiter  zusammenfaßt.")  Somit  erübrigte 
sich  eine  Neubenennung    gemäß  des  Artikels,  der   auf  dem  internationalen 
Geologentage  zu  St.  Petersburg  im  Jahre  1897  einstimmig  angenommen  ist 
„La   date   de   la   publication   decide   de   la  priorite   des   noms 
stratigraphiques,  donnes  ä,  une  meme  serie  de  couches."«) 
Auch  bedarf  die  ganze  Nomenclatnr  bei  Michael  besonders  in  bezug 
auf  die  gewählten  Bezeichnungen  hinsichtlich  ihrer  Rangfolge  der  Revision. 
Er   hat   bei    der  Einteilung   des  Obercarbons   —   „Abteilung"   —   die  Be- 
zeichnung „Gruppe«   anstatt  „Stufe",   und   weiter  „Stufe"    anstatt  „Zone" 
gewählt.     Dies  steht  im  Widerspruch  mit  den  Beschlüssen  der  internatio- 
nalen Geologen-Tage  von  Bologna   und  Berlin,   nach  welchen  die  Teilung 
durchzuführen  ist:") 
groupe  —  Gruppe  [Paläozoicum] 
systfeme  —  System  [Carbon] 
Serie  —  Abteilung  [Obercarbon] 

etago  —  Stufe  [Saarbrücker,  Sudetische  Stufe] 

Zone  —  Zone  [Sehatzlarer  Schichten,  Sattetnötzhorizont]. 
Eine  andere  Verwendung  der  Namen  als  die  vorstehende  ist  also  un- 
zulässig, also  auch  die  Michaels,  der  teilt,  wie  folgt: 
Obercarbon  (.Abteilung) 

Stufe  (Schlesische  =  unteres  Obercarbon  =  Sudetische  Stufe  Frech) 
Gruppe  (Rand-,  Sattel-,  Mulden-Gruppe)  recte:  Zone 
Stufe  (untere,  obere)  recte:  ünterhorizont  einer  Zone. 

1)  Mit  Berücksichtigung  der  späteren  Arbeiten  von  Polonie  und  Weithofer. 

2)  Potonie,  floristische  Gliederung  des  deutseben  Carbon  und  Perm  Abhand- 
lungen der  kgl.  preu(3.  Landesanstalt,  Neue  Folge  Heft  21.     1896. 

5)  Michael,  Gliederung  der  ober.schlesischen  Steinkohlenformation,  im  Jahrbuch 
der  Kgl.  Preuß.  Landesanstalt  Bd.  XXIl.     1901  Seile  317—340. 

")  Frech,  Lethaea  gcognostica,  Teil  I,  Bd.  11,  2  Stuttgart  1899.  Siehe 
Tabelle  XXIl 

s)  Gongres  geologique  international,  compte  rendu  de  la  VIl.  session  1897. 
St.  Petersburg  1899. 

Vergleiche  auch  das  Heferat  Holzapfels  über  die  Michaelsche  Arl)eit  Neues 
Jahrbuch.     1903;  II. 

")  Congrös  geologique  international  VIU.  .session  1900.  Proces-verbaux  de.s 
s6ances.     Paris  1901. 


U.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Ob  bei  Durclifülirung  seiner  Teihmg  Michael  die  Verwendbarkeit  von 
BezeiolmuDgen  wie: 

obere  Stufe  der  unteren  Randgruppe  der  sclilesisclien  Stufe 
für  möglicli  hält,  bleibe  imentscliieden. 

Schiclitenfolge  auf  dem  preiissischen  Flügel. 

AuB  der  Tabelle  Seite  5  geht  hervor,  daß  während  der  Carbonzeit 
in  dem  niederechlesisch- böhmischen  Becken  die  Flotzbildung  nie  ganz 
unterbrochen  wurde.  Das  Becken  hat  man  sich  wohl  als  einen  vorwiegend 
sumpfigen  großen  Süßwassersee  zu  denken,  der  von  Fischen^),  Griganto- 
stracen-),  Sohalenkrebsen  und  Muscheln,  wie  sie  in  Sedimentärschichten  u.  a. 
auf  Rudolfgrube  bei  Neurode  gefunden  wurden,  belebt  war.  Die  Ufer 
dieses  Sees  kann  man  im  Osten,  Norden  und  Nordwesten  noch  sehr  gut 
feestiramen,  da  sie  mit  der  Grenze  der  älteren  Gesteine  und  des  ünter- 
carbona  gegen  das  Obercarbon  zusammenfallen.  Nur  von  Mittelsteine,  wo, 
■^ie  später  gesagt  wird,  eine  bisher  nicht  bekannte  Carbonscholle  erhalten 
geblieben  ist,  bis  nach  Straußeney,  wo  flötzführendes  Carbon  sich  wieder 
einstellt,  fehlt  jede  Andeutung  der  Ufer  dieses  ehemaligen  Gewässers. 
Denn  die  mächtigen  Bildungen  des  Rotliegenden  und  der  jüngeren  Kreide, 
die  einzigen,  die  dann  noch  im  Gebiet  zur  Ablagerung  gelangt  sind,  über- 
decken alles  und  schließen  sich  den  gleichaltrigen  Bildungen  in  Nord- 
böhmen und  in  der  Grafschaft  Glatz  direkt  an.  Zwar  ist  von  Stratißeney 
bis  Schatzlar,  wo  das  Steinkohlengebirge  sich  an  die  Glimmerschiefer  des 
Landoshuter  Kammes  wieder  anlegt,  nur  der  obere  Teil  des  Carbons  ent- 
wickelt. Denn  es  fehlen  auf  diesem  Teile  des  böiimischen  Flügels,  der 
an  einer  Stelle')  von  jüngeren  Gebilden  überdeckt  ist'),  die  älteren  Schichten 
ganz,  sodaß  über  ihre  Ausdehnung  nach  Westen  nichts  gemutmaßt  werden 
kann;  die  Lage  des  Seeufers  ist  somit  auch  hier  nicht  genau  zu  bestimmen- 
Öanz  unsicher  ist  im  Süden  und  Südosten  die  üferbegrenzung,  da  dort 
wie  schon  erwähnt,  Rotliegendes  und  Kreide  transgrediert. 

Schichten  des  böhmischen  Flügels. 

Auf  dem  böhmischen  Siidwestflügel  sind  also  ältere  carbonische  Ge- 
bilde nicht  vorhanden.  Auch  begleitet  nur  ein  sich  immer  mehr  ver- 
schmälernder  Streifen  der  oberen  SaarbrUcker  Schichten')  die  jüngeren  der 


1)  Acantiiodes  Agassiz- Stacheln  in   den  Sammlungen   des  hiesigen  Museums. 

2)  Eurypterus  Scouleri  Woodward;  vergl.  Römer  in  der  Zeitschrift  der  deut- 
sclien  geolog.  Gesellsclmfl  1873. 

s)  Die  südhch  von  Zlicko  bei  Hronov  von  Weithofer  als  Carbon  kartierte 
Insel  hat  sich  nach  neueren  Aufnahmen  Flegels  als  Cenoman  erwiesen, 

'')  Östlich  von  Hi-onov  überdeckt  an  einer  Stelle  Kreide  das  schmale 
Carbonband. 

5)  Die  Schatzlarer  Schichten,  die  Weithol'er  von  den  Xaveristollenern  nicht 
'•■f^nnt,  keilen  schon  weiter  nördhch  aus.  Im  XavoristoUen  sind  sie  nicht  mehr 
angetroffen. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Ottweiler  Stufe  äquivalenten  Bildungen  bis  Bodaschin.  Die  älteren  Soliichten 
(sudetische  und  Saarbrücker  Stufe  z.  T.)  sind  daher  wohl  an  dem  schon 
zur  „unteren  Rotliegend" -Zeit  angedeuteten  Bruch  von  Parschnitz- 
Hronov  abgesunken.  Die  postcretacische  Aufrichtung  der  Sudeten  ver- 
schärfte diesen  Bruch,  sodaß  jetzt  Rotliegendes  discordant  an  das  Carbon 
von  Westen  herantritt. 

Die  oberflächliche  Verteilung  der  einzelnen  Schichten  geht  aus  der 
beigegebenen  Karte i)  hervor.  Diese  zeigt,  daß  die  Saarbrücker  Stufe 
besonders  die  Schatzlarer  Schichten  den  weitaus  größten  Flächenraum  be- 
decken und  daß  sie  von  Bodaschin  bis  Hausdorf,  von  Buohau  bis  Eckers- 
dorf überall  ununterbrochen  auftreten.  Die  sudetische  Stufe,  besonders 
die  flötzfiihrenden  Waldenburger  Schichten  sensu  stricto  sind  nur  im 
Muldeninnern  und  hinter  dem  Walle  des  Neuroder  Gabbrozuges  entwickelt, 
während  Vertreter  der  Ottweiler  Stufe  flötzführend  lediglich  auf  den 
böhmischen  Flügel  beschränkt  zu  sein  acheinen. 

Lagerungsverhältnisse 
und  Brüche  auf  dem  preussischen  Flügel. 

Die  Lagerungsverhältnisse  sind  ziemlich  einfach,  wenn  man  von  den 
„Riegel"bildungon8)  im  Waldenburgischen  absieht.  Denn  bis  auf  den  er- 
wähnten bedeutenden  Sprung,  der  das  Absinken  des  ganzen  alten  Mulden- 
randes auf  dem  böhmischen  Flügel  bewirkte,  sind  die  Verwerfungen  nur 
von  lokaler  Bedeutung.  Zu  diesen  gehören  die  zahlreichen  kleineren 
Sprünge,  die  bei  der  Intrusion  des  Hochwaldporphyres  in  unmittelbarer 
Nähe  dieser  Masse  entstanden  sind.  Das  Empordringen  des  Hochwald- 
porphyres wird  jetzt,  wie  es  scheint,  allgemein  ins  Rotliogende  verlegt^) 
und  damit  dürfte  auch  der  Beginn  dieser  Sprungbildung  dem  Alter  nach 
bestimmt  sein. 

Außer  diesen  Verwerfungen  gewinnen  nur  noch  je  zwei  parallele 
Sprünge  einige  Bedeutung.  Die  beiden  ersten  schufen  den  in  die  sudetische 
Richtung  fallenden  Flötzgraben  von  Rotwaltersdorf -Volpersdorf,  dessen  Ver- 
wurfshöhe  Dathe  zu  1000  m  annimmt*).  Ihm  nahezu  parallel  laufen  weiter 
südlich  die  beiden  anderen  Sprünge,  deren  einen  bereits  Schütze  kennt»), 
während  der  andere  mit  demselben  Streichen  nahe  der  Grenze  der  anstehenden 
Urschiefer  durchsetzt.  Diese  Verwerfungen  haben  ebenfalls  ein  Absinken 
des  Carbons    zur  Folge  gehabt,   sodaß   man  hier    von   einem  Eckersdorfer 

1)  Die  nach  Weithofer  gezeichnet  ist;  W.  vereinigt  fä!,9chlicherweise  z.  T.  Ott- 
wciler  Schichten  und  Unterrotliegendes  (von  Albendort  ab  nach  Süden). 

2)  .Allhans,  Hiegelbildungen  im  Waldenburger  Steinkohlengebirge,  Jahrbuch 
der  preuß.  Landeaanstall  für  1891. 

3)  Frech,  Lethaea  palaeozoica,  IL,  Seile  668  Tabelle  und  Seite  673,  674.  und 
später  Dathe  in  der  Sitzung  der  deutschen  gnolog.  Gesellschaft  vom  5.  XL  1903. 

■*)  Jahrbuch  der  preuß.  geolog.  Landesansialt  Bd.  XX.  1899,   Seite  CXII. 
^)  Siehe   Schütze  1.  c.  Seite  213. 


11.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Flötzgraben  nach  Analogie  des  obengenannten  sprechen  kann.  Im  nord- 
westlichen Portstreichen  des  letzteren  Spninges  setzt  der  Porphyrgang  von 
Walditz')  anf,  der  mit  einer  Mächtigkeit  von  8  m  im  Eisenbahneinschnitt 
bei  der  genannten  Ortschaft  zwischen  den  (gen.)  Stationen  Neurode  und 
Mittelsteine  die  roten  Sandsteine  und  Couglomerate  des  Rotliegenden^) 
ohne  deutlichere  Kontaktwirkung  durchsetzt. 

Mittelsteine. 

„Hier  endigen,"  sagt  Schütze^),  „in  der  Hauptsache  die  Ablagerungen 
des  Carbons  auf  der  schlesischen  Seite".  Seine  Meinung  wurde  als  völlig 
richtig  von  niemandem  in  Zweifel  gezogen  und  galt  als  stillschweigend 
angenommen.  Einige  in  der  Nähe*),  '')  gestoßene  Bohrlöcher,  die  bis  zu 
400  m  Teufe  niedergebracht  nur  Rotliegendes  antrafen,  bestärkten  diesen 
allgemeinen  Glauben.  Sie  stehen  entweder  in  dem  Eckersdorfer  Plötz- 
graben oder  weiter  nach  dem  Muldentiefsten  •'')  zu.  Man  war  daher  in  den 
mit  den  örtlichen  Verhältnissen  vertrauten  Kreisen  sehr  erstaunt,  als  die 
Gewerkschaft  der  konsolidierten  Wenceslaus-  und  Ferdinand-Grube  weiter 
westwärts  auf  Steinkohlen  bohren  ließ  und  filndig  wurde.  Durch  die 
Liebenswürdigkeit  des  Direktors  der  Gruben  wurde  mir  die  Ausbeutung 
und  wissenschaftliche  Bearbeitung  der  Funde  aus  dieser  interessanten 
Mutung  gestattet. 

A  n  m  e  r  k  u  n  g.  Es  sei  mir  auch  hier  gestattet,  dei'  Gewerkschaft  und  be- 
sonders dem  Direktor  Herrn  Dr.  A.  Gaertner  an  dieser 
Stelle  meinen  besten  Dank  zu  sagen. 

Oberfläohengestaltung. 

Von  den  Fundpunkten,  den  Bohrlöchern,  aufgrund  deren  die  Gewerk- 
schaft Mutung  eingelegt  hatte,  liegen  zwei  von  dem  Bahntibergange  der 
Mlttelsteine-Schlegeler  Chaussee  aus  200  und  230  m  entfernt  und  15  m 
südlich  von  dem  Kommtmikationswege  von  der  Chaussee  nach  der  von 
Ltittwitzschen  Ziegelei,  der  dritte  liegt  in  südlicher  Richtung  40  m  von 
der  Stelle  entfernt,  wo  die  Seilbahn  nach  der  Johann-Baptista-Grube  die 
Schlegeler  Chaussee  überschreitet. 

Die  Oberflächengestaltung  des  Geländes  wird  bestimmt  durch  das 
NNW — SSO  verlaufende  Steinetal  und  die  ostwärts  aufragenden  einzelnen 
Gipfel.      Das    Mittelrotliegende")    bildet    den   Vogelberg    —    413  m    den 

1)  Vergleiche  weiter  unten  das  über  diesen  Sprung  gesagte. 

2)  Nach  Dathe,  Jahrbuch  d.  preuß.  geolog.  Landesanstalt  Bd.  XX,  1899,  S.  CXUI: 
1, untere  Cuseler-Schichten". 

3)  Scluilze,  1.  c.  Seite  213,  Absatz  3. 

*)  Vergleiche  den  Vortrag  des  Verfassei's,  gehalten  in  der  naturwissenschaft- 
lichen Sektion  der  Schlesischen  Gesellschaft  für  vaterLändische  Kultur  am  19.  No- 
vember 1902. 

s)  Bei  Böhmisch-Ottendorf. 

8)  Das  Unterrothegende  fehlt  hier.  Vergleiche  den  Abschnitt  dieser  Arbeit 
über  das  Rotliegende. 


Jahresberichl,  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Allerheiligen  Berg  bei  Schlegel  —  648  m  —  und  die  Wolfskuppe  — 
580  m,  während  jenseits  des  tief  eingerissenen  Tales  des  Schlegeler  Wassers 
der  Silberberg  —  352  m  — ,  der  Ilopfenberg  —  407  m,  —  aus  Hom- 
blendegneigi)  bestehen.  Das  Gelände  senkt  sich  also  nach  SW  allmählich 
zum  Steinetal,  die  ehemals  schroffen  Höhen  sind  gerundet  und  der  Detritus 
ist  im  Alluvium  der  Flußtäler  abgelagert  2). 

Geologischer  Bau. 

An  dem  geologischen  Aufbau  der  Gegend  beteiligen  sich  außer  den 
genannten  Gesteinen  bezw.  Formationen  oberflächlich  keine  weiteren.  Die 
untertägigen  Grenzen  zwischen  den  einzelnen  Bildungen  sind  aber  recht 
verschieden  von  den  oberflächlichen,  geht  doch  der  Hornblendegneis  bis 
nahe  an  die  Schlegeler  Chaussee  heran').  Außerdem  beteiligt  sich  noch 
das  Carbon  an  der  Bildung  der  tieferen  Erdrinde. 
Kunigun  de- Schacht, 

Nach  der  Verleihung  wurde  der  Kunigunde-Schurfschacht,  der  zur 
genaueren  Orientierung  über  die  Lagerungsverhältnisse  dienen  sollte, 
gleichzeitig  aber  auch  als  späterer  Hauptförderschacht  gedacht  war,  ca.  50  m 
nordöstlich  vom  Bahnhofsgebäude  zu  Mittelsteine  angesetzt.  In  ihm  wurde 
unter  einer  38  m  mächtigen  Bedeckung  von  lockeren  Kotliegend-Conglo- 
meraten,  die  ein  flaches  westliches  Einfallen  zeigten,  das  Ober-Carbon  an- 
getroffen. Dasselbe  hatte  im  Schachte  eine  Gesamtmächtigkeit  von  12  m. 
Diese  verteilte  sich  auf  3  Flötze  von  2,6;  1,0  und  1,0  m  Mächtigkeit. 
Die  Zwischenlagon  bestanden  aus  Schieferton  und  sandigem  Ton- 
schiefer. Im  hangenden  Flötze,  dem  2,6  m  mächtigen  wurden  nach  Aus- 
bruch des  Füllortes  zwei  Grundstrecken  getrieben;  die  östliche,  die  dem 
Plötz  im  Streichen  folgt  und  ganz  im  Kohl  steht,  zeigt  einen  häufigen 
Wechsel  der  Streichrichtung,  wogegen  die  westliche,  die  zwar  auch  dem 
Flötz  folgend  getrieben  ist,  weniger  Krümmungen  aufzuweisen  hat.  Im 
Laufe  des  Sommers  wurde  das  weitere  Auffahren  eingestellt,  weil  infolge 
starker  Wasserzuflüsse  die  Arbeit  sehr  erschwert  wurde.  Überdies  er- 
schien es  ratsam,  den  gesamten  Betrieb  einzustellen  bis  nach  dem  Aus- 
trag einer  Klage,  die  von  Seiten  der  Nachbaren,  denen  man  für  ihre 
industriellen  Unternehmungen  durch  die  Baue  das  Wasser  entzogen  hatte, 
gegen  die  Gewerkschaft  eingereicht  war.  Gegebenenfalls  sollte  erst  mit 
dem  Beginne  des  regelmäßigen  Abbaues  der  Betrieb  und  das  Auffahren 
der  Strecken  wieder  aufgenommen  werden. 

Um  weitere  Wasserzirkulationen  sowie  ein  etwaiges  Ersaufen  der  ge- 
samten Baue  zu  verhindern,  mauerte  man  die  Strecken  zu  und  setzte  auch 
de^  Schacht  bis  auf  das  Liegende  des  letzten  Flötzes  in  Mauerung. 

i)  Siehe  Dathe,  Jahrb.  ä.  jjreuß.  gef.log.  Landesanstnll,  Bd.  XX,  1899.  S.  CVI. 

'■')  Die  östliche  Terrasse  des  Steiiieiaics  besteht  meist  aus  Conglomeraten. 

S)  Nacli  Dalhe,  Jahrb.  d.  pr.  Landesanst.  XX,  1899,  S.  CVi  beim  Brunnonbohren 
auf  dem  Holzhofe  südlich  der  Chaussee  angetroffen. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Da  man  jedoch  im  Hinblick  auf  die  ostwärta  gelegenen  Naclibargraben, 
die  Johaun-Baptista-Grube  bei  Sohlegel  und  die  Frischauf-Grube  bei  Eokers- 
dorf,  deren  Flötze  man  vor  sich  zu  haben  wähnte,  eine  größere  Mächtig- 
keit der  Carbonschiohteri  und  vor  allem  noch  mehr  Kohle  zu  finden  hoffte, 
so  teufte  man  den  Schacht  in  wasserloaem  Gebirge  weiter  ab.  Erst  bei 
112  m  Gesamtteufe  wurde  das  weitere  Niederbringen  eingestellt,  und  es 
sollte  durch  Querschläge  das  flötzführende  Carbon  angefahren  werden. 

Das  durchteufte  Liegende  der  Flötze  war  anfänglich  ein  weicher  Ton- 
schiefer, der  ab  und  zu  die  auch  bei  sonstigen  untercarbonischen  Schiefern 
beobachteten  Wülste  aufwies.  Mit  zunehmender  Teufe  ging  der  Tonschiefer 
in  härteren  Schieferton  über  und  wurde  immer  mehr  grauwacke-ähnlich. 
Auch  stellte  sicli  Pyrit  in  Krystallen  oder  dicht  in  Trümmern  ein.  Dünne 
Quarz-  und  Kalkspathäderchen  durchsetzten  das  Gestein  netzförmig.  Korn- 
Pakte  Knollen  von  Kaikspath  gesellten  sich  auch  dazu.  Die  schiefrige 
Struktur  verlor  sich  immer  mehr,  das  Gestein  wurde  dicht  und  nahm  fein 
krystallines  Gefüge  an,  ohne  so  grob  kiystallin  zu  werden,  wie  die 
Phyllite  der  Glatzer  Gegend.  Vorläufig  wird  man  diese  Schiefer  nach 
ihrem  Gesteinscharakter  dem  Untercarbon,  bezüglich  den  tiefsten  unpro- 
duktiven Horizonten  der  sudetischen  Obercarbonstufe  zuweisen.  Damit  ist 
auch  die  Aussicht,  noch  Flötze  anzutreffen,  kaum  mehr  vorhanden. 

Die  vorher  erwähnten  Strecken  ermöglichten  es  auch,  die  Lagerungs- 
verhältnisse einigermaßen  zu  klären.  Danach  stellt  sich  dieses 
Carbonvorkommen  als  eine  keilförmige  Scholle  dar,  die  von 
Verwerfungen  fast  allseitig  begrenzt,  horstartig  auf  den  alten 
Hornblendeschieforn  aufsitzt  und  deren  Ränder  durch  die  Sprünge 
abwärts  gebogen  sind. 

Eine  derartige  Abbiegung  findet  man  auch  auf  der  böhmischen  Seite 
der  Mulde  längs  des  Parsohnitz-Hronover  Bruches.  Dort  sind  besonders 
Schatzlarer  Schichten  beim  Absinken  des  älteren  Randes  abgebogen  und 
2.  T.  auch  geschleppt,  so  daß  sie  steil  nach  auswärts  zu  fallen  scheinen.^) 

Bei  Mittel  steine  streicht  der  OstflUgel  WNW— OSO  und  fällt  mit  20" 
nach  dem  Innern  einer  Spezialmulde,  nach  NNO  ein.  Der  andere  Flügel 
streicht  NW— SO  und  fällt  mit  28—30«  nach  8W  ein. 

Die  beim  Abteufen  und  Auffahren  gewonnenen  Kohlen  waren  von 
vorzüglicher  Beschaffenheit,  und  sowohl  als  Ilausbrandkohle  wie  für  Fabrik- 
Zwecke  geeignet.  Das  spezifische  Gewicht  betrug  nach  selbst  angestellten 
Untersuchungen  im  Durchschnitt  1,27.  Leider  sind  die  beabsichtigten 
Proben  über  die  Fähigkeit  der  Kohle  zum  Vei'koken  und  über  den  Asche- 
gehalt bisher  nocli  nicht  gemacht  worden.  Doch  darf  man  auch  hier  wold 
öin  gutes  Resultat  voraussetzen.  Schwefelkies  wurde  nur  sehr  vereinzelt 
*Ji  kleinen  Mengen  gefunden. 

1)  Siehe  Weithofer  im  Jahrbuch  der  k.  k.  geol.  Reichsanstalt  1897,  Band  47 
'i'afel  XIII.     Profil  4  (Idastollen). 


12  Jahresbericht,  der  Sei  des.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Altersbestimmung  des  Mittelsteiner  Carbonfnndes. 
Die  Altersbestimmung  dieser  Carbonscbichten  wurde  mir  durch  Farne, 
die  eine  sehr  gute  Erhaltung  aufweisen,  sehr  erleichtert.  Bei  meiner 
zweiten  Befahrung  des  Schurfschachtes  im  Februar  1902  fand  ich  im 
hangenden  Schieferton  nahe  an  dem  damaligen  Ortsstoße  in  der  westlichen 
Strecke  eine  Tonscliieferplatte,  die  Abdrücke  folgender  Farne  enthielt: 

Adiantites  oblongifolius  Goeppert, 

Sphenopteris  divaricata   Goeppert, 

Neuropteris  Schlehani   Stur  und 

Mariopteris  muricata  forma  typica  (Schlotheim)  Zeiller.') 

Auf  der  Halde,  die  nachher  und  anläßlich  eines  dritten  Besuches  im 

September    1902   abgesucht  wurde,    fand    ich    von    den   schon    genannten 

Farnen    besonders   zahlreiche  Exemplare  von   Sphenopteris    divaricata  und 

Mariopteris  muricata  forma  typica  und  nervosa,  sowie  in  einzelnen  Stücken 

Annularia  radiata  (Brongniart)  Sternberg, 

Neuropteris  gigantea  Sternberg, 

Alethopteris  decurrens  (Artis)  Zeiller, 

Calamites  Suckowi  Brongniart  und 

eine  nicht  genauer  zu  bestimmende  Palaeostachya-Art. 

Nach  Potonie^)  ist  Neuropteris  Schlehani  für  den  Sattelflöt'<horizont 
leitend,  wenigstens  in  Deutschland.  Wir  hätten  also  hier  Schichten, 
die  den  Sattelflötzen  und  damit  den  Reichhennersdorfer 
Sandsteinen  äquivalent  wären.  Die  anderen  Farne  widersprechen 
in  ihrer  Gesamtheit  dieser  Beobachtung  nicht,  sondern  sind  vielmehr  ein 
neuer  Beweis  für  das  Vorhandensein  und  die  Richtigkeit  der  von  Potoniö 
1.  c.  eingeschalteten  MischOora,  die  „das  Verbindungsglied  zwischen  den 
beiden  schroff  gegenüberstehenden  Floren  des  Liegend-  und  Hangendzuges 
auch  für  Niedersclilesicn"  bildet.  Denn  wir  begegnen  neben  echten 
Vertretern  der  Liegendzug-Flora,  wie  Sphenopteris  divaricata  und  Adiantites 
oblongifolius  und  der  die  Übergangsflora  charakterisierenden  Neuropteris 
Schlehani  auch  solchen  Typen,  die  unzweifelhaft  der  Flora  der  Saarbrücker 
Stufe  zuzurechnen  sind:  Neuropteris  gigantea,  Calamites  Suckowi,  die 
Palaeostachyaart,  Alethopteris  decurrens  und  Mariopteris  muricata. 

Die  schon  totgefahrene  Concordiagrube  ^)  bei  Hartau  gehört,  nach 
Potoniö,  ebenfalls  zu  diesem  Horizont,  der  dem  „großen  Mittel",  den 
Reichhennersdorfer    Sandsteinen    (=  Weißsteiner    Schichten  Dathe)     ent- 


1)  teste:  Zeiller,  Valenciennes,  Atlas.    Tfl.  XX.  2. 

2)  Potonie,  floristische  Gliederung  des  deutschen  Carbon  und  Perm.    Berlin 
1896  und  Potonie,  Pflanzenpaläontologie,  Berlin  1899,  pag.  372. 

31  Siehe  Potoniö  Carbon  u.  Penn.  pag.  6. 


11.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  ]  3 


spricht.  Hieraus  erklärt  Potonie  die  Flötzavmut  der  besonders  in  Ober- 
schlesien durch  einen  außergewölmliehen  Kohlenreichtum  gekennzeichneten 
Ablagerungen  der  Übergangsflora.  ^) 

Das  Mittelsteiner  Vorkommen  erinnert  also  mit  seinem  in  diesen 
Horizonten  Mederschlesiens  sonst  kaum  beobachteten  Kohlenreiohtum  an 
oberschleaische  Verhältnisse  und  bildet  die  Ausnahme  zu  der  sonst  als 
Norm  für  dieses  Kohlenrevier  geltenden  flötzarmen,  wenn  nicht  flötzleeren 
Ausbildung  dieser  Zone. 

Stratigraphie  des  preußischen  Teiles. 

Betrachtet  man  im  Anschluß  an  die  erbrachten  Tatsachen  unter 
gleichzeitiger  Berücksichtigung  der  schon  bekannten  die  Bildung  des 
Steinkohlengebirges  auf  dem  preußischen  MuldenflUgel,  so  findet  man 
Anklänge  an  die  Ablagerungen  in  der  Löwenbei-ger  Mulde.  Wie  dort, 
so  wird  auch  hier  durch  finger-  oder  zungenförmiges  Aufragen  älterer 
Gesteine  in  die  jüngeren  Ablagerungen  die  Bildung  mehrerer  Spezial- 
mulden  veranlaßt. 

Von  Tannhausen  bis  Ilausdorf  tritt  das  Garbon  mit  dem  normalen 
SW-Einfallen  nach  dem  Muldeninnern  in  schmaler  Zone  ^)  zu  Tage.  Dann 
erfolgt  an  dem  Neuroder  Gabbrozug  die  erste  Muldenbildung. 

Der  Waldenburger  Liegendzug  unterteuft  auf  dieser  ganzen  Strecke 
den  Hangendzug  samt  den  darüberlagernden  Schichten  ^)  und  tritt  erst 
wieder  südlich  von  Hausdorf  zu  Tage.  Hier  bildet  er  dann  /.wischen 
Eulegneis  und  Untercarbon  einerseits  und  dem  Gabbro  andererseits  die 
„Volpersdorfer  Spezialmulde",  die  durch  die  Baue  der  Rudolf-  und  der 
zur  Zeit  gefristeten  Fortunagrube  erschlossen  ist. 

Durch  die  Verwerfungen  des  Flötzgrabens  von  Rotwaltersdorf-Volpers- 
dorf  ist  dann  der  dem  Gabbrozuge  angrenzende  Teil  dieser  Carbon- 
bildungen so  tief  abgesunken,  daß  nach  Dathe  „obere  Cuseler  Schichten" 
an  dem  Licgendzug  abstoßen.  Von  den  Brüchen,  die  diese  Graben- 
senkung hervorgerufen  haben,  ist  der  westliche  schon  lange  in  den  Bauen 
der    Rubengrube    bei    Kohlendorf    bekannt    und    kann    über    Tage*)    im 


1)  In  Westfalen  sind  die  tiefsten  flölzführenden  Schichten,  die  Magerkohlen- 
pai'tie  mit  rteu  Leitllötzen  Mausegatli  und  Sonnenschein  ebenfalls  hierljer  zu 
rechnen. 

2)  Meisl  kaum  1  km  breit. 

3)  Der  Dathe'schen  Ansicht,  daß  hier  und  weiter  südlich  unproduklive  Otl- 
weiler  Schichten  abgelagert  sind,  möchte  ich  mich  nicht  sogleich  anschließen. 
Bei  dem  Mangel  an  Fossilien  ist  aber  der  Gegenbeweis  schwer  zu  erbringen.  — 
Vergl.  den  Beriebt  Dathes  im  Jahrbuch  der  preuß.  geol.  Landesanstalt  für  1899. 

1)  Ein  deutliches  Bild  dieser  Verwerfung  bietet,  der  „Italienische  Einschnitt" 
bei  Kohlendorf',  von  dem  ein  schematisches  Profil  beigegeben  ist. 


1  4  Jahresbericht  der  Scbles.  ßesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Walditztale  aufwärts  bis  Ludwigsdorf  und  Köuigswalde  verfolgt  werden.') 
Der  andere  Sprung  ist  durcli  Dathe  bekannt  geworden,^)  der  an  der 
nämlichen  Stelle  die  Verwurfhöhe  auf  etwa  1000  m  angibt.  Für  den 
Zeitpunkt,  an  dem  der  westliche  Teil  der  Volpersdorfer  Mulde  abgesunken 
ist,  kommt  nur  das  Obercarbon  oder  das  ünterrotliegende  in  Betracht. 

Westlich  vom  Gabbrozuge  stellen  dann  die  Flötze  des  Waldenburger 
Hangendzuges  sich  ein.  Ihre  anfangs  in  WNW — OSO  verlaufende  Streich- 
riohtung,  die  bald  in  die  normale  NW — SO-Rictitung  umbiegt,  weist  darauf 
hin,  daß  ehemals   der  Gabbro  mantelförmig  von  ilmen  umlagert  wurde. 

Im  Felde  der  Rubengrube  treten  die  Flötze  dann  in  ungestörter 
Lagerung  auf,  wenn  auch  niclit  in  der  Mächtigkeit,  wie  in  den  Spezial- 
mulden  westlich  und  ostlich  vom  Hochwald.  Die  Flötze  streichen  dann 
am  Gabbrozuge  ^)  entlang  und  wei-den  von  der  Johann-Baptistagrube  ab- 
gebaut; es  haben  sich  jedoch  die  hangenden  Partien'')  der  Rubengrube 
inzwischen  ausgekeilt. 

Im  Felde  der  konsolidierten  Frischaufgrube  bei  Eckersdorf  erfahren 
die  von  Johann-Baptista  eintretenden  Flötze  eine  Umbiegung  aus  der 
NW — SO-Richtung,  indem  sie  dann  nämlich  in  NNO — SSW  streichen. 
Sic  werden  aber  bald  nachher  durch  einen  „Hauptverwurf  ins  Liegende"'') 
abgeschnitten.  Schütz  e  erblickt  hier  das  Ende  der  Steinliohlenablagerungen 
auf  dem  preußischen  Flügel.") 

Betrachtet  man  jedoch  die  geologischen  Verhältnisse  der  Gegend 
genauer,  so  wird  man  namentlich  im  Hinblick  auf  das  Mittelsteiner  Carbon- 
vorkommen zu  der  folgenden  Ansicht  geführt: 

Ebenso  wie  bei  der  Volpersdorfer  Spezialmulde,  waren  auch  hier  die 
Bedingungen  für  eine  Muldenbildung  gegeben.  Den  nordöstlichen  Rand 
bildet  der  Gabbrozug,  den  südwestlichen  die  Möhltener  ürschiefer,  während 
der  Ausdehnung  nach  SO  die  dunkelen  von  Gürich  dem  Silur  zuge- 
rechneten Tonschiefer  der  Glatzer  Gegend  eine  Grenze  setzten.  In  dieser 
auf  drei  Seiten  völlig  geschlossenen  Mulde  lagerte  sich  das  Kohlengebirge 
ein.  Man  wird  auch  hier  mit  Rücksicht  auf  das  Mittelsteiner  Vorkommen 
daran  denken  müssen,  daß  hier  auch  die  tiefsten  Horizonte  des  produk- 
tiven Carbons    zur    Ablagerung    gelangten.      Jedoch    ist    das   Fehlen    von 


1)  Herrn  Oberbergamtsmarkscheider  Ullrich  verdanke  ich  diese  Angaben. 
Es  sei  mir  gestattet,  ihm  hierfür  und  für  andere  wertvolle  Fingerzeige,  die  er  niif 
gab,  auch  an  dieser  Stelle  nochmals  zu  danlcen. 

2)  Vergi.  .Jahrbuch  der  preuß.-geol.  Landesanstalt  Band  XX,  1899,  pag.  CXIJ. 

■')  Daß  der  alte  Gabbro  schon  damals  der  Denudation  ausgesetzt  war,  be- 
weisen die  in  den  Zwischenmitteln  der  unteren  Flötze  und  im  Liegenden  der 
Joh.-Bapt.-Grube  liilufig  gefundenen  Galibrogerölle.     cf.  Dathe. 

^)  Nach  Potonie  obere  Saarbrücker-,  untere  Schwadowitzer  Schichten. 
8)  Schütze  in  einem  Brief  an  Weiß.   Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen 
Gesellschaft  1879,  Seite  432. 

6)  Schütze,  niederscldesiscli-böhmisches  Steinlcohlenbeclten,  Seite  213. 


J 


n.  Abteilung.     Naturwissenscha  tliche  Sektion. 


Äquivalenten  des  Waldenburger  Liegendzuges  auf  der  SW-Seite  des 
Gabbrozuges  kein  Grund  dafür,  ihr  ehemaliges  Vorhandensein  in  Zweifel 
ZB  ziehen,  zumal  die  intensive  Wildbachtätigkeit  dafür  eine  befriedigende 
Erklärung  bietet:  In  der  Zeit  zwischen  der  Ablagerung  des  Liegend-  und 
Hangendzuges  wurden  die  noch  nicht  verfestigten  älteren  Schichten  weg- 
gewaschen. ^) 

Dieser  ganze  das  ältere  produlitive  Carbon  umfassende  Schichten- 
komplex  bildete  die  Eckersdorfer  Mulde,  umlagerte  die  ürschiefer  und 
zog  sich  an  ihnen  vielleicht  noch  weiter  nach  Süden  entlang. 

Stärkere  Bruohbildung,  die  man  in  den  Beginn  der  Rotliegendperiode 
zu  verlegen  hat,  gestalteten  das  geologische  Bild  dieser  Gegend  wesentlich 
Um,  indem  in  der  Eckersdorfer  Mulde  das  gesamte  Carbon  als  ein  Plötz- 
graben absank.^) 

Auch  die  Brüche  der  Glatzer  Gegend,  die  durch  Leppla  bekannt 
geworden  sind,  haben  mit  ihren  nördlichen  Ausläufern  das  an  die  Möhl- 
tener  alten  Schiefer  angelagerte  Steinkohlengebirge  absinken  lassen.'') 

Wir  haben  also  auch  innerhalb  der  Sudeton  zwei  in  deren  ungefähren 
Längsrichtung  verlaufende  Mulden,  die  durch  Brüche  kompliziert  werden. 
Während  postume  Faltungen  in  anderen  Gebieten,  z.  B.  in  Sachsen,  fehlen, 
beanspruchen  sie  in  den  Sudeten  besondere  Beachtung,  indem  durch  sie 
die  sicher  vorhandene  intracarbonische  Diskordanz  erheblich  in  ihrer  all- 
gemeinen Bedeutung  zurücktritt. 

Jüngere  Cai'bonbildungen  weiter  nordwärts. 

Wenn  vorher  gesagt  wurde,  daß  auch  nördlich  von  dem  Volpersdorfer 
Plötzgraben  noch  jüngere  Bildungen,  als  die  des  Hangendzuges  vorhanden 
Bind,  so  bedarf  dies  noch  des  Beweises,  der  im  folgenden  auf  Grund 
stratigraphischer  und  paläontologischer  Forschungen  erbracht  werden  soll. 

Durch  Potoniö  ist  die  hangende  Flötzgruppe  der  konsolidierten 
ßubengrube  dem  Horizonte  der  oberen  Saarbrücker  Schichten  (=  untere 
Schwadowitzer)  zugewiesen.  Bei  Betrachtung  der  Profile  wird  man 
nicht  fehl  gehen,  dieser  Gruppe  die  drei  hängendsten  Rubenflötze:  das 
Joseph-,  Rüben-  und  das  zweibänkige  Antonflötz  einzureiheu,  wenn  auch 
•bisher  nur  in  hangendem  Schieferthon  des  erstgenannten  die  Leitform  der 
oberen  Saarbrücker  Schichten,  die  Annularia  stellata  gefunden  wurde. 
Denn  soweit  mir  Material  in  Sammlungen  vorgelegen  hat,-*)  sind  in  den 
letzten  .Tahren   im  Ruhen-   und  Antonflötz  Funde    fossiler   Pflanzen    kaum 

1)  Die  GabbrogeröUe  auf  Johann-Baptista  sind  ein  Beweis  dieser  erhöhten 
^ildbachtätigkeit. 

2)  Ähnlich  sind  die  Bildungen  in  der  Lähner  Kreide-Mulde. 

3)  Vergleiche  die  Karte  Lepplas. 

"•)  Auch  die  Waldenburger  Bergschulsamnilung,  die  icli  durch  die  Krcundlich- 
''eit  des  Direktors,  Bergassessors  Hülsen,  .«eben  durfte. 


16  Jahresbericht,  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 

gemacht  worden.  Überdies  werden  die  drei  jetzt  neubenannten  Plötze 
schon  von  Schütze  als  hangende  Gruppe  zusammengefaßt.  Denn  ein 
qiierachlägig  300  m  mächtiges  Zwischenmittel  trennt  sie  von  der  liegenden 
Partie. 

Diesen  entsprechen  ihrer  Lage  nach  auf  der  konsolidierten  Wenceslaue- 
grube  bei  Hausdorf  das  Pelsenkohlen-,  das  Wenceslaus-,  das  erste  und 
zweite  hangende  Plötz,  von  denen  zur  Zeit  nur  im  Wenceshiusflötz  Abbau 
umgeht.  Auch  diese  werden  durch  ein  Sandsteinmittel  von  220  m 
Mächtigkeit  von  den  liegenden  Wilhelmsflötzen  getrennt.  Es  liegt  also 
nahe,  diese  beiden  hangenden  Flötzgiuppeu  der  konsolidierten  Wenceslaus- 
und  der  Rubengrube  für  gleichalt  anzusprechen. 

Zu  diesem  Schlut5  führt  auch  folgende  Betrachtung:  das  dritte 
Wilhelmsflötz  der  Wenceslausgrube,  die  Oberbank  des  Franzflötzes  der 
Rubengrube  (früher  das  „erste  liegende")  und  das  dritte  der  .Johann- 
Baptistagrube  sind  alle  bei  wenig  differierender  Mächtigkeit  durch  ein 
0,1  bis  0,2  m  starkes  Thoneisensteinbänkchen  im  Liegenden  charakterisiert. 
Dieses  zeigt  bei  den  beiden  entferntesten  Gruben  noch  so  bedeutende 
Ähnlichkeit,  daß  man  nicht  fehl  gehen  wird,  es  als  Beweis  für  die 
Identität  der  Flötze  anzusehen. 

Bei  dieser  Gleichstellung  ist  es  (siehe  Profil  I)  raögiich,  die  hangenden 
Flötze  ohne  Schwierigkeit  zu  parallelisieren.  Überdies  werden  auch  noch  die 
identen  Flötze:  Anton  und  Felsenkohlen  in  fast  gleicher  absoluter  Höhe 
über  NN  angetroffen. 

Alle  diese  Gründe,  so  überzeugend  sie  auch  sind,  genügten  allein 
zur  Identifizierung  nicht,  solange  nicht  paläontologische  Ergebnisse  die 
Gleichstellung  beweisen.  Es  gelang  mir  auch  in  dem  hangenden  Sand- 
stein des  Wenceslausflötzcs  eine  Ensphenopterisart  zu  finden.  Diese 
Varietät  genügt  den  Anforderungen,  die  Potonio  in  seiner  Pflanzen- 
paläontologie   für  Leitpflanzen    der   oberen    Saarbrücker  Schichten    stellt.^) 

Diese  Sphenopteris  ähnelt  im  Umriß  am  meisten  der  Sph.  Sohlotheimi 
Brgt.,  wie  sie  Stur  abbildet. 2)  Doch  unterscheidet  sie  sich  dadurch,  daß 
im  Gegensatz  zu  dieser  die  Fiederchen  dritter  Ordnung  nie  vierlappig» 
sondern  meist  zwei-  und  nur  die  untersten  undeutlich  dreilappig  sind. 
Auch  zeigen  die  oberen  Fiederchen  nicht  eine  spitzige  oder  halbnindo 
Spitzenausbildung'')  und  elliptische  Form,  sondern  eine  abgestumpfte 
längliche  Form  bei  geringerer  Breite.  Die  Nervatur  stimmt  mit  der  von 
Sphenopteris  neuropteroides  Boulay*)  überein.  loh  nenne  diese  neue 
Varietät:  Sphenopteris  Boulayi  var.  Wenceslai. 

1)  Vergl.  Seite  374.  uoten. 

2)  Vergl.  Stur,  Schatzlarer  Flora,  Tafel  XX  uriil  XXV. 

■•)  Stur:  „elliptica,  apice  acuta  vel  subrotunda  .  .  .  ehendnrt  Seite  336. 
*)  Zeiller,  Valenciennes,  Tafel  II,  1,  2. 


LI.  Abteilung.     NaturwissenschafUiclie  Sektio 


Auf  Grund  dieser  Tatsachen  kann  es  als  sicher  gelten,  daß  auch  die 
hangende  Flötzgruppo  der  Wenzeslausgrube  den  Xavoristollener-,  oberen 
öaarbrücker  Schichten  zuzuzählen  ist. 

Es  liegt  nun  nahe,  auch  bei  Waidenburg  die  hangenden  Flötze: 
Amalienflötze,  Anhaitaegen,  Ernestine  bei  Dittersbach,  Friederike  bei 
Neuhain  —  die  einander  entsprechen  —  das  Franz.Josephflötz  und  die 
weiteren  Kohlenbänkchen  aiii  FoUhammertunnel  diesen  oberen  Saarbrücker 
Schichten  zuzuzählen,  wenn  man  die  Mittel  von  220,  300  m  mit  dem  von 
6üO  m  identifizieren  will. 

Die  dem  geologischen  Institut  von  der  ffirstlidi  Tleßschen  Gruben- 
diroktion  geschenkten  Farne  ans  diesen  hangenden  Flötzen  sind  meist 
Pflanzen,  die  für  die  Horizontbestimmung  nicht  in  Betracht  kommen,  oder 
solche,  die  im  allgemeinen  für  den  Waldenburger  Hangendzug  charakteristisch 
Sind,  ohne  auf  ihn  allein  beschränkt  zu  sein. 

Indessen  ist  in  zahlreichen  Stücken  aus  diesen  Flötzen  Nenropteris 
tenuilolia  Schloth  hierher  gelangt.  Zwar  erscheinen  die  Waldenburger 
Exemplare  zarter  in  der  Nervatur,  doch  hat  ein  Durchzählen  der  Nerven 
am  Bande  völlige  Übereinstimmung  in  der  Anzahl  mit  Exemplaren  von 
^nderen  Fundorten  ergeben.  Diese  Spezies  ist  nun  nach  Zeiller  in 
Valenciennes  in  der  Zone  moyenne  ziemlich  selten,  dagegen  in  der  Zone 
superieure  mehr  verbreitet'),  als  in  der  mittleren.  Ebenso  ist  sie  von 
tremer^)  m  der  Gasflammkohlenpartie  Westfalens,  also  der  hängendsten 
Häufig  gefunden  und  nimmt  nach  unten  allmählich  ab.  Die  Zone  supörieure 
steht  nach  Z  eiller  s),  ebenso  wie  die  Gasllammkohlenpartie  Westfalens 
■lach  Potonie,  den  oberen  Saarbrücker  Schichten  gleich.  Auch  ist  der 
iarn  nach  Kidston'*)  nur  auf  die  middle  and  transition  coal-measures 
ot  tho  Upper  carboniferous  sc.  forraation  in  seinem  Vorkommen  beschränkt, 
ö.ese  Horizonte  sind  nach  Z eiller «)  der  Zone  supörieure  von  Valenciennes 
S^eichzustellen. 

Bei  dieser  Gleichartigkeit  der  bedeutendsten  europäischen  Kohlen- 
becken gewinnt  es  an  Wahrscheinlichkeit,  daß  die  obere  Saarbrücker 
'^tufe  m  höherem  Maße,  als  man  es  bisher  annahm,  auch  auf  dem 
preußischen  Flügel  des  niederschlesisch -böhmischen  Steinkohlenbecken 
entwickelt  ist. 

Nachdem  ihr  Vorhandensein  durch  Potoni6  für  die  Faibengrube 
»jewiesen  ist,  wird  man  ihr  Auftreten  auch  auf  Wenceslausgrube  und  in 
^en  hangenden  Partien  bei  Waidenburg  jetzt  nicht  mehr  in  Zweifel 
Ziehen  können. 

J)  Zeiliei,  Valencisnius  pai^.  276. 

11  rl'^u!:''  '"'",''  '  '1 '"^  de*' weslfäl.  Carbon.  DisseiL  Marburg  1893.  S.  29 
Balleül^le         ,„r'r  ,    "'"''"^'1'    "^^    weH|,,,l,a,lMM,    ,h,    nord    de    la  France 

anetm  de  la  s,,, ,  i       .  ,i„  „,„c  de  France  XXU.   isiil,     Soiie  590  folg. 

•ü  PrnrPPHmM  "?;i^"n'"^", '',"""'', °"  "'''  ''"^^«'""'^  of  Ihe  carboniferous  formation 
t^roceedinys  ot  the  Key  il  physienl  sociely  of  Edinburgh  XII.  1892.    Seite  246  table 
1904. 


"18  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Tektonische  Veränderungen.     Aufhören   der  Kohlenbildung. 

Die  verminderte  Flötzbildung  in  den  oberen  Schioltten  des  mittleren 
produktiven  Carbon  deutet  darauf  hin,  daß  eine  Änderung  in  den  Vege- 
tationsbedingungen eintrat.  Das  Fehlen  der  Ottweiler  Stufe  wird  man 
füglich  auf  eine  physiisalische  oder  tektonische  Veränderung  dieses  preußi- 
schen Mukienfltigels  zurückführen. 

Dadurch  war  die  Kohlenablagerung  imterbrochen  auf  dem  Nordost- 
flügel und  im  Muldeninnern  im  Norden.  Eine  Kohlenbildung  scheint  dann 
auch  später  nicht  mehr  eingesetzt   zu  haben. 

Die" obersten  Saarbrücker  Schichten  in  Böhmen 
auf  Wilhelmiua-Orube  bei  Ztliareli. 

Altersbestimmung. 

Im  tektonisohen  Gegensatze  zur  preußischen  Seite  des  Steinkohlen- 
beckens steht  der  böhmische  Flügel.  Dieser  hat  an  der  zur  oberen  Ober- 
oarbonzeit  einsetzenden  Veränderung  nicht  teilgenommen,  so  daß  wir  auf 
ihm  auch  weiter  flötzfUhrcnde  Ablagerungen  der  Ottweiler  Stufe  antreffen. 
Zwar  bleibt  der  Kohlenreichtum  gegen  die  reichen  Schätze  der  beiden 
den  Hochwald  umgebenden  Spezialmulden  erheblich  zurück,  immerhin  ist 
aber  die  Kohlenführung  noch  bedeutend  genug  und  lohnt  den  Abbau. 
Denn  wir  begegnen  z.  B.  dem  bei  Bohdaschin  durch  Stollenbetrieb  auf- 
geschlosBenen  Josephiflötz')  mit  einer  bis  zu  3,7  m  anschwellenden  Mächtig- 
keit. Flötze  von  l'/g  m  Mächtigkeit  sind  häufiger,  so  auf  Procopi-Grube  ) 
bei  Schatzlar,  im  Xaveristollen ^)  bei  Sedlowitz,  im  Idastollen*)  bei  Stra§- 
kowitz  und  auf  Wilhelmina- Grtibe-'j  bei  Zdiarek  zu  beobachten. 

Die  Zugehörigkeit  der  böhmischen  Flötze  zu  den  3  Flötzzügen,  dem 
XaveristoUener,  dem  Idaatollener  und  dem  Radowenzer,  ist  schon  1879 
von  Stur  und  Schütze  richtig  erkannt  worden. 

Die  einzelnen  Flötzgruppen  werden  von  einander  durch  sehr  be- 
deutende Zwischenmittel  getrennt.  So  mißt  im  Xaveristollen  das  die 
Saarbrücker  und  Ottweiler  Stufe  trennende  Mittel  quersohlägig  800  m,  was 
bei  der  flachen  Lagerung  einer  absoluten  Mächtigkeit  von  700  m  gleich- 
kommt. Ebenso  ist  das  Zwischenmittel''),  das  die  Idastollener  Schichten 
vom  Radowenzer  Flötzzug  trennt,  zu  1300—1500  m  Mächtigkeit  vo» 
Schütze  angegeben.  Die  Einteilung  Schützes  ist  von  Weithofer  iio 
allgemeinen  übeirnommen.     Jedoch  zählt  dieser  Autor  die  den  Kadowenze' 

lyNach  Schütze  1.  i:  pag.  ^222.  —  Der  Abbau  ist  augenblicklich  nicht  un 
Betriebe. 

2)  Nach  Schütze  1.  c.  pag.  216,  217:  3  Flötze,  X  mit  2  m,  XI  mit  U  "^' 
XIII  mit  1—2  m  absoluter  Kohlenmächtigkeit. 

3)  Nach  Schütze:  2  Flötze  =  2--5  m  Mächtigkeit.     1.  c.  p.  221. 

4)  Nach  demselben:  Hauplflötz  ^  1,05  m  Kohle,     1.  c.  ^31. 
6)  Ebenfalls:  111.  Flötz  =  ),20  m.     I.  c.  p.  222. 

C)  Ebenfalls  Seite  236. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Selition.  19 


FlÖtzzug  überlagernden  Schichten ')  fälschlich  noch  zum  Obercarbon,  und 
nicht  zum  Rotliogenden;  aul3erdem  fohlt  in  seiner  Karte  richtigerweise  die 
auf  der  Karte  des  niedersclüesischen  Gebirges  und  von  Schütze  über- 
nommene liotliegendinsel  zwischen  ßernsdorf  und  Bösig. 

Die  Abgrenzung  der  einzelnen  Fiötzgruppen  und  Zwischenmittel  ist 
auf  dem  böhmischen  Flügel  besonders  schwierig.  Denn  zunächst  weisen 
die  einzelnen  Schichten  keine  bedeutenden  Unterschiede  in  ihrem  Gesteins- 
charakter  auf.  Es  sind  zumeist  rote,  bald  feine,  bald  gröbere  Sandsteine 
mit  einem  wechselnden  Tongehalt  und  graue  Feldspathsandsteine  — 
„Arkosen"  — ,  die  sich  in  allen  Horizonten  der  Ottweiler  Stufe  wieder- 
holen. Außerdem  ist  in  dem  waldbestandenen,  wegearmen  tschechischen 
Gebiet  das  Kartieren  und  Abgrenzen  der  Horizonte  infoige  Mangels  an 
Aufschlüssen  sehr  erschwert.  Endlich  bedingt  das  zum  Terrainneigungs- 
winkel fast  senkrechte  Einfallen  der  Schichten  einen  sehr  häufigen  Wechsel 
Und  dadurch  eine  neue  Schwierigkeit,  auf  einem  so  kleinen  Maßstabe 
1  :  75000  zu  kartieren. 

Infolgedessen  unterblieb  dann  mit  Rücksicht  auf  die  Arbeit  Weit- 
hof er  s,  eines  sehr  sorgfältigen  Forschers,  die  Revision  dieses  Teiles  bis 
zum  Mettaudurchbruch  bei  Hronov. 

Bald  hinter  diesem  Erosionstale  transgrediert  dann  die  südliche  Kreide 
der  Scholle  von  Kudowa  und  stellt  auf  diese  Weise  eine  Verbindung  mit 
der  des  ßraunauer  Ländchens  her.  Schon  Krejci  erwähnt  die  Transgression 
1867,  während  Michael  ihre  Fortsetzung  nach  Nofden  1893  nicht  weiter 
berücksichtigt.  Sie  liegt  zwischen  Podborky-Zdiarek  und  Sedmakowitz- 
Zlicko. 

Carbon  bei   Zdiarek, 

Hinter  dieser  Kreidebrücke  erscheint  dann  wieder  das  Carbon,  das 
sich  noch  etwa  3  km  bei  Mokrziny  an  den  Granit  von  Lewin  anlehnt,  und 
bald  darauf  endgültig  unter  der  dort  sehr  mächtigen  Kreide  verschwindet. 

Dieses  Vorkommen  wurde  von  Stur  und  Schütze  den  Sohatzlarer 
Schicliton  zugerechnet,  während  Weithofer  es  wenigstens  zum  Teil  den 
Unteren  Ottweiler  Schichten  gleichstellt. 

Der  dort  umgehende  Bergbau  der  Wilhelmina-Grube  auf  der  öster- 
reichischen Seite  und  der  Clemens-  und  Eieonore-Grube  auf  der  preußi- 
schen hat  schon  seit  langer  Zeit  bedeutende  Ausbeute  an  fossilen  Pflanzen- 
resten  geliefert.  Diese  sind  von  Stur^)  in  seiner  Flora  der  Schatzlarer 
Schichten   schon  berücksichtigt;    auch  Feistmantel'^   hat   sie  bearbeitet 

1)  Über  diese  Frage  gibt  die  Arbeit  J.  Herbings,  die  denmächst  erscheint, 
Aufschluß. 

2)  Stur,  die  Carbon-Flora  der  Schatzlarer  Schichten,  Wien  1885. 

3)  Feistmantel,  Versteinerungen  der  böhmischen  Kohlenahlagerungeu  in 
Palaeontographica  XXllI,  1875/76. 


20  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Beide  Forscher    sehen    in    dem   Vorkommen    von   Zdiarek-Straußeney   Bil- 
dungen,  die  den  Schatzlarer  Schichten  gleichstehen.    Hierbei  ist  allerdings 
zu    berücksiclitigen,    daß   damals  die  floristische  Trennung  der  Schatzlarer 
von  den  Xaveristollener  Schichten  noch  nicht  durchgeführt  war. 
Stur  führt  von  Zdiarek  folgende  Farne  an: 

Khacopteris  Busseana  Stur  (—  R.  asplenites  Schimper)   Sj  '). 

„Senftenbergia"  crenata  L.  a.  H. 

„Hawlea"  Schaumburg-Lippeana  Stur  (=  Pecopteris  spec.) 

„Hawlea"  Zdiareckensis  Stur  (=  Pecopteris  spec). 

„Oligocarpia"  pulcherrima  Stur  =  (Pecopteris?). 

Discopteris  Goldenbergii  Andrae  (=  Ovopteris). 

Saccopteris  Essinghii  Andrae  (=  Sphenopteris). 

„Desmopteris"  belgica  Stur  (=  D.  elongata  Pres!). 

„Calyramotheca"  Walteri  Stur. 

„Calymmotheoa"  Schaumburg -Lippeana  Stur. 

„Diplothmema"  (=  Sphenopteris)  ti-ifoliatum  Artig. 

„Diplothmema"  (=  Mariopteris)  muricatum  Schloth. 

„Diplothmema"  belgicum  Stur  (=  Mariopteris  latifolia). 
Bei    den   nicht   deutlichen   Abbildungen    Sturs   ist    eine   Identifizierung 
mit  Farnen,  die  die  jetzt  übliche  Bezeichnung  tragen,   nur  zum  Teil  mög- 
lich   und    daher    können    nur    diese   für    eine    Vergleiclmng    herangezogen 
werden. 

Eine    bessere    Verwendung    für    die    Vcrgleichung    gestatten    die    von 
Feistmantel  ^)  aufgezählten  Farne; 

Annularia  longifolia  Brgt. 

Asterophyllites  equisetiformis  Brgt. 

Asterophyllites  foliosus  L.  a.  H. 

Sphenopteris  Schlotheimi  Brgt. 

Sphenopteris  Hoeninghausi  Brgt. 

Sphenopteris  Asplenites  v.  Gutb. 
,  Sphenopteris  coralloides  v.  Gutb. 

Cyatheites  ')  arborescens  Gppt. 

Cyatheites  Miltoni  Gppt. 

Cyatlieites  Oreopteridis  Gppt. 

Alethopteris  pteroides  Brgt. 

Alethopteris  Serli  Brgt. 

Alethopteris  longifolia  Stbg. 

Alethopteris  aquilina  Brgt. 

Neuropteris  heterophylla  Stbg. 

1)  Sa  :=  für  obere  Saarbrücker  ScUicliten  charakteristisch  u.  s.  w. 

2)  1.  c.  pag.  .315.  Calamarien  u.  Lepidodendren,  Stigmarien  u.  s.  w.  nicht  berück- 
sichtigt. 

8)  Cyatheites  =:  Pecopteris. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  21 


Netiropteris  temiifolia  Brgt. 
Neui'opteris  gigaiitea  Stbg. 
Dictyopteris  Brongniarti. 
Odontopteris  Britannica  v.  Gutb. 
Zu  diesen  gesellen  sich  von  mir  gefunden ,   noch  folgende  pflanzliche 
Reste ; 

Sphenopteris  Schilliflgsii  Andrae. 

Sphenopteris  artemisiaefolioides   Crep. 

Sphenopteris  macilenta  L.  a.  H. 

Lonchopteris  rugosa  Brgt. 

Pecopteris  abbreviata  Bvgt. 

Annularia  stellata  v.  Schloth. 
Diese  Stücke  sammelte  ich  teils  auf  meinen  Befahrungen  in  der  Grube 
selbst,    teils    entnahm    ich    sie    der   Sammlung    des   dortigen    Obersteigers 
Herrn  W.  H  o  f  f  m  a  n  n. 

Diese  neuere  Sammlung,  obwohl  ohne  System  zusammengebracht, 
zeichnete  sich  durch  das  Fehlen  typischer  Leitpflanzen  der  Schatzlarer 
Schichten  wie:  Neuropteris  gigantea  Stbg.  und  Pecopteris  dentata  aus. 
Auch  Mariopteris  muricata  war  nur  in  2  Exemplaren  vertreten.  Zwar  sind 
einige  dieser  Leitpflanzen  nach  Stur  und  l^'ei8tmantel  auch  bei  Zdiarek 
Vorgekommen,  doch  dürfte  es  sich  hierbei  mir  um  unzweifelhaft  vereinzelte 
frühere  Funde  handeln. 

Bei  der  Häufigkeit  des  Auftretens  der  Farne  in  den  „Schatzlarer" 
Schichten  und  ihrem  hier  einsetzenden  Zurücktreten  oder  Fehlen  wird 
man  zu  dem  Schlüsse  gedrängt,  daß  die  Zdiareker  Flötze  jünger  sind, 
als  die  Schatzlarer  Schichten.  Weithof  er  hat  sie  daher  auch  richtiger 
den  XaveristoUener  Schichten  zugezählt  und  die  hangenden  roten  Sand- 
steine^) als  Äquivalente  der  unteren  Ottweiler  Stufe  angesehen. 

Die  neueren  Pflanzenfunde,  insbesondere  das  Vorkommen  von  Annularia 
stellata  und  Annularia  longifolia  rechtfertigen  diese  Ansicht. 

Durch  das  nicht  vereinzelte  Auftreten  von  Leittypen  der  Ottweiler 
Stufe  erscheint  es  wahrscheinlich,  daß  sogar  noch  etwas  höhere 
Horizonte  als  die  im  Xaveristollen  angetroffenen  Schichten 
liier    flötzfUhrend    entwickelt    sind. 

Vergleieluing  mit  dem  Piesberg  und  Ibbenbüren. 
Eine  Vergleichung   der   Zdiareker  Pflanzen  mit  denen   des  Piesberges 
lud  von  Ibbenbüren  nach  v.  ß  oehl  ^)    ergibt   eine  so  große  Übereinstimmung 
"eider  Floren,  wie  sie  in  Anbetracht   der  verschiedenen  Vegetationsbedin- 

1)  Diese  werden  dann  von  den  Hexenstein-Arliosen  tiberlagert,  aus  denen  die 
Höhen  im  NW  von  Straußeney  bestehen. 

2)  Die  Einwände  gegen  diesen  Forscher  sind  mir  bekannt;  doch  ist,  wie  es 
Scheint,  keine  Richtigstellung  erfolgt,  sodaß  ich  mich  auf  ihn  stützen  muß. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


gungeii    nur  gedacht  werden  kann.     Hier  sind   es  Sümpfe  und  Moräste  am 
Ufer    eines    Binnensees    und    dort    Waldungen    am    Strande    des    offenen 

Meeres. 

Beiden  Fundorten  sind  folgende  Farne  gemeinsam: 

Sphenopteris  Hoeninghausi  Brgt. 

Sphenopteris  Asplenites  v.  Gutb. 

Sphenopteris  coralloides  v.  Gutb. 

Cyatheites  arborescens  Gppt. 

Cyatheites  Miltoni  Gppt. 

Alethopteris  pteroides  Brgt. 

Alethopteris  Serli  Brgt. 

Alethopteris  aquilina  Brgt. 

Neuropteris  heterophylla  Stbg. 

Diotyopteris  Brongniarti. 

Odontopteris  Britannica  —  neuropteroides. 
Außerdem  noch  : 

Lepidodendron  dichotomum  Stbg. 

Calamites  Suckowi  Brgt. 

Calamites  Oisti  Brgt. 

Annularia  longifolia  Brgt. 

Asterophyllites  equisetiformis  Brgt. 
Bei  einer  solchen  Übereinstimmung  der  Floren  wird  man  auch  bei 
größter  Vorsichti)  nicht  fehlgehen,  wenn  man  dieses  Vorkommen  von 
Zdiarek  dem  vom  Piesberge  und  von  Ibbenbüren  gleichstellt  und  beide 
nach  Potonie  und  Frech  den  obersten  Saarbrüoker  Schichten  noch  über 
den  XaveristoUener  einreiht. 

Eine  Zusammenstellung  der  paläontologisch-stratigraphischen  Ergebnisse 
sei  in  folgender  Tabelle  gegeben: 


1)  Die  den  Beobachtungen  Feistn 
erscheint. 


intels  und  v.  Roehls  gegenüber  geboten 


II.  Abteilung.    Naturwissenschaftliche  Sektion. 
Böhmischer  Flügel      [  Muldeninneres 


Hexenstein  -  Arkosen 


IdastoUener  Flötzzug 


Kotliegend 


Diskordanz 


Preußischer  Flügel 
Rotliegend 


Diskordanz 


Zdiareker  Flötze 
Xaveriflützzng 


Hchatzlarer  Schichten 


Amalien-Flötze 


Waldenburger 
Hangendzug 


hang.  Partie  von 
Wenceslaus  &  Rnlien 

Waldenburger 
Hangondzug 


=1      Reichhennersdorfer 
"2    Sandsteine  (mit  Flötzen 
•g    der  Coiicordia-Gnibe) 


Mittelsteiuer  Flötze 


Waldenburger  Liegendzug 


üntercarbon 
Verwerfungen    des  Carbons  auf  dem  böhmischen  Flügel  in  der 
Zdiareker    Grube:      Parschnitz  -  Hron  o  ver     Bruch,     Reinerzer 
Quellenspalte. 

Die  tektonischen  Veränderungen,  die  den  böhmischen  Muldenflügel 
betroffen  haben,  sind  meist  schon  längere  Zeit  bekannt.  Der  Parschuitz- 
Hronover  Bruch,  an  dem  nach  der  Kreide  -  Periode  gebirgsbildende 
Kräfte  ausgelöst  wurden,  ist  schon  ebenso  lange  bekannt,  wie  die  kleinen 
durch  den  Bergbau  aufgeschlossenen  Verwerfungen  bei  Schatzlar  und  am 
Idastollen. 

Die  älteren  von  Jokely^)  zur  Erklärung  der  Schichtenfolge  ange- 
nommenen Staffelbrüche  sind  schon  seit  langem  von  der  Wissenschaft 
verworfen  worden  und  es  hat  eine  natürlichere  Auffassung  der  Gebirgs- 
bildung  an  ihrer  Stelle  Platz  gegriffen. 

Der  Bergbau  hat  jedoch  in  neuerer  Zeit  noch  das  Vorhandensein 
eines  Bruches  erwiesen,  der  an  Bedeutung  die  genannten  lokalen  Ver- 
werfungen übertrifft,  ohne  so  weiter  Beachtung  würdig  zu  sein,  wie  der 
Parschnitz-Hronover  Bruch. 


1)  im  Xaveristollen  wurde  in  einem  Blindschacht  im  Liegenden  der  Schiefer- 
tone des  mittleren  produktiven  Carbon  ein  Gestein  angetroffen,  das  nach  seiner 
petrographischen  Beschaffenheit  untercarbonischen  Alters  sein  dürfte  (nach  Herrn 
Markscheider  Irrmann-Schwadowitz). 

2)  Vergl.  das  in  Katzer,  Geologie  von  Böhmen  hierüber  gesagte. 


Jahresbericht,  der  Scliles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Bei  der  letzten  Befahrung  der  jetzt  in  Fristen  liegenden  Wilhelmina- 
grube, die  ich  in  Gemeinschaft  mit  dem  Bergbaiibeflissenen  Herr  K.  Flegel 
im  April  1903  unternahm,  wurde  uns  vom  Obersteiger  eine  Sprungkluft 
(„Rutschung")  gezeigt,  hinter  welcher  die  Flötze  abgesclmitten  waren. 
Die  Eichtung  der  Verwerfung  verlief  von  WNW  nach  OSO.  Die  Gruben- 
beamten nahmen  an,  daß  es  sich  nur  um  einen  Sprung  von  geringem 
Ausmaß  handelte  und  hatten  hinter  der  „Rutschnng"  eine  söhlige  Vor- 
richtungsstrecke  getrieben,  mit  der  sie  ihre  Flötze  wieder  anzufaln^en 
hofften.  Eine  Besichtigung  des  Ortes  und  eine  nachherige  Vergleiohnng 
einer  mitgenommenen  Gesteinsprobe  ergab,  daU  die  Strecke  in  einem  dem 
Cenoman  zuzurechnenden  Sandsteine  stand.  Eine  genauere  üntersucliung 
dieses  Fundes  wird  Herr  K.  Flegel  in  seiner  demnächst  erscheinenden 
Arbeit  über  die  Kreide  der  Heuscheuer  und  von  Adersbach-Weckelsdorf 
vornehmen.  Für  diese  Arbeit  genügt  es,  zu  konstatieren,  daß  im  Norden 
die  Flötze  der  Wilhelminagrube  durch  eine  OSO— WNW  streichende 
Verwerfung  abgeschnitten  sind  und  daß  hinter  dieser  obere  Kreide  an- 
steht. Berücksichtigt  man  ferner,  daß  auch  im  Süden  die  Flötze  an  dem 
Parschnitz-llronover  Bruch  ein  vorzeitiges  Ende  erreichen  und  daß  dort 
ebenfalls  jenseits  des  Sprunges  Kreide  ansteht,  so  ergibt  sich,  daß  die 
Wilhelminagrube  die  Plötze  einer  zwischen  cretaceischen  Bildungen  horst- 
förmig  stehen  gebliebenen  Carbonscholle  gebaut  hat. 

Der  nördliche  Sprung  auf  der  Wilhelminagrubc  erwie»  sich  nach  den 
Untersuchungen  Flegels  als  die  Fortsetzung  eines  durch  Lcppla  von 
Grafenoi-t  bi.s  Reinerz  konstatierten  Bruches. 

IL 

Diis  Kotliegende  bei  Neurode,  Wünschelburg,  Braunau. 

a.     Zur   Altersbestimmung. 

Die  Feststellung  eines  Zusammenhanges  der  nördlichen  Brüche  mit 
denen  der  südlich  angrenzenden  Kreide  der  Grafschaft  Glatz  veranlaßten 
mich,  auch  auf  dem  preußischen  Flügel  um  Neurode,  WUnschelburg  und 
bis  gegen  Braunau  den  toktonischen  Verhältnissen  nähei-e  Beachtung  zu 
schenken.  Denn  es  war  nicht  unwahrscheinlich,  daß  .inch  nordöstlich  von 
dem  Heuscheuerblock  die  dort  kartierten  BrUche  Lepplas  weiter  nach 
Norden  fortsetzten. 

Die  im  September  und  Oktober  1003  zu  einem  gewissen  Abschlul5 
gebrachten  Untersuchungen  sind  im  folgenden  niedergelegt. 

Es  sei  zunächst  gestattet,  die  bisherigen  Ansichten  über  den  Bau 
dieses  Teiles  des  preußischen  Muldendügels,  etwa  zwischen  dem  Neuroder- 
Gabbro  und  WUnschelburg  kurz  zu  erwähnen. 

Nach  den  ersten  Aufnahmen  zu  der  Karte  von  Beyrich,  Rose, 
Roth,  Runge,  die  im  produktiven  Carbon  noch  nicht  die  einzelnen 
Stufen  von  einander  trennen,  hatte  eine  konkordante  Überlagerung  des 
Rotliegcnden  über  dem  Carbon  statt. 


II.  Abteilung.    Naturwissenscliaftliche  Sektion.  25 


Schütze  gliederte  1882  das  Rotliegende  zwar  niclit  weiter,  nahm 
aber  mit  Recht   eine  Diskordanz    zwischen  Carbon  und  Rotliegendem  an. 

Erst  in  neuerer  Zeit  1889  und  1899  griff  dann  Dathe')  wieder  auf 
die  erste  Anschauung  der  koiikordanten  Auflagerung  zurück,  indem  er  die 
bisher  für  Rotliegend  geltenden  Sandsteine  als  unproduktiv  entwickeltes 
Carbon  den  Ottweiler  Schichten  zuwies  und  so  den  gleichförmigen  un- 
unterbrochenen Übergang  jm  jungen  Paläozoicum  für  diese  Gebiete  wieder 
als  Lehre  aufzustellen  versuchte. 

Die  unzutreffenden  Ansichten  des  Genannten  beruhen  ebenso  sehr 
auf  einem  Mißverständnis  der  Ergebnisse  eines  anderen  Forschers  und 
einer  Verkennnng  des  paläontologischen  Cliarakters  der  schon  längst 
bekannten  Fannen  und  Floren  von  Ottendorf,  Braunau  und  Neurode,  wie 
auf  einer  Mißdeutung  der  Tektonik  jener  Gegenden. 

Aucl)  erschien  die  Vergleichung  der  Ablagerungen  der  nördlichen 
Grafschaft  Glatz  mit  dem  weitentfernten  Saarrevier  unter  gänzlicher 
Übergebung  der  näher  liegenden  ebenfalls  jungpaläozoischen  Bildungen 
Thüringens,  Wettins  und  Sachsens  nicht  günstig  gewählt. 

Was  das  Mißverstehen  der  Ergebnisse  anderer  Forscher  anlangt,  so 
sei  bemerkt,  daß  Dathe  die  Zugehörigkeit  der  durch  Walchia  piniformis 
(v.  Schloth)  Sternberg  als  Rotliegendes  charakterisierten  Schichten  bei 
Gvüßauisch-Albendorf  zu  der  genannten  Formation  direkt  leugnet. 

Dadurch  stellt  er  sich  in  unmittelbaren  Gegensatz  zu  Göppert^) 
Potoniö»)  und  Sterzol'). 

Die  Mißverständnisse  des  paläontologischen  Charakters  der  Tier-  und 
Pflanzenwelt  von  Ottendorf  und  Braunau  sind  nicht  weniger  schwerwiegend. 
Dathe  spricht  dort  von  PalaeoniBcns,  ohne  darauf  Rücksicht  zu  nehmen, 
daß  diese  Gattung  im  Sinne  Traquairs,  des  besten  Kenners  dieser 
Fische  —  dessen  Ansichten  auch  die  bekanntesten  Handbücher  Zittel 
und  Steinraann  folgen  —  auf  den  viel  höheren  Zechsteinhorizont  des 
Kupferschiefers  beschränkt  ist. 

Auch  die  zitierten  Anthraoosien  widersprechen  der  jetzt  gebräuchlichen 
Begrenzung  der  Gattung,  sind  doch  durch  Ludwig  ISli'i  ■']  und 
Amalitzky«)  die  dyadisclien  zahnlosen  Sllßwassermuscheln  mit  dem 
Namen  Anodonta,  Najadites  und  jetzt  Palaeanodonta  belegt  worden. 

*)  Vergl.  Dathe  im  Jahrbuch  der  geol.  Landesanstalt  1889  u.  1899. 

2)  Unppei-t,  fossile  Flora  der  permischen  Formation  (Paläontographica  XU 
1864/65,  Seile  "2?Ar.  „VVaJeliia  |Mnifoiini.s  .  .  .  wegen  ilirer  allgemeinen  Verbreitung 
als  wahre  Leitpü.-uizo  des   l'.otliegeiulen  zu  l)etracl)ten". 

3)  [-'  o  1,0  II  i.- ,  lloiisliscln'  Gliederung  des  deutschen  Corbou  u.  Perm,  1896.  Seite  9. 
,, Typische  Lei!  lns,;i|iiMi  ([es   Mo  1,1  legenden,  wie  ....  Walchia  piniformis  Siernberg." 

•')  SLorzel,  piihi.outologischer  Charakter  der  Steinkohlenforraalion  und  des 
Rothegenden  von  Zwickau:  Referat  im  neuen  Jahrliueh  R)r  Min.,  (leol.  und 
Paläont.  11.  1903,  Seite  467;  „Rotliegondtypen,  wie  .  .  .  WidchLa". 

5)  Ludwig,  zur  Paläontologie  des  Ural,  PaLiontograpliica  X.  1863, 

<5)  Ama1it7.ky,  Anthrakosien  des  Perm.  Paläontographica  XXXIX.  1892. 


26  Jahresbericlit  der  Schles.  Gesellsoll aft  für  vaterl.  Kultur. 


Auch  in  aaderen  Punkten  stellt  sich  Dathe  mit  neueren  Anscliau- 
ungen  in  Widerspruch,  ja  er  nimmt  nicht  einmal  die  neueren  Rotliegend- 
teilungen Beyschlags,  die  dieser  für  thüringische,  also  näher  liegende 
Gebiete  in  Gemeinschaft  mit  mehreren  anderen  preußischen  Landesgeologen 
durchgeführt  hat,  an.  Daß  diese  Teilung  durchaus  brauchbar  ist,  geht 
daraus  hervor,  daß  sie  auch  von  der  sächsischen  geologischen  Landes- 
anstalt angenommen  ist.  Auch  Ch.  Ernst  Weiß^),  auf  den  sich  wohl 
Dathe  bezielit,  liat  bis  1887  unter-,  Mittel- und  Ober-Eotliegendes  unter- 
schieden, dann  aber  1888^)  eine  völlig  unübersichtliche  Gliederung  ein- 
geführt: 

bis   1887  1889 

Oberro  fliegend  Oberrotliegend 

MittelrotUegend    \    ^„^,„„,1;      „^^  ,,,,_ 
Unterrothegend     ) 

Eine  praktische  Verwertung  dieser  letzten  Gliederung  kann  kaum  in 
frage  kommen. 

Dies  ergibt  sich  auch  aus  den  neueren  paläontologischen  Funden. 
Die  „Anthracosien",  von  denen  in  den  70-  und  80er  Jahren  zahlreiche 
Exemplare  an  das  hiesige  Museum  gelangt  sind,  haben  sich  als  Palae- 
anodonta  Keyserlingi  Amalitzky  und  Najadites  cf.  Fischeri  Am.  erwiesen'). 
Nach  den  Untersuchungen  von  Geinitz  und  den  schon  1900  vorliegenden 
gründlichen  Untersuchungen  Amalitzkys  liegen  die  diese  Zweisehaler 
führenden  bunten  Mergel  der  Okastufe  hoch  im  Rotliegenden,  z.  T.  schon 
an  der  Grenze  des  Zechsteins.  Sie  also  dem  Unterrothegend en  zuzu- 
weisen, widerspricht  völlig  den  bisher  bekannten  Tatsachen. 

Auch  sonstige  Fossilien  lassen  die  Einfügung  der  Neurode- Wünachel- 
burger  Eotliegendschichten  in  die  untere  Abteilung  nicht  nur  nicht  ratsam, 
sondern  sogar  direkt  falsch  erscheinen.  Abgesehen  von  den  in  ihrer 
Altersstellung  für  eine  genaue  Fixierung  ziemlich  indifferenten  Pflanzen 
ist  der  vor  4  Jahren  im  Dr.  Linnarzschen  Steinbruch  bei  den  Schindel- 
bäusern  gemachte  Fund  eines  echten  Reptils  für  die  Altersbestimmung 
ausschlaggebend.  Dieses  Reptil,  als  solches  von  Professor  Fr  aas  an- 
erkannt und  der  Unterordnung  der  Proterosauriden  und  der  Familie  der 
Palaeohatterien '^)  zugewiesen,  hat  seine  nächsten  Verwandten  im  Mittel- 
rotliegenden von  Niederhaeßlich  bei  Dresden. 

Überhaupt  sind  ReptiUen  erst  vom  Mittelrotliegenden  bekannt,  während 
Amphibien  schon  aus  dem  Untercarbon,  wenn  nicht  schon  aus  dem  Devon 
beschrieben  sind.  Die  Dathesche  Zusammenfassung  der  beiden  gänzlich 
verschiedenen  Wirbeltiorklassen   der  Amphibien  und  Reptile    als  „Saurier" 


1)  Weiß,  fossile  Flora,  Bonn   1869. 

a)  Derselbe,  ErläiUeruii!„'en  zum  Blatt  Lebach,  Berlin  1889. 

»)  Versl.  Seite  22,  Anm.  5. 

*)  Cf.  Frech,  Lethaea  paiäozoica  pag.  G94. 


U.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  27 


und  die  dadurch  bedingten  Trugschlüsse  sind  schon  in  der  Letliaea  palaeo- 
zoioa')  zurückgewiesen  worden ;  ein  Eingehen  darauf  auch  an  dieser  Stelle 
ist   also  übertlUssig. 

b.    Die    Ottendorfer   und   Braunauov   Kalke. 

Die  häufige  Wiederkehr  von  „Kalksteinflötzen",  „Anthracosienschiefern" 
z.  T.  mit  denselben  Versteinerungen  innerhalb  der  von  Dathe  angegebenen 
ununterbrochenen  Schichtenfolge  veranlaßte  mich,  auch  diesem  Punkte  meine 
Aufmerksamkeit  zu  schenken.  Das  Ergebnis  war  folgendes:  Es  handelt 
sich  um  zwei  scharf  getrennte  kalkfilhrende  Horizonte,  deren  liegenden 
schwarzgefärbten  und  stets  durch  einen  starken  Bitumengehalt  ausgezeich- 
neten als  „Ottendorfer"  und  deren  hangenden  stets  buutroten  mit  dem 
schon  lange  üblichen  Namen  als  „Braunauer  Kalk"  zu  bezeichnen  ist. 
Die  Namen  sind  z.  B.  bei  Göppert,  Frech  längst  im  Gebrauch. 

Petrographisches  und  geographische  Verbreitung. 

Über  die  petrographische  BeBchaffenheit,  Altersstellung,  Fossilien- 
fiihrung  dieser  mittelrotliegenden  Kalkhorizonte  ist  folgendes  zu  be- 
merken. Die  roten  Braunauer  und  schwarzen  Ottendorfer  Kalke  sind 
schon  in  ihrem  Verlauf  auf  der  alten  Beyrichschen  Karte  ausgeschieden; 
auf  der  demnächst  erscheinenden  geologischen  Exkursionskarte  der  Heu- 
scheuer ist  die  Trennung  weiter  durchgeführt. 

Die  Braunauer  Kalke  besitzen  eine  rote,  selten  graue  Färbung  mit 
graugrüner  Flamnmng  und  sind  gewöhnlich  in  Flötzform  den  oberen  roten 
Sandsteinen  des  Mittelrotliegenden  eingelagert.  Sie  werden  technisch  als 
Baukalk  verwertet  und  dazu  durch  primitiven  Pingenbau^)  gewonnen.  Am 
Südabhange  des  Ölberges  sind  diese  Braunauer  Kalke  mit  derselben  Farbe 
etwas  abweichend  entwickelt;  sie  erscheinen  in  Knollenform  den  tonigen 
Sandsteinen  als  Lagen  eingebettet  und  sind  durch  ein  tonig-sandiges  leicht 
auswitterndes  Zement  verkittet.  Der  Calciuragehalt  ist  sehr  wechselnd  und 
beträgt  im  Durchschnitt  42  ''j^  (Analysen  von  Dr.  F.  Jander,  Halle-Trotha). 

Die  Ottendorfer  Kalke  unterscheiden  sich  unzvpeideutig  chemisch  und 
petrographisch  von  den  Braunauern.  Dieser  meist  als  „Brandschiefer" 
bezeichnete  Kalk  ist  ein  schwarzes,  stark   bituminöses   schiefriges  Gestein 

1)  Seite  694  von  l''reclis  Lethaea  palaeozoica. 

2)  Eine  solche  Finge  hefuhr  ich  im  Juni  1903.  Sie  lag  auf  den  Höhen  süd- 
üc))  von  Hauptmannsdorf  bei  Braunau.  In  einer  Teufe  von  20  m  wird  unter  den 
zum  Oberrotliegenden  zu  rechnenden  Porphyrlconglomeraten  und  den  sie  unter- 
teufenden Sandsteinen  („Sonnensteinen",  weil  sie  an  der  Luft  zerfallen)  der  Kalk, 
der  eine  MäctiUgkeit  von  0,6—1,0  m  hat,  um  den  Schacht  herum  abgebaut.  Man 
bedient  sich  liei  dieser  Arbeit  auch  des  Pulvers,  so  lange  nicht  die  sich  sammeln- 
den Wässer  solches  uumöglich  machen.  Bricht  dann  der  Bau  zusammen,  so  wird 
er  mit  einem  Bohlenbelag  versehen  und  man  bringt  in  10—2.5  m  Entfernung  eine 
neue  Ringe  nieder. 

Da  der  Kalk  nur  bei  Bauten  in  der  näheren  Umgegend  Verwendung  findet  und 
niclit  versandt  wird, so  ist  diesewenig  ökonomische  Abbaumethode  zur  Zeit  noch  üblich. 


ti 


Jahresbericbt  dar  Scbles,  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


lait  etwas  reiclilicherem  Calciiimgelialt,  das  an  der  Luft  aufblättert,  seinen 
Bitumengehait  verliert  und  vollkommen  ansbleicbt.  Dieser  Schiefer  bildet 
ebenso  wie  der  Braunauer  Kalk  regelmäßige  flötzartige  Lageni)  in  den 
grauen  bis  schwarzen  raittelrotliegenden  sandigen  Tonschiefern.  Diese  sind 
z.  T.  durch  einen  Kupfergehalt  charakterisiert.  Im  frischen  An- 
bruch strömt  der  Kalk  einen  intensiven  Bitumengeruch  aus  und  wird  des- 
halb vielfach  in  der  Literatur^)  auch  als  Stinkkalk   bezeichnet. 

Die  Hauptgewinnungspunkte  des  Braunauer  Kalkes  liegen  am  Ölberg, 
nördlich  bei  ßuppersdorf-Heinzendorf;  dann  finden  sich  einzelne  Kalköfen 
um  Hermadorf,  südlich  von  Hauptmannsdorf  und  bei  Weckersdorf'  (Barzdorf). 
Auf  der  preußischen  Seite  sind  nur  wenige  Gewinnungspunkte  dieses  Kalkes 
bekannt  geworden.  So  wurde  der  Kalk  bei  einer  Brunnenbohrung  bei  Biehals 
unweit  Neurode  nachgewiesen;  weiter  südlich  finden  sich  bei  DUrrkunzcndorf 
(Kreis  Glatz)  einige  verlassene  Öfen,  in  denen  dieser  Kalk  gebrannt  wurde. 

Von  dieser  Örtlichkeit  stammt  ein  im  hiesigen  Museum  befindlicher 
Unterkiefer  eines  Sclerocephalus  (Druck  und  Gegendruck).  Von  Sc.  iaby- 
rinthious  Gein.  em.  Credner  unterscheidet  er  sich,  abgesehen  von  der 
Größe,  die  beim  vorliegenden  Exemplar  28  :  6,5  cm  beträgt,  durch  den 
Kieferwinke],  der  hier  nur  128"  gegen  145"  bei  Sc.  labyrinthicus  ist.  Da. 
von  Sc.  latirostris  Jord.  aber  ein  Unterkiefer'')  noch  nicht  beschrieben  wurde, 
sei   er  als  Sclerocephalus    ef.  latirostris  vorläufig   zu  der  Spezies   gestellt. 

Die  in  der  Lethaca  palaeozoiea  Band  II,  Seite  522  erwähnten  Pflanzen 
von  Dürrkunzendorf  und  Niedersteine  stammen  aus  den  die  Braunauer 
Kalke  unmittelbar  begleitenden  Tonschiefern. 

Der  Ottendorfer  „Brandschiefer"  scheint  im  Streichen  und  seinem 
Calciuragehalt  beständiger  zu  sein  als  der  Braunauer.  Außer  den  zahlreichen 
bereits  genannten  Gewinnungspuukten  um  Ottendorf  und  bei  der  Kolonie 
Scheidewinkel  erscheint  er  auf  preußischem  Gebiet  bei  der  Reichenforster 
Schmiede,  wo  er  gebaut  und  gebrannt  wurde  und  wo  noch  zahlreiche  ver- 
witterte Platten  zu  finden  sind.  Von  den  drei  einzelnen  Kalköfeu  im 
oberen  Tal  des  Sohlagwassers  haben  zwei  auch  diesen  Kalk  gebrannt, 
während  es  bei  dem  dritten,  nicht  mehr  nachgewiesen  werden  konute. 
Weiter  nach  Süden  ist  dann  Nieder-Bathen  und  Glätzisch-Albendorf  als 
Fundort  zu  nennen.  Von  hier  gelangten  mehrere  Platten  mit  Regentropfen 
und  Fußspuren'*)   in    das   hiesige  Museum.     Besonders    bei  Nieder-Rathen 

1)  Seine  ßewinnung,  die  zurzeit  nur  auf  den  Anhöhen  südlicli  und  licsonderH 
nördlich  von  Ottendorf  belriebea  wird,  ist  die  gleiche,  wie  die  des  roten  Kalkes. 
Er  wird  jedoch  nicht  wie  Jener  meist  sofort  gebrannt,  sondern  bleibt  erst  eine  Zelt 
lang  an  der  Luft  liegen,  um  zu   verwittern. 

ä)  cf.  Göppert,  Permlloiii,,  Pidiiont.  XII.  pag.  8. 

ä)  Der  außerdem  noch  bekannte  Untej'kiefer  der  Weissia  bavarica  Brancn  (Jahrb. 
d.  geol.  Landesanst.  1886  Tat',  t)  zeigt  eine  völbg  abweichende  feinere  ßezahnung. 
,,^  ■*)  cf.  Göpijert,  IJeirnllora,,  l'idaont.  XII.  pag.  Sund  die  neueren  Aufsätze  von 
vy  Pabst  in  der  Zeitschrift  der  deutschen  geologischen  Gesellschaft  189B,  1897, 
l.)00  und  Ui  der  naturwissenscballQchen  Woehenschritt  1896,  1898,  1900. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  29 


sind  durcli  den  Balmbau  Mittelsteine — Wiinschelburg  schöne  Aufschlüsse 
in  diesem  kalkfUhrenden  Horizont  vorübergehend  geschaffen  worden.  Ent- 
sprechend der  verwickelten  Tektonik  der  Gegend  (siehe  unten)  finden  wir 
diesen  Kalk  außer  an  einer  zweifelhaften  Stelle  im  unteren  Schlagwaasertal 
auf  dem  linken  Ufer  der  Walditz  in  einem  Einschnitt  der  Linie  Ditters- 
bach — Glatz  bei  dem  Wärterhause  Nr.  672  wieder.  Hier  fällt  sofort  die 
gleiche  Verwitterungsart  auf.  Die  Böschungen,  deren  Winkel  gleich  dem 
Fallwinkel  ist,  sind  vollkommen  weiß.  Infolge  dieser  weit  vorgeschrittenen 
Verwitterung  sind  liier  Fossilien,  die  man  bei  Ottendorf  und  Rathen  so 
häufig  findet,  sehr   selten^). 

Die  AltersBtellung  der  Ottendorf  er  und  Braunauer  Kalke  geht  aus  der 
Karte  hervor.  Hier  liegen  in  den  einzelnen  in  sieh  gleichförmig  nach 
tiW  und  WSW  fallenden  Schollen  die  Braunauer  Kalke  stets  im  Hangen- 
den der  Ottendorf  er. 

Fossilfühvung. 
Über  die  Fossilführung  ist  folgendes  zu  sagen:  Die  pflanzlichen 
Fossilien  sind  in  beiden  Kalken  ungefähr  die  gleichen.  Jedenfalls  tritt 
bei  Braunau  keine  neue  Form  hinzu.  In  Anbetracht  der  im  allgemeinen 
zahlreichen  tierischen  Reste  fällt  allerdings  das  Zurücktreten  der  Pflanzen 
in  den  Braunauer  Kalken  auf. 

Es  hat  also  in  den  höheren  Schichten  die  ununterbrochen  fortschreitende 
Verarmung  der  Rotliegendflora  weiter  zugenommen.  Nach  den  bisherigen 
Funden  scheinen  bei  Braunau  zu  fehlen^) 

Odontopteris  subcrenulata  Zeil  1er. 

Taeniopteris  fallax  Gppt    var.  coriacea. 

Neuropteris  cordata  Brgt. 
Größere    Verschiedenheit   zwischen  Ottendovf   und  Braunau   weist    die 
Tierwelt   auf.      So    sind   die    Ottendorfer  Kalke    durch    die    großen  Fisch- 
spezies: 

Amblypterus  Rohani  Heckel, 

Amblypterus  luridus  Heckel, 

Amblypterus  obliquus  Heckel 
ausgezeichnet.     Amblypterus  vratislaviensis''^)  Agassiz  konnte  einwandsfrei 
von   Ottendorf*)   nicht   erkannt   werden,    hingegen   bildet   er   das   typische 
Leitfossil  der  roten  Braunauer  Kalke,  in  denen  er  in  zahllosen  Exemplaren 
zusammen  mit  den  anderen  kleineren  Spezies: 

1)  Es  gelang  mir  trotz  längerem  Suchens,  nur  einen  Koprolithen,  einen  Ani- 
hlyplerus-Schwanz  und  ein  ganz  undeutliches  Callipteris-Wedelstück  zu  finden. 

2)  Cf.  Lethaea  palaeozoica  IL  pag.  522. 

S)  Es  sei  gestattet,  auf  das  siebzigjährige  Jubiläum  dieses  Fisches  hinzuweisen. 
Auch  anläßlich  der  Versammlung  Deutscher  Naturforscher  u.  Ärzte  im  Jahre  1833 
wurde  dieser  Fisch  von  Agassiz  beschrieben  und  der  Stadt  Breslau  zu  Ehren,  woher 
er  die  Stücke  erhalten  hatte,  benannt,  obwohl  sein  Fundort  Braunau  doch  recht 
weit  entfernt  ist. 

-t)  Cf.  Fritsch,  Fauna  der  Gaskohle  III.  104. 


30  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Kultur. 


Amblypterus  KabUkae  Geinitz, 
Amblypteriis  Zeidleri  Fritsch, 
Amblypterus  augustus  Agassiz, 
Amblypterus   lepidurus  Agassiz 
gefunden    wird. 

Abgesehen  von  einer  Größenverminderung  ist  auch  eine  deut- 
liche Verschiedenheit  der  Speziesmerkmale  zu  verzeichnen,  wie  Fritsch 
nachgewiesen   hat. 

Übrigens    ist    Braunau    auch    durch    das   Vorkommen    von     folgenden 
Selachiern  bez.  Proselachiern  ausgezeichnet: 
Pleuracanthus  oelbergensis  Fritsch, 
Xenaoanthus  Decheni  Goldf.  und 
Acanthodes  gracilis  F.  Körner. 
Ferner    fehlen    in    den    Ottendorfer    Kalken    im    Gegensatz     zu     den 
Braunauern  Amphibienreste  vollkommen. 

Es  ergibt  sich  also,  daß  in  den  Floren  der  beiden  kalkfiihrenden 
Horizonte  wesentliche  Unterschiede  bisher  nicht  nachzuweisen  sind,  daß 
aber  die  Ottendorfer  Kalke  durch  große  Fischspezies  und  das  Fehlen  von 
Amphibien,  die  Braunauer  durch  kleine  Fische  und  zahlreiche  Amphibien 
charahterisiert  sind. 

Fritsch  nennt  folgende  Stegocephalen : 
Branchiosaurus   nmbrosus  Fritsch. 
Melanerpeton  pusillum  Fritsch. 
Melanerpeton   pulcherrimum  Fritsch. 
Chelydosaurus   Vranyi  Fritsch. 

Sclerocephalus  latirostris  Jordan,  letzterer  nach  Frech. 
Es  bedarf  keiner  weiteren  Ausführungen,   um   auf  Grund   dieser   fau- 
nistischen  Verschiedenheiten  zwischen  Ottendorf  und  Braunau  zwei  gleich- 
wertige  Zonen    innerhalb   der   Stufe   des   Mittelrotliegenden   auszuscheiden. 

c.  Tektonik:  die  3  Verwerfungen. 
Der  vierte  Funkt,  den  Dathe  bei  seiner  Gliederung  des  Rotliegenden 
außer  Acht  gelassen  hat,  ist  nicht  minder  wichtig,  als  die  vorhergehenden. 
Er  spricht  von  einer  vollständigen  Entwickelung,  die  nur  durch  die 
zwischen  seinem  „Unter"-  und  Ober-Rotliegenden  bestehende  Diskordanz 
eine  Unterbrechung  erfährt.  So  ungestört  ist  aber  die  Ablagerung  durch- 
aus nicht,  vielmehr  durchsetzen  3  Brüche  die  Schichtenfolge.  Auf  dem 
westlichen  und  dem  östlichen  Sprunge  ist  sogar  Porphyr  in  Gangforro 
emporgedrungen.  Daß  Dathe  die  Störungen  übersehen  hat,  ist  um  so 
wunderbarer,  als  durch  ihn  nördlich  auf  den  Blättern  Rudolfswaldau  und 
Neurode  mehrere  Brüche  bekannt  geworden  sind  und  südlich  Leppla  eben- 
falls mehrere  Verwerfungen  nachgewiesen  hat,  eine  ungestörte  Schichten- 
folge also  nicht  wahrscheinlich  war. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  31 


1.    AValditzer  Porphyrgan«^. 

Der  östliche  Sprung  ist  die  sclion  seit  Schütze  in  der  Literatur  be- 
kannte Hauptverwerfnng  der  Frischaiif-Grube  bei  Eckersdorf  und  ihre  un- 
mittelbare Fortsetzung:  der  Walditzer  Poi-pliyrgang.  Auch  die  Tendenz 
dieser  Verwerfung  ist  durch  Schütze  bekannt:  die  westliche  Scholle  ist 
abgesnnkeu,  bezw.  die  östliche  gehoben. 

Die  Bedeutung  dieses' Sprunges  ist  außerordentlich  groß.  Obwohl  die 
Gesamtmächtigkeit  des  Obercarbons  wegen  ungentigender  Aufschlüsse  nicht 
festzustellen  ist,  so  beträgt  sie  doch  entschieden  einige  hundert  Meter. 
Am  Hauptsprung  schneiden  nun  die  Flötze  gegen  Eotliegendes  ab,  ohne 
daß  die  Fortsetzung  in  ungestörter  Lagerung')  bekannt  geworden  wäre. 
Ein  Bruch  von  solchem  Ausmaß  kann  aber  in  horizontaler  Richtung  auf 
eine  so  kleine  Entfernung  wie  5000  m  um  so  weniger  verscjiwinden,  als 
in  seinem  unmittelbaren  Fortstreichen  der  Walditzer  Porphyrgang  aufsetzt. 

Wir  haben  also  eine  erste,  selir  erhebliche  Störung  im 
Bereiche    des  Datheschen  Normalprofiles. 

2.     Stein  etalsprung. 

Die  zweite  große  Vei'werfung  ist  der  im  Anfange  dieser  Arbeit  genauer 
besprochene  Sprung,  der  dem  Kohlenvorkommen  bei  Mittelsteine  nach  W 
zu  ein  Ende  setzt.  Auch  dieser  zeigt  die  gleiche  Eigentümlichkeit  des 
Absinkens  der  westlichen,  dem  Muldeninnern  zugekehrten  Scholle,  bezw. 
der  Hebung  der  östlichen. 

Das  Ausmaß  dieses  Steinetalsprunges  muß  noch  mindestens  um  300  m^) 
bedeutender  sein  als  das  des  obigen,  da  bei  Mittelsteiue  die  flötzfülirenden 
Horizonte  der  Reichhennersdorfer  Schichten,  nicht  die  höheren  Schatzlarer 
Schichten  wie  bei  Eckersdorf  vorhanden  sind.  Oberflächlich  verschwindet 
der  Bruch  zwar  unter  den  Alluvialbildungen  des  Steinetales,  hat  aber 
offenbar  den  ersten  Anla(5  zu  dieser  das  Antlitz  der  Gegend  beherrschenden 
Furche  gegeben. 

Wie  weit  die  Verwerfung  nach  Norden  fortsetzt,  ob  sie  nur  bis 
Scharfeneck  streicht,  oder  ob  die  mächtigen  Melaphyr-  und  Porphyrdecken 
weiter  nordw<ärts  bei  Böhmisch-Schönau  auf  dieser  Sprungkluft  empor- 
gedmngen  sind,  oder  ob  nur  die  kleinen  Melapliyrdeckenreste  nordöstlich 
von  Tuntschendorf  ihm  ihr  Dasein  verdanken,  entzieht  si^h  vorläufig  noch 
unserer  Kenntnis. 

1)  Einige  Flötzfetzen,  die  man  anfuhr,  können  für  die  Berechnung  des  Sprung- 
ausmaßes nicht  in  Betracht  gezogen  werden. 

2)  Die  einzige  z:iJilenui;ißig  bekannte  Mächtigkeit  des  „großen  Mittels",  der 
Reichhennei-sdoifev  Sanilsleine,  stammt  von  der  Fuchsgrube,  wo  das  Mittel  zwischen 
Liegend-  und  Hangend-Zug  310  in  betragt. 


32  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellsohal't  für  vaterl.  Kultur. 

3.    Undulierende  Lago,rung. 

Weiter  nach  Westen  schreitend,  begegnen  wir  dann  ab  und  zu  einer 
«ndulierenden  Lagerung,  so  im  Bahueinsclmitti)  bei  der  Fabrik  Villa  Nova 
im  Tale  des  Eathener  Wassers.  Eine  zweite  bedeutendere  Schichtenwelle 
konnte  nördlich  von  der  Tuntschendorfer  Mühle  am  Sttdabhang  des  Täuber- 
hlibels  und  jenseits  der  Landesgrenze  am  Täuberbusoh  beobachtet  werden. 
Ebenso  zieht  ein  dritter  Schichtensattel  von  den  EndebUschen  bei  Barz- 
dorf  das  Schwarzbachtal  entlang,  und  weiter  nördlich  von  Ottendorf  bis 
in  die  Höhe  von  Braunau.  Auf  der  „grauen  Flur",  700  m  nördlich  vom 
Popelbauerhof  wurde  die  tiache  Lagerung  auch  noch  konstatiert. 

Wenn  auch  die  Höhen ditferenz  zwischen  Sattel  und  Mulde  nicht 
erheblich  ist,  so  beweist  doch  das  Vorhandensein  wellenförmiger  Lagerung, 
daß  Dathes  Ansicht  eines  völlig  gleichartigen  Einfallen  und  einer  nor- 
malen Aufeinanderfolge  innerhalb  des  Schichtenkomplexes  nicht  richtig  ist. 

Es  folgt  dann  die  von  Dathe  in  dem  tiefsten  Horizonte  seiner 
Lebacher  Schichten  gestellte  „Eruptivstufe  mit  Ergüssen  von  Melaphyr, 
Augitporphyrit,  Poi-phyren,  Porpliyr-  und  Melaphyrtuflfen".  Hiermit  sind 
wohl  die  Melaphyrquellkuppen  des  Bieter  Busches,  des  Steinberges  und 
des  Huppnch  südlich  von  Tuntschendorf,  die  Porphyre  des  Kahlenberges, 
der  Hauptmann-  und  Dinterkoppe  nördlich  gemeint^). 

4.    Der  Rath  en-Tuntschendorfer  Porphyrgang. 

Weiter  nach  Westen  hatte  dann  Dathe  eine  dritte  Verwerfung  über- 
sehen, die  durch  das  Vorhandensein  eines  Porphyrganges  deutlich  auf 
ca.  8  km  Länge  verfolgt  werden  konnte.  Auf  demTäuberhttbel  nordöstlich  von 
Ottendorf  beginnend  erreicht  der  Gang  in  300  m  Abstand  vom  preußischen 
Zollamte  Tuntschendorf  die  Landesgrenze,  folgt  ihr,  im  Steinetal  durch 
Alluvialbildungen  verdeckt,  dann  wieder  zu  Tage  tretend  bis  zur  Kolonie 
Schcidewinkei.  Der  Porphyrgang  streicht  dann  an  der Pieichenforster Schmiede 
vorüber,  überschreitet  die  Quellarmc  des  Schlagwassers  in  der  Richtung  auf 
Schloß  Käthen  zu.  Er  setzt  dann  unter  den  schmalen  Alluvialbildungen 
des  Rathener  Wassers  hindurch  auf  das  Südufer,  wo  er  in  einem  Bahn- 
einschnitt der  neuen  Nebenstrecke  Mittelsteine— Wünschelburg  aufgeschlossen 
ist.  Weiter  nach  Süden  zu  ist  es  noch  nicht  gelungen,  ihn  aufzufinden^). 
Der  Gangoharakter  dieses  Gesteines  wird  dadurch  erwiesen,  daß  in  flach 
gelagerten  Schichten  ein  teils  breiterer  teils  bis  auf  8  m  verschmälernder 
Eruptivzug   auf   8  km   geradliniger  Entfernung  verfolgt  werden  konnte. 

Das  Porphyrgestein  selbst  ist  nach  dem  Urteile  des  Herrn  Professor 
Milch"),   dem  ich  Handstücke  vorlegte,  ein  typischer  Ergußporphyr,  nicht 

1)  vergleiche  das  beigel'ügie  Profil  H. 

,2)  Die  Orientierung  in  dem  Dathesohen  Profil  ist  sehr  ersoliweit,  da  es 
vermieden  ist,  Orientierungspunkte,  wie  Täler,  Flüsse  oder  Ortschaften  anzugeben. 

«)  Weäthch  von  den  Kalköfen  über  dem  grünen  Hof  zu  Niedersteine  wurde 
aucti  I  orphyr  nachgewiesen. 

*)  Dem  ich  hierfiir  auch  an  dieser  Stelle  meinen  besten   Dank  sage 


11.  Abteilung.    Naturwissenschaftliche  Sektio: 


33 


ein  'J'uff.  Er  neigt  ebenso  wie  der  des  Walditzer  Ganges  zu  kugliger 
Absiiiiderung.  Infolge  von  Zersetzung  ist  die  Grundmasse,  in  der  ver- 
blaute Feldspätlie  eingebettet  sind,  grünlich  gefärbt. 

Das  Verhalten  in  dem  Bahnanschnitt,  der  kurz  vor  der  Haltestelle 
Nieder-Rathen- Albendorf  gelegen  ist,  zeigt  deutlich,  daß  auch  hier  der 
Sprung  Absenkungen  in  gleichem  Sinne  wie  der  Steinetal-  und  der  Eckers- 
dorfer  Bruch  hervorgerufen-  hat.     Siehe  Profd  III. 

Hervorgehoben  sei  noch,  daß  der  Porphyr  an  einigen  Stellen^)  die 
durchbrochenen  Schichten  im  Kontakte  verändert  hat.  So  sind  die  roten 
Sandsteine,  die  an  den  Kathener  Porphyrgang  herantreten,  durch  Kontakt- 
metamorphose entfärbt  und  zeigen  als  charakteristische  Erscheinung  der 
Hitzewirkung  zahlreiche  kleine  Glimmerscbüppchen  ausgeschieden.^) 

d.  Versuch  einer  neuen  Gliederung. 
Betrachtet  man  nun  unter  Berücksichtigung  der  besonders  im  letzten 
Punkte  erbrachten  Tatsachen  die  komplizierte  Rotliegendteilung  Dathes, 
80  ergibt  sich  eine  sehr  erhebliche  Vereinfachung.  Denn  durch  die  drei 
erwähnten  widersinnig  einfallenden  Staffelbrüche  sind  immer 
wieder  dieselben  Schichten  an  die  Oberfläche  gebracht. 

Daher  gehe  ich  folgende  Teilung: 
C.   Oberrot- ^  V.  Tonige  Sandsteine  mit  KnoUenkalkflötzen  („QucUkalkon")^) 
liegend.      flV.   Grobe  Konglomerate. 

/HI.  Feine  rote   Sandsteine,   tonig,  meist  fossilleer  mit  bunten 
„Braunauer  Kalken"  (diese  mit  Amphibipien ,  Amblypterus 
vratislaviensis,  Walchien). 
Ul.   Graue    Schiefer,    z.  T.  sandig    oder    malacbitführend   mit 
B.    Mittel-   j         Palaeanodonta  und  Einlagerungen   von  schwarzen  Brand- 
rot-       \         schiefern:  „Ottendorfer  Kalke"  mit  Amblypterus  Rohani, 
liegend.      1         A.  luridus,  Palaeanodonta,  Callipteris  und  Walchia«''). 

I    I.  Rote   Sandsteine:  „Neuroder  Bausandsteine"  mit  tonigen 
r  pflanzenführenden   Zwischenlagen,    aus    denen    auch    die 

I  Palaeohatteria   bekannt   geworden  ist,   zu  unterst  gröber 

werdend  und  in  Konglomerate  übergehend. 
A.   ünterrotliegend.     (Fehlt  in  dieser  Gegend.) 

Diskordanz. 

Obercarbon:  Xaveristollener  Schichten*). 

1)  z.  B.  auf  der  Höhe  über  dem  Rathener  Schloss.  Ken-  Professor  Milch  halte  die 
'iüie,  die  Deutung  der  mitgebrachten  Stücke  als  Contaotmetamorphose  zu  bestätigen. 

2)  Diese  dtirften  mit  den  Sohömberger  und  Trautliebersdorfer  identifiziert 
werden. 

3)  Auch  mit  schwachen  Kohlenflötzen,  so  im  Höllengraben,  wo  auf  ein  0,03  m 
'nächtiges  Flötz  Ende  der  60er  Jahre  die  Mutung  „Selbsthilfe"    eingelegt   wurde. 

•1)  Es  sei  gestaltet,  diese  Teilung  mit  der  Dat besehen  in  einer  Tabelle  zu 
\'eveinigen,  siehe  Seite  36  u.  37  Tabelle. 

1904.  3 


34  Jahresbevicht  der  Schles.  Gesellschaft,  für  vaterl.  Cultur. 


Mittel-,  nicht  Unter-Rot liegßiides. 

Die  Zureclmung  des  gesamten  Schichtenl^omplexes  mit  Ausnahme  der 
hangenden  Partien  zum  Mittelrotliegenden  ist  schon  erörtert.  Jedenfalls 
fehlen  die  Unterrotliegendschichten  hier  bei  Neurode  völlig;  denn  es  ist 
auch  nicht  die  geringste  Andeutung  der  Unterrotliegenden  schwarzen 
Tonschiefer  hier  vorhanden,  die  bei  Grüßauisch- Albendorf  sogar  flötz- 
ftihrend')  entwickelt  und  zeitweise  durch  den  Bergbau  der  „Neue  Gabe- 
Gottes -Grube"  erschlossen  sind. 

Diskordanz  zwischen  Mittel-  und  Oberrotliegendem? 

Die  Frage,  ob  zwischen  Mittel-  und  Oberrotliegendem,  wie  Dathe 
annimmt,  eine  Diskordanz  vorliegt,  soll  hier  nicht  erörtert  werden.  Zwar 
deuten  die  an  der  Basis  des  Oberrotliegenden  entwickelten  Konglomerate 
auf  tektonische  Veränderungen  und  Neubelebung  der  Wildbachtätigkeit 
hin.  Ob  aber  diese  Veränderungen  so  bedeutende  sind,  um  eine  Diskordanz 
zu  rechtfertigen,  kann  zunächst  bei  dem  Mangel  an  deutlichen  Aufschlüssen 
nicht  mit  genügender  Sicherheit  behauptet  oder  verneint  werden. 

c.    Oberrotliegendes.     Zur   Frage    der  Wüstenbi  Iduug. 

Ebenso  wie  die  Gerolle  der  unterrotliegenden  Konglomerate,  tragen 
auch  die  der  oberen,  wie  besonders  südlich  von  Barzdorf-Weckersdovf  zu 
beobachten  ist,  die  charaktei-istische  Rundung  der  im  flieJäenden  Wasser 
bewegten  Geschiebe.  Nirgends  wurde  bisher  ein  Kantengeschiebe  oder 
sonst  etwas,  was  an  die  Arbeit  des  Windes  erinnert,  aufgefunden. 

Auch  für  den  deutschen  Buntsandstein,  dessen  Wüstenursprung  Wo it- 
hofer  als  bewiesen  annimmt,  ist  inzwischen  von  E.  Philipp i  in  der 
Lethaea  mesozoica  gezeigt  worden,  daß  nur  Huviatile  Entstehung  in  Frage 
käme.  Ein  trockner  und  kälter  Werden  des  Klimas  ist,  wie  Frech  ver- 
schiedentlich erwähnt,  für  das  Rotliegende  Böhmens  erwiesen;  aber  für 
die  Hypotliese  einer  reinen  Wüstenbildung  des  Eotliegende» 
reichen  die  bisherigen  Beweise  nicht  aus. 

Diese  oberrotliegenden  Konglomerate^)  setzen  die  langwelligen  Höhen- 
rücken im  Südwesten,  so  z.  B.  zwischen  Barzdorf  und  Scheibau  zusammen. 
Sie  werden  von  roten  milden  Tonschiefern  und  Schiefertonen  überlagert, 
in  deren  tieferen  Horizonten,  stellenweise  direkt  an  der  Grenze  gegen  die 
Konglomerate -bunte  Knollcnkalke  sich  in  Nestern  einstellen. 

Das  Gelände  steigt  allmählich  weiter  an  und  kulminiert  in  den 
schroffen  Kreidefelsen^)  der  Heuscheuer  und  des  Braunauer  Sternes.  Den 
Abhang  bedecken  zahllose  TrUmmer  des  weißgelben  Quadersandsteines, 
der  durch  die  bei  der  Transgression  umgearbeiteten  Rotiiegendschicliten 
in  seinen  unteren  Partieen  gelb  bis  rot  gefärbt  ist. 

.1)  Das  FlöU  der  „Selbsthilfe -Grube"  gehört  zu  II. 
^)  Die  schon  auf  der  alten  Karte  meist  richtig  kartiert  sind. 
3)  Die  Bearbeitung  der  Kreide  von  K.  Flegel  erscheint  demnächst. 


L. 


k 


II.  Abteilung.     Naturwi.s^enschaftliche  Sektion. 


Ergebnisse: 

1.  Das  Mittelsteiner  Carbonvorkommen  stellt  einen  auf  den  südlich 
anstehenden  Möhltener  Urschiefern  aufsitzenden  keilförmigen  Horst  dar, 
der  gegen  NNO  und  gegen  SW  von  divergierenden  Brüchen  begrenzt 
wird. 

2.  Das  Mittelsteiner  Carbonvorkommen  gehört  den  Reichhennersdorfer 
Schichten  an  (=  Sattelflötzhorizont). 

3.  Die  Eckersdorfer  Carbonmulde  ist  zwischen  zwei  Brüchen  ein- 
gesenkt: Eckersdorfer  Flötzgraben.     Analogie:  Der  Lähner  Graben. 

4.  Die  hangende  Plötzpartie  der  Wenceslausgrube,  die  hangenden 
Flötze  bei  Waidenburg  (Amalienrösche)  gehören  ebenso  wie  die  hangenden 
Partien  der  Rubengrube  der  oberen  Saarbrücker  Stufe  an. 

5.  Das  Carbon  der  Wilhelminagrube  bei  Zdiarek  steht  dem  Alter 
nach  zwischen  den  Xaveri-  und  Idastollener  Schichten,  dürfte  also  etwa 
dem  Piesberg-Carbon  und  dem  von  Ibbenbüren  gleichzustellen  sein. 

6.  Die  Rotliegendschichteu  von  Neurode  sind  mittelrotliegenden 
Alters.     Das  ünterrotliegende  fehlt  infolge  einer  Diskordanz. 

7.  Die  nordwestlichen  Ausstrahlungen  des  Neißegrabens  haben  bei 
Neurode  das  Rotliegende  verworfen. 

8.  Durch  3  parallele  nahezu  im  Streichen  liegende  widersinnig 
einfallende  Staffelbruche  ist  bei  Neurode  eine  viermalige  Wiederholung 
des  gleichen  Mittelrotliegend-Schichtenkomplexes  bedingt. 


36 


Jahresbericht  der  Sohles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultiir. 


111.  obere  Sandsteine  mit 
roten  Kalken  (Brau- 
naue r) 
IL  graue  oder  schwarze 
,,Anthraco8."-Scliiefer 
und  schwarze  Kallie 
(Ottendorfer) 
1.  untere  Sandsteine  (z.  t. 
tonig)  U.Konglomerate 


IlL 
11. 


Oegeuüberstellung  der  Gliederung  Datlie's'! 

Oberrotliegendes. 
14.  Rötheischiefer,    dunnbänkige    grauröt- 
liche Sandsteine  und  Kai  klager  (Brau- 
nauer  Kalke) 
13.  Graue  Walcliienschiefer   u.  Sandsteine 
mitKalkstcinflötzen(Ottendorfer 
Kalk) 
12.  Eruptivstufc       (Melaphyr,       Porphyr)  g_A 
Walchienschiefer       und     Kalkstein-  S^ ' 
flötze.  £- 

Rathen-Tuntschendorfer  0- 

Porphyrgang.  'S 

Obere    Bausandsteine    mit    rotbraunen  ^  1 
Kalksteinflötzen    (Braunauer   Kalk)^/ 


11 


1)  Für    die   Dathesche    Glied  ei 
gewählten  Nummern  I — III. 


10.  Oberste  braunrote  Schiefertone 

9.  Graue  Arkosesandsteine  mit  Kohlen- 
flötzen  u.  schwarzen  „Anthracosin"- 
Schiefer  (Ottendorfer  Kalk) 

b.  Rotbraune  Schiefertone,  graue  Arkose- 
sandsteine u.  grauschwarze  Walchien- 
scliiefer  (Walchia). 

Steinetalsprung. 

7.  Porphyrtuife 

6.  Hellrotbraune  Bausandsteine  mit  Kalk- 
steinflötzen (Braunauer  Kalke) 

5.  Rotbraune    Konglomerate    und    Sand- 
steine   m.    scliwarzen  „Antbracosien"- 
Schiefer  (Ottendorfer  Kalke). 
Kontakt. 

4.  Lyditkongl. ,  graue  Arkosesandsteine, 
Kohleschmitzen. 

Walditzer  Porphyrgang. 

3.  ,,Anthracosien"- Schiefer  mit  dünnen 
Kalksteinflötz.  (Zweischaler  u.  Pllanzen) 
(Ottendorfer  Kalke) 

2.    Botbraune     Schiefertone     und     diinn- 

plattige    Sandsteine    (Walchia,    Odon- 

topteris) 

1.   Kotbr.    Sandsteine    und  Konglomerate 

m.  Porphyrgeröllen  (Walchia  „Saurier' ) 

die    7  +  4  +  2  +  1  Stufen    ausscheidet,    ist 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


"'Hl  des  neuen  (xliederungsversuches. 


ÜI, 


Hellrotbr.  Bausand- 
steine m.  KaUfsteinflötz. 
jl   _   (Braun.  Kalke) 
'  ^-  niitschwarzen„Anthra- 
cosien"-Schief.(Otteu- 
j       dorfer  Kalke) 
■  ^'  Rotbr.      Kongl 
U.  Sandsteine. 
i,  j      Kontakt, 
r  .i^yditkonglomerate,   grai 
(Kose  -  Sa    -      ■  "  ■  ■ 

'ttiUzen 


'  11.  Obere  Bausandst.  m. 
j        rotbr.    Kalksteinflötz. 
)  10,  Oberste        braunrote 
Scliiefertone 
9.  Graue      Arkosesand- 
steine  m.  Kohlenflötz. 
u.schwarzen„Anthra- 
cosien"-Schiefern 
8.  Rotbr.    Schiefertone, 
graue       Arkosesand- 
steineu.grauschwarze 
Walchienschiefer 
7.  „Porphyrtuffe" 


Oberrotliegendes 
(Diskordanz?) 


14.  Rötheischiefer,  dünn- 
bänk.  Sandsteine  u. 
Kalklager  (B  r  a  u  n  a  u. 
Kalk) 

13.Gra.ueWalchienschief. 
u.  Sandsteine  m.Kalk- 
steinflötzen  (Otteu- 
dorfer  Kalk) 

12.  Eruptivst.  (Melaphyr, 
Porphyr)  Walchien- 
sohief.  u.  Kalkstein- 
flötz. (Ottend.  Kalk) 


Ziffern  gewählt,   die    andere  entspricht  den  in  der  Arbeit 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


Über  Steinkohlenformation  und  Rotliegendes  bei  Landeshut, 
Schatzlar  und  Schwadowitz. 


Joh.  Herbing. 

Einleitung. 
Die  ältere  Literatur  über  das  Karbon  und  Rotliegende  der  nieder- 
sclilesisch- böhmischen  Steinkohlenmulde  ist  durch  die  Aufnahmen  von 
Beyrich,  Rose,  Roth  und  Runge^)  und  namentlich  durch  die  Arbeiten 
Schützes  überholt  worden.  Es  soll  daher  auf  jene  älteren  Erscheinungen^) 
nicht  eingegangen  werden,  da  Schütze  sie  in  seinen  Werken  ausführlich 
bespricht. 

Bereits  1865  veröffentlichte  Schütze  als  Mitarbeiter  vonGeini  tz")  einen 
kurzen  Aufsatz  über  das  ,,Niederschlesisch-böhmische  Steinkohlenbecken". 
Durch  den  Verkehr  mit  Stur  und  Weiß  und  eine  17jährige  Forschungs- 
und Sammeltätigkeit  wurde  es  ihm  möglich,  in  seinem  Hauptwerke'^)  eine 
genaue  Stufeneinteilung  des  produktiven  Karbon  in  Niederschlesien  und 
Böhmen  kartographisch  sowohl  wie  pflanzenpaläontologisch  durchzuführen, 
die  im  wesentlichen  noch  heute  Geltung  hat.  Er  gibt  folgende  Gruppierung-"^) 
der  Flözzüge: 
V.  Stufe.       Der  Radowenzer  Flözzug  (Obere  Ottweiler 

Schichten  Weiß,   Radowenzer   Schicliten       Oberes 

Stur)  mit  der  5.  Flora. 
IV.  Stufe.      Der  IdastoUner  Flözzug  (Untere  Ottweiler 

Schichten  Weiß,  Schwadowitzer  Schichten     Mittleres 

Stur)  mit  der  4.  Flora. 
III.  Stufe,      üer    Waldenburger    Hangendzug    (Saar- 
brücker     Schichten    Weiß,     Schatzlarer 

Schichten  Stur)  mit  der  3.  Flora. 
II.  Stufe.      Der  Waldenburger  Liegendzug  (Waiden-      Unteres 

burger    und    Ostrauer    Schichten    Stur, 

Ober-Kulm  Stur)  mit  der  2.  Flora. 


Ober- 
'  karbon. 


1)  Geognostische  Karte  vom  Niederschlesischen  Gebirge  und  den  umliegenden 
Gegenden  1865  und  die  von  Roth  zusammengestellten  Erläuterungen  von  1867  mit 
einer  bis  dahin  vollständigen  Literaturangabe. 

2)  Werke  von  Zobel  und  v.  Garn  all  (lU.  u.  IV.  Band  von  Karstens  Archiv 
1831  u.  1832),  von  v.  Wavnsdorf,  Semenow,  Göppert  u.  Beinert. 

3)  Geinitz,  Steinkohlen  Deutschlands  und  anderer  Länder  Europas,  München 
1865  Bd.  1,  Kap.  8  S.  209—237. 

*)  Schütze,  Geognostische  Darstellung  des  niederschl.-bohnusch.  Steinkohlen- 
beckens, Berhn  1882. 
■')  1.  c.  S.  13. 


II.  Abteilung.     Niitnrwissensohaftliche  Sektion. 


I.  Stufe,      Kolilenkalk  und  Kulm  (Unter-Kulm  Stur)  Unler- 

mit   der  1.  Flora.  karbon. 

Als  Weiterführung  der  Schütz  eschen  Angaben  gelang  esPotonie,') 
den  5  Floren  2  neue  hinzuzufügen.  Er  wies  2  Mischfloren  nach,  von 
denen  er  eine,  die  „Reichhennersdorf-Hartaucr  Schichten''^)  zwischen 
Liegend-  und  Hangendzug  als  Flora  3^)  und  die  andere  als  Flora  5  = 
Xaveristollner- Schichten  zwischen  die  Schatzlarer  und  Schwadowitzer 
Schichten  Sturs  einfügte.  Diese  letzteren  waren  schon  von  älteren  Autoren'') 
als  „steilstehender  Flözzug  von  Schwadowitz"  dem  „flach  fallenden" 
(=  Idastollner  Pot.)  gegenübergestellt,  floristisch  jedoch  noch  nicht  abge- 
trennt. 

Weithofer^)  endlich  schied  auf  der  seiner  Abhandlung  beigegebenen 
Karte  zwischen  Idastollner  und  Piadowenzer  Schichten  den  Zug  der  ,,Hexen- 
stein-Arkosen"  aus  und  stellte  ihn  der  mittleren  Ottweiler  Stufe  gleich. 
Auf  österreichischem  Gebiet  ist  die  weitere  Teilung  der  Saarbrücker  Stufe 
bisher  durchzuführen  noch  nicht  gelungen.  Daher  faßt  auch  Weithofer 
Schatzlarer  s.  str.  -\-  Xaveristollner  als  „Schatzlarer  Schichten"  im  weiteren 
Sinne  zusammen.  Ebenso  verwies  er  das  Unter-Rotliegende  der  alten  Karte 
ins  Karbon  bis  auf  einen  kleinen  Gebietsteil  nord- nordwestlich  Werners- 
dorf, in  dem  die  zu  behandelnden  Kupferlager  gelegen  sind.  Seine  Arbeit 
ist  die  beste,  die  bisher  über  den  österreichischen  Anteil  an  der  Nieder- 
schlesisch-böhmischen  Karbonmulde  erschienen  ist. 

Die  Aufnahme tätigkeit  des  Verfassers  beschränkte  sich  zunächst  auf 
das  produktive  Steinkohlengebirge  und  das  Rotliegende  der  Exkursions- 
karte")  westlich  der  Kreideausfüllung  der  Mulde  und  reichte  etwa  von 
Zbecnik  bis  Reichhennersdorf.  Interessante  einem  glücklichen  Zufall  zu 
dankende  Funde  fossiler  Pflanzen  veranlaßten  aber  eine  Ausdehnung  der 
Arbeit    nördlich    über    das  Gebiet    der  Exkursionskarte    hinaus   bis   in    die 


1)  Potonie,  Die  floristischi!  Gliederung  des  deutschen  Karbon  und  Penn. 
Glückauf  1896. 

2)  Dathe  nennt  (Zeitschr.  d.  D.  geol,  Ges.  1902)  dieses  tlözleere  Mittel  „Weiß- 
steiner Schichten",  ein  Name,  welcher  aus  Prioritätsrücksichten  hier  nicht  gewählt 
worden  ist.  Wir  nennen  dieses  Mittel  hier  der  Kürze  halber  immer  nur  „Reich- 
liennersdorfer  Schichten". 

3)  Potonie,  Die  floristisclie  Gliederung  des  deutschen  Karbon  und  Perm. 
Berhn  1896,  S.  14/15. 

i)  Vgl.  Jokely,  Steinkohlenablagerungen  von  Sohatzlar,  Schwadowitz  etc. 
Jahrb.  der  k.  k.  geol.  Reichsanst.  1862.     Verhandl.  S.  169  ff.  imd  Schütze  1.  c.  S.  5. 

6)  Weithofer,  Der  Schatzlar-Schwadowitzer  Muldenflügel  des  Niederschles.- 
böhmischen  Steinkohlenbeckens,  Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  Reichsanst.  1897,  S.  454—478. 

6)  Geolog,  Exkursionskarte  des  [leuscheuer-  und  Adcrsbaidi-Weckelsdorfer 
Gebirges.     Breslau  1904 


40 Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

Umgegend  von  Landeshut,. i)  Außer  diesem  neuen  Oberkarbo  n  2)  bei 
Landeshut  soll  die  iVrbeit  des  Verfassers  neuere  Beobachtungen  aus  dem 
eben  begrenzten  Gebiete  der  Exjiursionskarte  bringen.  Die  Reihenfolge 
ergibt  sich  von  selbst  aus  dem  Alter  der  Schichten,  die  behandelt  werden 
sollen  vom  Liegenden  zum  Hangenden,  vom  Unterkarbon  zum  Rot- 
liegenden. 


ievor 


■  die  Ergebnisse  der  Aufnahmen  im  folgenden  niedergelegt  werden, 
sei  es  gestattet,  allen  den  Herren  zu  danken,  die  dem  Verfasser  bereit 
willigst  ältere  Aufzeichnungen  und  Fossilien  überlassen  haben.  Ihnen  allen 
namentlich  zu  danken  verbietet  mir  der  beschränkte  Raum  dieser  Zeilen. 
Besonders  aber  bin  ich  Herrn  Bergwerksdirektor  a.  D.  Schönknecht- 
Landeshut  verpflichtet,  dessen  Sammlung  so  manches  wertvolle  hier  ver- 
wendete Stück  von  Landeshut  und  aus  Albendorf  (Bez.  Liegnitz)  entstammt; 
ebenso  auch  Herrn  Rentner  Thomas-Landeshut,  der  in  selbstloser  Weise 
mich  auf  einem  Teil  der  Aufnahmen  und  ßcgeliungen  in  Landeshuts  näherer 
und  fernerer  Umgebung  begleitete. 

Vor  allem  aber  möchte  ich  meinen  hochverehrten  Lehrern,  Herrn 
Professor  Dr.  Fr.  Frech,  der  mich  auf  dieses  Gebiet  aufmerksam  machte 
und  mich  im  Verein  mit  Herrn  Professor  Dr.  Milch  S)  in  liebenswürdigster 
Weise  bei  der  Anfertigung  der  Arbeit  unterstützt  hat,  an  dieser  Stelle 
meinen  aufrichtigsten  Dank  aussprechen. 

Rundblick  vom  Einsiedelberge. 
Nicht  so  deutlicli  wie  in  der  Grafschaft  Glatz  heben  sich  die  Schichten- 
folgen topographisch  in  dem  zu  behandelnden  Gelände  ab.  Auf  dem  West- 
abhang des  Einsiedelberges  nördlich  von  Liebau  vom  Bethlehemer  Wege 
aus  sieht  der  Beschauer  zu  seinen  Füßen  den  raittelrotliegenden  Porphyr  mit 
seinem  westlichen  Steilabfall.  Darunter  lagern  sich  ziemlich  am  Fuße  des 
Berges  an  der  Chaussee  die  Schichten  des  Rotliegenden  an,  die  durch  eine 
oberflächlich  nicht  wahrnehmbare  Diskordanz  von  den  Schatzlaror  Schichten 
getrennt  sind.  Eine  nord-süd  verlaufende  Reihe  von  Schürfhalden  des 
ehemaligen  Bergbaues  markiert  den  Verlauf  der  Reichhonnersdorfcr  Schichten, 
die  mit  den  Schatzlarer  Schichten  zusammen  das  im  Bobertale  abgelagerte 
Oberkarbon  dieser  Gegend  darstellen. 


1)  Von  der  geplanten  Fortsetzung  der  Exkursionskarte  nordwärts  wurd<3  Ab- 
stand genommen,  weil  es  den  Anschein  hatte,  als  ob  die  im  yonimer  190-3  durch 
die  ICrankheit  des  Herrn  Landesgeologen  Dr.  E.  Dathe  unterbroclieiien  Aufnahmen 
im  Sommer  1904  fortgesetzt  werden  sollten. 

2)  Vergl.  des  Verf.  briefliche  Mitteilung  im  „Zentralblatt  für  Min.  etc,"  1004, 
S.  403—405. 

3)  Bei  den  petroKrapiuscIien  Bestimmungen  der  Gesteine. 


11.  Abteilung.    Naturwissenschaftliche  Sektion.  41 


Man  erblickt  hier  hart  an  der  Grenze  rler  Unterkarbonsedimente  die 
Sandgrube,  aus  der  der  für  die  ßetonarbeiten  der  Buchwaldcr  Talsperre 
nötige  Sand  gewonnen  wird.  Das  IJnterkarbon  hebt  sicli  mit  seineu  sleilen 
Konglomeralhülien  scliarf  von  diesem  unter  den  Boberalluvien  verborgenen 
Oberkarbon  ab,  und  den  Westrand  des  Gesamtbildes  bilden  die  krystallinen 
Scliiefer  des  Riesengebirges.  So  haben  wir  hier  ein  vollständiges  Bild 
der  nachstehend  behandelten  Schichten  erhalten,  dem  nui'  das  hier  nicht 
entwickelte  Oberkarbon  der  höheren  Horizonte  fehlt. 

I.   IKis  Uiiterkarboii  von  Landeshut^)  und  die  HeicliheiiTiersdorfer 
Schichten  Pot. 
Unterkarbon. 

Die  Masse  der  Unterkarbonsedimente,  unterkarbonischer  Pflanzengrau- 
wacke,  sogenannten  Kulms, ^)  im  ganzen  behandelten  Gebiete  besteht  der 
Hauptsache  nacli  aus  mehr  oder  weniger  groben  Konglomeraten,  zwischen 
denen  nuf  vereinzelt  Sandsteine  und  Tonschiefer  auftreten.  Beyrich 
unterscheidet  petrographisch  zwei  besonders  hervortretende  Konglomerat- 
zijge,''')  deren  liegender,  im  wesenthchen  am  Rande  der  krystallinen  Schiefer 
von  Kunzendorf  an  verläuft.  Der  hangende  Konglomeratzug  bildet  etwa 
die  Grenze  der  produktiven  Steinkohlenformation,  soweit  das  Gebiet  der 
Exkursionskarte  in  vorliegender  Arbeit  in  Frage  kommt.  Er  beginnt  bei 
Tschöpsdorf,  erreicht  im  Schartenberge  bei  Buchwald  mit  723,7  m  seine 
höchste  Erhebung  und  verläuft  im  Kartengebiete  über  die  Höhen  westlich 
von  Blasdorf.  Weiter  bilden  die  Konglomerate  des  Zuges  ,,die  niedrigen 
Höhen  zwischen  Nieder-Schreibendorf  und  Landeshut,  und  gehen  zwisclien 
Vogelsdorf  und  Ruhbank  auf  das  rechte  Boberufer  ülser". 

Einen  besonders  guten  Aufschluß  bietet  der  Bau  der  Talspeii-e  bei 
Buchwald  am  südlichen  Abhänge  des  Schartenberges.  Die  Schichten 
streichen  hier  N  35  W  und  fallen  mit  ca.  bO  '^  gegen  SO  ein.  Es  steht 
im  Gegensalze  zu  den  Konglomeraten  des  Oberkarbon  hier  ein  überaus 
festes  dunkelbraunes,  etwas  ins  siennafarbene  spielendes  Konglomerat  an, 
in  dem  weiße  Gangquarze*)  zurücktreten,  während  Phyllite  und  Quarzite 
vorwiegen.  Eingelagert  sind  nicht  wie  in  den  oberkarbonischen  Konglo- 
meraten weiße  bis  graue  Sandsteine,    sondern  grünlichgrau  gefärbte  Grau- 


1)  Bis  zur  Landesgrenze  nördlich  Bober  bei  öcliwarzwasser. 

ü)  Frech,  Lethea  geognostica  2.'Band.  Stuttgart  1897—1902  S.  323  (Tabelle) 
gliedert  das  Unierkarbon  in  der  Grafschaft  Cllatz  in  3  Zonen:  Oben  Schiefer, 
Pflanzengrauwacke  und  Konglomerate  mit  eingelagerten  Kalkbänken,  Kalke  mit 
Productus  sublaevis  und  unten  die  Gneiskonglomerate. 

3)  Roth,  Erläuterungen  1867  S.  323—324. 

*)  Im  Oberkarbon  wiegen  in  scharfem  Gegensatze  dazu  diese  Gangquarze  vor. 


i 


42  Jaliresbericht  der  Scbles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


wackensandsteine.     Das  Gefüge  ist  ebenfalls  wie  am  später  zu  behaiidelnden 
Leuschnerberge,  östlich  Landeshut,  ein  schuttkegelartiges. 

Dieses  feste  Gestein  ist  für  die  Pundierung  einer  Talsperre  und  als 
Stützpunkt  für  die  große  Sperrmauer  derselben  überaus  geeignet,  ganz  ab- 
gesehen davon,  daß  die  Härte  dieses  Konglomerates  hier  gleichzeitig  eine 
Verengung  des  Bobertales  veranlaßt,  und  die  Sperrmauer  so  gewissermaßen 
eine  Brücke  zwischen  den  Konglomeraten  der  südlichen  Höhen  und  dem 
Schartenbergzuge  herstellt.  Eine  gleiche  Anlage  in  den  weicheren  Kon- 
glomeraten  des  Oberkarbon  wäre  undenkbar  gewesen. 

Eruptivgesteine. 

Wenn  von  dem  Sattelwaldporphyr  abgesehen  wird,  tritt  als  einziges 
bisher  auf  den  geologischen  Karten  abgegrenztes  Eruptivgestein  der  Por- 
phyrzug zwischen  Alt-  und  Neu -Weißbach  auf,i)  der  hier  den  Mühl-, 
Zinnseilen-,  Buch-  und  Bärberg  zusammensetzt.  Seine  höchste  Erhebung 
bildet  der  Bärberg  mit  766,3  m;  am  westlichen  Fuße  des  Mühlberges 
schießen  die  Schichten,  wie  schon  Schütze  betonte,  dem,  Hauptfallen  der 
ganzen  Ablagerung  entsprechend,  ostwärts  unter  den  Porphyr  ein,  während 
am  Ostabhange  des  Bärberges  ein  steileres  Fallen  nicht  zu  bemerken  war. 

Das  Orthoklasporphyrvorkommen  am  westlichen  Boberufer  unweit 
Ruhbank  bei  Merzdorf,  das  auf  den  geologischen  Karten  bisher  fehlt,  ist 
schon  von  Schütze^)  angeführt  worden. 

Gedacht  sei  noch  eines  Glimmerporphyrites  mit  kcrsanti tisch ern  Ha- 
bitus,''') der  an  einigen  Stellen  gangartig  zutage  tritt,  beispielsweise  am 
Wege  vom  „Aurelienschacht"  im  Kreppelwalde  nach  Krausendorf  und  an 
der  alten  Schreibendorfer  Straße.  Im  Felde  der  Grube  „Martin"'"')  soll  er 
das  Hangende  des  Fundflözes  bilden.  Dieser  Porphyrit  tritt  immer  im 
Hangenden   des  erwähnten  Beyrichschen    hangenden  Konglomeratzuges  auf. 

Organische  Reste. 
Die  Fauna  mid  Flora  des  Landesliuter  Kulm  ist  von  Schütze 
tabellarisch  übersichtlich  zusammengestellt,'^)  so  daß  es  sich  erübrigt,  hier 
näher  darauf  einzugehen.  Die  auf  Figur  1  wegen  ihres  guten  Erhaltungs- 
zustandes abgebildete  Cardiopteris  polymorpha  Göppert  entstammt  der 
Sammlung  des  Herrn  Hauptlehrer  Patschovsky  in  Dittersbach  bei  Liebau*") 
und  stimmt  mit  dem  Göppertschen  Originale  vollständig  überein.') 


\  Schütze,  1.  c.  S.  37—39  u.  Roth,  Erläuterungen  1867  S.  324  f. 
2)  Schütze,  1,  c.  S.  238  unten. 

•1)  Nacli  freundlicher  Üntersueliung  von  Herrn  Professor  Dr.  Milch. 
't)  Nach  mündlicher  Angabe  des  Herrn  Thomas -Landeshut. 
5)  Schütze,  \.  c.  S.  62—69. 

")  Gypsabguß  des  Originals  im  Museum  des  Breslauer  geol.  Inst. 
')  Herrn  Patschovsky    möcbic    ich    an    dieser    Stelle    für   die  tTberlassung 
dieses  Prachtstückes  nochmals  verbindlichst  danken. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


43 


J<'igur  1.     Cui-flioplei'is  pol.i (.Ii.,  mopp.)  Schini.  aus  Oppau. 

(gez.  nach  einet-  Photngrnpliie  vnm  Vevf.  u.  Dr.  Loeschmann)  etwas  verkleinert. 

Das    Gebiet    übci-   dem    oberen   Konglomeratzuge 
wurde    bislier   allgemein    dein  Unterkarbon   oder  Kulm  zugesprochen.     Aus 
diesen  hängenderen  Partien  sind  bisher  bei  Landeshut  nur  Asterocalamites 
scrobiculatus   (Göpp.)    Pot.   und  Lepidodendron,   namentlich  Lepidodendron 


k 


44  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschiift  iui-  vaterl.  Cultur. 


Veltheimianam  Sternbg.  in  teilweise  selir  gut  erlialtenen  Riesenexemplaren 
bekannt  und  beschrieben i)  worden,  dagegen  gehörten  Funde  von  Farnen  und 
SigiUarten  bislang  zu  den  Seltenheiten.  Auch  die  mit  großem  Fleiße  von 
Oberlehrer  Hög  er -Landeshut  zusammengebrachte  Sammlung^)  enthält  aus- 
schließlich Asterocalamites  und  Lepidodendron.  Aus  dem  massenhaften 
Vorkommen  dieser  Pflanzen  war  wohl  der  Schluß,  gezogen  worden,  daß 
das  Landeshuter  Gebiet  dem  Kulm  angehöre. 

Jedoch  veranlaßte  das  häufige  Auftreten  von  Flözausbisson  in  diesem 
Gebiete  den  Verfasser,  diese  Anschauung  auf  ihre  Richtigkeit  zu  prüfen, 
zumal  Asterocalamites  scrobiculatus  (Göpp.)  Pol.  und  Lepidodendron  Velthei- 
mianum  Sternbg.  schon  längst  nicht  mehr  als  Leitpflanzen  des  Kulm  gelten, 
sondern  ihr  Vorkommen  auch  in  der  sudetisohen  Stufe  bekannt  ist.  Dazu 
kam  noch,  daß  ein  älteres,  nicht  veröffentlichtes  Gutachten  aus  1872')  das 
Landeshuter  Kulmgebiet  teilweise  für  Oberkarbon  erklärte,  und  ein  Ende 
1903  begonnener  Versuchsschacht  auf  Krausendorfer  Terrain  ein  Profil 
ergab,  welches  dem  Czettritzschen  Gutachten  nicht  zu  widersprechen 
schien.  Der  Beweis  für  die  Richtigkeit  dieser  Ansicht  konnte  natürlich 
erst  erbracht  werden,  nachdem  typisch  oberkarbonjsclic  Pflanzen  auf- 
gefunden waren. 

Das  ist  dem  Verfasser  gelungen.  Teils  gab  es  Belegstücke  für  diese 
Ansicht  bereits  in  der  Schönknech tschen  Sammlung,  teils  wurden  über- 
einstimmende und  andere  Spezies  auch  vom  Verfasser  im  Gelände  selbst 
im  April  bis  Mai   1904  gefunden.*) 

Vor  langen  Jahren  war  etwa  500  m  nordnordwestlich  des 
Bahnhofs  Landeshut  ein  tonnlägiger  ,, flacher"  Schacht  ,,Albinus"  an  der 
Reußendorfer  Straße  im  Betriebe.  In  diesem  liatte  Herr  Schön  knecht 
gesammelt : 

Sphenopteris  divaricata  Göpp.  (2  Exempl.), 

=  Larischi  Stur  spec.  (3  Exempl.), 

Mariopteris  muricata  (Schloth.)   Zeiller  (2  Exempl.), 
Ovopteris  typ.  Brongniartii  Stur. 
Alloiopteris  quercifolia  (Göpp.)  Pot.  und 


1)  Stur,  Kulmtlora  des  Mährisch-schlesisehen  Dachsohiefers.  Tiifel  XXXIX, 
Fig.  3a  u.  b  bildet  z.  B.  einen  solchen  Lepidodendron  Veltheinaianum  aus  Landes- 
hut ab. 

2)  Die  Reste  der  Sammlung-  werden  jetzt  im  Realg-ymnasium  Landeshut  auf- 
bewahrt und  sind  mir  in  dankenswerter  Weise  zur  Verfügung  gestellt  worden. 

3)  Das  Nähere  über  die  handschriftlichen  Quellen,  die  ich  Herrn  Ulogner- 
Freiburg  zu  danken  habe,  wird  später  erwähnt  werdeii. 

*)  Vgl.  des  Verfassers  briefliche  Mitteilung  im  Zentralblatt  für  Mineral,  etc. 
1904  S.  403-405. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  45 


Palmatojiteris  n    sp.') 
Diese  Funde   l)]ieben    nicht    allein.     Unter    der  Bezeichnung  „Roland- 
grube— Lenschnerberg"    übersandte  Herr    Schöuknecht  im  Februar  v.  J. 
noch  folgende  Spezies; 

Cardiopteris  cf.  polymorpha  (Göpp.)  Schimper, 
Sphenopteris  Larischi  Stur  spec.,^) 

=  divaricata  Göpp.,^) 

Mariopteris  muricata  (Schloth.)  Zciller  (schlecht  erhalten), ') 
Ovopterls  n.  sp., 
Pecopteris  dentata  Brgt.  (2  Excmpl.), 

cf.  dentata  Hrgt., 
Neuropteris  Schlehani  Star  (2  Exempl.). 
Die  Schiefer,  auf  denen  diese  Pflanzen  erhalten  waren,  stimmten 
genau  mit  denen  von  Reichhcnnersdorf  und  Concordiagruhe  (östlich  Landes- 
hut  bei  Forst)  überein  und  auch  einzelne  vorliegende  Stücke  vom  Paul- 
schacht der  Schles.  Kohlen-  und  Coakswerke,  „Segen  Gottes"  bei  Altwasser 
und  „Heddy"-MiLtelsteine  zeigten  in  ihrer  Struktur  und  ihrem  Aussehen 
keine  Abweichung  von  den  pflanzenführenden  Schiefern  der  beiden  Fund- 
punkte „Albinusschacht"  und  ,, Rolandgrube". 

JMehrtägige  Exkursionen  in  dem  fraghchen  Gebiete  unter  Zugrunde- 
legung der  Aufnahmeblätter  früherer  Kartierübungen  des  Breslauer  Institutes 
brachten  neue  Beweise.  Das  Abklopfen  der  alten  Halden  von  „Aurelie" 
im  Kreppelwalde  und  des  alten  verschütteten  ,, Johannesschachtes"  nördlich 
von  diesem  auf  Krausendorfer  Gemarkung  lieferte  folgende  Pflanzen: 

1)  Bei  der  Bestimmung  von  Sphenopteris  divaricata  hat  mir  das  im  Breslauer 
Museum  belindüche  Stur  sehe  Original  (Kulmflora  Tafel  XIII  la  u.  b)  vorgelegen. 
Mit  diesem  stimmt  der  Abdruck  aus  dem  Albinusschacht  genau'  tifaerein.  Nach 
freundlicher  Untersuchung  von  Herrn  Prof.  Dr.  Zeiller  (Paris),  für  die  ich  von 
dieser  Stelle  aus  meinen  verbiiidhchsten  Dank  auszusijreclien  gestatte,  ist  die  an 
ilm  gesandte,  von  mir  als  Splionopteiis  cf.  Boulayi  Zeill.  bestimmte  Pflanze  eine 
Sphenopteris  (Ovopteris)  von  dem  Typus  Heyriclii-Brongniartii.  Es  sei  liieidurch 
die  Angabe  der  ersten  Ausgabe  1004  berichtigt.  Zur  Ideulilizieiiiiit;  der 
Sphenopteris  Larischi  diente  die  Potoniesche  Abbildung  (Jahrb.  d.  k.  geol. 
Landesanst.  1890  Tat".  VII)  einer  Sphenopteris  Höninghausi  Brgt.  1.  Lanscliiformis 
Pot.  aus  den  Czernitzer  Schichten.  Auch  mit  einem  Stursehen  Originale  stimmt 
diese  Sphenopteris  Larischi  vom  Albinusschacht  genau  üborein,  soweit  der  Erhal- 
tungszustand des  Sturschen  Originales  einen  Vergleich  überlian|it  gestattel.  Die 
Bestimmung  von  Mariopteris  muricata  machte  bei  dem  vorhandenen  reichen  Material 
des  Breslarier  Institutes  von  gegen  50  Stück,  darunter  Originale  verschiedener 
Autoren,  keine  Schwierigkeit.  Die  Be.stiminung  von  AUoiopteris  quercifoha  nahm 
ich  nach  dem  Göppertschen  von  Frech  in  Lethea  palaeozoica  Atlas  Taf.  XXXVIIb 
nochmals  abgebildeten  Stücke  vor.  Die  vollkouniicne  Übereinstimmung  dieser 
beiden  Stücke  war  augenfällig.  Palmatopteris  ist  vielleicht  eine  neue  Spezies  und 
wird  ebenso  wie  die  später  zitierten  Spezies,  falls  sie  sich  als  neu  erweisen 
sollten,  in  einem  paläontologischen  Anhange  dieser  Arbeit  .abgebildet  und  be- 
schrieben werden. 


46  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultn 


von  „Aureliengrube": 

Sphenopteris  cf.  Honingliausi  Brgt.  (4  Exernpl.), 
vom  „Johannesschacht": 

Sphenopteris  cf.  trifoliolata  (Artis)  Brgt. 
Aus  dem  Bruch  von  Breitenau  (südlich  Landeshut)  und  dem  Einschnitt 
der  Ziedertalbahn  in  seinem  oberen  Teile  stammen : 

Sigillaria  spec.  aus  der  Gruppe  der  SigiJlaria  camp totaenia  Wood  i)  n.sp. 

Sphenopteris   cf.  trifoliolata  (Artis)  Brgt. 

Mariopteris  muricata  (Schloth.)  Zedier  (Spitzentrieb). 

Stratigraphische  Beobachtungen  des   Verfassers  in  diesem 
Horizonte. 

Im  Aufschluß  am  Leuschnerberge,  an  dessen  westlichem  Hang  der 
Schacht  der  Rolandgrube  gelegen  haben  mag,  wurde  ein  grobes  graues 
Konglomerat  in  sehr  häufigem  Wechsel  mit  grauem  Sandsteine  anstehend 
gefunden,      [nteressant  ist  hier  das  spitze  Auskeilen  der  Konglomerate. 

Eine  ausgesprochene  Schuttkegelstruktur  und  Andeutungen  von  Kreuz- 
schichtung waren  zu  beobachten.  Das  Streichen  bog  entsprechend  dem 
Umbiegen  der  Mulde  aus  Nordost-Südwest  (N  40 ".)  nach  OW  um  bei 
38 — 45  0  Einfallen.  Das  Konglomerat  selbst  enthält  häufige  Kieselschiefer 
und  zerquetschte  Quarze^)  neben  vereinzelt  auftretenden,  Phylliten. 

Die  Quarz-  und  Kieselschiefergerölle  sind  harnischartig  (pseudoglacial) 
mit  deutlichen  Rutschflächen  geschliffen  und  sehen  wie  poliert  aus.  Der 
Leuschnerberg  kann  wohl  nach  allem  Gesagten  dem  {)roduktiven  Steinkohlen- 
gebirge zugesprochen  werden. 

Weitere  gute  Aufschlüsse  bietet  der  Bruch  an  der  Schreibendorfer 
Straße,  in  dem  besonders  das  Einfallen  bemerkenswert  ist.  Ein  hier  an- 
stehender plattiger  pflanzenführender  Sandslein  fällt  25 — 30  "  gegen  S, 
während  östliches  Fallen  zu  erwarten  v^ire.  Der  Aufschluß  befindet  sich 
also  in  der  Nähe  einer  lokalen  Störung.^)  Solche  lassen  sich  im  fraglichen 
Gebiete  auch  noch  vereinzelt  an  einigen  anderen  Punkten  konstatieren. 
Im  Aufschlüsse  (Bruch)  an  der  alten  Schreibendorfer  Straße  findet  sich 
der  grünliche  grauwackenartige  Sandstein  ebenfalls,  den  der  neue  Versuclis- 
schaclit    ,,Aurelie"    mit    6 — 10  m    Teufe    durchsank.       Ca.  50   m    westlich 


1)  Weiß,  Sigillarien  II  Taf.  5.  Die  Breitenauer  Spezies  ist  bisher  noch  nicht 
beschrieben  und  wird  von  mir  daher  in  einejii  paläontologischen  Anhange  abgebildet 
und  beschrieben  werden. 

2)  Gürioli,  Erläuterungen  zur  geologischen  Übersichtskarte  von  Schlesien. 
Breslau  1890,  S.  57  ist  bezüglich  des  Vorkommens  solcher  Gerolle  in  der  produk- 
tiven Steinkohlenforniation  zu  vergleichen.  Auch  das  Breslauer  Museum  besitzt 
zahlreiche  solcher  zerquetschten  Kiesel  aus  dem  Oberkarbon. 

■'')  Gürich,  Geologischer  Führer  in  das  Riesengebirge.     Berlin  1900,  S.  105. 


II.  Abteilung.     Natuvwissensclioftliclie  Sektiim. 


vom  alten  Johannesschaclit  sieben  grünlicbgraue  Konglomerate  bei  sehr 
steilem  Einfallen  an,  die  in  ihren  liegenderen  Partien  denen  des  Bruches 
an  der  alten  Schreibendorfer  Straße  makroskopisch  ziemlich  gleichen. 

Bei  der  verhältnismäßig  sehr  kurzen  Zeit,  die  zur  Orientierung  in 
diesem  Gebiete  dienen  mußte,  mögen  diese  Angaben  genügen. 

Alter  der  Schichten. 
Die  gefundenen  Pflanzen  zeigen,  daß  wir  es  hier  mit  der  Po  tonie- 
schen 3ten  Karbonflora,  der  Mischflora  der  Reichhennersdorfer  Schichten, 
zu  tun  haben.  Dem  widerspricht  nicht  das  zahlreiche  Auftreten  von  Astero- 
calamiles  scrobiculatus  (Gopp.)  Fol.  und  Lepidodendron  Veltheimianura 
Stur,  da  ja  Potonie  deren  Vorkommen  im  Reichhennersdorfer  Horizont 
schon  angegeben  hat;  auch  Stur  hat  deren  Vorkommen  in  Ostrau  bereits 
nachgewiesen.^) 

Grenze. 

Eine  genauere  kartographische  Begrenzung  der  Ablagerung  läßt  sich 
zurzeit  nicht  geben,  aber  wahrscheinlich  dürfte  der  hangende  Konglomerat- 
zug die  Grenze  gegen  das  Unterkarbon  darstellen.  Auf  Kosten  des  Unter- 
karbon rückt  nach  den  neuen  Pflanzenfunden  das  Oberkarbon  bei  Landes- 
hut etwa  2 — 3  km  nach  West,  während  bei  Reichhennersdorf  die  Ver- 
schiebung nur  etwa   1—1,5  km  betragen  dürfte.  2) 

Interessant  und  von  einiger  geologischer  Wichtigkeit  sind  folgende 
historische  Angaben,  die  etlichen  alten  Manuskripten  entnommen  wurden.''') 

Die  5  Grubenfelder  „Aurelie",  ,,Albinus",  ,,Am  Wehr",  „Antonie  im 
Wald"  und  „Zum  Bahnhof"  wurden  in  den  Jahren  1872  und  1873  ein- 
gemutet. Sie  erstrecken  sich  von  Schreibendorf  bis  nördlich  von  Reußen- 
dorf  und  Landeshut  gegen  Ruhbank  hin  und  gehören  unter  dem  Namen 
,,Reuüendorfer  Gruben"  einer  Gewerkschaft.  Wie  Bergmeister  Czettritz 
in  seinen  Gutachten  von  1872  und  1873  angibt,  durchziehen  2  Flözzüge 
diesen  Grubenkomplex,  die  durch  ein  1100  m  mächtiges  Mittel  getrennt 
werden.  Er  unterstützt  seine  Annahme  1872  durch  die  Aufzählung 
folgender  Pflanzennamen:  Stigmaria  ficoides  Brgt.,  Calamitcs  distans  Stern- 
berg (?),    Asterophyllites  radiatus  Brgt.,  Lycopodites ,    Ulodendron 

punctatum  Presl.,  Sigillaria  Brongniarti  Gein.,  Sphenopteris  lanceolala  Phill., 


1)  Potonie,  Lehrbuch  der  Pflanzenpaläontologie.  Berlin  1899,  S.  373/7, 
Stur,  Mähr.-schlesisch.  Dachschiefer.  Tai'.  I,  Fig.  3.  —  Taf.  V,  Flg.  2,  Archaeo- 
calamites  radiatus. 

2)  Vgl.  d.  Verf.  briel'liohe  Milieilung  iiu  Zentralblatl  lür  Mineralogie  eic. 
1904,   S.  403—405. 

8)  Die  unveröffentlichten  Manuskripte  wurden  mir  von  Herrn  Maurermeister 
Glogner-Freiburg  in  liebenswürdigster  Weise  zur  Verfügung  gestellt. 


Jahresbericht  der  Schles.  GeselJschafl,  für  vaterl.  Cultur. 


Sphenopteris  Coemansi  Andrae,  Sphenopteris  chaerophylloides  Brgt.,  Spheno- 
pteris  (Mariopteris)  acuta  Brgt.,  Sphenopteris  formosa  v.  Gutb.,  Sphenopteris 
Bronnii  v.  Gutb.,  Pecopteris  polymorpha  Brgt.,  die  fast  sämtlich  Schatzlarer 
Arten  bezeiclinen.  Da  die  Belegstücke  aber  verloren,  und  eine  Nachprüfung 
deshalb  ausgeschlossen  ist,  so  unterliegt  diese  Bestimmung  um  so  größeren 
Zweifeln,  als  bei  dem  damaligen  Zustande  der  Literatur  die  Sicherheit  einer 
Bestimmung  keineswegs  gewährleistet  ist.  Die  unten  zitierte  Angabo  des  1873er 
C4utachtens^) hat  durchdesVerfassersUntersuchungen  ihre  Bestätigung  gefunden. 
Ein  neueres  Gutachten  von  C.  Hütter  aus  1901  hält  an  der  Czettritzschen 
Ansicht  fest  und  gibt  auf  Grund  inzwischen  stattgehabter  Schürfungen  den 
„hangenden  Zug"  zu  7,  den  „liegenden  Zug"  zu  U  abbauwürdigen  Flözen 
an.  Abzuwarten  bleibt,  ob  man  in  diesem  ,, liegenden  Zug",  den  ,, Liegend- 
zug", die  Waldenburger  Schichten  Sturs  vor  sich  hat.  Hier  seien  sie  auf 
Grund  der  Flora  In  die  Reichhennersdorfer  Schichten  hineingezogen,  bis 
das  geplante  Stollenprojekt^)  auf  den  „liegenden  Zug"  Aufschluß  darüber 
gibt,  ob  wirklich  die  Reichhennersdorfer  Schichten  bei  Landeshul  noch 
von  Waldenburger  Schichten  unterlagert  werden. 

Nach  neueren  Ansichten  fehlt  der  „Liegendzug"  im  fraglichen  Gebiete 
von  Scliwarzwaldau  bis  zur  Landesgrenze  gänzlich,  wenn  auch  Schütze^) 
vorübergehend  den  Liegendzug  bis  an  die  Landesgrenze  bei  Tschöpsdorf 
roichen  ließ  und  die  Flöze  der  Auroragrube  bei  Tschöpsdorf,  Georggrube 
bei  Blasdorf, ")  Friedrich -Theodorgrube  bei  Reichhennersdorf,  Luisegrubo 
und  Concordiagrube  bei  Landeshut  diesem  Zuge  zuwies.  Von  dieser  An- 
sicht ist  er  später^)  wieder  abgekommen  und  rechnet  die  Flöze  der  oben 
genannten  Gruben  im  Gegensatze  zu  Stur  dem  Hangendzugo  zu,  obwohl 
sich  einige  Pflanzen,  die  sonst  nur  im  Liegendzuge  vorkommen,  auf  den 
Flözen  dieser  Gruben  ebenfalls  fanden.  Auf  dieser  Tatsache  fußend,  trat 
Potonie  zwischen  beide  Parteien  und  schied  zwischen  den  beiden  Flözzügen 
die  Reichhennersdorfer  Schichten  aus. 

Bevor  ich  mich  der  Betrachtung  dieser  Schichten  bei  Reicldicnnersdorf 
selbst  zuwende,   möclite   ich  noch  auf  die  beiden  Flöze  des  Versuchsschachtes 


1)  „Es  wird  daher  wohl  an  der  Zeit  sein,  in  der  Umgegend  von  Landeshul 
eine  anderweitige  Grenze  zwischen  Kohlensandstein  (gleich  Oberkarbou  —  d.  V.) 
und  Grauwacke  zu  ziehen  und  einen  nictit  unl;)edeutendeii  Teil  der  letzteren  dem 
produktiven  Steinkohlengebirge  einzuverleiben." 

''^)  Herr  Glogner-Freiburg  teilte  mir  mündlich  von  dem  Plane  mit. 

3)  Zeitschr.  d.  D.  g.  G.  1879,  S.  432—33. 

'')  Hier  soll  nach  Angaben  des  Herrn  Scbötiknecht-Landeshul  Sphenopteris 
Schönknechti,  von  Stur  zunächst  aus  Vnlpersdorf  bestimmt  (Schlitze  1.  c.  S.  l-lfi) 
vorgekommen  sein.  Es  muß  also  —  die  Richtigkeit  der  P.estimmung  vnvausgesetzt 
—  vvie  a,uch  in  der  Tabelle  S.  60 f.  angegeben,  ein  Hinaufreichen  dieser  Spezies  in 
den  Iteiclihennersdorfer  Horizont  angenoinmen  werden. 

»)  Schütze  1.  c.  S.  76. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


„Aurelie"  hinweisen.     Die  beiden  Winter  1903/4  erschürften  Flöze  1  und  II 
treten  in  etwas  verdrücktem  Zustande  bei  fast  seigerer   Lagerung  (86")  auf: 
Flöz  I     0,4  m  mächtig  (Lette  +  Kohle), 

0,78  m  Zwischenmittel. 
Flöz  II  0,38  m  mächtig. 
Das  Flöz  besteht  aus: 

Oberbank  0,15  m  Kohle, 

0,09  m  Lette, 

Unterbank  0,14  m  Kohle. 

Die  Flöze    gehören    dem  Hütterschen  „liegenden  Zuge"  an,     dessen   Kohle 

187,5  und   187G  in  Landeshut  und  Freiburg    probeweise   zur  Gaserzeugung 

verkokt  wurde. 

In  Landeshut  ergab  1  Zentner  Förderkohle  384  Kubikfuß  gutes  Gas, 
welches  am  Photometer  im  Schnittbrenner  15  Kerzenstärken  Leuchtkraft 
entwickelte  bei  einem  stündlichen  Verbrauch  von  5  Kubikfuß.  Erzielt  wurde 
dabei  0,(;  Zentner  Koks. 

4  Zentner  Steinkohle  ergaben  in  Freiburg  nach  4 stündigem  Glülien 
1580  Kubikfuß  Gas  und  ca.  3  hl  Koks  von  einer  Beschaffenheit,  die  man 
mit  „gut"  bezeichnen  muß  und  die  „sich  bei  einem  so  kleinen  Quantum 
von  anderem  Gaskoks  nicht  unterscheidet". 


Ablagerungen  bei  Rei  chhennersdorf. 
Den  besten  Vergleich  mit  den  Ablagerungen  der  eben  beschriebenen 
Reichhennersdorfer  Schichten  um  Landeshut  bieten  die  leider  sehr  lücken- 
haften Reste  aus  den  zahlreichen  Reichhennersdorfer  Bohrungen  diesseit 
und  jenseit  des  Porphyrdeckenergusses.  Es  sind  die  Tabellen  der  einzelnen 
Bohrungen,  soweit  sie  sich  überhaupt  identifizieren  lassen,  >)  am  Schlüsse 
dieses  Abschnittes  S.  62  ff.  wiedergegeben.  Die  untersuchten  Kerne  ergaben 
abgesehen  von  der  später  zu  behandelnden  Diskordanz  zwischen  Rothegen- 
dem und  Karbon,  nur  das  schon  von  Schütze  angegebene  Resultat 2)     Es 

1)  Herr  Berginspektor  Böhnisch-Mittel-Lazisk  war  so  freundlich,  dem  Ver- 
fasser bei  der  Identifizierung  der  einzelnen  Bohrlöcher  zu  helfen,  und  hat  auch 
weitere  wertvolle  Beiträge  geliefert.  Trotz  der  Lückenhaftigkeit  der  einzelnen 
Bohrproflle  ist  es  doch  möghch  geworden,  das  Bohrloch  XIU  vollständig  zu  rekon- 
struieren und  auf  der  beigegebenen  Tafel  ein  vollständiges  Profil,  das  durch  die 
neueren  Untersuchungen  etwas  verbessert  ist,  beizugeben.  Durch  die  Liebens- 
würdigkeit der  Herren  Bergrat  S  c  li  ü  t  z  e  -  Görlitz,  Kreisbauinspektor  Schütze- 
Landeshut,  Oberbergamtsmarkscheider  Ullrich-Breslau  und  des  Direktors  der 
Waldenburger  Bergschule  Herrn  Bergassessor  Hülsen  konnte  Verfasser  die  verloren 
geglaubten  Profile  Schützes  verwerten. 

2)  Schütze  1.  c.  S.  140/44. 

1904.  4 


50  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Ciiltur. 


seien  hier  einige  geschichtliche  Angaben  eingeschaltet,  die  auf  Grund  eines 
unveröffentlichten  Gutachtens  des  früheren  Direktors  Hermann  und  Er- 
mittelungen des  Verfassers  1)  zusammengestellt  sind. 

Die  Bohrungen  begannen  in  dem  ganzen,  33  Grubenfelder  umfassenden 
Gebiete  des  Liebauer  Kohlenvereines  vor  dem  Feldzuge  1870/71  zunächst  im 
südlichen,  dem  „Liebauer  Reviere".  Resultate  aus  den  (Stoß-)Bohrungen  in 
diesem  Gebiete  sind  nie  bekannt  geworden,  wie  ja  überhaupt  dieser  ganze 
Gebietsteil  der  Niederscldesisch-böhmischen  Steinkohlenmulde  südlich  von 
Landeshut  bisher  keine  genauere  Bearbeitung  gefunden  hat.^) 

Die  im  nächsten  Kapitel  genauer  beschriebenen  10  Flöze  ^)  mit  einer 
Mächtigkeit  von  0,4 — 0,9  m  (15 — 35  Zoll)  veranlaßten  den  sich  bald  nach 
dem  Feldzuge  entwickelnden  Bergbau.  „Die  aufgeschürften  Flöze  enthalten 
durchaus  gasreiche  und  zum  Teil  auch  gut  backende  Kohlen,  die  gern  ge- 
kauft wurden,"  sagt  das  Gutachten  über  die  Beschaffenheit  der  Kohle. 

Die  Gewerkschaft  richtete  ihr  Hauptaugenmerk  aber  nordwärts  auf  das 
Reichhennersdorfer  Revier,  weil  man  hier  beide  Waldenburger  Flözzüge 
anzutreffen  hoffte,  jedoch  „die  durchgeführten  kostspieligen  Arbeiten  haben 
nur  einige  Repräsentanten  des  an  Kohle  ärmeren  Flözzuges  aufgeschlossen, 
während  von  der  hangenden  reicheren  Partie  nichts  erreicht  wurde". 

Zwei  Bohrlöcher  wurden  hier  dicht  bei  dem  heuligen  „Waldschlößchen" 
südlich  Reichhennersdorf  getrieben.  Das  Resultat  des  einen  Bohrloches 
wurde  —  die  Denkschrift  gibt  es  ebenfalls  an  —  durch  den  Bohrmeister 
gefälscht  und  auf  Grund  dieses  Ergebnisses  wurden  unter  großen  Kosten 
die  Zwillingsschächte  ,, Müller"  und  „Fohr"  niedergebracht  bis  zur  pro- 
jektierten Teufe  von  200  m.  Aber  Kohle  war  nicht  oder  nur  sehr  wenig 
erreicht  worden. 

Hand  in  Hand  mit  den  Abteufungsarbeiten  hatte  sich  eine  rege  Bau- 
tätigkeit   entfaltet:    Maschinen-   und   andere  Gebäude  .zwischen   den  beiden 


1)  Für  die  Auffindung  der  Denkschrift  und  Überlassung  anderen  wertvollen 
Materials  sei  Herrn  Haupllehrer  Patsohovsky-Dittersbach  bei  Liebau  und  Herrn 
Obermarkscheider  Schraidt-Gotl.esberg  von  dieser  SLelle  aus  bestens  gedankt. 
Die  Durchsicht  der  oborbert;aoillichen  Aki.'ii  hui,  in  [Geologischer  tliiisichl,  keinen 
wesentlichen  Anhaltspunkl,  ebensowenig  komile  ich  iius  den  iuif  dein  tJcigivvici'c 
Waidenburg  aufbewahrten  Hissen  dev  l'ristenden  üraben  et.was  üt)er  die  Lage 
der  einzelnen  Bohrlöcher  ermitteln. 

2)  Einzige  dem  Verfasser  bekannt  gewordene  Literatur,  abgesehen  von  einigen 
Stellen  bei  Schütze:  Steinkohlenscliürfungen  bei  Liebau,  Wochenschr.  d.  Scldes. 
Ver.  f.  Berg-  und  Hüttenwesen,  Jahrg.  l,  18.59,  S.  305  u.  386.  Und  vonlJechen, 
Die  nutztiaren  JVIineralien  und  Gebirgsaxten  iin  deutschen  Reiche,  Berlin  L873 
S.  391  f.  (nur  wenige  Zeilen). 

3)  Auf  der  „Flözkarte"  eingezeichnet.  Ein  11.  „Flöz  mit  4f)  Zoll  etwas  veP: 
steinerter  Kohle"  wurde  um  1880  kurz  vor  Auflassung  des  Betriebes  nördhcb  von 
Tschöpsdorf  erschürft. 


II.  Abteilung.    Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Schächten,  ein  Verwaltungsgebäude *)  südlich  dieser  Anlage,  Arbeiterhäuser 
in  Reichhennersdorf,  Verwaltungsgebäude  in  Dittersbach  bei  Liebau  etc.  Die 
Konkurrenz  mit  der  eben  in  Betrieb  gesetzten  Concordiagrube^)  bei  Landes- 
hut trieb  zur  Beschleunigung  der  Anlagen.  Nur  so  wird  es  verständlich, 
daß  solche  Summen  —  man  spricht  von  33  Millionen  Taler  oder  Mark  — 
nutzlos  dahingeopfert  wurden.  Die  ganze  stattHche  Reichhennersdorfer  Tief- 
bauanlage, die  allein  nicht  weniger  als  9  Millionen  Mark  gekostet  hat, 
wurde,  weil  nutzlos  angelegt,  am  23.— 24.  März  1893  bis  auf  wenige  Reste 
durch  ein  Kommando  6.  Pioniere  aus  Glogau  in  die  Luft  gesprengt. 

Die  Schächte  waren  auf  der  projektierten  Teufe  angekommen,  Kohle 
in  ausreichendem  Maße  nicht  erreicht  worden.  ,,Um  wenigstens  etwas  von 
dem  verbrauchten  Kapital  zu  retten",  suchte  man  querschlägig  die  weniger 
mächtigen  Flöze  zu  erreichen  und  abzubauen.  Eine  Zeit  lang  förderte  man 
auch  tatsächlich  von  dem  einen  Schachte.') 

Die  Bohrungen,    ihre  Lage    und   ihre   stratigraphischen 

Ergebn  isse. 
Die  Anlage  war  also  zwecklos,    statt   aber   sich   ins  Liegende   auf  das 
,, Günstige  Blick-Flöz"*)   allein  zu  setzen,    suchte  man  noch  im  Hangenden 
nach  Kohle   und  brachte  unter   anderen  folgende  6  Bohrlöcher  nieder,    die 
auf  den  beigegebenen  Kärtchen  (Textfigur  2)  eingezeichnet  sind: 

Rohrloch  XIII '^j    am   Ostabhange    des    Reichhennersdorfer   (Langen) 
Berges   an   der  Porphyrgreuze   bei   der  Wegkreuzung  Scholtisei 
Ober-Zieder  nach  Liebau  und  nach  Reichhennersdorf. 
Ein  weiteres  Bohrloch  ebenfalls  dicht  am  Wege  etwa  400  m  südlich 

von  diesem. 
Bohrloch  XXIV^)     südlich     des    Angenelliberges    im    Porphyr    an- 
gesetzt.^) 
Ein  Bohrloch  bei  der  Kapelle  von  Bethlehem. 
Bohrloch  XIX    etwa    südwestlich    von    diesem    auf    der   Wiese    am 

Waldcsrand  uild  endlich 
Bohrloch  XXVe  in   der  Lindenauer  Ziegelei,  angesetzt  in  der  Ki'eide. 


1)  Das  heulige  Waldscblößchen  bei  Reichbonnersdorf. 

2)  Nach  mundhchen  Angaben  von  Herrn  Schönknecht-Landeshul. 

3)  Nach  freundUcher  Mitteilung  des  Herrn  Bühnisch-Mittel-Lazisk  halte 
man  hier  einzelne  Partien  des  „Günstige  BMck-Flözes"  abgebaut. 

"i)  Längst  bekannt  und  lange  Jahre  zuvor  von  der  1842  gemuteten  „Friedrich 
Theodor-Grube"  gebaut. 

B)  Aus  diesen  Bohrlöchern  liegen  Kerne  vor  (nach  Böhnisch,  Mittel-Lazisk). 

6)  Eine  genauere  Lage  kann  für  dieses  Bohrloch  nicht  mehr  angegeben 
werden.  Nach  dein  über  dieses  Bohrloch  später  gesagten  er.scheint  es  zweifelhaft, 
ob  die  Stelle  des  Loches  riclitig  eingetragen  ist.  Wahrscheinlich  trägt  das  an 
dieser  Stelle  befindliche  Loch  eine  andere  Nummer. 


52  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


i)  Die  Begrenzung  der  Formationen  nach  den  Ergebnissen  der  Karüerübungen 
von   1003.     Kreidegrenze  nach  der  Revision  von  K.  J'legel. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  5g 


Letzteres  halte  technisch  die  größten  Schwieri[;keitcn  zu  überwinden. 
Ursprünglich  hatte  man  1200  m  ca.  ostnordöstlich  von  XXVe  herunterzu- 
kommen versucht,  war  aber  auf  Betreiben  Sturs^)  weiter  ins  Hangende 
gegangen,  hatte  zwei  weitere  kleine  Versuche  unternommen,  begann  420  ni 
ostnordösthch  von  XXVe  ein  Bohrloch  XXVd,  mußte  aber  wegen  großen 
Wasserzuflusses  das  Loch  in  fast  N.  S. -streichenden  18"  östl.  fallenden  ,, Rot- 
liegend-Arkosen"  stehen  lassen.  Die,  endgültige  Bohrung  XXVe  mußte  bei 
rund  305  m  Teufe  aufgegeben  werden,  da  wegen  des  vielen  Wassers^) 
trotz  der  Verrohrung  des  Loches  ein  Bruch  der  Rohre  nach  dem  anderen 
erfolgte  und  schließlich  das  Gestänge  überhaupt  abbrach.  Leider  sind  von 
diesem  Loche  keine  Kerne  in  des  Verfassers  Hände  gelangt,  da  das  durch- 
sunkene  Gestein^)  zu  brüchig  und  milde  war,  und  deshalb  nur  als  Bohr- 
mehl heraufkam.  Es  seien  deswegen  hier  nur  einige  Angaben  aus  dem 
Tagebuche  des  Herrn  Böhniscli-Mittel-Lazisk  angel'ührt,  der  seinerzeit  die 
Bohrungen  dort  leitete: 

24  m  ganz  zerklüfteter  Mergel,    der   nicht   bis  30  ra   hielt  und  ein 

Verrohren  des  Loches  nötig  machte. 
Rotei'  Sand  im  Kernrohr.     Unter  dem  roten  Ton  Sandstein,  der  aber 
wieder  nur  Sand  im  Kernrohr  abgab. 
In  die  nun  folgende  große  Lücke  wäre  wohl  der  in  der  Amnerkung  3 
wiedergegebene  Brief  Sturs  einzuschalten. 

158 — 231  m  grobkörnige  rote  Sandsteine  mit  feinkörnigen  wechselnd. 
Fallen  48". 


1)  Mündliche  Mitteilung  des  Herrn  Böhni.sch-Mittel-Lazisk. 

2)  5  Quellen  soll  der  Bohrer  hier  durchsunken  haben,  und  tatsächlich  sprudelt 
auch  heute  noch  ein  klares  Wässerchen  aus  dem  Loch.  Quellen  sind  auch  noch 
mehrfach  angetroffen  worden,  so  beispielsweise  in  Bohrloch  XIX  am  Bethlehemer 
Walde.  In  XXVe  wurde  eine  Quelle  bei  156  ni,  eine  andere  von  80  R  bei  279,5  m 
angetroffen. 

3)  Die  vorhandenen  Kerne  scheint  Stur  erhalten  zu  haben,  denn  Herr 
Höhnisch  stellte  dem  Verfasser  einen  an  ihn  gerichteten  Brief  Sturs  vom 
26.  1.  1880  zur  Vei'fügung,  in  dem  es  heißt  „Die  Bohrzapfen  reichen  schon  his  in 
die  rohen  Arkosen  des  Rotliegenden  und  ich  bin  nicht  vrenig  begierig  zu  erfahren, 
ob  Sie  darunter  gleich  die  Steinkohlenformation  antreffen  werden  oder  den  Porphyr. 
Die  Beobachtung,  da^  in  diesen  Arkosen  keine  Porphyrbruchstücke  vorkommen, 
dieselbe  vielmehr  aus  Bruchstucken  von  krystallinischem  Gestein,  vielleicht  Granit 
und  namentlich  Gneiß  mit  roten  großen  Ortolvlaskrystallti'ümmern  zusammenge- 
backen ist,  sollte  man  erwarten,  daß  die  Arkose  älter  ist  als  der  Porphyr,  daher 
die  älteste  Schichte  (Ick  itollieccnden  darstellt,  unter  welcher  gleich  die  Stein- 
kohlenformation sich   eirial.cMrii  sullto." 

Nach  freundlicher  Mitteilung  des  Herrn  Höhnisch  hatte  Stur  hier  zunächst 
ein  „zweites  Böliuüsctibrod"  befürchtet  (vgl.  neben  Krejoi,  Geologie  cili  nauka  o 
litvarech  zemskych,  V.  Praze  1879  Slavik  a  Borov^  S.  B96  auch  Katzer,  Geol.  von 
Böhmen,  Prag  1892  S.  1185).  Bekannthch  erreichte  das  dortige  Bohrloch  die 
Steinkohlenformation  nie,  sondern  blieb  mit  700  ra  immer  noch  im  Rotliegenden. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


(217,6 — 220,2  m  roter  Letten.     Dann  grobkörnige  rote  Sandsteine.) 
231^239  m  Tonstein  in  Sandstein  übergehend.     Fallen  flacher. 
(245 ''/iQ  m  fester  roter  Tonstein.)*) 

274  Porphyrstücke  folgend  auf  feinen  Sandstein,  unter  dem  Porphyr 
wieder   roter    Sandstein    mit    gelbem    wechselnd,    mit    eckigen 
Porphyrstücken  vermengt.      (Forphyr-Breccie.) 
273   rote  und  gelbe  Sandsteinbreccie   mit  Porphyrstücken.     Breccie 
ähnlich  der  aus  Bohrloch  XIII, ^)    worunter  gleich  Steinkohlen^ 
gebirge  kam. 
283,3 — 299  Sandsteinbreccie  mit  Porphyrbreccie  wechselnd. 
305  Ein  Bruch  der  Rohre  nach  dem  anderen.    Bohrung  eingestellt. 
Aus    diesen    lückenhaften    Angaben    läßt    sich    irgendwelche    Schluß- 
folgerung nicht  ziehen. 

Ebenso  mangelhaft  sind  die  folgenden  Notizen  über  Bohrloch  XXIV.  ■■■) 
Ganze  Teufe.      10,04  m  grauer  feiner  Sandstein  mit  viel  Fe.  S. 
110,64   -■>    1,49  m  Schieferton  mit  Sandstein  wechselnd  bis 

111.15  *    0,85  m  gebänderter  bituminöser  Schieferton  mit  viel  Fe.  S. 
121,10    =    3,43  ra   feiner   glimmerreicher  Sandstein   mit  Schieferton 

wechselnd. 
124,53    =    2,75  m  grauer       Schieferion       mit       feinem      Sandstein 

wechselnd. 
127,28    5    5,0     m  grobkörniger  Sandstein  mit  Fe.  S. 
132,28    =    6,5     m  Schieferton  mit  gebändertem Standstein  wechselnd. 
138,75    = 

201.16  (16.  7.  1879.)  Total  gestörtes  Gebirge.  Kein  Resultat  zu 
erhoffen;  Abdrücke  fast  gänzlich  fehlend.  Die  letzten  Schiefer- 
tone hatten  eine  rötliche  Färbung. 

Als  besonders  bemerkenswert  hat  Herr  Böhnisch  aufgezeichnet  die 
Imprägnierung  der  Schiefertone  und  Sandsteine  mit  Schwefelkies  und  ihre 
starke  Zerklüftung. 

Noch  viel  unvollständiger  sind  Angaben  über  weitere  Bohrlöcher  (XXII, 
XXI,  XIX,  VII  usw.),  deren  Lage  sich  nach  so  langer  Zeit  sogar  nicht  mehr 
feststellen  ließ.  Diese  Bohrungen  werden  deshalb  hier  auch  gänzhch  über- 
gangen. 

Ein  weiteres  Bohrloch  im  Hangenden  der  Reichhennersdorfer  Schacht- 
anlage im  Querschlage  angesetzt,  ist  mit  ziemlich  vollständigen  Ergebnissen 
tabellarisch  auf  S.  66  ff.  wiedergegeben. 


1)  Die  Bohrung  hörte  1879  mit  173,5  m  auf  und  aus  1880  schrieb  Herr 
Böhnisch  „bei  dem  milden  Gestein  ist  kein  Kern  zu  erhalten;  die  Bohrung  geht 
sehr  schlecht". 

2)  Vgl.  d.  Tab.  d.  Bohrloch  XIII  auf  S.  62  ff. 

•'')  Siehe  als  Ergänzung  zu  diesen  Angaben  das  vom  Verfasser  Seite  36  f,  aus 
den  Bohrkernen  zusammengestellte  Profil. 


Übersicht  der  Flöze,  die  von  Landesiiut  bis  zur  Landesgrenze  bei  Tschöpsdorf  aufgeschlossen  wurden. 


(Namentlich  nach  Schütze.) 


liedeckt  vom  Rotiiegenden 
wurd,  angefahren  i.  (^uer- 
schlage  d.  Tief  bauanlage 


Rotliegend- 
decke 

vielleicht 

Wiederholung 

der   „Alexander-* 

flözgruppe'' 


F1Ö7. 

in  ;! 

mit  0,6  m  unreiner 

Kohle. 
Bänken- Alexanderll. 

110  m 

i    Fll 

/  mit  0.7  n 

Kohle 

^Fl( 

•/  mit  0,4  11 

1  KShliT 

t"' 

Flu 

7.  mit  0.5  n 

1  Kohle 

Ehemalige  Gruben       |    u 

„Friedrich  Theodor"  u.  j    g 

„ßünstiger  Blick"  ^ 


I.lebaner 
Flifxj^ruppe 

umfassend : 
0  Fliize 


<)rrniiauer 
Flözgruppe 


Biipliwälder 
Flözgrnppp 


die  G  B\ichwald- 
stollenllözc 


Alexander- 
ttiizgrnppe 

(Reichhennerb-j 

dorfer 

Flözgruppe)      1 

Leitfloz 
„Alexander" 


wischen  Rotliegendem  und  Steinkohlenformation,  (Diskordanz).  _ 
i    i6,Fl«7,0,9mKohlei.2Bänk.-«- 

^     -   --T 


56  t 


5.  Flöz  0,^  m  mächtig   U-  -  - 

22  m  ! 

± 

4.  Flöz  (),2  m  mächtig 

"""        V 

28  m 


-«- — 


3.  Flöz  0,4  m  mächtig 
12  m 


2.  Flöz  0,6  m  mächtig 

I i 

I    1.  Flöz  0,0  m  mächtig    |-^ 


.¥\öt. 0,9m  Kohle i.2Bänk. ! 
^"""    ">__ """1 

^V" ! 

5.  nöz  0,3  m  mächtig    j 


22  m  I 

__t    I 

4.  Flöz  0,2  m   mächtig 

3.  Flöz  0,4'  m  mächtig 

:r  ! 

12  m 

t_ ! 

2.JFlöz_0,(i  m  mäclitig_ 


1.  Flöz  0,6  m  mächtig 


3.  Flöz  0,8  m  mächtig 


"2.  Flöz  0,5  m  mächtig 


i.  Flöz  0,4  m  mächtig 


6.  Buchwälder  Stollenflöz 
0,7  m  mächtig  (3  Bänke) 

t      I 

5.  Buchw.  S't.-Fl.  0,6  m  mächtig 
(2  Bänke) 

17,5  m 

4.  Buchw.'St.-Fl.  0,5  m  mächtig 
(2  Bänke) 

lli  m 

___± 

3.  Buchw.  St.-Fl.  0,3  m  mächtig 

7,5^m 

2.  Buchw.  St.-Fl.  0,4  m  mächtig 

9  m 
l7  Buch  wTs  Ö^oVs^mächt  [g 

Flöz  0,3  m  mächtig 


5.  Flöz  0,3  m  mächtig; 

(1*) + 


4.  Flöz  0,3  m  mächtig 
(13.)-'—     ^    - 


3.  Flöz' 0,6  m  mächtig 
(12.)    Alexanderflöz 


Jtlasdoi'fri- 
FHIJigruppe  i 

(3.  Flözgruppe)  ' 
vielleicht  noch 
.,zur  Maximilian-, 
gruppe  gehörig" 


2.  Flöz  0,2  m  mächtig 

(110 :j,- 


>)^260m  Zwischenmittel  ^ 
I  m.ein.Zahlv.  0,1-0,2  m  I 
f  mächt.  Kohlenbesteg.f     4- 


3.  Flöz  mit  0,6  m  Kohle  \ 


2.  Flöz  mit  0,3  m  Kohle 


i  i.  Flöz  mit  0,0  m  Kohle 


C.robes 
Conglomerat 


Kohlen- 
mächtigkeit 


Maxlmillan- 
grnppe 

(Tschöpsdorfer 

F'lözgruppe) 
Leilflöz  „Maxi-  j._ 
milian"    (David-,; 

Concordia-,      jconcordiiitll 
Luise-,  Günstiges  "i^— J>* 

Blick-Flöz) 
SchützesTschöps- 
ilorferFlöz! 


Untere 
Begrenzung  der 
Schichten  zur  Zeit 
nicht  bekannt, 
auch  Flöze 

liegendzuges     [ 
bisher  nicht  auf- 
geschlossen. 


Hangendflöz  0,3—0,4  m  Kohle     1-«-- 


-«.  33(  0  m  > 

im  Streichen 

entfernt 

grobes  Conglomerat 

X 

Luise-Oberflöz  0,31—0,47  m  Kohle 

..5^m 

_ _          '  t'"   __ 

Luisc-MitteUlöz  0,36—0,52  m  Kohle 

\    II 

_^. 

\  ^ 

t 

^ 

I.uise-Kiederttöz0,52-I,05m  Kohle 

grobes  Conglomerat? 

^ 

0,8  m  Kohle 

9  m 
t 

> 

0,7  m  Kohle  in  3  Bänkei 

10  m 
t 

•>- 

0,2  m  Kohle 

50  m 
grobes  f  Congloi 


Oberflöz  0,1—0,2  m  Kohle 

10  m 
t 
Mitttlllöz0,6-l,0mKi 

3  m 

t_ 

Niederflöz  0,2—0,5 


(r > 


--> 


Schieferkohle 


V   Uie  14  Flöze  Hiitter.s 

ca.  1100  m  Mittel. 

Die  7  Flöze  HUtters  bei 

Reussendorf 


|a 


.  und  ^^l^vodv^ 


,,  steinkoWenfot^alio?::^- 


11.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  57 


Bei  400  m  traf  man  im  Hangenden  der  Reichliennersdorfer  Bohrung 
auf  das  Rotliegendc,  welches  das  Karbon  diskordant  überlagert.  Der  Unter- 
schied der  Fallwinkel  beträgt  nach  einem  Schülzeschen  Profile i)  24".  Der 
Differenz  des  Fallwinkels  entspricht  auch  die  stratigraphische  Lücke,  weiche 
hier  einen  großen  Teil  der  Saarbrücker  und  die  ganze  Ottweiler  Stufe 
in  Wegfall  gebj-acht  hat. 

Flüzführung. 

Dieser  ganze  groß  angelegte  Betrieb  stützte  sich  auf  einige  Flöze,  die 
von  Schütze  bereits  gruppiert  sind,  und  hier  tabellarisch  wiedergegeben 
und,  soweit  möglich,  ergänzt  werden. 

Bei  Reichhennersdorf  ist  im  Querschlage,  wenn  von  den  unter  Rot- 
liegendbedeckung angefahrenen  Flözen,  deren  Stellung  mehr  als  zweifelhaft 
ist,  abgesehen  wird,  vom  Hangenden  zum  Liegenden  eigentlich  nur  die 
Alexanderflözgruppe  =  Reichhennersdorfer  Flözgruppe ^)  angetroffen 
worden,  die  wohl  am  besten  zwischen  die  Blasdorfer  und  Buchwalder 
Flözgruppe  zu  stellen  wäre.  Es  würden  dann,  wie  auf  der  Tabelle  dar- 
gestellt, noch  rund  710  m  Mittel  zwischen  den  Flözen  der  Reiclihenners- 
dorfer  und  denen  der  Buchwälder  Flözgruppe  auftreten. 

Eine  solche  Menge  von  Flözen,  wie  sie  im  Hangenden  des  „Hangend- 
flözes" der  Tschöpsdorfer  Flözgruppe  auftreten,  innerhalb  dieses  quer- 
schlägig  kleinen  Raumes  drängt  dazu,  sie  irgend  einer  Flözgruppe  von  be- 
nachbarten Gruben  zu  parallelisieren.  Da  aber  kein  sicherer  Beweis  ej'bracht 
werden  kann,  weil  die  Flöze  über  der  Tschöpsdorfer  Flözgruppe  regelrecht 
eigentlich  nie  im  Bau  gewesen,  sondern  nur  in  Schürfungen  angetroffen 
sind  und  Pflanzen  so  gut  wie  ganz  felilen,  ist  man  nur  auf  Vermutungen 
und  Schlüsse  angewiesen. 

Schütze  stellt  die  hängendste  ,,Liebauer"  Flözgruppe  des  Hermann- 
stollens den  liegendsten  Schatzlarer  Schichten  gleich,  und  schließt  seine 
Untersuchungen  über  die  Reichbennersdorfer  Anlagen^)  mit  dem  Resultate: 
„der  bei  Gottesberg  und  Waldcnburg  so  viele  bauwürdige  Flöze  enthaltende 
Hangendzug  ist  in  der  Strecke  von  Tschöpsdorf  bis  Landeshut  nur  aus 
wegen  ihrer  geringen  Stärke  unbauwürdigen  Flözen  zusammengesetzt,  und 
dieselben  sind  außerdem  in  dei'  Richtung  vom  Liegenden  nach  dem  Han- 
genden zu  durch  mehrfach  wiederholte  streichende  Sprünge  in  solche 
Tiefen  versetzt,  wo  ein  lohnender  Abbau  auf  denselben  nicht  geführt 
worden  kann".  Auf  Grund  der  wie  in  Schatzlar  oft  jäh  und  plötzlich 
eintretenden  Störungen   glaubte   Hermann^)    seine   bauwürdigen   10  Flöze 


1)  Dieses  Profil  wurde   in   dieser  Arbeit   nicht   wiedergegeben,    da  ich    seine 
Lage  niiiht  genau  mehr  feststollen  konnte. 

2)  Der  Name  „Reichhennersdorfer  Scliichton"  ist  also  auch  geographisch  voll 
berechtigt  und  deshalb  zur  weiteren  Verwendung  geeignet. 

3)  Schtitze  1.  c.  S.  141. 

i)  unveröffentlichte  manuskri|)tliche  Denkschrift.     1S90  (21.  Febr.). 


58  Jaliresberioht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vatcrl.  Cultur. 


hmsiclitlich  der  Koblenmächtigkeit  als  Scliatzlarer  ansprechen  zu  müssen. 
Verfasser  glaubt  nun,  daß  man  die  ganze  Ablagerung  von  der  Reich- 
hennersdorfer  Flözgruppe  aufwärts  den  Schatzlarer  Schichten  zuteilen 
muß.  Beweisen  läßt  sich  diese  Annahme  wahrscheinlich  nie,  da  alle  Auf- 
schlüsse fehlen  und  die  lückenliaften  Bohrprofile  auch  keinen  Anhalt  dafür 
oder  dagegen  geben.  Es  ließe  sich  dieses  nur  durch  eingehende  mikroskopisc!,- 
petrogjaphische  Untersuchung  der  Kerne  in  Verbindung  mit  Fossilien  nach- 
weisen.    Die  Pflanzen  aber  fehlen  gänzlich. 

Ausgegangen  ist  diese  Behauptung  davon,  daß  Verfasser  in  dem  Con- 
cordia-,  Louise-  und  Günstigen  Blick-  dasselbe  Flöz  sieht,  und  es  den 
Maxmidmn  -  Flözen  der  Fuchsgrube  bei  Weißstein  gleich  setzt  Das 
Maximilian-Flöz  besitzt  nach  dem  Profile  der  Fuchsgrube ')  eine  Kohlen- 
machUgkeit  von  1,6  m,  eine  Zahl,  die  der  mittleren  Mächtigkeit  des 
Uncordia-Flözes  (1,8)  ebenso  nahe  kommt,  wie  südwärts  die  des  Louisen- 
flözes mit  im  Mittel   1,0  m  und  dos  Günstige  Blick-Flözes  mit  1,7  m 

Das  Hangende  des  Concordia-Flözes  und  seiner  westlichen,  sowie 
nachher  südlichen  Fortsetzungen  bildet  ein  grobes  Konglomerat.  Autor 
Identifiziert  nun  das  Davidflöz  der  Davidgrube  mit  den  Maximilianflözen  und 
somit  wäre  eme  fortlaufende  Verbindung  zwischen  dem  Maximilianflöze 
und  der  Landesgrenze  nördlich  Bober  konstruiert.  Im  Gegensatze  zu 
Schütze  schlage  ich  nun  für  die  ganze  Tschöpsdorfer  Gruppe  den  Namen 
„Maximihan- Gruppe"  vor,  um  die  Verwirrung,  welche  durch  Lokalnamen 
in  die  Literatur  hinemkommen  kann,  zu  mildern. 2) 

Fossilführung. 
V\^ie  schon  gesagt,  ist  die  ganze  vorgeschlagene  Einteilung  der  Reich- 
hennersdorfer  Flözablagerungen  eine  noch  rein  hypothetische.    Von  Pflanzen 
aus  der  Zone  des  „Großen  Mittels"  entstammen  von  Concordia- Grube  der 
Sammlung  Schönknecht  folgende  sicher  bestimmte  Reste: 

1)  Durch  die  Liebenswürdigkeit  des  ehemaligen  Direktor  Stolz  dem  Verfasser 
zur  Verfügung  gesteflt.     Frech  gibt  im  Jahreaber,  der  Sohlcs.  Ges.  für  vaterl.  Cultur 

ST'l^o"!,!t"''f ''';''";'■'■':  l~'^'''''  """•='  ■^'^  *^"^'  ™^«"-«^<^ig.  ^«gen 
vest  (,UoO  .  eu  Davulgrul.o  hm)  bauwürdig  werden.  Dies  sei  als  literarischer 
Beleg  angeführt.  Das  dund.gehcnde  Maximilianflöz,  welches  man  so  mit  Recht 
a  s  das  Leitth«  dieser  Flözgruppe  ansprechen  darf  (Tschöpsdorfer  Gruppe),  erfährt 
i'"  '"«„?'  Da^idgrabe  eine  Anreicherung,  die  nach  West  in  der  Concordiagrube 
Ihre  größte  Ausdehnung  erfälirt.  Weiter  nach  Westen  „innnt  die  Bauwürdigkeit 
wieder  ab,  verschwindet  bei  Tschöpsdorf  fast  ganz,  um  anscheinend  bei  S.hatzlar 
wieder  emzutreten.  (Vgl.  unter  Schatzlarer  Schichten  R.  74.)  Wir  haben  hier  also 
eine  Anreicherung  und  Abschvvachung  zu  beobachten,  welche  denen  der  Flöze  in 
Uberschlesien  .ihnelt, 

IWl  VllVtrl^^'f'  in  Michael  (Jahrb.  der  k.  geol.  Landesan.st.,  XXIL  Bd., 
iWl,  b.  317-340).  Im  übrigen  vgl.  zur  Frage  der  Leitflöze  den  vor,  Herrn  Bern- 
assessor Geisenheimer  im  „geologischen  Führer  für  die  Exkursion  na.ti  Ober.chlet 
lind  die  Breslauer  Gegend"  bearbeiteten  Teil  über  das  Steinkohlengebirge  (Z.d.D  g  G)' 


11.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  59 

Cardiopteris  cf.  polymorpha  (Göpp.)  Schiinper. 
Sphenopteris  cf.  trifoliata  (Artis)  Brgt. 

=  spec.ä) 

AUoiopteris  quercifolia  (Gopp.)  Pot.  (2  Exempl). 
Mariopteris  latifolia  Brgt. 
Neuropteris  gigantea  Sternbg. 
Asterocalamiteä  scrobiculatus  (Göpp.)  Pot. 
Stigmaria  ficoides  (Sternbg.)  Brgt. 
Lepidodendron.aculeatum  Sternbg. 

dichotomum  Sternbg. 
Sigillaria  alternans  L.  a.  H. 
tessalata  Brgt. 
=  cf.  elliptica  Brgt. 

=  spec. 

Artisia  aproximata  Brgt. 
Trigonocarpus  spec. 

=  Schultzianus  Göpp, 

Carpolithes  spec. 
Von  Louise-Grube  war  in  derselben  Sammlung  vorhanden: 

Neuropteris  Schlehani  Stur. 
Herr  Schönknecht  übersandte  vom  Haberschaeht-Reichliennersdorf: 
Neuropteris  Schlehani  Stur.i)  (2  Exempl.) 
Mariopteris  latifolia  Brgt. 
Pecopteris  dentata  Brgt.  2) 
Von  der  großen  Anlage: 

Mariopteris  latifolia  Brgt.  2) 
Stigmaria  ficoides  (Sternbg.)  Brgt. 
Sigillaria  spec. 

Trigonocarpus  Schultzianus  Göpp. 
Die  Bohrkerne  endlich  ergaben: 

Neuropteris  cf.  gigantea  Sternbg.  und 
Stigmaria  cf.  Eveni  Lesqu. 
Rechnet   man    zu   diesen   Pflanzen    noch   die   von    Potonie   für    seine 
3te    Karbonflora   angeführten   Reste,    die    wesentlicli    der   Fuchsgrube    ent- 
stammen dürften,-'')  die    von  Schmidt   und  Frech'')    angeführten  und  die 

2)  Vielleicht  n.  sp. 

1)  Figur  3  und  4  geben   diese  beiden  Stücke  wieder. 

2)  Von  diesen  beiden  Stücken  stellte  mir  liebenswürdiger  Weise  die  Direktion 
der  k.  k.  geol.  Reiohsanstalt  Stur  sehe  Originalbestimmungen  aus  „Reiclihennevs- 
dorf"  zur  Verfügung. 

8)  Glückauf  1896,  S.  122,  Anm. 

*)  Schmidt  in  der  Festschrift  zur  Tagung  der  deutschen  geolog.  Gesellschaft 
„Zur  Geologie  des  böhm.-schles.  Grenzgebirges",  Breslau  1904,  S.  9.  Frech  im 
Centralbl.  1900,  S.  340. 


60 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


von  mir  bereits  erwähnten,  aus  den  Schachtanlagen  bei  Landeshut  bestimmten 
Pflanzen  hinzu,  so  erhält  man  ein  klares  Bild  über  die  in  den  wenig  bekannten 
Reichhennersdorfer  Schichten  vorkommenden  Pflanzen,  die  ich,  nach  den 
einzelnen  Fundpunkten  geordnet,  hier  tabellarisch  zusammengestellt  habe. 
Durch  die  neuen  Pflanzenfunde  hat  die  3  te  Karbonflora  eine  wesentliche  Be- 
reicherung erfahren.  Ein  Vergleich  der  Reste  von  den  verschiedenen  Fund- 
punkten spricht  auch  für  die  von  mir  vorhin  vorgeschlagene  Identifizierung 
des   Maximilian-,  (David-),    Concordia-,   Louise-  und  Günstigen  Blick-Flözes. 

Übersicht   der  Flora   der   Reichhennersdorfer    Schichten. 

Nach  den  verschiedenen  Fundpunkten  geordnet. 

Autoren  Potonie  (Pot.),   Schütze  (Seh.),  Stur  (St.),  Schmidt  (A.  S.) 

und  dem  Verfasser  (Hbg.). 


Namen    der    Pflanzen. 

ja 

c3 

j 

J3 

5 
< 

4J 

ii 

M 

ö 

ja 

m 
ja 

s 

1 

t4 

Autoren : 

CL, 

j=f 

ji 
r/i 

m 
jq 

ja 

m 

m 

ja 

ja 

< 

Adiantites  sessihs  (v.  Röhl  pro  var.)   Pot. 

oblongifohus  Göpp 

Cardiopteris  cf.  polymorpha(Göpp.)  Schimp. 
Falraatopteris   geniculata  (Stur,  em.)  Pot. 

+ 
+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

- 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

_ 

+ 
+ 

+ 
+ 

+? 

i 

- 

+ 

spec 

Sphenopteris  v.  Typ.  elegantiforrnis  (Stur.) 

divaricata  Göpp 

„             Larischi  Stur,  spec 

cf.  Hoeninghausi  Brgt 

,,             cf.  trifoliolata  (Artis)  Brgt.  . 

+ 

,,              Schönknechti  Stur 

Alloiopteris  quercifolia  (Göpp.)  Pot 

grypophylla  (Göpp.)  Pot.    .  . . 

Mariopteris  muricata  (Schloth.)  Zeil 

„                 „         forma  typica  Zeil. . . 

„           latifolia  Brgt 

Ovopteris  typ.  Brongniartü  Stur 

,,         spec , 

+ 

n.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Namen    der    Pflanzen. 

o 

XI 

'B 

"3 

ÖD 
Ö 

Cd 

^ 
0 

< 

^ 

^ 

M 

s 

xi 
X, 

1 

3 

oa 

ja 

Autoren: 

s, 

1 

X 

33 

J3 

J 

J3 

Pecopteris  dentata  ßrgt 

cf.  dentata  Brgt 

Alethopteris  decurrens  (Artis)  Zeil 

„           lonchitica  (Schlotli.)  Ung.  . . . 

Lonchopteris  Eschweileriana  Andr 

Neuropteris  Schlehani  Stur 

„            gigantea  Sternbg 

of.  gigantea  Sternbg 

Sphenophyllum  tenerrimum  v.  Ett 

„               cuneifolium(Sternbg.)Zeill. 
Asterocalamites  scrobiculatus  (Göpp.)  Pot. 

Stylocalamites  Suckowi  Brgt 

„              acuticostatus  W 

Annularia  radiata  (Brgt.)  Sternbg 

Palaeostachya  spec. 

Stigmaria  flcoides  (Sternbg.)  Brgt 

cf.  Eveni.  Lesqu 

Lepidodendron  aculeatum  Sternbg 

dichotomum  Sternbg 

„              Veltheimii  Sternbg 

Volkmannium  Sternbg. ..  . 
Lepidophyllum  Waldenburgense  Pot.  .... 

Sigillaria  alternans  L.  a.  H 

cf.  elliptioa  Brgt. 

,,        tessalata  Brgt 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 
+ 

„        spec .  . .' 

„        spec.  aus  derGruppe  derSigillaria 

camptotaenia  Wood 

(Favularia)  elegans  Brgt.  em.   .  . 

(Rhytidolepis)  undulata  Göpp.  . . 

Artisia  approximata  Lindl 

+ 

und  Reste  von  Cordaiten  (borassil'olius)  und  Früchte. 


Jabresbericht  der  Scbles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultnr. 


Tabellen  der  Reichhennersdorfer  Bohrungen. 
Bohrloch    XIII. 
Nach  einem  Schützeschen  Profile  (der  Bergschule  Waidenburg). 


67,4/) 

7,36 

74,76 

1,13 

75,89 

0,57 

76,46 

2,83 

79,29 

3,12 

82,41 

2,27 

84.,68 

5,09 

89,77 

0,88 

90,65 

0,24 

90,89 

0,86 

91,74 

1,42 

93,16 

4,53 

97,69 

1,02 

99,11 

11,33 

110,44 

0,28 

110,72 

0,65 

111,37 

1,90 

113,27 

2,26 

115,53 

2,55 

118,08 

2,83 

120,91 

0,33 

121,24 

1,65 

122,89 

1,13 

124,02 

Beschaffenheit    der    Gesteine. 


(Humusschichten,   Verwitterungen  des 


Dammerde   und  Gerolle. 

Porphyr.) 

Porphyrlconglomerat  und  Porpliyrbreccie. 
Porphyrkonglomerat  mit  größeren  Prophyrstücken. 

(Von  33,98—34,41  Rollstück   von    rotem   feinem  Sandstein, 
42,48—42,91  roter  Letten.) 

Rotliegendes  ('?). 
Brauner   konglomeralischer  Sandstein  mit    größeren  Sandstein- 
stücken. 
(Von  56,64—51,21  Porphyrrollstück.     Bei  62,31  ein  Rollstück 
von  Porphyrkonglomerat.) 
Gelbweißer  körniger  arkosiger  Sandstein. 
Röthch-grauer  Schiefer. 
Grobkörniges  graubraunes  Konglomerat. 
Brauner  Sandstein  mit  Quarzkörnern. 
Grobkörniger  graubrauner  Sandstein  mit  Grünsandstein. 
Wechsel  von  grauem  Sandstein  und  rotem  Scbiefei-. 

0,08  m  grobkörniger  graubrauner  Sandstein;  0,63  m  Schiefer; 
0,57m  grobkörniger  graubraunerSandstein;  0,41m  Schiefer: 
0,58  m   körniger  graugelber  Sandstein. 
Grau-braungelber  groljkörniger  arkosiger  Sandstein. 
Rötlicher  Sandstein. 

Oberkarbon  (?). 
Feiner  graubrauner  Sandstein. 
Graues  Konglomerat. 
Grauer  Schiefer. 

Feiner  grauer  Sandstein  mit  sandigen  Schieferschichlen. 
Grauer  Schiefer. 

Grauer  Sandstein  und  Schiefer  abwechselnd. 
Grauer  melaphyrartiger  Sandstein. 
Grauer    feiner  Sandstein    übergehend    bei    111,29  m    in    graues 

Konglomerat. 
Feiner  grauer  geschichteter  Sandstein. 
Rötlich  gefleckter  grauer  Sandstein. 
Letten-  und  Schiefer-Kluft  (Verwerfung). 
Feiner  grauer  Sandstein  mit  verwittertem  Sphärosiderit. 
Kohlenflözchen. 

Braungelber  grobkörniger  arkosiger  Sandstein. 
Weißes  Konglomerat  mit  Porphyrkörnern. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


schaffenheit     der    Gesteine. 


124,02 

28,03 

152,05 

3,68 

155,73 

0,85 

156,58 

9,62 

166,20 

1,21 

167,41 

0,77 

168,18 

4,52 

172,70 

2,83 

175,53 

1,69 

177,22 

6,81 

184,01 

8,49 

205,51 

0,85 

206,36 

2,55 

208,91 

7,92 

216,83 

9,62 

226,45 

3,14 

229,59 

2,30 

231,89 

1,06 

232,95 

3,39 

236,34 

5,09 

241,43 

3,11 

244,54 

4,53 

249,07 

0,63 

250,70 

2,89 

253,59 

1,13 

254,72 

1,42 

256,14 

0,85 

256,99 

9,06 

266,05 

5,94 

271,99 

2,83 

274,82 

0,28 

275,10 

5,38 

280,48 

1,42 

281,90 

0,57 

282,47 

3,97 

2S(i,44 

0,85 

287,29 

2,55 

289,84 

2,26 

292,10 

0,85 

292,95 

Braungelber  grobkörniger  arkosiger  Sandstein, 

Grauer  Schiefer    mit   schwarzen  Rutschflächen    und  Neuropteri,^ 

gigantea  Sternberg. 
Grauer  geschichteter  Sandstein. 

Sandiger  grauer  Schiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Braungraues  Konglomerat. 

(iVIelaphyrartiger)  nngeschichteter  dichter  Sandstein. 
(Melaphyrartiger)  geschichteter  Sandstein. 
Graues  Konglomerat. 
Feinkörniger  Sandstein. 

Feinkörniger  Sandstein  mit  verwittertem  Sphärosiderit. 
Sandiger  Schiefer   und   schiefriger  Sandstein    abwechselnd,  mit 

Cordaites  und  Calamiten. 
Sandiger  Schiefer  mit  häufigen  Sandsteinmitteln    und  Cordaites 

und  Calamiten. 
(Melaphyrartiger)  dichter  fester  Sandstein., 
Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Brandsandstein. 

Vertikal  zerklüfteter  grauer  Schiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Vertikal  zerklüfteter  Sandstein. 
(Melaphyrartiger)  dichter  fester  Sandstein. 
Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Brandsandstein. 

Geschichteter  feiner  Sandstein. 

Vertikal  zerklüfteter  Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Sandiger  Schiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
(Melaphyrartiger)  dichter  fester  Sandstein. 
Brandsandstein. 
Feiner  Sandstein. 
Feiner  geschichteter  Sandstein. 
Brandsand.stein. 

Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten, 
Feiner  grauer  Schiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
(Melaphyrartiger)  un geschichteter  Sandstein. 
Sandstein. 

Feiner  grauer  Schieferund  Sandstein  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
(Melaphyrartiger)  dichter  fester  Sandstein. 
Zerklüfteter  Sandstein. 
Geschichteter  Sandstein. 
Weißgiauer  körniger  Sandstein. 
Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 
Sandstein. 
Brandschiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten 


Jahresbericlit  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


S   .£. 


Beschaffenheit     der    Gesteine. 


292,95 

1,13 

294,08 

1,69 

295,77 

1,63 

297,40 

21,85 

319,25 

5,38 

324,63 

0,57 

325,20 

4,20 

329,40 

6,23 

334,63 

5,67 

340,20 

2,26 

342,46 

0,28 

342,74 

0,28 

343,02 

7,85 

350,87 

6,01 

356,88 

0,57 

357,45 

0,28 

357,73 

0,57 

358,30 

1,13 

359,43 

2,27 

361,70 

0,57 

362,27 

1,13 

363,40 

0,85 

364,25 

8,78 

373,03 

2,55 

376,58 

23,50 

399,08 

2,83 

401,91 

1,13 

403,04 

3,68 

406,72 

0,28 

407,00 

1,69 

408,69 

2,74 

411,43 

0,09 

411,52 

1,41 

412,93 

2,28 

415,21 

0,55 

415,76 

0,28 

416,04 

3,40 

419,44 

1,13 

420,57 

0,61 

421,18 

0,01 

421,19 

0,24 

421,43 

Sandstein  mit  verwittertem  Sphärosiderit. 

Brandschiefer  mit  Stigmaria  ficoides  (Sternberg)  Brgt. 

Braungiauer  ungeschichteter  Sandstein. 

Gelbweißer  arkosiger  Sandstein  mit  weißen  Prophyrgeröllen. 

Gelbweißer  arkosiger  Sandstein  mit  einzelnen  Kieseln. 

Graues  Konglomerat  mit  Urgestein  und  Quarz. 

Schiefer  mit  Kohle  und  Cordaites  und  Calamiten. 

Zerklüfteter  sandiger  Schiefer  mit  schwarzen  Kluftflächen.  Kohle 
in  schwachen  Lagen  und  feiner  Sandstein. 

Grauer  Schiefer  mit  Cordaites  und  Calamiten. 

Grauer  körniger  schiefriger  Sandstein. 

Graues  Konglomerat. 

Brandsandstein. 

Körniger  (melaphyrartiger)  grauer  Sandstein. 

Glimmerreicher  dunkelgrauer  geschichteter  Sandstein,  stellen- 
weise dünn  gesciiichtet  mit  Pflanzenabdrücken  (?). 

Brandsandstein. 

Dichter  quarziger  grauer  Sandstein. 

Brandsandstein  mit  schwarzen  Schieferschichten. 

Grauer  feiner  geschichteter  Sandstein. 

Ungeschichteter  grauer  feiner  quarziger  Sandstein. 

Brandsandstein. 

Ungeschichleter  grauer  feinkörniger  Sandstein. 

Brandsandstein. 

Grauer  zerklüfteter  Schiefer  mit  glänzenden  Kluftflächeu. 

Feiner  grauer  wenig  geschichteter  Sandstein. 

Glirnmerreicher  mehr  geschichteter  Sandstein. 

Ungeschichteter  quarziger  Sandstein. 

Lichtgrauer  Brandschiefer. 

Körniger  dichter  grauer  Sandstein. 

Körniger  geschichteter  grauer  Sandstein. 

Zerklüfteter  blauer  Schiefer. 

Graugrüner  tonigor  feiner  Sandstein. 

Schwarzer  Schieferton. 

Dunkelgrauor  feiner  Schieferton  mit  Bleiglanz. 

Gelbgrauer  Sandstein. 

Dunkelgrauer  fester  Schieferton  mit  Bleiglanz. 

Unbezcichnete  Schicht  (?) 

Dunkelgrauer  fester  Schieferton  mit  Calamiten. 

Feiner  grauer  Sandstein. 

Lichtgrauer  sehr  grobkörniger  Sandstein. 

Feinschichtiger  grauer  Sandstein. 

Licht.grauer  sehr  grobkörniger  Sandstein. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


t/3      ö 


Beschaffenheit     der    Gesteine 


421,43 
429,64 
429,72 
429,92 
432,18 
440,39 
441,24 
444,92 
450,58 
457,93 
458,49 
459,61 
463,29 
464,98 
466,10 
470,34 
473,17 
474,86 
478,81 
489,28 
498,62 


8,21 
0,08 
0,20 
2,26 
8,21 
0,95 
3,68 
5,66 
7,35 
0,56 
1,12 
3,68 
1,69 
1,12 
4,24 
2,83 
0,69 
3,95 
10,47 
9,34 


Grauer  Sandstein  mit  grobkörnigen  Einlagerungen. 

Quarzit. 

Grauer  Sandstein   mit  grobkörnigen  Einlagerungen. 

Grauer  grobkörniger  Sandstein  mit  schwarzen  Streifen. 

Dichter  gebänderter  Sandstein  mit  Pflanzen  (?). 

Körniger  grauer  Sandstein. 

Grauer  grobkörniger  Sandstein. 

Weitigraues  feines  Konglomerat  mit  Quarz. 

Bräunlicher  feinkörniger  grauwackenartiger  Sandstein. 

Weißgraues  feines  Konglomerat  mit  Quarz. 

Bräunlicher  feinkörniger  Sandstein. 

Grauer  fester  Schiefer. 

Gebänderter  feiner  grauer  Sandstein. 

Weißgraues  feines  Konglomerat  mit  Quarz. 

Gebänderter  feiner  grauer  Sandstein. 

Grobkörniger  grauer  Sandstein. 

Gebänderter  körniger  Sandstein. 

Grobkörniger  Sandstein  mit  Kolilenpflanzen  ('?). 

Gebänderter  Sandstein  mit  grobkörnigen  Lagen. 

Grobkörniger  grauer  Sandstein  mit  Schiefernüttel. 


? 

? 

21,96 

— 

24,93 

1,13 

26,06 

1,54 

27,6 

1,99 

29,59 

1,10 

30,69 

3,45 

34,14 

Bohrloch  XXIV. >) 

Rötlich-graues  feinkörniges  Arkosekonglomerat,  stellenweise  in 
feinen  Sandstein  übergehend  mit  vereinzelten  Phyllit-  und 
großen  QuarzgeröUen. 

Grauer  feiner  Arkosesandstein  mit  größeren  QuarzgeröUen. 

Grober  dunkelgrauer  Sandstein,  ganz  schwach  schiefrig. 

Grauer  grobkörniger  Arkosesandstein,  anscheinend  in  mäßig 
grobes  Konglomerat  übergehend. 

Toniger  mittel-  bis  grobkörniger  Arkosesandstein  mit  gelegent- 
lichen QuarzgeröUen. 

Roter  mittelkörniger  Arkosesandstein.  Eingelagert  anscheinend 
ein  grobes  Konglomerat,  da  v.  30,9—31,76  große  QuarzgeröUe 
vertreten. 


1)  Den  dm-cbsunkenen  Schichten  nach  kann  die  für  Bohrloch  XXIV  auf  dem 
Kärtchen  (Fig.  2  S.  52j  angegebene  Lage  unmöglich  richtig  sein.  Es  ist  anzunehmen, 
daß  Bohrloch  XXIV  an  anderer  nicht  mehr  zu  ermittelnder  Stelle  gelegen  hat  und 
XXIV  des  Kärtchens  eine  andere  Nummer  trägt.  Vgl.  auch  die  Angaben  des 
Böhnisch'sclien  Tagebuches  S.  25. 


66 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


^    "^ 

0    'S 
3  1 

Beschaf fenlieit    der    Gesteine. 

1  ^  1 

in  Metern. 

34,14 

0 

Grobes   grünlich-graues,   toniges   Arkosekonglomerat   mit  Quarz 

^ 

bei  34,19. 

38,58 

2,22 

Fein-  bis  mittelkörniges,  toniges  Arkosekonglomerat,  mit  Quarz 
und  Glaukonitkörnchen  in  gröberes  Konglomerat  übergehend. 

40,8 

5,69 

Rötliches  Arkosekonglomerat  mit  schwarzem  Glimmer  und  Quarz- 
geröllen  in  etwas  gröberes  Konglomerat  mit  dunkler  Grund- 
masse übergehend. 

46,49 

2,0 

Grau-grünliches  mittelkörniges  Konglomerat,  anfänglich  etwas 
gröber. 

48,49 

2,0 

Feines  grünhch  bis  rötliches  Arkosekonglomerat  mit  Quarz.  Bei 
60,49  gröbere  Quarzgerölle. 

50,49 

1,80 

Feines  rötlich-grünliches  Konglomerat  mit  größeren  Quarzen. 

52,29 

15,70 

Graues  bis  rötlich-grünliches  Arkosekonglomerat  mit  wechselnder 
Größe  der  Gerolle. 

67,99 

1,61 

Grobes  grünliches  Konglomerat,  nach  der  Teufe  zu  größere 
Quarzgerölle. 

69,60 

72,9 

1,0 

Grobes  rotes  Konglomerat,  sehr  fest. 

73,9 

? 

Steinkohlengebirge.  (?) 

82,99 

4,29 

Grünlicher  grober  glimmerreicher  Sandstein  mit  größeren  Quarzen. 

87,28 

2,31 

Gliminerreicher  grauer  Arkosesandstein,  übergehend  in  Konglo- 
merat. 

89,59 

15,19 

Ghmmerreicher  grauer  konglomeratischer  Arkosesandstein. 

104,78 

Teufe  unbekannt  (vielleicht  cf.  S.  57  =  201,16  m). 
Bohrloch    im    Querschlage. 

3,3 

7,5 

13,2 

Rotes  Arkosekonglomerat. 

36,19 

2,09 

Grauer  bis  grünlicher  und  rötlicher  etwas  sandiger  Tonschiefer. 

38,28 

39,8 

33,6 

Ziemlich  grobes  rötliches  Arkosekonglomerat  mitPliyllitgeröllen, 
nach  der  Teufe  zu  gröber  werdend. 

73,4 

4,7 

Grauer  bis  roter  Sandstein. 

78,1 

3,7 

Grauer  glimmerhaltiger  Sandstein  (schiefernd). 

81,8 

3,2 

Graues  Arkosekonglomerat  mit  gelegentlichen  Kieselschiefer- 
geröllen,  anfänglich  feiner.     Fallen  28". 

85,0 

3,7 

Grau-grüner  glimmerreicher  mittel-  bis  grobkörniger  Arkosesand- 
stein mit  schiefernden  Lagen,    mit    zunehmender  Teufe  kon- 

88,7 

glomeratisch. 

IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


88J 

3,3 

92,0 

94,6 

"2,4 

97,0 

5,4 

103,4 

4,3 

107,7 
108,6 

0,9 
1,6 

110,2 

111,3 

118,8 

120,8 
121,5 
124,2 


130,4 
133,9 


14fl,6 
141,0 


175,0 
179,1 


7,5 


0,7 

2,7 


6,2 
3,5 


0,4 


4,1 
1,9 


Beschaffenheit    der    Gesteine. 


Graues,  stellenweise  grünliches  grobes  Arkosekonglomerat  mit 
Quarz-,  Kieselschiefer-  und  Phyllitgeröllen,  nach  der  Teufe  hin 
Einlagen  eines  giUnlichen  glimmerreichen  Tonschiefers. 


Grünlich  graues  glimmerreiches  Arkoselconglomerat  mit  Phyllit- 
und  QuarzgeröUen  (mittelgroß  bis  klein).  Nach  unten  zu  bläu- 
hch-schwarzer  Tonschiefer  mit  etwa  30»  Einfallen  eingelagert. 

Grauer  bis  schwarzer  glimmerhaltiger  Tonschiefer,  stellenweise 
sandig. 

Grauer  mittelkörniger  glimmerreicher  schiefriger  Arkosesand- 
stein,  Einlagen  eines  blaugrauen  Tonschiefers  mit  Kohlen- 
häutchen,  üljergehend  in  grauschwarzen  Tonschiefer  mit 
Stigmaria. 

Grauer  schiefriger  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen. 

Grauer  glimmerhaltiger  schiefriger  Sandstein  mit  Kohlen- 
schmitzchen.     Einfallen  270. 


Glimmerreicher  grauschwarzer  Tonschiefer,  mehi'  oder  weniger 
sandig  mit  Kohlenhäutchen  und  Coi'daites  und  Calamites. 


Sandiger  glimmerreicher  grauschwarzer  Tonschiefer. 

Gi'au-grünliches  mittelkörniges  Arkosekonglomerat  mit  Kiesel- 
schiefer- und  QuarzgeröUen  und  Glimmer,  nach  der  Teufe  zu 
feiner. 

Dasselbe  wie  vorher,  nur  feiner,  nach  unten  glimmerreicher 
Tonschiefer. 

Grauer  feinkörniger  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen. 

Grünlich-graues  feinkörniges  Arkosekonglomerat  mit  Phyllit-  und 
QuarzgeröUen,  Ghmmer  und  Kohlenschmitzchen.  Nach  unten 
zu  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen. 


Grünlich-grauer  sandiger  Tonschiefer. 


Glimmerreicher  feiner  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen. 


Fester  grauer  feinkörniger  Sandstein.  Calamites.   Fallen  20 — 400. 
Dasselbe  mit  Kohlenschmitzchen,    nach    der  Teufe    zu  in  Ton- 
schiefer mit  Kohlenschmitzchen  übergehend. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


L  Metern. 


Beschaffenheit    der    Geste 


181,0 
184,1 

199,7 


201,7 
202,6 
204,1 


214,8 

216,7 

218,6 

222,6 

224,0 

228,0 
228,0 

230,0 


272,6 

2,3 

274,9 

1,9 

276,8 

1,9 

278,7 

1,3 

3,1 


2,0 


0,9 
1,5 

10,7 


1,4 

4,0 


Sandiger  glimmerreicher  fester  Tonschiefer. 


Bläulich-grauer  glimmerreicher  Tonschiefer  mit  Cordaites.  Nach 
der  Teufe  zu  geht  er  über  in  grauen  glimmerreichen  sandigen 
Tonschiefer. 

Glimmerreicher  Tonschiefer  mit  Calamites  und  Kohlenschmitzchen. 

Grauer  feinkörniger  Arkosesandstein. 

Grauer  feinkörniger  schiefriger  Sandstein  mit  Kohlenschmitzen 
und  Kohlenhäutchen.  Bei  212  m  ein  mittel-  bis  grobkörniges 
Arkosekonglomerat  mit  Glimmer,  Quarz-  und  Phyllitgeröllen 
eingelagert. 

Bläulich-grauer  Tonschiefer  mit  undeutlichen  Pflanzenresten  und 
Kohlenhäutchen.  Eingelagert  feinkörniger  grünlich-grauer  Ar- 
kosesandstein mit  größeren  Quarzkörnern. 


Bläulich-grauer  glimmerreicher  Tonschiefer  mit  undeutlichen 
Resten  einer  Sphenopterisspezies  (etwa  der  Gruppe  Höning- 
hausi)  im  Wechsel  mit  schiefrigem  tonigem  feinkörnigem 
Sandstein  und  feinkörnigem  gxauem  Arkosesandstein  mit 
größeren  Quarzkörnern. 

Feinkörniger  grünhch-grauer  schwach  schiefernder  Sandstein  mit 
Kohlenhäutchen. 

Grauer  feinkörniger  glimmerreicher  Arkosesandstein  mit  Phyllit- 
geröllen und  Kohlenhäutchen  sowie  grauer  sandiger  Ton- 
schiefer. 

Blaugrauer,  mitunter  sandiger  und  ghmmerreicher  Tonschiefer 
nach  der  Teufe  zu  durch  festen  grünlich-grauen  schwach 
schiefernden  Sandstein  vertreten.     Fallen  30—400. 


Grauer  ghmmerreicher  Tonschiefer,  nach  unten  zu  in  graublauen 

Tonschiefer  übergehend. 
Grünlich-grauer  und  bläulich-grauer  Tonschiefer  mit  Resten  von 

Cordaites  und  Calamiten;    feinkörniger   grauer  Sandstein  mit 

Kohlenhäutchen. 
Glimmerreicher  feinkörniger  grauer  Sandstein.     Nach  der  Teufe 

schwarzgrauer  Tonschiefer  mit  Cordaitenresten. 
Dunkelgrauer  glimmerreicher  schwach  schiefernder   feinkörniger 

Sandstein.     Sandiger  glimmerreicher  Tonschiefer.     Zu  unterst 

fester  grauer  feinkörniger  glimmerreicher  Sandstein. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


69 


chaffenheit    der    Gesteine. 


280,0 
284,0 

310,0 

313,0 

317,7 


323,1 

2,9 

326,0 

3,1 

329,1 

4,0 

333,1 

7,4 

340,5 

2,5 

343,0 


346,4 


353,0 
354,9 

357,9 

361,7 
364,7 

368,1 
373,1 


3,0 

4,7 


6,6 


1,9 
3,0 


3,0 
3,4 


Blaugrauer  Tonschiefer. 


Grauer  toniger  glimmerreicher  feinkörniger  Sandstein  und 
schwarzgrauer  Tonschiefer. 

Grünlich-grauer  Arkosesandstein  mit  Phylhtgeröllen  von  wech- 
selnder Korngröße  und  Kohlenhäutchen;  anfangs  feinkörnig, 
nach  der  Teufe  Konglomerat. 

Grauer  Sandstein  im  Wechsel  mit  grauem  grobem  ghmmer- 
reichen  Konglomerat  mit  Einlagerung  glimmerreichen 
schiefrigen  tonigen  Sandsteins.     Fallen  50 — 60". 

Grobes  graues  Konglomerat  mit  Phyllit-  und  Kieselschiefer- 
geröUen. 

Mittelkörniger  grauer  Sandstein. 

Bläulichschwarzer  Tonschiefer. 

Grünlich-graues  Arkosekonglomerat  mit  Phyllit-  und  Kiesel- 
schiefergeröllen  und  kohligen  Sohmitzen.  Hiernach  glimmer- 
reicher bläulicli-grauer  Tonschiefer. 

Schwarzgrauer  Tonschiefer. 

Scliwarzgrauer  sandiger  Tonschiefer  und  fester  grauer  fein- 
körniger Sandstein. 

Fester  grauer  feinkörniger  toniger  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen, 
eingelagert  grobes  Konglomerat  und  blaugrauer  glimmerreicher 
toniger  schiefriger  Sandstein. 

BläuUch-grauer  glimmerreicher  sandiger  Tonschiefer,  schwarzer 
bis  schwarzgrauer  Tonschiefer  und  grauer  glimmerreicher 
feiner  Sandstein  mit  Kohlenhäutchen,  gelegenthch  tonig  und 
sohiefrig. 

Grünlich-grauer  etwas  sandiger  Tonschiefer. 

Schwarzgrauer  Tonschiefer  und  dunkelgrauer  feinkörniger 
glimmerreicher  schiefriger  Sandstein. 

Schwarzgrauer  glimmerreicher  Tonschiefer.  Fester  grauer 
glimmerreicher  feiner  Sandstein,  nacli  der  Teufe  grünlich- 
grau mit  Calamites  und  Kohlenhäutchen. 

Grauer  kohliger  Sandstein  in  feines  Konglomerat  übergehend. 

Feiner  grauer  Sandstein  und  schwarzgrauer  glimmerreicher 
Tonschiefer. 

Schwarzgrauer  ghmmerreicher  Tonschiefer. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


ohaffenheit    der    Gesteine. 


375,0 
379,7 

391,0 
394,6 

397,1 

400,3 

402,4 
404,4 

412,9 
416,6 
420,B 


3,2 


3,7 
3,9 


Hellgrauer  fester  glimmerreicher  Sandstein  und  schwarzgrauer 
sandiger  Tonschiefer. 


Feinkörniger  grauer  Sandstein  mit  Kohlenschmitzchen  in  grobes 
Konglomerat  mit  gelegentlichen  PhyllitgeröUen  übergehend. 

Fester  grauer  Sandstein,  sohwarzgrauer  ghmmerreicher  sandiger 
Tonschiefer  und  feiner  grauer  toniger  Sandstein.  Nach  der 
Teufe  in  feinliörmges  Konglomerat  übergehend. 

Grauer  Arkosesandstein  mit  größeren  QuarzgeröUen;  schwarz- 
grauer Tonschiefer.  Graues  feinkörniges  Arkosekonglomerat 
mit  Phyllit-  und  KieselschiefergeröUen. 


Schiefriger  toniger  Sandstein.     Fallen:  28». 

Grauer  Sandstein  mit  Kohlenschmitzchen. 
Glimmerhaitiger  feiner  Sandstein  mit  Kolilenhäutohen. 


IL    Die  Schatzlarer  Schichten  (Stur)  Weit  hofer. 

Bei  Schwarzwasser  überschreiten  diese  Schichten,  die  wir  eben  bei 
ReichhennersdorfundLiebau  verlassen  hatten,  die  Landesgrenze  und  führen 
hier  zunächst  bei  Schatzlar  in  ihrer  größten  Breitenausdehnung  wieder  eine 
große  Zahl  abbauwürdiger  Flöze. 

Unter  „Schatzlarer  Schichten"  versieht  Weithofer  „die  Schatzlarer 
Schichten  Sturs  +  den  Xaveristollener  Schichten  Potonies".  Auch  der 
Verfasser  sieht  sich  genötigt,  wenigstens  kartographisch  diese  beiden 
Schichtenkomplexe  zusammenzuziehen,  da  eine  Trennung  dieser  beiden 
bisher  noch  nicht  möglich  geworden  ist.') 


1)  Auf  der  Exkursionskarte  sind  deshalb  die  Schatzlarer  Schichten  und  die 
XaveristoUner  Schichten  mit  demselben  Farbenton  wie  die  Reichhennersdorfer 
Schichten  gehalten.  Auch  die  eventuelle  Verschiebung  der  Unterkarbongrenze  im 
Bereiche  der  Exkursionskarte  westvfärts  ist  unberücksichtigt  gelassen  worden,  da 
sich,  wie  bereits  gesagt,  eine  sichere  Grenze  zurzeit  noch  nicht  geben  läßt. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  71 


Begrenzung   der  Scliatzlarer  Schichten  Weithofers. 

Die  Nordbegrenzung  dieses  Scliichtenkomplexes  bilden  von  der  Landes- 
grenze gegen  Südwest  die  nicht  an  jedem  Punkte  sicher  abzugrenzenden 
Sedimente  des  ünterkarbon.  Gegen  Westen  stößt  das  Flözgebirge  an  die 
Phyllite  und  Hornblendeschiefer  des  Rehorngebirges,  die  auf  der  Settmacher- 
sclien  Karte  wohl  ziemlich  richtig  geschieden  sind.^)  Eine  kleine  Ver- 
schiebung der  Grenze  gegenüber  der  Weithoferschen  Karte  wird  durch 
das  Anstellen  von  Konglomeraten  des  Schatzlarer  Typus  am  Ostabhang  der 
Reissenhöhe  an  der  Straße  Schatzlar-Traulenbach  bewirkt.  2)  Südwärts  von 
diesem  Punkte  trifft  die  Grenze  der  Schatzlarer  Schichten  auf  den  Trauten- 
bacher Melaphyr,  dessen  Hauptmasse  hier  auf  einer  dem  Streichen  der 
Schichten  parallelen  Spalte  emporgedrungen  ist.  Weiter  bildet  bis  Hronov 
der  altbekannte  Parschnitz-Hronover  Bruch  die  Begrenzung  des  Palaeo- 
zoicums.  Westlich  dieses  Bruches  folgt  zunächst  Rotliegendes,  dann  Kreide 
und  hiernach  wieder  Rotliegendes. 

Schwieriger  ist  die  Abgrenzung  der  Schatzlarer  Schichten  im  Osten. 
Eine  Reihe  von  gangartigen  Porphyrvorkommen  entspricht  hier  ungefähr 
der  stratigraphischen  Grenze.  Das  nördlichste  Vorkommen  ist  der  Porphyr 
des  Schanzenberges,  sodann  der  des  Heidenberges,  der  durch  die  Lokal- 
bahn Schatzlar-Königshan  angeschnitten  wurde  und  dessen  Ausdehnung  auf 
dei-  Karte  nach  Bohrungen  der  Schatzlarer  Grubenverwaltung  eingetragen 
werden  konnte.  Bei  der  alten  Halde  des  Josefistollens  am  Strumpfbache 
erscheint  ein  kleines  Porphyrlager,  dessen  Begrenzung  ebenso  wie  die  des 
Porphyrs  beim  alten  Schulhause  in  Lampersdorf  leider  nicht  raögHch  war. 
Der  Porphyr  des  Heidenberges  ist  auf  der  ExkursionskarLe  zum  ersten  Male 
abgegrenzt  worden. 

Nach  der  Untersuchung  von  Herrn  Professor  Milch  ist  das  Eruptiv- 
gestein des  Heidenberges  ein  Quarzporphyrtuff,  der  sehr  stark  gequetscht 
ist.  Es  muß  also  nach  dem  Empordringen  des  Eruptivmagmas  eine  starke 
Faltung  der  Gebirge  stattgefunden  haben.  Südlich  des  Strumpfbachtales 
l)ildet  dann  der  große  Krinsdorfer  Porphyrerguß  die  Begrenzung  gegen  die 
ostwärts  sich  auflagej'nden  Sedimente  der  Ottweiler  Stufe.  Nördlich  Drei- 
häuseln setzt  der  Porphyr  anscheinend^)  aufs  linke  Ufer  des  Litschebaches 
über  und  stellt,  der  Bahnlinie  folgend,  eine  Verbindung  mit  dem  Gabersdorfer 
Melaphyr  her.  Weiterhin  finden  sich  kleinere  Porphyreinlagen  noch  an 
der  Straßenbiegung  nordöstlich  von  Gabersdorf  am  Wege  nach  Döberle. 
Ferner    sind    zu    nennen    die  beiden  kleinen  Porphyre  des  Burger  Waldes 

1)  Bezirkskunde  von  Trautenau,  herausgegeben  vom  Trautenaucr  Bezirks- 
lehrerverein 1901.     (Verlag  des  Trautenaucr  Bezirkslehrervereins.) 

2)  Leider  konnte  diese  Grenzversohiebung  auf  der  Exkursionskarte  niclit  niehr 
berücksichtigt  werden. 

^)  Diese  Annahme  fehlt  tiuf  der  Exkursionskarte  noch. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  valerl.  Cultur. 


und  der  südwärts  dieser  beiden  am  linken  Ufer  des  Glaserbaches.  Zwei 
wenig  ausgedehnte  Mclaphyrvorkommen  finden  sich  bei  Hertin  und  nörd- 
lich ßohdaschin.  Die  kleine  Grenzverschiebung  gegenüber  der  Weithofer- 
schen  Karte  zwischen  Klein-Krinsdorf  und  dem  Schanzenberge  ist  lediglich 
durch  den  neuabgegrenzten  Porphyr  des  Heidenberges  bedingt  worden. 
Eine  Ostbegrenzung  dieser  Schichten  wird  auch  noch  durch  das  Rot  der 
Idastollner  Schichten  im  Gelände  erleichtert,  die  sich  überaus  deutlich  von 
den  Verwitterungsprodukten  der  Schatzlarer  Schichten  und  ihrer  graueren 
Färbung  abheben. 

Die  südliche  Begrenzung  der  Schatzlarer  Schichten  gegen  die  Xaveri- 
stollner  Schichten  Potoniegi)  wird  nach  Ansicht  des  Verlassers  durch  das 
Diagonaltal  des  Litschebaches  gebildet,  da  sich  eine  Verschiedenheit  in 
der  Färbung  der  Felder  auf  der  Goldenölser  Seite  des  Bolkenberghöhen- 
zuges  gegen  die  Felder  südöstlich  des  Trautenbacher  Melapbyrs  bemerkbar 
macht.  Außerdem  sucht  auch  Weithofer  die  Begrenzung  in  ungefähr  dieser 
Gegend.  Freilich  tritt  im  linksseitigen  Melaphyrsteinbruche  des  Gabersdorf- 
Goldenölser  Quertales  3—4  m  über  der  Bachsohle  ein  kleines  Lager  grauer 
Konglomerate^)  auf,  welches  aber  im  rechtsseitigen  Steinbruche  nicht  mehr 
zu  konstatieren  war.  Das  Streichen  dieser  etwa  1  m  mächtigen,  auf  kurze 
Erstreckung  ausbeißenden  Konglomerate  ist  N  20  W  und  das  Fallen  ca. 
40  0  g^  NO. 

Orographisches.  Die  Schatzlarer  Schichten  sind  im  allgemeinen 
tiefer  gelagert  zwischen  höheren  Randgebirgen,  nur  nach  Nord  gehen  sie 
allmählich  sanfter  in  die  steileren  ünterkarbonhöhen  über.  Ihre  Schichten- 
köpfe erreichen  im  Galgenberge  mit  634  m  und  dem  Berge  Östlich  Bahnhof 
Schatzlar  mit  629  m  Seehöhe  ihre  höchsten  Erhebungen.  Ihre  größte 
Breite   erlangen  sie  mit  ca.  4500  m  zwischen  Bober  und  Königshan. 

Petrographisches.  Wie  die  Reichhennersdorfer  Schichten,  so  kenn- 
zeichnet auch  die  Schatzlarer  Schichten  die  typische  Entwickelung  der 
grauen  feineren  bis  groben  Konglomerate,  die  auch  mehrfach  die  Decken 
der  Flöze  bilden.  Am  gröbsten  sind  diese  Konglomerate,  in  welchen  man 
bisweilen  über  kopfgroße  Gerolle  antrifft,  westlich  des  Krinsdorfer  Porphyres 
entwickelt.  Wesentliche  Bestandteile  dieser  Konglomerate  sind  Gerolle  der 
umhegenden  Gebirge,  namentlich  Phyllite  und  Hornblendeschiefer.  Unter- 
geordnet, meist  nur  in  der  Begleitung  der  Flöze,  finden  sich  auch 
gelegentlich  helle   bis  dunkelgraue  Schiefertone. 

Flözführung  und  Lagerung  der  Flöze.  Die  Flözführung  der 
Schatzlarer  Schichten  ist  eine  überaus  reiche.     Die  Zahl   der  Flöze  beträgt 


1)  Den  „stejlstehenden  Flözzug"  der  ftlteren  Autoren  bei  Markausch. 

2)  Weithofer  1.  c.  S.  466. 


II.  Abteilung.     NatuTwissenschaftliche  Seliliou.  73 


im  allgemeinen  28,')  von  denen  jedoch  nicht  alle  Flöze  bauwürdig  sind. 
Die  Miieliligkeit  der  bauwürdigen  einzelnen  Flöze  wechselt  von  0,5 — 3  m. 
Auf  dem  hier  beigegebenen  Profil  über  die  Flözablagerungen  im  vierten 
Horizont^)  des  Marienschachtes  ist  die  JVIächtigkeit  der  einzelnen  Flöze 
durch  die  Stärke  der  Linien  gekennzeichnet.  Indes  sind  die  Flöze 
keineswegs  immer  rein,  sondern  werden  durch  Zwisehenmittel  häufiger 
in  mehrere  Bänke  zerlegt.  Die  Flöze  sind  in  einem  Schiciitenkoin|)lex 
von  etwa  250  m  wahrer  Mächtigkeit  verteilt. 

Durch  mannigfache  Störungen  und  Verwerfungen  bekommt  die  Lage- 
rung des  FJözgebildes  etwa  die  Form  eines  S.*j  Bei  Schwarzwasser  streichen 
die  Flöze  im  wesentlichen  NO — SW  und  machen  dann  plötzlich  eine 
scharfe  Wendung  nach  SO.  Mit  diesem  Streichen  durchziehen  sie  den 
Elisabeth-  und  Marienschacht,  wenden  sich  dann  sofort  gegen  WSW  und 
werden  hier  durch  die  sog.  ,, Johannakluft",  die  den  südlichen  Teil  ab- 
sinken läßt,  ,,ca.  1  30  m^  horizontal  anscheinend  ins  Liegende  verschoben". 
Endlich  verlaufen  die  Flöze  ziemlich  nach  Süd  gegen  Groß-Krinsdorf  hin. 
Ihr  Fallen  beträgt  im  allgemeinen   15^45"  gegen  SO. 

Nördlich  dieser  ,,.lohannakluft"  streicht  ziemlich  parallel  der  Lampers- 
dorfer  Straße  eine  zweite  Hauptverwerfung,  die  sog.  ,,Fannykluft",  über 
deren  Wesen  man  sich  aber  bisher  noch  nicht  recht  hat  klar  werden 
können,  da  sich  der  Abbau  fast  nur  südlich  dieser  Kluft  bewegt  und 
Bohrungen  im  Kluftber*eiche  noch  nicht  stattgefunden  haben.  Auch  sonst 
sind  lokale  Störungen,  Verwerfungen,  Sprünge  und  Verdrückungen  ebenso 
wie  im  Reichhennersdorf-Liebauer  Revier  zahlreich  vertreten,  eine  Tatsache, 
auf  Grund  deren  Her  mann  die  Flöze  des  Reichhennersdorf-Liebauer  Re- 
vieres  den  Schatzlarer  Flözen  gleichsetzen  zu  müssen  meinte,  wie  schon 
anderwärts  betont  ist.  Diese  kleinen  Störungen  (Sprünge)  dislocieren  die 
Flöze  meistenteils  analog  den  gleich  alten  Bildungen  im  preußischen  Teil 
der  Mulde  vom  Liegenden  zum  Hangenden,  während  die  großen  Verwer- 
fungen (Klüfte)  hier  die  Flöze  vom  Hangenden  ins  Liegende  verschieben. 

Über  Groß-Krinsdorf  hinaus  ist  der  Schatzlarer  Flözzug  mit  Sicherheit 
nicht  mehr  bekannt,  denn  es  läßt  sich  heute  nicht  mehr  feststellen. 
Welchem  Flözzugo  die  Flöze  des  Stollens  am  linken  Ufer  des  Litschebaches 
zuzurechnen  sind,  die  in  der  Literatur  mehrfacli  Erwähnung  linden,  weil 
Pflanzeureste  von  dort  nicht  bekannt  sind. 

Die  Resultate  des  verunglückten  Bohrloches  bei  Schwarzwasser  und 
der  Krinsdorfer  Bohrung  können  leider  liier  nicht  wiedergegeben  werden, 
weil   der  westböhmische  Bergbau -A  kli  en-Ver  ein  seine  Bohrtabellen 

1)  Miueralkohlen  Österreichs.     Wien  1903  S.  203. 

3)  Die  Schatzlarer  Verwaltung  (Ingenieur  Haberfeiner,  jetzt  Pergine)  hat  mir 
freundlichst  dieses  Profil  überlassen. 
s)  Siehe  die  Schülzesche  Karte. 


it^ht  dev  So,h]ps.  finsellscha.l't  für  vaterl.  Cultur. 


■m.n   3  ' 


■/ET  n.    S  nq 


^/^ü: 


s-^.v.  « 


'r^i.dr.^^n.  geheim  hält  und  so  eine  Prü- 
fung von  deren  Ergebnissen 
für  die  Wissenschaft  augen- 
blicklich nicht  möglieh  ist. 

In  neuester  Zeit  lenkt  eine 
Bohrung  in  Schatzlar  selbst 
das  Interesse  auf  sich.  Durcli 
Bohrung  im  Marienschachte 
ist  anscheinend  eine  neue 
Plüzgruppe  erteuft  worden. 
124,86  m  tiefer  als  die  Sohle 
des  Marienschachtes  (S35  ni) 
hatte  man  mhtulst  Stoßbohrers 
10  Flöze  konstatiert.  Von 
diesen  10  Flözen  sind  bisher 
4    querschlägig   100  m   west- 

■  lieh  vom  Julienschacht  (335  m 
Seigerteufe)')  angefahren.  Das 
Streichen  dieser  Flöze  ist 
SW— NO  und  ihr  Fallen 
beträgt  45"  gegen  0.  Ihre 
Mächtigkeit  soll    bis    1   m  be- 

,  tragen  und  die  Kohle  eine 
recht  gute  sein.  Eines  dieser 
Flöze  hat  nach  Angaben  des 
Herrn  Oberingen.  Sandtnor 
ein  grobes  Konglomerat  zur 
Decke.  Die  Identifikation  mit 
Flözen  benachbarter  Gruppen 
läßt  sicli  erst  durchführen, 
wenn  Pflanzen  vorHegen.  Es 
ist  wahrscheinlich,  daß  diese 
Flöze  als  Reichhennersdorfer 
Schichten  anzusprechen  sind, 
insbesondere  wäre  dieses  Flöz 
dem  Maximilian  -  Concordia- 
Flöz  gleichzustellen.  Jeden- 
falls deutet  das  von  Weisstein 
bis  TschÖpsdorf  verfolgte  Auf- 
treten der  Konglomeratdecke 
auf  eine  solche  Ulentiflzierung 
hin. 

Beschaffenheit  der 
Kohle.  Der  kalorische  Wert 
der  Schatzlarer  Kohlen  beträgt 
nach  Schwackhöfer^)  6000 
bis  6800  hei  oiiiera  Aschen- 
gehalt von  10,a  —  19,0  %. 
Zum  Vergleiche  sei  nach  dem- 
selben Autor'')  der  kalorische 
Wcrtvon46niederachlesischen 
Proben  angeführt.    20  Proben 

1)  =  248  m  tiber  dem  Spiegel 
des  adriatischen  Meeres. 

»)  Sciiwuckhöfer,  die 
Kohlen  Österreich -Ungains  und 
Preiißiscli-Sclilesiens.  Wien  t'JOl 
S.  55.  55.  Tabellarische  Ober- 
sielit  der  Analysen  S.  138— l^d. 

3)  Ebenda  S.  68. 


/sr/>f-^/<yj^z. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  75 

ergaben  6500 — 7000  Kai,  24  Proben  7000—7500  Kai.  und  2  sogar  über 
V500  Kai.  Der  Heizwert  der  Schatzlarer  Kohlen  ist  also  geringer  als  der 
der  niederschlesischen  Kohlen.  Verbrennlichen  Schwefel  enthalten  die 
Schatzlarer  Kohlen  1,2  bis  1,7   o/^,  im  Mittel   1,3—1,5  "/o- 

Fossilführung. 
Bereits  1885 — 87  veröffenthchte  Stur  sein  bekanntes  2 bändiges  Werk 
über  die  Karbonflora  der  Schatzlarer  Schichten.  Durch  Zeiller^)  wurden 
dann  die  im  französischen  gleich  alten  Karbon  vorkommenden  Pflanzen  der 
ötage  houiller  moyen  (bassin  de  Valenciennes)  beschrieben  und  abgebildet. 
So  erscheint  die  Flora  dieses  Flözzuges  wohl  als  die  bestbekannte.  Des 
Verfassers  Tätigkeit  in  Schatzlar  bezweckte  in  erster  Linie  eine  Unter- 
suchung über  die  Häufigkeit  der  einzelnen  Pflanzenreste  in  den  verschiedenen 
Flözen,  eine  Aufgabe,  die  leider  nur  sehr  unvollkommen  geglückt  ist.  Das 
Ergebnis  sei  im  folgenden  tabellarisch  mitgeteilt. 


1)  Zeiller,  Description  dela  Acre  fossile  du  bassin  houiUer  de  Valenciennes. 
Atlas  1886.     Text  1888. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


:? 

-^ 

^ 

— 

^^ 

= 

^^- 

^^ 

= 

^^ 

■^^ 

m 

N 

N 

N 

S 

J 

cd 

-Q 

m 

a 

1" 

j3 

ö 

s 

3 

fH-nP 

t 

tr 

3 

h4 

1 

m 

S 

2- 

a 
e 

■a 

3 

§3 

,3" 

m 
& 

CO 

ig 
J 

3 
Ö 

Hangend. 

a 

p. 

1 

"S. 

p. 

^ 

a 

g 

o" 

s 

1 

§< 

o 

■§ 

si 

03 

■^ 

'S 

a 

3 

,13 

s 

Ü 

.3 

,ä 

■S 

° 

tS 

m     Ph 

p-, 

g 

a 

J 

1^ 

Q, 

m      p 

Ä» 

-^ 

J 

oq 

H- 

+ 



- 

— 

— 

— 

— 

— 

) 

i .  .... 

Mittel  zw.  5.  u. 



+ 

^ 

- 

± 

T 

7.  Flöz. 

_ 

+ 

) 

+ 

+ 

7.  Flöz. 

zwischen  7.  u, 



- 



± 

- 

± 

+ 

- 

- 

12.  Flöz. 

+ 

+ 

+++++ 

1 

12.  Flöz. 

_ 

+ 

+ 

- 



- 

- 

i 

++ 

+ 

+ 

Mittel   zw.  12. 
u.  13.  Flöz. 

- 

~ 

- 

- 

- 

- 

13.  Flöz. 

+ 

zwischen 

14  Flöz. 

~ 

- 

- 

~  \ 

zwischen 

— 

+ 

^ 

— 

— 

15.  Flöz. 

+ 

+ 

+ 

zwischen 

16.  Flöz. 

Liegend. 

Zweckmäßig  sollten  hier  die  Bohrungsergebnisse  von  Petersdorf,  die 
zwischen  oben  begrenztem  Schatzlarer  Flözzuge  und  dem  bei  Markausch 
beginnenden  Xaveristollner  Flözzuge  im  Petersdorfer  Tale  stattgefunden 
haben,  angeführt  werden.  Leider  muß  ich  mich  hier  auf  meine  etwas 
unvollständigen  Ermittelungen  beschränken.  Es  war  nicht  möglich,  von 
zuständiger  Seite  (Schatzlarer  Gruben)  genauere  Angaben  zu  erhalten. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Auf  beiden  Seiten  des  Petersdorfer  Tales,  nicht  weit  östlich  der  großen 
Parsohnitz-Hronover  Dislokation,  ist  von  bis  0,6  m  mächtigen  Flözchen 
lange  Zeit  hindurch  aus  Stollen  gefördert  worden.  Auch  aus  den  am 
rechten  Ufer  des  Glaserbaches  im  Burger  Walde  nördlich  der  Straße 
liegenden  alten  Stollen  soll  in  früheren  Zeiten  gefördert  sein,  wegen  Wasser- 
zufluß mußte  der  Betrieb  aber  eingestellt  werden.  Der  später  unternommene 
Versuch,  das  Lager  wieder  aufzufinden,  scheiterte  gänzlich. 

Ein  von  der  Schatzlarer  Gesellschaft  niedergebrachtes  Bohrloch  an 
dem  rechten  Bachufer  ergab  bei  ca.  300  m  Teufe  das  Vorhandensein  von 
4  Flözen,  dessen  stärkste?  im  Mittel  2,3  m  Mächtigkeit  besaß.  Von  diesen 
angeljüch  3 — 4  Flözen  sind  2  bauwürdig  gewesen,  ein  drittes  zeigte  sich 
unrein!)  und  das  vierte  Flöz  endlich  war  unbauwürdig.  In  nördlicher 
Richtung  von  diesem  Bohrlochc  wurde  von  derselben  Gesellschaft  im  Tale 
von  Döberle  am  Nordhang  des  Burger  Waldes  ein  weiteres  Bohrloch  ge- 
stoßen, welches  mehrere  schwache  Flöze  nachgewiesen^)  hat. 


in.    Die  Xavorislolluer  Scliicliten  Foto  nie. 

Schon  vor  Markaiisch  finden  sich  östlich  der  Bergkoppe  die  ersten 
Ausgehenden  der  Flöze  dieses  Zuges.  Ihr  weiterer  Verlauf  bis  Schwado- 
witz  wird  durch  eine  Reihe  alter  Anlagen  gekennzeichnet,  wie  Ignatzi- 
schacht, Petrischacht,  Xaveri(erb)stollen,  Hugostollen  und  zahlreiche  Schurf- 
halden. 

Grenzen    und    Petrographisches. 

Durcli  die  älteren  Bergwerksaufschlüsse  ist  die  Mächtigkeit  dieses  Flöz- 
zuges ziemlich  genau  bekannt  geworden.  Der  796  m  lange  Xaveristollen 
durchfuhr  zunächst  NW  einfallende  Kreideschichten,  hernach  rote  Schiefer 
Und  Sandsteine  mit  Konglomeraten,  die  sich  immer  steiler  stellten,  um 
etwa  130  m  vom  Stollenmundloch  Nordostfallen  anzunehmen.  Auf  diese 
Schichten  des  Rotliegenden  lagern  sich  dann  die  XaveristoUner  Schichten 
ßiit  ihren  graueren  Konglomeraten,  schwarzgrauen  Schiefern  und  11  Flözen. 
Das  Fallen  der  Flöze  beträgt  65 — 70  Grad  gegen  NO,  während  ihr  Streichen 
dem  Hauptstreichen  (N  30  W)  des  gesamten  Muldenflügels  ziemlich  genau 
^olgt.  Hinter  diese  Schichten  wurde  der  Stollen  noch  250  m  weiter  ge- 
führt, ohne  ein  Ergebnis  zu  bringen.^)  Gegen  SO  verschwächt  sich  diese 
ochicht,  die  im  Idastollen  nur  noch  250  m  an  Mächtigkeit  mißt,  immer 
'^lehr,  bis  sie  schließ] icli  (nach  den  Mineralkohlen)  ganz  verschwindet. 
■Veithofer  und  mit  ihm  die  vorliegende  Aufnahme,    läßt   diese  Schichten 

1)  Nach  dortiger  Ausdrucksweise  „unreif". 

2)  Auch  das  Ergebnis    dieser  Bohrung   kann  niolil  nälier    angegeben  werden. 

3)  Mineralkohlen  Österreichs.     Wien  1903.  S.  "203. 


78  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cullur. 


in  gaBZ  schmalem  Zuge  bis  Zbecnik  durchstreichen,  da  östlich  dieses 
Dorfes  wieder  eine  Flözanreicherung  und  Zunahme  der  Mächtigkeit  der 
Schichten  erfolgt.  Etwa  370—380  m  vom  Mundloch  des  ostwärts  in  den 
Berg  hineingehenden  Xaveristollens  haben  wir  an  einer  vermauerten  Stelle 
den  Parschnitz-Hronover  Bruch  zu  suchen,  der  auch  im  Idastollen-Klein- 
Schwadowitz  nur  noch  durch  Mauerung  gekennzeichnet  ist.  In  dem  1800  m 
langen  Hugostollen  nördlich  Klein-Schwadowitz  liegt  diese  Dislokationskluft 
etwa  600  m  vom  Mundloche  entfernt.  Dieser  Bruch  stellt  die  Ostgrenze 
der  Xaveris tollner  Schichten  vor.  Leider  ist  auficr  dem  Idastollen  keine 
dieser  alten  Anlagen  mehr  zu  befahren,  und  sind  diese  Angaben  daher  nur 
den  Profilen  der  Schwadowitzer  Gesellschaft^)  entnommen. 

Die  westliche  Begrenzung  der  Schichten  läßt  sich  heute  nicht  mehr 
genau  feststellen.  Beide  Horizonte  bestehen  vorwiegend  aus  rötlichen  bis  grauen 
gröberen  und  feineren  Konglomeraten,  während  die  rötlichen  Schiefertone 
und  rötlich  grauen  Sandsteine  zurücktreten.  Es  ist  daher  an  der  Weit- 
hoferschen  Grenze  festgehalten  worden,  die  durch  schon  früher  genannte 
Ergüsse  von  Eruptivgesteinen  (Porphyre  bei  Petersdorf  und  Melaphyre  bei 
Bohdaschin  und  Hertin)  gekennzeichnet  wird. 

Flözführung.  Bei  Markausch  und  im  Erbstollen  sind  8—11  Flöze 
bekannt. ä)  Hier  beträgt  die  qucrschläglge  Entfernung  vom  liegendsten 
2.  Flöz  bis  zum  11.  hängendsten  130  m.  Das  2.  Flöz  war  2—5  m  stark, 
das  4.,  5.,  7.,  8.  und  9.  bis  über  1  m  mächtig.  Die  Flöze,  die  im  Streichen 
auf  3  km  aufgeschlossen  waren,  verflachen  sich  an  den  genannten  Orten 
mit  65—70  0  gegen  NO,  weshalb  die  älteren  Autoren  diesen  Flözzug  als 
,, steilstehenden  Flözzug  bei  Markausch"'')  bezeichnet  haben.  Gegen  Süd 
verringert  sich  die  Breite  des  Flözzuges  wie  oben  gesagt  immer  mehr. 
Bei  Bohdaschin  ist  nur  noch  ein  einziges  Flöz  weit  ab  im  Liegenden  der 
Idastollner  Flöze  erschürft  worden. 2)  Erst  bei  Zdiarek  in  der  Wilhelminen- 
grube  treten  dann  wieder  5  Flöze  auf,  deren  nähere  Beschreibung  bereits 
früher  durch  Schmidt  erfolgt  ist."^) 


1)  Herrn  Oberingenieur  Karlik  und  Herrn  Markscheider  Irr  mann  bin  ich  für 
die  freundliche  tjljerlassung  der  Profde  zu  Danke  verpflichtet. 

2)  Minei'alkohlen.     S.  203.  —  Vgl.  Schütze  1.  c.  S.  221. 

3)  Vgl.  Jokely,  Steinkohlenablagerungen  von  Schatzlar,  Schwadowitz  etc. 
.Jahrb.  d.  k.  t.  g.  Reich.sanst.   1862.    Verhandl.    S.  169  ff.  und  Schütze  1.  c.  S.  5. 

*)  Dr.  A.  Schmidt  hat  in  seiner  Inaugural-Dissertation  „Oberkarbon  und 
RotUegendes  im  Braunauer  Lilndchen  und  der  nördlichen  Grafschaft  Glatz" 
Breslau  190*.  (S.  16—19)  durch  die  Flora  nachgewiesen,  daß  die  Flöze  der 
Wilhelminagrube  nicht  ident  mit  den  XaveristoUner  Flözen  sind,  sondern  eine 
Zwischenstellung  zwischen  Xaveri.stollner  und  Idastollner  Schichten  einnehmen,  so 
daß  sie,  wie  ich  auch  in  der  vergleichenden  Übersicht  (S.  107)  angegeben  habe,  den 
Ablagerungen  von  Piesberg-Ibbenbüren  gleichzusetzen  sind.  (=  Wilhelmina- 
schiohten  S.  108—113.) 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaitliche  Sektion.  79 


Beschaffenheit  der  Kohle.  Die  Kohle  dieser  Flöze  war  bedeutend 
besser  als  die  der  Idastollner  Flöze  und  wurde  hauptsächlich  zur  Koks- 
erzeugung verwandt. 

Fossilien.  War  kartographisch  und  petrographisch  eine  genaue 
Abgrenzung  dieser  Schichten  nicht  möglich,  so  ist  floristisch  eine  solche 
doch  schon  seit  langem  geglückt.  Potonie  stellte  die  Ergebnisse  früherer 
Autoren  zusammen  und  schaltete  auf  Grund  erneuter  Beobachtungen  zwischen 
Schwadowitzer  und  Schatz'larer  Schichten  s.  str.  die  Flora  des  Xaveristollen 
als  5.  (Misch-)  Flora  ein.  Leider  war  es  mir  nicht  möglich,  hier  neuere 
Beobachtungen  zu  machen,  da  der  gesamte  Bergbau  auf  den  Xaveristollner 
Schichten  schon  seit  langem  ruht. 

Eruptivgesteine.  Außer  den  bei'eits  erwähnten  Melaphyrvorkommen 
von  Hertin  und  Bohdaschin  sind  im  ganzen  Gebiete  dieses  Schichten- 
komplexes Eruptivgesteine  nicht  aufgefunden  worden,  die  auch  der  jüngeren 
Ottweiler  Stufe  in  Böhmen  fast  gänzlich  fehlen,  i) 


IV.    Ottweiler  Stufe  Weiß. 

a.  Idastollner  Schichten, 

Potoniö    —    Schwadowitzer  Schichten,    Stur. 

Grenzen,  Im  ganzen  Gebiete  unserer  Arbeit,  in  dem  die  Schwadowitzer 
Schichten  überhaupt  entwickelt  sind,  lagern  sie  den  Schatzlarer  Schichten 
s.  str.  bezw.  den  Xaveristollner  Schichten  auf  und  werden  von  den  hernach 
zu  behandelnden  Hexensteinarkosen  konkordant  überlagert.  Ihre  größte 
querschlägige  Breite  erreichen  sie  mit  etwa  3,7  km  in  der  Linie  Bolkenberg- 
Bernsdorf  (Richtung  auf  den  Kutschenberg).  Bei  Königshan  verschwinden 
die  Schichten  unter  den  AUuvionen,  so  daß  sich  ein  Hinüberreichen  auf 
preußisches  Gebiet^)  nicht  nachweisen  und  eine  genaue  Nordgrenze  zur 
Zeit  nicht  ziehen  läßt. 

Orographisches.  Ihre  höchste  Erhebung  erreichen  die  Idastollner 
Schichten  mit  618  m  im  ,, Kreuzweg"  südlich  der  Bernsdorfer  Kirche  und 
öiit  644  m  nördlich  Döberle. 

Petrographisches.  Die  kartographischen  Aufnahmen  werden 
Wesentlich  erleichtert  durch  die  schon  oben  erwähnte  intensiv  rote  Farbe 
der  Konglomerate,  Sandsteine  und  Schiefer  dieser  Schichten,  die  nur  in 
*ier   Nähe    der    Flöze    eine    graue    bis    grauschwarze    (Schiefer)    Färbung 


1)  Schütze  gibt  1.  c.  S.  232  Porphyr  von  sehr  geringer  Ausdehnung  an,  den 
'Ißr  Ida-  und  Benigne- Stollen  durchfahren  hat,  der  aber  kaum  über  die  Stollen- 
sohlo    hinaufsteigt. 

2)  Weithofer  und  Dathe  nehmen  ein  Durchstreichen  der  Scluclilen  im 
preußischen  Anteile  der  niederschlesischen  Kohlenmulde  an.  Vgl.  Weithofer  1.  c. 
^'  4G8  und  Dathe  an  mehreren  Stellen. 


Jaliresbericht  der  Schles.  Gesellschaff,  für  valerl.  Cullui-. 


annehmen.  Auch  hier  sind  Konglomerate  das  vorherrschende  Gestein. 
Die  rote  Färbung  der  Schichten  veranlaßte  wohl  auch  die  Herausgeber 
der  Beyrischschen  Karte  und  nach  ihnen  Schütze  und  Dathe,^)  den  Teil 
der  Schwadowitzer  Schichten  um  Bernsdorf,  Krinsdorf,  Goldenöls,  Döberle, 
Petersdorf  bis  Bösig  dem  Rotliegenden  zuzusprechen,  eine  Annahme  die 
durch  Weithofer  wohl  als  völlig  überwunden  anzusehen  ist.  Bemerkens- 
wert und  petrographisch  interessant  ist  im  Idastollen  und  Bohdaschin 
ein    häufiges  Auftreten  von  Kaliglimmer  in  den  Sandsteinen. 

Kupfer führung.  Ehe  der  Idastollen  südlich  Schwadowitz  den 
Plözzug  erreichte,  durchfuhr  er  eine  Sandsteinschicht,  die  mit  Malachit 
(CuCO^)  imprägniert  war,  ähnlich  wohl  dem  später  zu  beschreibenden 
Albendorfer  Vorkommen.  Es  ist  dies  die  älteste  Kupferablagerung,  die  sich 
im  Kartengebiete  beobachten  laßt,  gleichsam  ein  Vorläufer  der  ausgedehnten 
Kupferlagerstätten  des  Rotliegenden,  die  sich  in  unserem  Gebiete  teilweise 
sogar  zur  Abbauwürdigkeit  anreichern.  Ein  Versuch,  diese  Idastollner 
malachithaltigen  Sandsteinschichten  technisch  zu  verwerten,  scheiterte  an 
ihrer   völligen  Unbauwürdigkeit. 

Flözführung   und  Lagerung    der   Flöze. 
Der    einzige  Bergbau    auf  diesem  Zuge,    der   1660  m  lange  Idastollen 
bei    Klein- Schwadowitz,    besitzt    folgende    4   Flöze    (vom    Hangenden    zum 
Liegenden) : 

1.  Das  Hangendflöz  0,6 — 0,7  m  mächtig. 

18  m  Zwischenmittel. 

2.  Das  Hauptflöz  mit   1,0 — 1,3  m  Kohlenmächtigkeit. 
Im  westlichen  Teile  tritt  es  in  2  Bänken  auf: 

Oberbank      0,6—0,8  m, 

Mittel  1,0—2,8  m, 

Unterbank    0,4—0,5  m, 

2,0—4,1    ra, 

während    sich   nach   Osten   zu  dieses  Mittel  auskeilt  und  das  Kohl 

dann  in   einer  mittleren  Mächtigkeit  von    1,0 — 1,2  m  auftritt. 

10  m  Zwischenmiltel. 

3.  Putzenflöz  von  einer  Mächtigkeit  bis  zu   3  m.     Tritt  es  regelmäßig 
auf,  so  beträgt  seine  mittlere  Mächtigkeit  0,45 — 5,0  m. 

210  m  Zwischenmittel. 

4.  Pulkrabekflöz,    im   Mittel  0,3   m  mächtig.     Angefahren    wurde    es 
etwa  1400  m  vom  Stollenmundloch  entfernt. 

Der  Abbau  bewegt  sich  nur  auf  dem  ersten  und  zweiten  Flöz  und 
gegenwärtig  sogar  fast  ausschließlich  auf  dem  Hauptflöze. 


1)  Dathe  Geol.  Beschreibung  d.  Umgebung  v.  .Salzbrunn.     Berlin  1892  Taf.  !• 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  81 


Gegen  Vodolov  zu  wird  dieses  Flöz  plötzlich  durch  eine  N  52  0 
(hör.  3.5)  streichende  mit  44"  gegen  NW  einfallende  Verwerfung  abge- 
schnitten. Beim  Ausrichten  derselben  und  dem  Versuche,  das  Flöz  wieder 
zu  erlangen,  gelangte  man  zunächst  in  grauen  Sandstein.  Darauf  folgten 
dann  rote  Sandsteine  und  auf  diese  wieder  die  zuerst  angetroffenen  grauen. 
Jetzt  ist  man  endlich  wieder  in  das  gesuchte  Hauptflöz  gekommen,  welches 
von  der  ehemaligen  prinzlich  Schaumburg-Lippeschen  Anlage  im  Eisflußtale 
ijJibkaschacht"  südlich  Jibka  in  Bau  genommen  werden  soll;  zu  diesem 
Zwecke  wird  gegenwärtig  dieser  Schacht  tiefer  geteuft,  eine  Arbeit,  bei  der 
der  Bergmann  ziemliche  Schwierigkeiten  infolge  Quellenzufluß  zu  über- 
winden hat. 

Leider  ist  über  die  eben  beschriebene  Verwerfung,  die  Verfasser  trotz 
ihrer  in  der  Grube  genau  festgelegten  Lage  über  Tage  nicht  hat  auffinden 
können  (unter  Tage  270  m  vom  Jibkaschacht  entfernt  angefahren),  bisher i) 
noch  zu  wenig  bekannt,  um  genauere  Angaben  über  diese  Verwerfung 
und  die  dahinter  noch  angetroffene  zweite  machen  zu  können. 

In  früherer  Zeit  wurden  noch  im  Benigne-Stollen  und  Josephi-Schacht 
bei  Bohdaschin   die  Flöze  dieses  Zuges  abgebaut.     Die  Flöze   dieser  beiden 
Anlagen  identifiziert  Schütze  mit  den  Idastollner  Flözen  wie  folgt:^) 
Ida-Stollen         Benigne-Stollen         Josephi-Schacht. 
Hangend  (Letten)  Flöz  —  — 

Haupt-Flöz     =     Haupt-Flöz       =    Friedrich-Flöz. 
Putzen-Flöz    =:    Benigne-Flöz     :=     Barbara-Flöz. 

—  —  Adolph-Flöz. 

—  Dorothea-Flöz     =     Josephi-Flöz. 

—  —  Franziska-Flöz. 

Das  Barbara-Flötz  enthielt^)  0,3 — 4  m  sehr  gute  Kohle.  Die  anderen 
"löze  wechseln  in  ilu-er  Mächtigkeit  bis  1,5  m  in  maximo.  Hier  im 
ßenigne-Stollen  und  Josephi-Schacht  sollen  die  Flöze  in  einem  Schichten- 
komplex  von  270  m  querschlägiger  Breite  verteilt  gewesen  und  38  "  gegen 
NO  eingefallen  sein.  Weiterhin  erscheinen  die  Flöze,  deren  Verlauf  durch 
^churfhalden  gekennzeichnet  wird,  ziemlich  mächtig,  sind  aber  stark  ver- 
^chiefert.  Bei  Hronov*)  treten  noch  3  Fiöze  auf,  die  aber  wegen  ihrer 
Verschieferung  unbauwürdig  sind. 

Interessant  ist  auch,  daß  der  Verfasser  des  Kapitels  in  den  Mineral- 
kohlen bereits  die  oben  erwähnte  Verwerfung  anführt;  freiUch  gibt  er  nur 
^in    anscheinendes   Auskeilen    des    Haupt-    und    Lettenflözes  (=  Hangend- 


1)  Ende  Mai  1904. 

2)  Schütze  1.  c.  S.  234. 

3)  Mineralkohlen,  S.  206. 
*)  Mineralkohlen,  S.  206. 


ih 


82  Jahresbericht  der  Hehles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

flöz    d.  V.)    an   in    der    gedachten  südöstlichen  Richtung  zwischen  Vodolov 
und  Bohdaschin. 

Durch  den  ehemaligen  Bergbau  sind  die  Flöze  auf  8  km  streichende 
Länge  aufgeschlossen,  während  die  ganze  Ausdehnung  im  Streichen  von 
Königshan  bis  Zdiarek  36  km  an  Länge  mißt.  Nördlich  des  Petersdorfer 
Tales  sind  Flöze  dieses  Zuges  bisher  nicht  bekannt  geworden. 

Beschaffenheit  der  Kohle.  Die  Flöze  dieser  Idastollner  Schichten 
treten  keineswegs  immer  rein  auf,  auch  das  Hauptflöz  enthält  bis  über 
2  m  taube  Einlagerungen. i)  Im  allgemeinen  ist  die  Kohle  eine  milde 
backende  Glanzkohle  von  guter  Qualität,  die  viel  zur  Kokserzeugung  ver- 
wendet wurde.  Wenig  willkommen  jedoch  ist  ein  größerer  Schwefelgehalt, 
wie  er  namentlich  im  Hangendflöz  sehr  stark  vertreten  ist.  Nach 
Schwackhöfer  ^)  gibt  gewaschene  Förderkohle  6312  Kalorien  ab;  sie 
enthält  2,45  "/(,  hygr.  Wasser,  16,44  »/q  Asche,  3,53  %  verbrennlichen 
Schwefel  und  67,10  %  Kohlenstoff. 

Die  Qualität  der  Kohle  in  dem  Hauptflöze  hinter  den  oben  erwähnten 
Verwerfungen  hat  sich  nach  Mitteilung  des  Herrn  Karlik  wesentUch  ge- 
bessert. 

Kürzlich  wurde  sie,  wie  folgt,  analysiert; 
C  =  67,66  % 
H  =    4,03  o/o 
0  =  13,31  o/„ 
N  =    0,23  o/o 
S  =     2,30  o/o 
Asche  =  10,45  o/^ 
hygr.  Wasser  =     2,02  o/q 
100,00  o/o 
Brennwert  =  6  408,29  Kai. 
Es  zeigt  sich  namentlich  eine  Verminderung  des  unbequemen  Schwefel- 
gehaltes   und   eine   beträchtliche  Abnahme  des  Aschengehaltes. 

Die  Kohle  des  Benig neflözes  enthält  nach  einer  Bestimmung  von 
C.  F.  Kapaun-Karlowa  (1869)  3,57  o/„  Malachit,  was  einem  Gehalte 
von   2,4  "/o    Cu   entspricht. 

Fossilien.  Hinsichtlich  der  organischen  Reste  wird  auf  die  ver- 
gleichende Florenübersicht  S.  76  ff.  hingewiesen.  Die  Schwadowitzer  Schichten 
kennzeichnet  Stur*)  durch  das  erste  Auftreten  der  Pecopteris  (Alethopteris) 
Pluckenetii  (Schloth.)  Brgt. 


1)  Ebendort. 

2)  1.  c.  S.  138—141  (Analyse  aus  1899). 

3)  Stur,    Verhandl.    der    k.  k.    geol.   Reichsanst.    1874,    S.    207.     Vgl.    auch 
Katzer,  Geol.  von  Böhmen,  Prag  1892,  S.  1142. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  83 


Geplante  Neu  anlagen.  Sollte  das  Hauptdöz  durch  den  Jibka- 
Schacht  wirklich  in  der  angenommenen  Mächtigkeit  und  Güte  anhalhend  wieder 
aufgeschlossen  werden,  so  dürfte  dieser  Anlage  voraussichtlich  binnen  kurzem 
auf  Dfewizer  Terrain  eine  zyveite  folgen  und  so  der  Betrieb  der  Schwado- 
witzer  Aktiengesellschaft  die  doppelte,  ja  vielleicht  dreifache  Größe  erreichen. 

Ferner  plant  man^)  weitab  vom  Mundloch  des  Idastollen  etwa  in  dem 
Dreieck  Vodolov-Batnowitz-Schwadowitz  ein  Bohrloch  anzusetzen,  um  zu  unter- 
suchen, ob  der  Xaveristollner  Flözzug  sich  nicht  unter  der  Rotliegend- 
bedeckung westlich  des  Parschnitz  -  Hronover  Bruches  noch  vorfindet.  Die 
Bohrung  würde  sicherlich  auch  der  Wissenschaft  manchen  Aufschluß  über 
die  Tektonik  des  Parschnitz -Hronover  Bruches  bringen. 

b.  Hexenstein-Arkosen,  Weithof  er  = 
Mittlere  Ottweiler  Stufe,  Weiß  = 
Potzberger  Schichten,  Gümbel. 
Grenzen.  Die  Hexenstein-Arkosen  mit  teilweise  rotem,  teilweise  grauem 
Bindemittel  finden  wir  im  ganzen  österreichischen  Anteile  an  der  nieder- 
schlesisch-böhmischen  Steinkohlenmulde  von  Berggraben  im  Streichen  süd- 
wärts bis  gegen  Hronov  hin  den  IdastoUner  Schichten  konkordant  aufgelagert. 
Die  Westgrenze  des  Arkosenzuges  kann  mit  ziemlicher  Deutlichkeit  von  Peters- 
dorf ab  südwärts  am  Westabhaug  des  Zaltmanrückens  gezogen  werden, 
Während  die  Westgrenze  nördlich  des  Petersdorfer  Tales  bis  Berggraben 
hin,  wo  sie  unter  den  Alluvionen  gänzlich  verschwindet,  nicht  so  deutlich 
hervortritt.  Ebensowenig  scharf  ist  die  Ostgrenze,  indem  zwischen  Jibka 
und  Wüstrey  die  Höhenzüge  inmitten  der  Radowenzer  Schichten  und  des 
Rotliegenden  von  ihnen  gebildet  werden.  Verwischt  und  undeutlich  zeigt 
sich  diese  Grenze  ferner  bei  Preußisch-Albendorf  und  nordwärts,  wo  die 
Hexenstein-Arkosen  in  arkoseartigen  roten  konglomeratischen  Sandstein 
übergehen,  der  den  Höhenzug  im  Osten  des  Johannesberg-Zuges  bildet  und 
hier  an  einer  Stelle  namentlich  verkieselte  Hölzer-)  führt.  Eine  genaue 
kaitograpliische  Abgrenzung  dieser  Schichten  ist  dem  Verfasser  bis  zur 
Drucklegung  der  Exkursionskarte ^)  noch  nicht  möglicli  gewesen.  Jedenfalls 
bilden  sie  auch  hier  die  Höhenzüge  bis  ans  (5te)  4te  Flöz  herauf,  bilden 
aber  wahrscheinhch  auch  noch  das  Mittel  zwischen  diesem  und  dem  (4 teil) 
3ten  Flöz  der  Albendorfer  Flöze  der  Radowenzer  Schichten.  Es  ist  daher 
vorläufig  auf  der  Exkursionskarte  die  Weithofersche  Grenze  noch  bei- 
behalten worden.  Als  Nordgrenze  ist  das  Verscliwinden  dieses  Zuges  unter 
den  Alluvionen   bei  Königshan   angegeben.     NördHch    dieser  Linie    wurden 

1)  Herr  Obenngenieur  Karlik  teilte  dies  freundUchst  mit. 

2)  Die  Hölzer  bestimmte  Dr.  Gothan-Berlin  als  cf.  Dadoxylon  spec.  Eine 
genauere  Bestimmung  ist  nach  den  vorliegenden  Stücken  und  deren  Schliffen 
nicht  möglich. 

S)  Anfang  März  1904. 


84  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


im  Bereiche  der  Exkursionskarte  typische  Hexenstein-Arkosen  nicht  wieder 
angetroffen  und  auch  über  dem  Nordrande  der  Karte  im  ganzen  Gebiete 
unserer  Arbeit  nicht  aufgefunden.  Die  südliche  liegrenzung  bei  Hronov 
liegt  außerhalb  des  Aurnahmegebietes. 

Ein  Blick  auf  die  Karte  zeigt  deutlich  die  durch  Erosion  bedingte 
lappenförmige  Auflagerung  auf  die  Schwadowitzer  Schichten  südlich  des 
Petersdorfer  Tales.  Den  Gipfel  des  Türkenberges  südlich  Wüstrcy  bilden 
Ablagerungen  der  oberen  Kreide  (Cenoman-Quader),  während  sich  sonst  auf 
seinen  Hängen  die  Hexenstein-Arkosen  in  typischer  Entwickelung  finden. 

Ihre  mittlere  Breitenausdehnung  beträgt  südlich  des  Petersdorfer  Tales 
etwa  3,5  km. 

Einteilung.  Es  lassen  sich  im  ganzen  Bereiche  der  Hexenstein- 
Arkosen  im  allgemeinen  2  Zonen,  eine  liegendere  und  eine  hängendere  Partie 
unterscheiden.  Die  liegendere  Partie  keilt  etwa  südUch  des  Petersdorfer 
Tales  aus.  Bei  Wüstrey  und  Jibka  lagert  sich  ihr  die  hängendere  Partie 
auf,  die  hier  ihre  höchsten  Erhebungen  erreicht  und  dann  nordwärts  allein 
das  Glaserbachtal  überschreitet,  sich  in  ihrem  Streichen  den  Porphyren  des 
Rabengebirges  nördlich  vom  Johannisberge  immer  mehr  anschmiegt  und 
schließlich  bei  Berggraben  unter  den  Alluvionen  verschwindet. 

Orographisches.  Ihre  mächtigste  Ablagerung  haben  die  Hexenstein- 
Arkosen  ungefähr  in  der  Linie  ,,Bohdaschin-Radowenz"  erhalten,  wo  gleich- 
zeitig auch  die  höchsten  Erhebungen  liegen.  Südlich  sowohl  wie  nördlich  des 
738  m  hohen  Hexenstein  werden  diePIöhen  immer  geringer.  NaPerny  nördhch 
Bohdaschin  (6.38  m),  Schwedenberg  mit  659  m,  der  Kühberg  mit  631  m, 
Koluerkö  mit  689  m,  der  Brenden  mit  733  und  688  m  und  der  Johannes- 
berg mit  696  m  Seehöhe  sind  einige  seiner  bemerkenswertesten  Erhebungen. 
Hervorzuheben  ist,  daß  sich  diese  höchsten  Berge  in  der  liegenderen  Partie 
der  Hexenstein-Arkosen  im  Zaltmanrücken  finden. 

Petrographisches.  Vom  Hexenstein  gegen  Nordwest  schalten  sich 
nach  Weithofer')  bereits  mehrfach  rote  Schiefertone  ein,  die  an 
Mächtigkeit  in  gedachter  Pachtung  immer  mehr  zunehmen  und  den  ganzen 
liegenden  und  mittleren  Teil  des  Zuges  allmähUch  verdrängen. 

Fossile  Pieste.  Der  berühmte  versteinerte  Wald  von  Radowenz,  der 
die  Bewunderung  jedes  Forschers,  jedes  Laien  ül)erl.iaupt  erregte,  hat  infolge 
der  rücksichtslosen  Sammeltätigkeit  desMenscheii  fast  aufgeliört  zu  existieren.^) 
Nur  veiliältnismäßig  wenige  Bruchstücke  der  einstigen  Herrlichkeit  trifft  man 
an  weniger  begangenen  Stellen  des  dichten  Hochwaldes,  von  dem  diese 
Hexenstein-Arkosen  meist  bestanden  sind,  noch  an.  Göppert  untersuchte 
als  Erster  die  hier  verkieselt  vorkommenden  Stämme  genauer  und  beschrieb 


1)  Weitliofcr  1,  0.  S.  4G2/63. 

'■')  Der  Breslauei-  botanische  Garten  liesitzt   gUlcklicIierweise  einige  der  besten 
und  schönsten  Exemplare. 


II.  Abteiluup;.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


II 


1904. 


8(5  Jaliresbcrichl  der  Sohles.  GeseÜscliaCt  für  valer).  Ciiltuv. 


die  gefundenen  Araucarlten  als  Arancaiites  Schrollianusi)  und  Araucari- 
oxilon  Ri'andlingn.  Bruchstücke  dieser  beiden  Pflanzen  llndel,  man  aucli 
jetzt  nooli  gelegentlich,  jedoch  relativ  selten.  Um  so  mehr  bin  ich  dem 
prinzlich  Schaumburg-Lippeschen  Forstrale  Herrn  Baron  von  Ulmenstein 
zu  Danke  verpflichtet,  der  mir  mitten  im  Hochwalde  auf  steiler  Bergeshöhe 
südlich  des  Kühberges  zwei  solcher  Araucariten  zeigte.  Ihre  Bestimmung  ist 
aber  nicht  ausführbar,  ohne  das  jetzt  selten  gewordene  Vorkommen  zu 
zerstören.  Das  hier  beigegebene  Bild  (Fig.  4)  zeigt  das  Vorkommen  des 
Araucariten  im  Muttergestein  ziemlich  deutlich.  Der  größte  Stamm  ist 
3,70  m  lang,  von  ovalem  Querschnitt  mit  0,57  m  größtem  Durchmesser 
und  vollständig  eingelagert,  ja  fast  verborgen  in  den  fcldspatreichen  Sand- 
steinen dieses  Zuges. 

Alter.  Allgemein  wird  jetzt  diese  Ablagerung  den  mittleren  Ottweiler 
Schichten  gleichgestellt  und  speziell  den  ganz  gleichartigen  Ablagerungen 
des  Siebigeröder  Sandsteines,  der  hangenden  Partie  (ß)  der  Mansfelder 
Schichten^)  des  Wettiner  Revieres  pärallelisiert.  So  alle  deutschen  Forscher 
und  österreichischerseits  Wcithofer  und  Jan  Krejci.^)  Nur  Katzer*)  hält 
noch  an  der  Auffassung  Jokelys  und  der  beiden  Feistmantel  fest  und 
rechnet  diese  Schichten,  sowie  das  ,,R.adowenzer  Flöz"  seinem  ,, Post- 
karbon" zu. 

c.  Radowenzer  Schichten  Stur  =  Obere  Otlwei  1er  Schichten  Weiß. 

Konkordant  finden  wir  diese  Schichten  im  ganzen  Kartengebiete  den 
Hexensteinarkosen  aufgelagert.  Eine  stratigraphische  Abgrenzung  gegen 
das  Unterrotliegende  zu  ziehen,  soll  der  Zweck  nachstehender  Zeilen  sein. 
Es  sollen  deshalb  zunächst  die  gesamten  Sedimente  zwischen  Kreide  und 
Hexensteinarkosen  zusammen  betrachtet  werden. 

Grenzen.  Im  Norden  reicht  die  Ablagerung  bis  Berggraben  und  ver- 
schwindet hier  zusammen  mit  den  Hexensteinarkosen  unter  den  Älluvionen. 
Gegen  Westen  bildet  der  Hcxensteinzug  die  nicht  immer  scharfe  Grenze,  die 
westliche  Begrenzung  bildet  die  obere  Kreide,  die  K.  Flegel  in  seiner  „Studie 
über  die  obere  Kreide  im  böhmisch-schlesischen  Gebirge.  Heuscheuer 
und  Adersbach-Weckelsdorf  Breslau  1904"  eingehend  bearbeitet  hat. 
und  als  Südgrenze  tritt  die  außerhalb  unseres  Gebietes  liegende  Hronov- 
Zdiareker.  Kreidelransgression  auf. 

1)  Göpperi,  Jahrb.  d.  k.  k.  5,'eol.  R.-Anst.  1857,  S.  725  ff. 

Göppert,  Über  die  versteinten  Wälder  im  niirdl.  Böhmen  und  iu  Schlcs.  — 
36.  Jalu-esber.  d.  Schles.  Ges.  f.  vaterl.  Cultur.  1859. 

a)  Abhandl.  der  kgl.  geol.  Laudesanst.  Neue  Folge  Heft  10.  Berlin  1899.  S.  1(>2 
und  Lethea  palaeozoica  2.  Bd.     Stuttgart  1897—1902.     S.  341  u.  354. 

3)  Jan  Krejci,'  Geologie  cili  nauka  o  ütvarech  zemskych.     V  Prazo  1869. 

4)  Katzer,  Geologie  von  Böhmen,  Prag  1892,  S.  141.  —  Auf  eine  neuere 
Arbeit  Katzers  (1904)  werde  ich  bei  Besprechung  der  Radowenzer  Schichten  ein- 
gehen und  dabei  nochmals  auf  seine  irrige  Altersbestimmung  zurückkommen. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Selition.  37 


Orographisches.  Das  gesamte  an  manchen  Stellen  nur  wenige 
100  m  breite  Bereich  des  Flözzuges  ist  im  allgemeinen  flach  abgelagert. 
Die  größeren  Erhebungen  finden  sich  erst  weiter  im  Hangenden,  welches, 
wie  hier  gezeigt  werden  soll,  bei'eits  postkarbonen,  rotliegenden  Alters  ist. 
Die  höchsten  Erhebungen  sind  der  Berg  zwischen  Qualisch  und  Radowenz 
mit  589  m  und  die  beiden  Erhebungen  westlich  von  Potschendorf  mit  583 
und  584  m  über  dem  adr.  Meere. 


Zusammenvorkommen      von     Kohle      mit     Kalk,      Kupfer-      und 
Eisenerzen    an    der    Grenze    von    Karbon    und    Dyas. 

Die  ganze  Ablagerung  bis  zur  Kreide  wird  außer  durch  das  Auftreten 
von  Flözen  noch  durch  das  erste  Vorkommen  von  Kalk  und  Kupfererzen 
in  ihren  Schichten  charakterisiert.  Als  Hängendstes  finden  wir  im  Rot- 
liegenden  Kalkbänke,  Kupfererze  und  Eruptivgesteine,  in  der 
mittleren  Lage  Kalkbänke,  Kupfererze  und  Kohle  neben  Eisenerz, 
während  die  untere  Lage,  die  eigentlichen  Radowenzer  Schichten, 
vornehmlich  durch  die  Ablagerung  von  Kohlenflözen,  zwischen  denen 
gelegentlich  auch  Eisensteinflöze  vorkommen,  bezeichnet  wird.  Zu- 
letzt soll  hier  der  Kupferlager,  die  samtlich  dem  Rotliegenden  angehören, 
gedacht  werden. 

Flöze  des  Radowenzer  Horizontes. 
Es  dürfte  sich  empfehlen,  jetzt  erst  die  liegenderen  Schichtenkomplexe 
mit  den  Kohlenflözen  hier  vor  den  hängenderen  wesentlich  durch  Kalkzüge 
charakterisierten  Partien  zu  besprechen.  Leider  sind  die  Grubenbaue  zum 
weitaus  größten  Teile  so  verbrochen,  daß,  eine  Befahrung  absolut  aus- 
geschlossen ist  und  südwärts  über  Radowenz  hinaus  fehlen  künstliche  Auf- 
schlüsse überhaupt  ganz.  Erschwert  wird  die  Beschreibung  und  vor  allem 
eme  identifizierende  Gruppierung  der  Flöze  noch  durch  den  Umstand,  daß 
es  ungeheuer  schwierig  ist,  Pflanzen  von  den  verschiedenen  Punkten 
emstiger  Bergbauaufschlüsse  zusammen  zu  bringen.  So  fehlen  solche  aus 
Qualisch  und  Radowenz  gänzlich  und  aus  Jibka  Hegen  nur  wenige,  sehr 
Schlecht  erhaltene  kaum  bestimmbare  Reste  vor.  So  war  die  Sammlung 
Schönknecht  eigentlich  die  einzige  Quelle,  aus  der  Verfasser  wenigstens 
emige  Anhaltspunkte  für  eine  Flözgruppierung  schöpfen  konnte.  Liegen 
erst  vollständigere  Sammlungen  vor,  so  lassen  sich  die  etwa  hier  gemachten 
'Jngenauigkeiten  ausgleichen.  Vielleicht  muß  man  dann  sogar  fast  den 
ganzen  Flözzug  als  Rotliegendes  ansprechen,  soweit  der  preußische  Gebiets- 
teil in  Frage  kommt. 

Petrographisches.  Die  Sedimentgesteine  sind,  wie  schon  oben 
'^''Wiihnt,  neben  roten  Konglomeraten  rote  Schiefer-  und  Sandsteine,  die  erst 

6* 


88  Jahresbericht  der  Sciües.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 

unmittelbar  bei  den  Flözen  eine  graue  bezw.  schwarzgraue  Färbung 
annehmen.  Durch  das  vorherrschende  Rot  wird  es  fast  zur  Unmöglichkeit, 
die  Gesteine  dieser  Schichten  vom  Rotiiegenden  zu  trennen,  wenn  l<eine 
fossilen  Reste  erhalten  sind. 

Beschreibung   der  Radowenzer  Flöze. 

Dicht  über  den  Arkosen  finden  wir  die  9 — 10  Flöze  dieses  Zuges 
abgelagert,  die  auf  eine  streichende  Länge  von  rund  3  Meilen  von  Berg- 
graben l)is  zum  Türkenberge  durch  zahlreiche  Schürfe  aufgedeckt  sind, 
indessen  nur  bei  Berggraben,  Potschendorf,  Teichwasser,  Albendorf, 
Qualisch,  Radowenz  und  Jibka  für  längere  oder  kürzere  Zeit  der  Gegen- 
stand eines  kleinen  Abbaubetriebes  waren.  Gegenwärtig  sind  nur  das 
St.  Gülestin-Steinkohlenwerk  (Völkel)  bei  Qualisch  und  die  ehemals  Drechsel- 
l'.zehakschen  Gruben  bei  Radowenz  im  Betriebe,  von  denen  letztere  nur 
für  den  Bedarf  der  eigenen  Spinnerei  fördern  und  Völkel  je  nach  den  Ab- 
satzverhältnissen fristet. 

Infolge  dej-  starken  Verschieferung  haben  sich  in  Österreich  bisher 
von  den  Flözen  kaum  3  als  bauwürdig  erwiesen.^)  Da  von  den  Flözen 
nur  das  weißmittelige  im  Streichen  ziemlich  weit  bekannt  ist,  kann  man 
dieses  vielleicht  als  Leitflöz  bezeichnen.  Verfolgt  man  die  alten  Baue  von 
Nord  nach  Süd,  so  treten  zunächst  bei  Berggraben  2  Flöze  auf,  die  durch 
einen  Stollen  gebaut  wurden.  Näheres  über  die  Ablagerungen  in  diesem 
Stollen  konnte  nicht  ermittelt  werden,  so  auch  nicht,  mit  welchen  Flözen 
die  beiden  hier  einst  gebauten  zu  identifizieren  sind. 

Bei  Teichwasser  finden  wir  den  nächsten  Betrieb  vor,  der  sicli  ledig- 
lich auf  den  Abbau  des  Walchienflözes  (Karlsröschen)  =  ersten  Albendorfer 
Flözes  beschränkte.^)  Geht  man  von  hier  aus  etwa  1  km  im  Streichen 
nach  Süd,  so  trifft  man  auf  den  alten  Walzeischen  tonnlägigen  Schacht  im 
Potschendorfer  Gebiete.  Dieser  hat  ein  230  m  querschlägig  im  Hangen- 
den des  Karlsröschenflözes  befindliches  Steinkohlenflöz  gebaut,  welches  sich 
durch  geringen  Kupfergehalt  auszeichnet.  Die  auf  der  Halde  lagernden 
Kohle-  und  Schieferreste  tragen  einen  leichten  Malachitanflug,  eine  Tat- 
sache, die  sich  ebenfalls,  freilich  in  viel  geringerem  Grade,  beim  5.  Alben- 
dorfer  Flöz  wahrnehmen  läßt.  Im  Hangenden  des  unten  zu  behandelnden 
Zemenlkalkflözes  ist  beim  Auffahren  eines  Kalkstollens  in  Potschendorf  ein 
nur  wenige  Zoll  mächtiges  Flözchcn  durchfahren  worden,  welches  man  als 
das  hängendste  der  gesamten  Flözablagerung  anzusprechen  hat. 


1)  Mineralkohlen,  S.  206/7. 

ä)  Die  Angaben  über  Potschendorf,  Teichwasser  und  Albeiidorf  füllen  auf 
einer  im  Manuskripte  vervielfältigten  Denkschrift  aus  1889,  die  uns  ihr  Verfasser 
Herr  Scbönkneoht-Landeshut,  freundlichst  zur  Verfügung  gestellt  hat. 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  89 


Ein  genaueres  Bild  der  Ablagerung  erhält  man  durch  die  Albendorfer 
Gruben  „Neue  Gabe  Gottes",  „Bergmannshoffnung"  und  „Ida  Robert'-. 
Dazu  zu  rechnen  ist,  weil  ursprünglich  derselben  Gewerkschaft  gehörend, 
der  jetzt  aufgelassene  Freischurf  ,, Johanna",  hart  an  der  Landesgrenze  auf 
Qualischer  Gebiet  beim  sog.  Felsenkeller.  Sind  die  Gruben  auch  gegen- 
wärtig in  Fristen,  so  datieren  die  Aufschlüsse  doch  immerhin  aus  jüngerer 
Zeit,  so  daß  man  unter  Führung  ortskundiger  Herren  eigentlich  alles  das 
findet,  was  das  ,, Expose"  angibt,  und  noch  etwas  mehr. 

Vom  Hangenden  angefangen,  tritt  uns  hier  das  Karlsröschenflöz  oder 
erste  Flöz  in  einer  Mächtigkeit  von  0,5 — 0,7  ra^)  entgegen.  Durch  die 
Karlsrösche  der  ,, Neuen  Gabe  Gottes"  ist  es  900  m  und  im  Almastollen 
der  ,,Bei'gmannshoffnung- Grube"  weitere  2<S0  m  Streichen  untersucht 
worden. 

Nach  8  m  Zwischenmittel  folgt  im  Liegenden  ein  Kohlenbesteg  von 
8 — 10  Zoll  und  24  m  weiter  das  0,3  m  starke  zweite  Flöz,  das  auf  beiden 
Gruben  bekannt,  aber  nie  zum  Abbau  gelangt  ist. 

50  m  unter  diesem  lagert,  wenn  ein  ToneisensteinOöz  übergangen  wird, 
das  ,, leitende"  dritte  oder  ,,weißmittelige"  Flöz,  das  beständigste  der  ge- 
samten Ablagerung  mit  einer  mittleren  Mächtigkeit  von  0,8 — 1,75  m,  voo 
welcher  0,4 — 1,0  m  auf  das  Zwischenmittel  entfallen.")  Die  mittlere 
Mächtigkeit  in  Albendorf  beträgt  1,5  m.  Schütze  gibt  die  Stärke  auf 
1,35  m  an,  wovon  0,78  m  auf  die  Oberbank,  0,47  m  auf  das  Mittel  und 
0,1  m  auf  die  Niederbank  entfallen.  Das  Interessanteste  an  diesem  Flöze 
ist  das  weiße  Mittel,  welches  schon  auf  größere  Entfernung  die  Halde  der 
„Bergmannshoffnung"  u.  a.  Grubenbaue  kennzeichnet.  Ein  Versuch,  dieses 
Mittel,  einen  feuerfesten  Ton,  zu  Schamotteziegeln  und  Schamottemörtel  zu 
verarbeiten,  ist  nach  dem  vorliegenden  Schönknechtschen  Manuskripte 
zur  größten  Zufriedenheit  ausgefallen.  Deshalb  sei  die  bisher  unbekannte 
Analyse  dieses  Mittels,  wie  sie  die  Handschrift  enthält,  hier  beigefügt. 
Dr.  Koßmann- Breslau  bestimmte  darin: 

Kieselsäure  .  .  54,83  %, 
Tonerde  .  .  .  22,17  = 
Eisenoxydul  .  .  6,82  - 
Manganoxydul  .  0,81  = 
Kalkerdc  .  .  .  1,32  = 
Magnesia  .  .  .  1,40  -- 
Transport     87,35    7o, 


1)  BezügUch  der  Mächtigkeitsangaben,  die  von  den  Untersuchungen  früherer 
Autoren  etwas  abweichen,  sei  auf  Schütze  1.  c.  S.  237— 4-0  zum  Vergleich  hin- 
gewiesen. 

3)  Mineralkohlen,  S.  207. 


90  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cullur. 


Kalium 

Natrium 

Wasser 

Kohlensäure 

Titansäure 


Übertrag     87,35   7„, 


1,51 
1,00 
6,66 
2,51 
0,96 


Sa.  99,99  »/q. 
Umgerechnet  auf  Verbindungen  ergibt  das: 

Tonsubstanz    .      .  46,48  «/g, 

Feldspat      .     .      .  27,70  .. 

Sand  (Quarz)       .  18,12  » 

Spateisen    .      .      .  6,ül  = 

Titansäure       .      .  0,96  = 


Sa.      99,87    %. 

Die  Niederbank  dieses  Flözes  ist  unrein.  Da  sie  indessen  in  Radowenz 
rein  auftritt,  wäre  es  nicht  ausgeschlossen,  daß  man  diese  Bank  des  Flözes 
in  größerer  Teufe  auch  hier  in  Albendorf  rein  antreffen  würde. 

Etwa  40  m  querschlägig  im  Liegenden  dieses  Flözes  trifft  man  auf  das 
4.  Flöz  mit  einer  Mächtigkeit  von  1  m.  Bisher  ist  nur  sein  Ausgehendes 
bekannt  und  der  Betrieb  von  1898  auf  der  ,, Neuen  Gabe  Gottes"  hat  es 
durchfahren.  Man  weiß  aber  dadurch  nur  von  ihm,  was  bereits  Schütze 
angab,   daß  es  aus  mehreren  Bänken  von  0,15 — 0,21    m  Kohle  besteht. 

Das  ca.  50  m  unter  dem  4.  Flöz  lagernde,,  bisher  als  liegendstes  der 
Albendorfer  Gruben  auf  ,, Johanna"  aufgeschlossene  5.  Flöz  wird  im  Gegen- 
satze zu  Schütze  von  vorliegender  Denkschrift  zu  1,5  m  Mächtigkeit  an- 
gegeben und  soll  auch  Bauwürdigkeit  zeigen. 

Flöze  bei  Qualisch  und  Radowenz. 
Die  Völkelsche  Grube  St.  CöIesLin    und    das    Radowcnzer  Kohlenwerk 
besitzen  vom  Hangenden  zum  Liegenden  folgende  6  Flöze: 

1.  das  ,, muldige  Flöz",  0,8  m  mächtig  mit  0,15' — 0,46  m  Kohle, 

20  m  Zwischenmittel ; 

2.  das  ,, große  Flöz",   1,4  rn  mächtig,  mit  0,65 — 0,7  m  Kohle, 

4  m  Zwischenmittel; 

3.  das    ,,weißmittelige    Flöz",     1,3    m    mächtig,    mit    durchschnittlich 
0,75  m  Kohle, 

80  m  Zwischenmittel ; 

4.  das  ,, kleine  Flöz",  bestehend  aus  0,32  m  reiner  Kohle, 

12  m  Zwischenmitte]; 

5.  das  ,,Putzenflöz",    0,78  m   mächtig,     davon    0,16  m    reine,    0,32  m 
unreine  Kohle, 

50  m  Zwischenmittel; 

6.  das  ,,Baltliasarnöz",    1,3 — 1,8  m  mächtig,   mit  0  42  m  reiner  Kohle. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  91 


Alle  diese  Fiüze  streichen  im  wesentlichen  N  30  W  und  verflachen 
sich  in  n.  o.  Richtung  mit   18 — 32". 

Um  vorerst  die  Albendorfer  Ablagerungen  zu  Ende  zu  führen,  seien 
hier  noch  die  Eisenerzlager  besprochen. 

Die  aus  sandigem  Schieferton  und  Sandstein  bestehenden  Zwischen- 
mittel führen  in  Albendorf  mehrfach  Eisenerze,  die  bereits  früher  zum  Teil 
abgebaut  und  verhüttet'  wurden.  '  Zwischen  dem  3.  und  4.  Flöze  tritt 
ein  etwa  3  m  mächtiges  Sphärosideritlager  auf  mit  19,81  "/q  Fe.,')  welche 
seinerzeit  von  der  ,,Fried«nshütte"  durch  den  Eugenstollen  abgebaut  wurde. 
Sein  Ausgehendes  trifft  marT  mehrfach  auf  der  nördlichen  Talseite  an. 

3  rn  im  Hangenden  des  ersten  Flözes  soll  ein  0,6  m  mächtiges  Black- 
band abgelagert  sein,  d.  i.  Tonschiefer,  der  Sphärosiderit  in  feinverteiltem 
Zustande  führt;  dieses  wurde  kurze  Zeit  hindurch  ebenfalls  verhüttet. 

Toneisensteinablagerungen  finden  sich  in  Albendorf  auch  mehrfach,  so 
ein  ToneisensteinQüz")  zwischen  dem  zweiten  und  dritten  und  eines  zwischen 
dem  vierten  und  fünften  Flöz. 

Interessant  ist  ferner  ein  Vorkommen  von  Koteisenstein,  welcher,  ohne 
daß  man  sein  Anstehendes  bisher  näher  kennt,  etwa  75 — 100  m  im  Hangenden 
des  ersten  Flözes  häufig  auf  den  frisch  gebauten  Feldern  zu  finden  ist. 

Im  Laboratorium  der  Fürstlichen  Bergwerksdirektion  Ober-Waldenburg 
wurden  zwei  Proben  dieses  Minerales  in  diesem  Jahre  analysiert  und 
folgender  Eisengehalt  bestimmt: 

I.   48,33  »/o   und  II.  40,74  »/q  Fe.'') 

In  etwa  demselben  Schichtenhorizont  fand  der  Verf.  am  Südwestabhang 
des  Radowenz-Jibkaer  Höhenrückens  ebenfalls  auf  frisch  gepflügten  Feldern 
mehrere  Stücke  Roteisenstein.  Es  erscheint  also  nicht  ausgeschlossen,  daß 
sich  das  Roteisensteinlager  bis  Jibka  fortsetzt. 

In  der  folgenden  tabellarischen  Vergleichung  sei  der  Versuch  gemacht, 
die  Flözablagerungen  von  Albendorf  und  Qualisch  zu  identifizieren: 

1)  Neue  Analyse  freundlichst  mitgeteilt  durcli  das  Chemische  Laboi'atorium 
der  Fürsthohen  Bergwerksdirektion  zu  Waidenburg. 

a)  Nach  einer  Analyse  des  chemischen  Laboratoriums  der  Fürstlichen  Bergvverks- 
Jirektion  aus  dem  laufenden  Jahre  enthält  dieser  ToneLsenstein  25,55  O/o  Fe. 

3)  Für  die  freundliche  (Überlassung  der  Analysenergehnisse  sei  es  gestattet 
iler  Fürstlichen  BergwerksdirekLion  von  dieser  Stelle  aus  zu  danken. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultu 


Preuß.  Albendorf. 


Qualisch  (Cölestingrube). 


Walchienflöz    0,5 — 0,7     m     mit 
Walchia  piniformis, 
8  m  Mittel; 

erstes     Flöz     (Kohlenbesteg)     0,21 
bis  0,26  m 

24  m  Mittel; 


[Oben. 


zweites  Flöz  0,3  m 
50  m  Mittel; 


=  Muldiges  Flöz,    0,8   ni  (Kohle  0,1.5 
bis  0,46  m), 
20  m  Mittel; 

=^  großes  Flöz,     1,4    m    (Kohle    0,65 
bis  0,7  m), 

4  m  Mittel; 

drittes  Flöz  0,8—1,75  m    (0,88  m      =  weißraitteliges  Flöz,     1,3  m  (Kohle 
Kohle) 

40  m  Mittel; 
viertes  Flöz   1  m  mächtig  (mehrere 
schwache  Bänkchen  Kohle) 
50  m  Mittel; 

fünftes  Flöz,  1,5  m  (Kohlernächtig- 
keit?)  mit  der  typischen  Rado- 
wenzer  Flora 


0,75  m), 

80  m   Mittel; 

=  kleines  Flöz,   0,32  m  (reine  Kohle), 
12  m  Mittel; 

=  Putzenflöz,  0,78  m  (0,48  m  Kohle), 
50  m,  Mittel; 

' —  Balthasarflöz,    1,3—1,8  m  (0,45  m 

reines  Kohl).  [Unten. 

Die  Richtigkeit  der  Gruppierung  kann  nur  geprüft  werden,  wenn  durch 
bergmännische  Aufschlüsse  die  Albendorfer  Flöze  noch  einmal  näher  unter- 
sucht worden  sind.  An  der  Identität  des  weißmitteligen  Flözes  kann  wohl 
kaum  gezweifelt  werden,  es  fragt  sich  nur,  ob  der  kleine  Kohlenbesteg 
bei  Albendorf  wirklicli  identisch  mit  dem  „muldigen  Flöz"  von  Qüalisch  ist. 

Aus  der  Flora  der  Radowenzer  Schichten  liegen  nur  wenige 
Reste  vor. 

Vom  5.  Flöz  der  Johanna-Grube,  Qualisch,  stammen  aus  der  Sammlung- 
Schön  k  n  e  c  h  t  ; 

Pecopteris  hemitelioidcs  Brgt.   (2  Exempl.) 

Annularia  sphenophylloides  (Znk.)  Ung.  (brevifolia  Brgt.) 

Neuropteris  (Mixoneura)  gleichenioides.  (Göpp.)  Stur. 

Die  Sammlung  des  hiesigen  Institutes  besitzt  vom  selben  Fundpunkte 
noch  folgende  von  Dr.  Kirchner  bestimmte  Reste: 

Sigillaria  (Subsigillaria)  Defrancei  Brgt 
Annularia  stellata  (Schloth.)  Wood. 
—  sphenophylloides   (Znk.)  Ung. 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion. 


Callipteridiura  pteridium  (Schlolh.)  Zeil. 

Calamites  Suckowii  Brgt. 
—  cruciatus   Sternbg. 

Asterophj'llites  equisetiformis  (Schlolh.)  Brgt. 

Stigmaria  flcoides  (Sternbg.)  Brgt. 
Das  in  der  vorangegangenen  Tabelle  unter  „Albendorf-'  isoliert  stellende 
Walchienflöz  gehört,  wie  die  nachfolgend  erwähnten  fossilen  Reste  dargetan 
haben,  einem  höheren  Horizonte  an.  Inwieweit  etwa  die  liegenderen  Flöze, 
vor  allem  das  muldige  Flöz  (=  Kohlenbesteg)  ebenfalls  dem  Rotliegenden 
angehören,  das  kann  erst  auf  Grund  zahlreicher  vorliegender  Pflanzenreste 
klargestellt  werden.  Herr  Schönknecht  gab  nun  freundlicher  Weise 
an,  es  habe  kein  Unterschied  bestanden  in  der  Struktur  und  dem  Aus- 
sehen der  Schiefer  und  der  Sandsteine  aus  dem  Bereiche  sämtlicher  Flöze 
einschließlich  des  Walchienflözes.  Es  erscheint  demnach  noch  lange  nicht 
ausgemacht,  ob  nicht  die  gesamte  Albendorfer  Flözablagerung  dem  Rot- 
liegenden einzubeziehen  ist,  wenn  sich  aucli  freilich  vorläufig  eine  solclie 
Annahme  nicht  beweisen  läßt. 

Flözablagerungen  südlich  lladowenz. 

Südöstlich  von  Radowenz  wurde  vor  Jahren  bei  Jibka  ein  etwa  0,3  m 
mächtiges  Flöz')  abgebaut.  Das  Abklopfen  der  Halde  ergab  nur  eine 
Pecopteris  vom  Typus  oreopteridia,  die  wegen  ihres  schlechten  Erhaltungs- 
zustandes nicht  näher  bestimmt  worden  ist.  „Bei  Wüstrey  wurde  ein 
Flöz  von  1,25  m  (einschl.  0,47  in  Mittel)  erschürft  und  zur  Verleihung 
gebracht."  1) 

Der  genau  östlich  Jibka  am  westlichen  Talhang  gelegene  ,, Franziska- 
stollen" hat  bei  seinem  kurzen  Betriebe  auch  kein  besonderes  Ergebnis 
gehabt. 

Eine  Identifizierung  dieser  letztgenannten  Flöze  wird  vielleicht  möglich 
sein,  wenn  die  Ergebnisse  einer  Tiefbohrung,  die,  wie  mir  Herr  Hofmann - 
Jibka  freundlichst  mitteilte,  auf  seinem  Freischurgebiet  in  Aussicht  genommen 
'St,  geologisch  bearbeitet  sein  werden.  Die  im  allgemeinen  ruhige  Lagerung 
dieses  Flözgebirges  wird  nur  an  einer  einzigen  Stelle  stärker  unter- 
brochen, wenn  von  den  kleinen  Verwerfungen,  Flözverdickungen  etc.  ab- 
gesehen wird. 

Im  Kaspnrstollen  des  Völkelschen  Kohlenwerkes  in  Qualisch  ist  das 
^eißniittelige  Flöz  durch  einen  widersinnigen  Sprung  etwa  100  m  von 
West  nach  Ost  ins  Hangende  verworfen.  Im  Streichen  südlich  gegen 
f^adowenz  vom  Kasparstollen  bricht  das  weißmittelige  Flöz  (hier  „Albendorfer 
^eißmitteliges"  genannt)   plötzlich    ab  und  120  m  gegen  Nord  vom  selben 

1)  Mineralkolilen,  S.  207. 


94  .lahvesbericht  der  Sohles.  Gesellschaft,  für  vaterl.  Cultur. 


Stollen  keilt  das  ,,Radowenzer  weißmittelige"  Flöz  aus.  Die  Beobachlung, 
daß  sich  die  Flöze  hier  wie  im  ganzen  behandelten  österreichischen  Oe- 
bietsteii,  abgesehen  von  den  beiden  Schatzlarer  Klüften,  vorn  Liegenden  zum 
Hangenden  verwerfen,  kann  luan  überall  im  ganzen  preußischen  Gebiets- 
teile der  Waldenburger  Steinkohlenmulde  machen. 

Durch  diesen  Sprung  soll  sich  auch  die  Beschaffenheit  des  Mittels  ge- 
ändert haben.  Während  in  Albendorf,  wie  oben  gesagt,  bei  dem  Versuche, 
dieses  Mittel  zu  Schamotteziegeln  zu  verarbeiten,  ein  günstiges  liesultat  er- 
zielt wurde,  zeigt  sich  beim  ,,Radowenzer"  weißmitteligen  Flöz  keine  der- 
artige Eigenschaft  mehr,  und  wird  es  deshalb  einfach  in  der  Grube  ver- 
setzt, auf  die  Halden  gestürzt  oder  günstigen  Falles  zur  Straßenausbesse- 
rung verwandt.  Indes  sind  hier  weder  in  Qualisch  noch  in  Radowenz  Ver- 
suche mit  dem  weißen  Mittel  angestellt  worden,  und  deshalb  möchte  ich 
diese  Beobachtung  doch  etwas  anzweifeln.  Mit  dem  weißmitteligen  Flöz 
sind  natürlich  die  übrigen  Flöze  auch  mit  verworfen,  jedoch  hebt  sich, 
eben  vermöge  des  weißen  Mittels,  die  Verwerfung  bei  diesem  ,,Leilflöz  der 
Radowenzer  Schichten"  besonders  gut  ab. 

Beschaffenheit  der  Kohlen.  Die  Kohle  ist  eine  schwach  backende 
Glanzkohle  von  milder  Beschaffenheit,  ihr  Bruch  ist  im.  allgemeinen  muschelig. 
Der  Stückkohlcnfall  ist  verhältnismäßig  hoch  (in  Albendorf,  Walchienflöz 
40%).  Der  Schwefelgehalt  ist  ungefähr  derselbe  wie  bei  den  vorerwähnten 
älteren  Flözen  der  Xaveri-  und  IdastoUner  Gruppe.  Vom  3.  Flöz  in  Qualisch 
liegen  2  Analysen  vor,  die  ich  beide  anführen  möchte:  Schwackhöfer,^) 
untersuchte  Kleinkohle  vom  3.  Flöz  und  fand  1,57  "/o  verbrennlichen 
Schwefel,  22,92  ^o  Asche,  6,14  "/p  hygroskopisches  Wasser.  Den  Ver- 
dampfungswert gibt  er  zu  8,18  und  den  kalorischen  Wert  zu  51.54  an.  Die 
aschen-  und  wasserfreie  Kohle  enthält  78,99  o/»  Kohlenstoff. 

Die  andere,  ältere  Analyse^)  von  Steinkohle  II,  Großkohle  des  3.  Flözes 
ergab,  daß  diese  88,0  "|^,  brennbare  Substanz,  4,4  "/o  Wasser  und  7,6  7o 
uuverbrennbare  Stoffe  enthält.  Der  kalorische  Wert  stellt  sich  in  dieser 
Analyse  wesentlich  höher,  beträgt  .5642  Kalorien  und  erreicht  so  fast  den 
Wert  der  Schatzlarer  Kohlen.  Indes  erscheint  mir  dieser  Wert  doch  etwas 
hoch  zu  sein.  Bei  der  Verkokung  wurden  60  "/g  Koks  erzielt.  Schramm 
bezeichnet  diese  Kohle  als  Gas-  und  Schmiedekohlen. 

Hinsichtlich  der  Beschaffenheit  der  Kohle  des  Walchienflözes  sei  das 
Schönknechtsche  Manuskript  zitiert. 

Die  Kohle  ist  Kokskohle  und  wurde  in  der  Kulmizschon  Koksanstalt  iu 
Rothonbach  einer  Probe  unterzogen,  ferner  gute  Gaskohle,  wie  ein  Ver- 
such in  der  Landeshuter  Gasanstalt  ergab.  Ein  Zentn.  Kohle  gab  360 
Kubikfuß  gutes  Gas  und  63  "/„   Koks. 


1)  Scbwackböfer  1.  c.  S.  14-0/41. 

2)  Carl  Schramm,  Scliacht  dem  Koldenwucher.     Wien  1876 


II.  Abteilung.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  95 


Vergleich  der  Otlweiler   und  Saarbrücker  Stufe  mit  den 

Ablagerungen  bei  Semil. 
Versuchen  wir  auf  Grund  der  vorhandenen  Literatur^)  und  namentlich 
nach   Weithofer  eine  Parallelisierung,  so  ergibt  sich  folgende  Tabelle: 

Jokely.  Semil.  Böhmischer  Muldenflüge]. 

Obere  Etage:  Intensiv  rote  Schiefertone  •_!    0"    ,     f^    S 

mit  ^  ^"       -^   ^• 

Mergel- u.  Brandschieferflözehen,  rg  'rß    §"  §  fc '" 

Cu-Gehalt  g  =^  |  "=    S    S 

und  dem  4.  Melaphyrstrome.  -S.    ^  ^    t  S,   ^, 

Starke  Diskordanz Konkordanz     

Mittlere  Etage:      Rote,    oft   grün  geflammte  Sand-  o    g    Ö   "£    S    a 

steine  und  Schiefertone   stellen-  2    o  'S    S    ,    'ft 

^    -o    ^     O     S^  ■" 

weise  mit  Mergelkalksteinen.  s    =5    9   ii  -^  ■^ 

Arkosen  mit  häufigen  Araucarites.  Hexenstein-Arkosen. 

Untere  Etage:       Brandschiefermit Schwarzkohlen-  oj    o    0    ^■ 

flözcheii  und  Mergelkalksteinen 
(bei  Slana,  Hofensko,  Nedwez 
und  nördUch  Pohof )  und  3  Mela- 
phyrströmen,  in  deren  Liegendem 
von  Semil  bis  Mohren  ein  Brand- 
und    Mergelschieferflöz    mit    Cu- 

Imprägnierung  auftritt. 
Zwischen-  und  angelagert  sind 
diesen  Melapliyrströmen  im  Lie- 
genden graulich  bis  grünlich- 
braune oder  graue  Sandsteine 
mit  verschiedenen  Bänken  eines 
gleichgefärbten  Schiefertones,  der 
nach  oben  allmählich  herrschend 

wird.  ^  <^ 

Graue  und  braune  Konglomerate 
mit  wenigen  Schiefertoneinlagen. 


^    i=i  -g 


^ 


Schatzlarer  Schichten. 


J)  Porth,  Verh.  der  k.  k.  geol.  R.-A.  1858  S.  37.  —  Jokely,  Jahrb.  d.  k.  k. 
geol.  R.-A.  12.  Bd.  1861/62  S.  381—395.  —  O.  Feistmantel,  ebendaselbst  1873 S.  254. 
~~  Krejci,  Geologie  cili  nauka  0  ütvarech  zemsky'ch.  V  Praze  1876  S.  594.  — 
^Veithofer,  1.  c.  S.  473.  ~  Ders.,  Verh.  d.  k.  k.  geoL  R.-A.  1897  S.  317.  —  Ders., 
«bendort  1901  S.  336.  —  Ders.  ebendaselbst  1902  S.  399.  —  Ders.,  Sitzungsber! 
^-  tais.  Akad.  d.  Wiss.  Mathem.-nat.  Kl.  Bd.  107.  Wien  1898  S.  53.  —  Katzer, 
^erh.  d.  k.  k.  geol.  R.-A.  1904  S.  1.50ff.  —  Helmhaoker,  Über  das  Steinkohlen- 
Vorkommen  in  der  Pennformation  in  Böhmen,  „Der  Kohleninteressent"  Tephtz 
189B  Nr.  4-7. 


96  Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft  für  vaterl.  Cultur. 


Diese  Ablagerungen  bei  Semil  hatte  man  bereits  früher  schon  mit  den 
Ablagerungen  Östlich  des  Parschnitz-Hroriover  Bruches  in  Zusammenhang 
zu  bringen  versucht.  Namentlich  handelte  es  sich  dabei  ura  die  Alters- 
bestimmung der  beiden  Flözablagurungen  von  Stepanitz  und  Koschtialow- 
Hofensko.  Po  rth,  Jokely  und  Feistmantel  rechneten  sie,  letzterer  unter 
Aufzählung  von  22  Pflanzen,  ins  Rotliegende*,  Krejci  trennte  die  beiden 
Züge  und  setzte  den  von  Stepanitz  den  oberen  Ottweiler  Schichten  gleich, 
während  er  dem  anderen  Flözzuge  das  mittelrotl legende  Alter  der  Braunauer 
Schichten  zusprach.  Stur  sah  die  Stepanitzer  Flöze  (1874  und  1878) 
auf  Grund  ihrer  Flora  als  oberkarbonisch  (=  P>ossitzer  Schichten)  an 
und  Helmhacker  verwies  sie  ins  Rotliegende. 

■In  seiner  neuesten  Veröffentlichung  führt  Katzer  folgende  Pflanzen- 
reste von  den  alten  Halden  der  Stollen  bei  Cikvaska  und  Nedwez  (vom 
(Nadeje-  und  Rohan-Stollen)  aus  dem  Hangenden  der  Kohle  an: 

Sphenopteris  cf.  tridactylites  Brgt. 

Pecopteris  arborescens  Brgt. 
=  den  lata  Brgt. 

Alethopteris  Serlii  Brgt. 

Neuropteris  spec. 

Calamites  Suckowii  Brgt. 

Stigmaria  ficoides  Brgt. 

Cordaites  principalis  Germar. 

Poacordailes  palmaeformis  (Göpp.)  Sterzel. 
Auch  durch  diese  wenigen  Pveste  ist  die  Altersstellung  noch  nicht 
sicher.  Da  keine  typische  Rotliegendflora  vorliegt,  so  kommt  nur  eine 
Parallelisierung  mit  den  Radowenzer  oder  Schwadowitzer  Schichten  in 
Frage.  Jedenfalls  aber  gehören  die  Radowenzer  Schichten  ebenso  wie  die 
Hexenstein-Arkosen  (Anm.  4  S.  86)  zum  Karbon,  obwohl  Katzer,  wie 
ich  au  anderer  Stelle  bereits  hervorhob,  diese  Tatsache  noch  immer  be- 
zweifelt. Das  Rotliegende  beginnt  erst,  aber  dann  auch  stets  mit  dem 
Auftreten  von  Walchia,  Callipteris,  Calamites  gigas,  Gomphostrobus,  Di- 
cranophyllum  und  dem  häufigen  Vorkommen  vonCallipteridium  und  Mixoneura. 
Die  Richtigkeit  der  Bestimmung  obiger  Pflanzen  vorausgesetzt,  sind  wir  der 
Lösung  der  Altersfrage  vielleicht  einen  Schritt  näher  gerückt,  aber  die  end- 
gültige Entscheidung  ist  erst  von  einer  Neuaufnahme  der  Gegend  zu  erwarten. 
Konkordanz  und  Diskordanz  zwischen  Karbon  und  Dyas. 
Zwischen  dem  Radowenzer  Flözzuge  und  den  'J'eichwasser  Schichten 
konnte  im  ganzen  Gebiete  nicht  die  kleinste  Diskordanz,  nur  ein  leiser 
Fazieswechsel  bemerkt  werden.  Wir  müssen  also  eine  völlige  Konkordanz, 
ein  Übergehen  der  älteren  Sedimente  in  die  jüngeren  annehmen.  Tritt 
aber  wie  bei  Reichhennersdorf  das  Rotliegende  als  Hangendes  der  Schatz- 
larer  Schichten  auf,  so  bemerkt  man  eine  starke  Diskordanz.  Der  Unter- 
schied   der  Fallwinkel   nach    dem   seinerzeit    angefertigten  Profile  (Tafel  D 


IL  Abteilung.     Naturwissenschaftliclie  Sektion. 


97 


beträgt  24".  Die  Untersuchung  der  Bohrkorne  widerspricht  dem  keines- 
wegs. Steilfallende  Schichten  (40 — 70")  werden  in  den  Kernen  von  Rot- 
liegend-Sandsleinen mit  meist  geringerem  Einfallen  (ca.  18")  überlagert. 
Diese  Diskordanz  wurde  bereits  von  Schütze*)  erwähnt.  Ebenfalls  dis- 
kordante  Auflagerung  nimmt  er  bei  Porst  östl.  Landeshut  an,*)  A.  Schmidt 
hat  in  seiner  schon  mehrfach  zitierten  Dissertation  die  Diskordanz  zwischen 
Karbon  und  Rotliegendem  festgestellt  und  im  sächsischen  Erzgebirge  ist 
dieselbe  Diskordanz  schon  längst  bekannt. 

Diese  und  andere  Beobachtungspunkte  veranlassen  mich,  für  den 
größten  Teil  der  Wäldenburg  -  Schatzlarer  Mulde  eine  Diskordanz 
zwischen  dem  Karbon  und 
Rolliegenden  anzunehmen.  Xy?\'/?a(yo, 
Zwischen  den  Ablagerungen 
des  jüngeren  Karbon  der  Ott- 
Weiler  Stufe  und  den  Sedi- 
menten des  unteren  Rotliegen- 
den läßt  sich  bei  Albendorf 
eine  Diskordanz  nicht  be- 
merken; es  ist  hier  nur  ein 
Fazieswechsel  eingetreten. 

Das  Auftreten  zweier  ver- 
schiedener Floren''')  in  dem 
unteren  und  oberen  Horizonte 
der  Flözablagerungen  des  bis- 
herigen Radowenzer  Zuges 
veranlassen  eine  paläontolo- 
gische Trennung  des  strati- 
graphisch  zusammenhängen- 
deu  Schichtenkomplexes. 

1.     Kupfererzlagerslätle  von  Unter -VVernersdorf  in  Böhmen. 

Da  seit  einer  Reihe  von  Jahren  der  Betrieb  der  Kupferstollen  ruht  und 
eine  Befahrung  unmöglich  war,  so  sei  hier  nur  an  der  Hand  der  literatur") 
das  Ergebnis   von  Erkundigungen    wiedergegeben,    die  Verfasser    bei    dem 


'ä/fed- 


Carbon 

Obere  Grenze  dei 
^Unteren  Canglomeräte 

Untere  Grenze  der 

n  Conglom 
-^  Porphyr 
l  Gottfried -Stollen 
Z,  Johannen      »    " 
3.  Theresen     «    » 


Kartenskizze  der  Unter-Wernersdorfer  Kupfererz- 

lagerstälte. 

(Aus  dein  zit.  Gürich'schen  .Aufsatz.) 


1)  Schütze,  Geognost.-bergmänn.  Beschreib,  der  lieiden  Waldenbiirger  Berg- 
'■eviere.  Selbstverlag  1892.  Festsclirift  zum  V.  allgemeinen  deutscheu  Bergmannstage. 

2)  Von  der  Flora  des  Unteri-otliegenden  wird  in  einem  der  folgenden  Absätze 
gehandelt  werden. 

3)  Gilricb,  die  Kupfererzlagerstätte  von  Wernersdorf  bei  Radowenz  i.  B. 
Zeitsclir.  f.  prakt.  Geol.  1803,  S.  370/71. 

Dei'selbe,  Geolog.  Ftihrer  in  das  Riesengeb.     Berlin  1900,  S.  101. 

Fürth  im  Jahrb.  der  k.  k.  geol.  Reir.hsanst.     1859. 

Österr.  Zeitschr.  f.  Berg-  u.  Hüttenwesen  1888.  S.  676  f.  (C.  A.  Hering, 
f^ber  die  Kupfererzlager  der  Dyas  im  nordöstlichen  Böhmen.) 

C.  A.  Horin  g,  Bericht  etc.  Zeitsohr.  f.  Berg-,  Hütten-  u.  SaHnenwesen  im  preuti. 
Staate.     Band  45,     1897.     S.  52. 


Jahresbericht  der  Schles.  Gesellschaft, 


früheren  Betriebslei  ler  in 
Unter- Wernersdorf  anstellte, 
und  im  übrigen  auf  das 
beigegebene  dem  zitierten 
Gü  rlchschen  Aufsatze  Inder 
Zeitschrift  für  prakt.  Geologie 
entnominene  Profil  (Textfig.  6) 
verwiesen. 

Lagerung  d  e  r  K  u  p  f e  r  - 
ei'ze.  Gürich  unterscheidet 
inderSchicht  über  demKarbon 
zun;ichst  eine  Zone  „untere 
Konglomerate",  darüber  „röt- 
liche, seltener  grünliche 
Schiefertone,  die  stellenweise 
etwas  sandig  werden",  und 
im  Hangenden  „obere  Kon- 
glomerate, die  nach  dem 
Hangenden  in  mürbe  Sand- 
steine übergehen".  Die 
„unteren  Konglomerate"  sind 
bis  gegen  Radowenz  hin,  wo  sie 
mächtige  Felsen  bilden,  etwa 
2  km  weit  verfolgbar.  Die  oben 
genannten  beiden  liegenden 
Zonensetzen denHöhenzug  zu- 
sammen, der  dasWernersdorfer 
Tal  vom  Radowenz -Jibkaer 
Längstale  trennt.  Am  West- 
abhange  dieses  Rückens  finden 
wir  die  zwei  sedimentären 
Wernersdorfer  Lager,  die  man 
mit  Kupferschieferflöz  be- 
zeichnen muß.  Beide  Lager 
sind  den  unteren  Konglo- 
meraten im  Hangenden  und 
fliegenden  angelagert.  Als 
Hauptgestein  treten  In  beiden 
Lagern  grünlich-blaue  Schiefer 
auf.  Ein  Stollen,  Gottfried- 
stollen, von  der  Radowenz - 
Jibkaer  Talseite  aus  in  den 
Berg   hineingetrieben,    schloß 


IL  Abteilung'.     Naturwissenschaftliche  Sektion.  91) 


beide  Erzlager  auf,  wälirend  der  von  der  Wernersdorfer  Talseite  aus  in  einem 
tieferen  Niveau  angefahrene  Joliannesstollen  nur  das  hangende  Erzlager  löste.  In 
einem  mittleren  Horizont  wurde  durch  denTheresienstollen,  der  nordwestwärts 
also  im  Streichen,  getrieben  war,   ebenfalls  nur   das   obere  Lager  abgebaut. 

Das  obere  Lager  ist  das  reichere.  Namentlich  sind  es  hier  handteller- 
große Nieren,  die  inwendig  aus  feinkörnigem  Kupferglanz  bestehen,  nach  außen 
aber  Malachit-  und  aucli  wohl  Schwefelkies  aufnehmen.  Sie  enthalten  bis 
14%  Cu.  Auch  das  zwischen  beiden  Erzlagern  befindliche  Konglomerat  ent- 
hält Erz  in  feinverteiltem  staubförmigen  Zustand,  dessen  Ag-Gehalt  bis 
2  "/g  vom  Cu  beträgt.     Auch  soll  hier  Gold   in  Spuren  gefunden  sein. 

Dein  unteren  Erzlager  fehlen  die  Nieren,  dagegen  ist  die  Mächtigkeit 
des  Kupferglanz  und  Pyrit  führenden  Hauptgesteins  etwas  größer.  Inwie- 
weit sich  ein  Abbau  dieser  Erze  gegen  Nordwest,  der  Richtung  ihrer  An- 
reicherung, lohnen  würde,  müßte  erst  durch  eine  Bohrung  feslgestellt 
werden.  Die  erzführenden  Schichten  streichen  fast  genau  nordwestlich 
(N  32  W)  und  fallen  nach  NO  mit  etwa  24"  ein.  Der  angebliche  Kupfer- 
gehalt von  14 — 15  "/q  ist  unbedingt  etwas  hochgegriffen,  we